V.

Schließlich will ich eine besonders in England sehr gebräuchliche

Malweise mittheilen, welche ich selbst häufig anwende und sehr

empfehlen kann. Sie besteht in der Anwendung +dicker+ und ziemlich

trockener Farbe, welche mit flachem Pinsel aufgetragen wird. Ich

kann diese Art der Behandlung um so mehr empfehlen, als sie mit

verhältnißmäßiger Schnelligkeit eine große +Kraft+ der Töne vereinigt

und dabei gestattet, jeden einzelnen Theil +vor dem Trocknen+ bis

ins Detail zu beenden. Auf diese Art behandelte Bäume, besonders

baumreiche Landschaften sehen Oelgemälden sehr ähnlich. Lichter können

schließlich, wenn nöthig, noch herausgenommen und einzelne Partien

durch Lasuren im Tone erhöht, oder gedämpft werden. Mit einigen

Druckern in den tiefsten Stellen und hier und da einer Verbesserung,

auch in der äußeren Form, ist ein so behandelter Baum fertig. Auch

+Nadelholz+ läßt sich mit dieser Behandlung, welche hier besonders der

Silhouette sehr zu Statten kommt, +äußerst+ naturwahr darstellen.

Der Lernende übe sämmtliche Darstellungsweisen und wähle dann, was

ihm am besten zusagt oder für den beabsichtigten Zweck am passendsten

erscheint. Ich selbst male meine Bäume, von dem Zeitpunkt erlangter

besserer Technik an, fast nur nach V., je nach dem Vorwurf indessen

auch nach I. und II., allein dem Anfänger ist erstere Methode nicht zu

empfehlen.

Wiederholt will ich indessen hier darauf aufmerksam machen, daß

~Indigo~, den Tönen in zu großer Menge zugesetzt, Schwärze erzeugt und

daß man sich in den dunkeln Partien des Laubes vor Schwärze und +Kälte+

sehr zu hüten hat. Sind aber dennoch solche Stellen zu dunkel oder

gar schwärzlich geworden, so läßt sich das Uebel durch vorsichtiges

Uebergehen der betreffenden Stellen mit einem +kräftigen+ Ton von

~Indian Yellow~ oder von ~Indian Yellow~ mit ~Oxyde of Chromium~

schnell heben. Nach dem Trocknen kann dann der erhaltene Ton durch

passende Lasuren in gewünschter Weise verändert werden.

Was +Stämme+ und +Aeste+ betrifft, so ist auf deren naturgemäße

Zeichnung die größte Aufmerksamkeit zu verwenden, da sonst nicht

allein diese selbst Noth leiden, sondern die ganze Arbeit verunstaltet

wird. Besonders vermeide man die unnatürlichen, absolut geraden

Linien und sehe da, wo Stämme oder Aeste nach längerem Verschwinden

sich wieder zeigen, auf entsprechende Verjüngung. Sie müssen stets so

gezeichnet sein, daß sie geeignet sind, eine genaue Vorstellung der

Verästelung vom Fuße bis in die Spitze zu geben. Die Schatten sind

erst breit anzulegen und ist dann später das Detail zu geben. Dabei

vergegenwärtige sich der Lernende stets, daß je weiter ein Gegenstand

zurücktritt, desto mehr das Detail verschwindet und die Localfarbe

neutralere Töne annimmt. Helle Stämme im Mittelgrund spart man, sobald

dies der Arbeit Eintrag thun würde, nicht aus, sondern nimmt sie

später heraus; ebenso wenn Stämme im Vordergrunde eine hinter ihnen

liegende größere Wasserfläche durchschneiden, da ein Aussparen die

einheitliche Behandlung der letzteren in hohem Grade beeinträchtigen

würde. Dunkele Stämme kleiner Dimension und von zweifelhaftem Charakter

im Mittelgrunde lassen sich gewöhnlich mit den dunkelsten Tönen der

Laubpartien in consistenterer Mischung geben. Stämme des Vordergrundes

dagegen verlangen Individualisirung, weßwegen fleißiges Studium der

Stämme der Waldbäume und sonst häufiger vorkommender Bäume, wie Weiden,

Pappeln etc. etc. nach der Natur dringend anzurathen ist und zwar aus

nächster Nähe, wie auf weitere Distanz. Die Birkenstämme betreffend

bemerke ich noch, daß man solche am zweckmäßigsten mit dickem ~Chinese

White~ anlegt und das tiefgefärbte Detail mit ~French Blue~, ~Chrimson

Lake~ und ~Burnt Sienna~ einsetzt.

Da in den meisten Fällen Grün im +Vordergrund+ eine mehr oder weniger

große Rolle spielt, wenigstens in landschaftlichen Darstellungen, so

ergreife ich hier die Gelegenheit, auf den Vordergrund etwas näher

einzugehen. Alles überhaupt Darstellbare kann mit wenigen Ausnahmen

Gegenstand des Vordergrundes sein, weßhalb sorgfältige Studien auch in

dieser Beziehung nothwendig sind. Dabei ist jedoch eine allzugenaue

und peinliche Nachahmung des Darzustellenden zu vermeiden, da hierdurch

die Breite starke Einbuße erleiden würde und man sich auch andererseits

sehr leicht an eine „+kleinliche+“ Manier zu gewöhnen Gefahr läuft,

weshalb man am besten auf breite Charakterisirung ausgeht. Der große

Reiz eines Vordergrundes liegt in feiner glanzvoller Farbe ohne

rohe Effekte, in Kraft ohne heftige Contraste, in einer schönen

Linienführung und in vollkommenem Anschluß an die anderen Theile des

Bildes.

Wiesen und Grasflächen in Mittel- und Vordergrund dürfen nicht mit

dicker Farbe behandelt, sondern müssen naß angelegt werden, zu welcher

Untermalung sich in vielen Fällen ~Gamboge~ mit ~Yellow Ochre~

eignet. Durch spätere Lasuren gibt man dann die geeigneten Töne in

kühnen Strichen und Lagen und mit nicht zu nasser Farbe. Indessen

empfiehlt es sich auch, die verschiedenen Farbentöne gleich Anfangs

naß ineinander zu malen. Zunächst betrachte man die Erhöhungen und

Senkungen des Terrains durch Eintragen der betreffenden Schatten, wobei

große Genauigkeit empfohlen werden muß. Sodann gibt man einzelnen

Stellen etwas mehr Detail, doch immer möglichst breit und lose, bis

in die nächste Nähe zum Erkennen der einzelnen Halme etc., deren

Darstellung ganz im Vordergrund oder an sonst passenden Stellen von

großer Wirksamkeit sein kann, wie z. B. am Ufer, vor Wasser etc.

etc. Größere Pflanzen lassen sich hier ebenfalls häufig mit Erfolg

verwenden. Auch durch Herausnehmen und entsprechende Lasuren lassen

sich einzelne Gräser etc. sehr getreu und präcise wiedergeben. Man

arbeite im Vordergrunde öfter mit der Seite des Pinsels, oder auch

mit flachem, etwas gespaltenem Pinsel und ziemlich trockener Farbe, so

daß mehrere Striche auf einmal gemacht werden können. Zufälligkeiten

in Form und Farbe lassen sich auch hier mit Geschick und Geschmack

verwerthen. Ueberhaupt ist der Vordergrund der Theil des Bildes, wo

man sich, nach Bewältigung der Technik, nicht selten dem Gefühl und

der Phantasie in Betreff der Gestaltung charakteristischer Formen

mit Erfolg hingeben kann. Hierbei ist jedoch darauf zu sehen, daß

man den Gegenständen die richtige perspektivische Größe gibt, da

Zuwiderhandlungen sehr schlimm wirken. Figuren und Staffage aller Art

kann man noch in letzter Stunde anbringen, wenn es wünschenswerth ist,

was in Stimmungsbildern indessen gewöhnlich +nicht+ der Fall ist.

Man zeichnet alsdann die Umrisse des betreffenden Gegenstandes mit

dickem ~Chinese White~, füllt sie aus und colorirt nach dem Trocknen

vorsichtig. Vieh etc. von kleineren Dimensionen -- größeres spart man

besser aus -- läßt sich auf diese Weise erfolgreich wiedergeben. Sehr

tiefe und dunkle Stellen des Vordergrundes erscheinen häufig nach

dem Trocknen der Farbe, besonders wenn man die Tiefe anstatt durch

viele und schwächere Aufträge, nur durch wenige mit concentrirterer

Farbe hergestellt hat, in sehr stumpfem Ton, oder aber zeigen solche

Stellen, wo sie Farbenunterschiede zeigen sollten, statt deren

ebenfalls stumpfes einfarbiges Colorit. Um die Farbe in solchen Fällen

zu erhöhen oder heraustreten zu lassen, hat man vorsichtiges Lasiren

solcher Stellen mit einer Lösung von arabischem Gummi empfohlen,

welchem Mittel ich jedoch nicht das Wort reden kann. Es bringt zwar

Glanz hervor und der beabsichtigte Zweck wird ebenfalls erreicht, aber

die Gummi-Lasur bildet zugleich einen glänzenden Fleck, welcher der

harmonischen Wirkung des Bildes erheblichen Eintrag thut. Professor

Schmidt empfiehlt für solche Fälle, den Finger mit sehr wenig Leinöl zu

befeuchten und solches sanft über die tiefste Stelle und deren nächste

Umgebung zu reiben, was mir geeigneter scheinen will. Ich habe noch

keine Gelegenheit gefunden, das Mittel anzuwenden, da ich vorziehe,

tiefe Stellen durch häufiges, mehr lasurartiges Uebergehen zu vertiefen

zu suchen, bei welcher Prozedur das beregte stumpfe Auftrocknen

nicht so leicht vorkommt. Im Allgemeinen zwar bietet der Vordergrund

Gelegenheit, die stärksten Drucker anzubringen, allein ich muß den

Lernenden doch darauf aufmerksam machen, daß im Ganzen genommen, die

Töne des +Mittelgrundes+ die größte Tiefe zeigen. Tiefe dunkle Stellen

halte man stets +warm+ im Ton, mische also nicht zu viel Blau hinein,

indem kalte dunkle Stellen höchst unerfreulich wirken und ein sonst

vielleicht gutes Bild schwer schädigen. Für Weiteres über Vordergrund

verweise ich noch auf die Kapitel über Wasser, Wege, Felsen etc. etc.

Ich werde nunmehr an einigen Beispielen die Technik zu erläutern

suchen, wiederhole aber zuvor nochmals, daß häufiges Malen nach

der Natur und zwar in den verschiedenen Jahreszeiten, Studien der

verschiedenen Bäume bei verschiedener Beleuchtung, besonders auch der

Stämme, mit aufmerksamer Behandlung der Aststellung, an welcher der

Kenner schon von fern den Baum erkennt, sowie möglichst ausgeführte

Studien von Vordergründen, behufs Erlangung einer brillanten Technik

und Emancipation von conventioneller Behandlung dringend nothwendig

sind. Ich betone nochmals die Beachtung der +äußeren Form+ der Bäume,

welche mit zu den wesentlichsten Bedingungen gehört, da wir bei

Beschauung der Natur von der äußeren Form in erster Linie berührt

werden. Wer das Ziel während einiger Zeit mit Ausdauer verfolgt, wird

die Schwierigkeiten rascher überwinden, als es zuerst möglich schien.

Handbuch der Aquarellmalerei Nach dem heutigen Standpunkte und mit vorzüglicher Anwendung auf Landschaft und Architektur nebst einem Anhange über Holzmalerei · 第 106 / 150 题