III.

Als er sieben Jahre alt war, ward er zur Schule geschickt, und nun

vergingen die Jahre einförmig und schnell. Täglich wanderte er, mit der

komisch wichtigen Gangart, die Verwachsenen manchmal eigen ist, zwischen

den Giebelhäusern und Läden hindurch nach dem alten Schulhaus mit den

gotischen Gewölben; und wenn er daheim seine Arbeit gethan hatte, las er

vielleicht in seinen Büchern mit den schönen, bunten Titelbildern oder

beschäftigte sich im Garten, während die Schwestern der kränkelnden

Mutter den Hausstand führten. Auch besuchten sie Gesellschaften, denn

Friedemanns gehörten zu den ersten Kreisen der Stadt; aber geheiratet

hatten sie leider noch nicht, denn ihr Vermögen war nicht eben gross,

und sie waren ziemlich hässlich.

Johannes erhielt wohl ebenfalls von seinen Altersgenossen hie und da

eine Einladung, aber er hatte nicht viel Freude an dem Verkehr mit

ihnen. Er vermochte an ihren Spielen nicht teilzunehmen, und da sie ihm

gegenüber eine befangene Zurückhaltung immer bewahrten, so konnte es zu

einer Kameradschaft nicht kommen.

Es kam die Zeit, wo er sie auf dem Schulhofe oft von gewissen

Erlebnissen sprechen hörte; aufmerksam und mit grossen Augen lauschte

er, wie sie von ihren Schwärmereien für dies oder jenes kleine Mädchen

redeten, und schwieg dazu. Diese Dinge, sagte er sich, von denen die

Anderen ersichtlich ganz erfüllt waren, gehörten zu denen, für die er

sich nicht eignete, wie Turnen und Ballwerfen. Das machte manchmal ein

wenig traurig; am Ende aber war er von jeher daran gewöhnt, für sich zu

stehen und die Interessen der anderen nicht zu teilen.

Dennoch geschah es, dass er -- sechzehn Jahre zählte er damals -- zu

einem gleichalterigen Mädchen eine plötzliche Neigung fasste. Sie war

die Schwester eines seiner Klassengenossen, ein blondes, ausgelassen

fröhliches Geschöpf, und bei ihrem Bruder lernte er sie kennen. Er

empfand eine seltsame Beklommenheit in ihrer Nähe, und die befangene und

künstlich freundliche Art, mit der auch sie ihn behandelte, erfüllte ihn

mit tiefer Traurigkeit.

Als er eines Sommernachmittags einsam vor der Stadt auf dem Walle

spazieren ging, vernahm er hinter einem Jasminstrauch ein Flüstern und

lauschte vorsichtig zwischen den Zweigen hindurch. Auf der Bank, die

dort stand, sass jenes Mädchen neben einem langen, rotköpfigen Jungen,

den er sehr wohl kannte; er hatte den Arm um sie gelegt und drückte

einen Kuss auf ihre Lippen, den sie kichernd erwiderte. Als Johannes

Friedemann dies gesehen hatte, machte er kehrt und ging leise von

dannen.

Sein Kopf sass tiefer als je zwischen den Schultern, seine Hände

zitterten, und ein scharfer, drängender Schmerz stieg ihm aus der Brust

in den Hals hinauf. Aber er würgte ihn hinunter und richtete sich

entschlossen auf, so gut er das vermochte. »Gut,« sagte er zu sich, »das

ist zu Ende. Ich will mich niemals wieder um dies alles bekümmern. Den

anderen gewährt es Glück und Freude, mir aber vermag es immer nur Gram

und Leid zu bringen. Ich bin fertig damit. Es ist für mich abgethan. Nie

wieder. --«

Der Entschluss that ihm wohl. Er verzichtete, verzichtete auf immer. Er

ging nach Hause und nahm ein Buch zur Hand oder spielte Violine, was er

trotz seiner verwachsenen Brust erlernt hatte.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 15 / 47 题