V.

Die Hauptneigung aber des Herrn Friedemann, seine eigentliche

Leidenschaft war das Theater. Er besass ein ungemein starkes

dramatisches Empfinden, und bei einer wuchtigen Bühnenwirkung, der

Katastrophe eines Trauerspiels, konnte sein ganzer kleiner Körper ins

Zittern geraten. Er hatte auf dem ersten Range des Stadttheaters seinen

bestimmten Platz, den er mit Regelmässigkeit besuchte, und hin und

wieder begleiteten ihn seine drei Schwestern dorthin. Sie führten seit

dem Tode der Mutter sich und ihrem Bruder allein die Wirtschaft in dem

alten Hause, in dessen Besitz sie sich mit ihm teilten.

Verheiratet waren sie leider noch immer nicht; aber sie waren längst in

einem Alter, in dem man sich bescheidet, denn Friederike, die Älteste,

hatte siebzehn Jahre vor Herrn Friedemann voraus. Sie und ihre Schwester

Henriette waren ein wenig zu lang und dünn, während Pfiffi, die Jüngste,

allzu klein und beleibt erschien. Letztere übrigens hatte eine drollige

Art, sich bei jedem Worte zu schütteln und Feuchtigkeit dabei in die

Mundwinkel zu bekommen.

Der kleine Herr Friedemann kümmerte sich nicht viel um die drei Mädchen:

sie aber hielten treu zusammen und waren stets einer Meinung. Besonders

wenn eine Verlobung in ihrer Bekanntschaft sich ereignete, betonten sie

einstimmig, dass dies ja _sehr_ erfreulich sei.

Ihr Bruder fuhr fort, bei ihnen zu wohnen, auch als er die Holzhandlung

des Herrn Schlievogt verliess und sich selbständig machte, indem er

irgend ein kleines Geschäft übernahm, eine Agentur oder dergleichen, was

nicht allzuviel Arbeit in Anspruch nahm. Er hatte ein paar

Parterre-Räumlichkeiten des Hauses inne, damit er nur zu den Mahlzeiten

die Treppe hinaufzusteigen brauchte, denn hin und wieder litt er ein

wenig an Asthma. --

An seinem dreissigsten Geburtstage, einem hellen und warmen Junitage,

sass er nach dem Mittagessen in dem grauen Gartenzelt mit einer neuen

Nackenrolle, die Henriette ihm gearbeitet hatte, einer guten Cigarre im

Munde und einem guten Buche in der Hand. Dann und wann hielt er das

letztere beiseite, horchte auf das vergnügte Zwitschern von Sperlingen,

die in dem alten Nussbaum sassen, und blickte auf den sauberen Kiesweg,

der zum Hause führte, und auf den Rasenplatz mit den bunten Beeten.

Der kleine Herr Friedemann trug keinen Bart, und sein Gesicht hatte sich

fast gar nicht verändert; nur dass die Züge ein wenig schärfer geworden

waren. Sein feines, lichtbraunes Haar trug er seitwärts glatt

gescheitelt.

Als er einmal das Buch ganz auf die Kniee hinabsinken liess und hinauf

in den blauen, sonnigen Himmel blinzelte, sagte er zu sich: »Das wären

nun dreissig Jahre. Nun kommen vielleicht noch zehn oder auch noch

zwanzig, Gott weiss es. Sie werden still und geräuschlos daherkommen und

vorüberziehen wie die verflossenen, und ich erwarte sie mit

Seelenfrieden.« --

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 17 / 47 题