II.

Ich habe die Seele eines Fauns und zugleich die eines ganz jungen

Mädchens. Wenn ich eine Frau betrachte, empfinde ich eine völlig andere

Art von Erregung als beim Anblicke eines Mädchens. Wenn man sich mit

Hilfe von Blumen und Früchten verständlich machen könnte, würde ich

einer Frau glühende Pfirsiche, die rosigen Glocken der Tollkirsche und

schwere Rosen reichen, dem Mädchen aber Kirschen, Himbeeren,

Quittenblüten, Heckenrosen und Gaisblatt.

Es gibt kaum ein Gefühl, das ich erlebe, ohne daß es vom Bilde einer

Blume oder Frucht begleitet wäre. Wenn ich an Martha denke, sehe ich

Gentianen vor mir, Lucie ist mir mit den weißen japanischen Anemonen

verbunden, Marie mit Maiglöckchen und eine andere wieder mit einer

Zedratfrucht, die aber ganz durchsichtig ist.

Zum ersten Rendezvous, das ich mit einer Freundin hatte, habe ich

Schwertlilien mit aprikosenrosa Halse mitgebracht. Wir stellten sie über

Nacht ins Fenster, und dort vergaß ich sie, um mich nur meiner Freundin

zu erinnern. Heute wollte ich gerne der Freundin vergessen und nur mehr

der Schwertlilien gedenken.

All meine Erinnerungen gehören also sozusagen der Pflanzenwelt an.

Bäume, Blüten und Früchte sind meine Merkzeichen für Menschen und

Gefühle.

Die Pflanzen, aber auch die Tiere und die Steine haben meine Kindheit

mit geheimnisvoller Lieblichkeit erfüllt.

Als ich vier Jahre alt war, stand ich und betrachtete die Haufen

zerschlagener Bergkiesel am Straßenrande. Wenn man diese Steine in der

Dämmerung gegeneinanderschlug, gaben sie Feuer -- rieb man sie

aneinander, dann rochen sie verbrannt. Die geäderten hob ich auf: sie

waren schwer, als ob sie Wasser in sich verborgen hielten. Der Glimmer

im Granit bezauberte meine Neugier so sehr, daß nun nichts anderes mehr

sie stillen konnte. Ich fühlte, daß da etwas war, das niemand mir zu

erzählen vermochte: das Leben der Steine.

Um dieselbe Zeit war man einmal böse mit mir, weil ich die künstlichen

Käfer von einem Hute meiner Mutter weggenommen hatte. Das war meine

Leidenschaft: Tiere aufzuheben, und ich war so voll Freundschaft zu

ihnen, daß ich weinte, wenn ich sie unglücklich glaubte. Noch heute

erlebe ich die namenlose Angst wieder, wenn ich daran denke, wie die

kleinen Nachtigallen, die mir jemand geschenkt hatte, in unserem

Speisezimmer zugrunde gingen. In dieser Zeit mußte man mir, damit ich

einschlafe, das Glas mit meinem Laubfrosche in meine Nähe stellen. Ich

fühlte, daß er mein treuer Freund war und mich auch gegen Diebe

verteidigt hätte. Als ich das erstemal einen Hirschkäfer sah, war ich

von der Schönheit seiner Geweihzangen so ergriffen, daß die Begierde,

einen zu besitzen, mich krank machte.

Meine Leidenschaft für die Pflanzen zeigte sich später, als ich gegen

neun Jahre alt war. Die rechte Einsicht in ihr Leben aber fing erst an,

als ich ins fünfzehnte Jahr ging -- ich erinnere mich noch, unter

welchen Umständen. An einem Donnerstage, einem lähmend heißen

Sommernachmittage, ging ich mit meiner Mutter durch den botanischen

Garten einer großen Stadt. Weißblendende Sonne, dicke blaue Schatten und

schwere zähe Gerüche machten aus diesem fast verlassenen Orte das Reich,

dessen Pforte ich nun endlich überschritt. Im lauen goldkäferfarbigen

Wasser der Bassins gediehen kümmerlich allerlei Pflanzen, lederige graue

und hohe weiche, durchsichtige. Aber aus der Mitte dieser armen

traurigen Wassergewächse erhoben sich in den großen Azur grüne

Lanzenschäfte und hielten die Anmut ihrer weißen und rosigen Dolden in

den lodernden Tag: die Wasserlilien über ihren Blättern, in

vertrauensvollen Schlaf versunken. Mit den Wasserpflanzen hielten die

Pflanzen der Erde stumme Zwiesprache. Ich erinnere mich einer Allee, in

der Studenten, ein Sacktuch im Nacken, unter der Schönheit der Blätter

begraben lagen. Das war die Allee der Ombelliferen. Fenchel und

Steckenkraut drehten ihre Kronen über die Stengel, deren Blattscheiden

platzten, empor. Schweigend unterredeten sich die Düfte miteinander,

stumme Verständigung wob fühlbar von Pflanze zu Pflanze, und über dem

vereinsamten Reiche schwebte Entsagung.

Seit damals verstehe ich die Pflanzen: ich weiß, daß ihre Familien sich

miteinander verschwägern, und daß sie alle von Natur aus einander

lieben. Aber ich weiß auch, daß diese Verwandtschaften nicht da sind, um

den Klassifikationen zur Unterstützung unseres trägen Gedächtnisses zu

dienen.

Die Pflanzen sind lebendige, tätige Geometrie, die irgendwelchen

Auflösungen zustrebt -- wie die sein werden, weiß ich nicht. Da läßt

sich nun ein reizvolles Geheimnis beobachten: die Arten, die in

denselben geologischen Epochen vorkamen, haben einander ihre Sympathien

geschenkt und bleiben auch heute noch im Wechsel der Jahreszeiten

einander nahe. Wie vermöchte sonst das Wesen der frierenden schneeigen

Winterliliaceen mit dem der purpurnen Herbstnachtschatten so

zusammenzustimmen?

Es gibt noch andere Pflanzengemeinschaften, die nicht so sehr durch

Menschenbemühungen als dadurch zustandekommen, daß gewisse Arten andere

als Freunde bei sich haben mögen und sich nach ihnen sehnen. Wie schön

sind die Bauerngärten, in denen die strahlende Lilie -- gleich den

Göttern, die die Niedrigen besuchen -- zwischen Kohlköpfen, Knoblauch

und Zwiebeln (die in den Töpfen der Armen kochen werden) wächst! O, wie

liebe ich diese ländlichen Küchengärten, wenn mittags der traurige blaue

Schatten der Gemüse auf den Vierecken körniger weißer Erde einschläft,

der Hahnenruf das Schweigen noch tiefer macht und das geduckte Huhn

unter dem schrägen gewundenen Fluge des Habichts aufgluckst! Da wachsen

die Blumen der schlichten Liebenden, die Blumen der jungen Frauen, die

den blauen Lavendel trocknen und zwischen ihr grobes Leinen legen. Da

wächst auch der treue Buchsbaum, an dem jedes Blättchen ein Spiegel von

Azur ist, und die Stockrose, an der die sanfte reine Flamme der Blüten

sich in Schwermut verzehrt: fromme Blumen, dem Schweigen und der

Entsagung geweiht.

Ich liebe auch die Wiesenblumen: die Königin der Fluren, schaukelnd in

leichten Winden und vom Glucksen des Baches in den Schlaf gewiegt. Ihre

duftende Krone schmückt sich mit Wasserkäfern schimmernder als der Hals

der Kolibris. Sie ist die Geliebte der Halden, die Braut der grasigen

Lichtungen.

Tief in den verlorenen alten Parks aber gibt es die geheimnisvollen

Pflanzen: da gedeihen die _alten_ Blumen, der Erdflieder, die amaryllis

belladonna und die Kaiserkrone. Anderswo müßten sie sterben, hier aber

beharren sie, behütet von den Vorbildern der jahrhundertealten

einzigartigen Bäume mit den verschollenen Namen. Diese vornehmen,

verwöhnten und gezierten Blumen erheben ihre schwanken Köpfe nur, wenn

der Wind durch die Amberbäume und Ahorne streicht und aufseufzt wie

einst Chateaubriand.

Das Paradies: Geschichten und Betrachtungen · 第 23 / 29 题