Mit siebenzehn Jahren verliess er die Schule, um Kaufmann zu werden, wie
in seinen Kreisen alle Welt es war, und trat in das grosse Holzgeschäft
des Herrn Schlievogt, unten am Fluss, als Lehrling ein. Man behandelte
ihn mit Nachsicht, er seinerseits war freundlich und entgegenkommend,
und friedlich und geregelt verging die Zeit. In seinem einundzwanzigsten
Lebensjahre aber starb nach langem Leiden seine Mutter.
Das war ein grosser Schmerz für Johannes Friedemann, den er sich lange
bewahrte. Er genoss ihn, diesen Schmerz, er gab sich ihm hin, wie man
sich einem grossen Glücke hingiebt, er pflegte ihn mit tausend
Kindheitserinnerungen und beutete ihn aus als sein erstes starkes
Erlebnis.
Ist nicht das Leben an sich etwas Gutes, gleichviel, ob es sich nun so
für uns gestaltet, dass man es »glücklich« nennt? Johannes Friedemann
fühlte das, und er liebte das Leben. Niemand versteht, mit welcher
innigen Sorgfalt er, der auf das grösste Glück, das es uns zu bieten
vermag, Verzicht geleistet hatte, die Freuden, die ihm zugänglich waren,
zu geniessen wusste. Ein Spaziergang zur Frühlingszeit draussen in den
Anlagen vor der Stadt, der Duft einer Blume, der Gesang eines Vogels --
konnte man für solche Dinge nicht dankbar sein?
Und dass zur Genussfähigkeit Bildung gehört, ja, dass Bildung immer nur
gleich Genussfähigkeit ist, -- auch das verstand er: und er bildete
sich. Er liebte die Musik und besuchte alle Konzerte, die etwa in der
Stadt veranstaltet wurden. Er selbst spielte allmählich, obgleich er
sich ungemein merkwürdig dabei ausnahm, die Geige nicht übel und freute
sich an jedem schönen und weichen Ton, der ihm gelang. Auch hatte er
sich durch viele Lektüre mit der Zeit einen litterarischen Geschmack
angeeignet, den er wohl in der Stadt mit niemandem teilte. Er war
unterrichtet über die neueren Erscheinungen des In- und Auslandes, er
wusste den rhythmischen Reiz eines Gedichtes auszukosten, die intime
Stimmung einer fein geschriebenen Novelle auf sich wirken zu lassen ...
oh! man konnte beinahe sagen, dass er ein Epikuräer war.
Er lernte begreifen, dass alles geniessenswert, und dass es beinahe
thöricht ist, zwischen glücklichen und unglücklichen Erlebnissen zu
unterscheiden. Er nahm alle seine Empfindungen und Stimmungen
bereitwilligst auf und pflegte sie, die trüben so gut wie die heiteren:
auch die unerfüllten Wünsche, -- die _Sehnsucht_. Er liebte sie um ihrer
selbst willen und sagte sich, dass mit der Erfüllung das Beste vorbei
sein würde. Ist das süsse, schmerzliche, vage Sehnen und Hoffen stiller
Frühlingsabende nicht genussreicher als alle Erfüllungen, die der Sommer
zu bringen vermöchte? -- Ja, er war ein Epikuräer, der kleine Herr
Friedemann!
Das wussten die Leute wohl nicht, die ihn auf der Strasse mit jener
mitleidig freundlichen Art begrüssten, an die er von jeher gewöhnt war.
Sie wussten nicht, dass dieser unglückliche Krüppel, der da mit seiner
putzigen Wichtigkeit in hellem Überzieher und blankem Cylinder -- er war
seltsamerweise ein wenig eitel -- durch die Strassen marschierte, das
Leben zärtlich liebte, das ihm sanft dahinfloss, ohne grosse Affekte,
aber erfüllt von einem stillen und zarten Glück, das er sich zu schaffen
wusste.