Als die Mutter, die ihn ihrer Gewohnheit gemäß bis an die Schwelle des

Hauses begleitet hatte, wieder hereinkam, bat sie Öyvind, ihr in die

Kammer zu folgen. -- »Da ist jemand, der dich um neun Uhr erwartet,«

flüsterte sie. -- »Wo?« -- »Oben auf dem Berge.«

Öyvind sah nach der Uhr, sie ging auf neun, es war ihm nicht möglich,

im Hause zu warten, er ging hinaus, erklomm den Berg, blieb oben stehn

und sah um sich. Das Dach des Hauses lag dicht unter ihm, das

Buschwerk auf dem Dache war groß geworden, alles junge Holz

ringsumher, wo er stand, war auch gewachsen, und er kannte jeden

einzelnen Baum. Er sah den Weg hinab, der am Berge entlang führte, und

an dessen andrer Seite der Wald stand. Der Weg lag grau und ernsthaft

da, aber der Wald prangte in allerlei Laub. Die Bäume waren hoch und

schlank gewachsen; in der kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen

Segeln; es war mit Planken geladen und wartete auf Wind. Er schaute

über das Wasser hinaus, das ihn fort und wieder zurückgetragen hatte;

still und blank lag es da, einige Singvögel flogen darüberhin, aber

ohne Geschrei, denn es war schon spät. Der Vater kam aus der Mühle,

blieb auf der Schwelle des Hauses stehn, sah hinaus wie der Sohn, ging

dann an die See hinab, um das Boot vor der Nacht festzumachen. Die

Mutter kam auf der einen Seite aus dem Hause heraus, denn sie war in

der Küche gewesen; sie sah zum Berge hinauf, als sie mit Futter für

die Hühner zum Holzplatz ging, sah abermals hinauf und summte eine

Melodie vor sich hin. Er setzte sich nieder, um zu warten; das

Unterholz stand so dicht, daß er nicht weit sehen konnte, aber er

lauschte auf das leiseste Geräusch. Lange waren es nur Vögel, die

aufflogen und ihn täuschten, bald wieder ein Eichhörnchen, das in

einen andern Baum hinüberhüpfte. Endlich aber knackt es in einiger

Entfernung, verstummt einen Augenblick, knackt dann wieder; er springt

auf, sein Herz pocht, das Blut steigt ihm zu Kopfe; da raschelt es in

den Büschen dicht neben ihm, aber es ist ein großer, zottiger Hund,

der kommt und ihn betrachtet, auf drei Beinen stehn bleibt und sich

nicht rührt. Es war der Hund von den obern Heidehöfen, und dicht

hinter ihm raschelt es abermals, der Hund wendet den Kopf und wedelt;

jetzt kommt Marit.

Ein Busch hielt ihren Rock fest, sie wandte sich um, um ihn

loszumachen, und so stand sie da, als er sie zum erstenmal wiedersah.

Sie trug ihr Haar unbedeckt und aufgerollt, so wie die Mädchen an

Alltagen zu gehn pflegen, sie hatte ein buntgewürfeltes Mieder ohne

Ärmel an, nichts um den Hals außer dem herabfallenden Leinwandkragen;

sie hatte sich von der Feldarbeit weggestohlen und hatte nicht gewagt,

sich zu putzen. Jetzt sah sie ihn von der Seite an und lächelte; weiß

schimmerten die Zähne, und weiß blitzte es unter den halbgeschlossenen

Augenlidern; sie stand einen Augenblick da und zupfte an ihrem Rock,

dann aber kam sie heran und wurde mit jedem Schritt röter. Er ging ihr

entgegen und nahm ihre Hand zwischen seine beiden. Sie sah zu Boden,

und so standen sie da.

»Hab Dank für alle deine Briefe,« war das erste, was er sagte, und als

sie nun ein wenig aufsah und lachte, fühlte er, daß sie der

schelmischste Kobold sei, dem er jemals in einem Walde begegnen

könnte; aber er war befangen, und sie war es offenbar nicht minder.

»Wie groß du geworden bist!« sagte sie, meinte aber etwas ganz andres.

Sie betrachtete ihn mehr und mehr, lachte mehr und mehr, und da lachte

er auch; aber sie sagten nichts. Der Hund hatte sich an den Felsrand

gesetzt und sah in den Hof hinab. Thore bemerkte diesen Hundekopf

unten vom Strande her und konnte bei dem besten Willen nicht

begreifen, was es war, das sich da oben auf dem Berge zeigte.

Aber die beiden hatten einander jetzt losgelassen und fingen

allmählich an miteinander zu reden. Und als er erst einmal angefangen

hatte, wurde er bald so beredt, daß sie über ihn lachen mußte. »Ja,

siehst du, das geht mir so, wenn ich fröhlich bin, so recht von Herzen

fröhlich, siehst du; und als zwischen uns beiden alles wieder gut

geworden war, da war es, als spränge ein Schloß in mir auf, siehst

du!« -- Sie lachte. Dann sagte sie: »Alle die Briefe, die du mir

geschickt hast, die kann ich beinahe auswendig.« -- »Und ich erst die

deinen! Aber du schriebst immer so kurz!« -- »Weil du die Briefe immer

so lang haben wolltest.« -- »Und wenn ich wollte, daß wir mehr von

einer gewissen Sache schreiben sollten, dann entschlüpftest du mir.«

-- »Ich nehme mich am besten aus, wenn du mich von hinten siehst,«

sagte die Waldfrau. -- »Aber das ist wahr, du hast mir noch nie

gesagt, wie du Jon Hatlen losgeworden bist!« -- »Ich lachte!« --

»Wie?« -- »Ich lachte! Weißt du nicht, was Lachen ist?« -- »Ja, lachen

kann ich!« -- »Laß einmal sehen!« -- »Hat man je so etwas gehört! Ich

muß doch etwas zum Lachen haben!« -- »Das habe ich nicht nötig, wenn

ich fröhlich bin.« -- »Bist du jetzt fröhlich, Marit?« -- »Lache ich

jetzt etwa?« -- »Ja, das tust du!« Er nahm ihre beiden Hände und

schlug sie wieder und wieder zusammen, so daß es klatschte, während er

sie dabei ansah. Plötzlich fing der Hund an zu knurren, dann sträubte

er das Haar und setzte sich hin, um in die Tiefe hinabzubellen, er

wurde immer aufgeregter und war zuletzt ganz wütend. Marit sprang

erschreckt zurück, Öyvind aber eilte an den Abhang und sah hinab. Es

war sein Vater, den der Hund anbellte; er stand mit beiden Händen in

der Tasche dicht unter dem Berge und sah zu dem Hunde hinauf. -- »Bist

du da, du auch? Was ist das für ein toller Hund, den du da oben hast?«

-- »Es ist ein Hund aus den Heidehöfen,« sagte Öyvind ein wenig

verlegen. -- »Wie zum Kuckuck ist denn der da hinaufgekommen?« -- Aber

die Mutter hatte aus der Küche herausgeguckt, denn sie hatte den

schrecklichen Lärm gehört; sie begriff alles, lachte und sagte: »Der

Hund läuft hier jeden Tag herum; das ist doch nichts Sonderbares!« --

»Es ist aber ein bissiger Köter.« -- »Er beruhigt sich, wenn man ihn

streichelt,« meinte Öyvind und tat es; der Hund schwieg, knurrte aber.

Der Vater ging arglos ins Haus, und die beiden waren vor der

Entdeckung gerettet.

»Ja, diesmal ging es gut,« sagte Marit, als sie wieder nebeneinander

standen. -- »Meinst du, daß es später schlimmer wird?« -- »Ich kenne

einen, ich, der uns aufpassen wird.« -- »Dein Großvater?« -- »Ja, er!«

-- »Aber er soll uns nichts tun.« -- »Niemals!« -- »Und das gelobst

du?« -- »Ja, das gelobe ich, Öyvind!« -- »Wie schön du bist, Marit!«

-- »So sagte der Fuchs zum Raben und bekam den Käse.« -- »Du kannst

mir glauben, ich möchte auch gern den Käse haben.« -- »Aber du

bekommst ihn nicht!« -- »Dann nehme ich ihn mir!« -- Sie wandte den

Kopf ab, und er -- nahm ihn nicht. -- »Ich will dir etwas sagen, ich,

Öyvind« -- sie sah ihn von der Seite an. -- »Nun?« -- »Wie häßlich du

geworden bist!« -- »Du willst mir den Käse doch wohl geben!« -- »Nein,

das will ich nicht!« -- sie wandte sich von neuem ab.

»Jetzt muß ich gehn, Öyvind.« -- »Ich will dich begleiten.« -- »Aber

nicht aus dem Wald hinaus, da kann Großvater dich sehen. -- Nein,

nicht aus dem Walde hinaus!« -- »Du läufst ja so, Liebe!« -- »Wir

können hier doch nicht nebeneinander gehn.« -- »Aber das nennt man

doch nicht begleiten!« -- »So greife mich!« -- Sie lief, er

hinterdrein, und sie blieb hängen, so daß er sie fangen konnte. --

»Hab ich dich nun für immer gefangen, Marit?« -- er hatte die Hand um

ihre Taille. -- »Ich glaube es,« sagte sie leise und lachte, errötete

aber gleich darauf und wurde wieder ernsthaft. -- Nein, jetzt muß es

geschehen, dachte er, umfaßte sie und wollte sie küssen; sie aber bog

den Kopf unter seinem Arm durch, lachte und lief davon. Bei den

letzten Bäumen blieb sie jedoch stehn. »Wann werden wir uns

wiedersehen?« fragte sie leise. -- »Morgen, morgen,« flüsterte er

zurück. -- »Ja, morgen!« -- »Leb wohl!« Sie lief davon. -- »Marit!« --

Er blieb stehn. -- »Du, es war sonderbar, daß wir uns zuerst oben auf

dem Berge getroffen haben.« -- »Ja, das war es auch!« Sie lief weiter.

Lange sah er ihr nach, der Hund sprang vor ihr her und bellte, sie

lief hinter ihm her und beschwichtigte ihn. Er wandte sich um, nahm

seine Mütze, warf sie in die Höhe, fing sie wieder auf und warf sie

nochmals in die Höhe. -- »Jetzt glaub ich wirklich, daß ich anfange

fröhlich zu werden, ich,« sagte der Bursche und ging singend heim.

10

Eines Nachmittags, als die Mutter und ein Mädchen Heu zusammenharkten,

das der Vater und Öyvind hineintrugen, kam ein kleiner, barfüßiger,

barhäuptiger Junge über Hügel und Felder dahergesprungen und gab

Öyvind einen Zettel. -- »Du kannst aber laufen!« sagte Öyvind. -- »Ich

bin dafür bezahlt!« sagte der Junge. Auf die Frage, ob er Antwort

bringen solle, sagte er nein, und er nahm den Weg nach Hause über den

Berg, denn auf dem Wege käme jemand hinter ihm her, sagte er. Öyvind

öffnete mühsam den Zettel, denn er war erst zu einem Streifen

zusammengelegt, dann verschlungen und dann versiegelt, und auf dem

Zettel stand:

»Jetzt ist er auf dem Wege, aber es geht langsam. Lauf in den Wald und

verstecke Dich.

Die Bewußte.«

Als ob ich das täte! dachte Öyvind und sah trotzig zu den Bergen

empor. Es währte auch nicht lange, bis ganz oben auf dem Berge ein

alter Mann sichtbar wurde, sich ein wenig ausruhte, eine Strecke ging,

sich wieder ausruhte; sowohl Thore als seine Frau hielten mit der

Arbeit inne, um ihn zu beobachten. Thore aber lächelte bald, die Frau

hingegen wechselte die Farbe. »Kennst du ihn?« -- »Ja, da ist ein

Irrtum nicht gut möglich.«

Vater und Sohn fingen wieder an, Heu hineinzutragen; aber der Sohn

wußte es so einzurichten, daß sie immer zusammenblieben. Der Alte oben

auf dem Berge kam langsam näher wie ein schweres Gewitter, das von

Westen her heraufzieht. Er war sehr groß und ziemlich korpulent; er

hatte schlimme Füße und ging Schritt für Schritt, indem er sich

schwerfällig auf einen Stock stützte. Er kam bald so nahe heran, daß

sie ihn genau sehen konnten. Er blieb stehn, nahm die Mütze vom Kopf

und trocknete den Schweiß mit einem Taschentuch. Er war ganz kahl bis

hintenüber; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine stechende,

zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zähne im Munde. Wenn

er sprach, war es mit einer scharfen und gellenden Stimme, als hüpfe

sie über Kies und Stein; auf einem R aber ruhte sie hin und wieder mit

großem Wohlbehagen, rollte mehrere Ellen lang darüberhin und machte

dabei einen gewaltigen Sprung im Tone. Er war in seinen jungen Jahren

als munterer aber etwas heftiger Mann bekannt gewesen; jetzt im Alter

war er infolge von mancherlei Widerwärtigkeiten jähzornig und

mißtrauisch geworden.

Thore und Öyvind waren schon oftmals hin und her gegangen, ehe Ole bis

zu ihnen gelangt war; sie begriffen beide, daß er nicht in guter

Absicht kam, deshalb war es um so komischer, daß er nicht ans Ziel

gelangen konnte. Sie mußten beide höchst ernsthaft einhergehn und

ganz leise sprechen; da dies aber kein Ende nehmen wollte, wurde es

lächerlich. Nur ein halbes Wort, wenn es trifft, kann unter solchen

Umständen Lachen hervorrufen, namentlich wenn mit dem Lachen Gefahr

verbunden ist. Als er schließlich nur noch wenige Schritte entfernt

war, die aber nie ein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind ganz trocken

und leise: »Er muß schwer geladen haben, der Mann!« -- Und das

genügte. -- »Ich glaube, du bist nicht klug,« flüsterte der Vater,

mußte aber selber lachen. -- »Hm! hm!« räusperte sich Ole oben auf dem

Berge. -- »Er macht die Stimme klar!« flüsterte Thore. Öyvind kniete

vor einem Heuhaufen nieder, steckte den Kopf ins Heu und lachte. Auch

der Vater beugte sich hinunter. -- »Laß uns in die Scheune

hineingehn,« flüsterte er, nahm einen Arm voll Heu und trabte damit

ab; Öyvind nahm ein kleines Bündel, lief hinterdrein, krümmte sich vor

Lachen und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster

Mann, brachte ihn aber erst jemand ins Lachen, so gluckste es erst in

ihm, dann wurde es immer stärker, wie abgerissene Triller, bis sie in

eine einzige lange Lache zusammenflossen, worauf Welle auf Welle

folgte mit immer größerer Macht. Jetzt war er in Zug gekommen, der

Sohn lag am Boden, der Vater stand über ihn gebeugt, und beide

lachten, daß es schallte. Sie hatten bisweilen solche Lachanfälle,

aber dieser käme ungelegen, meinte der Vater. Schließlich wußten sie

nicht mehr, wie es werden sollte, denn der Alte mußte ja allmählich

den Hof erreicht haben. -- »Ich gehe nicht hinaus,« sagte der Vater;

»ich habe nichts mit ihm zu tun.« -- »Ja, dann gehe ich auch nicht

hinaus,« erwiderte Öyvind. -- »Hm, hm,« erklang es draußen vor der

Scheunentür. Der Vater drohte dem Burschen: »Mach, daß du

hinauskommst!« -- »Ja, geh du nur erst!« -- »Nein, willst du dich wohl

packen!« -- »Ja, geh du nur erst!« Und sie klopften sich gegenseitig

ab und gingen dann höchst ernsthaft hinaus. Als sie unten an die

hölzerne Brücke kamen, sahen sie Ole vor der Küchentür stehn, als

bedächte er sich. Er hielt die Mütze in der Hand, in der er den Stock

hielt, und trocknete mit dem Taschentuch den Schweiß von dem kahlen

Kopfe, strich aber auch die Haarbüschel hinter den Ohren und im Nacken

hinauf, so daß sie wie Stacheln in die Höhe starrten. Öyvind hielt

sich hinter dem Vater, dieser mußte deswegen stillstehn, und um der

Sache ein Ende zu machen, sagte er in ganz ernstem Tone: »Wagen sich

so alte Leute noch auf den Berg?« -- Ole wandte sich um, sah ihn

scharf an und setzte seine Mütze wieder zurecht, ehe er antwortete:

»Ja, das scheint so!« -- »Du mußt müde sein, willst du nicht

hineinkommen?« -- »Ach, ich kann mich hier ausruhen, wo ich stehe,

mein Geschäft währt nicht lange.« -- Aus der Küchentür guckte jemand

heraus; zwischen ihr und Thore stand der alte Ole, den Mützenschirm

tief über den Augen, denn die Mütze war ihm jetzt, wo er das Haar

verloren hatte, zu groß geworden. Um sehen zu können, legte er den

Kopf weit hintenüber, den Stock hielt er in der rechten Hand, und die

Linke stemmte er in die Seite, wenn er nicht gerade gestikulierte.

Aber das tat er nur so, daß er den Arm in halber Länge vor sich

hinstreckte und ihn dort, als Wächter seiner Würde, stillhielt. --

»Ist das dein Sohn, der da hinter dir steht?« begann er mit kräftiger

Stimme. -- »Man sagt es.« -- »Er heißt Öyvind, nicht wahr?« -- »Ja,

man nennt ihn Öyvind.« -- »Er ist auf einer von diesen Ackerbauschulen

dort im Süden gewesen?« -- »So etwas ähnliches war es, ja.« -- »Nein,

das Mädchen, meine Tochtertochter, die Marit, ja, die ist in der

letzten Zeit verrückt geworden.« -- »Das ist ja traurig!« -- »Sie will

sich nicht verheiraten!« -- »Nein wirklich?« -- »Sie will keinen von

den Bauernsöhnen haben, die sich um sie bewerben.« -- »So?« -- »Aber

das soll die Schuld von dem sein, der da steht!« -- »Was du sagst!« --

»Er soll ihr den Kopf ganz verdreht haben; ja der da, dein Sohn!« --

»Das wäre doch des Teufels!« -- »Siehst du, ich leide es nicht, daß

mir jemand meine Pferde stiehlt, wenn ich sie ins Gebirge auf die

Weide schicke, ich leids auch nicht, daß mir jemand meine Töchter

nimmt, wenn ich sie zum Tanze gehn lasse, ich leide es durchaus

nicht!« -- »Nein, das versteht sich.« -- »Ich kann nicht hinterher

laufen; ich bin alt, ich kann nicht aufpassen.« -- »Nein nein, nein

nein!« -- »Ja, siehst du, Ordnung muß in allem sein; hier soll der

Haublock stehn, und dort soll das Beil liegen und da das Messer, und

hier müssen sie ausfegen, und da müssen sie es hinauswerfen, nicht vor

die Tür, sondern da in die Ecke, gerade dorthin, ja, und nirgend

anderswohin. Also, wenn ich zu ihr sage: Nicht der, sondern der, so

muß der es sein und nicht der!« -- »Natürlich!« -- »Aber so ist es

eben nicht; drei Jahre lang hat sie nein gesagt, und drei Jahre lang

ist es nicht gut gewesen zwischen uns. Das ist schlimm, und wenn er es

ist, der die Veranlassung dazu ist, so will ich ihm nur sagen, so daß

du es hörst, du, sein Vater, daß es ihm nichts nützt, daß die Sache

ein Ende haben muß.« -- »Ja ja!« -- Ole sah Thore eine Weile an, dann

sagte er: »Du antwortest so kurz.« -- »Die Wurst ist nicht länger.«

Hier mußte Öyvind lachen, obwohl ihm eigentlich gar nicht danach

zumute war. Aber bei unverzagten Menschen steht die Furcht beständig

auf der Grenze des Lachens, und jetzt neigte es auf diese Seite bei

ihm. -- »Worüber lachst du?« fragte Ole kurz und scharf. -- »Ich?« --

»Lachst du über mich?« -- »Gott bewahre mich davor!« -- aber seine

eigne Antwort erweckte wieder seine Lachlust. Ole bemerkte das und

wurde ganz wütend. Sowohl Thore als Öyvind wollten es wieder

gutmachen, indem sie ein ernstes Gesicht aufsetzten und den Alten

aufforderten, hineinzugehn; aber hier machte sich ein seit drei Jahren

verhaltner Groll Luft, und deswegen war er nicht zurückzuhalten. --

»Du brauchst nicht zu denken, daß du mich zum Narren machen kannst,«

fing er an; »ich bin in meinem vollen Recht, ich sorge für das Glück

meines Kindeskinds, so wie ich es verstehe, und das Lachen eines

jungen Windhunds hindert mich nicht daran. Man zieht die Mädchen nicht

dazu auf, daß man sie in die erste beste Häuslerstelle hineinwirft,

die sich auftun will, und man wirtschaftet nicht vierzig Jahre, um dem

ersten, der der Dirne den Kopf verdreht, die ganze Bescherung an den

Hals zu werfen. Meine Tochter trieb es so lange, bis sie sich

schließlich mit einem Landstreicher verheiraten mußte, und er trank

sie beide zu Tode, und ich mußte das Kind zu mir nehmen und die Zeche

bezahlen. Aber Tod und Teufel, wenn es meiner Tochtertochter ebenso

ergehn soll, jetzt weißt du es! Und das will ich dir sagen, so wahr

ich Ole Nordistuen auf den Heidehöfen bin, eher soll der Pfarrer die

Kobolde droben im Nordalswalde zur Hochzeit aufbieten, als daß er

deinen und Marits Namen von der Kanzel wirft, du Gelbschnabel! Willst

du mir vielleicht die anständigen Freier vom Hofe verscheuchen? Ja,

versuch es nur zu kommen, dann sollst du eine solche Reise den Berg

hinabmachen, daß die Schuhe hinter dir herdampfen, du Fratzenschneider

du! Du glaubst am Ende, ich wüßte nicht, woran ihr denkt, du und sie.

Ja, ihr denkt, daß der alte Nordistuen bald draußen auf dem Kirchhofe

die Nase in die Luft stecken wird, und dann wollt ihr vor den Altar

treten. Nein, jetzt habe ich sechsundsechzig Jahre gelebt, und ich

will euch beweisen, ich, mein Junge, daß ich leben werde, bis ihr die

Bleichsucht darüber bekommt, alle beide! Und das will ich dir doch

noch sagen, ich, du kannst dich wie neuer Schnee um die Hauswände

legen, und du sollst doch ihre Fußsohlen nicht sehen, denn ich schicke

sie aus dem Kirchspiel fort, ich schicke sie dahin, wo sie in

Sicherheit ist, dann kannst du hier umherflattern wie ein Spottvogel

und dich mit Regen und Nordwind verheiraten. Und weiter habe ich dir

nichts zu sagen; aber nun kennst du, der du sein Vater bist, meine

Meinung, und wenn du es gut mit ihm meinst, um den es sich hier

handelt, da mußt du ihn dazu bringen, daß er den Strom dahin lenkt, wo

er fließen kann; über meinen Hof ist ihm der Weg verboten.« -- Er

wandte sich mit kleinen, schnellen Schritten ab, indem er den rechten

Fuß immer ein wenig höher hob als den linken und fortwährend vor sich

hinbrummte.

Ein tiefer Ernst hatte sich der Zurückbleibenden bemächtigt; ein böses

Vorzeichen hatte sich in ihren Scherz und ihr Lachen gemischt, und das

Haus stand einen Augenblick leer wie nach einem Schrecken. Die Mutter,

die von der Küchentür aus alles mit angehört hatte, sah Öyvind

bekümmert an, sie war dem Weinen nahe, wollte aber kein Wort sagen, um

ihm das Herz nicht noch schwerer zu machen. Als sie alle

stillschweigend hineingegangen waren, setzte sich der Vater ans

Fenster und sah Ole mit ernstem Gesicht nach. Öyvinds Augen hingen an

seinem leisesten Mienenspiel; denn in seinem ersten Wort mußte ja fast

die ganze Zukunft des jungen Paares liegen. Setzte ihnen Thore in

Gemeinschaft mit Ole ein Nein entgegen, dann war es wohl eine

Unmöglichkeit, daran vorbeizukommen. Aufgeschreckt schweiften seine

Gedanken von einem Hindernis zum andern; einen Augenblick sah er

nichts als Armut, bösen Willen, Mißverständnisse und gekränktes

Ehrgefühl, und jede Stütze, die er ergreifen wollte, entglitt ihm

unter der Wucht der Gedanken. Es vermehrte seine Unruhe noch, daß die

Mutter mit der Hand auf der Türklinke dastand, unentschlossen, ob sie

sich das Herz fassen und hereinkommen und die Entscheidung abwarten

solle, und schließlich den Mut völlig verlor und hinausschlich. Öyvind

sah unverwandt den Vater an, der seinen Blick nicht zu beobachten

schien; auch der Sohn wagte nicht zu sprechen, denn er mußte den Vater

doch erst seine Gedanken zu Ende denken lassen. Aber gerade jetzt

hatte die Seele die Bahn ihrer Angst ausgelaufen und gewann wieder

Fassung: schließlich vermag uns doch niemand als Gott allein zu

trennen, dachte er und beobachtete die gerunzelte Stirn des Vaters. --

Nun würde wohl bald etwas kommen. -- Thore seufzte tief auf, erhob

sich, sah auf und begegnete dem Blick des Sohnes. Er blieb stehn und

sah ihn lange an. -- »Mein Wunsch wäre, daß du ihr entsagtest, denn

man soll sich nichts erbetteln oder ertrotzen. Willst du aber nicht

von ihr lassen, so kannst du es mir gelegentlich sagen; vielleicht

kann ich dir dann helfen.« -- Er ging an seine Arbeit, und der Sohn

folgte ihm.

Am Abend aber hatte Öyvind seinen Plan gemacht; er wollte sich um die

Stelle eines Bezirksagronomen bemühen und wollte den Direktor und den

Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. -- Hält sie nur

aus, so will ich sie schon mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit

gewinnen. Vergebens wartete er diesen Abend auf Marit, aber während er

dort auf und nieder ging, sang er sein Lieblingslied:

Den Kopf empor, du junges Blut!

Ob auch ein Fehlschlag weh dir tut,

Du mußt nicht gleich verzagen,

Du wirst es doch erjagen.

Den Kopf empor! Schau grade aus,

Es ruft das Leben dich hinaus

Mit vielen tausend Zungen,

Nur fröhlich vorgedrungen!

Den Kopf empor! Sei dir bewußt

Des Himmels in der eignen Brust.

Das Gute und das Schöne

Klingt drin wie Harfentöne.

Den Kopf empor! Sing es hinaus:

Die Knospe schwillt trotz Sturmesbraus,

Wo Frühlingskräfte gären,

Da kann kein Winter währen.

Den Kopf empor! Den ficht nichts an,

Der frohes Herzens hoffen kann.

Wer hofft, dem kann nichts rauben

Die Liebe und den Glauben.

11

Es war mitten in der Mittagsruhe; auf den großen Heidehöfen schliefen

die Leute. Das Heu lag zusammengeharkt auf der Wiese, und die Rechen

standen in die Erde gesteckt da. Unten an der Scheunenbrücke standen

die Heuwagen, das Sielengeschirr lag abgeschirrt daneben, und die

Pferde weideten angepflöckt eine kleine Strecke davon. Außer ihnen und

einigen Hühnern, die sich ins Feld verlaufen hatten, sah man in der

ganzen Ebene kein lebendes Wesen.

Im Gebirge oberhalb der Felswand war eine Schlucht, durch die der Weg

zu den großen, grasreichen Gebirgsweiden der Heidehöfe führte. Droben

in der Schlucht stand heute ein Mann und sah in die Ebene hinab, so,

als erwarte er jemand. Hinter ihm lag ein kleiner Gebirgssee, von dem

ein Bach herunterfloß, der diese Schlucht im Felsen gebildet hatte. Um

diesen See herum führten zu beiden Seiten Viehwege nach der Alm

hinauf, die er von weitem übersehen konnte. Jodeln und Hundebellen

klang ihm entgegen, und zwischen den Bergen erschallten die

Herdenglocken, denn die Kühe tummelten sich und suchten den See auf,

Hunde und Kuhjungen wollten sie zusammentreiben; es gelang ihnen aber

nicht. Die Kühe kamen mit den wunderlichsten Sprüngen heruntergesetzt

und liefen mit kurzem, zornigem Gebrüll, den Schwanz hoch erhoben,

geradeswegs ins Wasser hinein, wo sie stehnblieben; ihre Glocken

schollen jedesmal, wenn sie den Kopf bewegten, über das Wasser dahin.

Die Hunde tranken ein wenig, blieben aber auf festem Lande; die

Kuhjungen kamen ihnen nach und setzten sich auf den warmen glatten

Bergabhang. Hier kramten sie ihr Essen heraus, tauschten miteinander,

prahlten mit ihren Hunden, Ochsen und Hausgenossen gegeneinander,

zogen sich dann aus und sprangen zu den Kühen ins Wasser. Die Hunde

wollten nicht mit hinein, sondern lungerten träge und mit hängenden

Köpfen und heißem Auge umher, während ihnen die Zunge an der einen

Seite aus dem Rachen hing. Ringsumher an den Felswänden ließ sich kein

Vogel blicken, kein Laut vernehmen, außer dem Geplauder der Kuhjungen

und dem Läuten der Glocken; das Heidekraut stand versengt und

verbrannt da, die Sonne erhitzte die Bergwände, so daß alles lechzte

vor Wärme.

Ein fröhlicher Bursch: Eine Erzählung · 第 5 / 7 段