Versteinerungspause. --

»Auch muß ich Ihnen gestehen, das Ihr Äußeres diesem Verdachte nur

Vorschub leisten kann.«

Fortsetzung der Pause und anhebende Versenkungsgefühle.

Welche echte Weiblichkeit hätte auch nicht zu sprachlosem Erstaunen

erstarren müssen bei der Zumutung, sich als renitenten Rekruten zu

bekennen. Wie Lots Weib nach der Salifizierung stand die Ärmste an der

Türe. Der Beamte kannte aber diese Kniffe schon und fuhr unerschüttert

fort:

»Also, gestehen Sie, oder nicht?«

Die Tante schnappte etwas nach Luft und Bewußtsein und stammelte einige

undeutliche Worte, die zwar keinen Sinn gaben, aber unzweideutig den

Charakter der Ablehnung trugen, womit sie eine solch ungeheuerliche

Insinuation von sich wies.

»Wenn Sie bei Ihrer Leugnung verharren, so muß ich Sie auf einige

Augenblicke in das Zimmer des Gerichtsarztes weisen lassen.«

Er rief einen Boten.

»Bringen Sie diesen Simul--, diese Dame will ich sagen, ins ärztliche

Bureau, geben Sie dem Doktor diesen Akt, er weiß schon von der Sache,

und warten Sie vor der Tür.«

Die Tante war vollständig vergeistert und wurde willenlos abgeführt.

Für sie war gerade Weltuntergang, und der letzte Rest von

Zurechnungsfähigkeit war von ihr gewichen. Als sie aber mit ihrem

ungebetenen Beschützer beim Gerichtsarzt eintrat, fand sie dort

außer diesem Herrn noch die Gerichtsärztin, seine Frau, die, einen

Koketterie-Marktkorb am Arme, ihrem Manne geschwind den neuesten

Klatsch mitteilen mußte. Denn dieser hatte sich bei ihr seit dem

Frühstück in so ungebührlicher Weise aufgestaut, daß sie es unmöglich

länger allein tragen konnte.

Die geschwätzige rundliche Dame erschien meiner Tante wie dem

Ertrinkenden eine rettende Fee, die aus geöffnetem Himmel

herniederschwebt; hier freilich mit einem Gewicht von anderthalb

Zentnern. Die Erstarrung wich von ihr und machte einer vollständigen

Auflösung alles geistigen Vermögens in überquellende Schmerzgefühle

Platz. Noch ehe ein Wort gesprochen worden war, sank sie mit krampfhaft

losbrechendem Schluchzen der neugierigen Dame, die schon eine monströse

Neuigkeit witterte und die Tore ihrer fünf Sinne sperrangelweit

geöffnet hielt, in die fetten Arme. Einer solchen Appellation an

ihre Menschlichkeit und Souveränität konnte die Gerichtsärztin

nicht widerstehen. Hatte sie doch nie das eheliche Szepter aus den

Händen gegeben und auch schon verschiedene Male im Amtszimmer ihr

Regiment ausgeübt. Sofort machte sie sich zum Herrn der Situation

und hatte ihrem Manne, der während dieser Szene zur vollständigen

Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft war und aller Amtswürde bar

dastand, als wäre er der Simulant, in wenigen Augenblicken die saubere

Geschichte abgehorcht. Ihr weiblicher Instinkt war hier nicht im

geringsten Zweifel und stand weit über der Wissenschaft ihres Mannes.

Unter Androhung der höchsten ehelichen Strafen erteilte sie ihm den

gemessenen Befehl, die gekränkte Dame in Frieden zu entlassen und

dafür zu sorgen, daß dieses auch von anderer Seite geschehe. Hier

hieß es gehorchen. Mit einer bedauernden Geberde wandte sich der

arme Leibeigene, dem der Gerichtsarzt ganz abhanden gekommen war, zu

der fremden Dame und stotterte verbindlichst, er habe überhaupt nie

gezweifelt --

Ein gebieterischer Blick seiner Frau schnitt ihm die zweite Hälfte des

Satzes vor dem Munde ab.

Unter Redensarten und Tränen löste sich allmählich die Gruppe auf,

und während die Gerichtsärztin, erfüllt von der geleisteten Heldentat

und voll brennenden Verlangens nach mündlicher Erleichterung, in

das Menschengewoge der Stadt hinausstürzte, führte ihr Mann dem

erhaltenen Befehle gemäß die weinende Tante unter entschuldigenden

Beschwichtigungen in das Bureau des Kommissärs zurück, sprach noch

einige begütigende Worte und empfahl sich hastig, es dem Kommissär

überlassend, sich aus seinem Gebahren den richtigen Schluß zu ziehen.

Bei seinem Eintreten hatten dieser und sein Schreiber, als sie die

höflichen Redensarten des verwirrt dreinblickenden Doktors vernahmen,

wieder einen raschen Blick gewechselt, diesmal aber mit einer

trostlosen Jammer- und Schreckensmiene. Sie waren aus dem siebenten

Himmel ihrer Beamtenweisheit heruntergestürzt, und es blieb von ihnen

nichts mehr übrig als der gebrechliche Mensch, behaftet mit dem

Aussatze des Irrtums. Der Schreiber faßte sich schnell; was ging es

ihn an, wenn sein Vorgesetzter eine Dummheit machte? Mit der brutalen

Rücksichtslosigkeit eines verantwortungsfreien Subalternbeamten vergrub

er sich in seine Akten, mit vielem Geräusch rechnend und blätternd,

und schien über seinem plötzlich eingebrochenen Geschäftseifer alles

um sich her vergessen zu haben. Treulos im Stiche gelassen, stand

der Kommissär vor dem still fortweinenden Mädchen. Er nahm einige

Male einen Anlauf zu wohlgesetzten Entschuldigungen. Sie gerannen

ihm wie schlechte Milch, noch ehe er sie vollendete. Er wollte sich

fassen, sein Herz verhärten und sich kaltblütig hinter seine Pflicht

verschanzen. Es gelang ihm nicht; er stand noch zu sehr unter der

Wirkung der Überraschung. Jeder Versuch, etwas zu sagen, erweckte

nur ein vernehmlicheres Schluchzen der Unglücklichen. In heller

Verzweiflung ließ der entwurzelte Beamte gleich einem gefangenen

Wilden seine Blicke an den Wänden herumlaufen, wobei sie auch einen

wütenden Abstecher nach dem fleißigen Schreiber machten. Aber an den

staubigen Aktenstellagen wollte sich kein rettendes Wunder ereignen;

keine Öffnung ließ sich dort hineinblicken, durch welche eine gequälte

Bureaukratenseele hätte entweichen können. Und doch kam ihm von dort

her ein Lichtstrahl. Woher könnte auch sonst einem braven Beamten eine

Erleuchtung kommen! »Warten Sie,« sagte er und zog aus einem der Fächer

ein Formular hervor, füllte es aus und stempelte es geschäftsmäßig ab.

Mit dieser gewohnten Hantierung hatte er seine Fassung wieder errungen.

Er faltete den Bogen nicht ohne Feierlichkeit zusammen, näherte sich

der Dame und sprach: »So, nehmen Sie das, das wird gut tun«, mit einem

so milden und begütigenden Ausdruck, wie ihn nur der Arzt haben kann,

der dem stöhnenden Verwundeten den lindernden Verband anlegt.

Mechanisch hatte der weinende Rekrut den papiernen Trost ergriffen

und schwamm nun in Tränen nach Hause. Kaum fand sich Tante Moritz

dort in Sicht eines soliden Sofas, als sie auch sofort in die lange

zurückgehaltene, aber offenbar zur Sache gehörige Ohnmacht fiel unter

so viel nachfolgenden Krämpfen, als ihrer weiblichen Ehre unumgänglich

notwendig schienen. Bald hatte sie das ganze Haus auf die Beine

gebracht. Die jungen Gräfinnen weinten in ihrer Unerfahrenheit, und

die jungen Grafen standen mit Bereiterstiefeln und Reitpeitschen um

den Fall herum und machten stehengebliebene Gesichter. Am liebsten

hätten sie auch geweint, wenn das nicht gegen die Stiefel gewesen wäre.

Die alte Gräfin und ein Stubenmädchen bemühten sich mit erprobten

Hausmitteln um die Kranke, und der alte Herr Graf nahm der bewußtlos

Daliegenden ein zerknittertes Papier aus der Hand, entfaltete es und

las: »Militär-Entlassungsschein«. In diesem Denkmal polizeilicher

Konsterniertheit wurde der Moritz N. aus der Altersklasse 1801, Tochter

des weiland Reichskammergerichts- usw. usw. -Registraturskanzlisten,

wegen allgemeiner Untauglichkeit seiner Militärdienstpflicht los- und

lediggesprochen. Die Rubrik »Signalement« war unausgefüllt geblieben;

selbst der ~item~: »Besondere Kennzeichen« hatte den Beamten zu keiner

naheliegenden Notiz veranlassen können. Mit diesem Talismann hätte

freilich Tante Moritz allen künftigen Anforderungen des Kriegsministers

entgegentreten können, wenn dieser noch einmal Anspruch auf die

friedliche Amazone hätte erheben wollen.

Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder, und die gute Tante hat

in der Folge manche schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich

eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr entrückte. Mit dem

gegilbten und verbleichten Nachlasse der braven alten Jungfer, aus

dem ich eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden und großen

Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes Dasein von Armut und Ehre

herauslesen mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein geerbt,

den ich als ein Andenken an die gute alte Zeit, an die selige Tante, an

den Großonkel mit dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner

Vaterstadt noch immer aufbewahre.

[Illustration]

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Henry F. Urban:

Deutsche Humoristen, 6. Band (von 8) Humoristische Erzählungen · 第 17 / 21 题