Der Ort, an dem es dem kleinen Herrn Friedemann zum ersten Male vergönnt
war, Frau von Rinnlingen zu erblicken, war die Hauptstrasse, an der fast
ausschliesslich Geschäftshäuser lagen, und diese Begegnung ereignete
sich um die Mittagszeit, als er soeben von der Börse kam, wo er ein
Wörtchen mitgeredet hatte.
Er spazierte, winzig und wichtig, neben dem Grosskaufmann Stephens,
einem ungewöhnlich grossen und vierschrötigen Herrn mit
rundgeschnittenem Backenbart und furchtbar dicken Augenbrauen. Beide
trugen Cylinder und hatten wegen der grossen Wärme die Überzieher
geöffnet. Sie sprachen über Politik, wobei sie taktmässig ihre
Spazierstöcke auf das Trottoir stiessen; als sie aber etwa bis zur Mitte
der Strasse gekommen waren, sagte plötzlich der Grosskaufmann Stephens:
»Der Teufel hole mich, wenn dort nicht die Rinnlingen dahergefahren
kommt.«
»Nun, das trifft sich gut,« sagte Herr Friedemann mit seiner hohen und
etwas scharfen Stimme und blickte erwartungsvoll geradeaus. »Ich habe
sie nämlich noch immer nicht zu Gesichte bekommen. Da haben wir den
gelben Wagen.«
In der That war es der gelbe Jagdwagen, den Frau von Rinnlingen heute
benutzte, und sie lenkte die beiden schlanken Pferde in eigener Person,
während der Diener mit verschränkten Armen hinter ihr sass. Sie trug
eine weite, ganz helle Jacke, und auch der Rock war hell. Unter dem
kleinen, runden Strohhut mit braunem Lederbande quoll das rotblonde Haar
hervor, das über die Ohren frisiert war und als ein dicker Knoten tief
in den Nacken fiel. Die Hautfarbe ihres ovalen Gesichtes war mattweiss,
und in den Winkeln ihrer ungewöhnlich nahe bei einander liegenden
braunen Augen lagerten bläuliche Schatten. Über ihrer kurzen, aber recht
fein geschnittenen Nase sass ein kleiner Sattel von Sommersprossen, was
sie gut kleidete; ob aber ihr Mund schön war, konnte man nicht erkennen,
denn sie schob unaufhörlich die Unterlippe vor und wieder zurück, indem
sie sie an der Oberlippe scheuerte.
Grosskaufmann Stephens grüsste ausserordentlich ehrerbietig, als der
Wagen herangekommen war, und auch der kleine Herr Friedemann lüftete
seinen Hut, wobei er Frau von Rinnlingen gross und aufmerksam ansah. Sie
senkte ihre Peitsche, nickte leicht mit dem Kopfe und fuhr langsam
vorüber, indem sie rechts und links die Häuser und Schaufenster
betrachtete.
Nach ein paar Schritten sagte der Grosskaufmann:
»Sie hat eine Spazierfahrt gemacht und fährt nun nach Hause.«
Der kleine Herr Friedemann antwortete nicht, sondern blickte vor sich
nieder auf das Pflaster. Dann sah er plötzlich den Grosskaufmann an und
fragte:
»Wie meinten Sie?«
Und Herr Stephens wiederholte seine scharfsinnige Bemerkung.