Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
»Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! Ei, wie schön haben Sie
sich frisieren lassen« Zinnober schaute sich um und wollte, als er
den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
schwächlich auf den Beinen, wie er nun aber war, stolperte er und fiel
in das hohe Gras, das die Halme über ihn zusammenschlug und er lag im
Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine, aber Zinnober
schnarrte ihn an: »Herr, wie kommen Sie hier in meinen Garten! scheren
Sie sich zum Teufel!« Und damit hüpfte und rannte er, so rasch er nur
vermochte, hinein ins Haus.
Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
versprach, seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetüm zu
verdoppeln. Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, trostlos. Er
ließ sich zu Bette bringen und stöhnte und ächzte so, daß die Kunde,
wie er plötzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum Fürsten
Barsanuph gelangte.
Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
Liebling.
»Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat«, sprach der Leibarzt, als
er den Puls befühlt, »Sie opfern sich auf für den Staat. Angestrengte
Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen
das unsägliche Leiden verursacht, das Sie empfinden müssen. Sie sehen
im Antlitz sehr blaß und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht
schrecklich! -- Ei, ei! -- doch keine Gehirnentzündung? Sollte das Wohl
des Staates dergleichen hervorgebracht haben? Kaum möglich! -- Erlauben
Sie doch!«
Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf Zinnobers Haupte
gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem
er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, den Kranken
auch verschiedentlich angehaucht, worüber dieser merklich mauzte und
quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren über das Haupt, und berührte
dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober schäumend vor Wut in die Höhe
und gab mit seinem kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt, der sich
gerade ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige, daß es im
ganzen Zimmer widerhallte.
»Was wollen Sie«, schrie Zinnober, »was wollen Sie von mir, was
krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank, ich
bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister fahren
in die Konferenz; scheren Sie sich fort!« --
Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem Fürsten
Barsanuph erzählte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzückt aus: »Was
für ein Eifer für den Dienst des Staats! -- welche Würde, welche Hoheit
im Betragen! -- welch ein Mensch, dieser Zinnober!«
»Mein bester Geheimer Spezialrat,« sprach der Minister Prätextatus
von Mondschein zu dem kleinen Zinnober, »wie herrlich ist es, daß Sie
Ihrer Krankheit nicht achtend in die Konferenz kommen. Ich habe in der
wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe eine Memoire entworfen
-- +selbst+ entworfen, und bitte, daß +Sie+ es dem Fürsten vortragen,
denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, für dessen Verfasser mich
dann der Fürst anerkennen soll.« -- Das Memoire, womit Prätextatus
glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaßt, als Adrian.
Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. -- Zinnober zog
das Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche, und fing
an zu lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er
nur lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
Minister das Papier aus den Händen und las selbst.
Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
ein Mal über das andere rufend: »Schön -- gut gesagt -- herrlich --
treffend!« --
Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den
kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust,
gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten
Tigers saß und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen aus
den Augen flossen: »Nein! -- solch ein Mann -- solch ein Talent! --
solcher Eifer -- solche Liebe -- es ist zu viel -- zu viel!« -- Dann
gefaßter: »Zinnober! -- ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister!
-- Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer
Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt -- geliebt werden.« Und
nun sich mit verdrießlichem Blick zum Minister wendend: »Ich bemerke,
lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte
nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! --
Leben Sie wohl!« --
Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche Worte
zwischen den Zähnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf Zinnober,
der sich, nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken gestemmt, auf
den Fußspitzen hoch in die Höhe hob und stolz und keck umherblickte.
»Ich muss,« sprach nun der Fürst, »ich muß Sie, mein lieber Zinnober,
gleich Ihrem hohen Verdienst gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher aus
meinen Händen den Orden des grüngefleckten Tigers!«
Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhängen; aber
Zinnobers mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band durchaus
nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es sich bald ungebührlich
heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.
Der Fürst war in dieser sowie in jeder andern solchen Sache, die
das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem
Hüftknochen und dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil
Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am Bande befindliche
Ordenszeichen des grüngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht
herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten Hand
an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische Band rutschte hin
und her, und Zinnober begann unmutig zu quäken: »Was hantieren Sie doch
so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme Ding
hängen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib' es!« --
»Wofür,« sprach nun der Fürst zornig, »wofür habe ich denn Ordensräte,
wenn rücksichts der Bänder solche tolle Einrichtungen existieren, die
ganz meinem Willen entgegenlaufen? -- Geduld, mein lieber Minister
Zinnober! bald soll das anders werden!«
Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der Ordensrat versammeln, dem
noch zwei Philosophen, sowie ein Naturforscher, der eben vom Nordpol
kommend durchreiste, beigesellt wurden, um über die Frage, wie auf die
geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des grüngefleckten
Tigers anzubringen, zu beratschlagen. Um für diese wichtige Beratung
gehörige Kräfte zu sammeln, wurde sämtlichen Mitgliedern aufgegeben,
acht Tage vorher nicht zu denken; um dies besser ausführen zu können
und doch tätig zu bleiben im Dienste des Staats, aber sich indessen mit
dem Rechnungswesen zu beschäftigen. Die Straßen vor dem Palast, wo die
Ordensräte, Philosophen und Naturforscher ihre Sitzung halten sollten,
wurden mit dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der Wagen die
weisen Männer nicht störe, und ebendaher durfte auch nicht getrommelt,
Musik gemacht, ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Nähe des
Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher,
und man verständigte sich durch Zeichen.
Sieben Tage hindurch vom frühesten Morgen bis in den späten Abend
hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluß zu
denken.
Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte einmal über das andere hin und
ließ ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.
Der Naturforscher hatte soviel als möglich Zinnobers Natur erforscht,
Höhe und Breite seines Rücken-Auswuchses genommen und die genaueste
Berechnung darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
zuziehen wolle.
So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.
Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus gewandter, pfiffiger
Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmäßen Sitzen gebracht
werden könne, bei der Hand.
An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse Anzahl Knöpfe
angebracht und das Ordensband daran geknöpft werden. Der Versuch
gelang über die Maßen wohl.
Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag des Ordensrates,
den Orden des grüngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen
zu teilen, nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben wurde. Z. B.
Orden des grüngefleckten Tigers mit zwei Knöpfen -- mit drei Knöpfen
usw. Der Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die
sonst kein anderer erlangen könne, den Orden mit zwanzig brillantierten
Knöpfen, denn gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche Form
seines Körpers.
Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten Tigers mit
zwei goldnen Knöpfen, und wurde, da der Fürst ihn seines glücklichen
Einfalls ungeachtet für einen schlechten Schneider hielt und sich
daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen
Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. --
[Illustration]
Wie Fürst Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den
Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten kassierte. --
Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.
In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den großen Orden des
grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite,
Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida bräutlich geschmückt,
in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt,
die er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht widrig grinste und
lächelte. Und jedesmal überflog dann ein höheres Rot Candidas Wangen,
und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe.
Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung,
in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß man
nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, den kleinen
Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise
in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur
Fürst Barsanuph stand neben Candida und mühte sich, bedeutungsvolle
gnädige Blicke umher zu werfen, auf die indessen niemand sonderlich
achtete. Alles hatte nur Auge für das Brautpaar und hing an Zinnobers
Lippen, der hin und wieder einige unverständliche Worte schnurrte,
denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, das die
Gesellschaft ausstieß, folgte.
Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt werden sollten. Mosch
Terpin trat in den Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem die Ringe
funkelten. Er räusperte sich -- Zinnober hob sich auf den Fußspitzen
so hoch als möglich, beinahe reichte er der Braut an den Ellbogen. --
Alles stand in der gespanntesten Erwartung -- da lassen sich plötzlich
fremde Stimmen hören, die Türe des Saales springt auf, Balthasar dringt
ein, mit ihm Pulcher -- Fabian! -- Sie brechen durch den Kreis -- »Was
ist das, was wollen die Fremden?« ruft alles durcheinander. --
Fürst Barsanuph schreit entsetzt: »Aufruhr -- Rebellion -- Wache!«
und springt hinter den Kaminschirm. -- Mosch Terpin erkennt den
Balthasar, der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: »Herr
Studiosus! -- Sind Sie rasend -- sind Sie von Sinnen? -- wie können
Sie sich unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! -- Leute --
Gesellschaft -- Bediente, werft den Grobian zur Türe hinaus!« --
Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
Balthasar schon eine Lorgnette hervorgezogen und richtet durch dieselbe
den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen Strahl
getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, daß der
ganze Saal widerhallt. Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl; der
eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. -- Klar vor
Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende Haarstreif, er springt zu
auf Zinnober -- faßt ihn, +der+ strampelt mit den Beinchen und sträubt
sich und kratzt und beißt.
»Angepackt -- angepackt!« ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
den Kleinen, daß er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
Balthasar faßt sicher und behutsam die roten Haare, reißt sie mit einem
Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins Feuer,
sie prasseln auf, es geschieht ein betäubender Schlag, alle erwachen
wie aus dem Traum. -- Da steht der kleine Zinnober, der sich mühsam
aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmäht und befiehlt, man
solle die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten Person des
ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins tiefste
Gefängnis werfen! Aber einer fragt den andern: »Wo kommt denn mit einem
Mal der kleine purzelbäumige Kerl her? -- Was will das kleine Ungetüm?«
-- Und wie der Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen den Boden
stampft und immer dazwischen ruft: »Ich bin der Minister Zinnober --
ich bin der Minister Zinnober -- der grüngefleckte Tiger mit zwanzig
Knöpfen!« da bricht alles in ein tolles Gelächter aus. Man umringt den
Kleinen, die Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie einen
Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom Leibe -- er
verliert den Hut -- den Degen, die Schuhe. -- Fürst Barsanuph kommt
hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den Tumult.
Da kreischt der Kleine: »Fürst Barsanuph -- Durchlaucht -- retten Sie
Ihren Minister -- Ihren Liebling! -- Hilfe -- Hilfe -- der Staat ist in
Gefahr -- der grüngefleckte Tiger -- Weh -- weh!« -- Der Fürst wirft
einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann rasch vorwärts
nach der Türe. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den faßt er, zieht
ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: »Sie erdreisten
sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme Komödie
vorspielen zu wollen? -- Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer Tochter
mit meinem würdigen Minister Zinnober, und statt meines Ministers finde
ich hier eine abscheuliche Mißgeburt, die Sie in glänzende Kleider
gesteckt? -- Herr, wissen Sie, daß das ein landesverräterischer Spaß
ist, den ich strenge ahnden würde, wenn Sie nicht ein ganz alberner
Mensch wären, der ins Tollhaus gehört? -- Ich entsetze Sie des Amts als
Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten und verbitte mir alles
weitere Studieren in meinem Keller! -- Adieu!«
Damit stürmte er fort.
Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, faßte
ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem
Fenster: »Hinunter mit dir«, schrie er, »hinunter mit dir, schändliche
heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um alles
Glück des Lebens gebracht hat!«
Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das geöffnete Fenster, doch
der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit
Blitzesschnelle hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn Mosch Terpins
Fäusten. »Halten Sie ein,« sprach der Aufseher, »halten Sie ein, Herr
Professor, vergreifen Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. Es ist
keine Mißgeburt, es ist der ~Mycetes Belzebub~, ~Simia Belzebub~, der
dem Museo entlaufen.« »~Simia Belzebub -- Simia Belzebub!~« ertönte
es von allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum hatte der
Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen,
als er unmutig ausrief: »Was sehe ich! -- das ist ja nicht ~Simia
Belzebub~, das ist ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! -- pfui!«
Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten
Hohngelächter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend
durch die Türe fort -- die Treppe hinab -- fort, fort nach seinem
Hause, ohne daß ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.
Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, hatte sich Balthasar
in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die ohnmächtige
Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, drückte ihre Hände an
seine Lippen, nannte sie mit den süßesten Namen. Sie erwachte endlich
mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar erblickte, da rief
sie voll Entzücken: »Bist du endlich -- endlich da, mein geliebter
Balthasar! Ach, ich bin ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und
Liebesschmerz! und immer erklangen mir die Töne der Nachtigall, von
denen berührt der Purpurrose das Herzblut entquillt!« --
Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein böser
abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
sich ein häßlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich zu
verstellen gewußt, daß er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie recht
lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, daß der Unhold
nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche Weise
gewesen, als müsse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars willen.
Balthasar klärte ihr nur so viel auf, als es geschehen konnte, ohne
ihre ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
Versicherungen, tausend Schwüre ewiger Liebe und Treue. Und dabei
umfingen sie sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten
Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
Wonne, von allem Entzücken des höchsten Himmels.
[Illustration]
Verlogenheit eines treuen Kammerdieners. -- Wie die alte Liese
eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
ausglitschte. -- Auf welche merkwürdige Weise der Leibarzt des
Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. -- Wie Fürst Barsanuph sich
betrübte, Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.
Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal über das andere
versicherte man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon lange die
Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
unmöglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
Fuß nach Hause gerannt sein würden. Als nun endlich alle Lichter
ausgelöscht und die Türen verschlossen wurden, mußte der Jäger zwar
fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er
aber sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen
und auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. »Se. Exzellenz«,
erwiderte der Kammerdiener leise dem Jäger ins Ohr, »Se. Exzellenz
sind gestern eingetroffen in später Dämmerung, das ist ganz gewiß --
liegen im Bette und schlafen. -- Aber! -- o mein guter Jäger! -- wie --
auf welche Weise! -- ich will Ihnen alles erzählen -- doch Siegel auf
den Mund -- ich bin ein verlorner Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
daß ich es war, auf dem finstern Korridor! -- ich komme um meinen
Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen
aber außerordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen
sich selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnöde Maus, die
durch Se. Exzellenz Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen, mit dem
blankgezogenen Degen durch und durch gerannt. -- Nun gut! -- Also
in der Dämmerung nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz sachte
hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer Partie Tric-Trac, da
schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt hin auf den
Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie -- o
Gott -- Jäger! -- halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
-- kommen Sie ein wenig näher -- und grunzt dann, wie unsere gnädige
Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten
oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist.«
Die letzten Worte hatte der Kammerdiener mit vorgehaltener Hand ins Ohr
gesprochen. Der Jäger fuhr zurück, schnitt ein bedenkliches Gesicht und
rief: »Ist es möglich!« --
»Ja«, fuhr der Kammerdiener fort, »es war unbezweifelt unsere gnädige
Exzellenz was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
nun deutlich, wie der Gnädige in den Zimmern die Stühle heranrückte und
sich die Türe eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in seinem
Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen, aber ein
paar Stündchen nachher schlich ich mich an die Türe des Schlafkabinetts
und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz auf die Weise, wie
es zu geschehen pflegt, wenn Großes im Werke. -- Jäger! es gibt mehr
Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Weisheit sich träumt, das
hört' ich einmal auf dem Theater einen melancholischen Prinzen sagen,
der ganz schwarz ging und sich vor einem ganz in grauen Pappendeckel
gekleideten Mann sehr fürchtete. -- Jäger! -- es ist gestern irgend
etwas Erstaunliches geschehen, das die Exzellenz nach Hause trieb. Der
Fürst ist bei dem Professor gewesen, vielleicht äußerte er das und das
-- irgend ein hübsches Reformchen -- und da ist nun der Minister gleich
drüber her, läuft aus der Verlobung heraus und fängt an zu arbeiten
für das Wohl der Regierung. -- Ich hört's gleich am Schnarchen; ja
Großes, Entscheidendes wird geschehen. -- O Jäger -- vielleicht lassen
wir alle über kurz oder lang uns wieder die Zöpfe wachsen! -- Doch,
teurer Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue Diener an der
Türe des Schlafzimmers lauschen, ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im
Bette liegen und die inneren Gedanken ausarbeiten.«
Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen sich hin an die Türe
und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
der Kammerdiener sprach tiefgerührt: »Ein großer Mann ist doch unser
gnädiger Herr Minister!« --
Schon am frühsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers
ein gewaltiger Lärm. Ein altes erbärmlich in längst verblichenen
Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedrängt und
dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches
zu führen. Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz der Herr
Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
Knöpfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein Zaches
heiße oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber ganz toll jubelnd
geschrieen, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das sei
eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches. Auf das Geschrei des
Weibes, auf die donnernden Flüche des Portiers war alles aus dem ganzen
Hause zusammengelaufen, und das Getöse wurde ärger und ärger. Als der
Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu jagen, die Se.
Exzellenz so unverschämt in der Morgenruhe störten, warf man eben das
Weib, die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus.
Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden Hauses setzte sich
nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, daß das grobe Volk
da drinnen sie nicht zu ihrem Herzens-Söhnlein, zu dem Klein Zaches,
der Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich
nach und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, daß
der Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in der
Jugend Klein Zaches geheißen; so daß die Leute zuletzt nicht wußten, ob
sie die Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß wirklich was
an der Sache.
Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
sie mit einem Mal eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen und
rief jubelnd überlaut: »Da ist er -- da ist er, mein Herzensmännlein
-- mein kleines Koboltchen -- Guten Morgen, Klein Zaches! -- Guten
Morgen, Klein Zaches!« -- Alle Leute guckten hin, und als sie den
kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide,
das Ordensband des grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster
stand, das hinabging bis an den Fußboden, so daß seine ganze Figur
durch die großen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz übermäßig
und lärmten und schrieen: »Klein Zaches -- Klein Zaches! Ha, seht
doch den kleinen geputzten Pavian -- die tolle Mißgeburt -- das
Wurzelmännlein -- Klein Zaches! Klein Zaches!« -- Der Portier, alle
Diener Zinnobers rannten hinaus, um zu erschauen, worüber das Volk denn
so unmäßig lachte und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren Herrn,
als sie noch ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrieen: »Klein
Zaches -- Klein Zaches -- Wurzelmann -- Däumling -- Alraun!« --
Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß der tolle Spuk auf der
Straße niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf,
schaute mit zornfunkelnden Augen hinab, schrie, raste, machte seltsame
Sprünge vor Wut -- drohte mit Wache -- Polizei -- Stockhaus und Festung.
Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto ärger wurde Tumult und
Gelächter, man fing an, mit Steinen -- Obst -- Gemüse, oder was man
eben zur Hand bekam, nach dem unglücklichen Minister zu werfen -- er
mußte hinein! --
»Gott im Himmel«, rief der Kammerdiener entsetzt, »aus dem Fenster
der gnädigen Exzellenz guckte ja das kleine abscheuliche Ungetüm
heraus -- was ist das? -- wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer
gekommen?« -- Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das
Schlafkabinett des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu
pochen! -- Keine Antwort! --
Indessen war, der Himmel weiß auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel im
Volke entstanden, das kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei wirklich
Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und sich durch
allerlei schändlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer lauter und
lauter erhoben sich die Stimmen. »Hinunter mit der kleinen Bestie --
hinunter -- klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus -- sperrt ihn
in den Käfig -- laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt! -- Beklebt
ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern zum Spielzeug! --
Hinauf -- hinauf!« -- Und damit stürmte das Volk an gegen das Haus.
Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Hände. »Rebellion -- Tumult
-- Exzellenz -- machen Sie auf -- retten Sie sich!« -- so schrie er;
aber keine Antwort, nur ein leises Stöhnen ließ sich vernehmen.
Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
Gelächter die Treppe herauf.
»Nun gilt's,« sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
gegen die Türe des Kabinetts, daß sie klirrend und rasselnd aus den
Angeln sprang. -- Keine Exzellenz -- kein Zinnober zu finden! --
»Exzellenz -- gnädigste Exzellenz -- vernehmen Sie denn nicht die
Rebellion? -- Exzellenz -- gnädigste Exzellenz, wo hat Sie denn der --
Gott verzeih mir die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden?«
So schrie der Kammerdiener in heller Verzweiflung durch die Zimmer
rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien spurlos, tonlos
verschwunden. -- Draußen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
sprach und gewahrte durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach und
nach leise miteinander murmelnd das Haus verließen, bedenkliche Blicke
hinaufwerfend nach den Fenstern.
»Die Rebellion scheint vorüber«, sprach der Kammerdiener, »nun wird die
gnädige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel.«
Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend, dort werde der
Minister sich doch wohl am Ende befinden.
Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus einem
schönen silbernen Henkelgefäß, das immer dicht neben der Toilette
zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk des
Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne Beinchen hervorstarrten.
»Gott -- Gott«, schrie der Kammerdiener entsetzt, »Gott! -- Gott! --
täuscht mich nicht alles, so gehören die Beinchen dort Sr. Exzellenz
dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!« -- Er trat
heran, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
herabschaute: »Exzellenz -- Exzellenz -- um Gott, was machen Sie -- was
treiben Sie da unten in der Tiefe!«
Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
ein, in der die Exzellenz schwebte und daß es an der Zeit sei, allen
Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
-- zog ihn heraus! -- Ach tot -- tot war die kleine Exzellenz!
Der Kammerdiener brach aus in ein lautes Jammern; der Jäger, die
Dienerschaft eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fürsten.
Indessen trocknete der Kammerdiener seinen armen unglücklichen Herrn
ab mit saubern Handtüchern, legte ihn ins Bette, bedeckte ihn mit
seidenen Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen
sichtbar blieb.
Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön, Sie hatte erst, der Himmel
weiß auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf den
entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen Zaches
leibliche Mutter. -- Zinnober sah in der Tat hübscher aus im Tode, als
er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen Äugelein waren
geschlossen, das Näschen sehr weiß, der Mund zum sanften Lächeln ein
wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune Haar in
den schönsten Locken herab. Über das Haupt hin strich das Fräulein den
Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein roter
Streif hervor.
»Ach«, sprach die alte Liese, »ach du lieber Gott, das ist ja doch wohl
nicht mein kleiner Zaches, so hübsch hat +der+ niemals ausgesehen. Da
bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen und Ihr habt mir
gar nicht gut geraten, mein gnädiges Fräulein!« --
»Murrt nur nicht, Alte«, erwiderte das Fräulein, »hättet Ihr nur meinen
Rat ordentlich befolgt, und wäret Ihr nicht früher, als ich hier
war, in dies Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. -- Ich
wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiß und
wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!«
»Nun«, rief die Frau mit leuchtenden Augen, »nun, wenn die kleine
Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all' die
schönen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
was drinnen ist?«
»Nein«, sprach das Fräulein, »das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr habt
den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. -- Euch
ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
beschieden.« --
»So darf ich«, fuhr die Frau fort, indem ihr die Tränen in die Augen
traten, »so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines Männlein
in die Schürze nehmen und nach Hause tragen? -- Unser Herr Pfarrer hat
so viel hübsche ausgestopfte Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir
meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn auf meinen
Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit dem breiten Bande und
dem großen Stern auf der Brust, zum ewigen Andenken!« --
»Das ist«, rief das Fräulein beinahe unwillig, »das ist ein ganz
einfältiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!« --
Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. »Was
hab' ich«, sprach sie, »nun davon, daß mein Klein Zaches zu hohen
Würden, zu großem Reichtum gelangt ist! -- Wär' er nur bei mir
geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals wär'
er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich
hätt' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so herum
in meinem Holzkorb, Mitleiden hätten die Leute gefühlt und mir manches
schöne Stücklein Geld zugeworfen, aber nun« --
Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fräulein trieb die
Alte hinaus mit der Weisung, sie solle unten vor der Türe warten, im
Wegfahren wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen, wie sie all'
ihre Not, all' ihr Elend mit einem Mal enden könne.
Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und sprach
mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:
»Armer Zaches! -- Stiefkind der Natur! -- ich hatt' es gut mit
dir gemeint! -- Wohl mocht' es Torheit sein, daß ich glaubte, die
äußere schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde hineinstrahlen
in dein Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen müßte, du
bist nicht der, für den man dich hält, aber strebe doch nur an, es
dem gleich zu tun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter
dich aufschwingst! -- Doch keine innere Stimme erwachte. Dein
träger toter Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du
ließest nicht nach in deiner Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit
-- Ach! -- wärst du nur ein geringes Etwas weniger, ein kleiner
ungeschlachteter Rüpel geblieben, du entgingst dem schmachvollen
Tode! -- Prosper Alpanus hat dafür gesorgt, daß man dich jetzt im
Tode wieder dafür hält, was du im Leben durch meine Macht zu sein
schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch wiederschauen als
kleiner Käfer -- flinke Maus oder behende Eichkatze, so soll es
mich freuen! -- Schlafe wohl, Klein Zaches!« --
Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat der Leibarzt des Fürsten
mit dem Kammerdiener herein.
»Um Gott«, rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und sich
überzeugte, daß alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich bleiben
würden, »um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kämmerer?«
»Ach«, erwiderte dieser, »ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion
oder die Revolution, es ist all' eins, wie Sie es nennen wollen,
tobte und hantierte draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se.
Exzellenz, besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiß in die Toilette
hineinflüchten, glitschten aus und« --
»So ist«, sprach der Doktor feierlich und bewegt, »so ist er aus Furcht
zu sterben gar gestorben!«
Die Tür sprang auf und herein stürzte Fürst Barsanuph mit verbleichtem
Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere Kammerherren.
»Ist es wahr, ist es wahr?« rief der Fürst; aber sowie er des Kleinen
Leichnam erblickte, prallte er zurück und sprach, die Augen gen Himmel
gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: »O Zinnober!« --
Und die sieben Kammerherren riefen dem Fürsten nach: »O Zinnober!« und
holten, wie es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche und
hielten sie sich vor die Augen.
»Welch ein Verlust«, begann nach einer Weile des lautlosen Jammers
der Fürst, »welch ein unersetzlicher Verlust für den Staat! -- Wo
einen Mann finden, der den Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
Knöpfen mit +der+ Würde trägt, als mein Zinnober! -- Leibarzt, und Sie
konnten mir +den+ Mann sterben lassen! -- Sagen Sie -- wie ging das
zu, wie mochte das geschehen -- was war die Ursache -- woran starb der
Vortreffliche?« --
Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befühlte manche
Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, räusperte sich
und begann: »Mein gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen auf
der Oberfläche zu schwimmen, könnte sagen, der Minister sei an dem
gänzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
sei bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen, und diese
Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt durch das Element, durch den
Humor, in den der Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister sei
auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern von mir
sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus schnöden
physischen Prinzipen erklären zu wollen, was nur im Gebiet des rein
Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen Grund findet. -- Mein
gnädigster Fürst, frei sei des Mannes Wort! -- Den ersten Keim des
Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
Knöpfen!« --
»Wie«, rief der Fürst, indem er den Leibarzt mit zornglühenden Augen
anfunkelte, »wie! -- was sprechen Sie? -- der Orden des grüngefleckten
Tigers mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
vieler Anmut, mit so vieler Würde trug? -- +der+ Ursache seines Todes?
-- Beweisen Sie mir das, oder -- Kammerherren, was sagt Ihr dazu?«
»Er muß beweisen, er muß beweisen, oder« -- riefen die sieben blassen
Kammerherren, und der Leibarzt fuhr fort:
»Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen, also kein
+oder+! -- Die Sache hängt folgendermaßen zusammen: Das schwere
Ordenszeichen am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem Rücken,
wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rückgrats. Zu gleicher Zeit
verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadigte
Ding zwischen dem Dreifuß und der oberen Gekröspulsader, das wir das
Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
Nervengeflechte prädominiert. Dies dominierende Organ steht in der
mannigfaltigsten Beziehung mit dem Cerebralsystem, und natürlich war
der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die
freie Leitung des Cerebralsystems die Bedingung des Bewußtseins, der
Persönlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen
in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß die Tätigkeit in beiden
Sphären, in dem Ganglien- und Cerebralsystem? -- Nun! genug, jener
Angriff störte die Funktionen des psychischen Organism. Erst kamen
finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen für den Staat durch das
schmerzhafte Tragen jenes Ordens usw., immer verfänglicher wurde der
Zustand, bis gänzliche Disharmonie des Ganglien- und Cerebralsystems
endlich gänzliches Aufhören des Bewußtseins, gänzliches Aufgeben
der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand bezeichnen wir aber
mit dem Worte +Tod+! -- Ja, gnädigster Herr! -- der Minister hatte
bereits seine Persönlichkeit aufgegeben, war also schon mausetot, als
er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß. -- So hatte sein
Tod keine physische, wohl aber eine unermeßlich tiefe psychische
Ursache.« --
»Leibarzt«, sprach der Fürst unmutig, »Leibarzt, Sie schwatzen
nun schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich
eine Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
Psychischen?«
»Das physische Prinzip«, nahm der Arzt wieder das Wort, »ist die
Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
Triebrad der Existenz findet.«
»Noch immer«, rief der Fürst im höchsten Unmut, »noch immer verstehe
ich Sie nicht, Unverständlicher!«
»Ich meine«, sprach der Doktor, »ich meine, Durchlauchtiger, daß das
Physische sich bloß auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie
es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muß der
Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fügen muß, sobald der
Gebieter es will.«
»Hoho!« rief der Fürst, »hoho Leibarzt, lassen Sie das gut sein! --
Kurieren Sie meinen Leib und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, von
dem habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt. Überhaupt, Leibarzt,
Sie sind ein konfuser Mann, und stünde ich hier nicht an der Leiche
meines Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich täte! -- Nun
Kammerherren! vergießen wir noch einige Zähren hier am Katafalk des
Verewigten und gehen wir dann zur Tafel.«
Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
Kammerherren taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen.
Vor der Türe stand die alte Liese, welche einige Reihen der
allerschönsten goldgelben Zwiebeln über den Arm gehängt hatte, die man
nur sehen konnte. Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte. Er
blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, er lächelte
mild und gnädig, er sprach: »Hab' ich doch in meinem Leben keine solche
schöne Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten Geschmack
sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?«
»O ja«, erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, »o ja, gnädigste
Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln nähre ich mich dürftig,
so gut es gehn will! -- Sie sind süß wie purer Honig, belieben Sie,
gnädigster Herr?«
Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten Zwiebeln dem
Fürsten hin. Der nahm sie, lächelte, schmatzte ein wenig und rief dann:
»Kammerherren! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her.« Ein
Messer erhalten, schälte der Fürst nett und sauber eine Zwiebel ab und
kostete etwas von dem Mark.
»Welch ein Geschmack, welche Süße, welche Kraft, welches Feuer!« rief
er, indem ihm die Augen glänzten vor Entzücken, »und dabei ist es mir,
als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir zuwinkte
und zulispelte: kaufen Sie -- essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst --
das Wohl des Staats erfordert es!« -- Der Fürst drückte der alten Liese
ein paar Goldstücke in die Hand, und die Kammerherren mußten sämtliche
Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! -- er verordnete,
daß niemand anderes die Zwiebellieferung für die fürstlichen Dejeuners
haben sollte, als Liese. So kam die Mutter des Klein Zaches, ohne
gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem Elend, und gewiß war
es wohl, daß ihr ein geheimer Zauber der guten Fee Rosabelverde dazu
verhalf.
Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober war eins der prächtigsten,
das man jemals in Kerepes gesehen: der Fürst, alle Ritter des
grüngefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. Alle Glocken
wurden gezogen, ja sogar die beiden Böller, die der Fürst behufs der
Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals gelöst. Bürger --
Volk -- alles weinte und lamentierte, daß der Staat seine beste Stütze
verloren und wohl niemals mehr ein Mann von dem tiefen Verstande, von
der Seelengröße, von der Milde, von dem unermüdlichen Eifer für das
allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das Ruder der Regierung kommen werde.
In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand
sich wieder ein Minister, dem der Orden des grüngefleckten Tigers mit
zwanzig Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie dem verewigten
unvergeßlichen Zinnober.
[Illustration]
[Illustration]
Bettina von Arnim: