III.

Die Traurigkeit der kleinen Stadt tut mir wohl: die Gassen mit ihren

finsteren Laden, die abgetretenen Türschwellen, die Gärten, die in der

schönen Zeit des Jahres über einem Grunde von blauem Brodem schwimmen,

über dem Gewirre von Stockrosen, Glyzinien und Weinreben -- und dann

jene anderen Gärtchen, räudig wie Esel, mit schwärigen Buchsbaumhecken,

darauf Lumpen zum Trocknen liegen, und das Rinnsal der Gerber, das den

dünnen Perlmutterglanz des Himmels mitschleppt und zwischen seinen

Schlammpflanzen hart die Dächer widerspiegelt, o -- und der Wildbach,

der die Felsen höhlt, sich windet und eilig dahinblinkt! Der kleine

Stadtplatz ist hübsch, ob die Zikaden in den sommerlichen Buchen

schrein, ob der Herbstwind auf ihm scharrt oder die Regen ihn

zerkritzeln. Es gibt auch einen kleinen Stadtpark da, von dem Bernhardin

de Saint Pierre entzückt gewesen wäre: unter seinen Kastanienbäumen sind

die Mainächte tief, blau und sanft.

Ich komme seit Jahren in diese Stadt, die einst mein Großvater und mein

Großoheim verlassen haben, um die überblühten Antillen zu suchen. Dann

haben sie das Brausen des Meeres gehört, musselinene Kleider glitten

unter ihren Veranden dahin -- und als sie starben, waren sie vielleicht

voll Sehnsucht nach diesen Gassen mit ihren Laden, den Gärten hier, den

Rinnsalen und diesem Wildbache.

Wenn ich dann meinen kleinen Meierhof aufsuche, denke ich daran, daß sie

einst hier gewesen sind. O, ihre Ausflüge! Das Frühstück trugen sie in

einem Körbchen mit und einer hatte eine Gitarre umgehängt. Leichten

Ganges folgten ihnen die jungen Mädchen; zwischen taufeuchten Hecken

summte eine Romanze auf und erschreckte die Vögel mit einer

unaussprechlichen Liebe. Die Maulbeeren waren noch grün. Man marschierte

im Takte. Der Schrei eines Mädchens zitterte durch die Luft, an einer

Wegecke wurde ein großer Hut geschwungen, und ein kühles Lachen flog

zwischen den regenversehrten Heckenrosen empor.

Diese Gitarre habe ich im Hofe meiner hugenottischen Großtanten an einem

Sommerabende gehört, als ich vier Jahre alt war. Der Hof schlief in

weißer Dämmerung, und von den Dächern sank eine unbekannte Zärtlichkeit

auf die Rosenstöcke und das helle Pflaster. Meine Verwandten saßen auf

einem Balken, waren froh und lachten darüber, daß ich so ein kleines

Kind war und eine weiße Schürze anhatte. Dann sang mein Großonkel ein

Lied aus der Hauptstadt. Ich seh ihn noch mit vorgestrecktem Kopfe

stehen. Die Luft zitterte sacht. Am Ende einer Koloratur machte er eine

komische nette Verbeugung.

Ich segne dich, kleine Stadt, in der kein Mensch mich versteht, wo ich

meinen Stolz, mein Weh und meine Freude in mir verberge und ich keine

andere Zerstreuung habe, als meine alte Hündin kläffen zu hören oder

arme Gesichter anzuschauen. Aber dann steige ich die Hügel empor, wo der

dornige Stechginster wächst -- und dort erlebe ich in der Betrachtung

meiner Kümmernisse das sanfte Glück, das Verzichten heißt. Jetzt quält

mich nicht mehr das rohe und verächtliche Lachen der Leute noch auch das

Zweifeln an allem. Das Lachen derer, die mich verachten, ist verstummt

-- und ich werde gleichgültig gegen alles, was ich bin. Aber ich bin

indessen ernst geworden gegen mich selber und die andern. Mit

furchtsamer Freude sehe ich nun die Sorglosigkeit der Glücklichen. Ich

habe verstehen gelernt, wieviel Leiden aus der Liebe wachsen kann und

wie tiefe Blindheit aus einem Blicke. Und um dieser meiner Leiden willen

möchte ich eine traurige zarte Liebkosung denen schenken, die noch

nichts anderes wissen als das Glück.

Das Paradies: Geschichten und Betrachtungen · 第 24 / 29 题