VII.

Der Ort, an dem es dem kleinen Herrn Friedemann zum ersten Male vergönnt

war, Frau von Rinnlingen zu erblicken, war die Hauptstrasse, an der fast

ausschliesslich Geschäftshäuser lagen, und diese Begegnung ereignete

sich um die Mittagszeit, als er soeben von der Börse kam, wo er ein

Wörtchen mitgeredet hatte.

Er spazierte, winzig und wichtig, neben dem Grosskaufmann Stephens,

einem ungewöhnlich grossen und vierschrötigen Herrn mit

rundgeschnittenem Backenbart und furchtbar dicken Augenbrauen. Beide

trugen Cylinder und hatten wegen der grossen Wärme die Überzieher

geöffnet. Sie sprachen über Politik, wobei sie taktmässig ihre

Spazierstöcke auf das Trottoir stiessen; als sie aber etwa bis zur Mitte

der Strasse gekommen waren, sagte plötzlich der Grosskaufmann Stephens:

»Der Teufel hole mich, wenn dort nicht die Rinnlingen dahergefahren

kommt.«

»Nun, das trifft sich gut,« sagte Herr Friedemann mit seiner hohen und

etwas scharfen Stimme und blickte erwartungsvoll geradeaus. »Ich habe

sie nämlich noch immer nicht zu Gesichte bekommen. Da haben wir den

gelben Wagen.«

In der That war es der gelbe Jagdwagen, den Frau von Rinnlingen heute

benutzte, und sie lenkte die beiden schlanken Pferde in eigener Person,

während der Diener mit verschränkten Armen hinter ihr sass. Sie trug

eine weite, ganz helle Jacke, und auch der Rock war hell. Unter dem

kleinen, runden Strohhut mit braunem Lederbande quoll das rotblonde Haar

hervor, das über die Ohren frisiert war und als ein dicker Knoten tief

in den Nacken fiel. Die Hautfarbe ihres ovalen Gesichtes war mattweiss,

und in den Winkeln ihrer ungewöhnlich nahe bei einander liegenden

braunen Augen lagerten bläuliche Schatten. Über ihrer kurzen, aber recht

fein geschnittenen Nase sass ein kleiner Sattel von Sommersprossen, was

sie gut kleidete; ob aber ihr Mund schön war, konnte man nicht erkennen,

denn sie schob unaufhörlich die Unterlippe vor und wieder zurück, indem

sie sie an der Oberlippe scheuerte.

Grosskaufmann Stephens grüsste ausserordentlich ehrerbietig, als der

Wagen herangekommen war, und auch der kleine Herr Friedemann lüftete

seinen Hut, wobei er Frau von Rinnlingen gross und aufmerksam ansah. Sie

senkte ihre Peitsche, nickte leicht mit dem Kopfe und fuhr langsam

vorüber, indem sie rechts und links die Häuser und Schaufenster

betrachtete.

Nach ein paar Schritten sagte der Grosskaufmann:

»Sie hat eine Spazierfahrt gemacht und fährt nun nach Hause.«

Der kleine Herr Friedemann antwortete nicht, sondern blickte vor sich

nieder auf das Pflaster. Dann sah er plötzlich den Grosskaufmann an und

fragte:

»Wie meinten Sie?«

Und Herr Stephens wiederholte seine scharfsinnige Bemerkung.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 19 / 47 题