Die Botschaft

ICH ging in den Strassen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewusst, dass

ich mich meiner Wohnung näherte . . . Ja so, ich hatte Haschisch genommen.

Wo war denn eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich fühlte mich ruhig und

zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort würde ich nie Haschisch oder Opium

geniessen; man kann ja nicht wissen, was von den Phantasien an den Möbeln

hängen bleibt. Meine Zimmer mussten rein sein. Da empfing ich eine Frau,

die ich liebte, da arbeitete ich, manchmal kamen Freunde; alles war dort

nach meinem Geschmack; jeden Gegenstand hatte ich mit Bewusstsein irgendwo

gekauft . . . oder er war ein Geschenk . . . . oder ein Erbstück . . .

meine ganze Lebensgeschichte hing an diesen Möbeln, meine Reisen . . . eine

Art Tagebuch: mit einem Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine

Spielsachen dann kam ein alter Sessel, auf dem früher abends mein Vater

sass und erzählte . . . so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren

Schein ich mich auf eine Prüfung vorbereitet hatte, und nun gar die

Photographien und Bilder! Dann ein altes chinesisches Tintenfass, das meine

erste Geliebte in entzückender Wut zerbrochen, und später einmal ein

geschickter Knabe wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in

dieser Wohnung. Und dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien

dringen lassen? Oft hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen

darin abzuhalten. Nichts Fremdes über meine Schwelle! Ich war eigentlich

ganz glücklich, dass ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des

Jahrhunderts hatte.

Eben wollte ich eine Strasse überschreiten, als ich mich von einer Dirne in

geradezu roher Art angestossen fühlte. Sie sah ältlich und fett aus. Ihre

Lippen waren in jenem Lächeln erstarrt, das wie die Versteinerung einer von

Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Während andere ihresgleichen mit

einem gewissen Kennerblick sofort den für ihre Absichten Ungeeigneten

unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich diese ganz und

gar nicht freigeben. Sie drängte sich trotz meiner heftigen Abwehr

fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen Wangen

waren mit Schminke geradezu überladen. Es fiel mir auf, dass das lange

Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck zu

verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bösartigen oder

lasterhaften. Ohne zu antworten, ging ich weiter, aber meine Gedanken

konnten nicht von ihr loskommen. Was für Männer mögen ihr wohl folgen?

Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des Schmutzes, der

Gemeinheit. Was für eine Sinnlosigkeit -- einem das anzubieten! Auf welche

Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit ihr zu befassen? Aus Zufall

musste sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu, ohne Neigung, so wie die

meisten Menschen ihren Beruf wählen, eine Spiessbürgerin der Halbwelt, ein

Leib, der mechanisch als Weib funktionierte.

»Das ist ja der Tod,« dachte ich, und unwillkürlich beschleunigte ich den

Schritt, um nach Hause zukommen. Das Wesen war verschwunden oder mir schien

vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelöst und erfülle nun alle Strassen,

liege über den Häusern, über den Bäumen, über den paar Menschen, die mir in

der ersten Morgendämmerung begegneten. Die Pariser Strassen, deren

selbstverständliche, einfache Eleganz ich sonst so gern hatte, kamen mir

plötzlich so gleichgültig, so dumm vor. Die Menschen, die mir begegneten,

schienen geradezu sinnlos: alle blass und übermüdet; weshalb? für ein

Vergnügen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen nun einmal erst

morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben, und bezahlen für

alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig, verarmen. Warum?

Keiner weiss es, sie selbst wissen es am wenigsten. Viele Dirnen huschten

trübselig an mir vorbei. Sie waren übernächtig, blickten sich kaum um. Da

fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen hatte. Sie war die

verkörperte Zwecklosigkeit, die Blödsinnigkeit dieses ganzen dummen

Stadtlebens. Ich war wenigstens müde und freute mich auf den Schlaf. So kam

ich vor mein Haus. Im Augenblick, wo ich die Haustür zuwerfen wollte,

schlüpfte jemand hinter mir herein.

»Inkubus,« murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an fühlte ich mich

nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von aussen gedrängt. Eine Lähmung, wie

sie uns im Traum überkommt, hinderte mich, den Eindringling hinauszuweisen

oder dem Hausmeister zu rufen. Von rückwärts wurde ich die Treppe

hinaufgeschoben, bis ich vor der Tür meines Arbeitszimmers stand. Wie jede

Nacht zündete ich mechanisch die Lampe an. Dann sank ich erschöpft auf die

Chaiselongue. Das Wesen setzte sich mir gegenüber. Ich erkannte dieselbe

Dirne, die mir zuerst auf der Strasse den Weg versperrt hatte. Das sinnlose

Elend, das sich mir draussen über die Nerven gelegt, war in mein Zimmer

getreten.

Sie suchte mich mit vielen Gründen zu überzeugen, dass sie dableiben und

ich ihr ein gutes Geschenk machen müsse. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt

antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige Gesinnungsweise

und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte meine Geneigtheit.

». . . stelle dich nicht wie ein Kind,« sagte sie, »das weisst du doch,

alle Menschen müssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der Willenlose

hat dort einen gewalttätigen Herrn, der Ehrgeizige neidische Nebenbuhler,

der Egoist bösartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte haben, die du mit

deinem Blute wärmen musst. Jeder nach seinem Temperament oder nach seinen

Sünden, wenn ich mich ein wenig altmodisch ausdrücken darf. Denke doch an

die Freunde, mit denen du den Abend verbracht hast. Glaubst du, dass sie

keinen ungeladenen Gast daheim finden, der von ihnen Rechenschaft,

Versprechungen, Verzichtleistungen -- weiss der Teufel, was -- verlangt.

Dich hat man bisher unbegreiflicherweise vergessen. Nun komme ich, die

Steuer an inneren Leiden zu fordern, die du dem Tod dafür schuldest, dass

er dich noch leben lässt. Um dich nicht zu erschrecken, näherte ich mich

dir draussen. Du siehst, wie ich dir die Pille versüsse. Du hättest mich,

wenn ich gewollt, ebensogut auf deinem Bette sitzend finden können. Denke

dir einmal, wie du da überrascht gewesen wärest.« Sie lachte heiser. »Du

siehst, ich bin ganz bequem zu ertragen; auch Eifersucht ist mir fremd.

Weisst du, eigentlich bist du noch ein Kind, da du heute zum erstenmal

bewusst solch einen Besuch empfängst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein;

gib nur acht, wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen

vorkommen werden. Die Hälfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und

sie werden dir mehr trauen, denn bisher haben sie gefühlt, dass du nichts

vom Tod wusstest. Ist es nicht so? Das wird sich nun ändern. Nun hast du

wenigstens etwas mit ihnen gemein.« Sie schaute im Zimmer umher. »Übrigens,

ohne dass du sie erkanntest, müssen doch schon viele Boten des Todes gleich

mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden Leichengeruch

hervorzurufen.«

»Keine, verfluchtes Tier!« schrie ich ihr entgegen. »Du bist die erste, die

diese Räume besudelt.«

Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine einzige

Hoffnung war, dass alles nur ein Traum sei.

»Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche sie dir

wohl nicht erst zu nennen . . . Kindereien! Dafür bleiben dir auch die viel

schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmäuserischen Bürger,

den satten Berufs- und Geldmenschen quälen. Was die nachts erleben, das

werde ich dir gelegentlich einmal erzählen. Überhaupt, weisst du, wir

können ganz behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen ist wirklich die

amüsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung zu treten. Übrigens

noch eins, dass ich es nicht vergesse: du brauchst deshalb noch lange nicht

zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das geringste zu tun. Ich bringe

nur die Botschaft, dass die allererste, gedankenlose Jugend für dich

verrauscht ist.«

Ihre Stimme war allmählich ein wenig wärmer geworden. Sie schien Mitleid

mit mir zu haben.

». . . Hast du immer noch Angst vor mir? Weisst du denn, wer die andern

waren, von denen du nicht das geringste wusstest, die du einst um

Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie eine gute

alte Geliebte? Wusstest du vielleicht, woher die kamen und wohin sie

gingen? Wusstest du, welcher Sarg tagsüber ihre Wohnung war, ehe sie zu dir

kamen und nachdem sie dich verliessen? Bist du ihnen morgens je einmal

gefolgt? Nichts wusstest du von ihnen, und doch hattest du keine Furcht.

Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich denn anders, als jene? Weisst

du weniger Gutes oder mehr Böses von mir?«

»Ich sage dir, dass noch keine diese Schwelle betrat.«

Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hölzernes Lachen

aus.

»Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weisst wohl, dass ich nicht von

Fleisch und Blut rede . . . denke doch bitte einmal an deine Phantasien, an

deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hängen die hier an allen Möbeln

herum. Es ist lächerlich, mir etwas vorlügen zu wollen. Ich weiss, mit wem

du dich schlafen legst, mit wem du dich ganze Nachmittage hier unterhältst.

Willst du dir etwa das Vergnügen machen, dich von mir wie ein Knabe

verführen zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich zu klug. Ich denke, wir

machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne uns gegenseitig etwas

vorzulügen.«

Ich sah wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es ihr eigener

Herd wäre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen

Kleider an den Boden. Ich schloss die Augen, als ich den schwammigen

schlaffen Körper sah. Dann muss ich wohl eingeschlafen sein.

Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer. Ich war

überrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers zu

befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider riefen mir plötzlich

das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurück. Ich sprang auf und eilte

nach der Tür des anstossenden Schlafzimmers. Da lag das fette, aschfahle

Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing wie tot auf den Boden herab, der

geöffnete Mund röchelte. Eine unaussprechliche Wut wallte in mir auf. Ich

zerrte sie aus dem Schlummer. Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der

Strasse zu und brummte, weil ich sie schon weckte.

»Hinaus . . . fort . . .« schrie ich.

Halb erzürnt, halb erstaunt kleidete sie sich in träger Bosheit an, indem

sie meinem Drängen fortwährend mit groben, gereizten Ausdrücken antwortete.

Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen hörte; das war doch

wenigstens begreiflich: ich riss sie aus dem Schlaf und sie schimpfte; gut,

das liess man sich gefallen, das war logisch; aber sonst, das andere war ja

ganz unfassbar, dass sie hier war, in meinem Bett lag.

Schliesslich wollte ich sie zur Tür hinausschieben; aber da hätte man sehen

sollen: im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem

Staunen, rief sie aus:

»Und die zwanzig Francs . . . wie? . . . Hast du mir nicht versprochen?

. . . du Schmutzkerl . . . glaubst du vielleicht, dass mir deine Nase so

gut gefallen hat . . .?«

Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte:

»Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wusste ja nicht . . .«

Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder.

Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.

Ich trat vor den grossen Spiegel über dem Kamin; das ganze Zimmer spiegelte

sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, ich betastete

meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst. Aber ihr

sinnlicher Schein war fort.

»Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen,« rief ich

aus, »das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich nun

herumschleppen!«

Plötzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel noch

aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen sein

mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass ich mich

nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke. Ich kannte ja

niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von Saint-Germain

ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt an allem

schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. Vom Fenster aus

pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren. Ich eilte die Treppe

hinunter.

Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre.

Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müsste, ging ich nach

einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen

mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne schien

durch das kahle Gehölz. Ich weiss nicht, wie lange ich träumend da gesessen

habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam beruhigt. Es war

ja erklärlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch eingelassen hatte.

Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem Gedanken, meine Wohnung

wieder betreten zu müssen. Es war dort etwas, womit ich durchaus nichts

mehr zu tun haben wollte. In dieser Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse

gekommen. Wo sollte ich nun hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus

Europa in irgendeine Farm auf jungfräulichem Boden. Dann fand ich es

merkwürdig, dass ich -- gerade ich -- so etwas empfand. Fast war mir, als

wäre das alles gar kein Rausch gewesen; die körperlose Geliebte, die kein

Weib ist, sondern der Vorwand unserer Träume -- das Bachanal der wütendsten

Selbstvernichtung -- die Umarmung des Todes -- das lüsterne Betasten und

Belauern des Heiligen -- hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo

hatte ich ähnliches selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es?

Ich fühlte, dass ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war

mir gewiss: Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich

schon dem Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen

Gesundheit beginnen?

Haschisch: Erzählungen · 第 14 / 16 题