II.

Das graue Giebelhaus, in dem Johannes Friedemann aufwuchs, lag am

nördlichen Thore der alten, kaum mittelgrossen Handelsstadt. Durch die

Hausthür betrat man eine geräumige, mit Steinfliesen versehene Diele,

von der eine Treppe mit weissgemaltem Holzgeländer in die Etagen

hinaufführte. Die Tapeten des Wohnzimmers im ersten Stock zeigten

verblichene Landschaften, und um den schweren Mahagoni-Tisch mit der

dunkelroten Plüschdecke standen steiflehnige Möbel.

Hier sass er oft in seiner Kindheit am Fenster, vor dem stets schöne

Blumen prangten, auf einem kleinen Schemel zu den Füssen seiner Mutter

und lauschte etwa, während er ihren glatten, grauen Scheitel und ihr

gutes, sanftmütiges Gesicht betrachtete und den leisen Duft atmete, der

immer von ihr ausging, auf eine wundervolle Geschichte. Oder er liess

sich vielleicht das Bild des Vaters zeigen, eines freundlichen Herrn mit

grauem Backenbart. Er befand sich im Himmel, sagte die Mutter, und

erwartete dort sie alle.

Hinter dem Hause war ein kleiner Garten, in dem man während des Sommers

einen guten Teil des Tages zuzubringen pflegte, trotz des süsslichen

Dunstes, der von einer nahen Zuckerbrennerei fast immer herüberwehte.

Ein alter, knorriger Wallnussbaum stand dort, und in seinem Schatten

sass der kleine Johannes oft auf einem niedrigen Holzsessel und knackte

Nüsse, während Frau Friedemann und die drei nun schon erwachsenen

Schwestern in einem Zelt aus grauem Segeltuch beisammen waren. Der Blick

der Mutter aber hob sich oft von ihrer Handarbeit, um mit wehmütiger

Freundlichkeit zu dem Kinde hinüberzugleiten.

Er war nicht schön, der kleine Johannes, und wie er so mit seiner

spitzen und hohen Brust, seinem weit ausladenden Rücken und seinen viel

zu langen, mageren Armen auf dem Schemel hockte und mit einem behenden

Eifer seine Nüsse knackte, bot er einen höchst seltsamen Anblick. Seine

Hände und Füsse aber waren zartgeformt und schmal, und er hatte grosse,

rehbraune Augen, einen weichgeschnittenen Mund und feines, lichtbraunes

Haar. Obgleich sein Gesicht so jämmerlich zwischen den Schultern sass,

war es doch beinahe schön zu nennen.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 14 / 47 题