Und daraus vor allem erklärt sich mit der Jammer der Arbeiterehen,

die Klagen aller, auch der Sozialdemokraten, die es mit den Leuten

wirklich gut meinen, darüber, die Sehnsucht nach einer Erhebung,

einer Emanzipation des Weibes und das neue sozialdemokratische Ideal

von der Ehe. Ich verweise hier auf die Bemerkungen am Schlusse des

zweiten Kapitels. Die Frau ist in der That in vieler Männer Augen

nichts als das Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein

Hindernis für das Fortkommen, höchstens, wenn es gut geht, der tüchtige

Haushaltungsvorstand, der energisch auch den Mann im Zaume hat. Die Ehe

ist nach der Äußerung mehrerer meiner Arbeitskollegen die „letzte und

größte Dummheit, die einer machen kann.“ In manchen Familien ist es

ja besser, und zwischen manchen Gatten tritt allmählich sogar einige

gegenseitige Achtung und Zuneigung ein. Ja ich fand trotz alledem auch

mehrere wirklich schöne, durch ernste Liebe vertiefte Ehen: aber im

allgemeinen gilt doch die Thatsache, daß die Frau dort unten von den

Männern unendlich viel niedriger geschätzt, viel weniger geachtet,

viel schlechter behandelt wird als in den andern Ständen. Sie wird hart

gehalten und sehr häufig geschlagen. Dabei fordert der Mann von ihr

ehrliche Treue, ohne sich selbst ihr zu einem Gleichen verpflichtet zu

fühlen. Auch sonst zeigt sich überall ein großer Mangel des Bewußtseins

der gegenseitigen sittlichen Pflichten, die die Ehe vorschreibt.

Ein Lichtpunkt in diesem trüben, bestenfalls gleichgiltigen und

einförmigen Eheleben sind für Vater und Mutter zugleich die gemeinsamen

Kinder. Was sie selbst an gegenseitiger Zärtlichkeit fehlen lassen,

übertragen sie vielfach auf diese, so sehr, daß auch sie manchmal mit

eine Ursache der mangelhaften Erziehung, der Verziehung derselben wird.

Ihnen thun sie an, was sie können; für sie sorgen sie, so gut sie es

vermögen; mit ihnen geben sie sich ab, machen sie des Abends und des

Sonntags ihre üblichen Spaziergänge. Und viele setzen ihre ganze Kraft

und ihren höchsten Ehrgeiz darein, die Jungen, wenn es nur halbwegs

die Verhältnisse erlauben, etwas „Ordentliches,“ d. h. jedenfalls

etwas mehr lernen und werden zu lassen, als der Vater ist. Der

Handarbeiter sieht seinen Sohn gern als Dreher, Schlosser, Tischler,

kurz als gelernten Arbeiter, dieser wieder den seinigen am liebsten als

Kaufmann, Subalternbeamten oder etwas dem ähnliches. Überbeschäftigt

wurden die Kinder in den Familien meiner Arbeitskollegen jedenfalls

nicht. Wenn sie gelegentlich einmal etwas mit verdienen konnten, dann

gut; regelmäßig angestrengt und zum Verdienen ausgenutzt waren sie

meinen Beobachtungen nach nur wenig. So lange es ihm möglich war,

gönnte jeder seinem Kinde Freiheit und Ruhe. Und wenn eines krank

wurde, war immer die Sorge groß, ward alles gethan, um es am Leben zu

erhalten. Da gab denn auch der strenge Sozialdemokrat, der natürlich

auch ein Feind der zunftmäßigen Medizin war und manchmal gar selbst

dokterte, seinen verrannten Standpunkt auf, ließ sich von den Bitten

seiner Frau erweichen und holte den teuern Arzt. Die Liebe zum Kinde

war doch noch größer als der Dünkel einer alles besser wissenden

Halbbildung.

Eine andre Bemerkung darf ich an dieser Stelle unvermittelt

einschieben, eine Klage über das unerhörte Fluchen der Leute. Fast

jedermann that es: der Arbeiter in der Fabrik, die jungen Burschen

unter sich, die Mädchen des Abends auf den Straßen und daheim. Man

fluchte in allen Tonarten, bei jeder harmlosen Gelegenheit; oft wußte

mans selbst nicht mehr, wenn man es that. Alle Empfindungen drückten

sich in diesen Flüchen aus: Jähzorn, Haß, Verbitterung, drolliger

Witz, Affektiertheit und Großthuerei. Ich habe einmal die Flüche

zusammengezählt, die ich an einem Tage so zufällig hörte: wenn ich mich

recht entsinne, zählte ich fast hundert. Ich glaube bestimmt, daß das

eine Frucht und ein Geschenk unsers Militärwesens ist. Hier zeigt es

sich als nichts weniger denn als ein sittlich erziehendes Institut.

Dagegen habe ich in der Fabrik unter meinen Arbeitsgenossen nie eine

Spur von Diebstahl gespürt, wohl aber desto mehr in den Herbergen.

Da mußte man in der That immer sehr auf seiner Hut sein. Ein Messer,

das man unbemerkt auf dem Tische oder Stuhle liegen ließ, ein Stock,

den man achtlos in die Ecke gestellt hatte, war leicht verschwunden

und wanderte schleunigst zum Trödler, worauf der geringe Erlös daraus

sofort wieder in Branntwein umgesetzt wurde. Ich will damit nicht

sagen, daß jeder, der in der Herberge verkehrte, mauste. Aber von jenen

alten echten Kunden verschmähte fast keiner diesen bequemen Weg der

Selbstbereicherung. Man gab darum immer gleich bei seiner Ankunft in

der Herberge Stock und Berliner dem Herbergsvater zur Aufbewahrung, und

lieferte des Nachts auch seine sonstigen Wertsachen ab. Wenn einer Geld

aus der Tasche in die Stube verlor, durfte sich keiner rühren, nur der

Betroffene bückte sich und suchte selbst und ganz allein seine paar

Pfennige zusammen.

Mehrmals habe ich bereits die innere Stellung meiner Arbeitsgenossen zu

einander erwähnt, ausführlich ihren Verkehr bei der Arbeit geschildert.

Ich möchte hier noch einige ergänzende Bemerkungen dazufügen. Bei aller

Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, und die sich namentlich in

jenem schon durch den Betrieb geforderten In-die-Hände-arbeiten während

der Arbeitsstunden äußerte, traten doch in dem einförmigen Einerlei

des kleinen Alltagslebens die Züge der Solidarität, der Gemeinsamkeit,

der innerlichen Übereinstimmung mehr und mehr zurück und dafür die

besondern Eigentümlichkeiten der einzelnen Charaktere, ihre guten

und schlechten Seiten hervor, machten sich kleinliche Interessen

untereinander geltend, kamen Eifersucht und Neid, Hochmut und

Geringschätzung, Klatschsucht und Kriecherei, Streitsucht und Jähzorn,

Selbstsucht und Niederträchtigkeit, Gleichgiltigkeit, Bitterkeit

und Mißtrauen wie überall in einer durch den Zwang der Verhältnisse

geschaffenen Gemeinschaft zu oft abstoßendem Ausdruck und riefen wie

überall dieselben Spaltungen, Gruppierungen und Vorgänge hervor,

deren Druck dann oft stärker ist als das Gemeinsame, das diese Leute

verbindet. Es ist eine Kleinigkeit, die aber viel Wahres enthält, was

mir mehrmals einige klagten: Die Arbeiter sind nie unter einen Hut zu

bringen; sie halten nur in Versammlungen zusammen. Oder: Wenn einer

nur fünfzig Pfennige mehr Lohn hat als die andern, so sieht er sie

gleich über die Achseln an und dünkt sich wunder was. Ein andrer sagte

mir einmal, als er mir einen guten Dienst thun wollte: Du darfst den

andern nicht soviel von deiner Vergangenheit erzählen; viele machen

sich dann hinter deinem Rücken nur darüber lustig. Derselbe Mann warnte

mich auch vor einer allzu intimen Aussprache gegen einen andern mit

den Worten: Der alte X ist ein Zwischenträger! Und doch stand auch

von diesem meinem getreuen Eckehardt an den Holzwänden der Abtritte

mehrmals die wutschnaubende Bleistiftnotiz: N. ist ein Fuchsschwanz!

Wieder einer, freilich ein etwas griesgrämiger, verbitterter Geselle,

meinte einmal: Es giebt viele Halunken hier in der Bude. Und dieselben

Erscheinungen zeigten sich fast noch deutlicher selbstverständlich in

den Arbeitermietskasernen, namentlich unter den Frauen.

Über die Arbeit herrschte eine doppelte Auffassung unter den

Arbeitsgenossen, die sich innerlich kaum berührte. Den einen galt

die Arbeit nur als Last. Niemand arbeitet zum Vergnügen, warf einer

einmal gelegentlich hin. Dann ein andermal entspann sich während der

Frühstückspause ein Gespräch mit ähnlichem Resultat in Anknüpfung an

eine Wurstschale. Die suchte und wickelte ein Schlosser sorgfältig

zusammen: Ich will sie meinem Hunde mit zuhause bringen, fügte er hinzu.

Wozu brauchst du denn einen Hund? fragte sein Nachbar; der kostet ja

doch nur Steuern.

Nur zum Vergnügen. Man will doch auch seine Freude haben, entschuldigte

sich jener.

Das ist überflüssig. Du sollst Freude genug an deiner Arbeit haben,

erwiderte ihm ebenso ironisch als bezeichnend der andre.

Arbeit und Nichtsthun waren dieser zahlreichen Gruppe die ganz

parallelen Begriffe zu Last und Lust, Langerweile und Abwechslung.

Die „Reichen,“ die „großen Herren,“ die nichts zu arbeiten brauchen,

hatten in ihren Augen nie Langeweile. Die „fressen, saufen, reisen,

lesen, sehen sich schöne Bilder und Gegenden an und haben schöne

Weiber.“ Einmal wagte ich dagegen energischen Widerspruch und

wollte meinem Gegenüber zeigen, daß wenigstens für tiefer angelegte

Menschen, die ja freilich die „Reichen“ nicht immer sind, gerade in

dieser Beschäftigungslosigkeit und Ungebundenheit, dieser Ziel- und

Zwecklosigkeit des Daseins die größere Qual, die ärgste Langeweile,

die schlimmste Last liege. Aber damit stieß ich auf absolute

Verständnislosigkeit. Unsinn, war die kurze scharfe Antwort, mit der

er mich abfertigte, die Reichen können gar nicht Langeweile haben!

Die Arbeiter wissen gar nicht mehr, daß es auch heute noch eine

Bevölkerungsschicht giebt, die fleißig arbeitet, dabei noch echten

Idealismus hat, die diesen idealen Sinn mit bescheidenen äußern

Ansprüchen verbindet und in einem edeln geistigen Genuß wahrhaft

glücklich ist.

Mit dieser Auffassung verband sich dann immer ein eisiges Gefühl

der Kälte, der Entfremdung, des Mißtrauens gegen diese „vornehmen“

Klassen, ein ausgeprägtes Bewußtsein von der unendlichen Kluft zwischen

ihnen und jenen, das zwar selten eine persönliche Spitze hatte, aber

gerade deswegen für die allgemeine Betrachtung einen um so trüberen

Eindruck gewinnt. Einer meiner Freunde nannte das einmal treffend

einen +objektiven+ Haß. Häufig kommt er, veredelt, mit einem

gewissen Stolz, den man seinerseits ebenfalls jenen obern Klassen

entgegensetzt, zum Ausdruck. Eine Episode, die auch nach andern

Seiten hin interessante Schlaglichter zu werfen geeignet ist, zeigt

dies besonders gut. Es war in einer Sitzung unsers Wahlvereins. Ein

Redner verlas einen langen Artikel irgend eines auswärtigen Blattes,

das eine Erklärung des Vorstandes für die Chemnitzer Ferienkolonien

enthielt mit, wenn ich mich recht entsinne etwa dem Inhalte,

daß man sich wegen des zunehmenden agitatorischen Charakters der

Chemnitzer Arbeiterbewegung genötigt sähe, künftig Kindern erklärter

Sozialdemokraten nicht mehr die Wohlthat der Ferienkolonien zukommen zu

lassen. Da stand einer in ernster Erbitterung auf und redete etwa also:

Genossen! Ihr habt gehört, wie man ein sogenanntes Liebeswerk zu einem

parteipolitischen Kampfmittel mißbraucht. Aber das ist Bourgeoisart.

Wir wollen still sein und dem nur ein doppeltes entgegen setzen: Wir

wollen mit ganzer Kraft danach streben, daß unsre Kinder gar nicht

mehr diese „Wohlthat“ zu beanspruchen brauchen und dann -- nicht

gleiches mit gleichem vergelten! Wir wollen es uns auch heute wieder

versprechen, daß es nach wie vor dabei bleibt: Wenn ein Arbeiter eines

Reichen Kind in Not und Gefahr sieht, so wollen wir auch künftig unser

Leben daran setzen, es dieser Gefahr zu entreißen!

Die zweite Ansicht über die Arbeit, die jener eben geschilderten

nebenher lief, steht höher und ist doch gerade für die künftige

Arbeit des Theologen verhängnisvoller. Die Leute, die ihr anhingen,

waren nicht der Meinung, daß jedes Arbeiten ein Unglück für die

Menschen wäre. Aber sie hatten nur Achtung vor der Arbeit, die

unmittelbar materiellen Gewinn bringt. Unter diesem Gesichtspunkte

stand ihnen die körperliche, die Hand-, die Fabrikarbeit der geistigen

völlig gleich, die wie die des Kaufmanns und des Technikers sich

unmittelbar mit Geld bezahlt macht. Für die geistige Arbeit des

Wissenschaftlers, des Theologen, die man um ihrer selbst oder wieder

nur um geistiger Interessen willen thut, hatten sie nur wenig oder gar

kein Verständnis. Daher der Dünkel über die unfruchtbare „kindische“

Arbeit des Geistlichen, daher vor allem auch beim besten Willen die

Unempfänglichkeit für die geistig-sittlichen Beweise der Wahrheit des

Christentums, wie sie uns im vorigen Kapitel mehrfach entgegengetreten

ist.

Dieser materialistische Zug ist überhaupt die Signatur für die ganze

sittliche Entwicklung, in der sich die Gruppe meiner Arbeitsgenossen

eben befindet. Sie alle haben ja neben vielen schlechten viele gute,

liebenswürdige Eigenschaften an sich und stehen überhaupt nach meiner

festen Überzeugung verhältnismäßig sittlich nicht tiefer als die

übrigen Schichten unsers Volkes. Aber diese guten Seiten, die sie

haben, sind zusehends immer weniger ethisch-religiös, immer mehr

wirtschaftlich und ständisch bestimmt; der Idealismus, der sie erfüllt,

ist der Idealismus nicht um des Guten, sondern um des Nützlichen

willen. In notwendiger Folge davon zeigt sich der so sich gestaltende

sittliche Charakter immer weniger fest und widerstandsfähig, verliert

also zusehends gerade die Tugenden, die bisher seine Kraft und

sein Bestes ausmachten. Ich glaube nach allem Ausgeführten nichts

Unrichtiges und Unrechtes zu sagen, wenn ich auch diese bedauernswerte

Entwicklung nicht nur den wirtschaftlichen Zuständen, sondern zu einem

großen Teile mit der Agitation der Sozialdemokratie in die Schuhe

schiebe. +Es zeigte sich mir überall deutlich, daß hier die andre

Stelle ist, wo jene ihre verderblichste Wirkung geübt, ihren größten

Erfolg bisher errungen und die eigentliche Gefahr für die Zukunft

heraufbeschworen hat.+ Ich vermag auch nach allen meinen Erfahrungen

nicht zu hoffen, daß es in nächster Zeit damit besser wird.

Achtes Kapitel

Ergebnisse und Forderungen

Ich fasse nunmehr das Ergebnis meiner Untersuchungen zusammen.

Ich glaube, eins vor allem bewiesen zu haben: daß die Arbeiterfrage

keine bloße Magen- und Lohnfrage, sondern auch eine Bildungs-

und religiöse Frage ersten Ranges ist. Auch wenn die weitesten

Arbeiterkreise die höchsten Löhne und das beste Auskommen hätten,

würde sie, vielleicht in andrer Gestalt, aber doch existieren.

Die Lohnfrage ist nach allen meinen Erfahrungen nur einer, nicht

einmal der bedeutendste, gewöhnlich nur der anstoß-, keinesfalls der

ausschlaggebende Faktor der Bewegung. Es ist natürlich richtig, daß die

Agitation unter den Arbeitern immer bei ihren materiellen Nöten und

Sorgen einsetzt und, wo keine herrschen, sie ihnen doch einzureden

versucht; aber das, was die großen Scharen nun schon seit Jahrzehnten

zu diesem „Massenkampfe“ begeistert, was gerade auch die bestgestellten

und nachdenklichsten Kreise an die Spitze dieser Bewegung stellt, ist,

ich wiederhole es, nach allen meinen Beobachtungen diese Lohnfrage

nicht, wenigstens nicht allein. Das ist vor allem die heiße Sehnsucht

des ganzen Fabrikvolkes nach größerer Achtung und Anerkennung

und, im Gegensatz zu der politisch-formellen, auch nach größerer

sozialpraktischer Gleichberechtigung, das ist der Glaube an eine

trotz allem mögliche bessere Ordnung der wirtschaftlichen Produktion

und die dunkle Ahnung, daß gerade der jetzt zur Selbständigkeit

erwachende Arbeiterstand am ersten berufen sei, diese durch den

demokratischen Druck der parlamentarisch heute schon hoffähigen Masse

heraufzuführen. Es ist der heiße Wunsch, in dieser nahenden neuen

wirtschaftlichen Ordnung nicht bloß mehr die stummen ausführenden

gedankenlosen Werkzeuge eines höhern Willens, nicht nur gehorsame

Maschinen, sondern kraftvoll und originell mitwirkende Menschen, nicht

nur Hände, sondern auch Köpfe zu sein. Es ist der unaufhaltsame Drang

nach größerer geistiger Freiheit, das Verlangen nach den Gütern der

Bildung und des Wissens und nach voller Klarheit auch über die höchsten

und tiefsten Probleme der Menschenseele, die heute wieder trotz aller

Jagd nach Gold und Glanz als neue Rätsel in neuen Gestalten vor der

Menschheit emportauchen. Das alles prägt sich, roh noch und ungefüge,

unklar und gärend, aber dem beobachtenden Auge deutlich und scharf

genug in dieser elementaren deutschen Arbeiterbewegung aus. Und darum

unterscheidet sich die deutsche von der aller andern Länder, auch

von der Chartistenbewegung Englands in den vierziger Jahren dieses

Jahrhunderts: dort waren es, wie auch sonst überall heute noch, in der

That die jammervolle materielle Lage, die grausigen wirtschaftlichen

Nöte, denen diese Bewegung ihren Ausdruck gab; dort wollte man in

erster Linie Brot, höhere Löhne, bessere Kleidung, ein menschenwürdiges

Dasein. Was sonst von andern Zügen in ihr war, hatte nur sekundäre

Bedeutung. Bei uns ist das ganz anders, ist es so, wie ich es oben

geschildert habe, und eben das macht diese deutsche Arbeiterbewegung

so furchtbar ernst, zu einem so vielköpfigen Ungeheuer; aber das

giebt auch die Gewähr, daß, wenn sie in ruhige Bahnen eingelenkt

sein wird, eine ganz andre, größere, bleibende Frucht aus ihr für

spätere Zeiten und Geschlechter zurückbleiben wird, als es schon die

Gewerkschaftsorganisation der englischen Arbeiter ist.

Das zweite, was wir rundweg aussprechen müssen, ist die Thatsache, daß

die so geschilderte deutsche Arbeiterbewegung ihren Ausdruck und ihre

Repräsentation in der Sozialdemokratie hat. Die beiden sind heute und

für die absehbare Zukunft aufs engste miteinander verknüpft, ja die

Sozialdemokratie ist heute diese Bewegung selbst. Es ist darum ein

Wahn, dem sich immer noch viele hingeben, zu meinen, daß es möglich

sein könnte, sie zu vernichten, auszuroden, aus der Welt zu schaffen.

Auf dieser Meinung fußte der Schöpfer des Sozialistengesetzes ebenso

wie der Führer der christlich-sozialen Bewegung, die beide ihre Taktik

und Thätigkeit nur nach der Qualität der Führer, und nicht auch der

Hunderttausende einrichteten, die hinter den Führern stehen und ganz

anders als diese geartet sind. In beiden Fällen hat sich gezeigt, daß

es eine irrtümliche Meinung war. Die deutsche Sozialdemokratie ist

heute so wenig mehr zu beseitigen, als es die moderne Arbeiterbewegung

überhaupt ist. Im Gegenteil, es ist meine wohlüberlegte Ansicht,

daß sie auch in Zukunft noch wachsen, daß sie vor allem sich auch

in vielen Teilen des platten Landes ausbreiten wird. Sicher da, wo

der Großgrundbesitz überwiegt und in Verbindung mit industriellem

Großbetriebe, mit Zuckerfabrikation und Schnapsbrennerei auftritt,

also eine der städtischen durchaus gleiche Arbeiterklasse geschaffen

hat. Auch keine freisinnigen Gewerkvereine, keine christlichen

Jünglings- und Männervereine, keine evangelischen Arbeitervereine

werden diese Entwicklung aufhalten. Denn sie ist, wie mir scheint,

zu einer geschichtlichen Notwendigkeit geworden. Zwar auch jene eben

genannten Organisationen haben ihre Bedeutung und ihren Beruf. Vor

allem die Arbeitervereine sollen alle die noch immer nach Tausenden

zählenden Arbeiter, denen die Wogen der sozialen Stürme über den Köpfen

zusammenschlagen, sollen die ruhigen sinnenden Seelen unter ihnen,

denen die Kämpfe zuwider sind, und alle die in sich sammeln und stark

machen, die ihren überkommenen christlichen Glauben nicht einzutauschen

gewillt sind um den Preis friedlosen Suchens und Ringens nach dem

Neuen. Aber darüber hinaus haben sie sicherlich keine Mission; und

so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen, muß ich es doch sagen:

es ist eine Täuschung, in ihnen die kraftvollen Ansätze einer neuen

sieghaften Gegenorganisation gegen die Sozialdemokratie zu sehen. Hier

liegt derselbe Gedanke zu Grunde, der sich uns schon vorhin als falsch

erwiesen hat, daß die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen sei.

Das ist, wie gesagt, nicht möglich, nicht einmal wünschenswert. Aber

möglich, wünschenswert und notwendig ist, daß sie erzogen, geadelt und

geheiligt wird.

Dies geschieht sicherlich zunächst durch eine kraftvolle tiefgreifende

Reformarbeit, durch die bedingungslose Erfüllung aller berechtigten

Wünsche der millionenköpfigen Arbeitermasse, durch ihre Organisation zu

einem besondern Stande und durch dessen Einpflanzung in den Rechtsboden

des modernen Staates. Das aber ist die Aufgabe der Regierung und

der gesamten im Parlament vertretenen Gesellschaft. Hier habe ich

als Theologe kein Urteil und keinen Rat. Nur das eine bitte ich zu

bedenken, die Erfahrung, die ich gemacht habe: daß alles, was für die

Arbeiter geschieht, heutzutage durch sie, mit ihrer Hilfe und ihrem

Willen geschehen muß. Wir sind über die Zeit des Patriarchentums

hinaus: auch der Einzelne aus der großen Menge ist zur Selbständigkeit

erwacht und will mitraten und mitthaten, wo es um sein eigen Wohl und

Wehe geht. Darum, nur durch eine dauernde ernsthafte Mitbeteiligung an

den sozialen Neuformationen der Zukunft wird auch die Arbeiterschaft

wieder zu einer nüchternen, besonnenen, praktischen Haltung erzogen.

Aber die zweite, nicht geringere Hälfte jener Erziehungsaufgabe hat die

Kirche zu lösen. Ich setze hier mit dem ein, was sich uns als drittes

allgemeines Resultat meiner Studien ergeben hat, mit der Thatsache, daß

die heutige deutsche Sozialdemokratie nicht nur eine politische Partei,

auch nicht nur die Trägerin eines neuen wirtschaftlichen Systems,

oder dies beides zusammen, sondern ihrem innersten Wesen nach die

Verkörperung einer Weltanschauung, der Weltanschauung des konsequenten,

widerchristlichen Materialismus ist. Aus diesem materialistischen

Prinzip heraus wächst erst ihr ökonomisches und politisches System;

dieses Prinzip, das Zerrbild einer sogenannten, von ihren Anhängern

angebeteten „Wissenschaft,“ bildet ihre feste Grundlage, giebt

der Partei ihre Autorität und ihren Idealismus; und ebenso hat

dieses Prinzip bewirkt, daß sie bis heute ihren verhängnisvollsten,

nachhaltigsten Einfluß nicht sowohl auf die soziale und politische

Gesinnung der Leute, sondern auf den geistigen und religiös-sittlichen

Charakter der gesamten deutschen Arbeiterschaft ausgeübt hat. So

ist der Arbeit der Kirche der Weg gewiesen: für sie gilt es allein

die Auseinandersetzung mit dieser widerchristlichen Weltanschauung

des sozialdemokratischen Materialismus. Die politischen Ziele, die

sozialen Träume und Wünsche jener Partei sollten sie ebenso wenig

beunruhigen, wie die Sorge um die Erhaltung der heutigen Zustände,

um den Bestand der herrschenden Staatsform. Diese, ihre Träger und

Interessenten, mögen und müssen sie und sich selber schützen. Die

Kirche hat kein Interesse daran; sie kann sie ruhigen Herzens selbst

untergehen sehen, wenn sich im Ringen der Geister ihre Kraftlosigkeit

und Lebensunfähigkeit herausgestellt hat. Der Kirche und ihren Dienern

ist es gleichgiltig, ob sie in einem Feudal-, Manchester- oder

Sozialstaate wirken. Sie sind nicht um dieses, sondern um der Menschen

willen da, die in ihnen leben. Und darum, wenn in ferner oder naher

Zukunft selbst der radikalste sozialistische Staat heraufziehen, wenn

die Mobilisierung aller Staatsbürger in Arbeiterbataillone Wirklichkeit

und Wahrheit werden würde -- was thut das uns? So treten auch wir

„evangelische Pfaffen“ in ihre Reihen, so arbeiten auch wir unsre vier

oder sechs Stunden in der Fabrik, im Bergwerk, auf dem Acker: und die

übrigen zwanzig Stunden des Tages verkündigen wir, den Aposteln gleich,

frei und stark vor allen, die es hören wollen, das Evangelium unsers

Herrn. Aber noch sind wir lange nicht so weit. Noch gilt es ein näheres

großes Ziel zu erreichen, zu verhindern, daß die Sozialdemokratie das

vollendete Antichristentum wird. +Es muß der Grundsatz durch uns zur

Thatsache gemacht werden, daß auch ein Sozialdemokrat Christ und ein

Christ Sozialdemokrat sein kann.+

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 20 / 21 段