Die Hauptneigung aber des Herrn Friedemann, seine eigentliche
Leidenschaft war das Theater. Er besass ein ungemein starkes
dramatisches Empfinden, und bei einer wuchtigen Bühnenwirkung, der
Katastrophe eines Trauerspiels, konnte sein ganzer kleiner Körper ins
Zittern geraten. Er hatte auf dem ersten Range des Stadttheaters seinen
bestimmten Platz, den er mit Regelmässigkeit besuchte, und hin und
wieder begleiteten ihn seine drei Schwestern dorthin. Sie führten seit
dem Tode der Mutter sich und ihrem Bruder allein die Wirtschaft in dem
alten Hause, in dessen Besitz sie sich mit ihm teilten.
Verheiratet waren sie leider noch immer nicht; aber sie waren längst in
einem Alter, in dem man sich bescheidet, denn Friederike, die Älteste,
hatte siebzehn Jahre vor Herrn Friedemann voraus. Sie und ihre Schwester
Henriette waren ein wenig zu lang und dünn, während Pfiffi, die Jüngste,
allzu klein und beleibt erschien. Letztere übrigens hatte eine drollige
Art, sich bei jedem Worte zu schütteln und Feuchtigkeit dabei in die
Mundwinkel zu bekommen.
Der kleine Herr Friedemann kümmerte sich nicht viel um die drei Mädchen:
sie aber hielten treu zusammen und waren stets einer Meinung. Besonders
wenn eine Verlobung in ihrer Bekanntschaft sich ereignete, betonten sie
einstimmig, dass dies ja _sehr_ erfreulich sei.
Ihr Bruder fuhr fort, bei ihnen zu wohnen, auch als er die Holzhandlung
des Herrn Schlievogt verliess und sich selbständig machte, indem er
irgend ein kleines Geschäft übernahm, eine Agentur oder dergleichen, was
nicht allzuviel Arbeit in Anspruch nahm. Er hatte ein paar
Parterre-Räumlichkeiten des Hauses inne, damit er nur zu den Mahlzeiten
die Treppe hinaufzusteigen brauchte, denn hin und wieder litt er ein
wenig an Asthma. --
An seinem dreissigsten Geburtstage, einem hellen und warmen Junitage,
sass er nach dem Mittagessen in dem grauen Gartenzelt mit einer neuen
Nackenrolle, die Henriette ihm gearbeitet hatte, einer guten Cigarre im
Munde und einem guten Buche in der Hand. Dann und wann hielt er das
letztere beiseite, horchte auf das vergnügte Zwitschern von Sperlingen,
die in dem alten Nussbaum sassen, und blickte auf den sauberen Kiesweg,
der zum Hause führte, und auf den Rasenplatz mit den bunten Beeten.
Der kleine Herr Friedemann trug keinen Bart, und sein Gesicht hatte sich
fast gar nicht verändert; nur dass die Züge ein wenig schärfer geworden
waren. Sein feines, lichtbraunes Haar trug er seitwärts glatt
gescheitelt.
Als er einmal das Buch ganz auf die Kniee hinabsinken liess und hinauf
in den blauen, sonnigen Himmel blinzelte, sagte er zu sich: »Das wären
nun dreissig Jahre. Nun kommen vielleicht noch zehn oder auch noch
zwanzig, Gott weiss es. Sie werden still und geräuschlos daherkommen und
vorüberziehen wie die verflossenen, und ich erwarte sie mit
Seelenfrieden.« --