Das graue Giebelhaus, in dem Johannes Friedemann aufwuchs, lag am
nördlichen Thore der alten, kaum mittelgrossen Handelsstadt. Durch die
Hausthür betrat man eine geräumige, mit Steinfliesen versehene Diele,
von der eine Treppe mit weissgemaltem Holzgeländer in die Etagen
hinaufführte. Die Tapeten des Wohnzimmers im ersten Stock zeigten
verblichene Landschaften, und um den schweren Mahagoni-Tisch mit der
dunkelroten Plüschdecke standen steiflehnige Möbel.
Hier sass er oft in seiner Kindheit am Fenster, vor dem stets schöne
Blumen prangten, auf einem kleinen Schemel zu den Füssen seiner Mutter
und lauschte etwa, während er ihren glatten, grauen Scheitel und ihr
gutes, sanftmütiges Gesicht betrachtete und den leisen Duft atmete, der
immer von ihr ausging, auf eine wundervolle Geschichte. Oder er liess
sich vielleicht das Bild des Vaters zeigen, eines freundlichen Herrn mit
grauem Backenbart. Er befand sich im Himmel, sagte die Mutter, und
erwartete dort sie alle.
Hinter dem Hause war ein kleiner Garten, in dem man während des Sommers
einen guten Teil des Tages zuzubringen pflegte, trotz des süsslichen
Dunstes, der von einer nahen Zuckerbrennerei fast immer herüberwehte.
Ein alter, knorriger Wallnussbaum stand dort, und in seinem Schatten
sass der kleine Johannes oft auf einem niedrigen Holzsessel und knackte
Nüsse, während Frau Friedemann und die drei nun schon erwachsenen
Schwestern in einem Zelt aus grauem Segeltuch beisammen waren. Der Blick
der Mutter aber hob sich oft von ihrer Handarbeit, um mit wehmütiger
Freundlichkeit zu dem Kinde hinüberzugleiten.
Er war nicht schön, der kleine Johannes, und wie er so mit seiner
spitzen und hohen Brust, seinem weit ausladenden Rücken und seinen viel
zu langen, mageren Armen auf dem Schemel hockte und mit einem behenden
Eifer seine Nüsse knackte, bot er einen höchst seltsamen Anblick. Seine
Hände und Füsse aber waren zartgeformt und schmal, und er hatte grosse,
rehbraune Augen, einen weichgeschnittenen Mund und feines, lichtbraunes
Haar. Obgleich sein Gesicht so jämmerlich zwischen den Schultern sass,
war es doch beinahe schön zu nennen.