Hört die Geschichte von dem kleinen häßlichen, gelben Eishund, der
es auf merkwürdige Weise zu einem hervorragenden und vornehmen Hunde
brachte! Den ganzen Tag war er hungrig und frierend, denn es war
Winter, in New York herumgelaufen. In der fünften Avenue wichen ihm
die aristokratischen Hunde der Dollarköniginnen aus und bemerkten
naserümpfend: »Welch ein vulgärer Köter, welch ein Vagabund! Er
wird ein Ende mit Schrecken nehmen!« Dann war er bei Anbruch der
Dunkelheit in den kahlen, düsteren Park gekommen, und dann war er
plötzlich irgendwo hinuntergefallen, auf eine harte, eisige, weite
Fläche. Das war wohl das Ende, dachte er. Aber es wurde Tag, ein Tag
voll Sonnenlicht, und er lebte immer noch. Er befand sich auf einem
gefrorenen Wasserbecken, das Trinkwasser für die New Yorker enthielt.
Es bildete ein riesiges, längliches Viereck und war von steinernen
Böschungen eingefaßt. Nirgends konnte er heraus. An einer Stelle
erblickte er zwei Menschen. Das waren Pat Flaherty und Fred Kaiser,
die beiden Parkpolizisten. Sie standen an dem eisernen Geländer des
Wasserbeckens, schüttelten die Köpfe und blinzelten mit den Augen, weil
auf Schnee und Eis die Sonne sprühte.
»Da ist ja der kleine Köter noch immer auf dem Wasserbecken!« sagte
Flaherty. »Er war schon gestern dort.«
»Wahrscheinlich ist er die steile Böschung heruntergerutscht!« meinte
Kaiser. »Heraus kann er nicht wieder; es wird Zeit, daß wir ihn fangen.
Sonst verhungert er oder ersäuft, denn es taut. Ich werde mal sehen, ob
ich ihn fangen kann.«
»Gib acht, Fred!« warnte ihn Flaherty. »Das Eis ist schon dünn an
manchen Stellen.«
Aber schon war Kaiser etwas seitwärts von dem Aussichtsturm über die
Einfassung geklettert. Hier ersetzten Felsen die künstliche Böschung
und erlaubten ihm einen bequemen Abstieg auf das Eis. Er prüfte erst
vorsichtig das Eis und versicherte sich, daß es ihn trug, denn er wog
225 Pfund. Aber es schien ihm doch klüger, die Operationen zunächst
nicht soweit vom Ufer zu beginnen. Also pfiff er dem kleinen Köter der
weit drüben über das Eis trabte. Der Köter blieb stehen und wandte den
Kopf nach dem Polizisten. Kaiser pfiff nur noch verlockender. Doch der
Köter kam nicht. Er mißtraute den Menschen, insonderheit Polizisten.
Ihre Stiefel waren schwerer und härter als andre Stiefel.
»Es nutzt nichts!« rief ihm Flaherty lachend zu. »Du mußt auf das Eis
hinaus!«
Rutschend und gleitend, prüfend die Augen auf das Eis heftend, bewegte
sich Kaiser über die glatte Fläche.
»Es ist fest!« rief er Flaherty zu und lief etwas zuversichtlicher. Als
er dem Köter nahe war, pfiff er und lockte er von neuem -- abermals
umsonst. Der Köter ergriff die Flucht. Es war ein ausgesucht häßlicher
Hund mit graugelben zottigen Haaren. Sein Kopf erinnerte Kaiser an das
Bild eines Geigenvirtuosen, das er mal in einer Zeitung gesehen hatte.
Nun lief Kaiser hinter dem Hunde her. Immer, wenn er ihm etwas näher
kam, bog der Hund scharf zur Seite und Kaiser schlitterte geradeaus.
Einmal verlor der dicke Polizist den Halt, setzte sich auf das Eis,
daß es krachte, und rutschte noch ein Stück darüber hin. Vom Ufer her
erscholl Gelächter. Dort hatten sich ein Dutzend neugierige Leute
gesammelt und beobachteten die Jagd. Kaiser raffte sich auf, holte
seinen Helm, klopfte sich die Kleidung rein und marschierte über das
Eis zurück. Auf halbem Wege kam ihm Flaherty entgegen.
»Fred«, sagte Flaherty, »einer schafft's nicht. Wir wollen's zusammen
versuchen. Wir jagen ihn in eine Ecke des Beckens, und dort fangen wir
ihn.«
Das leuchtete Fred ein. Von rechts und links näherten sie sich langsam
dem Köter und scheuchten ihn nach der einen Ecke des Beckens. Sie
glaubten schon, sie hätten ihn. Doch er sauste plötzlich in weitem
Bogen um Flaherty herum und entwischte. Noch einmal versuchten die
beiden ihr Glück, doch ohne Erfolg. Keuchend und pustend begaben sie
sich ans Ufer. Dort hatten sich immer mehr Menschen angesammelt, um die
fröhliche Hatz zu beobachten. Man bestürmte die beiden Polizisten mit
Fragen, was es mit dem Hund auf sich habe, wie er auf das Eis gekommen
sei. Flaherty und Kaiser meinten, sie wüßten es selber nicht. Der Köter
sei zweifellos ein Vagabund. Die Damen bedauerten sein trauriges Los
und fragten, ob es denn kein Mittel gäbe, das arme Tier aus seiner
schrecklichen Lage zu befreien. Der eine schlug dies vor, der andere
das. Inzwischen war auch Bubbles, der unvermeidliche Berichterstatter,
zufällig des Weges gekommen. Er erkannte, daß die Geschichte ein
gefundenes Fressen für ihn sei, und beschloß, das weitere abzuwarten.
Ein Parkfeger hatte einen glänzenden Einfall. Man müßte einige lange
Bretter holen, meinte er, und sie vom Eis auf die Felsen neben dem
Aussichtsturm legen. Dann müßten ihrer mehrere den Hund auf die Bretter
zutreiben. Sobald er diese erblickte, würde er zweifellos merken, daß
hier ein Ausweg für ihn sei, und über die Bretter ans Ufer laufen,
wo er mit Leichtigkeit gefangen werden könnte. Den beiden Polizisten
schien der Vorschlag nicht übel, und sie versprachen, das Nötige für
den Nachmittag zu veranlassen. Damit entfernten sie sich, und da sonst
niemand etwas unternahm, zerstreute sich die Menge.
Am Nachmittag waren fast dreimal soviel Leute um das Wasserbecken
versammelt als am Vormittag. Die Kunde von dem Eishund, wie sie
ihn nannten, hatte sich rasch verbreitet. Auch Bubbles, der
Berichterstatter, war wieder da, samt dem Photographen seines Blattes.
Sehr bald kam ein Lastwagen der Parkbehörde mit Brettern und Holzböcken
angefahren. Auch Kaiser und Flaherty und noch andere Polizisten kamen,
um den Feldzug gegen den Eishund zu leiten und die Menge in Ordnung zu
halten.
»Das wird der reine Zirkus!« bemerkte der dicke Flaherty lachend zu
Kaiser.
»Merkwürdig«, entgegnete Kaiser, »welche Unmasse Maulaffen es in
New-York gibt, sowie es etwas zu sehen gibt. Und sei es nur ein Köter
auf dem Eise.«
Die Holzböcke wurden neben dem Aussichtsturm auf das Eis gestellt und
dann die Bretter darüber gelegt. Dann begaben sich die vier Parkfeger
auf das Eis und näherten sich dem Köter, der sie mit einem Ausdruck
höchsten Argwohns herankommen sah. Bald war wieder die schönste
Hetzjagd im Gange. Dreimal trieben sie ihn unter dem Jubel der Menge
auf die Bretter zu, doch der Köter schoß jedesmal daran vorüber. Völlig
erschöpft gaben die vier endlich die Jagd auf und stiegen wieder ans
Ufer, um sich zu verschnaufen.
»So ein dummes Luder!« knurrte Flaherty und warf dem Köter einen
giftigen Blick zu. Der saß mitten auf dem Eise, ganz außer Atem, aber
stolz wie ein siegreicher Toreador in der Arena. Es sah zu lächerlich
aus. Das Publikum wollte sich schief lachen. Teufel -- das war wirklich
ein herrlicher Ulk! Und er kostete keinen Cent. Plötzlich erschienen
drei Studenten auf dem Eise. Sie hatten Schlittschuhe an. Offenbar
glaubten sie, daß die Schlittschuhe ihnen den Erfolg sichern müßten.
Pfeilschnell sausten sie auf den Köter zu. Aber der war noch schneller.
Einmal hatten sie ihn fast. Doch zwei von den Studenten liefen so
heftig aufeinander, daß es knallte und sie wie der Blitz auf das Eis
flogen. Unter dem wiehernden Gelächter der Zuschauer verschwanden sie.
Eine Weile konnte sich der Köter verpusten. Und immer noch schwoll die
Menschenmenge. Kleine Jungens begannen schon mit leeren Seifenkisten
zu handeln, auf denen man warm und trocken stehen und über die Menge
hinwegsehen konnte. Verkäufer von Bonbons und gerösteten Kastanien
machten gute Geschäfte. Bubbles, der Berichterstatter, photographierte,
daß der Gummisack am Apparat dampfte. Wer würde der nächste sein, der
den Kampf mit dem wundervollen Eishund wagte?
Das war Kakadu-Bill, der ehemalige Kuhjunge aus dem Westen, der jetzt
in New York Kellner war. Er behauptete, der Meisterlassowerfer von
Amerika zu sein und Roosevelt in dieser schönen Kunst unterrichtet zu
haben, als er noch als unbekannter Rauhreiter die Prärie durchstreifte.
Kakadu-Bill habe er als Kuhjunge geheißen, weil er der einzige
Kuhjunge in Arizona war, der einen Kakadu hatte. Kakadu-Bill hatte
sich einen langen Strick verschafft und versprach, den Köter innerhalb
fünf Minuten zu fassen. Eine Kleinigkeit sei's. Als er auf dem Eise
erschien, brachten ihm die entzückten Zuschauer eine Ovation.
»Der wird's fertig bringen!« sagten sie.
Kakadu-Bill ging vollkommen kunstgerecht zu Werke. Er trabte, immer
den Lasso schwingend, im Kreise um den Eishund, der ruhig auf den
Hinterbeinen saß und erstaunt Kakadu-Bill zusah. Er war sich offenbar
nicht klar, was dessen sonderbares Benehmen bedeutete. Immer enger zog
Kakadu-Bill den Kreis und plötzlich pfiff der Lasso durch die Luft und
schlug klatschend auf die Stelle, wo der Eishund eben noch gesessen
hatte, aber nicht mehr saß. Als Kakadu-Bill das Hohngelächter der Menge
vernahm, stieß er einen gräßlichen Fluch aus, wickelte seinen Lasso
wieder auf und jagte abermals hinter dem Eishund her. Aber er kam
einer dünnen Stelle im Eise zu nahe und brach durch das Eis. Am Ufer
herrschte gewaltige Aufregung. »Er ertrinkt!« riefen einige. Die Damen
kreischten und sahen sich nach hübschen jungen Herren um, denen sie
ohnmächtig in die Arme fallen könnten. Zum Glück war es da nicht tief,
und Kakadu-Bill fiel nur bis über die Kniee ins Wasser. Das kühlte
sein wildwestliches Jagdfieber jedoch dermaßen ab, daß er hastig aus
dem Wasser herauspatschte und samt seinem Lasso so schnell wie möglich
verduftete. -- Nun schien keiner mehr Lust zu haben, sein Glück zu
versuchen.
»Er wird wahrscheinlich von selber am Abend oder früh am nächsten
Morgen über die Bretter ans Land finden!« sagten die Polizisten und
ersuchten die Menge weiterzugehen.
»Aber er verhungert unterdessen!« meinte eine reizende junge Dame.
»Oder er ertrinkt, wenn es weiter taut! Das wäre sehr unappetitlich. Es
ist unser Trinkwasser!«
»Wir werfen ihm etwas Fleisch aufs Eis!« versicherten die Polizisten.
»Und ein paar Tage hält das Eis noch!«
»Die Vorstellung ist aus!« rief ein vorwitziger Bengel. »Morgen
vormittag wird sie fortgesetzt!« Und langsam entfernten sich die Leute.
Am nächsten Morgen war die seltsame Geschichte von dem berühmten
Eishund mit Abbildungen in Bubbles Zeitung. Zu Fuß, zu Pferde und zu
Wagen kam halb New York, um den berühmten Eishund zu sehen. Gott sei
Dank! -- da war er noch. Es hatte wirklich noch mehr getaut und niemand
wagte sich aufs Eis. Niemand? Ein Held, ein einziger Held scheute sich
nicht, eines erbärmlichen kleinen Köters wegen sein Leben aufs Spiel
zu setzen. Ein kleiner kugelrunder deutscher Bäcker aus der Avenue A,
mit rosaroten Backen, war der Held. Er hatte ein ganz neues Verfahren.
Er war schon am Tage vorher dagewesen, hatte das Schlachtfeld in
Augenschein genommen und war mit der geheimnisvollen Bemerkung
fortgegangen, das sei ein eklatanter Fall, wo Moltkesche Strategie
allein Erfolg verspreche. Denn er sei Sergeant in der deutschen Armee
gewesen und mit Waldersee in China. Mit dieser Strategie also war er
jetzt gekommen. Ohne Frage hatte seine Strategie etwas Ungewöhnliches,
Geniales. Als Hilfsmittel brachte er dreierlei Dinge mit: einen
Dachshund mit fürchterlich krummen Beinen, eine lange dünne Leine und
einen riesigen Schinkenknochen, der an der Leine befestigt war. Als
er mit diesen drei Dingen auf dem Eise erschien, stieß Bubbles, der
Berichterstatter, ein indianisches Freudengeheul aus. Das Publikum
schrie Hurra, Flaherty aber wandte sich an Kaiser und sagte:
»Kaiser, ist es wahr, daß Moltke mit Dachshunden und Schinkenknochen
gearbeitet hat?«
Ein anderer fragte seinen Nachbar, wer eigentlich der Dachshund und
wer der Bäcker sei. Wahrhaftig -- von weitem sahen sie sich ähnlich,
wegen der krummen Beine. Man war aufs äußerste gespannt, wie nun
die Moltkesche Strategie sich betätigen werde. Sie betätigte sich
wie folgt. Der kugelrunde Bäcker rollte sich auf den gelben Köter
zu, der freundlich bellte und mit dem Schwanz wedelte, als er einen
vierbeinigen Kameraden erblickte. Diese beiden, der Mann und der
Dachshund, machten unzweifelhaft einen friedlichen Eindruck auf den
Eishund. Nun schleuderte der Bäcker plötzlich seinen Schinkenknochen,
aber nicht nach dem Köter hin, sondern seitwärts. Sofort stürzte
sich der krummbeinige Dackel mit fliegenden Ohren auf den Knochen und
suchte ihn seinem Herrn zu entreißen. Der jedoch hielt ihn mit der
Leine fest. Das ärgerte Prinz. So hieß nämlich der Dackel. Knurrend
und keifend zog er aus Leibeskräften an dem Knochen, ebenso kräftig
zog der Bäcker daran. Der Eishund war eitel Entzücken. Mit lustigem
Gebell sprang er unausgesetzt um den Dackel herum, dabei begehrliche
Blicke auf den Knochen werfend. Himmel -- war das ein Knochen! Und ein
Duft ging von dem Knochen aus, daß ihm der leere Magen in dem dürren
Leib vor Freude hüpfte. Wenn er diesen Knochen erwischen könnte! Er
kam ein wenig näher. Aber Prinz schnarrte ihn so grimmig an, daß er
furchtsam zurückwich. Nun zog der Bäcker stärker und stärker, bis er
Prinz ganz nahe hatte. Dann sagte er: »Artig, Prinz!« und Prinz ließ
schweren Herzens den Knochen fahren. Jetzt kugelte sich der Bäcker
mit lächerlicher Geschwindigkeit davon, den Knochen immer hinter sich
herschleifend. Prinz und der gelbe Köter folgten. Der Bäcker gab acht,
daß sie den Knochen nicht erwischten. Eine Weile trieb er's so. Dann
schleuderte er den Knochen dem gelben Köter zu, der ihn heißhungrig
erschnappte. Nun begann dasselbe Spiel, das der Bäcker mit Prinz
getrieben hatte. Näher und näher zog er den Knochen mit dem gelben
Köter daran, während Prinz mit entrüstetem Bellen um den Nebenbuhler
herumsprang. Immer näher kam der Köter und jetzt -- ein Griff, er hatte
ihn, samt dem Knochen. Er nahm ihn unter den Arm und verließ mit ihm,
gefolgt von Prinz, unter dem brausenden Hurra der Zuschauer das Eis.
»Was hältst du von Moltke?« fragte jetzt Kaiser den dicken Flaherty.
»Es ist ein Sedan, ein vollkommenes Sedan!« gestand Flaherty voll
Bewunderung. »Jetzt verstehe ich den Krieg von Siebzig!«
Der Bäcker hatte noch kaum über die Bretter das Ufer bestiegen,
da war er schon von Bubbles Gehilfen dreimal photographiert,
mitsamt Prinz. Die Leute umringten ihn und beglückwünschten ihn und
bewunderten den Eishund, der mit scheuen Blicken, aber immer noch
seinen Schinkenknochen zwischen den Zähnen, unter des Bäckers Arm saß.
Zwischendurch mußte der Bäcker Bubbles Rede und Antwort stehen, wo er
herkomme und so weiter. Man erfuhr, daß er Waldersees Liebling gewesen
sei. Na ja, da hatte er die Moltkesche Strategie gelernt -- kein
Wunder! Einer erzählte es dem andern. Der Bäcker mußte seine Wohnung
angeben. Dann gestatteten ihm die Polizisten, den Eishund nach Hause zu
nehmen.
Und der Eishund war nun ein gemachter Hund -- sozusagen. Feine Damen
kamen Tag um Tag in Kutschen zu dem tapferen Bäcker gefahren und
wollten den berühmten Hund sehen. Eine alte reiche Dame erstand ihn, da
ihn niemand beanspruchte, von dem Bäcker für 25 Dollars und nahm ihn in
ihr Haus, wo er den Namen Teddy erhielt, dem Präsidenten Roosevelt zu
Ehren, und ein Leben voller Wonne führte.
»Und das alles,« spöttelten die vornehmen Hunde aus der Fünften Avenue,
»weil er das Glück hatte, in das Trinkwasserbecken im Park zu fallen.
Zu albern!«
Das ist die Geschichte von dem Eishund.
[Illustration]
[Illustration]
Ludwig Thoma: