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Ein fröhlicher Bursch
Eine Erzählung
von
Björnstjerne Björnson
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg, S.-A.
1
Öyvind hieß er, und er weinte, als er geboren wurde. Als er aber erst
aufrecht auf dem Schoße der Mutter saß, lachte er, und wenn sie des
Abends Licht anzündeten, lachte er so, daß es sang, weinte aber, als
er nicht daran durfte. -- »Aus dem Jungen muß etwas Besondres werden,«
sagte die Mutter.
Dort, wo er geboren war, ragte eine kahle Felswand empor, aber sie war
nicht sehr hoch; Föhren und Birken sahen von oben herunter, der
Faulbaum streute Blüten auf das Dach. Aber oben auf dem Dache lief ein
kleiner Bock herum, den Öyvind fütterte; er sollte dort oben bleiben,
daß er sich nicht verliefe, und Öyvind trug ihm Laub und Gras hinauf.
Eines schönen Tages sprang der Bock herunter und lief auf den Berg
hinauf; er kletterte geradeswegs in die Höhe und kam an einen Ort, wo
er noch nie zuvor gewesen war. Öyvind sah den Bock nicht mehr, als er
nach dem Abendbrot hinauskam, und dachte gleich an den Fuchs. Es lief
ihm heiß über den ganzen Körper; er sah sich um und lockte: »Kille --
kille -- kille -- Böckchen!« -- »Bä--ä--ä--ä!« sagte der Bock oben am
Bergesrand, legte den Kopf auf die Seite und sah herab.
Aber neben dem Bock lag ein kleines Mädchen auf den Knien. -- »Gehört
dir der Bock?« fragte sie. Öyvind stand da, sperrte Mund und Augen auf
und steckte beide Hände in die Kittelhose, die er trug. -- »Wer bist
du?« fragte er. -- »Ich bin Marit, Mutters Töchterchen, Vaters Fiedel,
der Kobold im Hause, Ole Nordistuens Enkelin auf den Heidehöfen. Vier
Jahre im Herbst, zwei Tage nach den Frostnächten, ich!« -- »Bist du
_die_?« sagte er und schöpfte Atem, denn er hatte nicht zu atmen
gewagt, solange sie sprach.
»Gehört der Bock dir?« fragte das Mädchen noch einmal. -- »Jawohl,«
sagte er und sah hinauf. -- »Ich möchte den Bock so gern haben --
willst du ihn mir nicht schenken?« -- »Nein, das will ich nicht.«
Sie lag da und wackelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und
dann sagte sie: »Aber wenn du einen Butterkringel für den Bock
bekommst, kann ich ihn dann bekommen?« Öyvind war armer Leute Kind, er
hatte nur einmal in seinem Leben einen Butterkringel gegessen; das
war, als der Großvater zu Besuch gekommen war, und etwas Ähnliches
hatte er nie, weder früher noch später, gegessen. Er sah zu dem
Mädchen hinauf: »Laß mich den Kringel erst einmal sehen,« sagte er.
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen, sie zeigte ihm einen großen
Kringel, den sie in der Hand hielt. -- »Hier ist er,« sagte sie und
warf ihn hinab. »Ach! er ist zerbrochen,« sagte der Junge; sorgfältig
sammelte er jeden Bissen auf; den allerkleinsten mußte er schmecken,
und der war so gut, daß er noch einen schmecken mußte, und ehe er
sichs versah, hatte er den ganzen Kringel verputzt.
»Jetzt gehört der Bock mir,« sagte das Mädchen. Dem Knaben blieb der
letzte Bissen im Munde stecken, das Mädchen lag da und lachte, der
Bock stand daneben mit weißer Brust und braunschwarzem Haar, legte den
Kopf auf die Seite und sah herüber.
»Könntest du nicht ein wenig warten?« bat der Knabe; das Herz fing ihm
an zu klopfen. Da lachte das Mädchen noch mehr und richtete sich
schnell auf den Knien auf. -- »Nein, der Bock gehört mir,« sagte sie
und schlang die Arme um seinen Hals, löste eins ihrer Strumpfbänder
und band es ihm um. Öyvind sah ihr zu. Sie erhob sich und fing an, den
Bock mit sich fortzuziehen; er wollte nicht mitgehn und reckte den
Hals zu Öyvind herunter. »Bä--ä--ä--ä!« sagte er. Sie aber griff ihm
mit der einen Hand ins Haar, zog mit der andern Hand am Bande und
sagte schmeichelnd: »Komm nur, Böckchen, bei mir darfst du in der
Stube laufen und aus Mutters Schüsseln essen und meine Schürze
fressen.« Und dann sang sie:
»Komm Böckchen zum Jungen,
Komm Kälbchen zur Kuh,
Komm Kätzchen gesprungen
In schneeweißem Schuh,
Kommt aus dem Versteck
Ihr Entlein nur keck,
Kommt Täubchen mein
Mit Federchen fein,
Kommt Küchlein in Haufen,
Ihr könnt doch schon laufen,
Naß wirds im Gras bald sein,
Warm ists im Sonnenschein.
Wie schön ists im Sommer und lind,
Im Herbst weht der Wind, kommt geschwind!«
Und da stand nun der Junge!
Seit dem Winter, wo der Bock geboren war, hatte er ihn gehütet, und er
hatte nie daran gedacht, daß er ihn verlieren könnte; aber nun war das
im Handumdrehen geschehen, und er sollte ihn nie wiedersehen.
Die Mutter kam trällernd mit Kübeln, die sie gescheuert hatte, vom
Strande herauf; sie sah den Jungen, die Beine unter sich gezogen, im
Grase sitzen und weinen und kam zu ihm heran. -- »Weshalb weinst du?«
-- »Ach, der Bock, der Bock!« -- »Ja, wo ist der Bock?« fragte die
Mutter und sah nach dem Dache hinauf. -- »Der kommt nie wieder,« sagte
der Junge. -- »Aber Kind, wie ist denn das zugegangen?« -- Er wollte
es nicht gleich gestehen. -- »Hat ihn der Fuchs geholt?« -- »Ja,
wollte Gott, es wäre der Fuchs!« -- »Bist du von Sinnen?« sagte die
Mutter, »was ist aus dem Bock geworden?« -- »Ach, ach, ach -- ich bin
zu Schaden gekommen, ich habe ihn für einen Kringel verkauft!«
In dem Augenblick, wo er das Wort heraus hatte, begriff er wohl, was
es bedeute, den Bock für einen Kringel verkauft zu haben; bisher hatte
er noch gar nicht darüber nachgedacht. Die Mutter sagte: »Was glaubst
du wohl, was der kleine Bock von dir denken muß, daß du ihn für einen
Kringel hast verkaufen können?«
Und der Junge dachte es selbst und begriff sehr wohl, daß er auf
dieser Welt nie wieder froh werden könne -- und auch wohl nicht einmal
bei Gott, dachte er dann.
So tiefen Kummer fühlte er, daß er sich selber gelobte, nie wieder
etwas Böses zu tun, weder den Faden des Spinnrockens durchzuschneiden,
noch die Schafe hinauszulassen, noch allein an die See hinabzugehn. Er
schlief ein, dort, wo er lag, und er träumte von dem Bock, und daß der
in den Himmel gekommen sei; der liebe Gott saß da mit einem großen
Bart, gerade so wie im Katechismus, und der Bock stand neben ihm und
fraß Laub von einem schimmernden Baume; Öyvind aber saß allein auf dem
Dach und konnte nicht hinaufkommen.
Da fühlte er plötzlich etwas Nasses in seinem Ohr, er fuhr in die
Höhe: »Bä--ä--ä--ä!« sagte es, und das war der Bock, der wieder
zurückgekommen war!
»Nein, bist du wiedergekommen!« -- Er sprang auf, faßte ihn bei den
Vorderbeinen und tanzte mit ihm herum, als sei er sein Bruder; er
zupfte ihn am Bart, und er wollte gerade mit ihm zur Mutter hinein,
als er etwas hinter sich hörte und das Mädchen dicht neben sich auf
dem Rasen sitzen sah. Jetzt begriff er alles. Er ließ den Bock los:
»Bist du mit ihm hergekommen?« -- Sie saß da und zupfte Gras mit der
Hand aus und sagte: »Ich durfte ihn nicht behalten; Großvater sitzt da
oben und wartet.« -- Während der Junge dastand und sie anstarrte,
hörte er eine scharfe Stimme oben vom Wege her rufen: »Nun?« Da fiel
ihr ein, was sie tun sollte; sie stand auf, ging zu Öyvind hin,
steckte ihre mit Erde beschmutzte Hand in die seine, wandte sich ab
und sagte: »Verzeih mir!« Aber dann war es auch aus mit ihrem Mut, sie
warf sich über den Bock und weinte.
»Ich meine, du solltest den Bock doch behalten,« sagte Öyvind und sah
weg.
»Beeile dich jetzt!« sagte der Großvater oben auf dem Berge. Und Marit
stand auf und ging schleppenden Schrittes den Berg hinan. -- »Du
vergißt ja dein Strumpfband,« rief ihr Öyvind nach. Da wandte sie sich
um und sah erst das Strumpfband an und dann ihn. Endlich faßte sie
einen großen Entschluß und sagte mit erstickter Stimme weinend: »Das
kannst du behalten.« -- Er lief ihr nach und ergriff ihre Hand. --
»Ich bedanke mich vielmals!« sagte er. -- »Ach, keine Ursache zu
danken!« entgegnete sie, seufzte tief auf und ging weiter.
Er setzte sich wieder ins Gras nieder, der Bock graste neben ihm, aber
er hatte ihn nicht mehr so lieb wie vorher.
2
Der Bock war an der Wand des Hauses angebunden, Öyvind aber stand da
und schaute zu dem Berge empor. Die Mutter kam zu ihm heraus und
setzte sich zu ihm; er wollte Märchen über das hören, was weit weg
war, denn jetzt war ihm der Bock nicht mehr genug. Da hörte er denn,
daß einstmals alles sprechen konnte: der Berg sprach mit dem Bach, und
der Bach mit dem Strom, und der Strom mit dem Meere, und das Meer mit
dem Himmel; dann aber fragte er, ob denn der Himmel mit niemand
spräche; ja, der Himmel spräche mit den Wolken, und die Wolken mit den
Bäumen, und die Bäume mit dem Grase, und das Gras mit den Fliegen, und
die Fliegen mit den Tieren, und die Tiere mit den Kindern, die Kinder
mit den Erwachsenen; und so ging es weiter, bis es rundherum ging, und
niemand wußte, wer begonnen hatte. Öyvind sah den Berg an und die
Bäume und die See und den Himmel und hatte das alles eigentlich bisher
noch niemals gesehen. In diesem Augenblick kam die Katze heraus und
legte sich auf die steinerne Schwelle in die Sonne. -- »Was sagt die
Katze?« fragte Öyvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang:
»Die Katze liegt im Sonnenschein,
Der abends sieht zur Tür herein:
Ein Mäusepärlein kam
Und naschte von dem Rahm,
Vier Stück Fisch,
Die stahl ich mir vom Tisch,
Und bin so rund und satt,
Und bin so faul und matt!
Sagte die Katze.«
Aber der Hahn und alle Hühner kamen. -- »Was sagt der Hahn?« fragte
Öyvind und klatschte in die Hände. Die Mutter sang:
»Gluckhenne ihre Flügel senkt,
Hahn steht auf einem Bein und denkt:
Die graue Gans seht bloß,
Dünkt sich wer weiß wie groß,
Doch ob sie haben kann
Verstand so wie ein Hahn?
Nun flink, ihr Hennen, soll ich euch jagen?
Unters Dach! Gute Nacht mag die Sonne jetzt sagen.
Sagte der Hahn.«
Aber oben auf dem Dachfirst saßen zwei kleine Vögel und sangen. --
»Was sagen die Vögel?« fragte Öyvind und lachte.
»Herr Gott, wie ist es gut zu leben
Für den, der nicht braucht zu schaffen und streben!
Sagten die Vöglein.«
Und er erfuhr, was sie alle miteinander sprachen bis hinab zur Ameise,
die durch das Moor kroch, und dem Wurm, der in der Borke pickte.
In demselben Sommer begann die Mutter, ihn lesen zu lehren. Bücher
hatte er schon lange gehabt, und er hatte viel darüber nachgedacht,
wie es wohl zugehn würde, wenn auch sie zu sprechen anfingen. Nun
wurden die Buchstaben zu Tieren, Vögeln und zu allem, was da kreucht
und fleugt. Bald aber fingen sie an, zusammen zu gehen, immer zu
zweien; =A= blieb stehn und ruhte unter einem Baume aus, der =B= hieß,
dann kam =C= und tat dasselbe; als sie aber zu dreien und vieren
zusammenkamen, da war es, als wenn sie böse aufeinander würden; es
wollte nicht recht gehn. Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er,
was sie waren; am längsten dachte er an das =A=, das er am liebsten
hatte; es war ein kleines, schwarzes Lämmchen und war gut Freund mit
allen. Bald aber vergaß er auch das =A=, das Buch enthielt kein
Märchen, nur Aufgaben.
Da geschah es eines Tages, daß die Mutter zu ihm hereinkam und sagte:
»Morgen fängt die Schule wieder an, du sollst mit mir nach dem Hofe
gehn.« Öyvind hatte gehört, daß die Schule ein Ort sei, wo viele
Knaben spielten, und dagegen hatte er nichts einzuwenden. Er war sehr
vergnügt; auf dem Hofe war er oft gewesen, allerdings nie, wenn Schule
war, und so schritt er denn schneller als die Mutter die Hügel hinan,
von Sehnsucht erfüllt. Sie kamen an die Altenteilerwohnung; ein
entsetzliches Geräusch, wie bei der Mühle daheim, schallte ihnen
entgegen, und er fragte die Mutter, was das sei. -- »Das sind die
Kinder, die lesen,« antwortete sie, und darüber war er sehr erfreut,
denn geradeso hatte er auch gelesen, ehe er die Buchstaben kannte. Als
er hineinkam, saßen da so viele Kinder um einen Tisch herum, daß in
der Kirche nicht mehr waren; andre saßen auf ihren Eßbütten an den
Wänden entlang, einige umstanden in einem kleinen Haufen eine Tafel.
Der Schulmeister, ein alter, grauhaariger Mann, saß auf einem Schemel
am Herde und stopfte sich eine Pfeife. Als Öyvind und die Mutter
eintraten, sahen alle auf, und das Mühlradgeklapper hielt inne,
geradeso wie wenn der Bach gestaut wird. Alle sahen die Eintretenden
an, die Mutter begrüßte den Schulmeister, der den Gruß erwiderte.
»Hier komme ich mit einem kleinen Jungen, der gern lesen lernen
möchte,« sagte die Mutter. -- »Wie heißt der kleine Schelm?« fragte
der Schulmeister und wühlte nach Tabak in dem ledernen Beutel.
»Öyvind!« sagte die Mutter, »er kennt die Buchstaben, und er kann sie
zusammenfügen.« -- »Sieh nur an!« sagte der Schulmeister; »komm einmal
her, du Flachskopf!« -- Öyvind ging zu ihm hin, der Schulmeister
setzte ihn auf seinen Schoß und nahm ihm die Mütze ab. -- »Was für ein
hübscher kleiner Junge!« sagte er und strich ihm über das Haar. Öyvind
sah ihm in die Augen und lachte. -- »Lachst du über mich?« Er runzelte
die Brauen. -- »Ja, das tue ich!« antwortete Öyvind und lachte aus
vollem Halse. Da lachte auch der Schulmeister, die Mutter lachte, die
Kinder merkten auch, daß sie lachen dürften, und so lachten sie dann
alle zusammen.
Damit war Öyvind in die Schule aufgenommen.
Als er sich hinsetzen sollte, wollten sie ihm alle Platz machen. Er
sah sich auch lange um; sie flüsterten und sie zeigten, er drehte sich
nach allen Seiten um, die Mütze in der Hand, das Buch unterm Arm. --
»Nun, wirds bald?« fragte der Schulmeister, der sich wieder mit seiner
Pfeife beschäftigte. Als er sich nach dem Schulmeister umwenden
wollte, sah er dicht neben sich am Herde auf einer kleinen rot
angestrichnen Eßbütte Marit mit den vielen Namen sitzen; sie hatte das
Gesicht hinter beiden Händen verborgen und saß da und guckte zu ihm
hinüber. -- »Hier will ich sitzen,« sagte Öyvind schnell, nahm eine
Eßbütte und setzte sich neben sie. Jetzt erhob sie den Arm, der ihm
zunächst war, ein wenig und sah ihn unter dem Ellenbogen weg an;
sofort bedeckte auch er sein Gesicht mit beiden Händen und sah sie
unter dem Ellenbogen weg an. So saßen sie und stellten sich an, bis
sie lachte, da lachte auch er. Die Kinder hatten das gesehen und
lachten mit. Da aber fuhr eine fürchterlich starke Stimme, die jedoch
allmählich milder wurde, dazwischen: »Still, ihr Kobolde, ihr
Krabbenzeug, ihr Nichtsnutze! Still, und seid hübsch artig gegen mich,
ihr Zuckerferkelchen!« -- Das war der Schulmeister, der die Gewohnheit
hatte, aufzubrausen, aber wieder gut zu werden, ehe er fertig war.
Sogleich wurde es ruhig in der Schule, bis sich die Pfeffermühlen von
neuem in Bewegung setzten. Sie lasen jedes laut in seinem Buche, die
feinsten Diskante spielten auf, die gröbern Stimmen trommelten lauter
und lauter, um das Übergewicht zu haben, und zuweilen jodelte auch
wohl einer dazwischen; Öyvind hatte sein ganzes Leben lang keine
solche Kurzweil gehabt.
»Ist es hier immer so?« flüsterte er Marit zu. -- »Ja, so ist es hier
immer,« sagte sie.
Nach einer Weile mußten sie zum Schulmeister kommen und lesen; ein
kleiner Junge wurde dann angestellt, mit ihnen zu lesen, und dann
waren sie frei und durften wieder gehn und sich ruhig hinsetzen.
»Nun habe ich auch einen Bock bekommen,« sagte sie. -- »Wirklich?« --
»Ja, aber so schön wie deiner ist er nicht.« -- »Weshalb bist du nicht
öfter auf den Berg gekommen?« -- »Großvater fürchtet, daß ich
hinunterfallen könnte.« -- »Aber es ist ja nicht so hoch.« --
»Großvater will es aber doch nicht.«
»Mutter kann so viele Lieder,« erzählte er. -- »Du kannst mir glauben,
Großvater kann auch welche!« -- »Ja, aber nicht davon, was Mutter
weiß.« -- »Großvater kann eins vom Tanzen, er. Willst du es hören?« --
»Ja, gern!« -- »Aber dann mußt du näher hierherkommen, daß es der
Schulmeister nicht merkt.« -- Er rückte zu ihr heran, und dann sagte
sie ihm ein Bruchstück eines Liedes vier bis fünfmal vor, so daß der
Knabe es lernte, und das war das erste, was er in der Schule lernte.
»Zum Tanz! rief die Fiedel.
Die Saiten erklangen,
Der Bursch voll Verlangen
Sprang auf und rief: ho!
Halt an! sagte Ola.
Den Schulzen stieß um er,
Hinflog mit Gebrumm der,
Sie lachten nur so!
Hinauf! sagte Erik,
Die Absätze dröhnten
Am Balken, es stöhnten
Die Wände beim Sprung.
Hör auf! sagte Erling
Und packt' ihn beim Kragen,
Hinaus ihn zu jagen:
Noch bist du zu jung!
Nun fix, sagte Rasmus,
Nahm Randi ums Mieder:
Den Kuß gib mir wieder,
Du weißt! Sei gescheit!
Wird nix! lachte Randi,
Eins hinter die Ohren
Gebührt solchen Toren,
Nun weißt du Bescheid!«
»Auf, Kinder!« rief der Schulmeister; »heute ist der erste Schultag,
da will ich euch früher freigeben; vorher aber müssen wir noch beten
und singen!« Das gab ein Leben in der Schule, sie sprangen von den
Bänken, sprangen durch das Zimmer, schwatzten alle durcheinander. --
»Still, ihr Teufelsbrut, ihr jungen Elstern, ihr Takelzeug! Stille!
Und geht fein säuberlich durch das Zimmer, Kinderchen!« sagte der
Schulmeister, und sie gingen ruhig hin und stellten sich auf, worauf
der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach. Dann
sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit kräftigem Baß an, alle Kinder
standen mit gefalteten Händen da und sangen mit, Öyvind stand zu
unterst neben der Tür mit Marit zusammen und sah zu; auch sie falteten
die Hände, aber sie konnten nicht singen.
Das war der erste Tag in der Schule.
3
Öyvind wuchs heran und wurde ein muntrer Junge. In der Schule war er
einer der ersten, und daheim war er zu jeder Arbeit geschickt. Das kam
daher, daß er daheim die Mutter liebhatte und in der Schule den
Schulmeister; von dem Vater sah er nur wenig, denn entweder war dieser
auf dem Fischfang, oder er besorgte ihre Mühle, in der das halbe
Kirchspiel mahlen ließ.
Was in diesen Jahren am meisten auf sein Gemüt eingewirkt hatte, war
die Geschichte des Schulmeisters, die ihm die Mutter eines Abends, als
sie am Herde saßen, erzählt hatte. Sie senkte sich in seine Bücher
hinab, sie lag jedem Wort zugrunde, das der Schulmeister sagte, und
schlich in der Schule umher, wenn alles still war. Sie flößte ihm
Gehorsam und Ehrfurcht ein und verlieh ihm gleichsam ein leichteres
Verständnis für alles, was gelehrt wurde. Die Geschichte lautete
folgendermaßen:
Baard hieß der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der Anders
hieß. Sie hatten sich sehr lieb, ließen sich beide anwerben, lebten in
der Stadt zusammen, zogen mit in den Krieg, wo sie beide zu Korporalen
befördert wurden und beide bei derselben Kompagnie standen. Als sie
nach dem Kriege wieder heimkehrten, fanden alle, daß es zwei
stattliche Männer seien. Da stirbt ihr Vater; er hatte viel Hab und
Gut, das schwer zu teilen war, und deswegen sagten sie zueinander, daß
sie auch diesmal nicht uneins werden, sondern eine Auktion ansetzen
wollten, wo jeder kaufen könnte, was er wollte, und dann wollten sie
den Erlös teilen. Gesagt, getan! Aber der Vater hatte eine große
goldne Uhr gehabt, die weit und breit berühmt war, denn es war die
einzige goldne Uhr, die die Leute in dieser Gegend jemals gesehen
hatten, und als diese Uhr ausgerufen wurde, wollten viele reiche
Männer sie haben, bis auch beide Brüder zu bieten anfingen; darauf
ließen die andern nach. Jetzt erwartete Baard von Anders, daß er ihm
die Uhr überlassen würde, und Anders erwartete dasselbe von Baard; sie
boten jeder einmal, um einander auf die Probe zu stellen, und sahen
zueinander hinüber, während sie boten. Als die Uhr auf zwanzig Taler
gekommen war, dachte Baard, daß das nicht schön gehandelt sei von dem
Bruder, und fuhr fort zu bieten, bis er die Uhr ungefähr auf dreißig
hinaufgetrieben hatte; als Anders noch nicht nachließ, meinte Baard,
Anders wisse nicht mehr, wie gut er oft gegen ihn gewesen wäre, und
daß er außerdem der älteste sei, und so kam die Uhr höher als auf
dreißig Taler. Anders bot noch immer. Da bot Baard vierzig Taler auf
einmal und sah den Bruder nicht mehr an; es war sehr still im
Auktionszimmer, nur der Schulze wiederholte ruhig die Summe. Anders
dachte, wie er so dastand, daß, wenn Baard die Mittel habe, vierzig
Taler zu geben, er sie auch wohl habe, und wenn Baard ihm die Uhr
nicht gönne, so wäre er im Rechte, sie zu nehmen; er überbot ihn also.
Dies erschien Baard wie die größte Schande, die ihm je zugefügt worden
war; er bot fünfzig Taler, und zwar ganz leise. Viele Leute standen
ringsumher, und Anders dachte, so sollte ihn der Bruder nicht vor
aller Ohren verhöhnen, und überbot ihn. Da lachte Baard: »Hundert
Taler und meine Bruderschaft mit in den Kauf,« wandte sich ab und ging
zur Stube hinaus. Nach einer Weile, während er damit beschäftigt war,
das eben erstandne Pferd zu satteln, kam jemand zu ihm heraus. »Die
Uhr ist dein,« sagte der Mann; »Anders hat nachgegeben.« -- In
demselben Augenblick, wo Baard dies erfuhr, durchzuckte es ihn wie
Reue; er dachte an den Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war
aufgelegt, aber er hielt inne, die Hand auf dem Rücken des Pferdes,
unsicher, ob er reiten solle. Da kamen viele Leute heraus, unter ihnen
Anders, und wie er den Bruder neben dem gesattelten Pferde stehn sah
-- er wußte ja nicht, worüber Baard jetzt nachdachte --, schrie er zu
ihm hinüber: »Hab Dank für die Uhr, Baard, du sollst sie an dem Tage
nicht gehn sehen, wo dein Bruder dir in den Weg tritt!« -- »Auch an
dem Tage nicht, wo ich wieder auf den Hof reite!« entgegnete Baard,
kreideweiß im Gesicht, und schwang sich auf sein Pferd. Das Haus, wo
sie zusammen mit dem Vater gewohnt hatten, betrat keiner von ihnen
wieder.
Bald darauf heiratete Anders in eine Käte hinein, aber er bat Baard
nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht in der Kirche. In dem ersten
Jahre nach Andersens Verheiratung wurde die einzige Kuh, die er hatte,
an der Nordseite seines Hauses, wo sie angepflöckt geweidet hatte, tot
aufgefunden, und niemand wußte, woran sie gestorben war. Mehrere
Unglücksfälle kamen hinzu, und es ging zurück mit ihm; am schlimmsten
aber wurde es, als seine Scheune mitten im Winter abbrannte mit allem,
was darin war; niemand wußte, wie das Feuer entstanden war. »Das hat
jemand getan, der mir übel will,« sagte Anders, und in dieser Nacht
weinte er. Er war ein armer Mann geworden und verlor alle Lust zur
Arbeit.
Da stand Baard am nächsten Tage in seiner Stube. Anders lag auf dem
Bett, als er eintrat, sprang aber auf. -- »Was willst du hier?« fragte
er, schwieg dann aber und blieb stehn und starrte den Bruder
unverwandt an. Baard wartete eine Weile, ehe er antwortete: »Ich will
dir meine Hilfe anbieten, Anders; es geht dir nicht gut.« -- »Mir geht
es so, wie du es mir gewünscht hast, Baard! Geh, oder ich weiß nicht,
ob ich mich beherrschen kann.« -- »Du irrst, Anders; ich bereue --.«
-- »Geh, Baard, oder Gott sei dir und mir gnädig.« -- Baard trat ein
paar Schritte zurück; mit bebender Stimme sagte er: »Wenn du die Uhr
haben willst, so sollst du sie bekommen!« -- »Geh, Baard!« schrie der
andre, und Baard wagte nicht länger zu bleiben, sondern ging.
Mit Baard aber war es so zugegangen. Sobald er hörte, daß der Bruder
Not leide, taute ihm das Herz auf, aber der Stolz hielt ihn zurück. Er
empfand das Bedürfnis, zur Kirche zu gehn, und dort faßte er gute
Vorsätze, allein er brachte sie nicht zur Ausführung. Oft kam er so
weit, daß er das Haus sehen konnte, bald aber kam jemand aus der Tür,
bald war ein Fremder dort, oder auch Anders stand draußen und hackte
Holz, genug, es war immer irgend etwas im Wege. Aber eines Sonntags zu
Ende des Winters war er wieder in der Kirche, und da war Anders auch
dort. Baard sah ihn; er war blaß und mager geworden, er trug noch
dieselben Kleider wie früher, als sie noch zusammen gewesen waren,
aber sie waren jetzt alt und geflickt. Während der Predigt sah er zum
Pfarrer hinauf, und Baard erschien es, als sähe er gut und sanft aus,
er gedachte ihrer Kinderjahre und was für ein guter Junge er gewesen
war. Baard selber ging an jenem Tage zum Abendmahl, und er legte
seinem Gott das feierliche Gelübde ab, daß er sich mit seinem Bruder
versöhnen wolle, es möchte kommen, was da wollte. Dieser Vorsatz ging
in dem Augenblick durch seine Seele, als er den Wein trank, und als er
sich erhob, wollte er geradeswegs zu ihm hingehn und sich neben ihn
setzen; aber es saß jemand im Wege, und der Bruder sah nicht auf. Auch
nach der Predigt war wieder etwas im Wege; da waren zu viel Leute, die
Frau ging neben ihm, und die kannte er nicht -- er meinte, es sei das
beste, zu ihm ins Haus zu gehn und ernstlich mit ihm zu reden. Als der
Abend kam, tat er das. Er ging auf die Stubentür zu und lauschte; da
aber hörte er seinen Namen nennen, und zwar von der Frau: »Er ging
heute zum Abendmahl,« sagte sie; »er hat gewiß an dich gedacht.« --
»Nein, er hat nicht an mich gedacht,« sagte Anders. »Ich kenne ihn; er
denkt nur an sich.«
Dann wurde nichts mehr gesagt. Baard schwitzte, wo er stand, obwohl es
ein kalter Abend war. Die Frau drinnen war an einem Kessel
beschäftigt, der auf dem Feuer brodelte und prasselte, ein Säugling
weinte von Zeit zu Zeit, und Anders wiegte. Da sagte sie die wenigen
Worte: »Ich glaube, ihr denkt beide aneinander, ohne es eingestehn zu
wollen.« -- »Laß uns von etwas anderm sprechen,« erwiderte Anders.
Nach einer Weile erhob er sich, er wollte auf die Tür zugehn. Baard
mußte sich im Holzschuppen verbergen; aber gerade dahin kam auch
Anders, um einen Arm voll Holz hereinzuholen. Baard stand in der Ecke
und sah ihn deutlich; er hatte seine schlechten Sonntagskleider
ausgezogen und trug die Uniform, die er aus dem Kriege mit nach Hause
gebracht hatte, dieselbe wie Baard seine; er hatte dem Bruder
versprochen, sie nie zu berühren, sondern sie ihm zu vererben, wie ihm
auch dieser das gleiche gelobt hatte. Die von Anders war jetzt
geflickt und abgetragen, sein kräftiger, wohlgewachsner Körper steckte
wie in einem Bündel Lumpen, und zugleich hörte Baard die goldne Uhr in
seiner eignen Tasche picken. Anders ging dahin, wo das Reisig lag;
aber statt sich gleich zu bücken und sich zu beladen, blieb er stehn,
lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Holzstapel und sah zum Himmel
auf, an dem die Sterne hell flimmerten. Dann seufzte er tief auf und
sagte: »Ja -- ja -- ja; Herr Gott, Herr Gott!«
Solange Baard lebte, hörte er fortan diese Worte. Er wollte auf ihn
zugehn, aber in demselben Augenblick räusperte sich der Bruder, und
das klang so hart -- mehr gehörte nicht dazu, ihn zurückzuhalten.
Anders nahm seinen Arm voll Holz auf und streifte so dicht damit an
Baard vorüber, daß ihm die Reiser ins Gesicht schlugen, daß es
schmerzte.
Wohl zehn Minuten lang stand er noch regungslos auf demselben Fleck,
und man kann nicht wissen, wann er gegangen wäre, wenn ihn nicht nach
der starken Erregung ein solcher Frost befallen hätte, daß es ihn
durchschauerte. Da ging er hinaus; er gestand sich ganz offen, daß er
zu feige sei, hineinzugehn; deswegen hatte er jetzt einen andern Plan
ersonnen. Aus einer Aschbütte, die in der Ecke stand, die er soeben
verlassen hatte, nahm er ein paar Kohlen, suchte sich einen Kienspan,
ging in die Scheune hinein, schloß hinter sich und schlug Feuer. Als
er den Kienspan angezündet hatte, leuchtete er in die Höhe nach dem
Nagel, an den Anders seine Laterne hängte, wenn er in der Frühe des
Morgens kam, um zu dreschen. Baard zog seine goldne Uhr heraus und
hängte sie an den Nagel, löschte den Kienspan aus und ging, und da
fühlte er sich so erleichtert, daß er wie ein junger Bursche über den
Schnee dahinlief.
Am nächsten Tage hörte er, daß die Scheune in der Nacht abgebrannt
sei. Wahrscheinlich waren Funken von dem Kienspan heruntergefallen,
der ihm leuchten sollte, während er die Uhr anhängte.
Dies überwältigte ihn dermaßen, daß er den ganzen Tag wie ein Kranker
dasaß, sein Gesangbuch hervorholte und sang, so daß die Leute im Hause
glaubten, es sei nicht ganz richtig mit ihm. Am Abend aber ging er
aus; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöfte des Bruders,
grub auf der Brandstätte nach -- und fand wirklich einen kleinen,
zusammengeschmolznen Goldklumpen; das war die Uhr.
Damit in der Hand ging er an jenem Abend zum Bruder, bat um Frieden
und wollte sich erklären. Wie es aber ging, ist schon erzählt worden.
Ein kleines Mädchen hatte ihn auf der Brandstätte graben sehen, ein
paar Burschen, die zum Tanze gingen, hatten ihn am vorhergehenden
Sonntagabend auf das Gehöft zugehn sehen. Die Leute im Hause
erzählten, wie sonderbar er am Montag gewesen wäre, und da nun alle
wußten, daß er und der Bruder bittere Feinde waren, so wurde die Sache
bei Gericht angemeldet und ein Verhör vorgenommen.
Niemand konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht ruhte auf ihm; er
konnte sich jetzt weniger denn je dem Bruder nähern.
Anders hatte an Baard gedacht, als die Scheune brannte, hatte es aber
zu niemand gesagt. Als er ihn am nächsten Abend bleich und verstört in
sein Zimmer eintreten sah, dachte er sofort: Jetzt schlägt ihm sein
Gewissen, aber für eine so schreckliche Tat gegen seinen eignen Bruder
erhält er keine Vergebung. Später hörte er denn auch, daß die Leute
ihn an demselben Abend, als es brannte, auf das Gehöft hatten zugehn
sehen, und obwohl beim Verhör nichts nachgewiesen wurde, glaubte er
steif und fest, daß Baard der Missetäter sei. Sie trafen einander beim
Verhör; Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten;
Baard sah zu ihm hinüber, als er eintrat, und die Augen flehten, daß
es Anders bis ins Herz hinein fühlte. Er will nicht, daß ich etwas
sagen soll, dachte Anders, und als man ihn fragte, ob er dem Bruder
die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: »Nein!«
Aber seit jenem Tage ergab sich Anders dem Trunke, und es ging ihm
sehr schlecht. Noch schlechter erging es jedoch Baard, obwohl der
nicht trank; er war nicht wiederzuerkennen.
Da kam eines Abends spät eine arme Frau in die kleine Kammer, in der
Baard zur Miete wohnte, und bat ihn, mit ihr zu kommen. Er erkannte
sie; es war die Frau des Bruders. Baard wußte sofort, was sie zu ihm
führe; er wurde leichenblaß, kleidete sich an und folgte ihr, ohne ein
Wort zu sagen. Aus Andersens Fenster schimmerte ein schwacher
Lichtschein, er blitzte und verschwand, und sie folgten dem Licht,
denn es führte kein Weg über den Schnee. Als Baard wieder in der Flur
stand, drang ihm ein wunderlicher Geruch entgegen, so daß ihm ganz
schlecht wurde. Ein kleines Kind stand am Herd und aß Kohlen, es war
über das ganze Gesicht schwarz, sah aber auf und lachte mit weißen
Zähnen; es war das Kind des Bruders. Aber hinten im Bette, mit
allerlei Kleidungsstücken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit
klarer, hoher Stirn und sah den Bruder hohläugig an. Baard
schlotterten die Knie, er setzte sich an das Fußende des Bettes und
brach in heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und
schwieg. Endlich hieß er die Frau hinausgehn, Baard aber winkte, daß
sie bleiben solle -- und nun fingen diese beiden Brüder an,
miteinander zu reden. Sie erklärten sich alles, von dem Tage an, wo
sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu dem heutigen, wo sie sich
wiedersahen. Baard schloß damit, daß er den Goldklumpen hervorzog, den
er immer bei sich trug, und jetzt wurde es den Brüdern klar, daß sie
sich alle diese Jahre lang nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt
hatten.
Anders sagte nicht viel, denn er war nicht dazu imstande; Baard aber
blieb am Bette sitzen, solange Anders krank war. -- »Jetzt bin ich
wieder ganz gesund,« sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte;
»jetzt, mein Bruder, wollen wir lange zusammenleben und nie wieder
voneinandergehn, wie in den alten Zeiten.« Aber an dem Tage starb er.
Die Frau und das Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es gut seit
der Zeit. Worüber sich aber die Brüder am Krankenbett unterhalten
hatten, das drang durch die Wände und die Nacht hinaus, es wurde allen
Leuten im Kirchspiel bekannt, und Baard wurde der geachtetste Mann
unter ihnen. Alle grüßten ihn wie jemand, der ein schweres Leid gehabt
und wieder Freude gefunden hat, oder wie jemand, der sehr lange fern
gewesen ist. Baards Gemüt wurde stark infolge der Freundlichkeit, mit
der man ihm entgegenkam, er wurde gottergeben -- und er wolle etwas zu
tun haben, sagte er, so entschloß sich der alte Korporal, Schulmeister
zu werden. Was er den Kindern von früh bis spät einprägte, war die
Liebe, und er selbst übte sie, so daß die Kleinen ihn liebten wie
einen Spielkameraden und Vater zugleich.
Und diese Geschichte, die vom alten Schulmeister erzählt wurde, machte
einen solchen Eindruck auf Öyvinds Gemüt, daß sie ihm zur Religion und
Erziehung wurde. Der Schulmeister war für ihn ein fast übernatürlicher
Mensch geworden, obgleich er so umgänglich dasaß und nur wenig schalt.
Auch nur eine einzige Aufgabe nicht zu wissen, war ihm unmöglich, und
lächelte er ihm zu, oder strich er ihm mit der Hand über das Haar,
wenn er sie aufgesagt hatte, da war ihm den ganzen Tag froh und warm
ums Herz.
Den größten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der
Schulmeister ihnen zuweilen vor dem Gesang eine kleine Rede hielt und
ihnen wenigstens einmal in der Woche ein paar Verse vorlas, die von
der Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten von diesen Versen las,
zitterte seine Stimme, obwohl er ihn jetzt schon seit zwanzig bis
dreißig Jahren gelesen hatte; er lautete:
Seinen Nächsten man lieben muß!
Niemals tritt ihn unter den Fuß,
Läge er auch im Staube.
Alles, was lebt, ist untertan
Göttlicher Liebe! Sieh nur hinan,
Liebe gibt dir dein Glaube.
Wenn aber dann das ganze Gedicht hergesagt war und er eine Weile
dagestanden hatte, sah er sie an und blinzelte mit den Augen: »Auf,
ihr kleinen Kobolde, und geht hübsch ohne Lärm nach Hause; geht hübsch
artig, daß ich nur Gutes von euch zu hören bekomme, Kinderchen!« --
Während sie dann wie besessen lärmten, um ihre Bücher und Eßbütten
zusammenzusuchen, schrie er in den Lärm hinein: »Kommt morgen wieder,
sobald es hell wird, oder ich hole euch und mache euch Beine! -- Kommt
ja zur rechten Zeit, ihr kleinen Mädchen und Jungen, dann wollen wir
fleißig sein!«
4
Über sein weiteres Heranwachsen bis zu dem Jahre vor seiner
Konfirmation ist nicht viel zu berichten. Er lernte am Morgen,
arbeitete am Tage und spielte am Abend. Da er einen ungewöhnlich
fröhlichen Sinn hatte, währte es nicht lange, bis die in der Nähe
wohnende Jugend sich in den Freistunden dort einzufinden pflegte, wo
er war. Ein großer Hügel zog sich bis an die Bucht hinab, davor lag
auf der einen Seite das Haus an der Bergwand, und der Wald auf der
andern, wie schon berichtet worden ist, und den ganzen Winter war hier
an jedem schönen Abend und des Sonntags Eisbahn für die
schlittenfahrende Jugend des Kirchspiels. Öyvind war Meister auf der
Schlittenbahn, er hatte zwei Schlitten, den »Scharftraber« und das
»Ungetüm«; diesen lieh er größern Gesellschaften, den andern lenkte er
selbst und hatte dabei Marit auf dem Schoß.
Das erste, was Öyvind in der Zeit tat, war auszugucken, wenn er
aufwachte, ob Tauwetter war, und sah er, daß es jenseits der Bucht
grau über den Büschen hing, oder hörte er, daß es vom Dache
heruntertropfte, da ging es so langsam mit dem Ankleiden, als sei an
diesem Tage nichts zu tun. Erwachte er aber, und namentlich des
Sonntags, bei knarrendem Frost und klarem Wetter, hatte er die besten
Kleider und keine Arbeit vor sich, nur Überhören und Kirchgang am
Vormittag und dann den ganzen Nachmittag und den Abend frei -- juchhe!
da sprang der Junge mit einem Satz aus dem Bette, kleidete sich an,
als brenne das Haus, und konnte kaum essen. Sobald der Nachmittag da
war und der erste Junge am Wegesrande entlang auf seinen Skien
dahergesaust kam, den Skistab über dem Kopf schwang und rief, daß es
an den Bergabhängen um das Wasser widerhallte, und dann einer den Weg
entlang auf dem Schlitten, und noch einer und noch einer -- da machte
sich der Junge mit dem »Scharftraber« auf, lief den ganzen Hügel hinan
und machte mit langem, gellendem Jodeln, das an der Bucht entlang von
Berg zu Berg schallte und erst ganz in der Ferne erstarb, zwischen den
zuletzt Angekommnen halt.
Er pflegte sich dann nach Marit umzusehen; war sie aber erst gekommen,
so kümmerte er sich auch nicht mehr um sie.
Aber dann kam ein Weihnachtsfest, wo der Knabe wie auch das Mädchen
ungefähr sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein mochten und zum
Frühling konfirmiert werden sollten. Am vierten Tage nach Weihnachten
war ein großes Fest auf dem obersten der Heidehöfe bei Marits
Großeltern, bei denen sie erzogen worden war, und die ihr dies fast
nun schon seit drei Jahren versprochen hatten, jetzt aber endlich an
diesem Feiertage damit herausrücken mußten.
Dazu war Öyvind eingeladen worden.
Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend, kein Stern war zu sehen, am
nächsten Tage mußte Regen kommen. Ein lauer Wind wehte über den
Schnee, der hie und da von den weißen Heidefeldern weggefegt und an
andern Stellen zu langen Schanzen zusammengetrieben war. Am Wege
entlang war, wo kein Schnee lag, Glatteis, und das lag blauschwarz
zwischen dem Schnee und dem nackten Felde und blitzte streckenweise
auf, soweit man sehen konnte. An den Felswänden waren Schneelawinen
niedergegangen; sie hatten Dunkelheit und Leere hinterlassen, aber zu
beiden Seiten ihres Bettes war es hell und schneebekleidet,
ausgenommen dort, wo sich die Birkenwälder zusammendrängten und es
dunkel machten. Das Wasser war nicht zu sehen, aber halbnackte
Heideflächen und Sümpfe lagen unten an den Felswänden hinauf,
zerklüftet und schwer. Die Gehöfte lagen in dichtgedrängten Haufen
mitten auf der Fläche; sie sahen in der Dunkelheit des Winterabends
aus wie schwarze Klumpen, von denen sich Licht über das Feld ergoß,
bald aus diesem, bald aus jenem Fenster. Nach den Lichtern zu
urteilen, mußte es da drinnen geschäftig hergehn. Die Jugend, die
erwachsne wie die halberwachsne, scharte sich von verschiednen Seiten
her zusammen; die wenigsten gingen auf dem Wege, oder sie verließen
ihn doch, sobald sie sich dem Gehöfte näherten, und schlichen sich
dann weiter, einer hinter das Viehhaus, ein paar unter das
Vorratshaus, etliche krochen hinter die Scheune und schrien wie
Füchse, andre antworteten aus der Entfernung wie Katzen, einer stand
hinter dem Backofen und bellte wie ein alter, bissiger Hund, dem die
Quinte gesprungen ist, bis eine allgemeine Jagd angestellt wurde. Die
Mädchen kamen in großen Scharen daher, sie hatten einige Burschen, in
der Regel kleine Jungen, bei sich, die sich auf den Wegen um sie
prügelten, um als Männer zu erscheinen. Wenn so ein Mädchenschwarm auf
den Hof kam und der eine oder der andre der erwachsnen Burschen ihrer
ansichtig wurde, stoben die Mädchen auseinander, flohen in die Gänge
oder in den Garten hinab und mußten eine nach der andern hervorgeholt
und ins Haus gezogen werden. Einige waren so verschämt, daß man Marit
holen lassen mußte, daß sie sie kräftig hereinnötigte. Zuweilen kam
auch wohl eine, die eigentlich gar nicht eingeladen war, und deren
Absicht es durchaus nicht war, hineinzugehen, sondern die nur zusehen
wollte, aber das Ende von der Sache war dann, daß sie doch wenigstens
einen Tanz mitmachen sollte. Die, die Marit gern hatte, lud sie ein,
zu den Altenteilern in eine kleine Kammer zu kommen, wo der Alte saß
und rauchte und die Großmutter hin und her ging; man schenkte ihnen
dann ein und redete sie freundlich an. Öyvind war nicht unter diesen,
und das erschien ihm ein wenig wunderbar.
Der gute Spielmann des Kirchspiels konnte erst später kommen, deswegen
mußten sie sich bis dahin mit dem alten behelfen, einem Häusler, den
sie Grauknud nannten. Er konnte vier Tänze spielen, nämlich zwei
Springtänze, einen Halling und einen alten sogenannten Napoleonwalzer;
nach und nach aber hatte er den Halling in einen Schottisch umwandeln
müssen, indem er den Takt veränderte, und ein Springtanz mußte auf
dieselbe Weise zur Polka-Mazurka werden. Er spielte nun auf, und der
Tanz begann. Öyvind wagte nicht gleich, sich zu beteiligen, denn hier
waren zu viel Erwachsne; aber die Halberwachsnen taten sich bald
zusammen, pufften einander vor, tranken sich Mut in dem starken Bier,
und da kam auch Öyvind mit; heiß wurde es in der Stube, die Lustigkeit
und das Bier stiegen ihnen zu Kopfe. Marit war an diesem Abend die
begehrteste Tänzerin, wahrscheinlich weil ihre Großeltern das Fest
veranstaltet hatten, und das bewirkte, daß auch Öyvind oft nach ihr
sah; immer aber tanzte sie mit andern. Er wollte gern selbst mit ihr
tanzen, deswegen blieb er einen Tanz über sitzen, um gleich zu ihr
hineilen zu können, sobald er zu Ende war, und das tat er auch, aber
ein großer Kerl mit dunkler Gesichtsfarbe und starkem Haarwuchs
vertrat ihm den Weg. »Weg, Junge!« rief er und puffte Öyvind, so daß
er beinahe rücklings über Marit gefallen wäre. Noch niemals war ihm so
etwas begegnet, nie waren die Leute anders als freundlich gegen ihn
gewesen, nie war er »Junge« genannt worden, wenn er an irgend etwas
hatte teilnehmen wollen; er wurde dunkelrot, sagte aber nichts und zog
sich in die Ecke zurück, wo der eben angekommne neue Spielmann saß und
stimmte. Es war still in dem Gewimmel geworden, man wartete darauf,
die ersten kräftigen Töne von »ihm selber« zu hören; er versuchte und
stimmte, es währte lange; endlich strich er drauflos und spielte einen
Springtanz. Die Burschen schrien und warfen sich Paar auf Paar in den
Kreis hinein. Öyvind sah zu Marit hinüber, die dort mit dem
starkhaarigen Manne tanzte; sie lachte über dessen Schulter weg, daß
ihre weißen Zähne blitzten, und Öyvind empfand zum erstenmal in seinem
Leben einen eigentümlich stechenden Schmerz in der Brust.
Wieder und wieder sah er sie an, aber je mehr er sie ansah, desto mehr
kam es ihm vor, als sei Marit völlig erwachsen; das kann doch nicht sein,
dachte er, denn sie ist doch noch mit bei unsern Schlittenfahrten.
Aber erwachsen war sie doch, und der Mann mit dem starken Haarwuchs
zog sie nach dem Tanz auf seinen Schoß; sie riß sich zwar los, blieb
aber doch neben ihm sitzen.
Öyvind betrachtete den Mann; er trug feines blaues Tuchzeug, ein
blaugewürfeltes Hemd und ein seidnes Halstuch; er hatte ein kleines
Gesicht, ausdrucksvolle blaue Augen, einen lachenden, trotzigen Mund,
er war hübsch. Öyvind sah mehr und mehr, er sah endlich auch sich
selber an; er hatte zu Weihnachten neue Hosen bekommen, auf die er
sehr stolz war, jetzt sah er aber, daß sie nur aus grauem Fries waren;
die Jacke war aus demselben Stoff, aber alt und dunkel, die Weste aus
gewürfeltem, eigengemachtem Stoff, ebenfalls alt und mit zwei blanken
und einem schwarzen Knopf. Er sah sich um, und es schien ihm, daß
wenige so schlecht gekleidet seien wie er. Marit trug ein schwarzes
Mieder aus feinem Stoff, eine silberne Spange im Halstuch und ein
zusammengelegtes seidnes Tuch in der Hand. Auf dem Hinterkopfe hatte
sie eine kleine schwarzseidne Haube, die mit großen, geränderten
seidnen Bändern unter dem Kinn befestigt war. Sie war rot und weiß und
lachte; der Mann sprach mit ihr und lachte. Es wurde von neuem
aufgespielt, und sie wollten wieder tanzen. Ein Kamerad kam und setzte
sich neben ihn. -- »Weshalb tanzt du nicht, Öyvind?« fragte er
freundlich. -- »Ach nein,« sagte Öyvind, »ich sehe nicht danach aus.«
-- »Du siehst nicht danach aus?« Aber ehe er fortfahren konnte, sagte
Öyvind: »Wer ist der da in den blauen Tuchkleidern, der mit Marit
tanzt?« -- »Das ist Jon Hatlen, du weißt, der, der lange auf der
Ackerbauschule gewesen ist und jetzt den Hof übernehmen soll.« -- In
demselben Augenblicke setzten Marit und Jon sich. -- »Wer ist der
Junge mit dem blonden Haar, der dort neben dem Spielmann sitzt und
mich anstarrt?« fragte Jon. Da lachte Marit und sagte: »Es ist der
Häuslersohn von Pladsen.«
Öyvind hatte ja immer gewußt, daß er ein Häuslerjunge sei, aber bisher
hatte er das nie empfunden. Er fühlte sich auf einmal so klein an
Körper, kleiner als alle die andern; um sich aufrechtzuerhalten, mußte
er versuchen, an all das zu denken, was ihn bis dahin froh und stolz
gemacht hatte, von der Schlittenbahn an bis zu jedem einzelnen Wort.
Als er auch an seine Mutter und an seinen Vater dachte, die daheim
saßen und glaubten, daß er jetzt vergnügt sei, war es ihm fast, als
könne er die Tränen nicht zurückhalten. Um ihn her lachte und scherzte
alles, die Fiedel schallte ihm gerade ins Ohr hinein, einen Augenblick
war es, wie wenn etwas Schwarzes in ihm aufsteige, aber dann fiel ihm
die Schule ein mit all den Kameraden und dem Schulmeister, der ihn
streichelte, und der Pfarrer, der ihm beim letzten Examen ein Buch
gegeben und gesagt hatte, daß er ein tüchtiger Bursch sei. Der Vater
hatte selber dabei gesessen und zugehört und ihm zugelächelt. »Sei
jetzt gut, Öyvind, hörst du?« glaubte er den Schulmeister sagen zu
hören, indem er auf den Schoß genommen wurde, wie damals, als er klein
war. -- Herr Gott, das alles hat ja so wenig zu bedeuten, und im
Grunde sind alle Menschen gut; es sieht nur so aus, als wenn sie es
nicht wären. Wir beide wollen tüchtig werden, Öyvind, ebenso tüchtig
wie Jon Hatlen; wir wollen schon gute Kleider bekommen und mit Marit
in einer hellerleuchteten Stube tanzen, unter hundert Menschen,
lächeln und miteinander plaudern, zwei Brautleute, der Pfarrer, und
ich im Chor, ich lächle dir zu, und die Mutter wohnt bei dir im Hause,
der Hof ist groß, zwanzig Kühe, drei Pferde, und Marit ist gut und
lieb wie in der Schule -- --
Der Tanz war zu Ende; Öyvind sah Marit vor sich auf der Bank und Jon
neben ihr, das Gesicht dicht über dem ihren; ein heftiger, stechender
Schmerz durchzuckte wieder seine Brust, und es war, als sage er zu
sich selber: »Das ist ja wahr, mir ist elend.«
In demselben Augenblick erhob sich Marit und kam gerade auf ihn zu.
Sie beugte sich über ihn: »Du mußt nicht so dasitzen und mich
unverwandt anstarren,« sagte sie; »du kannst dir doch denken, daß es
den Leuten auffallen muß; hol dir jemand und tanze!«
Er antwortete nicht, aber er sah sie an und konnte nichts dafür: seine
Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und
wollte gehn, als sie es sah und stehn blieb; sie wurde plötzlich
dunkelrot, wandte sich um und kehrte auf ihren Platz zurück; aber dort
wandte sie sich wieder und setzte sich an eine andre Stelle. Jon ging
ihr sofort nach.
Er stand von der Bank auf, ging zwischen den Leuten durch, auf den Hof
hinaus und setzte sich auf den Söller, wußte dann aber nicht, was er
dort sollte, erhob sich, setzte sich jedoch wieder hin, denn er konnte
ja ebensogut dort sitzen wie anderswo. Er hatte keine Lust, nach Hause
zu gehn, wieder hineingehn mochte er auch nicht; es war ihm alles
einerlei. Er war nicht imstande, sich klarzumachen, was eigentlich
vorgefallen war; er wollte nicht denken, denn es gab nichts, wonach er
sich sehnte.
»Aber woran denke ich denn eigentlich?« fragte er sich halblaut, und
als er seine eigne Stimme gehört hatte, dachte er: »Sprechen kannst du
noch, kannst du auch wohl noch lachen?« Und er versuchte es: ja, er
konnte lachen, und dann lachte er, laut, noch lauter, und dann fand
er, daß es köstlich sei, daß er so dasaß und ganz allein lachte -- und
darüber lachte er dann auch wieder. Aber Hans, der Kamerad, der neben
ihm gesessen hatte, kam heraus, um sich nach ihm umzusehn. -- »Um
Gottes willen, worüber lachst du denn?« fragte er und blieb in der Tür
stehn. Da hörte Öyvind auf zu lachen.
Hans blieb stehn, als erwarte er, was weiter geschehen würde; Öyvind
erhob sich, sah sich vorsichtig um, und dann sagte er leise: »Nun will
ich dir sagen, Hans, weshalb ich bisher so fröhlich war; das kam
daher, daß ich niemand so recht liebgehabt habe; aber von dem Tage
an, wo wir jemand wirklich liebhaben, sind wir nicht mehr fröhlich« --
und er brach in Tränen aus.