Aber es war Öyvind, der dort oben in der Mittagssonne saß und wartete.

Er saß in Hemdsärmeln dicht neben dem Bach, der aus dem See rann. Noch

immer zeigte sich niemand in dem Heidehoftal, und er begann schon

unruhig zu werden, als plötzlich ein großer Hund schwerfällig aus

einer Tür in Nordistuen herauskam, und hinter ihm drein ein Mädchen in

Hemdsärmeln. Sie sprang über die Wiesen dahin und den Berg hinab; er

hatte große Lust, hinabzujodeln, aber er wagte es nicht. Er sah

aufmerksam auf den Hof hinab, ob auch nicht jemand zufällig herauskäme

und sie bemerkte, aber da war sie schon im Schutz angelangt, und er

erhob sich mehrmals voller Ungeduld. Endlich kam sie denn auch, indem

sie sich mühsam am Bach entlang emporarbeitete; der Hund lief dicht

vor ihr her und witterte in der Luft, sie hielt sich am Gesträuch

fest, und immer müder wurde ihr Gang. Öyvind eilte hinab, der Hund

knurrte, wurde aber zum Schweigen gebracht; aber sobald Marit ihn

kommen sah, setzte sie sich, dunkelrot vor Hitze, matt und erschöpft

auf einen großen Stein. Er warf sich auf den Stein daneben: »Hab Dank,

daß du gekommen bist! Was für eine Hitze, und was für ein Weg!« --

»Hast du schon lange gewartet?« -- »Nein. Seit sie uns des Abends

aufpassen, müssen wir ja die Mittagsstunde benutzen. Aber in Zukunft,

denke ich, wollen wir uns die Sache nicht so heimlich und mühselig

machen; gerade darüber wollte ich mit dir reden.« -- »Nicht heimlich?«

-- »Ich weiß wohl, daß es dir am besten gefällt, wenn es heimlich

zugeht; aber es gefällt dir auch, Mut zu zeigen. Heute bin ich

gekommen, um lange mit dir zu reden, und jetzt mußt du mich anhören.«

-- »Ist es wahr, daß du Bezirksagronom werden willst?« -- »Ja, und ich

werde die Stelle wohl auch erhalten. Damit verfolge ich einen

doppelten Zweck: zunächst den, eine Stellung zu erringen, dann aber,

und zwar vor allen Dingen, den, etwas auszurichten, was dein Großvater

sehen und beurteilen kann. Es trifft sich so glücklich, daß die

meisten Hofbesitzer auf den Heidehöfen jüngere Leute sind, die

Verbesserungen wünschen und Hilfe begehren; Geld haben sie auch. Damit

will ich anfangen; ich will alles verbessern, von ihren Viehställen

bis zu ihren Wasserleitungen, ich will Vorträge halten und arbeiten,

ich will, sozusagen, den Alten mit guten Taten belagern.« -- »Das ist

keck gesprochen, was aber weiter, Öyvind?« -- »Ja, das andre soll von

uns beiden handeln. Du darfst nicht reisen.« -- »Wenn er es nun aber

befiehlt?« -- »Und du darfst nichts verheimlichen, was uns beide

angeht.« -- »Wenn er mich aber quält!« -- »Durch offnes Auftreten

erreichen wir aber mehr und beschützen uns besser. Wir wollen gerade

so viel unter den Augen der Leute sein, daß sie immer davon reden

müssen, wie wir zueinander halten; um so eher werden sie wünschen, daß

es uns gut ergehn möge. Du darfst nicht reisen. Die Getrennten setzen

sich Gefahren aus, und es kann sich Klatsch zwischen sie drängen. Im

ersten Jahre glauben wir nichts, im zweiten aber können wir anfangen,

allmählich zu glauben. Wir beide wollen uns einmal wöchentlich treffen

und über all das Böse lachen, das sich zwischen uns drängen will. Wir

müssen uns beim Tanz treffen können und uns im Takte drehen, daß es

nur so singt, während unsre Verleumder ringsumher sitzen. Wir wollen

uns vor der Kirche treffen und uns begrüßen, daß alle es sehen können,

die uns hundert Meilen weit voneinander wünschen. Dichtet jemand ein

Spottlied über uns, so setzen wir uns zusammen und versuchen

unsrerseits, eins zu machen, das ihnen die Antwort nicht schuldig

bleibt; das wird schon gehn, wenn wir uns gegenseitig helfen. Niemand

kann uns etwas anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch

_zeigen_, daß wir es tun. Unglückliche Liebe findet man nur bei

furchtsamen Leuten, oder bei schwachen oder kranken Leuten, oder bei

berechnenden Leuten, die auf eine Gelegenheit warten, bei listigen

Leuten, die schließlich an ihrer eignen List zugrunde gehn, oder bei

sinnlichen Leuten, die sich nicht so innig lieben, daß Stand und

Unterschied vergessen werden kann -- die verstecken sich, schicken

sich Briefe, zittern bei jedem Worte, und die Furcht, diese beständige

Unruhe, dieses Prickeln im Blut halten sie dann schließlich für Liebe;

sie fühlen sich unglücklich und zerfließen wie Zucker. Pah, so ein

Liebespaar! Hätten sie sich nur wahrhaft lieb, dann fürchteten sie

sich nicht, dann lachten sie, dann gingen sie in jedem Lächeln, in

jedem Wort offen auf die Kirchentür zu. Ich habe davon in Büchern

gelesen und habe es selber auch schon gesehen: es ist schlecht

bestellt mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht. Sie muß in

Heimlichkeit beginnen, weil sie in Verschämtheit beginnt, sie muß aber

offen leben, weil sie in Freude lebt. Es geht damit wie mit dem

Wechsel des Laubes; was wachsen soll, kann sich nicht verbergen, und

jedenfalls siehst du, daß all das, was am Baume trocken ist, abfällt,

sobald das neue Laub ausschlägt. Zu wem die Liebe kommt, der läßt

fahren, was er an altem, an totem Kram festhielt, die Säfte quellen

und steigen, und das sollte niemand merken? Ju -- ju, Mädchen, sie

sollen fröhlich werden, wenn sie uns fröhlich sehen; zwei Verlobte,

die ausharren, erweisen den Leuten eine Wohltat, denn sie schenken

ihnen ein Gedicht, das die Kinder zur Beschämung der ungläubigen

Eltern auswendig lernen. Ich habe von so vielen Liebenden dieser Art

gelesen, es leben auch hier im Kirchspiel einige in der Leute Mund,

und gerade die Kinder von denen, die einstmals all dieses Böse

verübten, erzählen es jetzt und sind darüber gerührt. Ja, Marit, jetzt

wollen wir beide einander die Hand geben, und dann wollen wir uns

geloben, zusammenzuhalten, und dann wird auch alles gut gehn, hurra!«

-- Er wollte ihren Kopf zu sich ziehen, sie aber wandte sich ab und

ließ sich von dem Steine hinabgleiten.

Er blieb sitzen, sie kam zurück, und mit den Armen auf seinen Knien

blieb sie stehn und sprach mit ihm, während sie zu ihm aufblickte. --

»Hör einmal, Öyvind, wenn er nun aber will, daß ich reisen soll, was

dann?« -- »Dann sollst du geradeheraus nein sagen.« -- »Lieber, geht

das wohl an?« -- »Er kann dich doch nicht in den Wagen hinaustragen.«

-- »Wenn er auch nicht gerade das tut, so kann er mich doch auf

mancherlei andre Weise zwingen.« -- »Das glaube ich nicht; Gehorsam

bist du ihm ja schuldig, solange es keine Sünde ist; aber du bist es

ihm auch schuldig, ihn deutlich fühlen zu lassen, wie schwer es dir

diesmal wird, gehorsam zu sein. Ich glaube, er wird sich bedenken,

wenn er das sieht; jetzt glaubt er wie die meisten, daß es nur

Kinderei sei. Zeig ihm, daß es mehr ist.« -- »Du kannst mir glauben,

mit ihm ist nicht zu spaßen. Er bewacht mich wie eine angepflöckte

Geiß.« -- »Aber du zerreißt die Leine jeden Tag ein paarmal.« -- »Das

ist nicht wahr.« -- »Ja, jedesmal, wenn du heimlich an mich denkst, so

zerreißt du sie.« -- »Ach so, ja! Bist du aber auch sicher, daß ich so

oft an dich denke?« -- »Sonst säßt du nicht hier.« -- »Lieber, du

ließt mir ja sagen, ich sollte hierherkommen.« -- »Aber du kamst, weil

deine Gedanken dich trieben.« -- »Oder auch, weil das Wetter so schön

war.« -- »Du sagtest vorhin, es sei zu warm.« -- »Den Berg

hinaufzugehn, ja, aber nicht, ihn wieder _hinab_zugehn.« -- »Weswegen

gingst du denn hinauf?« -- »Um wieder hinabspringen zu können.« --

»Weshalb bist du denn noch nicht gesprungen?« -- »Weil ich mich

ausruhen mußte.« -- »Und weil du mit mir von Liebe plaudern wolltest.«

-- »Ich konnte dir ja gern die Freude machen, dich anzuhören.« --

»Während's Vöglein sang -- -- und das andre schlief ein -- -- und die

Glocke erklang -- -- im grünen Hain.«

In diesem Augenblick sahen sie beide Marits Großvater auf den Hof

hinaushumpeln und an die Glocke gehn, um die Leute zu wecken. Aus

Scheunen, Schuppen und Stuben kamen die Leute heraus, gingen

verschlafen zu den Pferden und den Harken, zerstreuten sich auf dem

Felde, und bald darauf herrschte überall wieder Leben und Arbeit. Nur

der Großvater ging aus dem einen Gebäude heraus und in das andre

hinein, schließlich stieg er auf die höchste Scheunenbrücke und sah

sich um. Ein kleiner Junge kam auf ihn zugesprungen, wahrscheinlich

hatte er ihn gerufen. Darauf lief der Knabe richtig in der Richtung

fort, wo Öyvinds Elternhaus lag; der Großvater humpelte indes auf dem

Hof umher, indem er oft hinaufschaute und wohl keine Ahnung davon

hatte, daß das Schwarze da droben auf dem 'Großen Stein' Marit und

Öyvind waren. Zum zweitenmal aber bereitete Marits großer Hund

Ungelegenheiten. Er sah ein fremdes Pferd auf die Heidehöfe einlenken,

und da er glaubte, er befände sich mitten in seinem Hofgeschäft, so

fing er an, aus Leibeskräften zu bellen. Sie suchten den Hund zu

beschwichtigen, der aber war böse geworden und wollte nicht wieder

aufhören; unten stand der Großvater und starrte gerade in die Höhe.

Aber die Sache sollte noch schlimmer werden, denn alle Hirtenhunde

hörten voller Staunen die fremde Stimme und eilten herbei. Als sie

sahen, daß es ein großer wolfähnlicher Riese war, fuhren alle die

struppigen Finnenhunde auf diesen einen ein; Marit erschrak so sehr,

daß sie ohne Abschied davonlief. Öyvind stürzte sich mitten in den

Kampf hinein, stieß mit den Füßen und schlug, aber sie verlegten nur

den Walplatz und fuhren dann unter grausamem Geheul und Gebeiße wieder

aufeinander ein, er aufs neue hinterdrein, und so fort, bis sie sich

an das Ufer des Baches wälzten. Da lief er hinzu, und die Folge war,

daß sie alle ins Wasser platschten, und zwar gerade da, wo es sehr

tief war; da zogen sie sich beschämt auseinander, und so endete diese

Waldschlacht. Öyvind ging durch den Wald, bis er an die Landstraße

gelangte, Marit aber begegnete dem Großvater oben an dem Hofzaun; das

hatte sie dem Hunde zu verdanken.

»Wo kommst du her?« -- »Aus dem Walde.« -- »Was hast du da getan?« --

»Beeren gepflückt.« -- »Das ist nicht wahr.« -- »Nein, das ist es auch

nicht.« -- »Was hast du da getan?« -- »Ich habe mit jemand

gesprochen.« -- »Mit dem Häuslerjungen?« -- »Ja.« -- »Höre nun, Marit,

morgen verreist du!« -- »Nein!« -- »Höre nun, Marit, ich will dir

jetzt eins sagen, nur das eine: du _sollst_ reisen!« -- »Du kannst

mich nicht in den Wagen heben!« -- »Ich? Kann ich das nicht?« --

»Nein, denn du willst es gar nicht.« -- »Ich will es nicht? Höre nun,

Marit, nur des Scherzes halber, siehst du, nur des Scherzes halber

will ich dir erzählen, daß ich diesem deinem Lumpenbub die Rippen im

Leibe zerschlagen will.« -- »Nein, das wagst du gar nicht.« -- »Ich

wage es nicht? Du sagst, ich wage es nicht? Wer sollte mir wohl etwas

tun; wer, wenn ich fragen darf?« -- »Der Schulmeister!« -- »Der Schul

-- Schul -- Schulmeister? Glaubst du, daß der sich um ihn kümmert,

du?« -- »Ja, _er_ ist es, der ihn auf der Ackerbauschule erhalten

hat.« -- »Der Schulmeister?« -- »Der Schulmeister!«

»Höre nun, Marit, ich will von diesem Gelaufe nichts wissen, du mußt

aus dem Kirchspiel fort! Du machst mir nichts als Kummer und Sorge; so

war es mit deiner Mutter auch, nichts als Kummer und Sorge. Ich bin

ein alter Mann, ich will dich gut versorgt sehen; ich will um dieser

Geschichte willen nicht wie ein Narr in der Leute Mund sein; ich will

ja nur dein Bestes, das mußt du doch einsehen, Marit. Bald wird es mit

mir vorbei sein, dann stehst du da; wie würde es deiner Mutter

ergangen sein, wenn ich nicht dagewesen wäre? Höre nun, Marit, sei

verständig, achte auf das, was ich dir sage, ich will nur dein

Bestes!« -- »Nein, das willst du nicht!« -- »So? Was will ich denn?«

-- »Deinen Willen haben willst du, weiter nichts; aber nach dem meinen

fragst du gar nicht.« -- »Du willst vielleicht auch schon einen Willen

haben, du Grünschnabel? Du willst dich vielleicht auf dein eignes

Beste verstehen, du, du Närrin? Ich will dir die Rute geben, das will

ich, so groß und so lang du bist! Höre nun, Marit, ich will in aller

Freundlichkeit mit dir reden; du bist im Grunde gar nicht so verrückt,

du bist nur irregeleitet. Du mußt mich anhören; ich bin ein alter,

vernünftiger Mann. Wir wollen ganz ruhig miteinander reden; es steht

gar nicht so gut mit mir, wie die Leute glauben; ein armer, loser

Vogel kann gar bald mit dem Wenigen davonfliegen, was ich habe; dein

Vater hat mein Vermögen arg mitgenommen, der. Laß uns in dieser Welt

für uns selber sorgen, sie ist es nicht besser wert. Der Schulmeister

hat gut reden, denn der hat selber Geld; und der Pfarrer hat auch

Geld, die können gut predigen, die. Aber wir, die wir uns für das

tägliche Brot abmühen müssen, mit uns ist es eine andre Sache. Ich bin

alt, ich bin erfahren, ich habe vielerlei gesehen; die Liebe, siehst

du, die mag ganz gut sein, dazu, daß man davon redet, ja; aber das

taugt nichts; das ist ganz gut für Pfarrersleute und solche Art, die

Bauern müssen die Sache anders auffassen. Erst das tägliche Brot,

siehst du, dann Gottes Wort, und dann ein wenig Schreiben und Rechnen,

und dann ein wenig Liebe, wenn sich das gerade so macht; aber es nützt

dem Teufel was, mit der Liebe anzufangen und mit dem täglichen Brot

enden zu wollen! Was antwortest du darauf, Marit?« -- »Ich weiß

nicht.« -- »Du weißt nicht, was du darauf antworten sollst?« -- »Doch,

das weiß ich.« -- »Nun denn?« -- »Soll ich es sagen?« -- »Gewiß sollst

du es sagen.« -- »Ich halte große Stücke auf die Liebe.« -- Er stand

einen Augenblick ganz entsetzt da, dachte dann an die Hunderte von

ähnlichen Gesprächen, die einen ähnlichen Ausgang gehabt hatten,

schüttelte den Kopf, wandte sich ab und ging.

Er fiel über die Tagelöhner her, schalt die Mägde, prügelte den großen

Hund und ängstigte ein kleines Huhn, das auf den Acker hinausgeraten

war, fast zu Tode. Zu ihr aber sagte er nichts.

Als Marit an diesem Abend hinaufging, um sich schlafen zu legen, war

sie so froh, daß sie das Fenster öffnete, sich hinauslehnte und sang.

Sie hatte ein kleines, feines Liebeslied erhalten, das sang sie.

Liebst du mich, wie ich

Herzlich liebe dich,

Fehlt mir nichts zu meinem Glücke.

Ach wie ist so weit

Nun die Sommerszeit;

Doch sie kehrt im nächsten Jahr zurücke.

Sitzt ein Vögelein

Vor dem Fenster mein,

Mit dem Schnabel pocht es an die Scheiben:

Meine Liebe ists,

Die mir sagt: Ihr wißts,

Treu, ja treu wollt ihr euch ewig bleiben!

Und es zwitschert leis:

Ob ers wirklich weiß

Hinterm Wald mit all den dichten Zweigen?

Bricht die Nacht herein,

Möchtst du bei ihm sein,

Soll ich her zu dir den Weg ihm zeigen?

Stille, rühr dich nicht!

Nein, das tat ich nicht,

Nicht ein Wort hab ich gesagt von Küssen;

Hast du das gehört,

Warst du ganz betört,

Würde mich ja vor ihm schämen müssen!

Ungesprochnes Wort,

Das kann doch nicht fort

Huschen wie ein Vogel durch die Bäume.

Gute, gute Nacht!

Ob dein Auge lacht,

Liebster, heute mir durch meine Träume?

Jetzt geh ich zur Ruh,

Schließ die Augen zu,

Botschaft wird von dir der Traum mir bringen.

Mehr willst ja von mir,

Mehr will ich von dir

Nicht, als daß dir leis die Ohren klingen.

12

Mehrere Jahre sind seit diesem letzten Auftritt vergangen.

Es ist Herbst, der Schulmeister kommt nach Nordistuen heraufgegangen,

öffnet die äußere Tür, findet niemand zu Hause, öffnet noch eine Tür,

findet niemand zu Hause, geht dann immer weiter bis in die innerste

Kammer des langen Gebäudes; dort sitzt Ole Nordistuen allein vor dem

Bett und betrachtet seine Hände.

Der Schulmeister grüßt und wird willkommen geheißen; er nimmt einen

Schemel und setzt sich vor Ole. »Du hast einen Boten nach mir

geschickt,« sagt er. -- »Ja, das habe ich getan.«

Der Schulmeister nimmt einen neuen Priem, sieht sich in der Kammer um,

greift nach einem Buche, das auf der Bank liegt, und blättert darin.

-- »Was wolltest du denn von mir?« -- »Ich sitze hier gerade und denke

darüber nach.«

Der Schulmeister läßt sich Zeit, zieht seine Brille hervor, um den

Titel des Buches zu lesen, putzt sie und setzt sie auf. -- »Du wirst

nun alt, Ole.« -- »Ja, gerade darüber wollte ich mit dir sprechen. Es

geht bergab mit mir, bald liege ich da.« -- »Dann sorge dafür, daß du

eine sanfte Ruhe bekommst, Ole« -- er schließt das Buch, sitzt da und

sieht nach dem Fenster hinaus.

»Das ist ein gutes Buch, das du da in den Händen hast.« -- »Es ist

nicht übel; bist du oft über den Einband hinausgekommen, Ole?« -- »Hm;

in der letzten Zeit, da --«

Der Schulmeister legt das Buch hin und steckt die Brille wieder ein.

-- »Es geht dir jetzt wohl nicht nach Wunsch, Ole?« -- »Nach Wunsch

ist es mir nicht gegangen, solange ich zurückdenken kann.« -- »Ja, so

war es auch lange Zeit mit mir. Ich lebte in Unfrieden mit einem guten

Freund und wollte, _er_ sollte zu _mir_ kommen, und so lange war ich

unglücklich. Da kam ich auf den Gedanken, zu _ihm_ zu gehn, und

seither ist es mir wieder gut ergangen.« -- Ole steht auf und

schweigt.

Der Schulmeister: »Wie denkst du denn, daß es mit dem Hofe geht, Ole?«

-- »Bergab, so wie mit mir selber.« -- »Wer soll ihn übernehmen, wenn

du fortgehst?« -- »Das ist es ja, was ich nicht weiß; und das ist es

auch, was mich quält.«

»Deinen Nachbarn geht es jetzt gut, Ole.« -- »Ja, die haben auch den

Agronomen zur Hilfe, die.«

Der Schulmeister wendet sich gleichgültig nach dem Fenster: »Du

würdest auch Hilfe haben, du auch, Ole. Viel gehn kannst du nicht

mehr, und vom neuen Stil hast du keine Ahnung.« -- Ole: »Da ist

niemand, der mir helfen wollte.« -- »Hast du schon darum _gebeten_?«

-- Ole schweigt.

Schulmeister: »Ich stand lange so mit dem lieben Gott, ich. 'Du bist

nicht gut mit mir,' sagte ich zu ihm. 'Hast du mich darum gebeten?'

fragte er. Nein, das hatte ich nicht getan; so bat ich denn, und

seither ist es sehr gut gegangen.« -- Ole schweigt, aber nun schweigt

auch der Schulmeister.

Endlich sagt Ole: »Ich habe eine Enkelin, sie weiß, was mir Freude

machen würde, ehe ich heimfahre, aber sie tut es nicht.« -- Der

Schulmeister lächelt: »Vielleicht würde das ihr keine Freude machen.«

-- Ole schweigt.

Schulmeister: »Da sind viele Dinge, die dich bekümmern; aber soweit

ich verstehn kann, dreht es sich doch schließlich alles um den Hof.«

-- Ole sagt leise: »Er ist seit vielen Geschlechtern in der Familie

gewesen, und der Boden ist gut. Alles das, was Vater nach Vater im

Schweiße des Angesichts geschaffen haben, liegt darin, aber jetzt will

hier nichts mehr gedeihen. Auch weiß ich nicht, wenn sie mich nun

hinausfahren werden, wer hier dann einfahren wird. Aus diesem

Geschlechte wird er nicht sein.« -- »Die, die deiner Tochter Tochter

ist, wird das Geschlecht fortpflanzen.« -- »Aber der, den sie nimmt,

wie wird der auf dem Hofe wirtschaften? Das muß ich wissen, ehe ich

mich niederlege. Es hat Eile, Baard, mit mir und mit dem Hofe.«

Sie schwiegen beide; endlich sagte der Schulmeister: »Wollen wir nicht

ein wenig hinausgehn und uns auf dem Hofe umsehen bei dem schönen

Wetter?« -- »Ja, laß uns das tun! Ich habe Arbeiter oben im Gebirge,

sie sollen Laub herunterholen, aber sie arbeiten nicht, wenn ich nicht

immer dabei stehe.« -- Er humpelte hin, um die große Mütze und den

Stock zu holen, und sagte derweil: »Sie mögen nicht gern bei mir

arbeiten; ich begreife es nicht.« -- Als sie glücklich hinausgekommen

waren und um die Ecke des Hauses bogen, blieb er stehn: »Da siehst du

es! Keine Ordnung! Das Holz ist ringsumher geworfen, das Beil ist

nicht in den Block gehauen.« -- Er bückte sich mühsam, hob es auf und

schlug es hinein. -- »Da siehst du, daß ein Fell heruntergefallen ist,

hat es aber jemand wieder aufgehängt?« -- Er tat es selbst. -- »Und

hier die Vorratskammer; meinst du, daß die Treppe wieder weggenommen

ist?« -- Er trug sie auf die Seite. Da blieb er stehn, sah den

Schulmeister an und sagte: »So geht es tagaus, tagein.«

Als sie bergauf gingen, hörten sie einen fröhlichen Gesang von den

Bergabhängen herab. -- »Ei, sie singen ja zur Arbeit,« sagte der

Schulmeister. -- »Das ist der kleine Knud Östistuen, der da singt; er

holt Laub für seinen Vater. Dort arbeiten meine Leute; die singen

sicher nicht.« -- »Dies ist doch keine von den Weisen aus dem

Kirchspiel, dies.« -- »Nein, ich höre es!« -- »Öyvind Pladsen ist viel

drüben in Östistuen gewesen; vielleicht ist es eine von denen, die er

mit heimgebracht hat, denn wo er ist, da wird gesungen.« -- Hierauf

erfolgte keine Antwort.

Das Feld, über das sie gingen, war nicht gut; es entbehrte der Pflege.

Der Schulmeister bemerkte es, und da blieb Ole stehn. -- »Ich habe

keine Kraft mehr dazu,« sagte er beinahe erschüttert. -- »Fremde

Arbeiter ohne Beaufsichtigung werden zu kostbar. Aber es ist schwer,

über so ein Feld zu gehn, das kannst du mir glauben.«

Als dann das Gespräch zwischen ihnen auf die Größe des Gehöfts kam,

und was am meisten der Pflege bedürfe, beschlossen sie, den Abhang

hinaufzugehn, um das Ganze zu übersehen. Als sie endlich an einen

hochgelegnen Punkt gelangt waren und alles überblickten, war der Alte

sehr bewegt: »Ich möchte dies alles nicht gern so verlassen. Wir haben

da unten gearbeitet, meine Vorfahren wie ich, aber es ist nichts davon

zu sehen.«

Da erschallte unmittelbar über ihnen ein Lied, aber mit der

eigentümlichen Schärfe gesungen, wie sie der Knabenstimme eigen ist,

wenn sie so recht drauflos singt. Sie waren nicht weit von dem Baum,

in dessen Wipfel der kleine Knud Östistuen saß und Laub für seinen

Vater abschlug, und sie mußten auf den Knaben lauschen:

Willst du auf den Berg hinauf

Und dein Bündel schnüren,

Packe dir nicht mehr darauf,

Als du leicht kannst führen.

Nimm nicht mit des Tales Zwang

Auf die grünen Triften,

Wirf ihn ab mit frohem Sang,

Laß ihn in den Klüften.

Vögel grüßen dich vom Zweig,

Laß den Klatsch da unten;

Höher, immer höher steig,

Und du wirst gesunden.

Sing dir frei und leicht die Brust!

Aus den Büschen blicken

Kindheitsträume voller Lust,

Grüßen dich und nicken.

Schaust du in die Runde weit,

Bleibst du lauschend stehen,

Wird das Lied der Einsamkeit

Mächtig dich umwehen.

Leise nur die Bächlein gehn,

Nur die Steine rollen;

Du, du wirst es neu verstehn,

Dein vergeßnes Wollen.

Bebe nur, du bange Seel,

Du wirst überwinden!

Frieden wirst, was dich auch quäl,

Du dort droben finden.

Mosen und Elias wirst

Und den Herrn du schauen,

Nicht mehr in der Fremde irrst

Du mit Gottvertrauen.

Ole hatte sich niedergesetzt und sein Gesicht in den Händen geborgen.

-- »Hier will ich mit dir reden,« sagte der Schulmeister und setzte

sich neben ihn.

* * * * *

Unten in Pladsen war Öyvind eben von einer längern Reise

zurückgekehrt, der Wagen stand noch vor der Tür, da das Pferd sich

ausruhen mußte. Obwohl Öyvind jetzt einen guten Verdienst als

Bezirksagronom hatte, wohnte er doch noch bei den Eltern in seiner

kleinen Kammer unten in Pladsen und half ihnen in jeder freien

Stunde. Pladsen war nach jeder Richtung hin verbessert worden, aber es

war so klein, daß Öyvind das Ganze Mutters Puppenstube nannte, denn es

war namentlich sie, die die Ackerwirtschaft betrieb.

Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war weißbestäubt aus der

Mühle heimgekehrt und hatte sich ebenfalls umgezogen. Sie standen

gerade da und sprachen darüber, daß sie vor dem Abendessen noch ein

wenig hinausgehn wollten, als die Mutter ganz bleich hereinkam: »Es

kommen seltne Gäste auf unser Haus zu, Lieber, sieh nur einmal

hinaus!« -- Beide Männer eilten ans Fenster, und Öyvind war es, der

zuerst ausrief: »Das ist der Schulmeister und -- ja, ich glaube fast

-- ja natürlich ist ers!« -- »Ja, das ist der alte Ole Nordistuen,«

sagte auch Thore, indem er sich vom Fenster abwandte, um nicht gesehen

zu werden; denn die beiden waren schon vor dem Hause.

Öyvind erhielt einen Blick von dem Schulmeister, als er das Fenster

verließ. Baard lächelte und sah nach dem alten Ole zurück, der an

seinem Stock mit den kleinen kurzen Schritten dahergehumpelt kam,

wobei er immer das eine Bein etwas höher hob als das andre.

Man hörte den Schulmeister draußen sagen: »Er ist offenbar erst eben

wieder heimgekommen;« worauf Ole zweimal: »Na na!« antwortete.

Ein fröhlicher Bursch: Eine Erzählung · 第 6 / 7 段