Der Schmugglersteig

.sub Eine vormärzliche Begebenheit aus den privaten Aufzeichnungen eines

Journalisten.

EIN halbes Jahrhundert habe ich über mich selbst geschwiegen, ich war ein

Sprachrohr der andern. Heute bin ich fünfundsiebzig Jahre alt. Es ist daher

höchste Zeit, ein Erlebnis zu berichten, wenn es überhaupt noch berichtet

werden soll.

Zweimal bin ich um die Welt gereist, dreimal habe ich die Mitternachtssonne

gesehen, in Amerika war ich viermal auf Segelschiffen, sechzehnmal auf

Dampfern, die Eisenbahnen haben mich umsonst vom Kap Finisterre bis zum

Gelben Meere gebracht, mit zwei Kaisern, elf Königen, vier Häuptlingen,

einem Hetman, einem Begler-Beg, einem Gross-Chan und 214 Ministern habe ich

gespeist, der Bey von Tunis hat mir seinen Sonnenorden verliehen, aber mein

Souverän erlaubte mir nicht, ihn zu tragen, denn mit seinen Sternen und

Bändern bedeckt er mehr als dreiviertel einer mittelgrossen Personnage,

bezaubert daher Unwissende stärker als der Schwarze Adlerorden, und das ist

nicht gut; Heinrich Heine hat mir persönlich göttliche Grobheiten gesagt,

Fanny Elsler hätte mich fast geliebt, Napoleon III. hörte mit gnädigem

Lächeln meine Finanzpläne zur Rettung Frankreichs an; bei 113 Hinrichtungen

war ich Zeuge (die letzte war eine elektrische); mehr als 200

erwerbsbedürftigen Müttern habe ich die Doppelköpfigkeit, unmässige

Behaarung oder die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Missgeburten

öffentlich bezeugt; ich habe betrunkene Könige, ehrliche Dirnen und

bescheidene Tenöre gekannt, in Louisiana sollte ich skalpiert, in Tibet

geschunden werden, aber mein gewandtes Auftreten rettete mich; ich kann

keine Sprache ganz, sechsunddreissig dreiviertel oder halb, in allen habe

ich eine vortreffliche Aussprache. Mit einem Wort, ich gleiche dem

nordischen Gotte Heimdall, der von neun Müttern geboren war (also

neunfachen Mutterwitz haben musste), weniger Schlaf brauchte als ein Vogel,

bei Nacht hundert Meilen weit sah wie bei Tag, und das Gras auf der Erde,

die Wolle auf den Schafen wachsen hörte.

Aber von alledem will ich heute nichts erzählen, ihr Damen der Provinz, die

ihr mich für einen interessanten Mann haltet. Ich will vielmehr berichten,

was mir in der letzten Nacht begegnete, ehe dieses bewegte halbe

Jahrhundert begann, und schlage darum die holzpapiernen Blätter meines

Lebensbuches zurück.

Ich besass die kümmerliche Monatsrente von fünfzig Gulden (später gab es

Monate, in denen ich bei Gott -- 5000 anzubringen verstand). Dies und ein

unheilvolles Rumoren in meinem Kopf bestimmten mich zum Dichter. Wie es

sich für diesen Beruf geziemt, bewohnte ich eine Dachkammer mit Aussicht

auf einen altertümlichen Hof und zahllose Giebeldächer, auf denen im

Mondschein Katzen und Kater tanzten, während in den dunklen Ecken des

morschen Baus die Mädchen des Hauses verfängliche Gespräche mit ihren

Liebsten hielten. Die Mondstrahlen aber waren wie Saiten in den Rahmen

meines Fensters gespannt und mein überquellendes Herz harfte seine

Sehnsucht gen Himmel. Bisweilen besuchte mich ein Mädchen. Es war nicht

schön (die Geliebten der Dichter sind nie schön, denn wessen

Einbildungskraft aus blondem Haar goldene Kronen schmiedet, muss so viel

Wirklichkeit übersehen, dass es auf ein paar Extrahässlichkeiten, wie etwa

Struppigkeit, nicht ankommt, und wer den Sprung von Augen zu Sternen macht,

braucht nicht viel weiter zu springen, ob die Augen schielen oder nicht).

Ach, Manolitha, die Marie hiess, hatte etwas struppiges Haar, ohne dass ich

es merkte, und ihre Augen schielten ein wenig. Aber auch sie war ein Weib,

ihre körperlichen Merkmale waren feminini generis, wie bei Venus und Maria.

Meine Phantasie besass an ihr ein Sprungbrett in das Mysterium der stets

streitenden und stets sich ergänzenden Hälften der Welt, des ewig

Männlichen und des ewig Weiblichen. Dazu genügte Manolitha, wie meine

Dachkammer für meine Poesie. Das arme Kind wusste nicht wie ihm geschah.

Sie musste wohl meinen: So sind die Männer.

Die Stadt, in der ich wohnte, lag unweit der Grenze. Die über einem See

aufsteigende Felsenstrasse -- im letzten Haus diente Manolitha -- führte in

das Nachbarland. In einer Mondnacht -- mir ist, als wären in jener Zeit

alle Nächte Mondnächte gewesen -- hatte ich Manolitha an ihre Türe

gebracht. Ich stand allein, hoch über dem See. Fern glitzerten die Lichter

der Stadt. Längs der Strasse zog sich die Felswand hin, zerklüftet und oft

von lärmenden Giessbächen zerrissen. Auf dem fast taghell beschienenen See

irrten formlose dunkle Wolkenschatten. Hie und da schwamm ein Fischerboot

auf der Fläche, dessen Insasse bei einer Laterne sein schweigsames Gewerbe

trieb. Auf meinen Lippen brannten noch die Küsse der Geliebten, die mir

jetzt in der Erinnerung wirklich ein wenig zu dürftig vorkommt. (Bei

Heimdall, dem Journalistengott, später habe ich wahrhaftig andere Frauen

geliebt!) Ich eilte vorwärts auf der Felsenstrasse, vorwärts in die Ferne,

nach Süden, in dumpfem Drang, aus den silbernen Armen dieser Jugendnacht,

den Gedanken, das Wort zu empfangen, das mich unsterblich machen sollte.

Halb trunken wanderte ich immer weiter. Nach kurzer Zeit bog die

Felsenstrasse rechts ab in das Geklüft. Nur ein kaum fussbreiter Weg war in

die Wand gehauen, die über dem See emporragte: der Schmugglersteig. Mir

war, als stünde ich vor einer wichtigen Entscheidung meines Lebens. Rechts

ging es in die felsumschlossene Fichtennacht der geheimnisvollen

Wasserfälle, links führte der halsbrecherische Steig im Mondlicht hoch über

der unten ausgedehnten Flut. Ihn beschloss ich zu gehen, und wie auf dünnem

Seil glaubte ich frei ins Licht zu wandeln, während ich, der Gefahr

spottend, über dem Abgrund mühselig einherkroch. Der Gedanke belustigte

mich, es könnte mir ein hochbepackter Schmuggler auf dem engen Pfad

entgegenkommen und ich war neugierig, was sich dann ereignen würde. Einer

hätte umkehren oder in die Tiefe stürzen müssen. Es kam mir vor, als ziehe

sich der Pfad unendlich in die Länge. Da ich infolge der Krümmungen den

Ausgangspunkt längst nicht mehr sah und hinter jeder Felsennase, die sich

vor mir breit machte, irgendein Ziel erhoffte, ging ich weiter mit jener

fast unheimlichen Pedanterie, die uns oft vorwärts zwingt, damit wir nur

nicht auf denselben Weg zurück müssen, und ginge es in den Tod.

Körperlicher Anstrengungen ungewohnt, fühlte ich bald eine kaum noch

erträgliche Müdigkeit, die Hände schmerzten bei jeder Berührung mit dem

Felsen, ich fühlte meine Selbstbeherrschung nachlassen, ein Zittern in den

Unterschenkeln kündete einen nahenden Schwindelanfall an. Fast weiss lag

der See unter mir, ein unwahrscheinliches künstliches Licht durchzitterte

die Luft . . . . . . Des folgenden Zeitabschnitts vermag ich mich durchaus

nicht mehr zu entsinnen. Bin ich in die Tiefe gestürzt und unter der Flut

in ein Feenreich geraten, wo man als Maskerade zum Spass unsere Welt

nachahmt, und befinde ich mich heute noch bei diesem Mummenschanz? Oder bin

ich mit übernatürlicher Anspannung meiner Kräfte weitergegangen, so dass

für die Tätigkeit des Bewusstseins nichts mehr übrig blieb? Kurz, ich fühle

meine Erinnerungen an dieser Stelle wie in zwei Leben zerbrochen, eine

Leere, ein Loch trennt diesseits und jenseits. Ich stelle mir vor, dass

viele Menschen so eine Lücke in ihrem Dasein haben, die sie vergeblich

auszufüllen suchen. Entweder nehmen sie diesen Mangel ernst, lassen in

Gedanken nicht davon ab und werden verrückt, oder sie betäuben sich, wie

ich mit Arbeit, Vergnügen und ähnlichen narkotischen Mitteln, dass heisst,

sie machen einen Umweg um ihr eigenes Leben.

Meine Erinnerung beginnt wieder bei folgender Situation: ich sitze in einem

allseitig geschlossenen Raum am Boden, mit Fellen und Tüchern bedeckt, vor

mir brennt ein Reisigfeuer, das seinen Schein auf einen Kreis wildbärtiger

Männer wirft. An ihren Gürteln sehe ich reich besetzte Dolche funkeln, ihre

rauhen, ungepflegten Glieder sind halb in Lumpen, halb in köstliche,

orientalische Decken gehüllt, Offenbar sind es Schmuggler. -- Als ich den

Blick aufwärts wendete, sah ich den gestirnten Himmel über mir. Wir

befanden uns in einer dachlosen Stube, deren Wände Felsen bildeten. In den

Ecken schienen dunkle Stollen in den viereckigen Raum zu münden. Vor jedem,

auch vor mir, waren kostbare, aber teils zerbrochene Teller und Gläser

aufgestellt mit Speisen und Getränken, die appetitlicher aussahen, als der

Ort erhoffen liess. Man hatte offenbar auf mein Erwachen gewartet, um mit

der Mahlzeit zu beginnen. Ich war sehr hungrig und griff zu. Man ermunterte

mich besonders zum Trinken, war überhaupt sehr höflich und zuvorkommend.

Ein altes Weib, das nicht anders als »Skelett« angeredet wurde, bediente

uns mit dem, was es selbst gekocht zu haben schien. Ich hätte allzu gerne

gewusst, wie ich hierher gekommen und wer diese Menschen waren, aber ich

fürchtete, mir eine Blösse zu geben, wenn ich fragte. (Um übrigens keinen

unberechtigten Hoffnungen im Leser Raum zu geben, bemerke ich gleich, dass

ich es niemals erfahren habe.) Ich suchte meine lange Geistesabwesenheit

nach Kräften zu verheimlichen. Nachdem wir gespeist, und ich mich, ohne

betrunken zu sein, in jener gehobenen Nachtischstimmung befand, schlugen

meine Wirte vor, mir ihre Wohnung zu zeigen, in der, wie sie sagten, von

den Schätzen der Erde das Beste und Kurioseste aufgestapelt sei. Wir traten

mit Fackeln in einen der Stollen, dessen beide Wände von eisernen Türen

durchbrochen waren.

»Wir können Ihnen unmöglich alles zeigen,« sagte einer, »aber Sie werden

sich immerhin einen Begriff von unsern Sammlungen machen können.«

Man öffnete die erste Pforte. Ich will nicht mit der Beschreibung der

kostbaren und seltsamen Dinge in den Felsenkammern ermüden. Die Aufsätze,

die ich in den folgenden fünfzig Jahren aus allen Teilen der Welt an die

*** Zeitung schickte, geben deutliches Zeugnis davon. Nur kurz einiges

allgemeine: ich sah die abendliche Pracht der Wüste, das starre Trandasein

der Eskimos, ich sah Bayreuth mit den wieder lebendig gewordenen nordischen

Göttern, um die sich der Reichtum beider Welten schart. (Ich muss bemerken,

dass dies in den vierziger Jahren geschah, als noch kein Mensch an Bayreuth

dachte). Ich sah die Schlachtfelder des Deutsch-Französischen Kriegs, aber

ich entdeckte noch mehr: leibhaftige Gedanken, die in zeitweiligen oder

lebenslänglichen Ruhestand versetzt, auf köstlichen Polstern lagen,

menschheitbeglückende und weltzerstörende Ideen; kommunistische Systeme

sassen liebenswert um Teetische, Revolutionen wälzten sich knurrend an der

Kette; Dichterträume gingen in fabelhafter Nacktheit -- ich muss gestehen

etwas dreist -- zwischen anständig, wenn auch dürftig gekleideten

bureaukratischen Schrullen umher; Hoffnungen, die stets in der Hoffnung

waren, schrien nach Wöchnerinnen, die man ihnen versagte; einige neue

Laster machten sich von weitem angenehm bemerkbar, rochen aber in der Nähe

schlecht, weshalb ich nicht dazukam, mir ihre Gestalt ordentlich

einzuprägen. Lues, eine Schöne, grämte sich, weil man sie nicht zu den

assyrischen Lasterkönigen liess, aber das Schicksal, vor dem die Schmuggler

ungeheuren Respekt zu haben schienen, wollte es nicht so, wie man mir

versicherte. Auch fixe Ideen drängten unverschämt heran. Nur diesen

gegenüber musste ich mich unhöflicher Worte, einer, die einen Lorbeerkranz

trug, sogar meiner Fäuste bedienen, sonst benahmen sich selbst die

Leidenschaften und die Todsünden recht gut, wenn auch etwas verlegen, wie

derbe Leute, die sich einmal in den Zwang eines Salons fügen, um sich

später anderwärts schadlos zu halten.

Man kann sich denken, mit welchem Staunen ich zwischen all' diesen

Kuriositäten umherging, aber meine Verwunderung wuchs, als mich einer

meiner Begleiter, geschmeichelt durch das Gefallen, das ich an den

Sammlungen fand, höflich aufforderte, ich solle mir von dem Gesehenen

einiges aussuchen, was mir besonders gefiele. Da liess ich denn die Blicke

unentschlossen umherschweifen. Wieder drängten sich die fixen Ideen

ungezogen heran. Aber ich brach mir Bahn nach einem halb offenstehenden

rotschimmernden Gemach, in dem -- obwohl es gar nicht gross war --

fünfhundert (so sagte man mir) wundervolle, nackte Frauen lagerten, die

still vor sich hin lächelten, als wollten sie sagen: wir brauchen uns nicht

vorzudrängen, man kommt zu uns. Ich war von dem weissen Schimmer der Leiber

geblendet; solche Formen hatte ich bisher nur in Gips gesehen, ich meinte,

die wirklichen Frauen seien nun einmal immer hässlich, aber wer ein rechter

Dichter sei, der setze sich darüber hinweg. Die Schmuggler freuten sich

offenbar an meiner Verwirrung, in die mich besonders die zunächst liegende

durch ihre brennenden Blicke versetzte.

»Die will ich haben . . . alle 500,« rief ich gierig und wurde gleich sehr

verlegen.

Nichts sei leichter als das, antwortete man mir vergnügt, ich solle noch

einmal wählen. Man öffnete vor mir eine andere Tür, durch die ein heftiges

gelbes Licht herausfiel, das mir in den Augen weh tat. Als ich mich daran

gewöhnt hatte, sah ich, dass Wände, Boden und Decke des geöffneten Gemaches

mit geprägten Goldstücken gepflastert waren. Ich wollte weiter gehen.

»Es ist rund eine Million,« sagte man mir.

»So?« erwiderte ich gleichgültig und blickte bald lüstern zurück in das

Gemach zu den 500 Frauen, bald schweifte mein Blick suchend über den andern

Kostbarkeiten umher.

»Es ist eine Million,« wiederholte der Schmuggler erstaunt, »wollen Sie die

nicht . . .?«

»Ach nein, geben Sie mir lieber die Wüste mit den Kamelen und Oasen oder

sonst etwas Romantisches . . .«

»Sie sind ein Narr, mein Herr. Erst lassen Sie sich 500 Weiber schenken und

nun verschmähen Sie das lumpige Milliönchen. Was wollen Sie denn ohne Geld

mit Ihren Weibern anfangen? Glauben Sie, die werden Ihnen Ruhe lassen?

Dieses Volk will beschenkt sein mit Schmuck und Kleidern . . .« »Aber nackt

gefallen sie mir viel besser.«

»Das ist den Weibern gleich; wenn Sie ihnen nichts geben, werden sie sich

schon von andern etwas schenken lassen.«

Ich erschrak sehr bei diesen Worten und liess mir nun ruhig die Million

versprechen. Die Schmuggler waren sehr zufrieden und sagten, nun dürfe ich

noch ein letztes Mal wählen. Dieses Mal wolle man mich nicht beeinflussen,

aber sie müssten mir doch vorher noch etwas zeigen, was mir gewiss ganz

besonders gefallen würde. Sie schoben eine Tapetentür auf, die sich ohne

Schlüssel öffnen liess, während alle andern Pforten von Eisen waren und

schwere Schlösser hatten. Dafür war diese Tür so kunstvoll verborgen, dass

sie nur ein Eingeweihter finden konnte. Wir traten in ein Zimmer, in dem

offenbar niemals aufgeräumt wurde. Ein Haufe Metaphern, Anaphern, Symbole,

Allegorien, geprägte Redensarten, Zitate, Sprichwörter, in Fäulnis

übergegangene Witze lagen wie Kraut und Rüben durcheinander. An den Mauern

hingen ohne Ordnung poetische Bilder und Vergleiche in festen Rahmen,

Tropen und Metonymien blickten verwirrend dazwischen hervor. Um die vier

Wände des Zimmers ging nahe der Decke ein Wandbrett, auf dem zwischen

Windöfchen, Kolben, Retorten und anderen Apparaten der Schwarzkunst hohe

Gläser voll Flüssigkeit standen; darin lagen, wie Tiere in Spiritus,

Gedanken, ganz gute Gedanken, die sich im Zustand langsamer Auflösung

befanden, manche waren noch deutlich erkennbar und hatten die umgebende

Flüssigkeit nur leise gefärbt, andere waren bereits formlos, gallertartig

geworden, während die Flüssigkeit immer trüber schien; in einzelnen Gläsern

befand sich nichts als ein formloser, missfarbiger Brei.

Auf meine Frage, was diese Gedankenverdünnung bedeute, wollten mir die

Schmuggler keine rechte Auskunft geben; ich würde das schon eines Tages

begreifen; wenn nicht, so wäre mir nur um so wohler. Ich muss gestehen,

dass mir das verdächtig vorkam. Ich wurde unwillkürlich an die

Wirtshausküche erinnert, wo aus ein paar Pfund Fleisch soviel Brühe

gewonnen werden kann, als -- Wasser da ist. Es wurden hier offenbar

Fälschungen vorgenommen. Und woher bezogen die Leute die zur Verdünnung

benutzten Gedanken? Ich schwur mir, ihnen beileibe keine von meinen Versen

vorzulegen, was mir sonst gar leicht passieren konnte. Vielleicht würden

sie daraus eine Wassersuppe kochen. -- Indessen schweiften meine Blicke

wieder über die Merkwürdigkeiten am Boden und an den Wänden; mein Herz ging

auf, als ich darunter zwischen vielem Unrat reine Dichterworte, tiefsinnige

Symbole, erhabene Weisheitssprüche hervorschimmern sah.

»Wer dahinein Ordnung brächte!« rief ich begeistert aus, »würde das Zeug zu

der wundervollsten Dichtung finden, schenken Sie mir das Gerümpel, mich

soll die Mühe nicht verdriessen!«

Die Schmuggler erklärten sich gerne bereit.

Indessen waren wir wieder hungrig geworden. Wir speisten zusammen in dem

Felsenviereck. Bei Tisch erfuhr ich bemerkenswerte Einzelheiten über das

Dasein dieser Menschen. Sie lebten vom Tauschhandel. Klein hatten sie

angefangen; einige ihrer Kostbarkeiten wollten sie am Weg gefunden haben.

Sie vermehrten ihren Besitz durch vorteilhafte Tauschgeschäfte. Ich gewann

immer mehr den Eindruck, als ob das alles nicht immer redlich zuginge.

»Sie werden uns doch auch etwas als Entgelt für unsere Gaben zurücklassen?«

fragte man mich.

Ich erschrak, denn ich hatte nichts bei mir als eine recht miserable

deutsche Dichterzigarre.

»Beunruhigen Sie sich nicht; Sie lassen uns drei Ihrer Träume ab und wir

sind zufrieden.«

»Träume?« rief ich aufatmend, »davon habe ich genug; wenn Sie ein Mittel

wissen, mich schmerzlos von einigen zu befreien . . .«

Wir kamen dann auf andere Gesprächsthemen, auf Politik, auf die damals

herrschende Unzufriedenheit der Völker mit ihren Herrschern. Die Schmuggler

taten so, als hätten sie dabei irgendwie die Hand im Spiel.

»Nein, nein,« rief einer aus, »die echte Revolution geben wir so bald nicht

wieder her. Wir haben sie nur mühsam zurückbekommen gegen die Heuchelei,

die doch sonst so hoch im Preise stand. Aus Frankreich erhalten wir fast

täglich Briefe, wir möchten sie wieder hergeben, sie wollen uns dafür die

Glorie Bonapartes ungeschmälert ausliefern. Aber wir tun es nicht. Sie

bekommen höchstens ein paar Barrikadenkämpfe.« (Ich bemerke, dass das Jahr

48 vor der Tür stand.)

Ein über alle Massen widerliches, trockenes Lachen tönte aus der Ecke. Es

war ein Heiterkeitsausbruch des Skeletts.

»Grossmäuler Ihr,« rief die Alte, »Ihr müsst sie ja doch hergeben, wenn die

Dame Schicksal kommt und es verlangt. Hi . . . hi . . . Gut, dass die Euch

ein wenig überwacht, sonst würdet Ihr die ganze Welt auf den Kopf stellen.

Hi . . . hi . . .«

Der Schmuggler, der vorher gesprochen hatte, fasste schweigend die Alte an

einem Strick, den sie stets um den linken Knöchel trug und hängte sie

damit, den Kopf nach unten, an einen Nagel, der hoch aus der Felswand

ragte. Sie wimmerte ein wenig, schien aber an diese wohlverdiente

Züchtigungsart gewohnt. Die 500 Frauen, zu denen die Pforte noch offen

stand, jauchzten, die zunächst liegende sagte mit etwas fremdländischem

Akzent, sie würde sich so etwas nicht bieten lassen. Mit ihr hätte es aber

wohl kaum einer versucht. Sie hatte königliche Formen.

Meine üble Meinung von diesen Leuten bestätigte sich immer mehr. Sie

schienen Kenner der Echtheit zu sein, in deren Besitz sie sich zu setzen

wussten, um sie zu entwürdigen. Natürlich machten sie glänzende Geschäfte,

wenn sie die grosse Revolution in zahllose Barrikadenkämpfe verzettelten,

die sie einzeln feilboten. Ich konnte mir vorstellen, wie viel besonnene

Gedanken und ehrwürdige Empfindungen sie sich für solche Nichtigkeiten

bezahlen liessen, und es dämmerte mir, auf welchen unlauteren Kniffen das

Geschäft dieser Menschen beruhte. Ein unheimlicher Gedanke stieg in mir

auf: wenn sie noch eine Zeitlang so weiter wirtschafteten, würden sie

schliesslich alles Wertvolle aus der Welt herausgezogen und ihre

Scheinwerte und Verdünnungen hineingeschmuggelt haben. Mir graute vor der

Feigheit, Heuchelei, Unwahrheit, Bedrückung, die dann zur Herrschaft kämen,

während die Freiheit, die Schönheit, die Erkenntnis in Felsenkammern als

Kuriositäten moderten oder alchimistisch entstellt würden. Es war nur gut,

dass sie wenigstens vor dem Schicksal Angst hatten, vielleicht weil es das

einzige auf der Welt ist, womit man nicht Handel treiben kann.

Man muss mir etwas Einschläferndes in das Getränk gegossen haben, denn nur

mit Mühe bemerkte ich noch, wie das Skelett wieder abgehängt wurde, einen

überkochenden Kessel aus einem Stollen holen und in die Mitte rücken musste

und unter Höllenlärm der ganzen Schmugglerbande darin herumquirlte; man

warf mir unerkennbare Gegenstände hinein, Flaschen wurden darüber

ausgegossen; wenn der Kessel zu voll war, stellte man ihn einfach schräg,

bis ein Teil der Flüssigkeit überlief, die sich wie kriechendes Gewürm

lautlos und dick in die Stollen verteilte. Dann wurde weiter gepantscht.

Zuletzt klebte die Alte auf einer Etikette das Datum des folgenden Tages an

den Kessel, den mehrere Schmuggler verschlossen. Man schob ihn bis vor eine

eiserne Tür. Durch den geöffneten Flügel sah ich nichts als den gestirnten

Himmel. Ich merkte, dass wir uns sehr hoch befinden mussten. Der Kessel

wurde bis auf die Schwelle geschoben, das Skelett gab ihm einen Tritt und

nun rollte er auf einer Art Rutschbahn ins Tal. Die ganze Schmugglerbande

heulte ihm die gröbsten Ausdrücke nach, spie hinunter und verunreinigte

überhaupt die Rutschbahn aufs unflätigste.

»Er ist geplatzt,« rief einer entzückt, und ich stellte mir lebhaft vor,

wie dieses elende Gebräu die Welt am folgenden Morgen überschwemmen würde.

Offenbar gab es jeden Tag solch eine Portion.

Nun schien der Zweck erreicht zu sein, man schloss die Tür. Ich aber tat

als ob ich schlief, denn ich verhehlte mir nicht, dass ich in einen

ungewöhnlichen Kreis geraten war, dessen Tun und Treiben ich weiter

beobachten wollte. Bald aber geriet ich, wie sehr ich auch dagegen kämpfte,

in Halbschlummer. Ich träumte lebhaft, doch ich wusste, dass es Träume

waren.

Zuerst sah ich Manolitha, göttlich schön, wie sie in meiner Phantasie

lebte, mit ihrer Krone goldener Haare und den Sternen im Antlitz. Ich

wusste, dass es ein Traumbild war, aber ich freute mich daran; doch da kam

einer der Schmuggler, suchte mit den Händen etwas über dem Haupte

Manolithas, rollte behutsam das ganze Bild zusammen und reichte es der

Alten, die es in einen der Stollen trug. An Stelle des Bildes sah ich eine

merkwürdige Haustür mit grünen Jalousien. Darüber hing eine transparent

erleuchtete Hausnummer in der Grösse einer Fensterscheibe. Daneben stand

zwischen zwei ordinären Amoretten auf einem Schild:

Nachtschelle für

Mlle Rose, Modes.

Ich war so keck, auf die Klingel zu drücken; da sah ich hinter den

Jalousien zwei spähende Augen. Ein Spalt der Tür wurde geöffnet und ein

recht anständig gekleidetes Mädchen mit etwas pockennarbigem Gesicht

flüsterte:

»Sie sind doch empfohlen . . . durch Dr. M., nicht? . . . Sie wissen, nur

auf Empfehlungen lassen wir . . .«

Ich nickte bloss und trat ein. Am Ende des Korridors sah ich wieder in das

halboffene rote Gemach, in dem die 500 nackten Frauen lagerten, die nun mir

gehörten. Aber die Tür flog gleich zu.

Das anständige Mädchen schob mich auf eine breite verschnörkelte

Holztreppe, wie sie in alten Bürgerhäusern sind. Ich ging hinauf. Es roch

nach samstäglicher Putzerei. Im vierten Stock war eine Glastür, vor der auf

einem Schildchen mein Name stand. Ich öffnete mit meinem Hausschlüssel, der

genau in das Schloss passte. Im Zimmer war ein Kaffeetisch gedeckt, beim

Schein einer geblümten Petroleumlampe strikte Manolitha Socken. Hinter dem

Tisch stand ein Ledersofa mit einem gehäkelten, kranzförmigen Pfühl;

darüber hingen Familienporträts in ovalen Rahmen. Manolitha stand auf; sie

nahm sich als Hausfrau ganz gut aus.

»Alter,« sagte sie, »es ist gut, dass du kommst; schon dreimal war der

Metzger mit der Rechnung . . .«

Ich wollte auf sie zugehen und ihr schlicht gescheiteltes Haar küssen, aber

da kam wieder der Schmuggler, machte sich über Manolithas Kopf zu schaffen

und rollte das ganze Traumbild auf, das die Alte wieder in den Stollen

trug. Statt in dem altmodischen Zimmer mit dem Kaffeegeruch befand ich mich

in einem kleinen Gemach voll orientalischer Teppiche am Boden und an den

Wänden. Ein Diener erwartete mich mit Tee. Neben meiner Tasse lag ein

Haufen eingelaufener Briefe und Telegramme, nach denen ich griff, während

der Diener mir die Stiefel auszog. Im Nebenzimmer brannten zahllose Kerzen

vor Spiegeln. In der Mitte war ein Tisch mit reichem Silber und Porzellan

gedeckt, seltene Blumen dufteten in bunten Vasen. Der Diener bemerkte

bescheiden, alles sei für das Diner angeordnet, wie ich es befohlen hätte.

In diesem Augenblick schellte es; ich wurde ans Telephon gerufen.

Als ich aber die Hörmuschel ans Ohr legte, bemerkte ich, dass ich einen

Guckkasten vor mir hatte. Ich sah darin ein wundervolles Bild. Tief im

Abgrund wand sich ein Fluss zwischen südländisch üppig bewachsenen Ufern,

an denen ein fast schwarzer Lorbeerhain zwischen hellerem Grün hervorstach.

Aus diesem Hain erhob sich eine Gestalt, die immer höher schwebte, bis sie

ganz dicht vor mir war. Ich erkannte Manolithas Züge, schön wie sie in mir

lebten. Sie trug ein antikes Gewand. Gemessen schritt sie auf mich zu, hob

ihre beiden Arme und wollte mir einen Lorbeerkranz auf die Schläfen

drücken, aber zum dritten Male erschien der Schmuggler, rollte das Bild

auf, gab es dem Skelett, das damit in dem Stollen verschwand. In dem

Guckkasten aber gewahrte ich ein anderes Schauspiel. Ein Herr, der meinem

Vater ähnlich sah, nur viel vornehmer erschien, sprach von einer

Rednerbühne herab zu einer festlichen Versammlung. Man jubelte ihm zu, er

schien seine Rede gerade beendet zu haben. Ich hörte noch, wie er die Worte

sagte:

»Und für diese Broschüre, in der ich sein Land in den wahrsten und hellsten

Farben zugleich geschildert, geruhten Seine Hoheit der Bey von Tunis mir

seinen Sonnenorden zu verleihen. Mein Souverän -- Gott erhalte ihn --

konnte mir aus geheimen Gründen der Staatsräson das Tragen dieser

Auszeichnung nicht gestatten, und so bin ich genötigt, diesen Beweis seiner

Gunst dem hohen Bey -- auch ihn erhalte Gott -- zurückzusenden. Vorher aber

kann ich mir die Genugtuung nicht versagen, Ihnen, verehrte Zuhörer, und --

wie ich mir wohl schmeicheln darf -- Freunde, dieses Kleinod zu zeigen!«

In diesen Worten öffnete der vornehme Mann eine Kiste, die ihm derselbe

Diener brachte, der mich vorher mit Tee bedient und mir die Stiefel

ausgezogen hatte, und entnahm daraus goldene Sterne und seidene Schleifen,

die er der laut jubelnden Menge zeigte; ja er konnte sich nicht enthalten,

sie einen Augenblick anzulegen.

In diesem Augenblick klingelte es wieder am Telephon. Jemand rief:

»Schluss!« Ich hängte die Hörmuschel an, und als ich mich umsah, war es

heller Morgen. Die Schmuggler sassen beim Mahl in ihrer Felsenstube.

Man wünschte mir einen guten Tag, das Skelett brachte einen ganz

erträglichen Morgenkaffee an mein Lager. Ich erfuhr, dass die Schmuggler

nach dem Frühstück an ihr Tagewerk zu gehen beabsichtigten, d. h. einige

Streifzüge in der Umgegend machen wollten, weil heute der Fürst Metternich,

auf einer Italienreise begriffen, durchkommen müsse und sie ihm einige

freiheitliche Ideen aufschwindeln wollten. Sie hofften durch derartige

Manipulationen die Revolution nicht hergeben zu brauchen. Man brach auf,

und mir blieb nichts anderes übrig als mitzugehen. Die Schmuggler bemerkten

meine enttäuschte Miene.

»Ach so, die Geschenke,« sagte einer, »Sie müssen wissen, dass Sie das

nicht alles auf einmal erhalten, es wird auf Ihr ganzes Leben verteilt

werden. Aber Sie werden noch heute spüren, dass wir Wort halten.«

Ich glaubte natürlich kein Wort und war überzeugt, dass man mich betrogen

hatte.

Wir gingen durch einen endlos scheinenden Stollen, der uns schließlich an

eine Stelle des Sees führte, wo zwischen Wasser und Felsen kein Pfad ging.

Ein breites Warenboot, wie es die Schiffer benutzen, lag in einer kleinen

natürlichen Bucht. Ich wurde eine halbe Stunde weit gerudert und dann an

der mir bekannten Uferstrasse abgesetzt. Die Schmuggler hielten sich keine

volle Minute auf, sondern fuhren mit unbegreiflicher Geschwindigkeit

zurück.

Ohne im geringsten Klarheit über das Erlebnis zu finden, ging ich der Stadt

zu. Von weitem sah ich Manolitha, die vom Markt kam, wo sie Fische gekauft

hatte. Sie trug sie in einem Korb. Pfui! wie hässlich sie war, sie schien

mir krankhaft mager, und wie mussten erst ihre Hände nach Fischen riechen!

Glücklicherweise führte der Weg über eine Brücke, unter die ich leicht

durch einen Graben neben der Strasse gelangen konnte. Dort verbarg ich

mich, bis Manolitha vorbei war. Ich habe sie niemals wieder gesehen.

Als ich auf den Marktplatz der Stadt kam, fand ich vor dem vornehmsten

Gasthaus ein grosses Gedränge, das von galonierten Bedienten zurückgehalten

wurde. Ich glaubte unter denen, die aus dem Haus kamen, einen der

Schmuggler zu gewahren, der sofort in der Menge verschwand. Auf meine

Erkundigung erfuhr ich von meinem Nachbar, es sei eine hohe Persönlichkeit

auf der Durchreise nach Italien angekommen, man wisse aber nicht wer, da

die Personnage unerkannt bleiben wolle. Ich wusste sofort, dass es niemand

anders als Fürst Metternich sein konnte. Mit einer mir sonst gar nicht

eigenen Gewandtheit verstand ich mich durch den Garten von hinten ins Haus

zu schleichen. Vor einer Tapetentür im ersten Stock blieb ich, der sonst

eher schüchtern war, so ungeniert stehen, dass alle Vorübergehenden meinen

mussten, ich gehörte dahin. Durch die Tür aber vernahm ich die Stimme des

Fürsten im Gespräch mit dem Bürgermeister der Stadt. Ich verstand nur

abgerissene Sätze. Vor allem wünschte er ganz unerkannt durchzureisen, da

er leidend war, im übrigen sei er der Stadt sehr gewogen; er habe nichts

einzuwenden gegen die Ernennung des beliebten X. zum Oberpostmeister,

obgleich der Mann im Geruche des Liberalismus stehe; man solle überhaupt

ihn (den Fürsten) doch ja nicht für einen Währwolf halten, er beabsichtige

auch im Lauf der Jahre die Zensur und die Pressgesetze, selbst in den

Grenzdistrikten, etwas milder zu handhaben etc. etc.

Als ich hörte, dass der Bürgermeister verabschiedet wurde, eilte ich fort,

um nicht entdeckt zu werden. Mein Weg ging geradeaus auf die Redaktion der

ersten Zeitung, wo ich meine ganze Wissenschaft verriet.

»Metternich hier?« rief der Redakteur, »wenn Sie sich nur nicht täuschen

. . .«

»Aber Herr Redakteur,« erwiderte ich, »was glauben Sie von mir, ich kenne

Fürst Metternichs Stimme wie die meines Vaters.«

Ich erschrak über diese mir selbst unbegreifliche Frechheit, denn ich hatte

Metternich nie gesehen, noch früher je sprechen gehört.

»Nun, so schreiben Sie einmal alles auf, was Sie wissen,« erwiderte der

Redakteur, durch meine Sicherheit überzeugt. »Hier ist ein Pult, Tinte und

Feder . . .«

Während ich schrieb, flossen mir -- ich wusste nicht wie -- Bilder und

Sprachwendungen zu, die ich in dem Gemach der Schmuggler bemerkt hatte. In

einer Viertelstunde waren zwei Spalten geschrieben in einem, wie ich selbst

fand, äusserst brillanten Stil. Mit grossem Selbstbewusstsein überreichte

ich dem Redakteur die Blätter, der sie überflog und erstaunt rief:

»Sie sind der geborene Journalist, junger Mann . . . Ihre Findigkeit ist

nichts gegen Ihren Stil, und alles beides verschwindet wieder vor Ihrer

Schnelligkeit. Seit wann sind Sie bei der Presse?«

»Das ist mein erster Versuch,« erwiderte ich etwas schüchtern.

»Was waren Sie denn früher? Jeder Journalist war früher etwas anders.«

»Dichter,« sagte ich beschämt.

»Na, das haben Sie sich glücklich abgewöhnt. Ich habe Beschäftigung für

Sie. Heute abend singt die Rubini die Cenerontola. Gehen Sie in die Oper

und bringen Sie mir nachts noch die Kritik.«

»Aber Herr Redakteur, ich bin ja ganz unmusikalisch.«

»Unsinn,« antwortete er grob, »solche Bedenken gewöhnen Sie sich nur ja ab,

mit Ihrem Stil ist man musikalisch, agronomisch, geographisch, theosophisch

. . . was verlangt wird . . . verstehen Sie? Ich sehe übrigens, dass Sie,

um in die Oper zu gehen, Ihre Toilette etwas vervollständigen müssen. Hier

haben Sie hundert Gulden Vorschuss und unterschreiben Sie dieses Blatt.«

Er reichte mir einen Zettel, den ich unterschrieb, ohne zu beachten, was

darauf stand. Ich empfahl mich und ging in die Modemagazine, wo ich mich

völlig ausrüstete. Als Stutzer kam ich nach Hause. Vor meiner Zimmertür

stand eine pompöse, übermässig elegant gekleidete Dame.

»O . . . Sie kommen endlich . . .« rief sie in einem gebrochenen Deutsch.

»Ich bin Rubini . . ., Carlotta Rubini . . . ich höre, dass Sie heute abend

die Kritik schreiben.«

Ich geriet etwas in Verlegenheit.

»Verzeihen Sie . . . Signora . . .« stammelte ich . . . »ich wohne nur

vorübergehend in dieser Höhle . . . bis ich eine Wohnung nach meinem

Geschmack finde.«

»O ich begreife . . . ich begreife . . .« sagte die Rubini und trat ein.

Sie nahm ihren Schleier ab und ich erkannte in ihr diejenige von den 500

Frauen, die mir in der Schmugglerhöhle zunächst gelegen hatte.

»Ach . . . ich hin so müde . . .« sagte sie . . . »darf ich ein wenig

ausruhen . . . seit einer halben Stunde stehe ich auf der Treppe.«

»Gewiss . . . gewiss . . . Signora, wenn ich Ihnen nur etwas anbieten

könnte . . .«

»Ach ja, mein Herr . . . bieten Sie mir etwas an . . . lassen Sie etwas

holen.«

Ich ging hinaus und gab einem Jungen, der nebenan bei einem Schuster

arbeitete, den Rest meines Geldes und beauftragte ihn, aus dem Kaffeehaus

Champagner heraufzubringen. Wie recht gab ich jetzt den Schmugglern, die

ihr Versprechen hielten, und mir zu den 500 Frauen nach und nach die so

unentbehrliche Million zukommen lassen würden.

Als ich wieder in die Kammer trat, hatte sich's die Rubini sehr bequem

gemacht. Es war ihr so heiss. Und als der Champagner kam, hielt ich bereits

besorgt ihre Hand, denn sie hatte einen übermässig starken Pulsschlag

. . .

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Aber sie war nur ein Präzedenzfall. Ich könnte noch 499 Geschichten

erzählen, wenn nicht die hohe Geburt, der europäische Name und der Reichtum

meiner Heldinnen zu besonderer Diskretion verpflichteten. Aber aus rein

psychologischem Interesse werde ich vielleicht doch einmal indiskret sein;

nur muss ich vorher das Aussterben einiger Herrscherhäuser abwarten.

Dieses Buch wurde im Auftrage von Georg Müller

Verlag in München in einer Auflage von 800

Exemplaren bei der Buchdruckerei Imberg & Lefson

in Berlin hergestellt und nach den Entwürfen von

Paul Renner bei Hübel & Denck in Leipzig gebunden.

Ausserdem wurden 50 Exemplare auf van

Geldern abgezogen und in Ganzleder gebunden.

Haschisch: Erzählungen · 第 15 / 16 题