Ein armes Bettel- und Bauernweib hat einen dreieinhalbjährigen
Sohn, Klein Zaches genannt Zinnober, den häßlichsten Wechselbalg,
den die Welt je geschaut und den man auf den ersten Blick für ein
seltsam verknorpeltes Stückchen Holz hätte ansehen können. Das
Stiftsfräulein von Rosenschön, in Wirklichkeit die gütige Fee
Rosabelverde, erblickt das kleine Ungetüm am Wege und über so
viel Jammer und Elend entsetzt, will sie dem Wechselbalg helfen,
soweit es in ihrer Macht steht. »Sie glaubt, alles, was die Natur
dem Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn sie
ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge der
alles, was in seiner Gegenwart irgend ein anderer Vortreffliches
denkt, spricht oder tut, auf +seine+ Rechnung kommen, ja, daß er
in der Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher
Personen auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet
werden und überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung,
mit der er im Konflikt, gelten muss.« Diesen Zauber legt die Fee
in drei feuerglänzende Haare, die sich über den Scheitel des
Wechselbalges ziehen. Und zum Schutze dieser wertvollen Haare,
deren Entfernung den Zusammenbruch des Zaubers herbeiführt,
verwandelt sie das von Natur struppige Haar des Kleinen in dichte
Locken. Zur Stärkung des Zaubers aber frisiert die Fee das Haar des
Wechselbalges jeden neunten Tag mit einem goldenen magischen Kamm.
So ausgerüstet zieht Klein Zaches nun in die Welt und nutzt den
Zauber aus. Er kommt in das Haus Professor Mosch Terpins und
an den kleinen Hof des Fürsten Barsanuph und gelangt dort auf
die ergötzlichste Weise von der Welt zu den höchsten Ehren, bis
der Student Balthasar, dessen Liebesglück Zinnober kraft seiner
wundersamen Gabe bedroht, den Zauber bricht, und zwar mit Hilfe des
Gelehrten Prosper Alpanus, der mächtiger in der Kunst der Magie
ist, als die gütige Fee Rosabelverde.
Die nachstehenden Abschnitte schildern Zinnobers Glück und Ende in
der Residenz und am Hofe des Fürsten Barsanuph.
[Illustration]
Professor Mosch Terpins literarischer Tee. -- Der junge Prinz.
Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem süßen Bangen
die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natürlicher
als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
Verse nieder, die in einer mystischen Erzählung von der Liebe der
Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
Candidas unbewehrtes Herz, wenn und wie es nur möglich.
Fabian lächelte ein wenig, als er der Verabredung gemäß zur bestimmten
Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn zierlicher
geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen gezackten
Kragen von den feinsten Brüsseler Kanten umgetan, sein kurzes Kleid
mit geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Sammt. Und dazu trug er
französische Stiefel mit hohen spitzen Absätzen und silbernen Fransen,
einen englischen Hut von feinstem Castor und dänische Handschuhe.
So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm über alle
Maßen gut, zumal er sein Haar schön kräuseln lassen und das kleine
Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte.
Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, als in Mosch Terpins
Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen,
wie man sie immer zu sehen gewohnt. »Mein holdseligstes Fräulein!«
seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die süße Candida
selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber
an mit leuchtenden Augen und sprach: »Hier ist Rum und Maraschino,
Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar! greifen Sie doch nur
gefälligst zu nach Ihrem Belieben!« Statt aber auf Rum und Maraschino,
Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte der
begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der innigsten
Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach Worten,
die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben empfand. Da
faßte ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer baumstarker
Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum, daß er mehr
Teewasser auf den Boden verschüttete, als eben schicklich, und rief mit
donnernder Stimme: »Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnöde
Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total -- dort im andern
Zimmer hat unser tapferer Mosch eine Batterie der schönsten Flaschen
mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen
lassen!« -- Er schleppte den unglücklichen Jüngling fort.
Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
entgegen, ein kleines sehr seltsames Männlein an der Hand führend und
laut rufend: »Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit
den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jüngling vor, dem es nicht
schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es
ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universität
gekommen, und die Rechte zu studieren gedenkt!« -- Fabian und Balthasar
erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der vor
dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestürzt war.
»Soll ich,« sprach Fabian leise zu Balthasar, »soll ich denn noch das
Alräunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
Gegner.«
»Schäme dich,« erwiderte Balthasar, »schäme dich, daß du den
verwahrlosten Mann verspottest, der wie du hörst, die seltensten
Eigenschaften besitzt, und so durch geistigen Wert das ersetzt, was
die Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte.« Dann wandte er sich
zum Kleinen und sprach: »Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß
Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?«
Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der
Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in die Höhe, so
daß er dem Balthasar beinahe bis an den Gürtel reichte, warf den Kopf
in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in
seltsam schnarrendem Baßton: »Ich weiß nicht, was Sie wollen, wovon
Sie sprechen, mein Herr! -- Vom Pferde gefallen? -- +ich+ vom Pferde
gefallen? -- Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich der beste
Reiter bin, den es geben kann, daß ich niemals vom Pferde falle, daß
ich als Freiwilliger unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht
und Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manège!
-- hm hm -- vom Pferde fallen -- ich vom Pferde fallen!« -- Damit
wollte er sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich stützte,
glitt aber aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor
die Füße. Balthasar griff hinab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen,
und berührte dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine einen
gellenden Schrei aus, daß es im ganzen Saale widerhallte und die Gäste
erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
entsetzlich geschrieen. »Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr
Balthasar,« sprach der Professor Mosch Terpin, »aber das war ein etwas
wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!« »Katze --
Katze -- weg mit der Katze!« rief eine nervenschwache Dame und fiel
sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: »Katze -- Katze --« rannten
ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe
hinaus.
Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die ohnmächtige Dame
ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: »Aber was richten Sie auch für
Unheil an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!«
Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor
Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu
sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und nicht +er+ gewesen, der
so entsetzlich gemauzt.
Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings schlimme Verlegenheit. Er
nahte sich ihm freundlich und sprach: »Nun, nun, lieber Herr Balthasar,
seien Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt. Sich zur Erde
bückend, auf allen Vieren hüpfend, ahmten Sie den gemißhandelten
grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr dergleichen
naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee --« »Aber,«
platzte Balthasar heraus, »aber vortrefflichster Herr Professor, ich
war es ja nicht --« »Schon gut -- schon gut,« fiel ihm der Professor
in die Rede. Candida trat zu ihnen. »Tröste mir,« sprach der Professor
zu dieser, »tröste mir doch den guten Balthasar, der ganz betreten ist
über alles Unheil, was geschehen.«
Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
die Hand und lispelte mit anmutigem Lächeln: »Es sind aber auch recht
komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fürchten.«
Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
ließ den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
verzückt in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und
Katzengeschrei. -- Der Tumult war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt.
Am Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß mehreren Zwieback,
den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das
von feindlicher Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck folge
sehnsüchtig Hoffen! --
Auch die beiden alten Herren, denen draußen wirklich ein flüchtiger
Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurück, und
suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.
Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, mehrere junge Leute
setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine
Fußbank herangerückt und war mittelst derselben auf das Sofa gestiegen,
wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen saß und stolze funkelnde
Blicke um sich warf.
Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken.
Er äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie sie bei jungen
Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe er nicht fürchten, Überdruß und
Langeweile zu erregen, dürfe er auf gütige Nachsicht der verehrten
Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jüngste Erzeugnis
seiner Muse, vorzulesen.
Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich neues
in der Stadt zugetragen, da die Mädchen den letzten Ball bei dem
Präsidenten gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der
neuesten Hüte einig wurden, da die Männer unter zwei Stunden nicht
auf weitere Speis und Tränkung rechnen durften: so wurde Balthasar
einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuß nicht
vorzuenthalten.
Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.
Sein eigenes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit
voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr
und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet
die innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als
leise Seufzer -- manches leise »Ach« -- der Frauen, mancher Ausruf der
Männer: »Herrlich -- vortrefflich -- göttlich!« ihn überzeugten, daß
sein Gedicht alle hinriß.
Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: »Welch ein Gedicht! --
welche Gedanken -- welche Phantasie -- was für schöne Verse --
welcher Wohlklang -- Dank -- Dank Ihnen, bester Herr Zinnober für den
göttlichen Genuß« --
»Was? wie?« rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
alle stürzten auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein
kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarrte: »Bitte recht sehr --
bitte recht sehr -- müssen so vorlieb nehmen! -- ist eine Kleinigkeit,
die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eile!« -- Aber der
Professor der Ästhetik schrie: »Vortrefflicher -- göttlicher Zinnober!
-- Herzensfreund, außer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt
gibt auf Erden! -- Komm an meine Brust, schöne Seele!« -- Damit riß
er den Kleinen vom Sofa auf in die Höhe und herzte und küßte ihn.
Zinnober betrug sich dabei sehr ungebärdig. Er arbeitete mit den
kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quäkte:
»Laß mich los -- laß mich los -- es tut mir weh -- weh -- ich kratz'
dir die Augen aus -- ich beiß' dir die Nase entzwei!« -- »Nein«, rief
der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf das Sofa, »nein,
holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!« -- Mosch
Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers
Händchen, drückte es und sprach sehr ernst: »Vortrefflich, junger Mann!
-- nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen Genius,
der Sie beseelt« -- »Wer ist's«, rief nun wieder der Professor der
Ästhetik in voller Begeisterung aus, »wer ist's von euch Jungfrauen,
der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste Gefühl der
reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuß?«
Da stand Candida auf, nahete sich, voll Glut auf den Wangen, dem
Kleinen, kniete nieder und küßte ihn auf den garstigen Mund mit
blauen Lippen. »Ja«, schrie nun Balthasar wie vom Wahnsinn plötzlich
erfaßt, »ja Zinnober -- göttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige
Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der
herrliche Lohn, den du erhalten!« --
Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: »Tu mir
den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und
ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich
Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume
liegen -- ob wir närrisch sind -- zupfe mich an der Nase oder rüttle
mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!« --
»Wie magst«, erwiderte Fabian, »wie magst du dich denn nur so toll
gebärden, aus purer Eifersucht, weil Candida den Kleinen küßte?
Gestehen mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der Kleine
vorlas, in der Tat vortrefflich war.« -- »Fabian«, rief Balthasar
mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, »was sprichst du denn?«
-- »Nun ja«, fuhr Fabian fort, »nun ja, das Gedicht des Kleinen war
vortrefflich und gegönnt hab' ich ihm Candidas Kuß. -- Überhaupt
scheint hinter dem seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr
wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur
betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich
vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere
Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft ein anmutiger
wohlgewachsener Jüngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum über
den Tisch hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde dich
als Dichter mit dem Dichter!«
»Was«, schrie Balthasar voll Zorn, »was? -- noch befreunden mit dem
verfluchten Wechselbalge, den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?«
»So«, sprach Fabian, »so verschließest du dich denn aller Vernunft.
Doch laß uns in den Saal zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben muß,
da ich laute Beifallsrufe vernehme.«
Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.
Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt,
der, den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen dastand und mit
stolzem Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte.
Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
Kunststückchen machte. Kaum war er fertig, als wiederum alle den
Kleinen umringend riefen: »Herrlich -- vortrefflich, lieber Herr
Zinnober!« --
Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
stärker als die übrigen: »Herrlich -- vortrefflich, lieber Herr
Zinnober!«
Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fürst Gregor, der auf
der Universität studierte. Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt,
die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und
ungezwungen, daß sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den
vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.
Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als
den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker über alle Maßen
lobte.
Seltsam war die Gruppe, die beide zusammenstehend bildeten. Gegen den
herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige Männlein
ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den dünnen Beinchen
zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren hingerichtet, aber
nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen, der, sich auf den
Fußspitzen hebend, immer wieder hinabsank und so hinauf und hinunter
wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.
Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: »Was sagen
Sie zu meinem Schützling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
hinter dem Mann und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
ihn erzogen und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft sehr
geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein
vornehmes ungezwungenes Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem Geblüt,
vielleicht gar ein Königssohn!« -- In dem Augenblick wurde gemeldet,
das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin zur
Candida, ergriff täppisch ihre Hand und führte sie nach dem Speisesaal.
In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar durch die finstre
Nacht, durch Sturmwind und Regen fort nach Hause.
[Illustration]
Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob.
Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister der auswärtigen
Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
angenommen, ein Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein
war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbüchern und
Chroniken vergebens suchte. Er hieß, wie sein Ahnherr, Prätextatus
von Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
seinen Namen mit französischen Lettern, sowie überhaupt eine leserliche
Hand, und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter
schlecht war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen Paphnutz,
liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort, spielte
in den Erholungsstunden mit dem Fürsten Kegel, verstand sich herrlich
aufs Geld-Negoz, und suchte in der Gavotte seinesgleichen.
Es begab sich, daß der Baron Prätextatus von Mondschein den Fürsten
eingeladen hatte zum Frühstück auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen
Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im
Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen
Zinnober, der auf seinen Stock gestemmt ihn mit seinen Äugelein
anfunkelte und ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene
Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der
Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn gnädig an und sprach zum
Minister: »Mondschein! was haben Sie da für einen kleinen, hübschen
verständigen Mann in Ihrem Hause? -- Es ist gewiß derselbe, der die
wohl stilisierten und schön geschriebenen Berichte verfertigt, die
ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?« -- »Allerdings, gnädigster
Herr«, erwiderte Mondschein. »Mir hat das Geschick ihn zugeführt
als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Büreau.
Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann
ganz vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fürst! -- Erst seit
wenigen Tagen ist er bei mir.« -- »Und eben deshalb«, sprach ein junger
hübscher Mann, der sich indessen genähert, »und eben deshalb hat,
wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein junger kleiner
Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück hatten,
von Ihnen, mein durchlauchtigster Fürst, mit Wohlgefallen bemerkt zu
werden, sind von mir verfaßt.« -- »Was wollen Sie!« fuhr der Fürst ihn
zornig an. -- Zinnober hatte sich dicht an den Fürsten geschoben und
schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. -- Der junge
Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfaßt, aber: »Was wollen
Sie«, rief der Fürst, »Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerührt?
-- Und daß Sie dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so daß, wie
ich zu meinem großen Ärger bemerken muß, meine neue Kasimirhose bereits
einen Butterfleck bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen,
ja! -- alles das beweiset hinlänglich Ihre Untauglichkeit zu jeder
diplomatischen Laufbahn! -- Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie
sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine
nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. -- Vielleicht wird mir dann
wieder gnädig zu Mute!« Dann zum Zinnober: »Solche Jünglinge, wie Sie,
werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll
ausgezeichnet zu werden! -- Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!«
-- »Danke schönstens«, schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen
hinunterschluckte, und sich das Maul wischte mit beiden Händchen,
»danke schönstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt.«
»Wackres Selbstvertrauen«, sprach der Fürst mit erhobener Stimme,
»wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem würdigen
Staatsmann innewohnen muß!« Und auf diesen Spruch nahm der Fürst ein
Schnäpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und
das ihm sehr wohl bekam. -- Der neue Rat mußte Platz nehmen zwischen
dem Fürsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und
trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte
zwischen den Zähnen, und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase
über den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen.
Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der Fürst und der Minister:
»Es ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!« --
[Illustration]
Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
und im Grase ein Taubad nahm. -- Der Orden des grüngefleckten
Tigers. -- Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders.
Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne, »Konnte«, sprach er
zu sich selbst, »konnte mir denn etwas Glücklicheres begegnen, als daß
der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als Studiosus?
-- Er heiratet meine Tochter -- er wird mein Schwiegersohn, durch ihn
erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph und steige
nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen hinaufklimmt.
-- Wahr ist es, daß es mir oft selbst unbegreiflich vorkommt, wie
das Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein kann in den
Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein hübsches
Äußere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn nun
zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, als ob er nicht ganz
hübsch zu nennen -- sogar -- ~bossu~ -- still -- ßt -- ßt -- die Wände
haben Ohren. -- Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen
-- höher hinauf, und ist mein Schwiegersohn!« --
Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die entschiedenste Neigung
für den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
seltsamer Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der Geheime
Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes Ding sei,
sogleich von den wunderschönen Haaren, womit ihn die Natur begabt.
Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, hämischer, als der
Referendarius Pulcher.
Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
stand ihm getreulich der Geheime Sekretär Adrian bei, eben derselbe
junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Büreau des Ministers
verdrängt hätte, und der des Fürsten Gunst nur durch die vortreffliche
Fleckkugel wieder gewann, die er ihm überreichte.
Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schönes Haus mit einem
noch schöneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch
umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blühten. Man
hatte bemerkt, daß allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle Hilfe
des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den Gebüschen
verschwand, die jenen Platz umgaben.
Pulcher und Adrian, irgend ein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu übersteigen
und sich in den Gebüschen zu verbergen.
Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
Blumenbeet ging, die tauigten Halme und Stauden um die Nase schlugen.
Als er auf den Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
süßtönendes Wehen durch die Büsche, und durchdringender wurde der
Rosenduft. Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den Schultern
schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter
den Rosenbüschen stand, nahm mit den leisen Worten: »Komm, mein liebes
Kind,« den kleinen Zinnober und kämmte ihm mit einem goldnen Kamm sein
langes Haar, das den Rücken hinabwallte. Das schien dem Kleinen sehr
wohlzutun, denn er blinzelte mit den Äugelein und streckte die Beinchen
lang aus, und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater. Das hatte wohl
fünf Minuten gedauert, da strich noch einmal die zauberische Frau mit
einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian
gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden Streif auf dem Haupte
Zinnobers. Nun sprach die Frau: »Lebe wohl, mein süßes Kind! -- Sei
klug, sei klug, so wie du kannst!« -- Der Kleine sprach: »Adieu,
Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das gar nicht so oft zu
wiederholen.«