Die Religion der Utopier

Die religiösen Vorstellungen sind nicht nur in den einzelnen Teilen der

Insel, sondern auch in den einzelnen Städten verschieden, indem die

einen die Sonne, die andern den Mond und wieder andere diesen oder jenen

Planeten als Gottheit anbeten. Einige verehren auch einen beliebigen

Menschen, der vor alters durch Tugend oder Ruhm geglänzt hat, nicht bloß

als Gott, sondern sogar als höchsten Gott. Aber der weit größte und

zugleich weitaus klügere Teil glaubt an nichts von alledem, sondern nur

an ein einziges, unerkanntes, ewiges, unendliches und unerforschliches

göttliches Wesen, das über menschliches Begriffsvermögen erhaben ist und

dieses ganze Weltall erfüllt, und zwar als tätige Kraft, nicht als

körperliche Masse; man nennt es Vater. Ihm schreibt man Ursprung,

Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ende aller Dinge zu, und ihm allein

erweist man göttliche Ehren. Mit den Anhängern dieser Lehre stimmen auch

alle anderen trotz aller Glaubensunterschiede in diesem einen Punkte

überein, daß sie an _ein_ höchstes Wesen glauben, dem die Erschaffung

der Welt und die Vorsehung zu verdanken ist, und dieses göttliche Wesen

nennen sie alle ohne Unterschied in ihrer heimischen Sprache Mythras.

Aber insofern sind sie verschiedener Ansicht, daß die einzelnen ihn

verschieden auffassen. Dabei glaubt aber jeder, was es auch sein möge,

das er persönlich für das Höchste hält, es sei doch durchaus dasselbe

Wesen, dessen göttliche Macht und Majestät allein nach der

übereinstimmenden Überzeugung aller Völker der Inbegriff aller Dinge

ist. Indessen machen sie sich alle im Laufe der Zeit von der

Mannigfaltigkeit abergläubischer Vorstellungen frei und lassen ihre

Anschauungen zu jener einen Religion verschmelzen, die, wie es scheint,

vernünftiger ist als die anderen. Und ohne Zweifel wären die übrigen

religiösen Vorstellungen schon längst nicht mehr vorhanden, wenn nicht

alles Ungemach, das jemandem bei dem Vorhaben, seine Religion zu

wechseln, zufällig widerfährt, von ihm aus Furcht als eine Schickung des

Himmels aufgefaßt würde, gleich als ob die Gottheit, deren Verehrung

aufgegeben werden sollte, den gottlosen und gegen sie gerichteten Plan

ahnden wolle. Nachdem die Utopier jedoch durch uns von Christi Namen,

Lehre, Art und Wundern gehört hatten und ebenso von der

staunenerregenden Standhaftigkeit der zahlreichen Märtyrer, deren

freiwillig vergossenes Blut so zahlreiche Völker weit und breit zu

Christus bekehrt hat, da nahmen auch sie mit einem kaum glaublichen

Verlangen seine Lehre an, sei es nun, weil es Gott ihnen mehr im

geheimen eingab, oder sei es, weil das Christentum, wie es schien, der

bei ihnen selbst am weitesten verbreiteten Lehre am nächsten kam.

Gleichwohl möchte ich auch dem Umstand nicht wenig Gewicht beimessen,

daß sie gehört hatten, Christus habe an der gemeinschaftlichen

Lebensweise seiner Jünger Gefallen gefunden und sie sei bei den

Zusammenkünften der echten Christen noch heutigestags üblich. Von

welcher Bedeutung das nun auch gewesen sein mag, jedenfalls traten nicht

wenige zu unserem Glauben über und ließen sich mit dem geweihten Wasser

taufen. Leider war unter uns vieren -- nur so viele waren wir noch, da

zwei gestorben waren -- kein Priester. Infolgedessen müssen die Utopier,

wenn sie auch im übrigen eingeweiht sind, dennoch bis heute auf den

Genuß der Sakramente verzichten, da diese bei uns nur die Priester

spenden dürfen. Doch sind sie sich über deren Wert und Bedeutung klar

und haben keinen sehnlicheren Wunsch; ja, sie erörtern bereits lebhaft

die Frage, ob nicht auch ohne Auftrag des Papstes der Christenheit einer

aus ihren Reihen gewählt und zum Priester ernannt werden kann. Und es

schien so, als hätten sie die Absicht, einen zu wählen, aber bei meiner

Abreise war das noch nicht geschehen.

Auch die, die vom Christentum nichts wissen wollen, machen trotzdem

niemanden abspenstig und lassen jeden, der dazu übertritt, unbehelligt.

Nur einer aus unserer Gemeinschaft wurde während meiner Anwesenheit

verhaftet. Als Neugetaufter redete er, obgleich wir ihm davon abrieten,

öffentlich über die Verehrung Christi mit mehr Eifer als Klugheit. Dabei

geriet er allmählich so in Hitze, daß er sich bald nicht mehr damit

begnügte, das, was nur uns heilig ist, über alles andere zu stellen. Er

verurteilte vielmehr ohne weiteres alle anderen Lehren, nannte sie

unheilig und bezeichnete ihre Anhänger als ruchlose Gotteslästerer, die

es verdienten, in die Hölle zu kommen. Wenn einer lange öffentlich so

redet, nehmen ihn die Utopier fest und stellen ihn vor Gericht, aber

nicht wegen Religionsverletzung, sondern wegen Volksverhetzung, und,

wenn er für schuldig befunden wird, bestrafen sie ihn mit Verbannung;

denn unter ihre ältesten Bestimmungen rechnen sie die, daß niemand von

seiner Religion Schaden haben darf. Utopus hatte nämlich gleich anfangs

erfahren, daß die Eingeborenen vor seiner Ankunft beständig

Religionskämpfe miteinander geführt hatten; er hatte auch beobachtet,

daß bei der allgemeinen Uneinigkeit die Sekten einzeln für das Vaterland

kämpften und daß ihm dieser Umstand Gelegenheit bot, sie insgesamt zu

besiegen. Als er dann den Sieg errungen hatte, setzte er

Religionsfreiheit für jedermann fest und bestimmte außerdem, wenn jemand

auch andere zu seinem Glauben bekehren wolle, so dürfe er es nur in der

Weise betreiben, daß er seine Ansicht ruhig und bescheiden auf

Vernunftgründen aufbaue, die anderen aber nicht mit bitteren Worten

zerpflücke. Gelinge es ihm nicht, durch Zureden zu überzeugen, so solle

er keinerlei Gewalt anwenden und sich nicht zu Schimpfworten hinreißen

lassen. Geht aber jemand in dieser Sache zu ungestüm vor, so bestrafen

ihn die Utopier mit Verbannung oder Sklavendienst. Diese Bestimmung traf

Utopus nicht bloß im Interesse des Friedens, den, wie er sah,

beständiger Kampf und unversöhnlicher Haß von Grund aus zerstörten,

sondern weil er der Ansicht war, damit sei auch der Religion gedient. Er

wagte es auch nicht, über die Religion so ohne weiteres eine

Entscheidung zu treffen, gleichsam in Ungewißheit darüber, ob Gott nicht

doch einen mannigfaltigen und vielseitigen Kult haben wolle und deshalb

die einzelnen auf verschiedene Weise inspiriere. Jedenfalls hielt er es

für eine Anmaßung und Torheit, wenn jemand mit Gewalt und Drohungen

verlangte, daß alle seine persönliche Ansicht über die Wahrheit teilten.

Sollte aber wirklich nur einer Religion die meiste Wahrheit zukommen und

sollten alle anderen wertlos sein, so würde sich dann schließlich

einmal, das sah Utopus sicher voraus, die Macht der Wahrheit schon von

selbst Bahn brechen und sich deutlich offenbaren, wenn man ihre Sache

nur mit Vernunft und Mäßigung betreibe. Kämpfe man aber mit Waffen und

Aufruhr um die Religion, so werde die beste und erhabenste zwischen den

nichtigsten Wahnvorstellungen der Streitenden erstickt werden wie die

Saaten zwischen Dornen und Gestrüpp, da gerade die schlechtesten

Menschen am hartnäckigsten seien. Daher ließ Utopus diese ganze Frage

unentschieden und stellte es einem jeden anheim, was er glauben wollte.

Nur sollte niemand, das gebot er feierlich und streng, die Würde der

menschlichen Natur so weit vergessen, daß er annehme, die Seele gehe

zugleich mit dem Körper zugrunde oder im Laufe der Welt walte der blinde

Zufall und nicht die göttliche Vorsehung. Und deshalb erwarten den

Menschen, wie die Utopier glauben, nach diesem Leben Strafen für seine

Missetaten und Belohnungen für seine Tugenden. Wer das Gegenteil

annimmt, ist in ihren Augen nicht einmal ein Mensch, weil er die

menschliche Seele in ihrer Erhabenheit in den niedrigen Zustand

tierischer Körperlichkeit herunterdrückt; weit weniger noch rechnen sie

ihn zu ihren Mitbürgern. Denn um all ihre Einrichtungen und Sitten würde

er sich nicht im geringsten kümmern, wenn ihn nicht die Furcht davon

abhielte. Wer sollte nämlich daran zweifeln, daß ein solcher Mensch

danach trachten würde, die Staatsgesetze seines Landes entweder im

geheimen mit List zu umgehen oder mit Gewalt zu verletzen, sofern er

dadurch seine persönlichen Wünsche befriedigen kann, da er ja über die

Gesetze hinaus nichts mehr fürchtet und über den Tod hinaus nichts mehr

erhofft? Deshalb erweist man einem, der so gesinnt ist, keine Ehre und

überträgt ihm auch kein öffentliches Amt. So wird er allenthalben als

ein unbrauchbarer Mensch von niedrigem Charakter verachtet. Aber eine

wirkliche Strafe erleidet er nicht, weil es die Überzeugung der Utopier

ist, daß es nicht im Belieben des Menschen steht zu glauben, was er

will. Sie zwingen ihn auch weder mit irgendwelchen Drohungen, seine

wahre Gesinnung zu verheimlichen, noch lassen sie Heuchelei und Lügen

zu, die in ihren Augen an Betrug grenzen und ihnen deshalb überaus

verhaßt sind. Wohl aber verbieten sie ihm, seine Meinung zu verteidigen,

jedoch nur vor der großen Masse. Sonst nämlich, in einem geschlossenen

Kreise von Priestern und ernsten Männern, lassen sie es nicht bloß zu,

sondern fordern auch noch dazu auf, weil sie zuversichtlich damit

rechnen, sein Wahnsinn werde doch noch endlich einmal der Vernunft

weichen.

Andere, und zwar gar nicht wenige, begehen den gerade entgegengesetzten

Fehler -- man macht ihnen keine Schwierigkeiten, da ihre Ansicht nicht

ganz unbegründet ist und sie selbst nicht bösartig sind -- und meinen,

auch die Tierseelen seien unsterblich, jedoch nicht vergleichbar an

Würde mit unseren Menschenseelen und auch nicht zu gleicher

Glückseligkeit geschaffen. Die Utopier sind nämlich fast alle fest davon

überzeugt, daß den Menschen eine unbegrenzte Glückseligkeit bevorsteht.

Infolgedessen wehklagen sie stets, wenn jemand krank ist, niemals aber,

wenn jemand stirbt; sie müßten denn gerade sehen, wie sich der Sterbende

nur mit Angst und Widerwillen vom Leben losreißt. Das halten sie nämlich

für ein ganz schlimmes Vorzeichen, gleich als ob die Seele ohne Hoffnung

und mit schlechtem Gewissen in irgendeiner dunklen Ahnung drohender

Strafe vor dem Ende zurückschaudere. Außerdem wird sich nach ihrer

Meinung Gott nicht über die Ankunft eines Menschen freuen, der auf

seinen Ruf nicht bereitwillig herbeieilt, sondern sich nur ungern und

widerstrebend hinschleppen läßt. Vor einem solchen Sterben entsetzen

sich denn auch die, die es mit ansehen, und wer so stirbt, wird in

Trauer und aller Stille aus der Stadt getragen; dann betet man zu dem

den Seelen der Verstorbenen gnädigen Gott, er möge dem Heimgegangenen

seine Sünden aus Gnaden vergeben, und setzt die Leiche bei. Wer dagegen

freudig und voll Zuversicht stirbt, wird von niemandem betrauert,

sondern unter Gesang gibt man ihm das letzte Geleit und empfiehlt seine

Seele liebevoll dem großen Gott. Schließlich verbrennt man den Leichnam

mehr in Ehrfurcht als in Trauer und errichtet an Ort und Stelle eine

Denksäule, in die die Ehrentitel des Toten eingemeißelt sind. Nach der

Rückkehr von der Beisetzung unterhält man sich über Lebenswandel und

Taten des Heimgegangenen, und kein Abschnitt seines Lebens wird dabei

häufiger oder lieber besprochen als sein seliges Ende.

Dieses ehrende Gedenken rechtschaffener Menschen ist in den Augen der

Utopier für die Lebenden ein überaus wirksamer Anreiz zur Tugend und

zugleich für die Verstorbenen eine höchst willkommene Verehrung. Sie

denken sich nämlich, daß die Heimgegangenen bei den Gesprächen über sie

zugegen sind, wenn auch unsichtbar für das schwache Auge der

Sterblichen. Einerseits nämlich würde es gar nicht mit ihrer

Glückseligkeit vereinbar sein, wenn sie in ihrer Bewegungsfreiheit

beschränkt wären, und anderseits wäre es undankbar von ihnen, wenn sie

überhaupt keine Sehnsucht mehr empfänden, ihre Lieben wiederzusehen, mit

denen sie bei Lebzeiten durch gegenseitige Liebe und Hochschätzung

verbunden waren, Neigungen, die bei guten Menschen, so vermutet man, wie

die übrigen trefflichen Eigenschaften nach dem Tode eher noch zu- als

abnehmen. Die Utopier glauben demnach, daß die Toten unter den Lebenden

weilen als Ohren- und Augenzeugen ihrer Worte und Taten, und

infolgedessen gehen sie mit größerer Zuversicht an ihre Geschäfte,

gleichsam im Vertrauen auf solchen Schutz; auch lassen sie sich durch

den Glauben an die Anwesenheit ihrer Vorfahren von geheimer Schandtat

abschrecken.

Auf Weissagungen und die sonstigen Prophezeiungen eines hohlen

Aberglaubens, die andere Völker gewissenhaft beachten, legen die Utopier

gar keinen Wert, ja sie machen sich sogar darüber lustig. Wunder

dagegen, soweit sie ohne jede natürliche Veranlassung geschehen,

verehren sie als Taten und Zeugnisse der anwesenden Gottheit. Solche

Wunder kommen in Utopien, wie es heißt, häufig vor, und in wichtigen und

zweifelhaften Fragen flehen sie bisweilen darum mit großer Zuversicht

und unter Veranstaltung eines großen Betfestes und erwirken auch ein

Wunder.

Für eine Gott wohlgefällige Verehrung halten die Utopier die Betrachtung

der Natur sowie das Lob, das man Gott als ihrem Schöpfer spendet. Doch

gibt es auch Leute, und zwar keineswegs wenige, die unter Berufung auf

ihren Glauben von den Wissenschaften nichts wissen wollen, sich um

keinerlei Erkenntnis der Natur bemühen und Muße überhaupt nicht kennen:

nur durch Betätigung und gute Dienste, die man den Mitmenschen erweist,

erwirbt man sich nach ihrer Meinung Anspruch auf die Glückseligkeit nach

dem Tode. Daher widmen sich die einen der Krankenpflege, die anderen

bessern Wege aus, reinigen Gräben, bringen Brücken in Ordnung, stechen

Rasen aus, schaufeln Sand und graben Steine aus, fällen und zersägen

Bäume, fahren auf Zweigespannen Holz, Feldfrüchte und andere Dinge in

die Städte und benehmen sich nicht nur in der Tätigkeit für die

Allgemeinheit, sondern auch in der für Privatleute wie Diener und sind

noch arbeitsamer als Sklaven. Denn jede mühsame, schwierige und

schmutzige Arbeit, die es irgendwo gibt und von der Anstrengung,

Widerwille und Verzweiflung die meisten zurückschrecken, nehmen sie

willig und fröhlich ganz auf sich. Den anderen verschaffen sie Muße, sie

selber aber arbeiten und plagen sich ohne Unterlaß, ohne jedoch Dank

dafür zu beanspruchen; auch tadeln sie die Lebensweise anderer nicht, um

ihre eigene dafür zu rühmen. Je mehr sich die Leute als Sklaven zeigen,

desto größere Ehre erweist ihnen jedermann. Unter ihnen gibt es nun zwei

Sekten. Die eine ist die der Ledigen. Diese enthalten sich völlig des

Geschlechtsverkehrs; auch essen sie kein Fleisch, einige sogar, ohne mit

irgendeinem Tier eine Ausnahme zu machen. Alle Freuden dieses Lebens

verwerfen sie als schädlich, und in der Hoffnung auf einen baldigen Tod

trachten sie leidenschaftlich danach, durch Nachtwachen und mühselige

Arbeit nur die Freuden des künftigen Lebens zu erlangen. Die Anhänger

der anderen Sekte sind nicht weniger auf Arbeit erpicht, ziehen es aber

dabei vor, zu heiraten; denn sie verschmähen die Kräfte nicht, die von

der Ehe ausgehen, und glauben der Natur ihren Zoll entrichten zu müssen

und dem Vaterlande Kinder schuldig zu sein. Jedes Vergnügen, das sie in

keiner Beziehung von der Arbeit abhält, ist ihnen willkommen. Das

Fleisch vierfüßiger Tiere schätzen sie schon aus dem Grunde, weil sie

von einer solchen Nahrung eine bessere Kräftigung zu jeder Arbeit

erwarten. Die Anhänger dieser Sekte sind in den Augen der Utopier

klüger, die der anderen dagegen frömmer. Die letzteren würde man

auslachen, wenn sie sich bei der Bevorzugung der Ehelosigkeit und eines

beschwerlichen Lebens auf Gründe der Vernunft stützen wollten; so aber

betrachtet man sie wegen ihrer religiösen Beweggründe mit Ehrfurcht und

Hochachtung. Vor nichts scheuen sie sich nämlich ängstlicher als vor

irgendeiner unbedachten Äußerung über die Religion. Derart also sind die

Leute, die die Utopier mit einem besonderen Namen in ihrer Landessprache

als »Buthresken« bezeichnen, was etwa unserem Worte »Mönche« entspricht.

Die Priester der Utopier sind außerordentlich fromm und deshalb sehr

gering an Zahl. Es gibt nämlich in jeder Stadt nicht mehr als dreizehn,

entsprechend der Zahl der Gotteshäuser, außer in Kriegszeiten. Dann aber

ziehen sieben von ihnen mit dem Heere ins Feld und werden in der

Zwischenzeit durch eine gleiche Anzahl ersetzt. Kommen dann die anderen

zurück, so nimmt jeder von ihnen wieder seine alte Stelle ein. Die

Überzähligen treten der Reihe nach an die Stelle der mit Tod Abgehenden;

bis dahin sind sie Gehilfen des Oberpriesters, und einer wird an ihre

Spitze gestellt. Die Priester werden vom Volke gewählt, und zwar wie die

übrigen Beamten in geheimer Abstimmung, wodurch man Begünstigungen

vermeiden will; die Weihe der Gewählten vollzieht dann ihr eigenes

Kollegium. Die Priester leiten den Gottesdienst, besorgen die

Angelegenheiten des Kultus und sind eine Art Sittenrichter, und es gilt

als eine große Schande, wenn jemand von ihnen wegen seines schlechten

Lebenswandels vorgeladen und zur Rede gestellt wird. Wenn auch die

Priester das Recht haben zu ermahnen und zu warnen, so steht doch die

Befugnis zu einer Maßregelung und Bestrafung von Übeltätern nur dem

Bürgermeister und den übrigen Amtspersonen zu, nur daß die Priester

ihrerseits diejenigen, die sie als schlimme Sünder kennenlernen, vom

Gottesdienst ausschließen. Und es gibt kaum eine Strafe, die man mehr

fürchtet; denn sie macht völlig ehrlos und erweckt eine geheime

religiöse Furcht, die den Sinn zerrüttet, da die so Bestraften auch

nicht hinsichtlich ihres Körpers lange ohne Sorge sein können. Wenn sie

nämlich die Priester nicht schnell von ihrer Reue überzeugen, werden sie

festgenommen und vom Senat wegen Gottlosigkeit bestraft.

Der Unterricht der Kinder und Jugendlichen liegt in den Händen der

Priester, und diese lassen sich mehr die Erziehung zu Sitte und Tugend

als die wissenschaftliche Ausbildung angelegen sein. Sie verwenden

nämlich den größten Fleiß darauf, den noch zarten und empfänglichen

Kinderherzen von Anfang an gesunde und der Erhaltung ihres Staates

dienliche Anschauungen einzupflanzen. Wenn diese erst einmal im Kinde

festsitzen, begleiten sie den Erwachsenen durchs ganze Leben und sind

von großem Nutzen für die Erhaltung des Staates; denn was einen Staat

zerfallen läßt, sind einzig und allein die Laster, die ihrerseits wieder

aus verkehrten Anschauungen entstehen.

Die Priester sind mit den erlesensten Frauen ihres Volkes verheiratet,

soweit sie nicht selbst Frauen sind; denn auch die Frauen sind vom

Priestertum nicht ausgeschlossen; aber eine Frau wird seltener gewählt

und auch dann nur, wenn sie verwitwet und betagt ist. Keine Behörde

genießt nämlich bei den Utopiern größere Ehre, und zwar in dem Ausmaße,

daß ein Priester, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, keinem

öffentlichen Gericht untersteht: Gott allein und sich selbst ist er

überlassen. Die Utopier halten es nämlich für Sünde, den mit

Menschenhand zu berühren, und wäre er auch ein noch so schlimmer

Verbrecher, der Gott auf eine so einzigartige Weise gleichsam als Opfer

geweiht ist. Diesen Brauch können sie leichter einhalten, weil ihre

Priester so gering an Zahl sind und mit so großer Sorgfalt ausgewählt

werden. Kommt es doch nur selten vor, daß ein Mann, der, aus der Zahl

der Guten als Bester ausgesucht, allein wegen seiner Tüchtigkeit zu so

hoher Würde erhoben wird, zu Verderbtheit und Lasterhaftigkeit entartet.

Sollte es aber bei der Unbeständigkeit der menschlichen Natur immerhin

einmal vorkommen, so braucht man davon für die Allgemeinheit durchaus

keinen Schaden von großer Bedeutung zu befürchten, da die Zahl der

Priester nur gering ist und sie außer ihrem Ansehen keinerlei Macht

besitzen. Die Utopier beschränken aber die Zahl ihrer Priester deshalb

so stark, weil das Ansehen des Standes, dem sie jetzt so große Verehrung

erweisen, nicht dadurch an Bedeutung verlieren soll, daß sie seine Ehre

vielen zuteil werden lassen, zumal da sie es für schwierig halten, viele

Leute zu finden, die tugendhaft genug zur Bekleidung eines Amtes sind,

für dessen Würde eine nur mittelmäßige Tugendhaftigkeit nicht ausreicht.

Die Wertschätzung der Priester ist bei den auswärtigen Völkern nicht

geringer als bei ihren Landsleuten. Das geht deutlich aus einem Brauche

hervor, den ich auch für den Ursprung dieser Wertschätzung halte.

Während nämlich die Truppen in der Schlacht um die Entscheidung kämpfen,

halten sich die Priester abseits, aber nicht weit entfernt, und liegen

in ihren geweihten Gewändern auf den Knien. Die Hände zum Himmel

erhoben, beten sie zu allererst um Frieden, sodann um Sieg für ihr Volk,

aber um einen Sieg, der für beide Teile nicht blutig ist. Im Falle des

Sieges ihres Volkes eilen sie in den Kampf und gebieten dem Wüten gegen

die Geschlagenen Einhalt. Wer sie nur sieht und anruft, wenn sie da

sind, sichert sich sein Leben; wer ihre wallenden Gewänder berührt,

schützt auch, was ihm sonst noch gehört, vor jeder kriegerischen

Gewalttat. Infolgedessen genießen die Priester bei allen Völkern ringsum

eine so große Verehrung und so viel wirklich majestätisches Ansehen, daß

die Schonung, die sie vom Feinde für ihre Mitbürger erwirkten, oft nicht

geringer war als die, die sie bei diesen für den Feind erreicht hatten.

So viel steht jedenfalls fest: schon manchmal, wenn die Front ihrer

Landsleute ins Wanken geraten war, wenn diese in ihrer verzweifelten

Lage zu fliehen begannen und der Feind zu Gemetzel und Plünderung

heranstürmte, traten die Priester dazwischen, unterbrachen das

Blutvergießen, trennten die Truppen voneinander, brachten unter

gerechten Bedingungen einen Frieden zustande und schlossen ihn ab. Denn

noch niemals ist ein Volk so wild, so grausam und so barbarisch gewesen,

daß es ihre Person nicht für heilig und unverletzlich gehalten hätte.

Als Festtage begehen die Utopier den ersten und letzten Tag eines jeden

Monats und Jahres. Dieses teilen sie in Monate ein, die der Umlauf des

Mondes abgrenzt, wie der Kreislauf der Sonne das Jahr rundet. Alle

Anfangstage heißen auf utopisch »Cynemerner« und die Schlußtage

»Trapemerner«, was etwa soviel wie Anfangs- und Schlußfeste bedeutet.

Man sieht in Utopien prachtvolle Tempel, die nicht bloß mit großer Kunst

gebaut sind, sondern auch eine gewaltige Menschenmenge fassen, was ja

bei ihrer geringen Anzahl auch unbedingt notwendig ist. Gleichwohl sind

sie alle halbdunkel, und zwar soll das nicht auf mangelhafte Kenntnis in

der Baukunst zurückgehen, sondern auf einen Rat der Priester. Nach deren

Meinung nämlich lenkt zuviel Licht die Gedanken ab, sparsameres und

gleichsam unsicheres Licht dagegen trägt zur Sammlung des Geistes und

zur Vertiefung der Andacht bei. Zwar ist in Utopien die Religion nicht

überall die gleiche, aber all ihre, wenn auch verschiedenen und

vielfältigen Formen kommen trotz Verschiedenheit der Wege in einem

einheitlichen Ziele zusammen, in der Verehrung eines göttlichen Wesens.

Infolgedessen ist in den Tempeln nichts zu sehen oder zu hören, was

nicht für alle Religionsformen ohne Unterschied passend erschiene. Einen

seiner Sekte etwa eigentümlichen Brauch vollzieht ein jeder innerhalb

seiner vier Wände; den öffentlichen Kult dagegen führt man in einer Form

durch, die keiner Religion etwas von ihren Besonderheiten nimmt. Daher

ist auch kein Götterbild im Tempel zu sehen, so daß es jedem freisteht,

unter welcher Gestalt er sich die Gottheit seinem persönlichen Glauben

gemäß vorstellen will. Sie rufen Gott unter keinem besonderen Namen an,

sondern nur als Mythras, ein Wort, mit dem sie alle übereinstimmend das

eine Wesen göttlicher Majestät bezeichnen, welcher Art es auch sein mag.

Die Gebete, die in Utopien abgefaßt werden, sind auch alle derart, daß

sich jeder ihrer bedienen kann, ohne gegen seinen persönlichen Glauben

zu verstoßen.

Im Tempel kommen die Utopier an den Schlußfesttagen abends zusammen,

ohne noch etwas zu sich genommen zu haben, um Gott für den Segen zu

danken, den er in dem Jahre oder Monat, dessen letzter Tag dieser

Festtag ist, gespendet hat. In der Frühe des nächsten Tages -- denn das

ist dann ein Anfangsfesttag -- strömt das Volk in den Tempeln zusammen,

um für das folgende Jahr oder den folgenden Monat, den sie mit dieser

Feier beginnen wollen, Glück und Segen zu erbitten. Ehe man aber an den

Schlußfesttagen in den Tempel geht, werfen sich daheim die Frauen ihren

Männern und die Kinder ihren Eltern zu Füßen und bekennen ihnen ihre

Verfehlungen, mag es sich nun um eine Missetat oder um eine mangelhafte

Pflichterfüllung handeln, und bitten um Vergebung ihrer Schuld. So wird

jedes Wölkchen häuslicher Zwietracht, das etwa aufsteigt, durch solche

Abbitte verscheucht, und man nimmt reinen Herzens und unbeschwerten

Sinnes am Gottesdienst teil. Man scheut sich nämlich, mit verstörtem

Sinn dem Gottesdienst beizuwohnen. Ist man sich deshalb bewußt, Haß oder

Zorn gegen jemand zu hegen, so geht man erst dann wieder zum

Gottesdienst, wenn man sich versöhnt und von den Leidenschaften

gereinigt hat, weil man sonst eine schnelle und schwere Strafe

fürchtet. Im Tempel angekommen, gehen die Männer auf die rechte und die

Frauen gesondert auf die linke Seite. Dann nehmen sie in der Weise

Platz, daß die männlichen Mitglieder eines jeden Hauses vor dem

Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die Reihe der weiblichen

Mitglieder schließt. Auf diese Weise können sämtliche Bewegungen aller

Hausgenossen außerhalb des Hauses von denen beobachtet werden, deren

Autorität und Zucht sie auch innerhalb des Hauses unterstehen. Ja, die

Utopier sehen auch gewissenhaft darauf, daß im Tempel immer ein Jüngerer

mit einem Älteren zusammensitzt, damit nicht die Kinder sich selbst

überlassen bleiben und sich nicht während des Gottesdienstes kindisch

und albern benehmen. Denn gerade in dieser Zeit sollten sie es lernen,

fromme Scheu vor den Himmlischen zu hegen, die ja der stärkste und

beinahe der einzige Ansporn zur Tugend ist. Wenn die Utopier opfern, so

schlachten sie kein Tier, und sie können nicht glauben, daß sich Gott in

seiner Güte über Blutvergießen und Morden freut; hat er doch den

Lebewesen das Leben zu dem Zwecke geschenkt, daß sie leben. Sie

verbrennen Weihrauch und ebenso anderes Räucherwerk; auch stecken sie

zahlreiche Wachskerzen auf, nicht als ob sie nicht wüßten, daß das Wesen

Gottes dieser Dinge nicht bedarf, ebensowenig wie ja auch der Gebete der

Menschen, aber sie finden Gefallen an dieser harmlosen Art

Gottesverehrung, und die Menschen fühlen, daß diese Düfte, Lichter und

sonstigen Feierlichkeiten sie irgendwie innerlich aufrichten und zur

Verehrung Gottes freudiger stimmen. Im Tempel trägt das Volk weiße

Gewänder, der Priester dagegen buntfarbige, die nach Arbeit und Form

Bewunderung verdienen; nur ist der Stoff nicht ebenso wertvoll. Die

Gewänder sind nämlich nicht mit Gold gestickt oder mit seltenen Steinen

besetzt, sondern aus einzelnen Vogelfedern so geschickt und kunstvoll

gearbeitet, daß auch der kostbarste Stoff dieser Arbeit an Wert nicht

gleichkommen würde. Wie es außerdem heißt, sind in jenen Schwung- und

Flaumfedern sowie in ihrer bestimmten Anordnung, durch die sie auf dem

Priestergewande unterschieden werden, gewisse geheime Mysterien

verborgen. Ihre Auslegung ist den Priestern bekannt und wird von ihnen

gewissenhaft weiter überliefert; die Menschen sollen dadurch an die

Wohltaten erinnert werden, die ihnen Gott erweist, an den Dank, den sie

ihm dafür schulden, und an die Pflichten, die sie gegenseitig zu

erfüllen haben.

Sobald sich der Priester in diesem Ornat vor dem Allerheiligsten zeigt,

werfen sich alle sofort voll Ehrfurcht zu Boden unter so allgemeinem und

tiefen Schweigen, daß schon der bloße Anblick dieses Vorgangs eine Art

Schauer einflößt, als wenn eine Gottheit zugegen wäre. Sie bleiben eine

Weile liegen und erheben sich erst, wenn ihnen der Priester ein Zeichen

gibt. Dann singen sie Gott zu Ehren Hymnen, wozu sie zwischendurch auf

Musikinstrumenten spielen. Diese haben zu einem großen Teile eine andere

Gestalt als die, die man in unserem Erdteil zu sehen bekommt. Die

meisten von ihnen übertreffen zwar die bei uns gebräuchlichen wesentlich

an Wohlklang, doch sind einige mit den unsrigen nicht einmal zu

vergleichen. In einer Beziehung jedoch sind uns die Utopier

unzweifelhaft weit voraus, darin nämlich, daß all ihre Musik, und zwar

die Instrumentalmusik ebenso wie die Vokalmusik, die natürlichen

Seelenzustände deutlich nachahmt und widerspiegelt, daß der Klang sich

dem Inhalt des Musikstückes treffend anpaßt, mag es sich um Worte eines

Betenden oder um den Ausdruck der Freude, der Sanftmut, der Aufregung,

der Trauer oder des Zornes handeln, und daß die Art der Melodie den Sinn

eines jeden Textes so lebendig veranschaulicht, daß sie die Herzen der

Zuhörer in wunderbarer Weise ergreift, erschüttert und entflammt.

Zuletzt sprechen Priester und Volk zusammen feierliche Gebete in

bestimmten Fassungen, die so gehalten sind, daß jeder einzelne auf sich

beziehen kann, was alle zusammen hersagen. In diesen Gebeten ruft sich

jeder Gott als den Schöpfer und Lenker des Weltalls und als den Geber

all der anderen Güter wieder ins Gedächtnis, dankt ihm für die zahllosen

Wohltaten, die er empfangen hat, besonders aber dafür, daß ihn Gottes

Güte und Gnade im glücklichsten Staat leben und an einer Religion

teilnehmen läßt, die, wie er hofft, der Wahrheit am nächsten kommt.

Sollte er sich darin irren oder sollte es einen besseren Staat oder eine

bessere Religion geben, die auch Gott genehmer wäre, so bitte er darum,

seine Güte möge es ihn erkennen lassen; er wolle ihm bereitwillig

folgen, wohin er ihn auch führe. Sollte aber diese Staatsform die beste

und seine Religionsauffassung die richtigste sein, so möge ihm Gott

Beständigkeit verleihen und die anderen Menschen alle zu denselben

Lebensgrundsätzen und zu derselben Vorstellung von Gott bekehren, falls

er nicht in seinem unerforschlichen Willen auch an dieser

Mannigfaltigkeit der Bekenntnisse Gefallen finde. Endlich bittet er noch

darum, Gott möge ihn nach einem leichten Tode in sein Reich aufnehmen;

wie bald oder wie spät, das wage er nicht im voraus zu bestimmen.

Immerhin werde es ihm, soweit es ohne Verletzung der göttlichen Majestät

möglich sei, viel lieber sein, auch den schwersten Tod zu erleiden, um

eher zu Gott zu kommen, als durch das glücklichste Leben länger von ihm

ferngehalten zu werden. Nach diesem Gebet werfen sich alle abermals zu

Boden und erheben sich bald darauf wieder, um zum Essen zu gehen; den

Rest des Tages verbringen sie mit Spielen und militärischer Ausbildung.

* * * * *

Ich habe euch so wahrheitsgemäß wie möglich die Form dieses Staates

beschrieben, den ich bestimmt nicht nur für den besten, sondern auch für

den einzigen halte, der mit vollem Recht die Bezeichnung »Gemeinwesen«

für sich beanspruchen darf. Wenn man nämlich anderswo von Gemeinwohl

spricht, hat man überall nur sein persönliches Wohl im Auge; hier, in

Utopien, dagegen, wo es kein Privateigentum gibt, kümmert man sich

ernstlich nur um das Interesse der Allgemeinheit, und beide Male

geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie wenige in anderen Ländern

wissen nicht, daß sie trotz noch so großer Blüte ihres Staates Hungers

sterben würden, wenn sie nicht auf einen Sondernutzen bedacht wären! Und

deshalb zwingt sie die Not, eher an sich als an ihr Volk, das heißt an

andere, zu denken. Dagegen hier, in Utopien, wo alles allen gehört, ist

jeder ohne Zweifel fest davon überzeugt, daß niemand etwas für seinen

Privatbedarf vermissen wird, wofern nur dafür gesorgt wird, daß die

staatlichen Speicher gefüllt sind. Denn hier werden die Güter reichlich

verteilt, und es gibt keine Armen und keine Bettler, und obgleich

niemand etwas besitzt, sind doch alle reich. Könnte es nämlich einen

größeren Reichtum geben, als völlig frei von jeder Sorge, heiteren

Sinnes und ruhigen Herzens zu leben, nicht um seinen eigenen

Lebensunterhalt ängstlich besorgt, nicht gequält von der Geldforderung

der jammernden Gattin, ohne Furcht, der Sohn könne in Not geraten, ohne

Angst und Bange um die Mitgift der Tochter, sondern unbesorgt um den

eigenen Lebensunterhalt und um den der Seinen, der Gattin, der Söhne,

der Enkel, Urenkel und Ururenkel und der ganzen Reihe von Nachkommen, so

lang, wie sie ein Ehrenmann erwartet? Ja, diese Fürsorge erstreckt sich

sogar in demselben Umfange auf die, die früher gearbeitet haben, jetzt

aber nicht mehr dazu imstande sind, wie auf die, die jetzt noch

arbeiten. Da wünschte ich, es wagte jemand, mit dieser Billigkeit die

Gerechtigkeit anderer Völker zu vergleichen, und ich will des Todes

sein, wenn ich bei ihnen auch nur die geringste Spur von Gerechtigkeit

und Billigkeit finde! Oder ist das etwa Gerechtigkeit, wenn jeder

beliebige Edelmann oder Goldschmied oder Wucherer oder schließlich

irgendein anderer von denen, die entweder überhaupt nichts tun oder

deren Tätigkeit für den Staat nicht dringend notwendig ist, ein

prächtiges und glänzendes Leben führen darf auf Grund eines Verdienstes,

den ihm sein Nichtstun oder seine überflüssige Tätigkeit einbringt,

während zu gleicher Zeit der Tagelöhner, der Fuhrmann, der Schmied und

der Bauer mit seiner harten und ununterbrochenen Arbeit, wie sie kaum

ein Zugtier aushalten würde, die aber so unentbehrlich ist, daß ohne sie

kein Gemeinwesen auch nicht ein Jahr bloß auskommen könnte, einen nur so

geringen Lebensunterhalt verdient und ein so elendes Leben führt, daß

einem die Lage der Zugochsen weit besser vorkommen könnte, weil sie

nicht so dauernd arbeiten müssen, weil ihre Nahrung nicht viel

schlechter ist und ihnen sogar besser schmeckt und weil sie bei alledem

wegen der Zukunft keine Angst zu haben brauchen? Aber diese Menschen

quält eine erfolglose und undankbare Arbeit in der Gegenwart, auch

peinigt sie der Gedanke an ein hilfloses Alter. Denn wenn ihr täglicher

Verdienst zu kärglich ist, um auch nur für denselben Tag auszureichen,

kann auf keinen Fall etwas herausspringen und übrigbleiben, um täglich

für die Verwendung im Alter zurückgelegt zu werden. Ist das nicht eine

ungerechte und undankbare Gemeinschaft, die den sogenannten Edelleuten,

den Goldschmieden und den übrigen Leuten dieser Art, die weiter nichts

als Müßiggänger oder Schmarotzer sind und nur unnütze Luxusdinge

herstellen, in so verschwenderischer Weise ihre Gunst bezeugt, die

dagegen für die Bauern, Köhler, Tagelöhner, Fuhrleute und Schmiede, ohne

die überhaupt kein Staat bestehen könnte, in keinerlei Weise sorgt? Sie

nutzt die Arbeitskraft ihrer besten Lebensjahre aus und vergilt ihnen

dann, wenn sie schließlich, von Alter und Krankheit beschwert, an allem

Mangel leiden, auf höchst undankbare Weise, indem sie sie, uneingedenk

so vieler Nächte, die sie durchwacht, und so vieler und wichtiger

Dienste, die sie geleistet haben, auf ganz elende Weise sterben läßt.

Was soll man gar noch dazu sagen, daß die Reichen Tag für Tag von dem

täglichen Verdienst der Armen nicht nur durch privaten Betrug, sondern

sogar auf Grund staatlicher Gesetze etwas abzwacken? So haben diese

Menschen das, was früher als ungerecht galt: die höchsten Verdienste um

den Staat mit dem schnödesten Undank zu lohnen, in seiner Geltung

entstellt und sogar noch in Gerechtigkeit verwandelt, indem sie es durch

Gesetze sanktionierten. Wenn ich daher alle unsere Staaten, die heute

irgendwo in Blüte stehen, im Geiste betrachte und über sie nachdenke, so

stoße ich, so wahr mir Gott helfe, einzig und allein auf eine Art

Verschwörung der Reichen, die unter Mißbrauch des Namens- und

Rechtstitels eines Staates nur auf ihre persönlichen Interessen bedacht

sind. Sie ersinnen und denken sich alle möglichen Mittel und Ränke aus,

zunächst, um ihren unrechtmäßig erworbenen Besitz zu behalten, ohne

fürchten zu müssen, ihn zu verlieren, und sodann, um sich die

angestrengte Arbeit aller Armen so billig wie möglich zu erkaufen und zu

ihrem Vorteil zu mißbrauchen. Sobald nun die Reichen erst einmal im

Namen des Staates, also auch im Namen der Armen, beschlossen haben,

diese Machenschaften durchzuführen, erhalten sie sofort Gesetzeskraft.

Aber selbst wenn diese so schlechten Menschen alle diese Güter, die für

alle gereicht hätten, in unersättlicher Habgier untereinander aufteilen,

wieviel fehlt ihnen trotzdem noch an dem Glück des utopischen Staates!

Hier ist mit dem Gebrauch des Geldes selbst zugleich jede Geldgier aus

der Welt geschafft. Welch schwere Last von Verdrießlichkeiten ist

dadurch abgewälzt, welch reiche Saat von Verbrechen mitsamt der Wurzel

ausgerissen! Wer weiß nämlich nicht, daß Betrug, Diebstahl, Raub,

Streit, Unruhe, Zank, Aufstand, Mord, Verrat und Giftmischerei, die

jetzt durch tägliche Bestrafungen mehr geahndet als eingeschränkt

werden, mit der Beseitigung des Geldes absterben müssen und daß außerdem

Furcht, Unruhe, Sorgen, Anstrengungen und durchwachte Nächte in

demselben Augenblick wie das Geld verschwinden werden? Ja, die Armut

selbst, der einzige Zustand, wie es scheint, in dem Geld gebraucht wird,

würde augenblicklich abnehmen, wenn man das Geld überall völlig

abschaffte. Wenn du dir das noch deutlicher machen willst, mußt du dir

einmal ein dürres und unfruchtbares Jahr vorstellen, in dem der Hunger

viele Tausende von Menschen dahingerafft hat. Nun behaupte ich ganz

bestimmt: hätte man am Ende dieser Hungersnot die Speicher der Reichen

durchsucht, so wäre so viel Getreide zu finden gewesen, daß überhaupt

niemand jene Ungunst des Wetters und jenen geringen Ertrag des Bodens

hätte zu spüren brauchen, wenn man die Vorräte unter die verteilt hätte,

die in der Tat Opfer der Abmagerung und Auszehrung geworden sind. So

leicht könnte man beschaffen, was man zum Leben braucht, wenn nicht

jenes herrliche Geld, ganz offenbar dazu erfunden, den Zugang zum

Lebensunterhalt zu erschließen, allein es wäre, das ihn uns verschließt.

Das merken ohne Zweifel auch die Reichen, und sie wissen ganz genau,

wieviel besser jener Zustand wäre, nichts Notwendiges zu entbehren als

an vielerlei Überflüssigem Überfluß zu haben, und wieviel besser es

wäre, von so zahlreichen Übeln befreit als von so großem Reichtum

beschwert zu sein. Ich mag auch gar nicht daran zweifeln, daß die Sorge

für das persönliche Wohl jedes einzelnen oder die Autorität Christi,

unseres Heilands, der bei seiner so großen Weisheit wissen mußte, was

das Beste sei, und bei seiner so großen Güte nur zu dem raten konnte,

was er als das Beste erkannt hatte, die ganze Welt ohne Mühe schon

längst für die Gesetze des utopischen Staates gewonnen hätte, wenn nicht

eine einzige Bestie, das Haupt und der Ursprung alles Unheils, die

Hoffart, dagegen ankämpfte. Sie mißt ihr Glück nicht am eigenen Nutzen,

sondern am fremden Unglück. Sie möchte nicht einmal Göttin werden, wenn

dann keine Unglücklichen mehr übrigblieben, über die sie herrschen und

die sie verhöhnen könnte, im Vergleich zu deren Elend ihr eigenes Glück

in besonderem Glanze erstrahlen soll und die sie in ihrer Not durch

Entfaltung ihres eigenen Reichtums quälen und aufbringen möchte. Die

Hoffart, eine Schlange der Hölle, nistet sich in die Herzen der Menschen

ein, hält sie wie ein Hemmschuh zurück und hindert sie, einen besseren

Lebensweg einzuschlagen. Dieses Gewürm hat sich zu tief ins Menschenherz

eingefressen, als daß es sich ohne Mühe wieder herausreißen ließe. Und

deshalb freue ich mich, daß wenigstens den Utopiern diese Staatsform

zuteil geworden ist, die ich von Herzen gern überall sehen möchte. Sie

haben sich Lebenseinrichtungen geschaffen, mit denen sie das Fundament

eines Staates legten, dem nicht nur das höchste Glück, sondern, nach

menschlicher Voraussicht wenigstens, auch ewige Dauer beschieden ist.

Seitdem sie nämlich im Inneren Ehrgeiz und Parteisucht ebenso wie die

anderen Laster mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben, droht keine

Gefahr mehr, daß sie unter innerem Zwist zu leiden haben, der schon

vielfach die alleinige Ursache des Unterganges von Städten gewesen ist,

deren Macht und Wohlstand trefflich gesichert war. Solange jedoch die

Eintracht im Inneren und die gesunde Verfassung erhalten bleiben, ist

der Neid auch aller benachbarten Fürsten nicht imstande, das Reich zu

zerrütten oder zu erschüttern, was er vor langer Zeit zwar schon zu

wiederholten Malen, aber immer ohne Erfolg versucht hat.«

Als Raphael mit seinem Bericht zu Ende war, fiel mir gar mancherlei ein,

was mir an den Sitten und Gesetzen jenes Volkes überaus sonderbar

vorkam, nicht nur an der Art und Weise seiner Kriegführung, an seinem

Gottesdienst und seiner Religion und an noch anderen seiner

Einrichtungen, sondern auch ganz besonders an dem eigentlichen Fundament

seiner ganzen Verfassung, nämlich an seinem gemeinschaftlichen Leben und

der gemeinschaftlichen Beschaffung des Lebensunterhalts, und zwar unter

Ausschaltung jedes Geldverkehrs. Beseitigt doch schon diese letzte

Bestimmung für sich allein von Grund aus jeden Adel, jede Pracht, jeden

Glanz, jede Würde, also den der öffentlichen Meinung nach wahren Glanz

und Schmuck eines Staates. Ich wußte jedoch, daß Raphael vom Erzählen

müde war, und ich war nicht ganz sicher, ob er einen Widerspruch gegen

seine Meinung vertragen würde, zumal da ich daran dachte, wie er gewisse

Leute deshalb getadelt hatte, weil sie nach seiner Ansicht Angst

hatten, nicht für klug genug zu gelten, wenn sie nicht an den Einfällen

anderer Leute etwas fänden, woran sie herumzausen könnten. Deshalb lobte

ich nur die Verfassung jenes Volkes und die Erzählung Raphaels, nahm ihn

bei der Hand und führte ihn ins Haus zum Essen; doch sagte ich vorher

noch, wir würden wohl noch ein anderes Mal Zeit finden, über die

gleichen Dinge tiefer nachzudenken und uns ausführlicher mit ihm zu

unterhalten. Ich wollte nur, es käme noch einmal dazu! Bis dahin kann

ich zwar nicht allem zustimmen, was dieser übrigens unbestritten

hochgelehrte Mann von reifer Lebenserfahrung gesagt hat, doch gestehe

ich ohne weiteres, daß ich sehr vieles von der Verfassung der Utopier in

unseren Staaten eingeführt sehen möchte. Allerdings muß ich das wohl

mehr wünschen, als daß ich es hoffen dürfte.

Ende.

Ende der Nachmittagserzählung des Raphael Hythlodeus über die Gesetze

und Einrichtungen der bisher nur wenigen bekannten Insel Utopia, durch

den hochberühmten und hochgelehrten Herrn Thomas Morus, Bürger und

Vicecomes von London, bekanntgegeben.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

unserer Welt gegehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß

unserer Welt gehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß

regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen in

regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen

Qual sei, und sich in Zuversicht und gutes Mutes von diesem traurigen

Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen

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Utopia(#26971) · 第 17 / 17 题