Als er sieben Jahre alt war, ward er zur Schule geschickt, und nun
vergingen die Jahre einförmig und schnell. Täglich wanderte er, mit der
komisch wichtigen Gangart, die Verwachsenen manchmal eigen ist, zwischen
den Giebelhäusern und Läden hindurch nach dem alten Schulhaus mit den
gotischen Gewölben; und wenn er daheim seine Arbeit gethan hatte, las er
vielleicht in seinen Büchern mit den schönen, bunten Titelbildern oder
beschäftigte sich im Garten, während die Schwestern der kränkelnden
Mutter den Hausstand führten. Auch besuchten sie Gesellschaften, denn
Friedemanns gehörten zu den ersten Kreisen der Stadt; aber geheiratet
hatten sie leider noch nicht, denn ihr Vermögen war nicht eben gross,
und sie waren ziemlich hässlich.
Johannes erhielt wohl ebenfalls von seinen Altersgenossen hie und da
eine Einladung, aber er hatte nicht viel Freude an dem Verkehr mit
ihnen. Er vermochte an ihren Spielen nicht teilzunehmen, und da sie ihm
gegenüber eine befangene Zurückhaltung immer bewahrten, so konnte es zu
einer Kameradschaft nicht kommen.
Es kam die Zeit, wo er sie auf dem Schulhofe oft von gewissen
Erlebnissen sprechen hörte; aufmerksam und mit grossen Augen lauschte
er, wie sie von ihren Schwärmereien für dies oder jenes kleine Mädchen
redeten, und schwieg dazu. Diese Dinge, sagte er sich, von denen die
Anderen ersichtlich ganz erfüllt waren, gehörten zu denen, für die er
sich nicht eignete, wie Turnen und Ballwerfen. Das machte manchmal ein
wenig traurig; am Ende aber war er von jeher daran gewöhnt, für sich zu
stehen und die Interessen der anderen nicht zu teilen.
Dennoch geschah es, dass er -- sechzehn Jahre zählte er damals -- zu
einem gleichalterigen Mädchen eine plötzliche Neigung fasste. Sie war
die Schwester eines seiner Klassengenossen, ein blondes, ausgelassen
fröhliches Geschöpf, und bei ihrem Bruder lernte er sie kennen. Er
empfand eine seltsame Beklommenheit in ihrer Nähe, und die befangene und
künstlich freundliche Art, mit der auch sie ihn behandelte, erfüllte ihn
mit tiefer Traurigkeit.
Als er eines Sommernachmittags einsam vor der Stadt auf dem Walle
spazieren ging, vernahm er hinter einem Jasminstrauch ein Flüstern und
lauschte vorsichtig zwischen den Zweigen hindurch. Auf der Bank, die
dort stand, sass jenes Mädchen neben einem langen, rotköpfigen Jungen,
den er sehr wohl kannte; er hatte den Arm um sie gelegt und drückte
einen Kuss auf ihre Lippen, den sie kichernd erwiderte. Als Johannes
Friedemann dies gesehen hatte, machte er kehrt und ging leise von
dannen.
Sein Kopf sass tiefer als je zwischen den Schultern, seine Hände
zitterten, und ein scharfer, drängender Schmerz stieg ihm aus der Brust
in den Hals hinauf. Aber er würgte ihn hinunter und richtete sich
entschlossen auf, so gut er das vermochte. »Gut,« sagte er zu sich, »das
ist zu Ende. Ich will mich niemals wieder um dies alles bekümmern. Den
anderen gewährt es Glück und Freude, mir aber vermag es immer nur Gram
und Leid zu bringen. Ich bin fertig damit. Es ist für mich abgethan. Nie
wieder. --«
Der Entschluss that ihm wohl. Er verzichtete, verzichtete auf immer. Er
ging nach Hause und nahm ein Buch zur Hand oder spielte Violine, was er
trotz seiner verwachsenen Brust erlernt hatte.