»Öyvind!« flüsterte es draußen auf dem Hofe; »Öyvind!« Er blieb stehn

und lauschte. -- »Öyvind!« ertönte es noch einmal, etwas stärker. Es

mußte die sein, an die er dachte. -- »Ja,« antwortete er ebenfalls

flüsternd, trocknete schnell die Augen und trat hinaus. Da kam eine

Frauengestalt langsam über den Hof. -- »Bist du da?« fragte sie. --

»Ja,« antwortete er und stand still. -- »Wer ist da bei dir?« --

»Hans!« -- Aber Hans wollte gehn. -- »Nein, nein,« bat Öyvind. Sie kam

jetzt, wenn auch langsam, dicht an sie heran; es war Marit. -- »Du

gingst so schnell fort,« sagte sie zu Öyvind. Er wußte nicht, was er

darauf antworten sollte. Dadurch wurde auch sie verlegen; sie

schwiegen alle drei. Hans aber schlich sich unbemerkt fort. Die beiden

blieben stehn, sahen sich nicht an, rührten sich aber auch nicht. Da

flüsterte sie: »Ich bin schon den ganzen Abend mit einem kleinen

Weihnachtsgeschenk für dich in der Tasche umhergegangen, Öyvind, aber

ich habe es dir bis jetzt nicht geben können.« -- Sie zog einige

Äpfel, ein Stück Honigkuchen und eine kleine Flasche aus der Tasche,

steckte es ihm zu und sagte, er solle es behalten.

Öyvind nahm es. -- »Danke,« sagte er und reichte ihr die Hand; die

ihre war warm, er ließ sie gleich wieder los, als habe er sich

verbrannt. -- »Du hast heute abend viel getanzt.« -- »Ja, das habe ich

getan,« antwortete sie; »aber du hast nicht viel getanzt,« fügte sie

hinzu. -- »Nein,« sagte er. -- »Weshalb hast du es nicht getan?« --

»Ach -- --«

»Öyvind!« -- »Ja!« -- »Weshalb saßest du da und starrtest mich so an!«

-- »Ach!«

»Marit!« -- »Ja!« -- »Weshalb mochtest du es nicht, daß ich dich so

ansah?« -- »Da waren so viele Menschen!« --

»Du hast heute abend viel mit Jon Hatlen getanzt!« -- »Ach ja!« -- »Er

tanzt gut!« -- »Findest du?« -- »Findest du es nicht?« -- »Ach ja!«

»Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich kann es heute abend nicht

ertragen, daß du mit ihm tanzt, Marit!« -- Er wandte sich ab, es hatte

ihn Überwindung gekostet, dies zu sagen. -- »Ich verstehe dich nicht,

Öyvind.« -- »Ich verstehe es selber auch nicht, es ist so dumm von

mir. -- Leb wohl, Marit, jetzt will ich gehn.« -- Er tat einen

Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach: »Das ist falsch,

was du zu sehen geglaubt hast, Öyvind.« -- Er blieb stehn: »Daß du

jetzt ein erwachsnes Mädchen bist, ist nicht falsch gesehen!« -- Er

sprach nicht aus, worauf sie gewartet hatte, deswegen schwieg sie;

plötzlich aber sah sie das Glühen einer Pfeife dicht vor sich; es war

ihr Großvater, der gerade um die Ecke gebogen war und an ihr

vorüberkam. Er blieb stehn: »Bist du hier, Marit!« -- »Ja!« -- »Mit

wem sprichst du?« -- »Mit Öyvind!« -- »Mit wem, sagtest du?« -- »Mit

Öyvind Pladsen!« -- »Ach, mit dem Häuslerjungen aus Pladsen; komm

sofort mit mir hinein!«

5

Als Öyvind am nächsten Morgen die Augen aufschlug, erwachte er aus

einem langen, erquickenden Schlaf und glücklichen Traum. Marit hatte

auf dem Berge gelegen und Laub auf ihn herabgeworfen; er hatte es

aufgefangen und wieder hinaufgeworfen. In tausend Farben und Figuren

war es auf und nieder geflattert; die Sonne schien darauf, und der

ganze Berg schimmerte von oben bis unten. Als er erwachte, sah er sich

um, in der Hoffnung, alles wiederzufinden; da entsann er sich aber des

gestrigen Tages, und er empfand wieder denselben stechenden heftigen

Schmerz in der Brust. Den werde ich wohl nie wieder los, dachte er,

und eine Schlaffheit kam über ihn, als versinke die ganze Zukunft vor

ihm.

»Jetzt hast du lange genug geschlafen,« sagte die Mutter; sie saß

nebenan und spann. »Steh jetzt auf und iß! Dein Vater ist schon im

Walde und fällt Holz.« -- Es war, als hülfe ihm diese Stimme; ein

wenig mutiger stand er auf. Die Mutter dachte wohl an die Zeit, wo sie

selber getanzt hatte; denn sie saß am Spinnrad und trällerte eine

Tanzmelodie vor sich hin, während er sich ankleidete und aß. Deswegen

mußte er vom Tisch aufstehn und an das Fenster treten; dieselbe

Schwere und Unlust legte sich auf ihn, er mußte sich zusammennehmen

und an die Arbeit denken. Das Wetter war umgeschlagen, die Luft war

ein wenig kälter geworden, so daß das, was gestern als Regen gedroht

hatte, heute als feuchter Schnee niederfiel. Er setzte seine Pelzmütze

auf, zog Schneestrümpfe, eine Seemannsjacke und Fausthandschuhe an,

sagte Lebewohl und ging mit der Axt über der Schulter von dannen.

Der Schnee fiel langsam in großen, nassen Flocken; er arbeitete sich

den Schlittenberg hinan, um links in den Wald einzubiegen; nie zuvor,

weder im Winter noch im Sommer, war er den Schlittenberg

hinangegangen, ohne an etwas zu denken, was ihn fröhlich stimmte, oder

wonach er sich sehnte. Jetzt war es ein toter, schwerer Weg; er glitt

aus in dem feuchten Schnee. Die Knie waren ihm steif, entweder vom

gestrigen Tanz oder von der Unlust; jetzt fühlte er, daß es mit dem

Schlittenfahren für dieses Jahr vorbei sei, und damit für immer. Nach

etwas anderm sehnte er sich, wie er da so zwischen den Baumstämmen

dahinging, wo der Schnee lautlos fiel. Ein aufgescheuchtes Schneehuhn

schrie und flatterte einige Schritte vor ihm auf, sonst stand alles

da, als wartete es auf ein Wort, das nie gesagt wurde. Aber was es

war, wonach es ihn verlangte, wußte er selber nicht deutlich; es war

keine Sehnsucht nach Hause oder in die Ferne, weder nach Lustbarkeit

noch nach Arbeit; es war etwas, das wie ein Lied geradeswegs zum

Himmel aufsteigt. Allmählich nahm es die Gestalt eines bestimmten

Wunsches an, nämlich im Frühling konfirmiert zu werden und bei der

Gelegenheit Nummer eins zu sein. Das Herz klopfte ihm, als er daran

dachte, und ehe er noch des Vaters Axt in den zitternden Bäumchen zu

hören vermochte, erfüllte ihn dieser Wunsch mehr als irgend etwas seit

seiner Geburt.

Der Vater sagte wie gewöhnlich nicht viel zu ihm; sie schlugen beide

Holz und setzten es in Haufen zusammen. Sie begegneten sich wohl hin

und wieder einmal, und bei einer solchen Begegnung ließ Öyvind die

schwermütigen Worte fallen: »Ein Häusler hat doch ein mühseliges

Leben.« -- »Er wie andre!« entgegnete der Vater, spie in die Hand und

griff wieder zur Axt. Als der Baum gefallen war und der Vater ihn auf

den Haufen hinaufzog, sagte Öyvind: »Wenn du ein Hofbesitzer wärst,

würdest du dich nicht so abmühen.« -- »Ach, dann gäbe es sicher

andres, was auf mir lastete!« -- Er griff mit beiden Händen zu. Die

Mutter kam mit dem Mittagessen zu ihnen hinauf; sie setzten sich. Die

Mutter war fröhlich, sie saß da und summte eine Melodie vor sich hin

und schlug die Füße aneinander im Takte. »Was willst du werden, wenn

du groß bist, Öyvind?« sagte sie plötzlich. -- »Für einen Häuslersohn

gibt es nicht viele Wege,« erwiderte er. -- »Der Schulmeister sagt, du

müßtest aufs Seminar,« sagte sie. -- »Gibts da Freistellen?« fragte

Öyvind. -- »Die Schulkasse bezahlt,« versetzte der Vater und aß

weiter. -- »Hast du Lust dazu?« fragte die Mutter. -- »Ich habe Lust,

etwas zu lernen, aber nicht, Schulmeister zu werden.« -- Sie schwiegen

alle drei eine Weile; sie summte wieder eine Melodie vor sich hin und

sah zu Boden. Öyvind aber ging fort und setzte sich für sich allein.

»Wir brauchen nicht gerade aus der Schulkasse zu leihen,« sagte sie,

als der Junge gegangen war. Der Mann sah sie an: »Arme Leute wie wir?«

-- »Ich mag es wirklich nicht, Thore, daß du dich immer für arm

ausgibst, da du es ja doch einmal nicht bist.« -- Sie sahen beide

verstohlen zu dem Jungen hinüber, ob er es auch nicht hören könnte.

Dann sah der Vater seine Frau zornig an: »Du redest, wie du es

verstehst.« -- Sie lachte. »Es ist wirklich, als wenn wir Gott nicht

dafür danken sollten, daß es uns so ergangen ist,« sagte sie und wurde

ernsthaft. -- »Man kann ihm wohl auch danken, ohne silberne Knöpfe

daran,« meinte der Vater. -- »Ja, aber damit, daß wir Öyvind so zum

Tanze gehn lassen wie gestern, danken wir ihm auch nicht.« -- »Öyvind

ist ein Häuslersohn!« -- »Deswegen können wir ihn anständig kleiden,

wenn wir Rat dazu haben,« sagte sie und sah den Mann tapfer an, der

finster dreinblickte und den Löffel hinlegte, um zur Pfeife zu

greifen. -- »So eine elende Stelle wie die unsre!« sagte er. -- »Ich

muß über dich lachen! Immer sprichst du von der Stelle; weshalb

erwähnst du die Mühlen denn nie?« -- »Ach du mit deinen Mühlen! Ich

glaube, du kannst sie nicht gehn hören!« -- »Doch, Gott sei Lob und

Dank! Möchten sie nur Tag und Nacht gehn.« -- »Jetzt haben sie schon

länger als seit Weihnachten gestanden.« -- »Die Leute mahlen aber

doch nicht in der Weihnachtszeit!« -- »Sie mahlen, wenn Wasser da ist,

aber seit sie eine Mühle bei Nyström gebaut haben, geht es bei uns nur

kläglich.« -- »Davon sagte der Schulmeister heute nichts.« -- »Ich

werde meine Geldangelegenheiten von einem verschwiegnern Mann als dem

Schulmeister besorgen lassen.« -- »Ja, er sollte zu allerletzt mit

deiner eignen Frau davon sprechen!« -- Thore erwiderte nichts hierauf;

er hatte seine Pfeife gerade angezündet, lehnte sich jetzt gegen ein

Reisigbündel und ließ den Blick erst zu der Frau, dann zu dem Sohn

hinüberschweifen, bis er an einem alten Krähennest hängen blieb, das

halb zerdrückt an einem Föhrenzweige hing.

Öyvind saß allein da, vor ihm lag die Zukunft wie eine lange, blanke

Eisfläche, über die er zum erstenmal von einem Ufer bis zum andern

dahinsauste. Daß die Armut ihn nach allen Richtungen hin hemmte,

fühlte er, aber deswegen gingen auch alle seine Gedanken darauf

hinaus, an ihr vorüber zu gelangen. Von Marit hatte sie ihn sicher für

immer getrennt; er betrachtete sie als halbwegs mit Jon Hatlen

verlobt. Aber all sein Sinnen war darauf gerichtet, den Wettlauf durch

das ganze Leben mit ihr und mit ihm aufzunehmen. Sich nicht wieder

wegpuffen lassen wie gestern, deswegen sich fernhalten, bis etwas aus

ihm geworden war, das nahm er sich vor, und es stieg kein Zweifel in

seiner Seele auf, daß ihm das nicht gelingen sollte. Er hatte das

dunkle Gefühl, daß er durch Studium seinen Zweck am besten erreichen

würde; zu welchem Ziel es ihn führen sollte, darüber mußte er später

nachdenken.

Gegen Abend wurde wieder Schlittenbahn, die Kinder kamen auf den

Hügel, Öyvind aber kam nicht. Er saß am Herd und lernte, und er hatte

keinen Augenblick zu verlieren. Die Kinder warteten lange, endlich

wurde eins nach dem andern ungeduldig, sie kamen herauf, preßten das

Gesicht gegen die Fensterscheibe und riefen hinein; er aber tat, als

höre er es nicht. Es kamen immer mehr, einen Abend nach dem andern;

sie gingen in großer Verwunderung vor dem Hause umher, er aber wandte

ihnen den Rücken zu und las, indem er sich getreulich bemühte, den

Sinn des Gelesenen zu verstehn. Später hörte er, daß Marit auch nicht

mehr käme. Er lernte mit einem Eifer, von dem selbst der Vater sagen

mußte, daß er zu weit ginge. Er wurde ernsthaft; das Gesicht, das so

rund und so weich gewesen war, wurde magrer, schärfer, das Auge

strenger; selten sang, nie spielte er mehr; es war, als lange die Zeit

nicht. Wenn die Versuchung an ihn herantrat, war es, als flüstre ihm

jemand zu: Später! Später! und immer wieder: Später! Die Kinder kamen,

riefen und lachten eine Weile wie früher, als sie ihn aber nicht zu

sich hinauslocken konnten, weder durch ihre eigne Fröhlichkeit beim

Schlittenfahren noch durch ihr Rufen mit gegen die Fensterscheiben

gepreßten Gesichtern, so blieben sie allmählich weg; sie fanden andre

Spielplätze, und bald stand der Hügel leer.

Der Schulmeister aber merkte bald, daß es nicht mehr der alte Öyvind

war, der lernte, weil es sich so gehörte, und spielte, weil das

notwendig war. Er sprach oft mit ihm, forschte und spähte; aber

es wollte ihm nicht gelingen, des Burschen Herz so leicht zu

finden wie in alten Zeiten. Er sprach auch mit den Eltern und kam

verabredetermaßen eines Sonntagsabends gegen Ende des Winters zu ihnen

und sagte, nachdem er eine Weile bei ihnen gesessen hatte: »Komm

jetzt, Öyvind, wir wollen ein wenig hinausgehn, ich möchte gern mit

dir reden.« -- Öyvind zog sich an und folgte ihm. Es ging bergauf, in

der Richtung nach den Heidehöfen, die Unterhaltung war lebhaft, drehte

sich aber um nichts Wichtiges; als sie in die Nähe der Höfe kamen, bog

der Schulmeister nach dem in der Mitte gelegnen ein, und als sie

weiter gelangten, drangen ihnen Rufe und Fröhlichkeit entgegen. --

»Was ist denn hier los?« fragte Öyvind. -- »Hier wird getanzt,« sagte

der Schulmeister; »wollen wir nicht hineingehn?« -- »Nein!« -- »Du

willst nicht mit zu einem Tanze, Junge?« -- »Nein, noch nicht!« --

»Noch nicht? Wann denn?« -- Er antwortete nicht. -- »Was meinst du mit

dem 'Noch nicht'?« -- Als der Junge nicht antwortete, sagte der

Schulmeister: »Komm jetzt, laß den Unsinn!« -- »Nein, ich gehe nicht!«

-- Er war sehr bestimmt und zugleich bewegt. -- »Daß dein eigner

Schulmeister hier stehn und dich bitten soll, zum Tanze zu gehn!« --

Es entstand ein längeres Schweigen. -- »Ist dadrinnen jemand, den zu

sehen du dich fürchtest?« -- »Ich kann es nicht wissen, wer da ist.«

-- »Könnte aber jemand da sein?« -- Öyvind schwieg. Da trat der

Schulmeister gerade vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die

Schulter: »Fürchtest du dich, Marit zu sehen?« -- Öyvind sah nieder,

sein Atem ging schwer und kurz. -- »Sag es mir, Öyvind, hörst du!« --

Öyvind schwieg. -- »Du schämst dich vielleicht, es einzugestehn, da du

noch nicht eingesegnet bist; sage es mir aber trotzdem, Öyvind, und du

sollst es nicht bereuen.« -- Öyvind blickte auf, vermochte aber kein

Wort hervorzubringen und sah zur Seite. -- »Du bist auch in der

letzten Zeit gar nicht mehr so fröhlich; mag sie denn andre lieber als

dich?« -- Öyvind schwieg noch immer, der Schulmeister fühlte sich ein

wenig verletzt und wandte sich von ihm ab; sie gingen zurück.

Als sie eine Strecke gegangen waren, blieb der Schulmeister stehn, bis

Öyvind an seine Seite gekommen war. -- »Du sehnst dich wohl danach,

konfirmiert zu werden?« fragte er. -- »Ja!« -- »Was denkst du dann

anzufangen?« -- »Ich möchte gern auf das Seminar.« -- »Und dann

Schulmeister werden?« -- »Nein.« -- »Das scheint dir wohl nicht

großartig genug?« -- Öyvind schwieg. Sie gingen wieder eine lange

Strecke. -- »Wenn du nun das Seminar durchgemacht hast, was willst du

dann?« -- »Darüber habe ich noch nicht weiter nachgedacht.« -- »Wenn

du Geld hättest, würdest du dir wohl gern einen Hof kaufen?« -- »Ja,

aber die Mühlen würde ich behalten.« -- »Dann ist es am besten, du

gehst auf die Ackerbauschule.« -- »Lernen sie denn da ebensoviel wie

auf dem Seminar?« -- »Nein, das nicht. Aber sie lernen, was sie später

gebrauchen können.« -- »Bekommen sie dort auch Zeugnisse?« -- »Weshalb

fragst du danach?« -- »Ich möchte gern recht tüchtig werden.« -- »Das

kannst du auch wohl ohne Zeugnis.« -- Sie gingen abermals schweigend

weiter, bis sie das Haus sehen konnten; aus der Stube drang ihnen

Licht entgegen, der Berg hing jetzt am Winterabend schwarz darüber,

unten lag das Wasser mit blankem, schimmerndem Eis, der Wald stand

ohne Schnee rings um die stille Bucht, der Mond schwebte darüber und

spiegelte den Wald im Eise. -- »Hier ist es schön bei euch,« sagte der

Schulmeister. Öyvind konnte seine Heimat zuweilen mit denselben Augen

betrachten wie damals, als ihm die Mutter Märchen erzählte, oder mit

dem Blick, den er zu haben pflegte, wenn er auf dem Hügel

umherwanderte; jetzt war dies der Fall; alles lag hoch und hell da. --

»Ja, es ist schön hier,« sagte er, seufzte aber. -- »Deinem Vater hat

diese Stelle genügt, du könntest dir auch daran genügen lassen.« --

Das freundliche Aussehen der Gegend war mit einemmal verschwunden. Der

Schulmeister stand da, als erwarte er eine Antwort, er erhielt aber

keine. Er schüttelte den Kopf und ging mit ins Haus hinein. Dort saß

er eine Weile bei ihnen, schwieg aber mehr, als daß er redete, wodurch

auch die andern schweigsam wurden. Als er Abschied nahm, begleiteten

ihn Mann und Frau vor die Tür; es war, als warteten sie beide darauf,

daß er etwas sagen würde. -- Sie blieben stehn und sahen in den Abend

hinaus. -- »Es ist hier so ungewöhnlich still geworden,« sagte endlich

die Mutter, »seitdem sich die Kinder einen andern Spielplatz gesucht

haben.« -- »Ihr habt auch kein _Kind_ mehr im Hause,« sagte der

Schulmeister. Die Mutter verstand, was er meinte. -- »Öyvind ist in

der letzten Zeit nicht mehr so fröhlich,« sagte sie. -- »Ach nein, wer

ehrgeizig ist, ist nicht fröhlich!« -- Er schaute mit der Ruhe des

Greises zu Gottes stillem Himmel empor.

6

Ein halbes Jahr später, im Herbst nämlich -- die Konfirmation war bis

dahin hinausgeschoben worden --, saßen die Konfirmanden des

Kirchspiels im Leutezimmer des Pfarrhofs, um gesetzt zu werden; unter

ihnen waren auch Öyvind Pladsen und Marit von den Heidehöfen. Marit

war gerade von dem Pfarrer heruntergekommen, von dem sie ein schönes

Buch und viel Lob erhalten hatte; sie lachte und schwatzte mit ihren

Freundinnen nach allen Seiten hin und sah sich unter den Knaben um.

Marit war ein völlig erwachsnes Mädchen, leicht und frei in ihrem

ganzen Wesen, und die Knaben wie auch die Mädchen wußten, daß der

stattlichste junge Mann des Kirchspiels, Jon Hatlen, sich um sie

bewarb; sie konnte wohl fröhlich sein, wie sie so dasaß. Unten an der

Tür standen einige Mädchen und Knaben, die nicht bestanden hatten;

sie weinten, während Marit und ihre Freundinnen lachten; unter ihnen

war ein kleiner Junge, der seines Vaters Stiefel und seiner Mutter

Sonntagstuch trug. »Gott o Gott!« schluchzte er, »ich wage nicht

heimzugehn.« -- Und das ergriff alle die, die noch nicht geprüft

worden waren, mit der Macht des Mitgefühls; es entstand ein

allgemeines Schweigen. Die Angst fuhr ihnen in den Hals und in die

Augen, sie konnten nicht klar sehen und auch nicht schlucken, wozu sie

einen unaufhörlichen Drang fühlten. Einer saß da und überrechnete, was

er könnte, und obwohl er erst wenige Stunden zuvor ausgerechnet hatte,

daß er alles könne, so fand er jetzt ebenso sicher heraus, daß er

nichts konnte, nicht einmal mehr fließend lesen konnte er. Ein andrer

zählte sein Sündenregister zusammen von der Zeit an, wo er so groß

war, daß er sich daran erinnern konnte, bis jetzt, wo er hier saß, und

er fand, daß es durchaus nicht merkwürdig wäre, wenn ihn der liebe

Gott diesmal noch sitzen ließe. Ein dritter saß da und achtete auf

alle möglichen äußern Dinge; wenn die Uhr, die gerade schlagen sollte,

zum Schlagen aushübe, ehe er bis zwanzig gezählt hätte, so kam er

durch; wenn der, den er draußen auf der Diele hörte, der Knecht Lars

war, dann kam er durch; wenn der große Regentropfen, der sich langsam

draußen am Fenster herunterarbeitete, bis an die Leiste gelangte, so

kam er durch. Die letzte und entscheidende Probe sollte sein, ob er

den rechten Fuß um den linken zu schlingen vermöchte, und das war ihm

ganz unmöglich. Ein vierter wußte ganz genau, wenn er in der

biblischen Geschichte nur nach Joseph und im Katechismus nur nach der

Taufe gefragt würde, oder auch nach Saul, oder nach der Haustafel,

oder nach Jesus, oder nach den Geboten, oder -- er saß noch da und

überlegte, da wurde er gerufen. Ein fünfter hatte sich mit großer

Vorliebe auf die Bergpredigt gelegt; er hatte von der Bergpredigt

geträumt; er war fest überzeugt, daß er nach der Bergpredigt gefragt

werden würde, und er sagte sich die ganze Bergpredigt leise her; er

mußte sich draußen an die Wand des Hauses stellen, um die Bergpredigt

noch einmal zu überlesen -- da wurde er hinaufgerufen, um über die

großen und die kleinen Propheten examiniert zu werden. Ein sechster

dachte an den Pfarrer, der ein so prächtiger Mann war und seinen Vater

so gut kannte, er dachte auch an den Schulmeister, der ein so

liebevolles Gesicht hatte, und an Gott, der so barmherzig war und

schon so vielen geholfen hatte, sowohl Joseph als auch Jakob, und dann

dachte er daran, daß seine Mutter und seine Geschwister daheim säßen

und für ihn beteten, und daß das sicher helfen würde. Der siebente saß

da und leistete im stillen Verzicht auf alles das, was er hier in der

Welt hatte werden wollen. Einmal hatte er gehofft, es bis zum König zu

bringen, einmal bis zum General oder bis zum Pfarrer, jetzt war die

Zeit vorüber; aber bis zu dem Augenblick, wo er hierher gekommen war,

hatte er doch daran gedacht, zur See zu gehn und Kapitän, vielleicht

Seeräuber zu werden und ungeheure Reichtümer zu erwerben; jetzt

verzichtete er zuerst auf die Reichtümer, dann auf den Seeräuber, dann

auf den Schiffskapitän, auf den Steuermann, beim Matrosen blieb er

stehn, höchstens wollte er Bootsmann werden, ja es war möglich, daß er

überhaupt nicht zur See ginge, sondern eine dienende Stellung auf dem

Hofe seines Vaters annähme. Der achte war seiner Sache sicherer, wenn

auch nicht ganz gewiß; denn selbst der Tüchtigste war nicht ganz

sicher. Er dachte an die Kleider, in denen er eingesegnet werden

sollte, und wozu sie verwandt werden würden, wenn er nicht durchkäme.

Kam er aber durch, so sollte er zur Stadt und sich Tuchkleider machen

lassen, und wenn er wieder heimkam, am Weihnachtsfest zum Neide aller

Burschen und zum Staunen aller Dirnen tanzen. Der neunte rechnete

anders; er richtete eine Art Kontobuch mit dem lieben Gott ein, worin

er auf die eine Seite als Debet schrieb: Er soll mich durchlassen, und

auf die andre als Kredit: Dann will ich nie wieder lügen, nie wieder

klatschen, regelmäßig zur Kirche gehn, die Mädchen in Ruhe lassen und

mir auch das Fluchen abgewöhnen. Der zehnte aber dachte, wenn Ole

Hansen im vergangnen Jahre durchgekommen sei, so wäre es mehr als

Ungerechtigkeit, wenn er selbst dies Jahr nicht durchkäme, er, der

doch immer zu den Bessern in der Schule gehört hatte und außerdem aus

besserer Familie war. Neben ihm saß der elfte, der sich mit den

schrecklichsten Racheplänen trug, falls er nicht durchkäme; entweder

wollte er die Schule in Brand stecken oder aus dem Kirchspiel

weglaufen und als vernichtender Richter des Pfarrers und der ganzen

Schulkommission wiederkommen, dann aber großmütig Gnade für Recht

ergehn lassen. Zuerst wollte er bei dem Nachbarpfarrer in der

benachbarten Gemeinde in Dienst treten und dort im nächsten Jahre den

ersten Platz erringen und so antworten, daß die ganze Kirche sich

wundern sollte. Der zwölfte aber saß ganz allein unter der Uhr, die

Hände in den Hosentaschen und sah wehmütig über die Versammlung hin.

Niemand hier wußte, welche Bürde er trug, welche Verantwortung auf ihm

lastete. Daheim war eine, die es wußte, denn er war verlobt. Eine

große, langbeinige Spinne lief über den Fußboden und näherte sich

seinem Fuß; er pflegte so ein ekelhaftes Insekt totzutreten, heute

aber hob er liebevoll den Fuß auf, daß es in Frieden gehn könne, wohin

es wolle. Seine Stimme war sanft wie die eines Kollektensammlers,

seine Augen sagten unaufhörlich, daß alle Menschen gut seien, seine

Hand machte eine demütige Bewegung aus der Tasche bis zum Haar hinauf,

um es glatter zu streichen. Wenn er sich nur gnädig durch dies

gefährliche Nadelöhr hindurchwinden könnte, wollte er auf der andern

Seite schon wieder wachsen, Tabak rauchen und die Verlobung

veröffentlichen. Aber unten auf dem niedrigen Schemel, die gekreuzten

Beine unter sich gezogen, saß der unruhige dreizehnte; seine kleinen,

blitzenden Augen durchliefen das ganze Zimmer dreimal in der Sekunde,

und unter seinem dicken, struppigen Schädel wälzten sich die Gedanken

von den zwölfen in bunter Unordnung hin und her, von der gewaltigsten

Hoffnung bis zu dem zermalmendsten Zweifel, von den demütigsten

Vorsätzen bis zu den die ganze Gemeinde zerstörenden Racheplänen, und

währenddes hatte er all das noch übrige Fleisch an seinem rechten

Daumen verzehrt, machte sich nun an die Nägel und spuckte große Stücke

davon über den Fußboden.

Öyvind saß am Fenster, er war oben gewesen und hatte alle Fragen, die

ihm gestellt worden waren, beantwortet; aber der Pfarrer hat nichts

gesagt, ebensowenig der Schulmeister. Über ein halbes Jahr lang hatte

er daran gedacht, was die beiden wohl sagen würden, wenn sie

erführen, wie er gearbeitet hätte, und er fühlte sich nun sehr

enttäuscht und zugleich gekränkt. Da saß Marit, die für ungleich

geringere Anstrengungen und Kenntnisse sowohl eine Ermunterung wie

eine Belohnung erhalten hatte; gerade um in ihren Augen groß

dazustehn, hatte er gearbeitet, und jetzt erreichte sie lachend, woran

er mit so viel Entsagung gearbeitet hatte. Ihr Lachen und Scherzen

brannte ihm in der Seele; die Freiheit, mit der sie sich bewegte, tat

ihm weh. Er hatte es sorgfältig vermieden seit jenem Abend, mit ihr zu

sprechen; Jahre müssen vergehn, dachte er; aber als er sie so heiter

und überlegen dasitzen sah, fühlte er sich durch ihren Anblick zu

Boden gedrückt, und alle seine stolzen Vorsätze hingen da wie feuchtes

Laub.

Ein fröhlicher Bursch: Eine Erzählung · 第 2 / 7 段