Vorbemerkung des Herausgebers:
Diese kleine liebenswürdige Geschichte der Bettina von Arnim
ist ihrer berühmten im Jahre 1849 erschienenen Schrift »Dies
Buch gehört dem König« entnommen, die eine Reihe »der Erinnerung
abgelauschter Gespräche und Erzählungen von 1807« enthält. Das
Buch umschließt im wesentlichen sozialpolitisch reformatorische
Anschauungen der Bettina von Arnim, die sie sämtlich der alten Frau
Rat, Goethes Mutter, in den Mund legt. Eingeschachtelt in diese
heute wenig mehr interessierenden sozialpolitischen Betrachtungen
ist die köstliche Erzählung von der plötzlichen Reise der Frau
Rat nach Darmstadt, wo sie von der Königin Luise von Preußen mit
großen Ehrungen empfangen wurde. Indem Bettina von Arnim die
Schilderung dieser Begegnung durch Goethes Mutter selbst geschehen
läßt, gelingt es ihr, im lebendigen Frankfurter Dialekt, die feine
Klugheit, die herzhafte Urwüchsigkeit und die sonnig lächelnde
Heiterkeit der Frau Rat auf das anschaulichste aufzuzeichnen.
[Illustration]
Die Frau Rat erzählt:
Es war an einem recht sommerlichen Tag; ich denk nach, was aus dem
lieben Sonnenschein all werden soll, den ich da so mutterselig allein
in mich fressen muß: -- es wird Mittag, die Türmer blasen derweil den
Ablaß meiner Sünden vom Katharinenturm herunter. -- In dieser Welt, wo
Böses und Gutes oft in so herzlicher Umarmung einander am Busen liegen,
da haben irdische und himmlische Angelegenheiten gar einen künstlichen
Verkehr; an so einem melancholischen Feiertag, da verschmäht der Teufel
auch eine falsche Trompet nicht, um den Menschen aus seinem geduldigen
Seelenheil herauszublasen; opfre den Verdruß, den du davon spürst,
Gott auf, und die Kreide von der Rechnungstafel deiner Sünden ist
heruntergewischt, denn lieber als das Sündegestöhn, was falscher klingt
als die Sünd selber, will Gott den Teufel falsch blasen hören. Die
Langeweil ist nun ganz apart an einem Sonntag in der Stadt Frankfurt,
aber gar an so einem lange staubige Sommertag, wo man sich in die Sonn
stellt und denkt wie ein angezünd't Licht am hellen Tag: »Vor was bist
du da? -- Alles kann bestehn ohne dich!« oder: »Alles geht ja doch
konfus«, und mit dem Zweifel, ob der blaue Dunst da oben wohl doch der
Himmel sein könnt, streckt man sich am End seiner Erdentage aus den
Erdensorgen heraus mit den Himmelssorgen auf dem Herzen und bedenkt
nicht, daß alle Sorge Irrtum ist.
An so einem langweiligen Tag also, wie der Türmer wirklich in einer
der Musik sehr mißgünstigen Stimmung in die Stadt herunterblies --
ich meint als, wenn mir der jung Wein nur nicht auf dem Faß säuerlich
wird -- eine rauhe Halsarie wie heut, und die Sonn schien mir auf die
Nas, daß ich nießen mußt, und die Lieschen bekomplimentiert mich da
drüber, da schellts -- ich ruf: »Guck einmal, wers ist.« -- »Ei, es ist
der Frau Bethmann ihr Bedienter; ob Sie wollte heunt Nachmittag mit
ins Kirschenwäldchen fahren?« -- Ei was? -- Ei freilich! Was werd ich
nicht wollen fahren an diesen einzigen Pläsierort, vor allen schönen
Orten in ganz Deutschland, wo die Kirschen wie die schönste Rubinen
im smaragdnen Blätterschmuck an den Bäumen hängen, wo die Frankfurter
Sonnenstrahlen ein Goldnetz durchwirken und der Himmel sein blaues Zelt
mit silbernen Wolken drüber spannt.
Jetzt sag ich: »Wir wollen präzis zwölf Uhr essen, dann wird
alles zurechtgemacht zum Abend, wann ich heim komm; da wird meine
Wasserflasche hingestellt, das Bett zurecht gemacht, damit mir die
Zeit vergeht, bis die Füchserchen angetrabt komme, dann setz ich meine
Haub auf, bloß die mit den Spitzen.« -- »Ei, wollen Sie net die mit
den Sternblume aufsetzen, die steht schöner!« -- »Nein, die will ich
nicht aufsetzen, man muß bescheiden sein in der schönen Natur und sie
nicht überstrahlen wollen, es gelingt einem doch nicht. Was meint sie
denn, daß so ein Kranz von papierne Blume zu sagen hätt da draußen
auf der grünen Wies? Ei, ich setz den Fall, ich könnt der Stadtherd
begegnen, so könnt mich ja der Brummelochs mit einem einzige Maul voll
Dotterblume, die er vom Weidanger mit seiner lange Zung in einem Hui
zusammenrafft und wegschnappt, in die größt Beschämung versetze, daß er
frißt und verdaut, was die Frau Rat in Papier nachgemacht zum Putz auf
dem Kopf trägt.« -- Jetzt ohne weiter Federlesen die Spitzehaub eweil
auf der grünen Bouteille aufgepflanzt, dann die Filethandschuh ohne
Daumen, daß ich sie nicht brauch auszuziehen beim Kirschenessen, das
Körbchen nehm ich mit, daß ich kann Kirschen mitbringen -- die kleine
schwarze Salopp und den Sonneparaplü, denn um die jetzig Sommerzeit
kommt häufig so ein klein erquicklich Regenschauerchen mitten durch den
Sonnenschein. Da lachts und flennts zu gleicher Zeit am Himmel.
Nun ist alles in Ordnung -- so wird der Tisch gedeckt und aufgetragen
-- denn zwölf Uhr ist schon vorbei. »Was gibts heut?« -- »Brühsupp«. --
»Fort mit, ich mag keine.« -- »Aber Frau Rat, Ihne Ihr Magen!« -- »Aber
ich will keine Supp, sag ich; komm sie mir nicht an so einem schöne
Sommertag mit ihren Magensorgen an, -- was gibts noch?« -- »Stockfisch,
aufgewärmt von gestern, und Kartoffel.« -- »Den Stockfisch laß mir
vor der Nase weg, der paßt nit zu meiner Stimmung; ich mag mir keinen
Stockfischgeruch in den Vorgeschmack aufdampfen lassen, den ich von
dem Blumenduft drauß auf der Wies schon in Gedanken genieß; aber die
Kartoffel bring sie, an denen verunreinigt man die erhabenen Gedanken
nicht, die könnt so ein indischer Priester in seiner Verzückung
ungestört genieße. -- Ich glaub gewiß, die sind aus dem Manna gewachse,
das vom Himmel fiel, wie die Juden in der Wüst in der Hungersnot waren,
das war so ein verzettelter Mannasame, aus dem sind dann die Kartoffeln
gewachsen, die vor aller Hungersnot bewahren. Ja, damals hatten die
Juden noch eine Wüst, wo sie sich niederlassen konnten; jetzt ist keine
Wüst mehr da, und wann die närrische Häns nicht fliegen lerne wie die
Raubvögel, daß sie als manchmal auf eine vorüberfahrende Segelstang
sich könne setzen wie die Zugvögel, so weiß ich nicht, wo sie werden
bleiben, in der Wüste waren sie nit so gierig; hätten sie damals alles
verschlungen, so wär kein himmlischer Mannasamen übrig geblieben, und
ich wüßt nicht, was ich heut essen sollt, und jetzt geb nur künftig
ohne Widerred allemal dem Betteljud zwei Kreuzer, so oft er kommt. Denn
wir könne den Juden das nicht genug Dank wissen, daß wir Kartoffeln
essen.« -- Nun war das Essen noch nicht all, es kam noch eine
gebratne Taub. -- Ich hatte Appetit, fliegt mir grad eine lebendige
Taub vors Fenster und rucksert mir lauter Vorwürf ins Herz. Ich fahr
ins Kirschenwäldchen, und das arme Tier mit verschränkte Flügel, mit
denen es sich hätt können in alle Weltfreude schwingen, liegt in der
Bratpfann. Der Christ jagt die halb Natur durch den Schlund, damit er
auf der Erd kann bleibe, um sein Seelenheil zu befördern, und dann
macht ers grad verkehrt. -- Nun kurz, der Vorwurf von der Taub am
Fenster lastet mir auf dem Herzen, ich kann keinen Bissen essen. --
Die Taub wird unberührt wieder in die Speiskammer gestellt; ich ziehe
mich derweil an, um der Ungeduld etwas weiß zu machen, die Spitzehaub
wird von der Bouteille herunter genommen, aufgesetzt, und die Nachtmütz
wird drauf gestülpt, damit ich sie heut abend, wenn ich nach Haus komm,
gleich auswechsle kann, noch eh Licht kommt; das ist so meine alte
Gewohnheit.
Nun sitz ich da mit meinem Sonnenschirm in der Hand, im besten Humor,
und lach die Lieschen aus, mit ihrer Angst wegen meinem leeren Magen.
Ich guck auf die Uhr -- der Wagen kommt gerappelt; den alten Johann,
ein ganz gescheuter Kerl, hör ich schon an seinem gewohnten Gange
die Trepp herauf kommen. -- »Lieschen, geschwind lauf sie hinaus,
auf den Vorplatz an die Tür, ehs schellt.« Da schellts schon, die
Lieschen macht die Tür auf, da steht ein goldbordierter Herr mit einem
dreieckigen Hut und guckt mir ins Gesicht, und mein alter Johann kommt
hinten nach. -- Ich sag zu dem fremde Wundertier: »Sie sind wohl einen
unrechten Weg gangen!« -- und will mich an ihm vorbeimachen; aber weil
er sagt: »Ich bin geschickt von Ihro Majestät der Frau Königin von
Preußen an die Frau Rätin Goethe«, so guck ich ihn an, ob er wohl nicht
recht gescheut wär -- »Und«, fährt er fort, »die königlich Equipage
werden um zwei Uhr kommen, um die Frau Rätin nach Darmstadt abzuholen;
mit Ihrer Majestät sollen Sie den Tee trinken im Schloßgarten!« -- Ich
sag: »Johann! Jetzt hör er einmal, was das vor Sachen sind! Wenn einem
eine Bomeranz aus dem blauen Himmel grad auf die Nas fällt, da soll man
gleich sein Verstand bei der Hand haben und sie auffangen, das will
viel heißen!« -- Ei, wem hatt ich denn die Kontenance zu verdanken als
bloß dem Johann? Der stellt sich an die Seit aus lauter Respekt vor dem
unvorhergesehenen Ereignis und guckt mich so feierlich an, daß ich mich
gleich besinn, was ich mir und der Einladung schuldig bin; ich guck ihn
mit einem Feuerblick an, daß der Kerl in sich geht, denn er war nah
dran, zu lachen. Ich sag: »Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vor ein
höflicher Beamter sein mögen, rennen Sie nur wieder spornstreichs zur
Frau Königin und melden, die Frau Rat werden ihrerseits die Ehre haben,
die von der Frau Königin ihr zugedachte Auszeichnung anzunehmen. Und
machen Sie nur, daß die Kutsch hübsch akkurat kommt, damit ich auch
nicht zu spät komm, da das Warten und Wartenlassen meine Sach nicht
ist.« -- Dabei macht ich so große Augen, daß der preußisch Hoflakei
gewiß seine Verwundrung wird gehabt haben über den besondern Schlag
Madamen aus der freien Reichsstadt Frankfurt. Man muß seine Zuflucht
nehmen zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten. Wer kann sonst
Religion in die Menschen bringen? Daß so ein Hofschranz Respekt hätte
vor einem Bürger, dazu ist er einmal verdorben; da muß man auf Mittel
denke, wie er den Kopf ganz verliert und nicht weiß, was er dazu sagen
soll. Da fiel mir der Türklopper ein von unserm Aderlaßmännchen, dem
Herrn +Unser+; das ist so ein Löwenfratz, wie sie an Salomon seinem
Thronsessel zur Verzierung angebracht sind. Den mach ich nach; --
damit jag ich meinen Herold in die Flucht; er nimmt die Bein an den
Hals und rennt die Trepp herunter. Ich bleib stockstill stehn, die
Lieschen bleibt stehn, der Johann rührt sich nicht vom Fleck, bis wir
die Haustür zumachen hören. »Frau Rat«, sagt der Johann, »Sie werden
also jetzt unmöglich ins Kirschenwäldchen fahren, und da werd ich dann
bestelle, warum Sie nicht mit könne fahren?« -- »Ja, lieber Johann, und
bestell ers doch gleich im Vorbeigehen beim Perückenmacher Heidenblut,
der soll gleich kommen, und erzähl ers unterwegs alle Leut, so was muß
stadtbekannt werden.« -- »Ja, das ist gewiß«, sagt der Johann, »und
wenn mir nur das Herz nit bersten wird, bis ich heraus geplatzt bin
dermit« -- fort ist der Johann. -- Nun guck ich mein Lieschen an; die
steht vor mir wie nicht recht gescheut und zittert an alle Glieder.
»Ei, Lieschen«, sprech ich voll Verwunderung, »wie kommt es, daß ihr
die Haub hinderst der vörderst sitzt, das war doch vorher nicht.«
-- Und ich weiß nicht, wie das möglich war! Es ist doch wunderlich,
wie bei überraschende Gelegenheiten die Spukgeister sich allerlei
Schabernack erlauben mit solchen Leut, die der Sach nicht gewachsen
sind. Das war nun mein Lieschen wirklich nicht. Sie konnts nicht
finden, weder Zwickelstrümpf noch Schuh noch sonst ein Kleidungsstück,
kein Rock konnt sie mir ordentlich über den Kopf werfen. Wenn ich nun
auch den Kopf verloren hätt, ich wär nicht fertig geworden. Jetzt sag
ich: »Bring sie mir einmal die gebratne Taub wieder herein, denn ich
verspür über die königlich Geschicht ein schreiende Hunger. Und nun
schmeiß sie die Nachthaub von der Bouteille herunter -- ich werd auch
noch meiner Seel den ganzen Stockfisch herunter fressen. Nun schenk
sie mir ein Glas Wein ein, ich muß Feuer in den Adern haben.« Der
Perückenmacher war gleich herbei; über die unbegreiflich Nachricht hat
er in seinem stumme Erstaune mich aufgedonnert, und nun mußt er mir die
Haub aufsetze mit den Sternblumen. Es war ein Heidenpläsier, fingerdick
Schmink hat er mir aufgelegt. »Die Frau Rat sehn superb aus,« sagt der
Herr Heidenblut. Und die Liesche stand wie eine Gans vor mir, als ob
sie mich nicht mehr kennte. -- Nu, wir verbringe noch so ein Zeitchen
vor dem Spiegel, links die Lieschen mit der verkehrte Haub, denn die
hat sie noch nicht Zeit gehabt herum zu kriegen, rechts der Herr
Heidenblut mit dem Kamm hinterm Ohr, ganz verzückt in mein Lockenbau,
ich in der Front mit einem feuerfarbne Schlepprock mit doppelte
Florspitzen, Diamantbracelett, echte Perlen um den Hals, ein Schlupp
von Diamante vorgesteckt. Nun, es war zum Malen, die drei Personagen
da aus dem Spiegel herauslachen zu sehen. Wir wurden ganz lustig und
dachten nicht, wie die Zukunft mir auf den Hals gerückt kommt. Wenn
ich doch an all die charmante Witze vom Heideblut mich noch erinnern
könnt, er mußt sich hinstellen, und ich macht mein Probekompliment vor
ihm; er verstehts. Er frisiert ja die allerhöchste Theaterprinzesse. --
Da kommts aber wie ein Sturm angerennt und hält still vor der Haustür.
Rutsch -- vier Pferd und zwei Lakaie hinten drauf noch ohne den
Kutscher. -- Jetzt kommen sie herbei gestolpert, faßt mich ein jeder
unterm Arm und tragen mich schwebend in die Kutsch. Schad, daß die
Fahrt nicht mit meine vier Pferd durch die Bockheimergass geht am Haus
vom Herrn Bürgermeister vorbei -- aber das Glück bescherte mir unser
Herrgott noch, denn kaum biege wir im volle Trab um die Eck, stoßen
wir auf die Bürgermeisterskutsch mit samt dem Herrn Bürgermeister von
Holzhausen drin, mit seine zwei Lakaien hinten drauf mit ihre alte
abgelebte Haarbeutel, -- ich auch -- aber meine Haarbeutel waren ganz
neu. In vollem Rand fahren wir vorbei am Herrn Bürgermeister, ich grüß
feierlich mit dem Fächer und hab das Pläsier, zu sehn, daß mein Herr
von Holzhausen im Wagen sitzen, versteinert, und sehn mich nicht mit
ihre Glotzaugen; er streckt den Kopf heraus, aber umsonst, wir flogen
wie der Wind vorbei.
Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, die mir auf meiner Reis bis
Darmstadt eingefallen sind, so müßt ich lügen, denn ich war so zu
sagen auf einer Schaukel, die schlecht in Schwung gebracht war, bald
flog ich dort hinaus, bald wieder nach der andren Seit, bald dreht
sich alles mit mir im Durmel herum, dann dacht ich wieder, wie ichs
alles meinem Sohn wollte schreiben, und da fing mir das Herz an zu
klopfen. Ich konnts vor Ungeduld nicht behaglich finden in der Kutsch
-- ich fing an, die Kastanienbäum zu zählen in der Allee, ich wollt
probieren, ob ichs könnt bis hundert bringe, aber ich bracht keine
zehn Bäum zusammen, da waren meine Gedanken wieder wo anders. Einmal
kam mir ein gescheuter Gedanken, ich dacht, was hab ich dervon? ist
mir die Geschicht angenehm? -- sollt sie mir nur noch ein einzig Mal
wieder begegnen, da würd ich mich schon besinne, daß sie mir langweilig
wär. Was war das heunt morgen vor eine Komödie, was ist mir vor eine
Hitz in den Kopf gestiegen und nun steck ich in einer zweifelhaften
Unbequemlichkeit -- wo ich da hingeh zu fremde Leut, die gar nicht dran
denke, wer da angerumpelt kommt. -- -- »Ohne Kurage kein Genie,« hat
mein Sohn immer gesagt, und will ich oder nicht, so muß ich doch einmal
die höfliche Schmach auf mich nehmen, mit gesundem Mutterwitz dort in
dem Fürstensaal vor einer eingebildten Welt zu paradieren und bloß für
eine Fabelerscheinung mich betrachten zu lassen. Ja, die Welt steht
auf einem Fuß, wo keiner an die Wirklichkeit vom andern glaubt und sich
doch selber vergnügt fühlt, wenn er nur von so einem Scheinheiligen
bescheinigt ist.
Nun, alleweil kamen wir wie ein Sturmwind angerasselt, ganz
erschrocken, daß ich schon da bin, wie ich eben vor Ungeduld mein,
es wird nie dazu kommen. Ich steig aus, die Bediente renne wie ein
Lauffeuer vor mir weg. Ei, ich kann da nicht wie eine Lerch mich ihnen
nachschwingen, ich seh den Augenblick kommen, wo ich weder Bediente
noch Weg mehr finden kann. Ich hatt mich ein bißchen versäumt gehabt,
die Krumplen aus meinem Staatskleid herauszuschütteln, da waren sie
unterdessen in einer Allee verschwunden wie ein paar Irrlichter; wir
waren auseinanderkommen. Ich geh so dem Gehör nach, immer im Kreis
ums Hofgezwitscher herum, immer näher, bis ich endlich aus meinem
Schattenreich heraus unter den aufgepolsterte Hoftroß trete. Ich hielt
mich im Hintergrund mit meinen Beobachtungsgaben, grad wie ein General
bei einer Position, die er dem Feind abluxen will. Denn überraschen laß
ich mich nicht, Mut hab ich, womit ich den Leuten, wenn sie den Kopf
verlieren, ihn oft wieder zurecht gesetzt hab. Ja, bei Gelegenheiten,
von denen eine Frau keinen Verstand zu haben behaupt wird, da steht
als dem Mann derselbig ihm allein zugemessne Verstand still, daß
er wehklagt: »Ach, was fangen wir an?« -- Da antwort die Frau und
schlägt den Nagel auf den Kopf. -- Die Welt wird immer hinkend bleiben,
wenn der Verstand auf dem Mann seiner Seit hinüber hinkt, mit dem er
die verrückte Weltangelegenheiten so schwermütig hinter sich drein
schleppt. Was batts den große Weltgeist, daß er das Eheprinzip in sich
trägt, wenn der männliche Verstand ein Hagestolz bleibt. -- Also die
erst Bemerkung, die ich mach in den mich umgebenden Hofzirkel, ist die,
daß meine amarantfarbne Schleppe nicht grad ein guter Passepartout
ist, denn nicht Ich mit meinem Vierundzwanzigpfünderblick, nicht meine
Person wird mit neugierigen Augen betracht, nein, die wird übergesehn,
aber meine Falbelas, meine Taille, meine Frangen, von unten herauf,
immer höher und höher werd ich scharf examiniert, bis sie endlich zur
Florfontange kommen, wo die Sternblumen drauf gepflanzt waren, da
halten sie an und entdecken, daß auch ein Gesicht mit kommen war; da
prallen sie wie der Blitz auseinander und melden meine Erscheinung der
Frau Königin. Die kommt mit einem ehrfurchtsvoll gehaltnen Schritt
auf mich los, ich -- gleich salutiere mit einem Feuerblicke vom erste
Kaliber, und nun mache alle Leut Platz, und die Frau Königin wie eine
schöne Götternymph führt mich an ihrer Hand, und der Wind spielt in
dem schneehagelweiße Faltengewand und ein Lockenpaar, das spielt an auf
jeden Tritt, den sie tut, und die blendende Stirn und die wunderschön
blaßrote Farb von ihrem Gesicht, und der freundlich Mund, der ganz voll
allerlei Geflüster mich anspricht. Verstanden hab ichs nicht, ich war
durmlich von Vergnügen und konnt auch nichts weiter vorbringen als:
»Hochgeschätzter Augenblick und liebwerteste Gegenwart und wundernswert
vor Götter und vor Menschen --« und wie sie erst die Kett vom Hals sich
losmacht und hängt sie mir um, und der ganze Hofkreis trippelt und
guckt. Ich hab innerlich den Apoll und den Jupiter angerufen, diese
menschenbegreifende Götter sollen mir beistehn, daß ich vernünftig
bleib und nicht alles um mich her für wunderliche Tiere halt, denn
alle diese vornehmen Hofchargen kamen mir vor wie ein heraldischer
Tierkreis. Löwen, Büffel, Pfaue, Paviane, Greife; aber auf ein Gesicht,
das menschlich schön zu nennen wär, besinn ich mich nicht. Das mag
davon herkommen, weil diese Menschengattung mehr eine Art politischer
Schrauben oder Radwerk an der Staatsmaschine und keine rechte Menschen
sind. Harthörig, hartherzig, kurzsichtig, stolz und eigensinnig Volk,
und es gehört immer der Zufall und ein Verdienst um sie, absonderlich
aber ihre eigne Laune dazu, und noch gar viel andre Künste, um von
ihnen bemerkt und gehört zu werden. Schreien und Poltern oder gar
Recht haben hilft gar nichts bei ihnen, ja, besonders das Recht haben,
das kommt der politische Staatsmaschine ihrer hochtragenden Nas immer
in die Quer. »+Was soll das heißen, daß man mit seim Recht an die
widerrennen tut?+« -- Sollte das Schicksal diese Nas ausersehen haben,
daß sie drauf falle, das wär kein Schaden; darum muß man ihr Platz
machen. Ja, von solchen ist kein christlich Gesinnung zu erwarten,
das ist übrig. Man soll seines Bestallungsbriefes an die Natur sich
erinnern, wenn man was mit ihne zu verhandeln hat, damit man an der
doppel-schneidig-weltbürgerliche Politur nicht auch mit seinen edleren
Gesinnungen als ausglitscht. Das fehlte noch, daß man wie ein Lauskerl
vor sich selber dasteht und darf nicht in den Spiegel gucken vom eignen
Gewissen. --
Solche Gedanke hatte ich in dem Tierkreis, wo die Ordensbänder und
Stern und goldblitzende Staatsröck rund um mich herum blinkerten wie
im Traum, und wie im Traum dacht ich: wenn ich König wär, ich hielt
mir eine aparte Insel vor das heraldische Tiervolk, da könnten sie so
fortleben, bis sie sterben wollten, aber mir jederzeit unter den Füßen
herum zu grabeln, daß man alle Augenblicke über sie stolpern müßt, das
litt ich nicht.
Nun, während ich über den Darmstädter Tierkreis meine Glossen
mach, wovon ein nicht unbedeutender Teil mit besterntem Bauch,
mit übereinander schielenden Blicken und überlegenden Mienen des
Menschenwohls da unter der Herd herumstolpern, spür ich deutlich,
daß ich in dem Verwunderungsstrudel dagesessen hatte wie ein
Schaf. Ich schäme mich, daß ich sollte mit einem so unscheinbare
Antlitz die freie Reichsstadt vertreten, ich such mir eine andere
Physiognomie aus, den Frankfurter Adler. No! -- wie der Adler, wenn
er Donner und Blitz bewacht, so sitz ich da, und die lieb Sonn, ohne
Urlaub zu nemme, setzt sich auf den Reisefuß und ging hinter denen
schöne Linde bergab spazieren, und der Mond kam herauf, auf den mit
allerlei poetische Spekulatione angespielt wurde, ich mußt lachen
über die empfindungsvolle Tonarte, in welche die Gesellschaft da
überging. Nun, ich kann nicht alles aus dem Gedächtnis hervorkrame.
Ich schwieg in meiner stolze Position still, denn kein Mensch hatte
mir ein Wort zu sagen, seit die Paradeszen vorbei war. Ich machte
daher meine olympische Adlersmiene ohne Unterbrechung fort, und da
war auch nicht ein Augenblick, wo ich mir nachgegeben hätt und hätt
meinen Alletagsgesicht auch nur erlaubt durchzublinzeln. -- Auf
emal! schlägt mir ein Trompetegeschmetter durchs Ohr, ich fahr aus
einem tiefen Schlaf, in dem ich aller Herrlichkeiten, der um mich
her vorgingen, vergessen, träume dem Herrn Heideblut und der Jungfer
Lieschen meine erlebte Abenteuer zu erzähle, und ganz vergnügt bin,
daß alles überstande ist. -- Ja, der vermeint Adler hat den Kopf in
sein Spitzekragen gesteckt und war unbewußt seiner entschlummert über
dem viele Geschwärm von alle bedeutungsvolle Momente, die mir da in
eim Hui ins Alltagsleben hereingestoben kamen, und ich, als in der
Meinung, meinen olympischen Götterglanz fortzubehaupten, fall aus der
Roll heraus und in Schlaf. Mit natürliche Dinge wars zugegangen; denk
sich einer die verschiedene Motionen, dene ich vom frühen Morgen an
ausgesetzt gewesen war; es war ja alles wie ein Traum, wars da ein
Wunder, daß ichs am End für ein Traum hielt und ruhig weiter schlief?
-- Und die Nachtdämmerung -- und ich saß ja da für gar keine weitere
Geschäfte, als bloß Betrachtung anzustelle, was doch die Parze vor
eigensinnige Begebenheiten einem in den Lebensfaden einspinne. No! --
Als ich mit einem Schrecke durch alle Eingeweide aufwach, hat sich die
Szen verändert, das Gebüsch wirft keinen Schatten mehr auf den leeren
Platz, weil alles Tageslicht gewichen war, der Trompetenstoß, der
mich von meinem tiefe Schlaf auferweckt hatte, war aus dem Tanzsaal
erschallt, wo helle Fackeln brenne, wo die ganze Hofnympheschar in
einem schwebende Tanz mit dene heraldische Cavaliere herumhüppen;
aus den unterirdische Kellerhäls dampft ein köstlicher Speisegeruch;
in denen sieht man die Herrn Köche mit weißen Zipfelmützen munter
und allert Fett in das Feuer werfe, daß es hell aufflackert; die
Champagnerflasche hört man im Plotonfeuer losknalle und die Frau Rat,
die zu diesem Göttermahl feierlichst eingeholt waren mit vier weiße
Schimmel, die sitzen unter einem Vogelkirschbäumche, welche Frucht man
bekanntlich nicht esse kann, und spüren Hunger.
Die Nacht war eingebrochen, und ich, unbekannt mit der Hofetikett, und
doch mit einem Schicklichkeitsgefühl, was vielleicht grad aus grader,
herzlicher Aufrichtigkeit den entgegengesetzte Weg hätt eingeschlagen
von dem, was statuiert wär, ich stand in der Klemm, wie ich mich zu
verhalten hätt, aber ich wurde sehr bald herausgerissen. Die gute Frau
Königin hat mich in all dem Trubel nicht vergessen. Wie sie ihren
ersten Tanz ausgemacht hat, da sieht sie sich um nach mir, und wie
sie mich nicht finden kann, da gibt sie gleich Order. Das konnt ich
durch die Fensterscheiben bemerken; -- kaum hat sie nach mir gefragt,
da laufen die Kammerherren, die Lakaien durch den ganzen Saal im
Kringel herum, um mich zu finden. Aber, dacht ich, sucht ihr nur. --
Wie sie mich nicht finden können, da fällt ihnen doch ein, daß ich
vielleicht könnt im Garten geblieben sein. Nun kommen sie heraus und
verteilen sich in alle Regionen; ich drück mich dicht bei der Tür
an die Wand, denn im Garten wollt ich mich nicht finden lassen, da
hätt ich mich zu sehr geschämt. Nun dacht ich, jetzt ist der wichtige
Moment, da muß ich einen energischen Streich machen und mich auf gut
Glück wieder ins Meer stürzen, unter die Hofwogen, und mich da um
die Wett mit denen aufbauschen. Wie also ein Hoflakai wie ein Schuß
Pulver von der Tür abblitzt in den Garten hinaus, um mich im Gebüsch
zu suchen, so fahr ich an dem blinde Hans vorbei, grad in den Saal
herein, wo mir glücklicherweis alle Leut den Rücken drehten. -- Ach!!
-- Gott sei Dank!! -- Denn das Herzklopfen, was ich nach überstandner
Katastrophe empfand -- nun, -- wer sich das denken kann! -- bis ich
mich so allmählich wieder beruhigte. -- Denk sich einer, wenn die
Windbeutel, die Kammerherren und Kammerdiener, da die Frau Rat unter
dem Vogelkirschbäumchen gefunden hätten und hätten mit ihre Windlichter
mir unter mein schlafend Angesicht geleucht. Nein, ich frag alle gute
Freund, ob einer sich das gewünscht hätt? -- Antwort: Nein! -- Aber
was man sich nicht wünscht, das soll man andern nicht gönnen. Ich auch
hab mirs nicht gewünscht und hätts meinem Feind nicht gegönnt.
Wie ich mich etwas erleichtert fühlte, so rückte ich allmählich
hinter den vielen Leuten hervor, die an der Tür standen, und kam so
ganz nah an die Frau Königin heran; die winkt mir, und nun kommen die
Kammerjäger von ihrer Jagd durchs Buschwerk zurück und wollen eben mein
Verschwinden melden, da sehn sie zu ihrer Verwundrung, wie ich eben
mit denen Prinzen von Gotha, noch ein paar ganz jungen Bürschercher,
Bekanntschaft mach. Die erzählen von meinem Sohn, weil sie ihn sehr
gut kenne vom Weimarer Hof, und ich erzähl auch mein Bestes, und das
war eine ganz vergnügte halbe Stund, wo ich mich ganz mit meinem
Schicksal wieder aussöhnte. Auch hatte sich meine Verlegenheit nach
und nach beschwichtigt über meine Toilette, denn ich hatte mir gleich
vorgenommen gehabt, nur in keinen von denen großen hell erleuchtete
Wandspiegel zu gucken; das war gar nicht so leicht. -- Daß, wenn
allenfalls was an mir in Unordnung geraten wär, daß ich nicht auch noch
+den+ Schreck auf mein gepreßt Herz laden müßt, weil aber die Leut all
ganz vernünftig mich ansehn und keiner eine zum Lachen gestimmte Miene
macht, da wag ich's und tu einen Seitenblick und finde mich nicht nur
ganz menschlich, sondern ich gefalle mir auch sehr wohl mit meinem
kuraschierten Aug, das da thront über alle verkehrte Eingebildheiten,
mit dem sie mich rund umher zu überschauen meinten. Ich schaute auf
sie wieder herab, wie ein Wetterdach, das sie in Schutz genommen hat
gegen den erfrischenden Regen und den kühlenden Wind, dem sie sich
auszusetzen Bedenken tragen, und so ließ ich sie mich umirren mit ihren
nichtssagende Blicke, als bloß wie dürres Laub, was im Wind dahinfliegt.
Die gute Frau Königin sah mirs an, daß es Zeit wär, mich zu entlassen;
sie nahm da mein Dank recht freundlich auf und erinnert mich an die
Zeiten, wo sie in meinem Haus unter meinem Schutz gewohnt hatte und
tausend lustige Spielstunden in meinem Hof sich gemacht. --
Da ich nun entlassen war, so kam gleich wieder so ein dienender Geist
von morgens früh und frägt mich, ob ich vielleicht den Wagen bestellen
wollt lassen? -- »Nichts lieber wie das«, sag ich, »bester Freund,
verdienen Sie sich einen Lohn im Himmel, und helfen Sie mir über die
königlich Schwell hinüber in mein bürgerlich Dasein.« Wie ich nun
wieder im Wagen saß, wer war froher wie ich? -- Ich hatte vor allen
überraschenden Verlegenheiten und Sorgen gar nicht können an meine
goldne Kett denken; jetzt beguck ich sie im Mondschein, und sie machte
mir doch großes Pläsier. -- Denn alle Auszeichnungen, die mir werden,
das weiß ich, die hab ich doch meinem Sohn zu danken, und wie soll das
eine Mutter nicht freuen? --
Ja, es war eine pläsierliche Fahrt in der Kastanienallee heimwärts.
Alle Baumschatten flogen im Vorbeifahren mir über meine geblendeten
Augen, die ganz in tiefen Gedanken mit der in den Mondstrahlen
blinkenden Kett sich beschäftigten.
Es muß ein Weltengeist geben, der alle wahre und kräftig natürliche
Gefühle nicht in den Lüften verschwirren läßt. So ein Seufzer aus dem
Mutterherzen, auf der Darmstädter Chaussee, ist nicht dort geblieben
als irrender Geist herumzuschweifen. Er wird sein Ziel gefunden
haben, auch war mein Herz ganz feurig, und ich dacht, so wird auch
heut nacht die Frau Königin eine vergnügliche Ahnung von mir haben,
daß sie mich hat so in einen feurigen Rapport gesetzt mit meinem
Sohn, daß ich ihn da im Mondschein zwischen dem Baumgeflüster vor mir
schweben sehe, und kann die schönste Rede führen mit ihm, weil da
allerlei Meldungswürdiges mir begegnet ist. Ach was man sich nicht vor
unschuldige Unmöglichkeiten einbilden kann! -- Aber Muttergefühl ist
eine Wünschelrut, die schlägt in allen weiblichen Herzen an. Und die
Frau Königin auch wird nicht ohne Absicht das Verdienst als Mutter in
mir belohnt haben, sie wird gedacht haben: wenn sie doch auch so ein
Sohn möcht zur Welt bringen, der diese mit seiner Unsterblichkeit könnt
ausfüllen. -- So ein Wunsch ist kein schlecht Gebet für eine erhabne
Landesmutter -- er begreift das Wohl des ganzen Menschengeschlechts in
sich und es kann erhört werden, eben weil es der Müh wert ist so zu
beten, so lohnt es auch dem Schicksalsgott die Erfüllung. -- -- --
Frankfurter Bürgertum ist der best Adel, der sich bis jetzt noch in
alle Zeiten Respekt erworben hat. Welcher Staat kann sich des rühmen?
Nun, ich kann Euch sagen, als ich in der Nacht vors Tor kam, so freut
ich mich über die Maßen: »Sie müssen die Sperr bezahlen!« -- »Königlich
Equipage!« ruft der Lakai vom Bock herunter. -- Schildwach ruft:
»Heraus!« -- »Ei was!« sag ich, »freilich will ich die Sperr bezahlen.
Stecken Sie Ihnen Ihr Seitengewehr ein, Herr Leutnant, ich bins nur und
sonst niemand!« -- »Ei, um so besser, vor Ihnen präsentiere mer das
Gewehr mit Vergnüge.« -- Nun, als wir durch den Orkus durchgerumpelt
waren und endlich vor meinem Haus stillhalten, so kommt mir ein ganzer
Trupp von Basen und Vettern entgegen gestürzt. -- Ich sag: »Ei, was
wollt ihr dann? -- Es ist nachtschlafende Zeit!« -- »Ach, Gott seis
gedankt, daß wir Sie wieder vor unsern Augen sehen, lieb Frau Rat;
wir hatten gedacht, Sie wären arretiert! Die Jungfer Lieschen hat uns
in große Ängste zusammen getrummelt, es wär eine Order kommen von
Ihre Königliche Majestät von Preußen, grad wie Sie hätten wollen ins
Kirschenwäldchen fahren mit der Frau Bethmann; und kaum daß Sie sich
hätten was anziehen können, so wären Sie mit Eskorte von drei Mann
in einem zuenen Wagen mit vier Pferd forttransportiert worden. Und
so sitzen wir hier schon drei Stund und wissen nicht, was wir sollen
anfangen, und eben wollten wirs dem Herrn Bürgermeister melden, und wir
wären Ihnen nachgeeilt, aber die Jungfer hatte den Ort vergessen, wo
Sie waren hintransportiert worden.« -- --
»Nun, um Gotteswillen! Was sind das vor Sachen! -- Das Rätsel will
ich Euch morgen lösen; heunt will ich Euch nur eins sagen, daß die
Jungfer Lieschen eine Hahlgans ist, und ich seh wohl ein jetzt, daß ihr
die Haub heunt morgen nicht verkehrt auf dem Kopf gesessen hat, daß
ihr aber der Kopf verkehrt unter der Haub sitzt, davor will ich Euch
stehn. Ich bedank mich übrigens vor die Teilnahme; und wenn Sie einmal
arretiert werde sollten, so werd ich auch mein Bestes tun, Sie wieder
einzuholen. Übrigens, wer meine große Abenteuer genauer will erfahren,
der muß morgen kommen, heunt sind die Tore gesperrt.« --
Nun, wie ich die gute Nachbarn los war -- so mach ich der Lieschen erst
Vorwürf, wie sie so dumm könnt sein und mir die Leut über den Hals
trummelt.
Nun nehm ich meine Sternblumenhaub vom Kopf herunter und stülp sie über
die Bouteille. Die hat heunt was mit mir erlebt -- ich eröffne meine
Enveloppe, die Lieschen erstarrt vor der goldnen Kett! -- Sie macht
mir Vorwürf, daß ich nicht gleich hab vor den Nachbarn, die um meine
Abwesenheit waren in Sorgen gewesen, meinen Mantel aufgemacht. »Und«,
sagt sie, »das war einmal nichts, daß die Frau Rat nicht gleich es
gesagt haben, und morgen bei Tag wird das lang so kein Effekt machen.«
-- »Nun!« sag ich, »es ist nun emal geschehen, nun wollen wir uns ins
Negligé werfen und ins Bett legen und von denen viele Strabatzen uns
ausruhen!« --
Nun kommts endlich so weit, daß ich im Bett liege. -- Die Frau Bethmann
haben einen Korb mit den schönsten Kirsche mitgebracht aus dem
Kirschenwäldchen, und wenn mirs recht wär, so wollte sie mir zulieb
morgen noch einmal mit mir hinfahren. »Ei, freilich ist mir das recht!
Jetzt stell sie mir die treffliche Herzkirschen an mein Bett und die
Wasserflasche dabei, so werd ich wie eine Prinzeß mirs wohl sein lassen
und die ganze Nacht Kirschen fressen.« --
Aber die Lieschen hat keine Ruh, sie persuadiert mir noch über die weiß
Nachtjack die goldne Kett um den Hals -- und nun bewundert sie und
bedauert, daß es die Nachbarn von rechts und links und gegenherüber
nicht gesehn haben! »Nun!« sag ich, »schweig sie mit ihrem Lamento, es
ist emal vorbei; hätt ich ehnder dran gedacht, so hätt ichs freilich
ihne zeigen können, es würde sie im ersten Augenblick, wo sie noch
den Schreck in alle Glieder hatten über meine bewußte Arretierung,
noch mehr gefreut und überrascht haben!« -- »Ach!« ruft die Lieschen,
»die hab ich gleich wieder beisammen, es ist ja nit weit hin!« und eh
ich ihr auf ihre Dummheit Kontraorder geben kann, klappt sie mit ihre
Pantoffel die Trepp hinunter, ich hör die Haustür gehn, ich lieg da in
der Nachtjack im Bett mit meiner goldne Kett, mit meine Kirschen; ich
denk: Was soll das werden, alle Leut liegen um ein Uhr in der Nacht im
tiefsten Schlaf; seit wieviel Jahr hat ein gesunder Frankfurter die
Stern am Himmel um diese Zeit nicht gesehn; und nun poltert mir die
Lieschen die Menschen zusammen! -- Ja, richtig, da kommen sie schon mit
angepoltert! -- Nun, morgen wird die ganze Stadt sagen, ich wär nicht
recht gescheut. -- Jetzt, der erst Gesell, der die Tür aufmacht, sein
der Herr Doktor Lehr. »Ei, um Gottes wille, wie kommen Sie daher?« --
»Ei, wie ich eben in Wagen steigen will bei der Frau Schaket, die eben
mit einem kleinen Sohn niedergekommen sind, da kommt Ihr Hausjungfer
Lieschen Hals über Kopf daher gerennt, und im Vorbeirenne frägt sie,
ob ich nicht wollt die schöne Kett sehen, die Ihne der König von
Preußen mit eigne Hände hat um den Hals gehängt!« -- Ei, die Lieschen
ist ja imstand und redet die ganz Stadt auf, um die Kett zu sehn, und
morgen werden die Leut sagen, ich war nicht recht gescheut! -- Nun,
weil der Doktor Lehr in Bewundrung über meine Kette dastehn, so kommen
die andern nachgepoltert, die all von der Lieschen und ihrer Neugierd
wieder aus dene Betten getrummelt waren, und ich hat nicht weniger wie
zehn Personen im Zimmer und ein fürchterlich Geschnatter! Ich sagt
aber nichts und ließ sie gucken und Glossen machen und aß ruhig meine
Kirschen auf, und mit der letzte Kirsch da sagt der Doktor Lehr: »Nun
werd ich meine Kindbetterin, noch eh ich nach Haus fahr, besuchen, und
werd von der golderne Kett noch erzählen!« -- »O«, sag ich, »schicke
Sie mir nicht auch noch die Stadthebamm übern Hals!« -- Jetzt, kaum
war der Doktor Lehr fort, so empfehle sich auch die Nachbarsleut und
bedanke sich, und ich mach meine Entschuldigungen, daß die Lieschen
ohne mein Wille sie hat wieder aus den Betten geholt, sie gaben aber
dem Lieschen ganz recht! -- Nun, wie sie der Tür drauß waren und ich
hör die Haustür gehn, war ich froh, daß ich endlich bei mir allein
war. Aber da knistert was an der Tür! -- Mein Schrecken! -- ich denk,
da ist am End heimlich ein Spitzbub hereingeschlichen, ich schrei um
Hilf, ich will eben ans Fenster springen und die Nachbarsleut wieder
herbeirufen, die noch nicht weit sein könne, da ich die Absätz von ihre
Schuh deutlich in der Fern widerhallen hör auf dem Straßenpflaster.
Aber da kommt ja wahrhaftig die Frau Ahleder herein, die Stadthebamm,
und sagt, der Herr Doktor Lehr hätts ihr gesagt, ich hätts erlaubt,
daß sie noch dürft komme und die goldern Kett sehn! -- »Ja«, sag ich,
»Frau Ahleder, sehe Sie nach Gefallen, aber ich bitt Sie um Gottes
willen, sagen Sies heut niemand wieder, damit ich doch noch einen
Teil von der Nachtruh genießen kann!« -- Nun, die war auch die letzt
Nachtvisit, aber acht Tag hintereinander strömte alle Leut zu mir, und
ich mußte viele alte Bekanntschafte erneuern und viel neue machen wegen
der Kett und mußt meine Geschicht von alle Seite erzähle, wo ich dann
unendlich viel Variation dabei angebracht hab und hab denen besuchende
Neugierigen einem jeden noch apart mit eingeflochten, was ich meint,
daß ihm not wär zu bedenken. Den ersten Tag war ich durchgewitscht
ins Kirschenwäldchen, da sind sie mir ja all nachkommen zu Fuß und zu
Wagen, und das ganze Kirschenwäldchen war gestopft voll Zuhörer, und
die Gassenbuben haben Spalier gemacht um mich herum, und ich mußt eine
Prachterzählung machen, und ich wärs beinah satt geworden, ich war
froh, wie sich der erst Sturm gelegt hatte. Nun, heunt hab ich wieder
einmal die alt Geschichte mit besonderm Pläsier aufgewärmt, und ich
hoffe, daß sie Euch wird eingeleuchtet haben.
[Illustration]
[Illustration]
Friedrich Theodor Vischer:
Die Tücke des Objekts.
Vorbemerkung des Herausgebers.
Der nachfolgende Abschnitt ist dem großen, humoristisch-satirischen
Reiseroman »Auch Einer« entnommen, den Vischer im Jahre 1879
veröffentlichte. Eine Fülle geistsprühender Aphorismen, scharf
pointierte Betrachtungen über alle Dinge in Kunst und Leben ranken
in bunten Verschlingungen in diesem Buch, das mit derbem Behagen
und kräftigem Humor einen Menschen schildert, den Reisebekannten
A. E. (Auch Einer), der sich der Tücke des Objekts, d. h. der
Widerwärtigkeiten all der kleinen, störenden, an sich unbedeutenden
Zufallsdinge des Alltags nicht erwehren kann. Auf einer Reise in
die Schweiz macht der Dichter die Bekanntschaft des sonderbaren
Helden. Gleich in der ersten Nacht, die sie im selben Hotel Wand an
Wand verleben, lernt der Dichter aus dem Munde des Herrn A. E. die
widerwärtige Tücke des Objekts kennen. Vischer erzählt:
[Illustration]
Ich konnte lang nicht einschlafen, hörte meinen Wandnachbar in sein
Zimmer treten, sich auskleiden und zu Bett legen. Das Haus war so
hörsam, daß selbst das Nagen einer Maus im Nebenzimmer meinem Ohre
nicht entging. Den unbekannten Bewohner desselben hielt ich für
längst eingeschlafen, als ich die Worte vernahm: »Ach es fängt an.«
Es war die Stimme meines armen Verkälteten. Was denn auch wirklich
anfing, war ein scharfes Husten und häufiges starkes Räuspern und
Spucken, das, von tiefen Seufzern unterbrochen, zu meiner eignen Qual
wohl eine Stunde dauerte, dann aber einem fürchterlichen Schnarchen
Platz machte, das im ganzen Register einer Orgel sich hin und her
bewegte, oft von stoßenden, plötzlich abschnappenden Tönen und bangen
Pausen unterbrochen, worin der musikalische Schläfer nach Atem zu
ringen schien. Ich hätte ernstlich für seine Lunge gefürchtet, wenn
nicht seine Gesichtsfarbe, gewölbte Brust, Energie der Bewegungen,
wie ich sie während des Tags beobachtet hatte, eine ausdauernde
Widerstandskraft verbürgt hätten. Endlich schlief ich doch selbst
ein, freilich nur, um sehr früh geweckt zu werden und zwar durch ein
Auf- und Abgehen meines Nachbars, das mit Geräuschen wechselte, aus
denen ich auf ein ungeduldiges Suchen in Schubladen, auf Tischen, in
allen Geräten des Zimmers schließen mußte. Das Laufen, Stöbern wurde
immer heftiger, ein Selbstgespräch, das diese wilden Bewegungen zuerst
leis begleitete, wurde lauter und lauter und ging dann in wütende
Ausrufungen, endlich in einen Hagel von Flüchen über, die in der Tat
nicht christlich, vielmehr türkisch, ja heidnisch zu nennen waren
und von einem wütenden Stampfen und Wettern begleitet wurden. Ich
hielt es nicht mehr aus, der Mensch schien mir rein toll geworden, ich
kleidete mich flüchtig an, klopfte an seiner Tür und trat, in meiner
Aufregung die Form vernachlässigend, ins Zimmer, ohne auf das »Herein«
zu warten. Mit zornsprühenden Augen, hochrot im Gesicht, fuhr der
Bewohner auf mich zu, er schien mich an der Kehle packen zu wollen;
plötzlich aber faßte er sich, stand unbewegt vor mir, sah mich mit
durchdringendem Blick an und sagte ruhig streng: »Mein Herr, Sie führt
ein Bildungsbedürfnis hier herein.« Es war mit meinem Gewissen nicht
sonderlich bestellt, denn ich hatte doch eine Formverletzung begangen;
dies machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: »Ja«, und fragte
nun, was er denn aber ums Himmels willen eigentlich habe. A. E. -- so
wollen wir meinen Reisebekannten von nun an der Kürze halber nennen
-- fiel jetzt wieder in seinen Wutzustand und schrie mit Donnerlaut:
»Meine Brille, meine Brille! Die Canaille hat sich wieder einmal
verkrochen -- vom Schlüssel, dem kleinen Teufel, vorerst nicht zu
reden!«
»Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dies Objekt es wert, daß man in
solche Wut gerate? Kennen Sie denn auch gar keine Geduld?«
Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber auch diesmal wieder,
sah mich an und sagte: »Schraubenschlüssel? Pfropfzieher?«
»Was soll das?«
»Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich habe eine Frau;
ich lachte sie aus, daß sie die Zeitung unaufgeschnitten lese und
jahrelang eine Schublade dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie
mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur Übung dieser
Tugend an meinem Rock statt Knopflöcher und Knöpfe Schrauben und
Schraubenmütter tragen, die sich ja ganz elegant von blau angelaufenem
Metall herstellen ließen, oder auch Pfröpfe, und ich könnte jedesmal,
wenn ich den Rock öffnen wolle, jene mit einem Schraubenschlüssel,
diese mit einem Pfropfzieher aufmachen. -- O was! ein Weib ist fähig,
über einen Schrank einen Teppich so zu legen, daß er über die oberste
Schublade überhängt und, so oft diese gezogen und geschlossen wird,
sich einklemmt! Mein Herr, das Weib hat +Zeit+ für den Kampf mit dem
Racker Objekt, sie +lebt+ in diesem Kampf, er ist ihr Element; ein Mann
darf und soll keine Zeit hiefür haben, er braucht seine Geduld auf für
das, was der Geduld +wert+ ist. Über die Zumutung, beides zu verwenden
an das Unwerte, kann, darf, soll er wüten! Sie können doch wissen,
daß die elenden Objekte, diese Igel, diese Nickel, sich nie lieber
einhaken, als wenn wir die höchste Eile haben, etwas fertig zu bringen,
was nötig und vernünftig ist! Elender Bettel, nichtswürdiger Knopf oder
Knäuel eines Bündels, Lorgnettenschnur, die sich um meinen Westenknopf
wickelt, just, wenn es auf der Eisenbahn aufs äußerste eilt, einen
klein gedruckten Fahrplan nachzusehen, ich hab' ja keine Zeit, keine
Zeit für euch! Und wenn ich tausend Blutigel an die Ewigkeit setze, sie
ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch heraus!«
»Was nützt aber die Wut?«
»O geistlos! Hat es Luther nichts genutzt -- falls von Nutzen die Rede
sein soll -- wenn er den Teufel fortschalt? Wißt ihr denn nichts von
Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im Fluchen
liegt?«
Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn, er schoß wütend im Zimmer
hin und her und ergoß eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme Brille.
Ich suchte inzwischen am Boden herum; ich hob ein paar Hemden weg, die
blank, aber zerzaust umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch
in einem Bretterspalt; ich glaubte, darin etwas schimmern zu sehen,
strengte meine Augen an, die sich einer guten Sehkraft erfreuen, und
die Entdeckung war gemacht; ich nahm den schwergeärgerten Mann leicht
am Arm und deutete schweigend auf die Stelle. Er stierte hin, erkannte
die vermißten Gläser und begann: »Sehen Sie recht hin! Bemerken Sie
den Hohn, die teuflische Schadenfreude in diesem rein dämonischen
Glasblick? Heraus mit dem ertappten Ungeheuer!«
Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu ziehen, die Mühe stand
wirklich im Mißverhältnis zum Werte des Gegenstands, endlich war es
gelungen, er hielt sie in die Höhe, ließ sie von da fallen, rief mit
feierlicher Stimme: »Todesurteil! ~Supplicium!~« hob den Fuß und
zertrat sie mit dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern und Staub
umherflog.
»Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille,« sagte ich nach einer Pause
des Staunens.
»Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens hat ihre Strafe
für jahrelange unbeschreibliche Bosheit. Kommen Sie, da, sehen Sie«
Er zog seine Uhr heraus; es war eines der ordinärsten, in der Tat
gemeinsten Produkte der horologischen Industrie, ganz Zwiebel. »Statt
dieses redlichen, treuen Wesens«, fuhr er fort, »fungierte früher eine
goldene Repetieruhr, die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet
hatte; sie vergalt dieses Opfer jahraus jahrein mit Tücken jeder Art,
ging nie recht, benutzte arglistig jede Gelegenheit, zu fallen, sich
zu verstecken, Gläser zerbrachen so viele, daß es mich bald an den
Bettelstab gebracht hätte, endlich setzte sie sich mit dem Haken der
goldenen Uhrenkette in Einverständnis, in Verschwörung. Mit den Haken,
mein Herr, hat es nämlich eine eigne Bewandtnis. Das Tendenziöse,
was im Objekt überhaupt liegt -- darüber wäre einiges zu sagen, mein
Herr, aber das ist von langer Hand -- das Tendenziöse spricht sich
so offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken aus, daß man im
Umgang mit diesen hämischen Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man
denkt: dich kenne ich ja, dich verrät deine griffige, vor sich selbst
warnende Bildung, du wirst mich nicht überlisten; eben darüber wird
man im Gegenteil fahrlässig. Ganz umgekehrt verhält es sich bei so
manchen andern Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem simplen Knopf
seine Verruchtheit ansehen? Aber ein solcher Racker hat mir neulich
folgenden Possen gespielt. Ich ließ mich gegen alle meine Grundsätze
zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten; eine große silberne
Platte, bedeckt mit mehrerlei Zuspeisen, kam vor mich zu stehen; ich
bemerkte nicht, daß sie sich etwas über den Tischrand heraus gegen
meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, meiner Nachbarin, fällt die
Gabel zu Boden, ich will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte
sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte gemacht, hebt
sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, der ganze Plunder, den sie
trug, Saucen, Eingemachtes aller Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit,
rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will noch retten,
schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt ihren Inhalt über das weiße
Hochzeitkleid der Braut zu meiner Linken, ich trete der Nachbarin
rechts heftig auf die Zehen; ein andrer, der helfend eingreifen will,
stößt eine Gemüseschüssel, ein dritter sein Glas um -- o, es war ein
Hallo, ein ganzes Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall: die
zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt schien in Scherben gehen
zu wollen; mich ergreift die Stimmung des Erhabenen, ich fasse zunächst
eine Champagnerflasche, trete ans Fenster, öffne es, schwinge sie
empor, der Bräutigam fällt mir in den Arm, ich erzürne mich, es gibt
bös Blut, die Braut war ohnedies halb ohnmächtig, kurz -- ich mag nicht
weiter erzählen, denn nun wurde die Sache komisch.«
»Ernst, wollen Sie sagen?«
Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle gesunden Begriffe
verwirrt; ich verzichtete auf weiteres Eingehen und bat ihn, das
Trauerspiel von Haken und Uhr zu vollenden.
»Ja so, ja, also: der Haken schlich in einer Nacht über das Tischchen,
worauf ich die Uhr achtsam gelegt, leise hinüber nach dem Bett,
nestelte sich in eine Naht des Kissenüberzugs ein, das Kissen war mir
überflüssig, ich hob es rasch und warf es an das Fußende des Bettes,
die Uhr nun natürlich mit; in einem prächtigen Bogen schwang sie sich
an die Wand und fiel mit zersplittertem Glase nieder. Es war genug. Ich
zertrat sie feierlich wie diese Verbrecherin von Brille, der Kobold gab
dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie eine verfolgte Maus, ich kann
schwören, daß es ein Laut war, der nicht im Umfange der physikalischen
Natur liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene Zeigerin
der Zeit um niederträchtig geringes Geld gekauft; betrachten Sie die
Gute: bemerken Sie den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten
Zügen; seit zwanzig Jahren dient sie mir -- unberufen, unberufen! --
treu und ehrlich, ja, ich kann sagen, nicht +einen+ Verdruß hat sie mir
bereitet. Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter, der Haken
wurde zu schmachvollem Tod in der Kloake verdammt, und ich trage meine
redliche Zwiebel an dieser sanftgearteten seidenen Schnur; Johann, der
muntre Seifensieder.«
A. E. war während dieser Darstellung, in deren Breite er sich zu
gefallen schien, ganz ruhig geworden und fuhr gelassen fort:
»Jetzt das übrige! Die übrige Geschichte dieser schwarzen Morgenstunde!
»Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen ab, da ich sie anziehen
will. Ja, ja, so ein Hemdknopf! Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf;
ich weiß, was ich zu tun, wie ich meine Waffe anzuwenden habe; einen
hundertjährigen Eichbaum kann ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber
der Knirps! Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie will absolut
nicht durchs Knopfloch, und ich soll sie zugleich ebensosehr gar nicht
anwenden, sondern ganz fein und leicht mit den Fingerspitzen arbeiten,
und indem ich mich placke, schinde, abrackere, foltere, töte, das
Widersprechende zu leisten -- o lustig! springt die Schmachkanaille
erst recht ab! Die Teufel nehmen Besitz vom Weibe, uns dies Scheußliche
zu bereiten. Ich habe es von glaubwürdigen, wahrheitliebenden und
besonnenen Ehemännern: wegen der Hemdknöpfchen heiratet man, und dann
ist es erst recht nichts damit. -- Weiter! -- Nur im Vorbeigehen will
ich anführen, daß mich zuerst beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges
Armloch gute fünf Minuten lang insultiert hat -- dabei blieb ich aber
noch ganz ruhig -- denn ich kann mich beherrschen, mein Herr! Nun aber
sehen Sie diesen Schlüssel« -- er zog einen kleinen Schlüssel hervor,
der wohl zu seiner Reisetasche gehörte -- »und sodann diesen Leuchter!«
-- er hielt mir den metallenen Leuchter umgekehrt vors Auge, so daß
ich in die Höhlung seines Fußes sah -- »was glauben, was denken, was
sagen Sie?«
»Ja, was weiß denn ich?«
»Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute morgen diesen Schlüssel
gesucht -- es war zum Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen
Sie, so!« Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am Bett, stellte den
Leuchter darauf; der Schlüssel fand just, wie ausgemessen, Platz unter
dem Leuchterfuß.
»Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermutung kommen, wer so
übermenschliche Vorsicht üben, solche Tücke des Objekts zu vermeiden!
Und dazu lebe ich! An solches hündische Suchen muß ich meine arme,
kostbare Zeit verschwenden! Suchen, suchen, und wieder suchen! Man
sollte nicht sagen: so und so lang hat A. oder B. gelebt, nein:
gesucht! -- Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben Sie mir das!« --
»Jawohl ist das Leben ein Suchen,« sagte ich mit einem Seufzer, der
scheinen konnte, den Mühen des Lebens zu gelten, während er in Wahrheit
von der Langeweile ausgepreßt war, da die breite Beschäftigung mit dem
Bagatell mich denn doch zu ermüden begann. Daher denn auch die flache
Bemerkung selbst, die nur um jeden Preis nach einem Inhalt abzulenken
suchte.
Ich kam schlecht an. »So, mein Herr, symbolisch?« sagte er. »Und das
soll dann tiefer sein! Ah! O!«
»Nun, was denn?«
»Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen Sinn, darüber, daß das
Leben so ein Suchen ist, darüber klage ich nicht, darüber sollen Sie
nicht seufzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst. Ein
rechter Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht darüber, sondern
ist glücklich in diesem Unglück der aufsteigenden und nie anlangenden
Linie des Lebens. Das ist unser oberes Stockwerk. Aber die Zugabe, die
Hundenot gleichzeitig im untern Stockwerk des Lebens -- davon ist die
Rede. Da ist also zum Beispiel das Suchen, das so toll, so nervös,
so wahnsinnig macht. Man verfällt ja dabei immer in den Theismus.
Der liebe Gott, der oben herunterschaut, der die Haare auf unserm
Haupte zählt, der mich nun stundenlang meine Brille suchen sieht --
er sieht ja auch die Brille, weiß recht gut, wo sie liegt -- ist es
zum Ertragen, nun denken zu müssen, wie er lachen muß? -- Allgütiges
Wesen! Meinen Sie, ein solches würde ferner den Katarrh zulassen?
Leben -- Suchen -- Spucken! Da sagen die törichten Menschen von einem
Ausgedienten, von einem Erlösten, von dem sie meinen, er gehe als Geist
um, er spuke! Dummes Zeug, aus hat er gespuckt! O, wir sind geboren, zu
suchen, Knoten aufzudröseln, die Welt mit Hühneraugen anzusehen, und
ach! zu niesen, zu husten und zu spucken! Der Mensch mit seines Hauptes
gewölbter Welt, mit dem strahlenden Auge, dem Geist, der in die Tiefen
und Weiten blitzt, mit dem Fühlen, das mit Silberschwingen zum Himmel
aufsteigt, mit der Phantasie, die ihres Feuers goldene Ströme ausgießt
über Berg und Tal und sterblich Menschenbild zum Gott erklärt, mit dem
Willen, dem blanken Schwert in der Hand, zu schlichten, zu richten, zu
bezwingen, mit der frommen Geduld zu pflanzen, zu pflegen, zu wachen,
daß der Baum des Lebens wachse, gedeihe und Himmelsfrucht jeder sanften
Bildung trage, der Mensch mit der Engelsgestalt des ewig Schönen im
ahnenden, sehnenden Busen -- ja, dieser Mensch verwandelt in einen
schleimigen Mollusken, zur klebrigen Auster erniedrigt, ein Magazin,
ein Schandschlauch für vergärenden Drüsensaft, eine Schneuzmaschine,
im Hals ein zackig Kratzeisen, ein Nest von Teufeln, die mit feinen
Nadeln nächtelang am Kehlkopf kitzeln, die Augen trübe, das Hirn dumpf,
stumpf, verstört, der Nerv giftig gereizt, und dabei erst nicht als
Kranker geltend, noch geschont -- und da soll es einen Gott --!«
Hier geriet mein Gottesleugner in ein Niesen und Husten so
teilnahmwerter Art, daß ich eine Bemerkung, die mir auf der Zunge lag:
der Katarrh sei denn doch nicht der gewöhnliche Zustand des Menschen,
gern unterdrückte; ich konnte freilich ohnedies ahnen, daß ich schlecht
damit gefahren wäre. Dagegen wollte ich mich doch nicht enthalten, als
der Paroxismus zu Ende war, vorzubringen: »Aber was machen Sie denn,
wenn Sie ernstlich, schwer krank sind?«
A. E. war inzwischen daran, sich reisefertig zu machen, wurde über
einem Hindernis, das sich an der Rückseite seiner Beinkleider zu
befinden schien, noch einmal sichtlich aufgeregt, trat plötzlich hart
vor mich, machte straff wie ein Soldat rechtsum kehrt und schrie sehr
laut und schroff: »Hier!«
Ganz verdutzt, als ich nun so breit seinen Rücken vor mir hatte, dachte
ich, ob denn dies der Anfang des versprochenen Bildungsunterrichts sein
solle; er ließ mir ziemlich Zeit zur Betrachtung, bis der Aufschluß
kam: »Sehen Sie die Lappen am Hüftgurt? sind fünfmal, sage fünfmal beim
Schneider gewesen vor der Abreise; zuerst zu lang oder zu weit, dann
wieder zu kurz oder zu eng, dann beides noch einmal so -- nun? wie
steht's mit der Theologie?«
Ich verstand jetzt, daß ich sehen sollte, wie die Lappen einander zu
nah angenäht waren, die Gürtung also nicht genug angezogen werden
konnte; er war zufrieden, als ich mein Verständnis kund gab, und nun
schien der Sturm ausgetobt zu haben. Meine vorige Bemerkung fiel ihm
jetzt wieder ein.
»Was haben Sie von recht Kranksein gesagt? Nun, das ist ja Geduld wert.
Das Moralische versteht sich immer von selbst.«
Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt, wobei er, wie ich
bemerkte, sehr geschickt zu Werke ging; es galt, viele Kleinigkeiten
in engen Raum zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zustande;
Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht die Ursache des
Kriegszustandes sein, in dem er mit dem Bagatell sich befand. Er
sagte mir nun, er wolle seine Reise auf der Axenstraße am See zu Fuß
fortsetzen. Leicht konnte er sich denken, daß ich wahrscheinlich
ebendasselbe vorhabe, der Gedanke eines Zusammenwanderns lag, da wir
denn doch schon Bekannte waren, nahe genug, aber es fiel ihm nicht
ein, auch nur einen Wink zu geben, der entfernt einer Einladung
gleichgesehen hätte. Ich dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst
vorstelle, und begann: »Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit, daß ich
mich Ihnen --«
Er unterbrach mich: »Bitte, danke, lieber nicht -- verzeihen Sie, es
ist nicht Maske, nicht Geheimtuerei von mir, gewiß nicht, liebe aber,
auf der Reise wenigstens, alles klar, frei. Name und Stand macht
Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie und dergleichen, wir sind
eben jeder ein Ich, eine Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes
Lebwesen; wir befinden uns besser so.«
Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen Kauz nichts übel zu nehmen,
und da, wie ich gestehe, meine Neugierde nach Namen und Stand eben
auch nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen, daß ich auch
nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich vor mir habe. Ich reichte auf
der Schwelle die Hand zum Abschied, und A. E. wollte sie eben nehmen,
als ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken sollte; dieses Werk
wenigstens noch gemeinsam zu verrichten, dagegen schien er denn doch
nichts zu haben, und so stieg ich mit ihm in die »~salle à manger~«
hinab.
[Illustration]
Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich suchenden Blick
nach den vier Ecken des Saales, und zwar auf den Fußboden, warf;
der Blick kehrte beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines
Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht sein mag; mit
höchst gemütlichem Tone sagte er: »Der Saal ist doch ganz ordentlich
möbliert,« und von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm
einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der Schweizer Gasthöfe in
diesen Frühstunden stets bereit, und A. E. -- nachdem er Honig und
Butter heftig weggeschoben hatte -- griff rüstig zu, ich desgleichen.
Wir waren allein im Saale, doch bald trat ein dritter Reisender ein.
Es war ein Mann von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von
ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die Schultern hängenden
Kragen und auf dem Rücken einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister,
auf seiner Stirn lag ein bemerklicher Wanderschweiß, man sah, er hatte
diesen Morgen schon einige Stunden zurückgelegt; er legte seine Last
ab, stellte den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, nicht
ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der eine innere Zufriedenheit
mit dem gediegenen und nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch
an den Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den Stuhl
recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich, was aufgesetzt war,
schien mit der Vollständigkeit der Dinge, die zu einem englischen
Frühstück gehören, sehr einverstanden und begann mit dem vollen
Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist, daß ihr Leib sein Frühstück
redlich verdient habe, die genußverheißende Arbeit des Schneidens
und Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß der Mann dem
Gelehrtenstande angehören mußte, und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe
legte den Schluß nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden
gehören möge, die durch starke Fußmärsche in Ferien einzubringen
suchen, was sie durch sitzende Lebensart das Jahr hindurch ihrem
Organismus Leides zufügen müssen.
A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien zum Abmarsch keine
besondere Eile zu haben, steckte sich gemächlich eine Zigarre an
und begann zu mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich
Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, ich vermute, daß
Sie es zugeben, wiewohl ich es Ihnen philosophisch eigentlich noch
nicht begründet habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben,
das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität des Objekts, des
sogenannten Körpers, was die bisherige Physik geistlos mit Namen wie:
Gesetz der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, während es
vielmehr aus Einwohnung böser Geister herzuleiten ist.«
Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib höchst
kunstgerecht wie man es wohl im »Kurmärker und die Picarde«
vom preußischen Landwehrmann verrichten sieht, der Länge nach
entzweigeschnitten und war eben beschäftigt, die Butter schön und
glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen; er hielt bei diesen
Worten einen Augenblick inne, warf unter den buschigen Brauen einen
sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann nachdenklich in seinem
plastischen Geschäfte fort, indem er öfters mit einem Ausdruck von
Staunen und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam mir der Gedanke,
ob A. E. auf ihn berechne. Es schien entschieden nicht. Er hatte auf
den Eintretenden nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen
scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken, als wäre eine
fest greifende Hand darin, doch nicht ein Zeichen ließ vermuten, daß er
sich weiter um den Unbekannten kümmere.
»Animos,« fuhr er fort, -- »haben Sie denn auch nur schon beobachtet,
wie das fallende Papierblatt uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft
graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und her flattert? Sagt nicht
jeder Zug mit blasiert eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O,
das Objekt lauert. Ich setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemut
an die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben,
schreibe: ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der Teufel will
nicht heraus, ich beflecke die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt aufs
Papier -- dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch und so weiter,
und so weiter, kurz, der schöne Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis
in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt
das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der
Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat;
er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem;
was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt,
ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß
der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich
fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse.
So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre,
Glas, Lampe -- alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht
gibt. Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? Wer hat Zeit?
Und wie der Tiger im ersten Moment, wo er sich unbeobachtet sieht,
mit Wutsprung auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte Objekt;
plumper oder feiner, wie es kommt, diabolisch fein zum Beispiel das
Eisenfeilstäubchen, das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine
Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange gefreut, und das mich
ums Auge zu bringen drohte -- o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein
ordentlicher Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches
Konzil -- Vorschläge -- Anträge -- Amendements -- zum Exempel:
Antrag: Hühnerauge, Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag: Grimmen
auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft einer Dame; Antrag:
schlecht Wetter, Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu eng.
Doch nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt liebt in seinem
Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende,
schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich färbt, bildet, auf
dem sie leben, sich nähren, damit sie der Feind schwerer entdecke
-- Raupe, Schmetterling der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der Erde
gleich -- so verfahren auch gern die Dämonen: zum Beispiel rotbraunes
Brillenfutteral versteckt sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke
des Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von der Höhe
fallen lassen, aus der Hand gleiten -- du vergissest dich kaum einen
Augenblick und ratsch --«
Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines Geräusch von der Seite des
dritten Gastes her, sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit
einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den er mit großem Schrecken
und darauf folgender tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst
mit Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes als korrekt
geschnittenes Brot, und dasselbe war -- »natürlich« würde A. E. sagen
-- auf die gestrichene Seite gefallen.
Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen Lachreiz, denn es war
doch auch gerade, als ob das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in
einem geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären. A. E. sah
ganz ernst hinüber und nickte sanft mit dem Kopfe, ohne einen Zug des
Spottes, ja eher mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen:
das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde schoß jetzt nicht nur
einen, sondern eine Batterie von Blicken, grimmigen, auf uns herüber
und machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem unheilbaren
Schnitten einen entsprechenden Nachfolger hervorzubringen.
A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt so eine Sache mit
dem Ding da, den zwei Dingen, was Kant die reinen apriorischen
Anschauungsformen nannte.«
»Raum und Zeit?«
»Eben. Was ist der Raum denn andres, als die unverschämte Einrichtung,
vermöge deren ich, um den Körper ~a~ hierherzusetzen (-- er zeigte es
an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, die etwas dicht auf dem
Tische standen --), vorher ~b~ dort weg, um Platz, für b zu bekommen,
wieder ~c~ da hinwegstellen muß und so mit Grazie ~in infinitum~ --?
Und die Zeit? Das ist dasjenige, was man dazu doch nicht hat. Denn
Donnerwetter und alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe
nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs wert ist!«
Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich lachend den Kopf hin
und her und eine sichtbare Unruhe kam ihm in die Beine.
A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal«, fuhr er fort, »sind die
Nickel unverschämt in entgegengesetzter Richtung. Jetzt will zusammen,
was nicht zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten Formen:
das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges Blatt, das zum Aktenstoß Y
gehört, beim Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z hinkriecht
und mit hinein in das Schubfach schlüpft und sich über Tag, Woche
oder Jahr nicht finden, sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut,
Rennen bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das bekannte, ewige
Unterschlüpfen der Damenkleider unter den Stuhlfuß des Nachbars nur
ein kleiner, zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts,
doch interessant als allein schon hinreichend, unsre dumme Physik zu
stürzen, denn wer könnte so etwas mechanisch erklären?«
Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es wird zuviel!« stieg mit
straffen Schritten auf uns los, pflanzte sich vor A. E. auf und
mit Zornblick rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor
der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam mein Butterbrot
hinuntergeworfen!«
A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz gelassenen, ganz
kontemplativen Blick und schwieg. Was werden sollte, wer konnte es
wissen? Plötzlich stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht, seine
Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich meinen Mann eben doch
noch nicht so ganz kannte, wurde schon für den Frieden besorgt, als
er mit Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer über das
Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das oben zart erwähnte Gerät stand,
und nun ging ein Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen,
wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so schreckliches Glucksen,
Kollern, Fauchen, Raspeln, Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los,
als hörte man die rasende Musik eines Chors von Höllengeistern. Es
dauerte ziemlich lange, bis diese furchtbare Naturerscheinung vorüber
war, dann richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, griff
nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen zu mir mit jammernswert
fistulierender Stimme: »Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu
beruhigen! Guten Tag beiderseits.«
Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt, als A. E. so jäh in die
Höhe fuhr; dann sah und hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen
des erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden einen
langen, verwirrten Blick nach. Endlich wandte er sich gegen mich,
zwinkerte mich mit den Augen an und deutete mit dem Finger auf seine
Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien dies für volle Bejahung zu
nehmen, war nun wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an die
Erneuerung seines Frühstückwerks.
Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell folgen; es hätte
scheinen können, als wolle ich mich aufdrängen. Ich war doch etwas
ungehalten, daß er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich
besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch ein halbes Stündchen
noch hinzuziehen, fiel mir ein: Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe
soll nicht ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging gleich
an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe von Notizen in mein Tagebuch
und brach auf, als ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe nun
genügenden Vorsprung.
[Illustration]
[Illustration]
Adolph Bayersdorfer:
Die militärpflichtige Tante.
Der einzige Mensch, den ich noch mit einem Haarbeutel gesehen habe,
mit einem solchen nämlich, wie man sie vor Zeiten außen am Kopfe
trug, war mein alter Großoheim, welcher vordem beim deutschen
Reichs-Kammergericht in Wetzlar angestellt gewesen und zugleich mit
diesem berühmten Institut in eine wohlverdiente Pension gegangen war.
In dem komplizierten Räderwerk des obersten deutschen Gerichtshofes
hatte er ein ganz kleines Federchen, Rädchen oder Kettchen
vorgestellt als ein versteckter Unterbeamter einer untergeordneten
Registraturskanzlei, welche ihrerseits wieder die Unterabteilung
einer anderen war. Wenn ich nun meines Großoheims ganzen Titel
herschreiben wollte -- eine einzige monströse Namen-Kumulation, welche
in pünktlicher Fixierung die Titulaturen aller Stellen von oben herab
gewissenhaft mit einschloß, bis sie bei seinem bescheidenen Posten
angelangt war -- so müßte ich mindestens einmal dazwischen frisch
Tinte schöpfen, gleichwie die Leute, die so viel Zeit hatten, ihn bei
seinem ganzen Titel rufen zu können, einmal Atem holen mußten unter der
Absagung dieses einzigen Wortes.
Der gesegnete Träger dieser Titelschleppe, deren Länge, wie
herkömmlich, im umgekehrten Verhältnisse zum Gehalte ihres Eigentümers
stand, war ein hagerer, schweigsamer Mann mit knochigem Gesichte,
der gleich der verkörperten Theorie immer ganz grau und altväterlich
gekleidet einherging, bis an den Hals zugeknöpft. Pedanterie in
allen Dingen war wohl seine einzige Passion. Er fand einen Genuß in
der Pünktlichkeit, mit welcher er jeden Tag zu den gleichen Stunden
das Gleiche tat, und auf seinen Spaziergängen, die den größten Teil
seiner Mußestunden (er hatte deren täglich vierundzwanzig) in Anspruch
nahmen, sah man ihn immer mit denselben Glockenschlägen um dieselben
Ecken biegen. Der Spaßmacher des Städtchens richtete solange seine Uhr
scherzweise nach meines Großoheims Spaziergängen, bis er endlich für
gut fand, diese Art der Zeitregulierung in vollem Ernste beizubehalten.
In der mediatisierten Reichsstadt, woselbst er seine Pension verzehrte,
war er zur Zeit meiner Schuljahre, wie gesagt, der einzige Mensch mit
einem Haarbeutel und deswegen für uns reichsstädtische Jugend eine
besonders interessante Gestalt, welche wir gleich einer Reliquie
halb mit ehrwürdiger Scheu, halb mit dem aufkeimenden Spotte eines
zweifelnden Gemütes, das sich der verderblichen Aufklärung zuneigt,
anzustaunen gewohnt waren.
Mein Großoheim war mit meiner Großtante verheiratet, ein Umstand,
dessen Zufälligkeit mir als Kind viel zu denken gab. Die Großtante war
eine altmodische Frau und hatte ihrem Manne drei Töchter beschert,
welche auch nie recht in die Mode kommen wollten. Die dritte, welche
fast zwei Jahrzehnte jünger war als ihre Schwestern, hatte den seltenen
Namen Mauritia und war als meine Tante bei allen Wendepunkten meines
jungen Lebens, von der Taufe angefangen bis zur Erlangung der ~Toga
virilis~, mein religiöser Beistand. In ihren späteren Tagen bekam sie
dasselbe verblichene Kanzlei-Aussehen, wie es ihr Vater gehabt hatte,
und glich ihm überhaupt mehr, als ihrer Weiblichkeit gut stand.
Das mochte mit den ersten Eindrücken zusammenhängen, welche sie in
ihrer Jugend erfahren hatte, denn die Geburt meiner Tante fiel in die
wüsten Kriegsjahre am Anfange unseres Jahrhunderts, und Trommeln und
Schießen war ihren kleinen Ohren geläufiger geworden, als Wiegenlieder.
So war sie denn unter dem Zeichen des Mars zur Welt gekommen und
konnte sich diesem planetarischen Einflusse so wenig entziehen, daß sie
sogar in ihrem einundzwanzigsten Jahre konskribiert wurde.
Das kam aber so. Als sie ungefähr drei Jahre alt war, nahm der
schreckliche Kriegslärm, der mit Feuer und Schwert über die Länder
gezogen war und wie manche Gegend, so auch meines Großoheims Wohnsitz
doppelt und dreifach heimgesucht hatte, ein ersehntes Ende, und
ein zaghafter Friede, an den niemand recht glaubte, kam schüchtern
ins Land geschritten. Mit ihm aber auch eine Anzahl kaiserlicher,
königlicher, kurfürstlicher und anderer Kommissäre, welche die vielen
Gemeinde- und Kirchenbücher, Taufregister und Steuerlisten, die von
der Kriegsfurie waren vernichtet oder verschleudert worden, so gut es
eben gehen wollte, mit oder gegen den Willen der geliebten Untertanen
wiederherstellen sollten.
Von dem ersten und wichtigsten Punkte nun, dem der Steuern, abgesehen,
lag es den huldreichen Landesvätern am Herzen, durch eine sorgfältige
Aufnahme des Familienstandes ihrer Landeskinder die verloren
gegangenen Standesregister zu ersetzen, um in späteren Jahren nicht
der langen Konskriptionslisten entbehren zu müssen und so um die
schönen blankgeputzten Soldaten betrogen zu werden, die so herrlich
»Präsentiert's Gewehr« machen können. Die Leute aber hatten in ihrer
Untertanentreue den väterlichen Kunstgriff bald losbekommen und
verleugneten ihre männliche Nachkommenschaft, wo und wie sie nur immer
konnten. Und weil hie und da einer auf dem Betruge ertappt wurde,
so wurden die mit diesem Geschäfte betrauten Regierungs-Kommissare
immer strenger und mißtrauischer, kontrollierten ihre Bezirke öfter
und schrieben manchen zweimal auf, der später nur einmal konskribiert
werden konnte.
Eines Tages nun erschien ein solcher Regierungsbeamter in Begleitung
eines Schreibers in der Wohnung meines Großoheims, der eben in einem
alten vergessenen Buche über ein altes vergessenes Rechtsverfahren las
und die eintretende Gesellschaft nicht eher bemerkte, als bis ihn das
plötzliche Stillstehen der schnurrenden Spinnräder seiner Frau und
Töchter aus dem träumenden Nachdenken weckte. Er klappte also bedächtig
das Buch zu, nachdem er vorsichtigerweise durch ein eingebogenes
Eselsohr die Stelle bezeichnet hatte, wo er in einem endlosen
Fiskalatsprozeß die interessante Lektüre hatte unterbrechen müssen, und
fragte die Herren nach ihrem Begehr. Die Frau und die beiden Töchter
standen wie bei jedem Besuche, der in den Hafen ihrer Häuslichkeit
verschlagen wurde, verlegen und mit überflüssigen Gesichtern in den
Ecken, als ob sie sich selbst im Wege wären, während sich die kleine
Mauritia, in der Familie herkömmlich »Moritz« geheißen, hinter die
geöffnete Tür des Schlafzimmers geflüchtet hatte.
Der Herr Kommissarius nun, der eine Uniform anhatte und für andere
Leute streng, für sich selbst aber selbstgefällig schlau aussehen
wollte und aufs Haar einem Narren glich, fragte mit geheimnisvoller
Weitschweifigkeit vorerst den Familienvater um seinen Namen und
Stand, dann um Frau und Kinder, worauf ihm der Großoheim die beiden
Töchter vorstellte. Diese traten, nicht eben reizende Gestalten, mit
plastischer Unweltläufigkeit, linkisch und hocherrötend, vor und
hatten ein Ansehen, als erwarteten sie mit schuldbewußten Mienen,
aber heroisch gefaßt, einen grausigen Urteilsspruch. Doch es wurden
bloß ihre Namen in die Liste geschrieben, gleichwie vorher die Namen
von Vater und Mutter. »Habt ihr sonst keine Kinder?« fragte nun der
fremde Mann sehr strenge. »Doch noch ein kleines«, antwortete die Frau,
welche ihrem Manne zuvorkommen wollte, »aber Sie werden entschuldigen,
es ist noch gar nicht gewaschen und ordentlich angezogen.« -- »Das
hat nichts zu sagen,« erwiderte der Mann mit wunderbarer Mischung von
Herablassung und Strenge. Die kleine Mauritia mußte also vorgestellt
werden, und während die Großtante rief: »Moritz, Moritz wo bist du
denn, komm einmal her und gib dem Herrn Vetter die Hand,« stürzten die
beiden Töchter mit Häscherschritten hinter die Tür, zogen Fräulein
Mauritia, die sofort ihr Kriegsgeheul anstimmte, ziemlich gewalttätig
hervor, putzten ihr mit einer Schürze die Nase und sahen sie drohend
und grimmig an, froh, daß das unbekannte Verhängnis über ihre eigenen
Häupter hinweggezogen. Tantchen Moritz aber, in dem beneidenswerten
Stadium der Erscheinung sich befindend, in dem es auch dem geprüftesten
Kenner nicht möglich wird, sei es aus der Gesichtsbildung, sei es aus
der Tracht einen Schluß zu ziehen auf das Geschlecht, dem ein kleiner
Weltbürger künftig angehören solle -- konzertierte ruhig weiter,
während der Großoheim dem Beamten Zeit und Ort der Geburt des kleinen
Schreihalses gewissenhaft angab. Schließlich schrieb dieser strenge
Mann eigenhändig noch eine Bemerkung in die von seinem Schreiber
ausgefüllte Liste und empfahl sich. Der Oheim setzte sich wieder
an seinen Prozeß, nachdem er noch für seine Frau und Töchter die
erklärenden Worte hatte vernehmen lassen: »Das waren die Herren von der
neuen Volkszählung,« und Frau und Töchter setzten sich wieder an ihre
Spinnräder, und der kleine Moritz schluchzte sich in einem Winkel in
großen Pausen langsam in den Schlaf.
Nach Verlauf von achtzehn Jahren hatte sich manches geändert. Meine
Großtante hatte das zeitliche gesegnet, und eine ihrer unmodischen
Töchter, die gewiß zeitlebens eine reine Jungfrau gewesen, war ihr
nachgefolgt und als grobknochiger Engel und gute Seele zum Himmel
aufgeflogen. Die andere war bei ihrem alten Vater geblieben, welcher,
wie es schien, so lange leben wollte, bis die Haarbeutel wieder
in die Mode kämen. Durch seine geringe Pension allein ließ sich
wenigstens sein hohes Alter nicht zureichend erklären. Noch jahrelang
sah man seine melancholische Figur als ungestorbenes Gespenst um den
Stadtgraben spazieren gehen.
Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit ihrem zwanzigsten Jahre
in die Residenzstadt ihres bundespflichtigen Großstaates und engeren
Vaterlandes gekommen. Durch des Schicksals Gunst war sie die Erzieherin
der ungezogenen Backfische eines befreundeten Land-Adeligen geworden,
der infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft in die
Stadt und in die Nähe des Hofes übergesiedelt war, wo er sich und
seine Söhne in der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien
nun eines Tages bei meinem Großonkel ein Magistratsbote mit einer
geschriebenen Aufforderung, daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn
des Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten N.,
mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen Strafgeld für versäumte
Konskriptions-Anmeldung auf dem Bureau Nr. ~X~ zu erscheinen habe.
Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier, zog dann seinen
längsten grauen Rock an, auf dessen hohem Kummetkragen sich der
Haarbeutel ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und ging
ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung auf das Amt. Nachdem er dort
infolge des vorschriftsmäßigen Schreibversehens in der Vorladung aus
einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt worden war, kam
er, der dieses Verfahren aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne
Nebengedanken hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser, dem seine
Angelegenheit zustand. Mein Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über
dem Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und Auflösung zugleich
vor, indem er die Vermutung begründete, daß seine Tochter Mauritia
weiland durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die Familienliste
eingetragen worden sein. Doch er fand sehr ungnädiges Gehör und die
ungläubige Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte mein Großonkel
einen Haarbeutel, so hatte der Beamte einen mächtigen Zopf. Mit
beleidigender Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll
nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß er ihn für den
Mitwisser eines abgekarteten Betruges halte. So wurde er fürs erste mit
Unheil verkündender Kälte entlassen. Der Mann mit dem Zopf war schnell
hinter der Sache her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von dem
Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese in der Residenz eine
Vorladung auf die Polizei. Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu
schaffen haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute nicht
zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut auf, sah noch einmal in
den Spiegel und ging befriedigt über ihr Äußeres -- sie die einzige,
die es je war -- nach dem Polizeiamte. Man sagt zwar: »Jung ist der
Teufel schön«, aber Tante Moritz machte die zu jeder Regel gehörige
Ausnahme und war auch jung nicht schön. Sie war groß, knochig und mager
und sah ihrem Vater ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte
nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser wenig einnehmenden
Außenhülle barg sie aber eine zarte weibliche Seele, verletzbar und
scheu, die noch wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im
stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen. Eine emanzipiert
klingende Altstimme, die ihr bis in ihr hohes Alter verblieb und
dann der alten Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer
Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer frauenzimmerlichen
Häßlichkeit, aber leider nicht zu ihrem männlichen Aussehen.
Als sie das richtige Bureau gefunden hatte, trat sie schüchtern
ein und blieb erwartend an der Tür stehen. Kaum hatte sie auf die
ergangene Frage ihren Namen genannt und die Vorladung gezeigt, als
der Polizeikommissär und sein Schreiber einen schnellen Blick der
Aufforderung wechselten und dann eine peinliche Pause lang die Gestalt
an der Tür fixierten. Wieder begegneten sich verständnisinnig und
mit triumphierendem Ausdrucke ihre Augen; ihr scharfer Beamtenblick
hatte untrüglich den Simulanten erkannt. In diesem Falle glaubte der
Kommissär kurz angebunden sein zu müssen und eröffnete das Verhör:
»Sie werden sich denken können, weshalb Sie vorgeladen sind?«
»Nein, leider nicht.«
»Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieses das Bureau für
Konskriptionsangelegenheiten ist.«
»Ich bedaure, daß mir die Sache dadurch nur um so rätselhafter
erscheint.«
»So muß ich Ihnen denn kurzweg sagen, daß Sie im Verdachte stehen,
sich durch fortgesetzte Simulation, das heißt, indem Sie weibliche
Verkleidung tragen und sich seit Ihrem Hiersein durchaus als
Frauenzimmer geberden, Ihrer Konskriptionspflicht entzogen zu haben,
respektive noch entziehen zu wollen.«