Ich habe die Seele eines Fauns und zugleich die eines ganz jungen
Mädchens. Wenn ich eine Frau betrachte, empfinde ich eine völlig andere
Art von Erregung als beim Anblicke eines Mädchens. Wenn man sich mit
Hilfe von Blumen und Früchten verständlich machen könnte, würde ich
einer Frau glühende Pfirsiche, die rosigen Glocken der Tollkirsche und
schwere Rosen reichen, dem Mädchen aber Kirschen, Himbeeren,
Quittenblüten, Heckenrosen und Gaisblatt.
Es gibt kaum ein Gefühl, das ich erlebe, ohne daß es vom Bilde einer
Blume oder Frucht begleitet wäre. Wenn ich an Martha denke, sehe ich
Gentianen vor mir, Lucie ist mir mit den weißen japanischen Anemonen
verbunden, Marie mit Maiglöckchen und eine andere wieder mit einer
Zedratfrucht, die aber ganz durchsichtig ist.
Zum ersten Rendezvous, das ich mit einer Freundin hatte, habe ich
Schwertlilien mit aprikosenrosa Halse mitgebracht. Wir stellten sie über
Nacht ins Fenster, und dort vergaß ich sie, um mich nur meiner Freundin
zu erinnern. Heute wollte ich gerne der Freundin vergessen und nur mehr
der Schwertlilien gedenken.
All meine Erinnerungen gehören also sozusagen der Pflanzenwelt an.
Bäume, Blüten und Früchte sind meine Merkzeichen für Menschen und
Gefühle.
Die Pflanzen, aber auch die Tiere und die Steine haben meine Kindheit
mit geheimnisvoller Lieblichkeit erfüllt.
Als ich vier Jahre alt war, stand ich und betrachtete die Haufen
zerschlagener Bergkiesel am Straßenrande. Wenn man diese Steine in der
Dämmerung gegeneinanderschlug, gaben sie Feuer -- rieb man sie
aneinander, dann rochen sie verbrannt. Die geäderten hob ich auf: sie
waren schwer, als ob sie Wasser in sich verborgen hielten. Der Glimmer
im Granit bezauberte meine Neugier so sehr, daß nun nichts anderes mehr
sie stillen konnte. Ich fühlte, daß da etwas war, das niemand mir zu
erzählen vermochte: das Leben der Steine.
Um dieselbe Zeit war man einmal böse mit mir, weil ich die künstlichen
Käfer von einem Hute meiner Mutter weggenommen hatte. Das war meine
Leidenschaft: Tiere aufzuheben, und ich war so voll Freundschaft zu
ihnen, daß ich weinte, wenn ich sie unglücklich glaubte. Noch heute
erlebe ich die namenlose Angst wieder, wenn ich daran denke, wie die
kleinen Nachtigallen, die mir jemand geschenkt hatte, in unserem
Speisezimmer zugrunde gingen. In dieser Zeit mußte man mir, damit ich
einschlafe, das Glas mit meinem Laubfrosche in meine Nähe stellen. Ich
fühlte, daß er mein treuer Freund war und mich auch gegen Diebe
verteidigt hätte. Als ich das erstemal einen Hirschkäfer sah, war ich
von der Schönheit seiner Geweihzangen so ergriffen, daß die Begierde,
einen zu besitzen, mich krank machte.
Meine Leidenschaft für die Pflanzen zeigte sich später, als ich gegen
neun Jahre alt war. Die rechte Einsicht in ihr Leben aber fing erst an,
als ich ins fünfzehnte Jahr ging -- ich erinnere mich noch, unter
welchen Umständen. An einem Donnerstage, einem lähmend heißen
Sommernachmittage, ging ich mit meiner Mutter durch den botanischen
Garten einer großen Stadt. Weißblendende Sonne, dicke blaue Schatten und
schwere zähe Gerüche machten aus diesem fast verlassenen Orte das Reich,
dessen Pforte ich nun endlich überschritt. Im lauen goldkäferfarbigen
Wasser der Bassins gediehen kümmerlich allerlei Pflanzen, lederige graue
und hohe weiche, durchsichtige. Aber aus der Mitte dieser armen
traurigen Wassergewächse erhoben sich in den großen Azur grüne
Lanzenschäfte und hielten die Anmut ihrer weißen und rosigen Dolden in
den lodernden Tag: die Wasserlilien über ihren Blättern, in
vertrauensvollen Schlaf versunken. Mit den Wasserpflanzen hielten die
Pflanzen der Erde stumme Zwiesprache. Ich erinnere mich einer Allee, in
der Studenten, ein Sacktuch im Nacken, unter der Schönheit der Blätter
begraben lagen. Das war die Allee der Ombelliferen. Fenchel und
Steckenkraut drehten ihre Kronen über die Stengel, deren Blattscheiden
platzten, empor. Schweigend unterredeten sich die Düfte miteinander,
stumme Verständigung wob fühlbar von Pflanze zu Pflanze, und über dem
vereinsamten Reiche schwebte Entsagung.
Seit damals verstehe ich die Pflanzen: ich weiß, daß ihre Familien sich
miteinander verschwägern, und daß sie alle von Natur aus einander
lieben. Aber ich weiß auch, daß diese Verwandtschaften nicht da sind, um
den Klassifikationen zur Unterstützung unseres trägen Gedächtnisses zu
dienen.
Die Pflanzen sind lebendige, tätige Geometrie, die irgendwelchen
Auflösungen zustrebt -- wie die sein werden, weiß ich nicht. Da läßt
sich nun ein reizvolles Geheimnis beobachten: die Arten, die in
denselben geologischen Epochen vorkamen, haben einander ihre Sympathien
geschenkt und bleiben auch heute noch im Wechsel der Jahreszeiten
einander nahe. Wie vermöchte sonst das Wesen der frierenden schneeigen
Winterliliaceen mit dem der purpurnen Herbstnachtschatten so
zusammenzustimmen?
Es gibt noch andere Pflanzengemeinschaften, die nicht so sehr durch
Menschenbemühungen als dadurch zustandekommen, daß gewisse Arten andere
als Freunde bei sich haben mögen und sich nach ihnen sehnen. Wie schön
sind die Bauerngärten, in denen die strahlende Lilie -- gleich den
Göttern, die die Niedrigen besuchen -- zwischen Kohlköpfen, Knoblauch
und Zwiebeln (die in den Töpfen der Armen kochen werden) wächst! O, wie
liebe ich diese ländlichen Küchengärten, wenn mittags der traurige blaue
Schatten der Gemüse auf den Vierecken körniger weißer Erde einschläft,
der Hahnenruf das Schweigen noch tiefer macht und das geduckte Huhn
unter dem schrägen gewundenen Fluge des Habichts aufgluckst! Da wachsen
die Blumen der schlichten Liebenden, die Blumen der jungen Frauen, die
den blauen Lavendel trocknen und zwischen ihr grobes Leinen legen. Da
wächst auch der treue Buchsbaum, an dem jedes Blättchen ein Spiegel von
Azur ist, und die Stockrose, an der die sanfte reine Flamme der Blüten
sich in Schwermut verzehrt: fromme Blumen, dem Schweigen und der
Entsagung geweiht.
Ich liebe auch die Wiesenblumen: die Königin der Fluren, schaukelnd in
leichten Winden und vom Glucksen des Baches in den Schlaf gewiegt. Ihre
duftende Krone schmückt sich mit Wasserkäfern schimmernder als der Hals
der Kolibris. Sie ist die Geliebte der Halden, die Braut der grasigen
Lichtungen.
Tief in den verlorenen alten Parks aber gibt es die geheimnisvollen
Pflanzen: da gedeihen die _alten_ Blumen, der Erdflieder, die amaryllis
belladonna und die Kaiserkrone. Anderswo müßten sie sterben, hier aber
beharren sie, behütet von den Vorbildern der jahrhundertealten
einzigartigen Bäume mit den verschollenen Namen. Diese vornehmen,
verwöhnten und gezierten Blumen erheben ihre schwanken Köpfe nur, wenn
der Wind durch die Amberbäume und Ahorne streicht und aufseufzt wie
einst Chateaubriand.