Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas ganz Bestialisches mehr als
alles andere, und doch gibt sich mit ihm keine Art von Bestien so
dauernd ab wie der Mensch. Der Anschauung fast aller Völker zuwider
halten die Utopier nichts für so unrühmlich wie den Ruhm, den man im
Kriege gewinnt. Mögen sie sich nun auch beständig an dafür festgesetzten
Tagen in der Kriegskunst üben, und zwar nicht bloß die Männer, sondern
auch die Frauen, um im Bedarfsfalle kriegstüchtig zu sein, so beginnen
sie einen Krieg doch nicht ohne weiteres, sondern nur zum Schutze ihrer
eigenen Grenzen oder zur Vertreibung der ins Land ihrer Freunde
eingedrungenen Feinde oder aus Mitleid mit irgendeinem Volk, das unter
dem Drucke der Tyrannei leidet, um es mit ihrer eigenen Macht vom
Sklavenjoch des Tyrannen zu befreien, und das tun sie lediglich aus
Menschenliebe. Ihren Freunden indessen leisten sie ihre Hilfe nicht
immer nur zur Verteidigung, sondern bisweilen auch, damit diese ein
Unrecht, das man ihnen zugefügt hat, vergelten und rächen können. Jedoch
greifen die Utopier erst dann ein, wenn man sie noch vor Beginn der
Feindseligkeiten um Rat fragt, wenn sie den Kriegsgrund billigen, wenn
das, worum der Streit geht, zwar zurückgefordert, aber noch nicht
zurückgegeben ist, und wenn auf ihre Veranlassung hin der Krieg begonnen
wird. Dazu entschließen sie sich nicht nur dann, wenn ihren Freunden bei
einem feindlichen Einfall Beute geraubt wird, sondern auch dann, und
zwar mit noch weit größerer Erbitterung, wenn sich deren Kaufleute
irgendwo in der Welt unter dem Scheine des Rechts eine Rechtsverdrehung
gefallen lassen müssen indem man entweder unbillige Gesetze zum Vorwand
nimmt oder gute verkehrt auslegt. Und so kam es auch zu dem Kriege, den
die Utopier kurz vor unserer Zeit für die Nephelogeten gegen die
Alaopoliten führten, aus keinem anderen Grunde, als weil den Kaufleuten
der Nephelogeten im Lande der Alaopoliten unter dem Scheine des Rechts
Unrecht getan worden war, wenigstens wie es den Utopiern schien. Mochte
es sich nun in diesem Falle um Recht oder Unrecht handeln, jedenfalls
kam es zu einem Rachekrieg, in dem sich zu den Streitkräften und dem Haß
beider Parteien auch noch die Leidenschaften und Hilfsmittel der
Nachbarvölker gesellten und der dadurch so blutig wurde, daß die
blühendsten Völker zum Teil stark erschüttert, zum Teil schwer
heimgesucht wurden und immer ein Übel aus dem anderen entstand. Das
Unglück endete schließlich mit der Versklavung und Unterwerfung der
Alaopoliten, die so unter die Herrschaft der Nephelogeten kamen -- die
Utopier kämpften nämlich nicht für ihre eigenen Interessen --, die
Nephelogeten aber waren in der Blütezeit der Alaopoliten keineswegs mit
diesen zu vergleichen gewesen.
Mit solchem Nachdruck rächen die Utopier ein ihren Freunden zugefügtes
Unrecht, auch wenn es sich dabei nur um Geld handelt; in ihren eigenen
Angelegenheiten dagegen zeigen sie nicht den gleichen Eifer. Wenn sie
nämlich einmal irgendwo betrogen werden und eine Einbuße an Geld und Gut
dabei erleiden, so gehen sie in ihrem Zorn, vorausgesetzt, daß mit dem
Verlust kein Schaden an Leib und Seele verbunden ist, nur so weit, daß
sie bis zur Leistung von Genugtuung mit dem betreffenden Volke keinen
Handel mehr treiben. Dabei liegen ihnen die Interessen ihrer Mitbürger
nicht etwa weniger am Herzen als die ihrer Genossen; über deren
Geldverlust aber sind sie trotzdem deshalb aufgebrachter, weil die
Kaufleute ihrer Freunde unter der Einbuße schwer zu leiden haben, da
diese etwas von ihrem Privatbesitz verlieren, ihren Mitbürgern dagegen
nur etwas auf Rechnung des Staates verlorengeht, überdies nur von daheim
reichlich vorhandenem und in gewissem Sinne überflüssigem Gut -- sonst
könnte man es ja nicht ins Ausland ausführen --, so daß der einzelne den
Verlust gar nicht so empfindet. Deshalb ist es in den Augen der Utopier
auch eine zu große Grausamkeit, durch den Tod vieler einen Schaden zu
rächen, dessen nachteilige Folgen keiner von ihnen weder am Leben noch
am Lebensbedarf deutlich zu spüren bekommt. Wird jedoch einer ihrer
Landsleute irgendwo auf ungerechte Weise mißhandelt oder gar getötet, so
lassen die Utopier den Tatbestand durch ihre Gesandten ermitteln, ganz
gleich, ob der Anschlag vom Staat oder von einer Privatperson
ausgegangen ist, und sind nur durch Auslieferung der Schuldigen von
einer sofortigen Kriegserklärung abzuhalten. Die Ausgelieferten
bestrafen sie für ihr Vergehen entweder mit dem Tode oder mit
Sklavenarbeit.
Ein blutiger Sieg bereitet den Utopiern nicht nur Verdruß, sondern sie
schämen sich sogar seiner, weil sie sich sagen, es sei eine Torheit,
auch noch so kostbare Waren zu teuer zu kaufen. Haben sie aber durch
Geschick und List den Sieg errungen und den Feind bezwungen, so prahlen
sie laut damit, feiern aus diesem Anlaß von Staats wegen einen Triumph
und errichten ein Siegesdenkmal, als hätten sie eine Heldentat
vollbracht. Ihrer Mannhaftigkeit und Tapferkeit rühmen sie sich nämlich
immer erst dann, wenn sie so gesiegt haben, wie es kein Lebewesen außer
dem Menschen vermocht hätte, das heißt mit den Kräften des Geistes. Denn
mit den Kräften des Körpers, so sagen sie, führen Bären, Löwen, Eber,
Wölfe, Hunde und die übrigen wilden Tiere den Kampf; die meisten von
ihnen sind uns zwar an Kraft und Wildheit überlegen, aber alle zusammen
übertreffen wir an Geist und Vernunft.
Nur das eine haben die Utopier bei einem Kriege im Auge: das zu
erreichen, was sie schon früher hätten erreichen müssen, um sich den
Krieg zu ersparen; oder wenn das sachlich unmöglich ist, so nehmen sie
an denen, die sie für schuldig halten, eine so grimmige Rache, daß der
Schrecken Leute, die dasselbe wagen wollten, in Zukunft davon abhält.
Das sind die Ziele, die sie sich für ihr Vorhaben stecken und die sie
rasch zu erreichen suchen, aber so, daß sie mehr darauf bedacht sind,
die Gefahr zu vermeiden, als Lob und Ruhm zu ernten. Deshalb lassen sie
sogleich nach der Kriegserklärung heimlich und zu gleicher Zeit an den
Punkten des feindlichen Landes, die am besten zu sehen sind,
Proklamationen, die das Siegel ihres Staates tragen, in großer Zahl
anschlagen. In ihnen versprechen sie dem, der den gegnerischen Fürsten
umbringt, riesige Belohnungen; sodann setzen sie geringere, aber
gleichwohl noch recht ansehnliche Preise auf die Köpfe einzelner
Personen, die sie in denselben Anschlägen namentlich anführen. Das sind
die Männer, die sie nächst dem Fürsten selber für die Urheber des Planes
halten, den man gegen sie geschmiedet hat. Welchen Betrag sie aber auch
für den Mörder aussetzen, sie zahlen ihn in doppelter Höhe dem, der
ihnen einen von den Geächteten lebend bringt, und ebenso suchen sie die
Geächteten selbst durch die gleichen Belohnungen und außerdem durch die
Zusicherung von Straflosigkeiten gegen ihre Genossen aufzuhetzen. So
kommt es schnell dahin, daß jene auch die anderen Menschen mit Argwohn
betrachten, sich einander selbst kein rechtes Vertrauen mehr schenken
und auch keine rechte Treue mehr halten und daher in größter Furcht und
nicht geringerer Gefahr leben. Denn, wie bekannt, ist es schon mehr als
einmal vorgekommen, daß die Geächteten zu einem großen Teil und vor
allem der Fürst selber von denen verraten wurden, auf die sie die größte
Hoffnung setzten. So leicht verleiten Belohnungen zu jedem beliebigen
Verbrechen. Für diese Prämien setzen die Utopier auch keine bestimmte
Höhe fest. Indem sie vielmehr die Größe der Gefahr bedenken, zu der sie
verleiten, bemühen sie sich, sie durch die Höhe der Belohnungen
aufzuwiegen, und aus diesem Grunde stellen sie nicht nur eine
unermeßliche Menge Gold in Aussicht, sondern auch recht ertragreiche
Landgüter an ganz sicheren Orten in den Ländern ihrer Freunde, und zwar
als dauernden Besitz, und halten ihr Versprechen mit gewissenhafter
Treue. Dieser Brauch, den Feind gegen Gebot zu kaufen, den andere Völker
als Beweis einer entarteten Gesinnung und als grausame Untat verwerfen,
ist in den Augen der Utopier ein hohes Lob. Ja, sie dünken sich auch
klug, weil sie auf diese Weise die größten Kriege ohne jeden Kampf
völlig zu Ende bringen, und sogar human und mitleidsvoll, weil sie mit
dem Tode einiger weniger Schuldiger das Leben zahlreicher Unschuldiger
erkaufen, die sonst im Kampfe gefallen wären, teils aus den Reihen der
Ihrigen, teils aus denen der Feinde, deren Menge und Masse sie fast
ebenso bedauern wie ihre eigenen Landsleute; wissen sie doch recht wohl,
daß jene einen Krieg nicht aus freien Stücken anfangen, sondern weil die
blinde Leidenschaft ihrer Fürsten sie dazu treibt. Kommen sie auf diese
Weise nicht weiter, so säen und nähren sie Zwietracht, indem sie dem
Bruder des Fürsten oder sonst einem aus dem Adel Hoffnung auf den Thron
machen. Wenn die Parteien im Inneren versagen, so wiegeln die Utopier
die Nachbarvölker des Feindes auf und verwickeln sie in einen Krieg mit
ihm, indem sie irgendeinen alten Vorwand hervorsuchen, woran es ja
Königen niemals fehlt.
Haben sie diesen Völkern ihren Beistand im Kriege versprochen, so
stellen sie ihnen reichlich Geld zur Verfügung, Hilfskräfte aus den
Reihen ihrer Bürger jedoch nur ganz spärlich; denn diese sind ihnen so
außerordentlich lieb und wert, und sie schätzen sich gegenseitig so
hoch, daß sie einen ihrer Landsleute nur ungern gegen den feindlichen
Fürsten austauschen würden. Gold und Silber dagegen, dessen gesamte
Menge sie einzig und allein für diesen Zweck aufbewahren, geben sie von
Herzen gern hin; sie könnten ja ebenso bequem leben, auch wenn sie es
vollständig aufbrauchten. Denn außer dem Reichtum im Inland besitzen sie
ja noch, wie früher erwähnt, bei den meisten Völkern des Auslands einen
unermeßlichen Schatz von Guthaben. So werben sie denn überall Söldner
an, vornehmlich aus dem Volk der Zapoleten, und lassen sie in den Krieg
ziehen.
Diese wohnen 500 Meilen östlich von Utopien. Unkultiviert, roh und wild,
wie sie sind, lassen sie deutlich merken, daß sie inmitten von Wäldern
und rauhen Bergen aufgewachsen sind. Sie sind ein kräftiger Volksstamm,
unempfindlich gegen Hitze, Kälte und Anstrengung, unbekannt mit allen
Annehmlichkeiten des Lebens, nicht begeistert für den Ackerbau,
nachlässig in Wohnung und Kleidung und nur für die Viehzucht
interessiert. Zu einem großen Teile leben sie von Jagd und Raub. Einzig
und allein zum Krieg geboren, suchen die Zapoleten eifrig nach einer
Gelegenheit zur Teilnahme an einem solchen, und finden sie eine, so
ergreifen sie sie mit Leidenschaft, ziehen in großer Zahl außer Landes
und bieten sich für wenig Geld dem ersten besten an, der Soldaten sucht.
Dies Handwerk, den Tod zu suchen, ist das einzige ihres Lebens, das sie
verstehen. Für ihren Dienstherrn schlagen sie sich mit Hingebung und
unbestechlicher Treue. Doch verpflichten sie sich nicht bis zu einem
bestimmten Termin, sondern wenn sie Partei ergreifen, so tun sie das nur
unter der Bedingung, daß sie am nächsten Tage auf seiten des Feindes
stehen dürfen, falls dieser ihnen höheren Sold bietet; ebenso kehren sie
dann am übernächsten Tage, durch eine Kleinigkeit Geld mehr verlockt,
wieder zurück. Nur selten kommt es zu einem Kriege, in dem sie nicht zu
einem großen Teile auf beiden Seiten kämpfen. So werden täglich
Blutsverwandte, bisher Söldner der gleichen Partei und einander die
besten Kameraden, bald darauf auseinandergerissen, geraten in
feindliche Heere, treffen als Gegner aufeinander und metzeln sich
gegenseitig nieder wie erbitterte Feinde, die ihre Abstammung vergessen
haben und nicht mehr an ihre frühere Freundschaft denken. Dabei
veranlaßt sie kein anderer Grund zur gegenseitigen Vernichtung, als daß
zwei feindliche Fürsten sie für ein paar lumpige Geldstücke gemietet
haben. Dieses Geld berechnen sie sich so genau, daß sie sich durch die
Erhöhung des täglichen Soldes um nur einen Heller zu einem Wechsel der
Partei verleiten lassen. So hat sich in ihren Herzen rasch die Habgier
eingenistet, von der sie jedoch keinen Vorteil haben; was sie nämlich
mit ihrem Blute gewinnen, verbrauchen sie alsbald wieder mit einer
Verschwendung, die gleichwohl armselig ist.
Dieses Volk kämpft für die Utopier gegen alle Welt, weil niemand
anderswo seine Dienstleistung so gut bezahlt wie diese. Wie sich nämlich
die Utopier nach guten Menschen umsehen, um sie in ihrem Dienst nützlich
zu verwenden, so werben sie auch diese Schurken an, um sie zu
mißbrauchen. Nötigenfalls machen sie ihnen lockende Versprechungen und
setzen sie an den gefährlichsten Punkten ein. Meist kommt dann ein
großer Teil von ihnen niemals wieder zurück und kann die versprochenen
Belohnungen gar nicht anfordern. Den Überlebenden aber zahlen die
Utopier gewissenhaft aus, was sie versprochen haben, um sie zu ähnlichen
Wagnissen anzuspornen. Sie fragen nämlich nicht danach, wie viele von
ihnen durch ihre Schuld ums Leben kommen, weil sie sich, wie sie meinen,
das größte Verdienst um die Menschheit erwerben würden, wenn sie den
Erdkreis von jenem Abschaum eines so greulichen und ruchlosen Volkes
gründlich säubern könnten.
Nächst den Zapoleten verwenden die Utopier auch die Streitkräfte
desjenigen Volkes, für das sie zu den Waffen greifen, und die
Hilfsscharen ihrer anderen Freunde; an letzter Stelle erst ziehen sie
ihre Mitbürger heran. Aus deren Mitte nehmen sie einen Mann von
erprobter Tapferkeit und stellen ihn an die Spitze des gesamten Heeres.
Ihm ordnen sie zwei Mann unter in der Art, daß beide nur als Privatleute
gelten, solange der Oberbefehlshaber dienstfähig ist; wird er jedoch
gefangengenommen oder fällt er, so tritt der eine von jenen beiden
gleichsam sein Erbe an, und ihn ersetzt gegebenenfalls der andere, damit
nicht in den bunten Wechselfällen der Kriege infolge einer Gefährdung
des Führers das ganze Heer in Unordnung gerät. In jeder Stadt hebt man
Freiwillige aus; man preßt nämlich niemanden wider seinen Willen zum
Kriegsdienst außerhalb der Grenzen seiner Heimat, weil man der
Überzeugung ist, daß einer, der von Natur etwas furchtsam ist, nicht nur
selbst sich nicht tapfer zeigen, sondern auch seine Kameraden mit seiner
Angst anstecken wird. Bricht aber der Feind ins Land ein, so steckt man
die Feiglinge dieser Art im Falle körperlicher Tauglichkeit auf die
Schiffe unter bessere Soldaten oder verteilt sie auf die einzelnen
Festungen, von wo sie nicht ausreißen können. Sie müssen sich vor ihren
Kameraden schämen, haben den Feind unmittelbar vor sich und sehen keine
Möglichkeit zur Flucht: so vergessen sie ihre Furcht und werden oft
durch höchste Not zu mutigen Männern. So wenig aber einerseits ein
Utopier wider seinen Willen zu einem auswärtigen Kriege fortgeschleppt
wird, so wenig hindert man anderseits die Frauen, mit ihren Männern ins
Feld zu ziehen; ja, man fordert sie dazu noch auf und spornt sie dazu
an, indem man sie lobt. Die Frauen, die mitausrücken, stellt man an der
Front mit ihren Männern in eine Reihe; außerdem hat ein jeder Kämpfer
seine Kinder, Verwandten und Angehörigen um sich, damit sich diejenigen
einander aus nächster Nähe beistehen können, die die Natur am stärksten
zu gegenseitiger Hilfe anspornt. Die höchste Schmach ist es für einen
Gatten, ohne den anderen heimzukommen, oder für einen Sohn, seinen Vater
zu überleben. Infolgedessen kämpft man, wenn es zum Handgemenge kommt
und die Feinde standhalten, in einem langen und unheilvollen Ringen bis
zur Vernichtung. Zwar suchen die Utopier mit allen Mitteln zu verhüten,
in eigener Person kämpfen zu müssen, wofern sie nur den Krieg mit Hilfe
einer Schar gemieteter Stellvertreter zu Ende bringen können; wenn es
sich jedoch nicht vermeiden läßt, daß sie selber mitkämpfen, so nehmen
sie den Kampf ebenso unerschrocken auf, wie sie sich vorher klug
zurückgehalten haben, solange es möglich war. Und beim ersten Angriff
gehen sie nicht mit wildem Ungestüm vor; vielmehr wächst ihre Stärke
langsam und allmählich und je länger der Kampf dauert. Dabei sind sie so
unbeugsamen Sinnes, daß sie sich eher niedermetzeln als in die Flucht
schlagen lassen; denn das beruhigende Bewußtsein, daß ein jeder daheim
zu leben hat, sowie die Befreiung von der quälenden Sorge um das Los
ihrer Nachkommen -- eine Besorgnis, die sonst überall einen tapferen
Sinn lähmt, -- machen die Kämpfer hochgemut, so daß sie den Gedanken,
sich besiegen zu lassen, als unwürdig von sich weisen. Außerdem flößt
ihnen ihre militärische Erfahrung Zuversicht ein, und schließlich spornt
sie die gute Erziehung, die sie in der Schule und durch die trefflichen
Einrichtungen ihres Staates von Kind auf genossen haben, noch mehr zur
Tapferkeit an. Infolgedessen ist in ihren Augen das Leben weder so
wertlos, daß sie es blindlings vergeuden, noch so übertrieben wertvoll,
daß sie damit geizen und sich in schimpflicher Weise daran klammern,
wenn die Ehre dazu rät, es hinzugeben. Wenn der Kampf allerorten am
wildesten tobt, nehmen sich die auserlesensten Jünglinge, die sich dazu
verschworen und geweiht haben, den feindlichen Führer zum Gegner; auf
ihn dringen sie offen ein, ihn greifen sie aus dem Hinterhalt an, und
aus der Ferne wie aus der Nähe gehen sie auf ihn los, und in einem
langen und lückenlosen Keil -- denn die wegen Ermüdung ausfallenden
Kämpfer werden beständig durch frische ersetzt -- stürmen sie gegen ihn
an. Nur selten kommt es vor, daß er nicht niedergestochen wird oder daß
er nicht lebendig in die Gewalt seiner Feinde gerät, es sei denn, daß er
sich durch die Flucht rettet.
Ist der Sieg auf seiten der Utopier, so metzeln sie nicht wild darauf
los; statt die Geschlagenen umzubringen, nehmen sie sie lieber gefangen.
Auch verfolgen sie die Fliehenden niemals so blindlings, daß sie bei
alledem nicht wenigstens noch eine geordnete und kampfbereite Schar
zurückbehielten. Wenn daher ihre übrigen Verbände geschlagen sind und
sie erst mit dem letzten den Sieg errungen haben, so lassen sie die
Feinde lieber ganz und gar entfliehen, als daß sie sich dazu
entschließen, die Fliehenden mit ungeordneten Verbänden ihrer Truppen zu
verfolgen. Sie vergessen nämlich nicht, was ihnen selbst mehr als einmal
widerfahren ist. Die Masse ihres gesamten Heeres war völlig besiegt; die
Feinde jubelten über ihren Sieg und zerstreuten sich hier und da auf der
Verfolgung. Die Utopier dagegen hatten einige wenige ihrer Leute im
Hinterhalt aufgestellt, die auf günstige Gelegenheiten lauerten. Sie
griffen die Feinde, die vereinzelt umherschwärmten und es in voreiliger
Sorglosigkeit an der nötigen Vorsicht fehlen ließen, plötzlich an und
veränderten das Ergebnis der ganzen Schlacht. Sie wanden den Feinden den
Sieg, der ihnen schon sicher war und an dem sie nicht mehr gezweifelt
hatten, aus den Händen und besiegten als Besiegte wiederum die Sieger.
Es ist schwer zu sagen, ob die Utopier einen Hinterhalt mit größerer
Schlauheit zu legen oder mit größerer Vorsicht zu vermeiden wissen. Man
könnte meinen, sie träfen Vorbereitungen zur Flucht, wenn sie alles
andere eher im Sinne haben, und umgekehrt, wenn sie die Absicht haben zu
fliehen, könnte man meinen, sie dächten an nichts weniger. Fühlen sie
sich nämlich hinsichtlich ihrer Zahl oder Stellung zu sehr im Nachteil,
so ziehen sie bei Nacht in aller Stille ab oder täuschen den Feind durch
irgendeine Kriegslist, oder sie gehen bei Tage so allmählich und in so
guter Ordnung zurück, daß es ebenso gefährlich ist, sie während des
Abrückens anzugreifen wie während des Anstürmens. Ihr Lager befestigen
sie überaus sorgfältig mit einem sehr tiefen und breiten Graben, wobei
sie die ausgehobene Erde nach innen werfen. Dazu verwenden sie keine
Tagelöhner, sondern die Soldaten selbst besorgen die Arbeit, und das
gesamte Heer hilft dabei mit, ausgenommen die Posten, die bewaffnet vor
dem Wall Wache halten, um plötzliche Überfälle abzuwehren. Und so legen
die Utopier bei so zahlreicher Mitarbeit starke und weitausgedehnte
Befestigungen wider alles Erwarten in kurzer Zeit an.
Die Waffen, die die Utopier verwenden, sind stark genug zur Abwehr von
Angriffen, ohne jedoch jede Art von Bewegung oder Haltung zu hindern; ja
nicht einmal beim Schwimmen empfindet man sie als lästig. Denn in voller
Ausrüstung schwimmen zu lernen, gehört zu den Anfangsgründen der
militärischen Ausbildung der Utopier. Im Kampf aus der Ferne benutzen
sie Pfeile, die sie mit großer Kraft und zugleich mit bester
Treffsicherheit abschießen, und zwar nicht bloß zu Fuß, sondern sogar
vom Pferde aus. Im Nahkampf aber führen sie keine Schwerter, sondern
Äxte, die durch ihre Schärfe oder Schwere tödlich verwunden, je nachdem
man sie zum Hieb oder Stich verwendet. In der Erfindung von
Kriegsmaschinen beweisen die Utopier ganz besonderen Scharfsinn; die
fertigen Maschinen halten sie mit größter Sorgfalt geheim, damit sie
nicht bekannt werden, ehe man sie braucht, und nicht mehr Spott und Hohn
erregen als Nutzen stiften. Bei ihrer Herstellung achtet man besonders
darauf, daß sie leicht zu fahren und bequem zu lenken sind. Einen
Waffenstillstand, den die Utopier mit dem Feind abschließen, halten sie
so gewissenhaft, daß sie ihn nicht einmal dann verletzen, wenn sie
gereizt werden. Im Feindesland richten sie keine Verwüstungen an; auch
brennen sie die Saaten nicht nieder. Ja, sie sorgen sogar dafür, daß
nach Möglichkeit weder Menschen noch Pferde die Saaten zertreten, weil
sie der Ansicht sind, daß sie zu ihrem eigenen Vorteil wachsen. Einem
Wehrlosen tun sie nichts zuleide, wenn er nicht gerade ein Spion ist.
Städte, die sich ihnen ergeben, schonen sie; aber auch solche, die sie
erst erobern müssen, plündern sie nicht; wohl aber lassen sie diejenigen
Bürger, die die Übergabe zu verhindern gesucht haben, erwürgen, während
sie die anderen Verteidiger zu Sklaven machen. Der gesamten Bevölkerung,
die nicht mitgekämpft hat, wird kein Haar gekrümmt. Wenn die Utopier
erfahren, daß einige Bürger zur Übergabe geraten haben, so machen sie
ihnen einen Teil von dem Hab und Gut der Verurteilten zum Geschenk; den
Rest geben sie ihren Hilfstruppen: denn von ihnen selbst begehrt niemand
einen Anteil an der Beute. Nach Beendigung des Krieges aber legen sie
die Kosten nicht ihren Freunden auf, für die sie sie aufgewendet haben,
sondern den Besiegten und fordern auf Grund dessen zum Teil bares Geld,
das sie dann für ähnliche Kriegszwecke aufsparen, zum Teil Grund und
Boden, der ihnen im Lande der Besiegten dauernd gehört und einen nicht
geringen Ertrag bringt.
Derartige Einkünfte haben die Utopier jetzt bei vielen Völkern; sie sind
aus verschiedenen Ursachen im Laufe der Zeit entstanden und bis auf mehr
als 700000 Dukaten im Jahr angewachsen. Zu ihrer Erhebung entsenden sie
einige von ihren Mitbürgern als sogenannte Quästoren, die in dem fremden
Lande prächtig leben und in der Art großer Herren auftreten. Aber
trotzdem bleibt noch viel Geld übrig, das in die Staatskasse fließt,
soweit es die Quästoren nicht lieber dem betreffenden Volke leihen
wollen, was sie häufig so lange tun, bis sie es notwendig brauchen. Und
kaum jemals kommt es vor, daß sie den ganzen Betrag zurückverlangen. Von
dem erwähnten Grund und Boden übereignen die Utopier einen Teil
denjenigen, die sich auf ihre Veranlassung einer so großen Gefahr
aussetzten, wie ich sie weiter oben geschildert habe.
Greift irgendein Fürst zu den Waffen gegen die Utopier und schickt er
sich an, in ihr Gebiet einzufallen, so treten sie ihm sogleich mit
starken Kräften außerhalb ihres Landes entgegen; denn weder führen sie
ohne Not im eigenen Lande Krieg, noch ist irgendeine Not jemals so
schlimm, daß sie die Utopier zwingen könnte, fremde Hilfstruppen auf
ihre Insel zu lassen.