ob er heute Nummer eins wurde, und darauf wartete er. Der Schulmeister
pflegte noch einige Zeit nachher bei dem Pfarrer zu bleiben, um die
Reihenfolge zu ordnen, und dann herunterzukommen und den jungen Leuten
den Ausfall mitzuteilen; es war ja nicht die endgültige Entscheidung,
aber es war das, worüber der Pfarrer und er vorläufig übereingekommen
waren. Die Unterhaltung im Zimmer wurde immer lebhafter, je mehr die
Prüfung hinter sich hatten und glücklich durchgekommen waren. Aber
jetzt fingen die Ehrgeizigen an, sich stark von den Fröhlichen
abzusondern; diese gingen, sobald sie Gesellschaft gefunden hatten, um
den Eltern ihr Glück mitzuteilen, oder sie warteten auf andre, die
noch nicht fertig waren. Die ersten wurden dagegen immer stiller, ihre
Augen sahen gespannt nach der Tür.
Endlich war die Prüfung zu Ende; die letzten waren heruntergekommen,
und der Schulmeister sprach also jetzt mit dem Pfarrer. Öyvind sah
Marit an, sie war noch ebenso fröhlich, aber sie blieb doch sitzen, ob
um ihrer selber willen oder andrer wegen, wußte er nicht. Wie schön
war Marit geworden; blendendweiß und fein war ihre Haut, wie keine
andre sie hatte, die er bisher gesehen hatte; sie trug das Näschen
etwas hoch, ihren Mund umspielte ein Lächeln. Die Augen waren halb
geschlossen, wenn sie nicht gerade jemand ansah; gerade deshalb wirkte
ihr Blick, aber, wenn er jemand traf, mit ungeahnter Macht -- und als
wollte sie zu verstehn geben, daß sie nichts damit meinte, lächelte
sie ein wenig dabei. Das Haar war eher dunkel als hell, aber es war
lockig und fiel zu beiden Seiten tief hinab, so daß es zusammen mit
den halbgeschlossenen Augen ihr etwas Geheimnisvolles verlieh, das man
nie ganz zu ergründen vermochte. Man war nie völlig sicher, wen sie
eigentlich ansah, wenn sie für sich allein oder unter andern saß; auch
nicht woran sie eigentlich dachte, wenn sie sich dann an jemand wandte
und sprach, denn sie nahm gleichsam sofort wieder zurück, was sie gab.
Hinter diesem allen liegt wohl eigentlich Jon Hatlen verborgen, dachte
Öyvind, sah sie aber beständig an.
Da kam der Schulmeister. Jeder verließ seinen Platz und stürmte auf
ihn ein. »Welche Nummer habe ich bekommen?« -- »Und ich? -- Und ich,
und ich?« -- »Still! Ihr großen Jungen! Keinen Spektakel hier! --
Ruhig Kinder, dann sollt ihr es hören! -- Du bist Nummer zwei,« sagte
er zu einem Knaben mit blauen Augen, der ihn flehentlich ansah, und
der Knabe tanzte jubelnd aus dem Kreise. »Du bist der dritte!« -- er
klopfte einem kleinen, flinken Rotkopf, der hinter ihm stand und ihn
an der Jacke zerrte, auf die Schulter. »Du bist Nummer fünf; du bist
Nummer acht« usw. Er erblickte Marit: »Du bist Nummer eins von den
Mädchen;« sie wurde dunkelrot über Gesicht und Hals, versuchte aber zu
lächeln. »Du, Nummer zwölf, bist ein Faulpelz gewesen und ein großer
Schelm; von dir, Nummer elf, war nichts Besseres zu erwarten, mein
Junge; du, Nummer dreizehn, mußt noch tüchtig lernen vor der
Katechese, sonst ergeht es dir schlecht!« -- --
Öyvind konnte es nicht länger aushalten; Nummer eins war freilich noch
nicht genannt, aber er stand doch die ganze Zeit so, daß der
Schulmeister ihn sehen konnte. -- »Schulmeister!« -- Er hörte nicht.
-- »Schulmeister!« -- Dreimal mußte er es wiederholen, ehe er gehört
wurde. Endlich sah der Schulmeister ihn an: »Nummer neun oder Nummer
zehn, ich entsinne mich nicht mehr, welche von beiden,« sagte er und
wandte sich an einen andern. -- »Wer ist denn Nummer eins?« fragte
Hans, Öyvinds bester Freund. -- »Du bist es nicht, du Krauskopf!«
sagte der Schulmeister und schlug ihn mit einer Papierrolle auf die
Hand. -- »Wer ist es denn?« fragten mehrere; »wer ist es, ja, wer ist
es?« -- »Das erfährt der, der die Nummer hat,« erwiderte der
Schulmeister streng; er wollte nicht weiter gefragt werden. -- »Geht
nun hübsch nach Hause, Kinder, dankt euerm Gott und macht euern Eltern
Freude! Bedankt euch auch bei euerm alten Schulmeister; ihr hättet
schön dagesessen und die Nägel gekaut, wenn er nicht dagewesen wäre!«
-- Sie dankten ihm und lachten, sie zogen jubelnd von dannen, denn in
diesem Augenblick, wo sie nach Hause zu den Eltern sollten, waren sie
alle froh. Nur einer blieb zurück, der seine Bücher nicht gleich
finden konnte, und der sich, als er sie gefunden hatte, wieder
hinsetzte, als wolle er von neuem anfangen, über sie wegzulesen. Der
Schulmeister ging zu ihm heran: »Nun, Öyvind, willst du nicht mit den
andern gehn?« -- Er antwortete nicht. -- »Weshalb schlägst du deine
Bücher auf?« -- »Ich will sehen, was ich heute verkehrt beantwortet
habe.« -- »Du hast gar nichts verkehrt beantwortet.« -- Da sah Öyvind
ihn an, Tränen traten ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an,
während eine nach der andern die Wange hinabrollte, aber er sagte kein
Wort. Der Schulmeister setzte sich vor ihn hin: »Bist du jetzt nicht
froh, daß du durchgekommen bist?« -- Es zitterte um seinen Mund, aber
er antwortete nicht. -- »Deine Mutter und dein Vater werden sehr froh
sein,« sagte der Schulmeister und sah ihn an. -- Öyvind kämpfte lange,
ein Wort herauszubringen, endlich fragte er leise und abgebrochen:
»Ist es -- weil ich -- ein Häuslersohn -- bin, daß ich den neunten
oder zehnten Platz haben soll?« -- »Gewiß ist es deswegen,« antwortete
der Schulmeister. -- »Dann nützt es mir ja nichts, wenn ich arbeite,«
sagte er klanglos und brach zusammen über all seinen Träumen.
Plötzlich richtete er den Kopf in die Höhe, hob die rechte Hand auf,
schlug mit voller Macht auf den Tisch, warf sich auf sein Gesicht
nieder und brach in heftiges Weinen aus.
Der Schulmeister ließ ihn liegen und weinen, sich so recht ausweinen.
Es währte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen
kindlicher wurde. Da nahm er seinen Kopf mit beiden Händen, hob ihn
auf und sah ihm in das verweinte Gesicht: »Meinst du, daß es Gott
gewesen ist, der jetzt bei dir war?« sagte er und zog ihn freundlich
an sich. Öyvind schluchzte noch, aber kürzer; die Tränen rannen
stiller, aber er wagte nicht, den, der die Frage stellte, anzusehen,
noch ihm zu antworten. -- »Dies, Öyvind, ist der Lohn für das, was du
verschuldet hast. Du hast nicht aus Liebe zu deinem Christentum und zu
deinen Eltern gelernt, sondern einzig und allein aus Eitelkeit.« -- Es
wurde jedesmal still im Zimmer, wenn der Schulmeister sprach; Öyvind
fühlte seinen Blick auf sich ruhen, und unter ihm wurde er weich und
demütig. -- »Mit einem solchen Zorn im Herzen hättest du nicht
vortreten dürfen, um das Bündnis mit deinem Gott zu schließen; hättest
du das wohl können, Öyvind?« -- »Nein,« stammelte er, so gut er es
vermochte. -- »Und hättest du dagestanden mit eitler Freude darüber,
daß du Nummer eins wärest, hättest du da nicht mit Sünde da vorn
gestanden?« -- »Ja,« flüsterte er, und es zuckte um seinen Mund. --
»Du hast mich noch lieb, Öyvind?« -- »Ja!« -- Er sah zum erstenmal
auf. -- »Dann will ich dir auch sagen, daß ich es war, der dich
heruntergesetzt hat; denn ich habe dich sehr lieb, Öyvind.« -- Dieser
sah ihn an, blinkte ein paarmal mit den Augen, und dann strömten ihm
die Tränen von den Wangen herab. -- »Du hast doch deswegen nichts
gegen mich?« -- »Nein!« -- Er sah voll und klar zu ihm auf, wenn auch
die Stimme gequält klang. -- »Mein liebes Kind; ich will um dich sein,
solange ich lebe.«
Er wartete auf ihn, bis er sich zurechtgemacht und seine Bücher wieder
zusammengesucht hatte, dann sagte er, daß er ihn nach Hause begleiten
wolle. Sie gingen langsam heimwärts; anfangs war Öyvind noch still und
kämpfte mit sich, allmählich aber überwand er sich. Er war so davon
überzeugt, daß das Vorgefallne das Beste sei, das ihm jemals hätte
widerfahren können, und ehe er zu Hause anlangte, war dieser Glaube so
stark geworden, daß er seinem Gott dafür dankte und es dem
Schulmeister aussprach. -- »Ja, nun wollen wir daran denken, daß du
etwas im Leben erreichst,« sagte der Schulmeister, »und nicht hinter
Irrlichtern und Nummern herjagst. Was sagst du zum Seminar?« -- »Ja,
ich möchte gern dahin.« -- »Du meinst die Ackerbauschule?« -- »Ja!«
-- »Das ist auch gewiß das beste für dich; sie eröffnet andre
Aussichten als auf eine Schulmeisterstelle.« -- »Aber wie soll ich nur
dahin kommen? Ich habe große Lust, aber weiß keinen Rat.« -- »Sei
fleißig und brav, dann wird sich schon Rat finden.«
Öyvind fühlte sich ganz überwältigt von Dankbarkeit. Es flimmerte ihm
vor den Augen, sein Atem ging schneller, das Feuer der unendlichen
Liebe loderte in ihm, das hervorbricht, wenn man die unerwartete Güte
der Menschen empfindet. Die ganze Zukunft stellt man sich einen
Augenblick wie eine Wanderung in frischer Bergluft vor; man wird mehr
getragen, als man geht.
Als sie daheim anlangten, waren beide Eltern in der Wohnstube und
hatten in stiller Erwartung dagesessen, obwohl es Arbeitszeit war und
sie viel zu tun hatten. Der Schulmeister kam zuerst herein. Öyvind
folgte ihm, beide lächelten. -- »Nun?« sagte der Vater, er legte ein
Gesangbuch hin, worin er gerade das 'Gebet eines Konfirmanden' gelesen
hatte. Die Mutter stand am Herde; sie wagte nichts zu sagen, sie
lachte, aber ihre Hand war unsicher. Sie erwartete offenbar etwas
Gutes, wollte sich aber nicht verraten. -- »Ich wollte nur gern
mitkommen, um euch die freudige Nachricht zu überbringen, daß er alle
Fragen beantwortet hat, die ihm gestellt wurden, und daß der Pfarrer,
als er gegangen war, sagte, er habe nie einen tüchtigern Konfirmanden
gehabt!« -- »Ach nein!« sagte die Mutter und war ganz bewegt. -- »Das
ist ja schön,« sagte der Vater und räusperte sich unsicher.
Nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten, fragte die Mutter leise:
»Welche Nummer hat er denn bekommen?« -- »Nummer neun oder zehn,«
sagte der Schulmeister ruhig. Die Mutter sah den Vater, dieser erst
sie und dann Öyvind an; »ein Häuslersohn kann nicht mehr erwarten,«
sagte er. Öyvind sah ihn wieder an. Nochmals war es ihm, als wolle ihm
etwas im Halse aufsteigen, aber er bezwang sich, indem er schnell an
allerlei Liebes dachte, eins nach dem andern, solange bis er es
hinuntergeschluckt hatte.
»Jetzt ist es wohl am besten, wenn ich gehe,« sagte der Schulmeister,
nickte und wandte sich um. Beide Eltern begleiteten ihn der
Gewohnheit gemäß bis auf die steinerne Schwelle; dort nahm der
Schulmeister einen Priem und sagte lächelnd: »Er wird doch Nummer eins
werden; aber es ist besser, wenn er nichts davon erfährt, bis der Tag
kommt.« -- »Nein, nein,« sagte der Vater und nickte. -- »Nein, nein,«
sagte die Mutter und nickte auch. -- »Ja, hab du vielen Dank,« sagte
der Vater, und der Schulmeister ging; sie aber standen noch lange da
und sahen ihm nach.
7
Der Schulmeister hatte einen scharfen Blick gehabt, als er den Pfarrer
bat, zu prüfen, ob Öyvind es auch verdiene, der Erste zu sein. Während
der drei Wochen, die bis zur Konfirmation verstrichen, war er jeden
Tag bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindruck
nachgeben, etwas andres aber ist es, was sie mit Treue festhalten
wird. Viele finstre Stunden kamen über den Knaben, ehe er lernte, den
Maßstab für seine Zukunft von bessern Dingen als von Ehre und Trotz
abzuleiten. Wenn er gerade so recht mitten in der Arbeit saß, verlor
er die Lust und gab die Arbeit auf: Wozu, was gewinne ich dabei? --
und dann, eine Weile später gedachte er des Schulmeisters, seiner
Worte und seiner Güte; aber dieses menschlichen Mittels bedurfte er
jedesmal, um wieder emporzusteigen, wenn er von dem Verständnis seiner
höhern Pflicht herabgestürzt war.
In den Tagen, wo man sich daheim auf die Konfirmation vorbereitete,
traf man auch Anstalten zu seiner Reise auf die Ackerbauschule; denn
am Tage darauf sollte diese vor sich gehn. Schneider und Schuster
saßen in der Stube, die Mutter buk in der Küche, der Vater arbeitete
an einem Koffer. Es wurde viel darüber gesprochen, was er ihnen in den
zwei Jahren kosten würde, daß er das erste Weihnachtsfest, vielleicht
auch das zweite nicht nach Hause kommen könne, und wie schwer es sein
würde, sich so lange getrennt zu wissen. Es wurde auch von der Liebe
geredet, die er zu seinen Eltern haben müsse, die um ihres Kindes
willen so große Opfer bringen wollten. Öyvind saß da wie jemand, der
sich auf eigne Hand hinausgewagt hatte, aber übergesegelt und nun von
freundlichen Menschen aufgenommen worden war.
Ein solches Gefühl verleiht Demut, und mit ihr kommt noch vieles
andre. Als der große Tag herannahte, durfte er sich vorbereitet nennen
und durfte ihm mit zuversichtlicher Hingebung entgegensehen. Jedesmal,
wenn Marits Bild mit dabei sein wollte, schob er es vorsichtig
beiseite, fühlte aber den Schmerz wohl, wenn er es tat. Er versuchte,
sich hierin zu üben, kam aber niemals vorwärts damit, im Gegenteil,
der Schmerz nahm zu. Deswegen fühlte er sich müde am letzten Abend,
als er nach einer langen Selbstprüfung bat, daß Gott ihn in diesem
Punkte nicht prüfen möge.
Der Schulmeister kam, als es Abend wurde. Sie setzten sich alle in die
Wohnstube, nachdem sie sich gewaschen und gekämmt hatten, wie das
Sitte ist am Abend, ehe man zum Abendmahl oder zur Hochmesse geht. Die
Mutter war bewegt, der Vater schweigsam; hinter dem Feste am andern
Tage lag der Abschied, und es war ungewiß, wann sie wieder
beisammensitzen würden. Der Schulmeister holte das Gesangbuch hervor,
sie hielten Andacht und sangen, und hinterher sprach er ein kurzes
Gebet, so wie ihm die Worte kamen.
Diese vier Menschen saßen nun bis in die Nacht zusammen, und ihre
Gedanken hielten stille Einkehr; endlich schieden sie mit den besten
Wünschen für den kommenden Tag und das, was er bringen würde. Öyvind
mußte einräumen, als er sich schlafen legte, daß er sich noch nie so
glücklich niedergelegt hätte; heute abend gab er dieser Stimmung eine
eigne Deutung; er verstand nämlich darunter: nie habe ich mich so
ergeben in Gottes Willen und so fröhlich in ihm niedergelegt. --
Marits Gesicht wollte alsbald wieder vor ihn treten, und das letzte,
dessen er sich bewußt war, war, daß er dalag und sich selber
versuchte: nicht ganz glücklich, nicht ganz -- und daß er erwiderte:
ja, ganz -- dann aber wieder: nicht ganz -- ja, ganz -- nein, nicht
ganz.
Als er erwachte, gedachte er sofort des Tages, betete und fühlte sich
gestärkt, wie man es des Morgens zu tun pflegt. Seit dem Sommer hatte
er allein in der Bodenkammer geschlafen; er stand jetzt auf, zog
behutsam seine neuen, schönen Kleider an; denn solche hatte er noch
nie zuvor gehabt. Namentlich war da eine runde Tuchjacke, die er
wieder und wieder befühlen mußte, ehe er sich daran gewöhnte. Er zog
einen kleinen Spiegel heraus, als er den Kragen umgebunden und die
Jacke zum viertenmal angezogen hatte. Als er sich nun sein eignes
vergnügtes Gesicht, umrahmt von dem ungewöhnlich hellen Haar, aus dem
Spiegel entgegenlächeln sah, fiel es ihm ein, daß dies sicher wieder
Eitelkeit wäre. Ja, aber gut und reinlich gekleidet müssen die Leute
doch da sein, antwortete er sich, indem er das Gesicht vom Spiegel
abwandte, als sei es ein Unrecht, hineinzusehen. -- Freilich, aber man
darf sich in dieser Beziehung nicht so über sich selbst freuen. --
Nein, aber der liebe Gott muß doch auch sein Wohlgefallen daran haben,
daß jemand gern gut aussehen mag. -- Kann wohl sein, aber es gefiele
ihm sicher besser, wenn du hübsch wärest, ohne selber so viel Wert
darauf zu legen. -- Das ist wahr, aber sieh, es kommt wohl davon, daß
alles so neu ist. -- Ja, aber dann mußt du es auch nach und nach
wieder ablegen. -- Er ertappte sich dabei, daß er bald über diesen,
bald über jenen Gegenstand selbstprüfende Unterhaltung mit sich
führte, damit nicht eine Sünde auf diesen Weg fallen und ihn beflecken
möge; aber er wußte auch, daß mehr dazu gehörte.
Als er hinunterkam, saßen die Eltern völlig angekleidet da und
warteten mit dem Frühstück auf ihn. Er ging hin und reichte ihnen die
Hand und bedankte sich für die Kleider und erhielt ein: »Vertrag sie
in Gesundheit!« zur Antwort. Sie setzten sich zu Tische, beteten leise
und aßen. Die Mutter deckte den Tisch ab und holte die für den
Kirchgang bestimmte Proviantbütte herein. Der Vater zog seine Jacke
an, die Mutter steckte ihre Tücher fest; sie nahmen ihre Gesangbücher,
verschlossen das Haus und gingen bergan. Sobald sie auf den obern Weg
hinaufgelangt waren, begegneten sie Kirchgängern, zu Wagen und zu Fuß,
dazwischen Konfirmanden, und hin und wieder in einer Schar weißhaarige
Großeltern, die dies eine Mal noch mitmußten.
Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie es zu sein pflegt, wenn
das Wetter umschlagen will. Wolken ballten sich zusammen und
zerteilten sich wieder, zuweilen entstanden aus einem größern Gebilde
zwanzig kleinere, die über den Himmel dahinjagten wie mit Botschaft an
das Unwetter; aber unten auf der Erde war es noch still, das Laub hing
entseelt da und zitterte nicht einmal, die Luft war etwas schwül; die
Leute hatten Reisemäntel mitgenommen, hatten sie aber nicht an. Eine
ungewöhnlich große Menschenmenge hatte sich um die freistehende Kirche
versammelt; aber die Konfirmanden gingen sofort in die Kirche, um
aufgestellt zu werden, ehe der Gottesdienst begann. Da kam der
Schulmeister in blauem Anzug, Rock und Kniehosen, hohen Stiefeln, mit
steifer Halsbinde und aus der hintern Rocktasche guckender Pfeife den
Gang entlang, nickte und lachte, klopfte hier einem auf die Schulter,
sprach dort ein paar Worte mit einem andern und ermahnte ihn, laut und
deutlich zu antworten, und gelangte während alledem an die
Opferbüchse, wo Öyvind stand und alle Fragen seines Freundes Hans
wegen der Reise beantwortete. »Guten Tag, Öyvind, ein schöner Tag
heute!« Er faßte ihn beim Kragen seiner Jacke, als wollte er mit ihm
reden. »Weißt du, ich habe den besten Glauben von dir. Deswegen habe
ich mit dem Pfarrer geredet; du sollst deinen Platz behalten; stell
dich oben an als Nummer eins und antworte deutlich!«
Öyvind sah ihn erstaunt an, der Schulmeister nickte ihm zu, der Knabe
ging einige Schritte, stand still, ging wieder einige Schritte, stand
wieder still; ja freilich ist es so, er hat beim Pfarrer ein gutes
Wort für mich eingelegt! und schnell ging der Junge weiter. -- »Du
sollst ja doch Nummer eins sein!« flüsterte ihm einer zu. -- »Ja,«
antwortete Öyvind leise, wußte aber noch nicht recht, ob es auch
wirklich wahr sei.
Die Aufstellung war beendet, der Pfarrer kam, es wurde eingeläutet,
und die Kirchgänger strömten herein. Da sah Öyvind Marit Heidehöfen
gerade vor sich stehn, auch sie sah ihn; beide aber waren so ergriffen
von der Heiligkeit des Ortes, daß sie nicht wagten, sich zu begrüßen.
Er sah nur, daß sie strahlend schön war und schwarzes Haar hatte, mehr
sah er nicht. Öyvind, der seit länger als einem halben Jahre so
stolze Pläne darauf gebaut hatte, daß er ihr gerade gegenüberstehn
würde, vergaß, als es so gekommen war, den Platz und sie, und daß er
jemals an so etwas gedacht hatte.
Als alles vorüber war, kamen Verwandte und Bekannte, um ihre
Glückwünsche abzustatten; dann kamen seine Kameraden, um Abschied von
ihm zu nehmen, da sie gehört hatten, daß er am nächsten Tage reisen
solle; dann kamen viele kleinere Kinder, mit denen er auf den Hügeln
Schlitten gefahren war, und denen er in der Schule geholfen hatte, und
der Abschied ging nicht ganz ohne Tränen ab. Zuletzt kam der
Schulmeister, er reichte ihm und den Eltern schweigend die Hand und
machte ihnen ein Zeichen, daß sie gehn sollten, er würde sie
begleiten. Die vier waren wieder zusammen, und jetzt sollte es der
letzte Abend sein. Unterwegs nahmen noch viele von ihm Abschied und
wünschten ihm Glück, miteinander aber sprachen sie nicht, ehe sie
daheim in der Stube waren.
Der Schulmeister bemühte sich, sie bei gutem Mut zu erhalten; es
fehlte nicht viel, daß sie alle drei ein Grauen befiel vor der
zweijährigen Trennung, jetzt, wo es soweit war, da sie bisher noch
nicht einen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keins wollte es
sich merken lassen. Je mehr sich der Tag neigte, um so beklommener
wurde Öyvind; er wollte hinausgehn, um sich ein wenig zu beruhigen.
Es war schon halb dunkel, und ein eigentümliches Sausen ging durch die
Luft; er blieb auf der steinernen Schwelle stehn und sah zum Himmel
empor. Da hörte er vom Rande des Berges seinen Namen rufen, ganz
leise; es war keine Täuschung, denn es wiederholte sich zweimal. Er
sah auf und gewahrte eine weibliche Gestalt, die zwischen den Bäumen
kauerte und herabsah. -- »Wer ist da?« fragte er. -- »Ich höre, daß du
fortreisen sollst,« sagte sie leise, »da mußte ich zu dir kommen, um
dir Lebewohl zu sagen, da du nicht zu mir kommen willst.« -- »Liebe,
bist du es! Ich will zu dir hinaufkommen!« -- »Nein, tu das nicht, ich
habe schon so lange gewartet, und da müßte ich noch länger warten;
niemand weiß, wo ich bin, ich muß eilen, nach Hause zu kommen.« -- »Es
war hübsch von dir, daß du gekommen bist,« sagte er. -- »Ich konnte
den Gedanken nicht ertragen, daß du so abreisen solltest, Öyvind; wir
haben einander gekannt, seit wir klein waren.« -- »Ja, das haben wir.«
-- »Und nun haben wir ein halbes Jahr lang nicht miteinander
gesprochen.« -- »Nein, das taten wir nicht.« -- »Wir gingen damals
auch so sonderbar auseinander.« -- »Ja -- ich glaube, ich muß doch zu
dir hinaufkommen.« -- »Ach nein, tu das nicht! Aber sag mir, du bist
mir doch nicht böse?« -- »Liebe, wie kannst du das nur glauben!« --
»So leb denn wohl, Öyvind, und hab Dank für alles, was wir zusammen
erlebt haben.« -- »Nein, Marit!« -- »Ja, jetzt muß ich gehn, sie
werden mich vermissen.« -- »Marit! Marit!« -- »Nein, ich wage es
nicht, länger fortzubleiben, Öyvind. Lebe wohl!« -- »Lebe wohl!«
Wie im Traum ging er den Rest des Abends einher und antwortete wie aus
weiter Ferne, wenn man ihn anredete; sie schrieben es der Abreise zu,
was ja ganz natürlich war, und auf diese war auch seine ganze
Aufmerksamkeit gerichtet in dem Augenblick, als der Schulmeister am
Abend Abschied nahm und ihm etwas in die Hand gab, was, wie er
hinterher sah, ein Fünftalerschein war. Als er sich dann aber später
niederlegte, dachte er nicht mehr an die Abreise, sondern an die
Worte, die vom Bergrande herabgekommen und hinaufgegangen waren. Als
Kind durfte sie nicht auf die Bergwand hinaufkommen, weil der
Großvater fürchtete, daß sie herabfallen könnte. Vielleicht kommt sie
doch noch herab!
8
Liebe Eltern!