andern auch mehr nachgekommen, so daß es nicht mehr so schwer ist. Und
wenn ich nun wiederkomme, werde ich viel auf Vaters Stelle verändern;
denn da ist vieles verkehrt, und es ist wunderbar, daß es so lange
gegangen ist. Aber ich werde es alles in Ordnung bringen, denn ich
habe jetzt viel gelernt. Ich habe große Lust, auf eine Stelle zu
kommen, wo ich alles das verwerten kann, was ich jetzt gelernt habe;
deswegen muß ich mir eine große Stelle suchen, wenn ich fertig bin.
Hier sagen alle, Jon Hatlen sei nicht so tüchtig, wie bei uns zu Hause
gesagt wird, aber er hat einen eignen Hof, so daß es keinen andern
angeht als ihn selber. Viele, die von hier fortkommen, erhalten hohen
Lohn; aber sie werden so gut bezahlt, weil unsre Ackerbauschule die
beste im Lande ist. Einige sagen, daß eine im nächsten Bezirke noch
besser sei, aber das ist gar nicht wahr. Hier sind zwei Worte: das
eine heißt Theorie und das andre Praxis, und es ist gut, wenn man sie
beide hat, denn das eine ist nichts ohne das andre, das letzte ist
aber doch das beste. Und das erste Wort bedeutet die Kenntnis der
Ursache und des Grundes zu einer Arbeit, das zweite aber bedeutet, die
Arbeit ausführen können, wie zum Beispiel jetzt mit einem Sumpfe, denn
da sind viele, die wohl wissen, wie sie es bei einem Sumpfe machen
sollten, die es aber trotzdem verkehrt machen, denn sie können es
nicht. Viele aber können es und wissen es nicht, und daher kann es
auch verkehrt gehn, denn es gibt vielerlei Arten von Sümpfen. Aber wir
auf der Ackerbauschule, wir lernen beide Worte. Der Direktor ist so
flink, daß sich keiner mit ihm messen kann. Bei der letzten
landwirtschaftlichen Versammlung, wo sie aus dem ganzen Lande
zusammenkamen, stellte er zwei Fragen auf, aber die Direktoren der
andern Ackerbauschulen stellten jeder nur eine auf, und es wurde immer
so, wie er es sagte, wenn sie sich die Sache erst ordentlich
überlegten. Aber auf der letzten Versammlung, wo er nicht war, da
redeten sie nur Unsinn. Den Leutnant, der die Landesvermessung lehrt,
hat der Direktor nur wegen seiner großen Tüchtigkeit bekommen, denn
die andern Schulen haben keinen Leutnant. Aber er ist so flink, daß er
auf der Leutnantschule der allerbeste gewesen sein soll.
Der Schulmeister fragt, ob ich in die Kirche gehe. Freilich gehe ich
in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer einen Hilfsprediger
bekommen, und der predigt so, daß ihnen allen in der Kirche ganz bange
wird, und das ist ein Vergnügen zu hören. Er gehört zu der neuen
Religion, die sie in Christiania haben, und die Leute finden, daß er
zu strenge ist, aber das ist ihnen nur heilsam.
Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir früher nicht
gelernt haben, und es ist merkwürdig, alles zu sehen, was in der Welt
vorgegangen ist, namentlich aber bei uns. Denn wir haben immer
gewonnen, ausgenommen wenn wir verloren haben, und da sind wir sehr in
der Minderzahl gewesen. Jetzt haben wir Freiheit, und die hat kein
Volk in so hohem Maße wie wir, ausgenommen Amerika, aber da sind sie
nicht glücklich. Und unsre Freiheit sollen wir über alles andre
lieben.
Jetzt will ich für diesmal schließen; denn ich habe einen sehr langen
Brief geschrieben. Der Schulmeister liest wohl den Brief, und wenn er
für Euch antwortet, so soll er mir etwas Neues von diesem und jenem
erzählen, denn das tut er nicht. Aber seid jetzt vielmals gegrüßt von
Euerm Euch liebenden Sohn
Öyvind Thoresen.
Liebe Eltern!
Jetzt muß ich euch erzählen, daß hier Examen gewesen ist, und ich bin
in vielen Fächern vorzüglich durchgekommen, und sehr gut im Schreiben
und im Feldmessen, aber nur ziemlich gut in der Ausarbeitung in der
Muttersprache. Das kommt davon, sagt der Direktor, daß ich nicht genug
gelesen habe, und er hat mir einige Bücher von Ole Vig geschenkt, die
wunderschön sind, denn darin verstehe ich alles. Der Direktor ist sehr
gut gegen mich, er erzählt uns so vielerlei. Alles hier ist so ganz
klein gegen das, was im Auslande ist; wir verstehn beinahe nichts,
sondern lernen alles von Schottländern und Schweizern, von den
Holländern aber lernen wir die Gartenkunst. Viele reisen hinüber nach
diesen Ländern. In Schweden sind sie ja auch viel flinker als wir, und
da ist der Direktor selber gewesen. Nun bin ich bald ein Jahr hier
gewesen, und ich glaubte, ich hätte vieles gelernt, aber als ich
hörte, was die wußten, die ins Examen gingen, und wenn ich daran
denke, daß die auch nichts können, wenn sie mit Ausländern
zusammenkommen, so werde ich ganz betrübt. Und dann ist der Boden hier
in Norwegen so schlecht gegen den im Auslande; es verlohnt sich gar
nicht, was wir auch damit anfangen. Außerdem will auch das Volk keine
Neuerungen annehmen. Und wenn sie es auch wollten, und wenn auch der
Boden viel besser wäre, so haben sie ja doch kein Geld, um ihn zu
bebauen. Es ist merkwürdig, daß es gegangen ist, wie es gegangen ist.
Nun bin ich in der obersten Klasse und soll ein Jahr darin sein, ehe
ich fertig bin. Aber meine meisten Kameraden sind verreist, und ich
sehne mich nach Hause. Es ist mir, als stünde ich ganz allein, obwohl
ich das gar nicht tue; aber es ist so wunderlich, wenn man so lange
fort gewesen ist. Ich glaubte einstmals, ich würde hier so flink
werden, aber damit sieht es traurig aus.
Was soll ich nun anfangen, wenn ich von hier fortkomme? Zuerst will
ich natürlich heim, später muß ich mir wohl etwas suchen, aber es darf
nicht weit weg sein.
Lebt nun wohl, liebe Eltern! Grüßet alle, die nach mir fragen, und
sagt ihnen, daß es mir gut gehe, daß ich mich nun aber nach Hause
sehne.
Euer Euch liebender Sohn
Öyvind Thoresen Pladsen.
Lieber Schulmeister!
Hiermit frage ich Dich, ob Du den einliegenden Brief übersenden und
mit niemand davon sprechen willst. Und wenn du es nicht willst, dann
mußt Du ihn verbrennen.
Öyvind Thoresen Pladsen.
An
die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter
Nordistuen auf den obern Heidehöfen.
Du wirst Dich wohl sehr wundern, wenn Du einen Brief von mir erhältst,
aber das sollst Du nicht, denn ich will nur fragen, wie es Dir geht.
Darüber mußt Du mich baldmöglichst und in jeder Hinsicht
benachrichtigen. Von mir selber ist nur zu melden, daß ich hier in
einem Jahre fertig bin.
Ehrerbietigst
Öyvind Pladsen.
An
den Junggesellen Öyvind Pladsen
auf der Ackerbauschule.
Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister erhalten, und ich will
Dir antworten, da Du mich darum bittest. Aber ich fürchte mich davor,
weil Du so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der
will gar nicht passen. So will ich es denn versuchen, und Du mußt den
Willen für die Tat nehmen, aber Du darfst es niemand zeigen, denn dann
wärst Du nicht der, für den ich Dich halte. Du sollst den Brief auch
nicht aufbewahren, denn da kann ihn leicht jemand zu sehen bekommen,
sondern Du sollst ihn verbrennen, und das mußt Du mir versprechen. Es
ist so mancherlei, was ich gern schreiben möchte, was ich aber nicht
recht wage. Wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehn
hoch im Preise, und hier auf den Heidehöfen haben wir genug davon.
Aber der Bär hat diesen Sommer arg unter dem Vieh gehaust; dem Ole auf
den Niederhöfen hat er zwei Stück Rinder zerrissen, und unserm Häusler
verletzte er eine Kuh so, daß sie geschlachtet werden mußte. Ich webe
an einem sehr großen Gewebe, es hat Ähnlichkeit mit dem schottischen
Zeug, und es ist sehr schwer. Und nun will ich Dir auch erzählen, daß
ich noch zu Hause bin, und daß andre es gern anders haben möchten.
Jetzt hab ich für diesmal nichts mehr zu schreiben und deswegen lebe
wohl!
Marit Knudstochter.
=N. S.= Du mußt diesen Brief aber auch wirklich verbrennen.
An
den Agronom Öyvind Thoresen Pladsen.
Das habe ich Dir immer gesagt, Öyvind, daß wer mit Gott wandert, das
bessere Teil erwählt hat. Aber nun sollst Du meinen Rat hören, daß Du
die Welt nicht mit Sehnsucht und Widerwillen ansiehst, sondern auf
Gott vertraust und Dein Herz sich nicht verzehren lässest, denn dann
hast Du einen Gott neben ihm. Ferner muß ich Dir zunächst melden, daß
sich Dein Vater und Deine Mutter wohlbefinden, ich aber habe
Schmerzen in der einen Hüfte; denn jetzt schlägt der Krieg wieder aus
und all das, was man gelitten hat. Was die Jugend sät, das erntet das
Alter, und zwar am Geist wie am Körper, der jetzt brennt und schmerzt
und zu eitel Klage reizet. Aber klagen soll das Alter nicht, denn
Weisheit rinnt aus den Wunden, und der Schmerz predigt Geduld, daß der
Mensch Kraft gewinne für die letzte Reise. Heute habe ich aus
vielerlei Ursache die Feder ergriffen, und zuerst und vor allen Dingen
Marits wegen, die ein gottesfürchtiges Mädchen geworden, aber
leichtfüßig ist wie ein Renntier und mit vielen Vorsätzen. Sie möchte
sich wohl gern an eins halten, kann es aber nicht wegen ihrer Natur,
indessen habe ich oft gesehen, daß der Herr gegen ein solches
schwaches Herz langmütig und geduldig ist und es nicht über Vermögen
versucht, so daß es in Stücke zerbricht, denn sie ist gar sehr
zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr richtig gegeben, und sie verbarg
ihn vor allen, ausgenommen vor ihrem eignen Herzen. Und wenn Gott
dieser Sache seinen Segen verleihen will, so habe ich nichts dagegen,
denn sie ist eine Augenlust für junge Männer, wie man leicht sehen
kann, und sie hat vollauf an irdischen Gütern, und auch die
himmlischen hat sie in all ihrer Unbeständigkeit. Denn die
Gottesfurcht in ihrem Sinn ist wie das Wasser in einem seichten Teich,
es ist da, wenn es regnet, wenn aber die Sonne scheint, so ist es weg.
Jetzt erlauben meine Augen mir nicht mehr, denn sie sehen gut in die
Ferne, schmerzen aber und tränen, wenn ich etwas in der Nähe sehen
will. Zum Schluß will ich Dir noch sagen, Öyvind, was Du auch
erstrebst und arbeitest, laß allzeit Deinen Gott mit dabei sein, denn
wie geschrieben steht: »Es ist besser eine Handvoll mit Ruhe, denn
beide Fäuste voll mit Mühe und Jammer« (Pred. Salom. 4, 6).
Dein alter Schulmeister
Baard Andersen Opdal.
An
die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehöfen.
Ich danke Dir für Deinen Brief, den ich gelesen und verbrannt habe, so
wie Du sagst. Du schreibst von vielerlei, aber gar nichts von dem,
was ich wollte, daß Du schreiben solltest. Auch wage ich nicht, von
etwas Gewissem zu schreiben, ehe ich nicht erfahre, wie es mit Dir _in
jeder Beziehung_ steht. Der Brief des Schulmeisters sagt nichts, woran
man sich halten kann, aber er lobt Dich, und dann sagt er, Du seiest
unbeständig. Das warst Du früher auch. Jetzt weiß ich nicht, was ich
glauben soll, und deshalb mußt Du schreiben; denn ich bin nicht ruhig,
ehe Du geschrieben hast. In dieser Zeit denke ich am häufigsten daran,
wie Du am letzten Abend auf den Tanz kamst, und was Du da sagtest.
Mehr will ich diesmal nicht sagen, deshalb lebe wohl!
Ehrerbietigst
Öyvind Pladsen.
An
den Junggesellen Öyvind Thoresen Pladsen.
Der Schulmeister hat mir einen neuen Brief von Dir gegeben, und den
habe ich jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn gar nicht, und das kommt
wohl daher, daß ich nicht gelehrt bin. Du willst wissen, wie es mir
_in jeder Beziehung geht_; ich bin gesund und munter, und mir fehlt
nichts. Ich esse sehr gut, namentlich wenn es Milchspeisen gibt; in
der Nacht schlafe ich und zuweilen auch am Tage. Ich habe diesen
Winter viel getanzt, denn es hat hier viele Tanzfestlichkeiten
gegeben, und das ist sehr schön gewesen. Ich gehe in die Kirche, wenn
nicht zu viel Schnee liegt, aber der hat in diesem Winter hoch
gelegen. Jetzt hast Du wohl alles erfahren, und wenn Du es nicht hast,
so weiß ich Dir keinen andern Rat, als daß Du mir noch einmal
schreiben mußt.
Marit Knudstochter.
An
die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehöfen.
Deinen Brief habe ich erhalten, aber Du scheinst mich ebenso klug
lassen zu wollen. Vielleicht ist dies auch eine Antwort, ich weiß es
nicht. Ich wage nichts von dem zu schreiben, was ich wohl schreiben
möchte, denn ich kenne Dich nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch
nicht?
Du mußt nicht glauben, daß ich noch der weiche Käse bin, aus dem Du
Wasser drücktest, als ich dasaß und Dich tanzen sah. Ich habe seitdem
auf vielen Borten gelegen, um zu trocknen. Ich bin auch nicht wie die
langhaarigen Hunde, die gleich den Schwanz einziehen und sich vor den
Leuten fürchten, so wie ich es früher tat; jetzt lasse ich es darauf
ankommen.
Dein Brief war spaßig genug; aber er spaßte, wo gar nichts zu spaßen
war; denn Du hast mich sehr wohl verstanden, und da hättest Du
einsehen können, daß ich nicht aus Scherz fragte, sondern weil ich in
der letzten Zeit an nichts andres zu denken vermag als an das, wonach
ich fragte. Ich ging voller Angst und Spannung umher, und da kam eitel
Spaß und Gelächter.
Lebe wohl, Marit Heidehöfen, ich will Dich nicht zuviel ansehen, so
wie bei jenem Tanz. Mögest Du gut essen und gut schlafen und Dein
neues Gewebe zustande bringen, mögest Du vor allem imstande sein, den
Schnee wegzuschaufeln, der vor der Kirchentür liegt.
Ehrerbietigst
Öyvind Thoresen Pladsen.
An
den Agronom Öyvind Thoresen Pladsen, Ackerbauschule.
Trotz meines hohen Alters und der Schwäche meiner Augen und des
Schmerzes in meiner rechten Hüfte muß ich doch dem Drängen der Jugend
nachgeben; denn sie braucht uns Alte, wenn sie sich selber festgerannt
hat. Sie schmeichelt und weint, bis sie wieder losgekommen ist, dann
läuft sie aber wieder davon und will nichts mehr von uns wissen.
Das ist also Marit; sie gibt mir viele süße Worte, und ich soll mit
ihr zugleich schreiben, denn sie getraut sich nicht, allein zu
schreiben. Ich habe Deinen Brief gelesen; sie hat sich eingebildet,
Jon Hatlen oder einen andern Narren vor sich zu haben, nicht einen,
den Schulmeister Baard erzogen hat; aber nun weiß sie sich nicht zu
helfen. Und doch bist Du zu strenge geworden, denn es gibt gewisse
Frauensleute, die scherzen, um nicht zu weinen, und es ist kein
Unterschied zwischen beidem. Es gefällt mir aber, daß Du das Ernste
ernsthaft nimmst, denn sonst kannst Du nicht über das lachen, was Spaß
ist.
Was nun das Gefallen anlangt, das ihr aneinander habt, so ist das aus
vielem ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie ist wie
das Wehen des Windes; allein jetzt weiß ich, daß sie Jon Hatlen doch
abgewiesen hat, worüber ihr Großvater in heftigen Zorn geraten ist.
Sie freute sich, als Dein Antrag kam, und wenn sie scherzte, so
geschah das nicht aus bösem Willen, sondern aus Freude. Sie hat viel
ausgestanden, und das hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem
ihr Sinn stand. Nun aber willst Du sie nicht haben, sondern wirfst sie
von Dir wie ein unartiges Kind.
Das war es, was ich Dir erzählen wollte. Und den Rat will ich noch
hinzufügen, daß Du Dich mit ihr gründlich aussöhnen mußt, denn an
Kampf wird es Dir nicht fehlen. Ich bin wie jener Greis, der drei
Geschlechter gesehen hat; ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.
Von Deinem Vater und von Deiner Mutter soll ich Dich grüßen. Davon
habe ich Dir aber bisher nicht schreiben wollen, daß Dich Dein Herz
nicht schmerze. Deinen Vater kennst Du nicht, denn er ist wie der
Baum, der keinen Seufzer ausstößt, bis er umgehauen wird. Wenn Dir
aber einmal etwas zustößt, da sollst Du ihn kennen lernen, und Du
wirst Dich wundern wie über eine reiche Stätte. Er ist bedrückt und
schweigsam im Weltlichen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemüt von
weltlicher Angst befreit, und nun klärt es sich auf über Tag.
Jetzt umschleiern sich meine Augen, und die Hand will nicht mehr.
Deswegen empfehle ich Dich ihm, dessen Auge immer wacht, und dessen
Hand nie ermüdet.
Baard Andersen Opdal.
An
Öyvind Thoresen.
Du scheinst böse auf mich zu sein, und das tut mir sehr leid, denn ich
meinte es nicht so, ich meinte es gut. Es fällt mir aufs Herz, daß ich
oft nicht so gegen Dich gewesen bin, wie ich sollte, und deshalb will
ich Dir nun schreiben, aber Du mußt es niemand zeigen. Einmal hatte
ich es, wie ich es haben wollte, und da war ich nicht gut; aber jetzt
mag mich niemand mehr, und jetzt geht es mir sehr traurig. Jon Hatlen
hat ein Spottgedicht auf mich gemacht, und das singen alle Burschen,
und ich wage nicht mehr, zum Tanz zu gehn. Die beiden Alten wissen es,
und ich muß böse Worte hören. Aber ich sitze allein und schreibe, und
Du mußt es niemand zeigen.
Du hast viel gelernt und könntest mir raten, aber Du bist jetzt weit
fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner
Mutter gesprochen, und wir sind gute Freunde geworden, aber ich wagte
nicht, ihr etwas zu sagen, denn Du schreibst so sonderbar. Der
Schulmeister macht sich nur lustig über mich, und er weiß nichts von
dem Spottlied, denn niemand im Kirchspiel wagt so etwas in seiner
Gegenwart zu singen. Jetzt bin ich allein und habe niemand, mit dem
ich sprechen könnte; ich denke an die Zeit zurück, als wir Kinder
waren, und Du so gut gegen mich warst, und ich immer auf Deinem
Schlitten sitzen durfte. Und jetzt wünschte ich, daß ich wieder ein
Kind wäre.
Ich darf Dich nicht mehr um Antwort bitten, denn das darf ich nicht.
Wolltest Du mir aber nur noch einmal antworten, so würde ich es Dir
nie vergessen, Öyvind.
Marit Knudstochter.
Verbrenne diesen Brief, Lieber; ich weiß wirklich nicht, ob ich ihn
abschicken darf.
Liebe Marit!
Habe Dank für den Brief; den hast Du in guter Stunde geschrieben. Nun
will ich Dir sagen, Marit, daß ich Dich so lieb habe, daß ich es hier
kaum mehr aushalten kann. Und wenn Du mich ebenso lieb hast, dann
sollen Jons Spottlieder und andre böse Worte nur Blätter sein, deren
der Baum zu viele trägt. Seit ich Deinen Brief erhalten habe, fühle
ich mich wie ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in mich
gefahren, und ich fürchte mich vor niemand auf der ganzen Welt. Als
ich den vorigen Brief abgesandt hatte, bereute ich es, so daß ich
fast krank davon wurde. Und nun sollst Du hören, was dies zur Folge
hatte. Der Direktor nahm mich beiseite und fragte mich, was mir fehle,
er meinte, ich arbeite zu viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr um
wäre, sollte ich noch ein Jahr hierbleiben, und zwar ganz frei; ich
sollte ihm bei diesem und jenem behilflich sein, er aber wolle mich
noch viel lehren. Da dachte ich, die Arbeit sei das einzige, woran ich
mich halten könne, und ich dankte ihm sehr dafür; und auch jetzt
bereue ich es nicht, obwohl ich große Sehnsucht nach Dir habe; denn je
länger ich hier bin, mit um so größerm Recht kann ich Dich einstmals
begehren. Wie froh bin ich jetzt! Ich arbeite für drei, und nie werde
ich in einer Sache zurückstehn! Aber Du sollst ein Buch bekommen, das
ich lese, denn darin steht viel von Liebe. Am Abend, wenn die andern
schlafen, lese ich darin, und dann lese ich auch Deinen Brief wieder
durch. Hast Du Dir wohl unser Wiedersehen vorgestellt? Daran denke ich
so oft, und Du sollst es auch versuchen und sehen, wie schön das ist.
Aber ich bin froh, daß ich so viel zusammengekritzelt und geschrieben
habe, obgleich es mir früher so schwer war; denn jetzt kann ich Dir
sagen, was ich will, und in meinem Herzen dazu lächeln.
Viele Bücher will ich Dir zu lesen geben, damit Du sehen kannst, wie
viele Widerwärtigkeiten die hatten, die einander wahrhaft liebten, so
daß sie lieber vor Gram gestorben wären, als daß sie einander
aufgegeben hätten. Und so wollen auch wir es machen, und wollen es mit
großer Freude tun. Wohl werden fast zwei Jahre darüber vergehn, bis
wir uns wiedersehen, und noch länger, bis wir uns haben werden; aber
mit jedem Tage, der vergeht, wird es doch einen Tag weniger; so wollen
wir denken, während wir arbeiten.
Mein nächster Brief soll von so vielerlei Dingen handeln, aber heute
abend habe ich kein Papier mehr, und die andern schlafen. So will ich
mich denn hinlegen und an Dich denken, und das will ich tun, bis ich
einschlafe.
Dein Freund
Öyvind Pladsen.
9
An einem Sonnabend im Hochsommer ruderte Thore Pladsen über das
Wasser, um seinen Sohn zu holen, der am Nachmittag von der
Ackerbauschule heimkehren sollte, wo er sein Studium beendet hatte.
Die Mutter hatte mehrere Tage vorher Arbeitsfrauen gehabt, alles war
rein und blank, die Kammer war schon vor langer Zeit instand gesetzt,
ein Ofen war hineingestellt, und dort sollte Öyvind wohnen. Heute trug
die Mutter frisches Laub hinein, legte reines Leinenzeug zurecht und
sah von Zeit zu Zeit hinaus, ob wohl ein Boot über das Wasser gerudert
käme. Drinnen war ein festlicher Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch
dies und jenes, oder es waren Fliegen wegzujagen, und in der Kammer
lag Staub, immer wieder Staub. Noch kam kein Boot. Sie stützte sich
auf das Fensterbrett und schaute hinüber. Da vernahm sie Schritte
dicht über sich oben auf dem Wege und wandte den Kopf; es war der
Schulmeister, der langsam herunterkam, auf einen Stock gestützt, denn
er hatte eine kranke Hüfte. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er
blieb stehn und ruhte sich aus und nickte ihr zu: »Noch nicht
gekommen?« -- »Nein, ich erwarte sie jeden Augenblick.« -- »Gutes
Heuwetter heute.« -- »Aber heiß zum Gehen für alte Leute!« Der
Schulmeister sah sie lächelnd an: »Sind junge Leute heute ausgewesen?«
-- »Freilich, sind aber wieder gegangen.« -- »Natürlich, ja, werden
sich wohl heute abend irgendwo treffen.« -- »Das werden sie wohl, ja;
Thore sagt, sie dürften sich in seinem Hause nicht treffen, ehe sie
die Einwilligung des Alten haben.« -- »Ganz recht, ganz recht!« --
Nach einer Weile rief die Mutter: »Ich glaube fast, da kommen sie.« --
Der Schulmeister sah lange über den Fjord hinaus. -- »Ja, das sind
sie!« -- Sie trat vom Fenster zurück, und er kam herein. Als er etwas
geruht und ein wenig getrunken hatte, gingen sie an die See hinab,
während das Boot mit schneller Fahrt auf sie zuschoß, denn sowohl der
Vater wie der Sohn ruderten. Die Rudernden hatten die Jacken
abgeworfen, der Schaum spritzte weiß unter den Rudern auf, deshalb war
das Boot bald bei ihnen angelangt. Öyvind wandte den Kopf um und sah
auf, er gewahrte die beiden am Anlegeplatz, ließ die Arme auf den
Rudern ruhen und rief: »Guten Tag, Mutter! Guten Tag, Schulmeister!«
-- »Was für eine männliche Stimme er bekommen hat!« sagte die Mutter;
sie strahlte über das ganze Gesicht. -- »Ach nein, ach nein, er ist
noch ebenso hellblond,« fügte sie hinzu. Der Schulmeister nahm das
Boot in Empfang, der Vater zog die Ruder ein, Öyvind sprang an ihm
vorüber und hinauf, gab zuerst der Mutter die Hand, dann dem
Schulmeister; er lachte und lachte einmal über das andre, und ganz
gegen die Sitte der Bauern erzählte er sofort in einem reißenden
Strome von dem Examen, von der Reise, von dem Zeugnis des Direktors
und den guten Anerbietungen. Er fragte nach dem Stande der Saaten, den
Bekannten, mit Ausnahme einer Einzigen; der Vater war mit dem Gepäck
beschäftigt und trug es aus dem Boot heraus, wollte aber auch gern
alles hören, deswegen meinte er, es könne hier stehnbleiben, und ging
mit ihnen. Und dann gings bergan, Öyvind lachte und erzählte, die
Mutter lachte mit, denn sie wußte gar nicht, was sie sagen sollte. Der
Schulmeister schleppte sich langsam neben ihnen her und sah ihn mit
klugen Blicken an, der Vater folgte ehrerbietig in einer kleinen
Entfernung. Und so gelangten sie heim. Er war erfreut über alles, was
er sah, zuerst darüber, daß das Haus neu angestrichen war, dann
darüber, daß die Mühlwerke erweitert worden waren, und darüber, daß
man die Bleieinfassungen der Fenster in der Stube und in der Kammer
entfernt hatte, daß das grüne Glas durch weißes ersetzt worden war und
die Fensterrahmen größer gemacht worden waren. Als er hineinkam, war
alles so wunderbar klein, wie er es gar nicht mehr in der Erinnerung
gehabt hatte, aber so freundlich dabei. Die Uhr gackerte wie eine
fette Henne, die Stühle waren so kunstvoll geschnitzt, als wollten sie
mitreden, jede Tasse auf dem gedeckten Tische kannte er, der Herd
lächelte ihm so weißgekalkt Willkommen zu; das Laub stand duftend an
der Wand entlang, Wacholderzweige lagen am Fußboden und zeugten von
der festlichen Stimmung. Sie setzten sich hin, um zu essen, aber es
wurde doch nicht viel gegessen, denn er plauderte unaufhörlich. Jedes
Einzelne betrachtete ihn jetzt mehr mit Ruhe, entdeckte Ähnlichkeiten
und Unähnlichkeiten, betrachtete, was ganz neu an ihm war, bis auf den
blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als er eine lange Geschichte
von einem seiner Kameraden erzählt hatte und endlich fertig war,
worauf eine kleine Pause entstand, sagte der Vater: »Ich verstehe kaum
ein Wort von dem, was du sagst, Junge, du sprichst so ungeheuer
schnell« -- da brachen alle in lautes Gelächter aus, nicht am
mindesten Öyvind; er wußte sehr wohl, daß es wahr war, aber es war ihm
nicht möglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, das er auf
seinem großen Ausfluge gesehen und gelernt hatte, hatte seine
Einbildungskraft und seine Auffassung dermaßen ergriffen und ihn so
aus den gewohnten Geleisen herausgerissen, daß Kräfte, die lange
geruht hatten, gleichsam aufschäumten und der Kopf unablässig arbeiten
mußte. Ferner bemerkten sie, daß er sich angewöhnt hatte, hier und da
zwei, drei Worte vor lauter Geschäftigkeit wieder und wieder zu
wiederholen, es war, als stolpere er über sich selber. Bisweilen
wirkte das lächerlich, aber dann lachte er selbst, und vergessen war
es. Der Schulmeister und der Vater saßen da und gaben acht, ob er
etwas von seiner frühern Besonnenheit eingebüßt hätte; aber das schien
nicht so: er dachte an alles, erinnerte selber daran, daß das Boot
ausgeladen werden müsse, packte sofort selber seine Sachen aus und
hängte alles sorgfältig auf, zeigte seine Bücher, seine Uhr, all das
Neue, und es sei gut erhalten, sagte die Mutter. Über sein kleines
Zimmer war er überglücklich; er wolle fürs erste zu Hause bleiben,
sagte er, und bei der Heuernte helfen und studieren. Wohin er später
ginge, wisse er noch nicht; aber das sei ihm ganz allerlei. Er hatte
eine Schnelligkeit und Kraft des Denkens, die erquickte, und eine
Lebhaftigkeit im Ausdruck seiner Gefühle, das den so wohltuend
berührt, der das ganze Jahr lang nur daran denkt, sich zurückzuhalten.
Der Schulmeister wurde zehn Jahre jünger.
»Jetzt wären wir so weit mit ihm gekommen,« sagte er strahlend, als er
sich erhob, um zu gehn.