Die Traurigkeit der kleinen Stadt tut mir wohl: die Gassen mit ihren
finsteren Laden, die abgetretenen Türschwellen, die Gärten, die in der
schönen Zeit des Jahres über einem Grunde von blauem Brodem schwimmen,
über dem Gewirre von Stockrosen, Glyzinien und Weinreben -- und dann
jene anderen Gärtchen, räudig wie Esel, mit schwärigen Buchsbaumhecken,
darauf Lumpen zum Trocknen liegen, und das Rinnsal der Gerber, das den
dünnen Perlmutterglanz des Himmels mitschleppt und zwischen seinen
Schlammpflanzen hart die Dächer widerspiegelt, o -- und der Wildbach,
der die Felsen höhlt, sich windet und eilig dahinblinkt! Der kleine
Stadtplatz ist hübsch, ob die Zikaden in den sommerlichen Buchen
schrein, ob der Herbstwind auf ihm scharrt oder die Regen ihn
zerkritzeln. Es gibt auch einen kleinen Stadtpark da, von dem Bernhardin
de Saint Pierre entzückt gewesen wäre: unter seinen Kastanienbäumen sind
die Mainächte tief, blau und sanft.
Ich komme seit Jahren in diese Stadt, die einst mein Großvater und mein
Großoheim verlassen haben, um die überblühten Antillen zu suchen. Dann
haben sie das Brausen des Meeres gehört, musselinene Kleider glitten
unter ihren Veranden dahin -- und als sie starben, waren sie vielleicht
voll Sehnsucht nach diesen Gassen mit ihren Laden, den Gärten hier, den
Rinnsalen und diesem Wildbache.
Wenn ich dann meinen kleinen Meierhof aufsuche, denke ich daran, daß sie
einst hier gewesen sind. O, ihre Ausflüge! Das Frühstück trugen sie in
einem Körbchen mit und einer hatte eine Gitarre umgehängt. Leichten
Ganges folgten ihnen die jungen Mädchen; zwischen taufeuchten Hecken
summte eine Romanze auf und erschreckte die Vögel mit einer
unaussprechlichen Liebe. Die Maulbeeren waren noch grün. Man marschierte
im Takte. Der Schrei eines Mädchens zitterte durch die Luft, an einer
Wegecke wurde ein großer Hut geschwungen, und ein kühles Lachen flog
zwischen den regenversehrten Heckenrosen empor.
Diese Gitarre habe ich im Hofe meiner hugenottischen Großtanten an einem
Sommerabende gehört, als ich vier Jahre alt war. Der Hof schlief in
weißer Dämmerung, und von den Dächern sank eine unbekannte Zärtlichkeit
auf die Rosenstöcke und das helle Pflaster. Meine Verwandten saßen auf
einem Balken, waren froh und lachten darüber, daß ich so ein kleines
Kind war und eine weiße Schürze anhatte. Dann sang mein Großonkel ein
Lied aus der Hauptstadt. Ich seh ihn noch mit vorgestrecktem Kopfe
stehen. Die Luft zitterte sacht. Am Ende einer Koloratur machte er eine
komische nette Verbeugung.
Ich segne dich, kleine Stadt, in der kein Mensch mich versteht, wo ich
meinen Stolz, mein Weh und meine Freude in mir verberge und ich keine
andere Zerstreuung habe, als meine alte Hündin kläffen zu hören oder
arme Gesichter anzuschauen. Aber dann steige ich die Hügel empor, wo der
dornige Stechginster wächst -- und dort erlebe ich in der Betrachtung
meiner Kümmernisse das sanfte Glück, das Verzichten heißt. Jetzt quält
mich nicht mehr das rohe und verächtliche Lachen der Leute noch auch das
Zweifeln an allem. Das Lachen derer, die mich verachten, ist verstummt
-- und ich werde gleichgültig gegen alles, was ich bin. Aber ich bin
indessen ernst geworden gegen mich selber und die andern. Mit
furchtsamer Freude sehe ich nun die Sorglosigkeit der Glücklichen. Ich
habe verstehen gelernt, wieviel Leiden aus der Liebe wachsen kann und
wie tiefe Blindheit aus einem Blicke. Und um dieser meiner Leiden willen
möchte ich eine traurige zarte Liebkosung denen schenken, die noch
nichts anderes wissen als das Glück.