Die Sünde wider den Heiligen Geist

IN Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen

Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital

erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen

einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit

nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der

Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die

exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des

Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit

unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden.

Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen würden --

eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsünden

wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. Hier erschlägt einer im

Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klägliche Wissenschaft den

Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst sich und wie die

Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen mögen. Nur einen Frevel

gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine Sonderstellung anweist, dass sie

erklärt, er könne nie vergeben werden; die Priester behaupten sogar, Gott

lasse ihn kaum zu: die Sünde wider den heiligen Geist. Die jungen Leute,

von denen ich erzählen wollte, konnten sich daher gar nichts

Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, als das Geschehen dieser

unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie überhaupt möglich

sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen träte, ob der

Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete.

Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man ihn

beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der Wille,

das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen

Frevel begehen _wollen_, muss _wissen_, wen er beleidigt und was er damit

wagt, also den _Glauben_ haben, er muss durch die _Kraft_ seines Willens,

seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. Seine Schmähungen

dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen Hundes abprallen. Ausser

von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der schönste der Engel war und

sich jetzt in beständiger Empörung gegen den Heiligen Geist befindet, kann

die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im

Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge

versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet.

Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich eine Anzahl

Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich,

dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war, als der Mangel an

Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fühlten, so waren

ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast ganz unbekannt.

Schliesslich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die Tochter

einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes keine

peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen ähnlichen Weg wie sie gehen

würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so übergab

sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster der

Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den anderen

Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig von den

Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der _Substitution_

gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte

Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten und Kasteiungen

war es ihr nämlich -- durch Vermittlung der heiligen Teresa -- gelungen,

dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten, sich ihr zu

_substituieren_: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust und der

Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen hatten.

Während diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen Strömungen

erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflüsse der Hölle

von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden. Die Folge davon war,

dass die Mutter -- zu ihrer eigenen Verwunderung -- auf einmal imstande

war, die Versprechungen zu halten, die sie immer wieder im Beichtstuhl

machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu führen und dankte dem Himmel,

der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst die Gnade hatte kommen lassen.

Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter erscheinen

als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott, sondern auch die

Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt. Die Kraft zu der

grossen Sünde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne Berauschung dazu

bringen könnte, würde sie auch das Bewusstsein haben. Es handelte sich also

darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den Willen, den Heiligen

Geist zu lästern.

Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nähern, da

sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Tomàs de Leon, der im geheimen

dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie überhaupt genaueres über

Teresa erfahren. Der Geruch der Frömmigkeit, in dem er stand, verbunden mit

einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche Seele, hatte die

Karmeliterinnen veranlasst, ihn zu ihrem Beichtvater zu erwählen.

Er wusste, dass Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind, dass sich

immer wieder Falten ihres Bewusstseins öffnen, in denen kleine Vorwürfe,

Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende Priester

pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende Gewissensprüfung

zeitweise zu verbieten. Fray Tomàs dagegen verstärkte diese

selbstquälerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa denn auch ganz

frei von der Todsünde des Hochmuts fühle, ob sie sich nicht bisweilen für

eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf sich nehme. Die

Substitution sei zwar eines der gottgefälligsten Werke; war aber Teresa

wirklich rein und demütig genug? Indem der Priester täglich den Finger in

die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in Teresa eine unsägliche

Verwirrung zu schaffen.

Ob denn nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis für die Reinheit ihrer

Gebete gehalten werden könne? wagte sie schüchtern einzuwenden. Das könne

Teufelswerk sein. Was verschlüge es dem Bösen, dass eine Hure, der er

sicher war, einige Zeit züchtig lebte, wenn er dafür eine Jungfrau durch

die Todsünde des Hochmuts fangen könne?

Teresa wurde nun so unsicher, dass sie tagelang die Substitution nicht

wagte; sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen über sie ergehen zu

lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der

Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in

den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch

eine Erwählte war, nicht aus Kleinmut und Trägheit auf das Wunder

verzichte, sie, die schon aus blosser Kindesliebe alles tun müsse, um die

Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution

versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fühlte sie, dass ihre

ängstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige

Angst vor dem Teufel erfasste sie und, von ihren eigenen Sünden gepeinigt,

vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfüllen. Ihre Unreinheit wurde ihr

immer mehr bewusst. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein Weib zu sein,

weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte? Sie war ja eine

schlimmere Dirne, als die Mutter, die der Schwachheit des Fleisches

unterlag und dann reuig zur Madonna floh; sie aber trug die Gemeinheit

ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust mit den Gebeten.

Ihre Ekstasen, die sie für ein Vorgefühl der ewigen Seligkeit gehalten,

erwiesen sich als Schändungen Gottes; die Stimmen der Heiligen, die sie zu

vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute der schwelgenden Sinne. Sie

hatte wider den Heiligen Geist gesündigt. Diesen Seelenzustand beichtete

sie dem Priester, der sich jedoch mit dem Erfolg noch keineswegs zufrieden

gab. Er sah, dass die Sünde wider den Heiligen Geist vorläufig nur in

Teresas gequälter Einbildungskraft bestand. Zunächst bestärkte er sie in

ihrem Irrtum.

»Diese fehlerhaften besudelten Gebete,« erklärte er, »sind freilich

schlimmer, als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist

unfruchtbar, dumm, ohnmächtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten durch

die brünstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind zwar nicht

lauter und kräftig genug -- wie das reine Flehen der unbefleckten Herzen

--, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit zu

vereinen und so den Beter unaufhörlich mit der allgemeinen unsichtbaren

Kirche zu verketten, die ihn trägt und schützt, in deren Schoss ihn die

Anfechtungen Satans unbekümmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl die

Macht, Sonderströme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom abgestossen,

wieder zu dem Beter zurückkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit wie mit

heissen Händen umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben verdunkeln, ihn

unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken erdrücken, bis er in

seiner Sündigkeit erstickt.«

Fray Tomàs erreichte durch diese Erklärung, dass Teresa die Einsamkeit

ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flüchtigen

Spiegelbilder ihrer Sünden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe, das

der Böse um sie geschlungen, schon so dicht, dass ihre aufrichtigsten

Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fühlte sich wie

abgetrennt von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte

der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die

Klöster habe es ja Satan ganz besonders abgesehen, und zumal die, wo die

Substitution geübt werde, seien wahre Magnete für die satanische

Ausstrahlung. Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher überall besser

aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wusste er

ihr klarzumachen, dass es ihre Pflicht sei, einen so aussergewöhnlichen,

beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemüt der Oberin

zu verschweigen, die dadurch nur in die höchste Verwirrung geraten würde.

Eines Nachts verliess Teresa Alicocca das Kloster durch ein

Gartenpförtchen. Fray Tomàs brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden,

halb tauben Küster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort sollte

sie eine Zeitlang die gefährliche Beschaulichkeit ihres bisherigen Lebens

durch die niederen Handreichungen in einem ärmlichen Hauswesen ersetzen.

Nichts schien ihr einleuchtender, als durch ermüdende, demütige Arbeit ihre

verwirrte Seele allmählich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Fray Tomàs

besuchte sie täglich. Er erzählte, Teresas Mutter sei wieder in das alte

Sündenleben zurückgefallen. Die früheren Versuchungen, vor denen die

Tochter sie geschützt, seien nun von neuem an sie selbst herangetreten und

besonders habe sie sich, der Verzweiflung über das Verschwinden der Tochter

nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslästerungen hinreissen lassen.

Täglich brachte Fray Tomàs ähnliche Nachrichten. Teresa wäre am liebsten

sofort zur Mutter geeilt, aber der Priester verstand es, sie

zurückzuhalten. Man würde sie entdecken und in das Kloster zurückliefern.

Was konnte sie auch der Mutter durch ihre Gegenwart eigentlich nützen? Sie

solle lieber durch Kasteiung und Gebete ihre frühere Reinheit

zurückgewinnen und -- die geziemende Demut vorausgesetzt -- von neuem das

Wunder der Substitution versuchen. Einmal rief sie aus:

»Wenn schon ein Opfer Satans fallen muss, warum kann ich es denn nicht

sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.«

Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr allmählich

eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht.

»Was du verlangst, meine Tochter,« sagte er ruhig, »ist möglich. Wenn du

dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, so nimmt er

es an.«

»Ich will,« erwiderte sie tonlos; und Fray Tomàs de Leon fiel vor ihr auf

die Knie und küsste den Boden.

»Gebenedeite unter den Weibern,« rief er aus. »Tochter Gottes, Schwester

des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin hielt, da du

_freiwillig_ den _Schein_ der grössten Missetat auf dich nahmst; aber

zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des Herrn, weil er

irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir niederfällt,

nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir, wenn ich dich

nicht erkannt.«

In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört.

»Steh auf,« rief sie zitternd, »was verlangst du von mir? Willst du mich

versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem erwecken?«

Fray Tomàs stand auf:

»Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung zu

enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt[*]. Jesus

Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer reichte

sein rettender Arm, doch seine Göttlichkeit stand still vor den Pforten der

Verdammnis; unerlöst blieben die Kinder der Hölle; denn dorthin führt nur

die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn nicht begehen kann.

In den spätesten Zeiten aber -- so heisst es -- soll ein Weib geboren

werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten. Ihrem

sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen. Aus freier Wahl

wird sie die grösste Sünde begehen, um die Fesseln derer zu lösen, die an

die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte Vollendung der Güte

des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und gen Himmel fahren; sprengen muss

sie die Dreieinigkeit, die nunmehr erfüllt ist, und sie wird thronen zu

Häupten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend

auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.«

Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie.

»Steh auf, steh auf,« rief Teresa, »ich darf dir nicht glauben -- ich

zittere, eine Erwählte zu sein -- eine andere wird kommen; nur sage mir --

ich beschwöre dich -- was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis zu

schützen?«

Der Priester erhob sich.

»Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du in der Hölle

eine Frist der Verdammnis erfüllen und mit den verstocktesten Sündern dich

und die Mutter erlösen.«

»Was kann ich dazu tun?« fragte Teresa zitternd.

Und unerbittlich fuhr Fray Tomàs fort:

»Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen Leib erlangen;

nur wer die grosse Sünde begeht, die nie vergeben werden kann, wird zur

Hölle fahren.«

»Die Sünde wider . . .?« stotterte Teresa.

»So ist's, die Sünde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen

Göttlichkeit sich darum die Hölle verschloss. Glaubst du, dass er

überlegte, als er Mensch wurde, ob er seine Göttlichkeit einbüssen müsse?

Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit der

Empfängnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner

freiwilligen Sünde nicht befleckt werden.«

Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Tomàs von dannen. Teresa lag die

ganze Nacht in Tränen auf den Steinfliesen der Kirche und flehte um

Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal jubeln wollte,

vielleicht doch die Erwählte zu sein?

Am nächsten Tag brachte Fray Tomàs die Nachricht, Teresas Mutter sei von

einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden, in einer der

kommenden Nächte nackt, nur mit masslosem Schmuck bedeckt, vor ihnen als

Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen Johanneskopf anfertigen

lassen; sie selbst aber, die sich seit einer Woche vor Gotteslästerungen

nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag gegeben, man solle

nicht das Johannesantlitz in Wachs giessen, sondern die wohlbekannten Züge

des dornengekrönten Christus in der Kapelle der heiligen Ignazia. Warum

habe ihr Gott die Tochter mit ihren kräftigen Gebeten entrissen, soll sie

gerufen haben, nun sei es _seine_ Schuld, wenn sie sich dem Satan ergebe.

-- Zweifellos -- meinte der Priester -- habe sie eine entsetzliche

Schändung des Jesushauptes vor, die Sünde wider den Heiligen Geist.

Teresa fiel kraftlos zu Boden.

»Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter?« sagte Fray Tomàs;

»mahnt er dich nicht selbst, dass jetzt die Stunde gekommen ist, wo du

freiwillig der Mutter Sünde auf dich nehmen sollst, die dir allein die

Hölle öffnet, auf dass sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle

Verdammten erlöst hast?«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Glaubst du, dass Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick, wo du

deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner nächsten

Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten gewohnt

bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen? Das Laster der

Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren nur Fingerzeige für dein

hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille so klar. Mit einem Trank will

ich deine Mutter an dem verfänglichen Abend in Schlaf versenken. Du aber

wirst, angetan mit dem Schmuck, den die reichsten Jünglinge der Stadt

zusammentragen, den Tanz vollführen. _Du wirst die Sünden der Verdammnis

tanzen:_ den Hochmut, die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die

du demütig, nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen,

das Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der

ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hölle vor dir öffnen

und du alle Verdammten -- unter ihnen aber deine Mutter -- zum Himmel

führest.«

Teresa wand sich verzweifelt am Boden, während den Priester das Vorgefühl

dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte.

»So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die grösste, die je

begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern den Arm nach

dir streckt, um dich zur Königin der Hölle zu erheben, wird er im eigenen

Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch deinen menschlichen

Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht haben, sich des Betrugs zu

bedienen, dessen Verkörperung Satan ist; so wird -- als letztes Mysterium!

-- der Teufel durch sich selbst vernichtet, der Betrüger betrogen, die

Sünde ist für immer tot. Das aber wird das Werk der heiligen Teresa

Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, die sie aufwärts tragen,

werden singen:

»Gloria patri et filiae!«

Fray Tomàs bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun

vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können.

In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit vor

dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt. Ihr lautes

Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen, indem die

Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und zwei

zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart:

»Gloria patri et filiae.«

Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der

Erleuchtung und heisse Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat mit

einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar hervor. Er war

silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein.

»Steh auf, Gebenedeite!« rief er ihr zu, »lass den niedrigsten der Diener

deinen Leib zum Opfer schmücken!«

Und die hellen Kinderstimmen tönten licht und wie durchsichtig durch das

Gewölbe.

»Steh auf Tochter Gottes, Schwester Jesu!«

Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloss, erhob sie

sich. Mit sanften, gewandten Händen half er ihr das armselige Klostergewand

zu öffnen, Es sank um sie herab, wie die irdische Hülle einer Verklärten.

Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet, suchte sie ihre Scham

wie einen Schmerz zu verbeissen. Die letzten Gewänder fielen nieder; sanft

zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und legte segnend die Hände über das

nackte Weib. Dann öffnete er den Schrein und nahm funkelnde Geschmeide

heraus . . .

»Trage die sündenschwangere Schwüle der mattgrauen Wolkentage, die Last

unserer trügerischen Sehnsucht!«

Er legte blasse, siebenfache Perlenschnüre um ihren Hals.

»Lass dich umwinden vom gold-durchfunkelten Blau der Himmel, vom Jauchzen

der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz seiner

götzendienerischen Kunst.«

Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit masslosen sonnigen Topasen

unter ihre Brüste, die spitz und starr heraustraten.

»Lass dich lüstern streifen von lauen Wäldern, den Unterschlupfen der

Wollust, von den gärenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere dämmern,

Geschwister der schwülsten Begierden!«

Wie Blätter des Waldlaubs streute er tannengrün-tiefen Smaragd, sanften

Beryll, birkenblasse Chrysoprase; moosiger Nephrit und verfänglich

schillernde Opale lagen um ihre Lenden.

»Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt, den

Aufruhr entzündet im Schosse der Völker!«

In fesselloser Verschwendungsgier umschloss er sie mit Spangen von

glühendem Rubin und weichrotem Karneol; Granaten, Almandinen und Korallen

sanken wie Blutstropfen auf den Schoss der Jungfrau.

»Wühle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen

Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt über den

Sümpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!«

Fray Tomàs löste mit wildem Griff das wogende Haar und drückte eine

Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke sagte er:

»Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den Sünden

hervor, auf dass dich Satan zeichnen möge!« Doch, wie in plötzlicher,

verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: »Deine Schritte beschwere der

finstere Fluch unserer purpurnen wühlenden Nächte, da uns die Atemzüge der

Hölle glühend ins Antlitz fauchen, das da funkelt in steter Empörung und

Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!«

Und Fray Tomàs de Leon legte ihr trüben Amethyst, nächtigen Saphir und

Aquamarin in finster-bläulichen Schnüren von dem Lendengurt bis zu den

Knöcheln wie durchsichtige orientalische Beinhüllen.

Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte die

Vierzehnjährige auf den Christ über dem Altar und wusste nicht, wie ihr

geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Tomàs das grünlich

schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand und wandte sie

gegen die Kirche, die indessen in überhellem Kerzenschein erstrahlt war.

Auf den Fliesen lag ein weisser Teppich ausgestreckt, an dessen Ecken

Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Tomàs führte die Zagende

mitten auf den Teppich.

»Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlösung und erfülle in

prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die der Satan

noch von der Menschheit zu fordern hat!«

Plötzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen Ecken

der Kirche schlugen vermummte Männer heilige Gefässe wie Becken und Zimbeln

aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der Feierlichkeit ertönte das

barbarische Geräusch von Tamburinen; trunkene Weiberschreie drangen hinter

den geblähten Vorhängen der Beichtstühle hervor.

»Tanze, tanze!« schrie der Priester voll Ungeduld und schien die Zögernde,

die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen wagte, durch

springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen, schüchternen

Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich Teresa Alicocca über

den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer Schale tragend. Aus den Ecken,

wo sich Männer und Frauen schaugierig drängten, sprangen nun plötzlich die

jungen Leute, des Priesters Freunde, hervor; mit Fackeln und blossen

Schwertern im Arm tanzten sie jauchzend um den Teppich.

»Wilder, toller!« riefen sie der Ängstlichen zu. »Du musst uns alle

erlösen; aber unsere Sünden sind noch brennender, empörender, räuberischer,

als dein Tanz. Du musst verruchter tanzen, als unsere Missetaten sind, die

gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum Heile sein!«

Während die Wut der Orgel niederdonnerte, liess sich Teresa zu immer

wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem Haupte von sich und

fand in plötzlicher Erleuchtung die versonnensten Gliederkrümmungen der

asiatischen Tänzerinnen. Sie bot ihren Schoss offen der Kerzenhelle dar und

entriss ihm mit gewaltiger Gebärde die Blume ihres Jungfrauentums, so dass

ihr weisser Körper über die roten Rubinen blutete.

»Eine blutende Hostie des Satans!« rief Fray Tomàs verzückt. Sie aber

heulte auf vor Schmerz und stürzte sich auf das wächserne Haupt vor ihren

Füssen, umschlang es, wie den Kopf eines Tänzers, krallte die Zähne hinein,

ihre Qual zu verbeissen.

_Und sie tanzte die Sünden der Hölle!_

»Küss ihn,« rief ihr der Priester zu; willenlos tat sie nun alles, was er

befahl. »Verspott ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drüber weg,

zertritt ihn, zermalm ihn -- lästere die Dreieinigkeit -- rufe zu Satan!«

Und gebeugt von der Last der Sünden der Verdammnis schrie Teresa Alicocca:

»Satan, Lucifer, Adonai!«

»Was willst du?« rief eine dumpfe Stimme aus der Krypta.

»Nimm mich in die ewige Qual!« stöhnte Teresa.

»Und Gott? -- Glaubst du an ihn?«

»Ich glaub' an ihn, ich fühle seine Majestät, aber dennoch schreie ich mich

von ihm los, -- _dein_ will ich sein --!«

»Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmähen?«

»Tat ich's nicht schon?« rief sie atemlos.

»Willst du Lucifers Beischläferin sein, der Gott kennt und ihn darum

hasst?«

»Ich sehe Gott,« rief Teresa ekstastisch, »und will doch deine Dirne sein,

Satan!«

In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet auf

den Teppich.

»Schnell . . . schnell . . .« rief Fray Tomàs, »ehe sie bereuen kann, ehe

sie das grosse Werk zerstört!«

Und im Nu stürzten sie auf das verzückt dahintanzende Weib ein. Sechs

Dolche staken in Teresas Leib -- im Herzen, im Nacken, im Bauch, in den

Lenden, in der Scham -- _aber keiner schien sie verwunden zu können._

Gefühllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin. Sechs Dolche

umstarrten sie, als gehörten sie zu ihrem masslosen Schmuck.

»Sie fühlt nichts mehr,« rief einer erschrocken. Mit einem Messer schnitt

er in den Arm der Tanzenden, ohne dass Blut floss. Langsam fielen die

Dolche wie reife Früchte von ihr ab.

Das Leben schien still zu stehen im Augenblick fessellosester Entladung.

Die Fülle des Rausches war plötzlich aus den Seelen geschnellt. Leer --

gebrechlich -- standen die Ernüchterten da und wussten kaum im plötzlich

erstarrten Geist die Züge des entflohenen Phantoms, das ihnen Leben

geschienen, zurückzuhalten. Sie schämten sich zu reden; sie fühlten, wie

kläglich ihre Stimmen jetzt klingen mussten.

Stöhnen, Heulen riss sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie, wie sich

Fray Tomàs de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke, klammerte seine

Hände an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn um Erklärung. Er aber

wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden vom Gekreuzigten. Mit der

Hand nach der Decke deutend brüllte er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh:

»Gott . . . Gott . . .!«

Er bellte den Namen Gottes durch das Gewölbe.

_»Gott lässt die Sünde wider den Heiligen Geist nicht geschehen!_

Derweil ihr Leib das Gefäss unseres Unrats war, hielt der Ewige ihre Seele

fest und machte ihr Leben unverwundbar . . .!«

Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen und

zwänge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klägliche Gebete. Teresa

taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornüber, die Arme

erschlafften und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die rings

niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber, hinter den

Vorhängen der Beichtstühle, von dem weissen Teppich stieg verzweifeltes

Stöhnen und Beten der Reue empor.

* * *

Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geöffnet, dass es mir möglich

war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo ich

Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das Spiel

des Verstandes zeigte sich erschöpft, es konnte nicht weiter getrieben

werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an

eine dunkle Wand gestossen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich

dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, dass ich

auf dem Irrweg war, dass ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um.

[Fußnote *: Ist es nötig zu erklären, dass die Kirche niemals etwas

Ähnliches anerkannte!]

Haschisch: Erzählungen · 第 13 / 16 题