Eine Bemerkung, die sich an das eben Erörterte von selbst anschließt,

muß ich der Wahrheit halber als die erste dieser beobachteten

Thatsachen an die Spitze stellen. Man soll nicht meinen, daß unter

den Arbeitern die enragiertesten Sozialdemokraten die sittlich

anrüchigsten, die am wenigsten mit der Sozialdemokratie verknüpften die

lautersten Naturen sind. Es ist ebenso oft das Gegenteil von beidem

der Fall. Wo ein Mann schon von Natur edler und tiefer angelegt, in

seiner Jugend durch guter Eltern und ehrenhafter Lehrer Erziehung

hindurchgegangen ist und sich zu einem ernsten, strebsamen Charakter

entwickelt hat, können ihn auch die drückenden sozialen Verhältnisse

und die Sozialdemokratie nicht verderben, vielmehr werden jene nur noch

seine Widerstandskraft und Energie stählen und diese ihn mit einem

Enthusiasmus erfüllen, an dem das Schlechte wirkungslos abprallt. Es

giebt schon in solch einem kleinen Kreise, wie ich ihn vor mir hatte,

eine ganze Anzahl von Naturen, deren Typus August Bebel ist, ehrliche

Menschen mit einem guten Kern, hochbegabt, aber trunken von den

Resultaten der modernen „Wissenschaft“, deren rechte Konsequenzen nach

rückwärts und vorwärts sie in ihrer leider nur halben Bildung nicht zu

ziehn und zu werten vermögen, erfüllt von schwärmerischem Idealismus,

der auch vom Materialismus wie von jedem geschlossenen Prinzip

ausstrahlt, und doch nur zum teil angesteckt von dem Gifthauch, der mit

ihm zugleich ausgeht und die sittlichen Kräfte der andern knickt. Ich

erinnere des zum Beweise an jene vierzig freilich besser gestellten

Chemnitzer Arbeiter, deren ich schon einmal Erwähnung that, von denen

mir ein Weinreisender erzählte, daß jeder von ihnen ihm jährlich ein

Fäßchen Wein abnähme und prompt bezahlte, ja, was sonst niemand thäte,

ihm das Geld dafür noch ins Hotel brächte. Sie alle hielt er für die

ordentlichsten Menschen der Welt, für sparsame, strebsame Leute,

gute Familienväter, tüchtige, ruhige Arbeiter, aber auch zielbewußte

Sozialdemokraten. Vielleicht ist diese Schilderung etwas übertrieben;

aber in ihren Grundzügen ist sie wahr; dafür kann ich selbst, wie

gesagt, aus dem mir bekannt gewordenen Kreise ähnliche Menschen als

Belege beibringen. Sie wachten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit

über ihren guten Ruf und setzten ihre Ehre darein, sittlich

unanfechtbare Persönlichkeiten und gute Staatsbürger zu sein, und

waren dennoch Sozialdemokraten, die auch das überlieferte Christentum

von sich abgeschüttelt hatten. Anderseits gab es eine große Anzahl

von Arbeitsgenossen, die -- ich verweise hier auf den betreffenden

Abschnitt meines fünften Kapitels -- sich nur wenig oder gar nicht mit

Sozialdemokratie abgaben und nicht das geringste taugten, die ärgsten

Schreier und zweifelhaftesten Persönlichkeiten waren, ihre Familien,

wenn sie welche hatten, arg vernachlässigten, ihre Arbeitsstellen

immer nach kurzen Zwischenräumen wechselten, und so weiter. Und wieder

zwischen diesen zwei Gruppen die wenigen, die sich tüchtige Menschen

zu sein bestrebten und sich zugleich vor allen sozialdemokratischen

Einflüssen ängstlich zu hüten suchten, und die vielen Sozialdemokraten,

die auf dem sittlich nicht hohen Durchschnittsniveau der breiten Masse

standen -- alle zusammen ein Beweis für die Richtigkeit meiner Warnung,

die heutigen sittlichen Mängel an unsrer Arbeiterschaft ausschließlich

der Wirkung sozialdemokratischer Degenerierung zuzuschieben. Der

sozialdemokratische Geist ist wie dicke schwere Fabrikluft, die

gesunden Lungen nichts schadet, schwache aber nur schwächer und

schwindsüchtiger macht. Und das ist das eigentliche Verhängnis, daß

die sittlichen Dispositionen der Mehrzahl eben bereits nur gering und

schwach sind, sodaß auch hier die Sozialdemokratie nur die letzte

Arbeit zu thun braucht.

Hiernach möchte ich ein weniges über die Art sagen, wie die Leute nach

meiner Beobachtung Ausgaben zu machen pflegen. Ich kann freilich keine

Arbeiterhaushaltpläne mitteilen, die allein für ein erschöpfendes

Urteil über diesen Punkt maßgebend wären. Im allgemeinen habe ich

beobachtet, daß ein niedriger Verdienst bis zu 25 Pfennigen die Stunde,

also bis zu etwa 750 Mark das Jahr, bei einer ausgedehnten Familie

ebenso zu peinlichster, geradezu heroischer Sparsamkeit erzieht,

wie zu hoffnungsloser Liederlichkeit verführt, jedenfalls häufig

wirtschaftlich unnormal macht, je nach dem Charakter des Mannes und

der Frau. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, daß bei einigermaßen

größerem Jahresverdienste bei weitem die Mehrzahl die Neigung zu

einem geordnetern, verständigern, von höhern und edlern Bedürfnissen

getragenen, sozusagen anständigern Leben hat und diese Neigung in

vielen Fällen in mehr oder weniger glückende That umsetzt. Unter

solchen, auch wenn sie Sozialdemokraten sind, finden sich dann auch

einmal Äußerungen einer gewissen Zufriedenheit und einer Art von

glücklichem Behagen, das sie nun auch ihren weniger günstig gestellten

Genossen zu verschaffen und zu erkämpfen wünschen. Von der Jugend, das

heißt von den Heranwachsenden und den unverheirateten Erwachsenen, ist

weniger günstiges zu sagen. Sie lebten meist einfach in den Tag hinein.

Was da ist, muß eben verbraucht werden und wird zumeist zum Vergnügen

verbraucht. Für einen verheirateten, mit Kindern gesegneten Mann ist es

auch schon bei höherem Einkommen über 1200 Mark selbstverständlich sehr

schwer, zu sparen; dem vielfach gleich gut gelohnten unverheirateten

jungen Manne wäre das aber eine Leichtigkeit. Aber gerade er thut es

-- ich kann hier ohne viele Worte zu machen die allgemeinen Klagen

nur bestätigen -- nur selten. Wenigstens der eigentliche, geborene

Fabrikarbeiter, der Abkömmling von Fabrikarbeitern. Er gleicht in

seinem lustigen, leichten Leben überraschend dem Bruder Studio,

der sich ebenfalls austollen will, bevor er sich für immer in das

lebenslängliche Philisterium des verheirateten Fabrikarbeiters begiebt.

Etwas anders geartet ist ein Teil der direkt vom Lande und aus gut

kleinbürgerlichen Kreisen in die Fabrik eintretenden jungen Leute.

Unter beiden Gruppen habe ich doch manche ernstere, strebsame, an

die Zukunft denkende, auch sparsame Menschen gefunden. Jene waren

es wohl vor allem deswegen, weil sie im Verhältnis zu dem gewohnten

Verdienst auf dem Lande sich wesentlich verbessert hatten und bei

ihren bescheidneren Bedürfnissen ganz selbstverständlich manches

übrig behielten, das ihnen ein Ansporn zu weiterer Sparsamkeit wurde;

diese wurden häufig von daheim dazu angehalten und angespornt zum

Streben nach bessrer Fachbildung, nach einstiger Selbständigkeit

und größerm Behagen, wie sie es daheim gesehen und kennen gelernt

hatten. Wie weit -- um darauf noch einmal zurückzukommen -- bei vielen

Familienvätern die freilich oft durch andre wirtschaftliche Untugenden

und Unfähigkeiten wettgemachte minutiöse Sparsamkeit geht, beweist

die Thatsache, daß mancher unter ihnen die alte Sitte jugendlicher

Völker wieder auffrischte und in seinem kleinen Haushalte, so gut er

konnte, oft mit vieler praktischer Geschicklichkeit alle möglichen

Arbeiten selbst verrichtete, deren Besorgung man sonst Handwerkern

überträgt. So war es vielverbreitete Gewohnheit, daß man sich allerhand

Lederabfälle und altes Schuhzeug sammelte, um sein und seiner Familie

Schuhwerk eigenhändig zu flicken und seinen Bedarf an Holzpantoffeln

selbst zu befriedigen; daß man allerhand Zimmer-, Tischler- und

Schlosserarbeiten, die sich daheim nötig machten, verrichtete, den

Kindern höchsteigenhändig die Haare schor u. s. w. Und dementsprechend

war es nicht selten, daß der einzelne, der einst ein Handwerk gelernt,

es aber aus den verschiedensten Gründen in der Fabrik dauernd mit

andrer lohnenderer Arbeit vertauscht hatte, es doch in seinen

Feierabendstunden und des Sonntags noch betrieb und dies und das für

gute Freunde um ein billigeres Geld, als es sonst jemand zu liefern

vermocht hätte, anfertigte. So tauchen hier -- ob als alte Reste oder

neue Anfänge, überlasse ich dem berufeneren Urteile Sachverständiger

zur Entscheidung -- unter der Decke des großindustriellen

Fabrikbetriebes, also unter neuen, bisher nicht vorhanden gewesenen

Umständen wieder kleinhandwerkliche Erscheinungen auf.

Was das Schuldenmachen meiner Arbeitsgenossen anlangt, so vermag ich

kaum eine maßgebliche Meinung zu äußern. Man sagte mir zwar manchmal:

„Jeder Arbeiter hat Schulden,“ aber ich habe, offen gestanden, nie

recht erfahren können, wie das gemeint war. Ich glaube wohl so, daß

jede Arbeiterfamilie gegen Ende der vierzehntägigen Lohnperiode

häufiger oder seltner in die Lage kam, beim Kaufmann und sonstwo auf

Borg einzuholen. Doch glaube ich auch, daß man diese Schuld meist

wieder am nächsten Lohntage beglich. Größere und empfindlichere

Schulden, die auch dem energischen Manne und der sparsamen Frau nur

erst langsam wieder los zu werden möglich wurde, entstanden bei

längern und schwerern Krankheiten in der Familie, bei Todesfällen,

bei Arbeitslosigkeit und etwa während größerer Reserveübungen des

Mannes. Ein +gegenseitiges+ Borgen aber habe ich wenigstens

unter meinen Arbeitsgenossen nicht, kaum einmal einen schwachen und

dann vergeblichen Versuch dazu bemerkt. Einen Gesichtspunkt möchte

ich schließlich noch unter diesem Abschnitte erwähnen: die Neigung

aller meiner Arbeitsgenossen, sich am Lohntage, am Sonntage und

am jedesmaligen Chemnitzer Jahrmarkte etwas Besondres zu leisten.

Das waren in aller Augen Festtage, und an Festtagen läßt das Volk

ganz selbstverständlich „etwas aufgehn.“ Jeder freilich in seiner

Weise. Gerade hierbei zeigte sich die Höhe der sittlichen Bildung,

auf der jeder einzelne stand. Es gab ernste, oder gering gelohnte,

oder mit Sorgen oder viel Familie beladene Leute, die begnügten sich

des Lohntags Abends, nach Aushändigung des Verdienstes mit einer

Cigarre und einem auf dem Nachhausewege im Vorübergehn getrunkenen

Glase bairischem oder auch nur Lagerbier; es gab dann ihrer, die an

diesem ganzen Abend bald allein bald mit der Frau „aus-,“ d. h. zu

Biere gingen und hier bald größere, bald kleinere Zeche machten und

von da bald nüchterner bald weniger nüchtern nach Hause kehrten; und

es gab ihrer, die an diesem Abend bald im Sonntagskleid bald noch

im Arbeitsrock von Stehbierhalle zu Stehbierhalle, von „Destille“

(Destillation) zu „Destille,“ von Kneipe zu Kneipe zogen, bis sie

schwer trunken nach Hause kamen. Unter die letztern gehörte namentlich

ein gut Teil der gut verdienenden gelernten Jugend. Ich habe es

erlebt, daß einige, die etwa 35 bis 40 Mark Löhnung aus vierzehn Tage

erhielten, an einem solchen Abend 8 bis 10 Mark verfraßen, vertranken,

verrauchten, verspielten und sonstwie verschleuderten. Aber ich habe

es auch erlebt, daß einer nur 15 Pfennige ausgab, was freilich eine

größere Seltenheit als das Gegenteil war. Im allgemeinen verthat man

wohl 1½ bis 2 Mark an solchem Abend, durchschnittlich aber fast immer

mehr, als man eigentlich im Verhältnis zur Löhnung gedurft hätte.

Ebenso war es am Chemnitzer Jahrmarktstage, wo wir frei hatten, und

ein jeder 10 Mark Vorschuß von der Fabrik zu Familieneinkäufen nehmen

durfte. Und sehr viele nahmen ihn, um hiervon zwar in der That manches

Nützliche einzukaufen, doch aber sich auch ein Gütchen zu thun, obwohl

man genau wußte, wie schmerzlich der Ausfall des Zehnmarkstückes am

nächsten Lohntage empfunden werden würde. Und dieselbe Erscheinung

zeigte sich, wenn auch nicht so durchgängig und regelmäßig, an den

Ausgaben, die man sich für Sonntagsvergnügungen leistete.

Auch über den Alkoholgenuß möchte ich einiges sagen. Am meisten und

widerlichsten ist er mir in den Herbergen entgegengetreten. Die Klasse

der eigentlichen Pennbrüder, die ich im ersten Kapitel kurz schilderte,

besteht fast durchweg aus Säufern; von ihnen waren in den Chemnitzer

Herbergen täglich einige stark betrunkene Exemplare zu finden. Aber

auch unter den übrigen Herbergsgästen, mit Ausnahme der jungen eben aus

der Lehre getretenen Wanderburschen, schnapste man tüchtig, wo immer

man Gelegenheit dazu hatte, und immer ließ man dann Bier vor Branntwein

stehen. Dort in einer der Herbergen traf ich auch einen schon erwähnten

Barbier, der mir erzählte, daß er früher ein permanenter Schnapssäufer

gewesen wäre, so sehr, daß er nichts als immer nur Branntwein hätte

haben wollen und vor allzu starkem Zittern der Hände nicht mehr

imstande gewesen wäre, zu rasieren. Seit einiger Zeit tränke er

keinen Tropfen mehr, und zwar hätte er es sich selbst ganz allmählich

abgewöhnt. Ich vermochte auch in diesem Falle nicht zu kontrollieren,

wie weit diese Angaben der Wahrheit entsprachen; ich glaubte es aber

doch hier mitteilen zu sollen angesichts der allgemein für unanfechtbar

gehaltenen Behauptung, daß die Selbstrettung eines Branntweinsäufers

unmöglich sei. Auch in der Fabrik hatte ich einen Kollegen, der früher

Schnaps getrunken und ihn jetzt niemals mehr über die Lippen brachte,

man mochte ihn ihm anbieten, so sehr man wollte.

Unter der seßhaften Fabrikbevölkerung herrschten bei weitem nicht so

krasse Zustände. Es gab zwar auch in unsrer Fabrik einige ständige

und periodische Säufer mit roten Nasen. Aber sie waren gegenüber

der großen Menge eine verschwindend kleine Zahl und waren deutlich

in vieler Arbeitsgenossen Augen mit einem Makel behaftet. Als einer

einmal während der Arbeit in einem Anfalle von Delirium hinstürzte und

hinausgebracht wurde, habe ich auch nicht ein Wort des Bedauerns und

Mitleids, dagegen manches harte des Gegenteils vernommen. Hier hat das

wohl schon jahrzehntealte, in den meisten Fabriken freilich sicher nur

um der Arbeitsleistung und des Betriebes willen gegebene Schnapsverbot

wirklich gute Dienste geleistet; in unsrer Fabrik wurde infolgedes

in der That mit jenen wenigen Ausnahmen fast nie mehr Schnaps,

dagegen, wie schon gesagt, viel unschädliches, doch gehaltvolles und

den Durst löschendes einfaches Bier getrunken. Auch außerhalb der

Fabrik trank man nicht täglich, wie das in den Mittelständen in Form

der öden Stammtischkneipereien ausgebreitetste Sitte ist, Bier. Der

Durchschnittsarbeiter von Chemnitz ging, außer am Lohntage und an

den Sitzungen seines Wahlvereins, des Wochentagsabends selten aus. Er

machte, wenn es schön war, seinen Abendspaziergang in die nahen Felder

hinaus, aber ohne ihn in einer Kneipe zu beenden; denn dazu fehlte den

meisten schon einfach das nötige Geld. Aber wenn dann einmal etwas

los war, eben wie der Jahrmarkt oder ein Sonntagsvergnügen, wurde

wacker gezecht. Ein jeder trank mit, und alle konnten erstaunlich

viel vertragen. Und fast immer mußte ein Glas Schnaps dabei sein.

Aber Schnaps allein trank man bei solchen Gelegenheiten doch nur noch

selten. Sehr viele kannten dann keine Grenzen, nach echter Kinder-

und Volksart, die weder in Leid noch Lust sich zu beherrschen vermag.

Viele hörten darum nicht eher auf, als bis sie betrunken waren. Ja für

manche war das der eigentliche Hochgenuß und von vornherein die letzte

Absicht. Und selten sah man das als eine Schande, geschweige Sünde an.

Ich sprach hierüber öfter mit den Leuten und fand fast immer dasselbe

gleichlautende Urteil: einmal sich besaufen ist keine Schande; das

thun die Großen auch, die nur heimlich, wir offen. In einem solchen

Gespräch kam ich, wohl das einzige mal, beinahe in einen wirklichen

Streit mit zwei sonst guten, gediegneren Leuten. Sie wurden ernstlich

böse darüber, daß ich auf der gegenteiligen Ansicht stehen blieb.

Ein zusammenfassendes Urteil kann man wohl so formulieren: unter der

erwachsenen Wanderbevölkerung ist der Schnapsgenuß geradezu eine Pest;

die seßhaften Arbeiter am Orte aber, soweit ich sie kennen lernte,

trinken viel mehr Bier als Schnaps, trinken viel Bier, aber sind selten

eigentliche Säufer.

Nun ein Wort über die Tanzböden. Ich habe fast jeden Sonntag einen

oder mehrere, im ganzen acht bis zehn besucht. Es giebt feinere

und gewöhnliche. Der schlimmste, den ich kennen lernte, war die

„Kaiserkrone“ in Chemnitz, vom Volke sehr bezeichnend der „blutige

Knochen“ genannt. Denn hier gehörte Keilerei und Tanzvergnügen wie

in jenem Gassenhauer wirklich zusammen. Hier verkehrte das ärgste

Gesindel, Huren und Fabrikdirnen niedrigster Sorte und ihre Zuhälter

mit jungen Fabrikarbeitern und vielen Soldaten der Chemnitzer

Garnison. Ich mache hierauf nachdrücklich aufmerksam, und mache es den

Militärbehörden hiermit zur ernsten Pflicht, darauf zu achten, daß

künftig nicht bloß sozialdemokratisch-anrüchige, sondern vor allem

auch solche sittlich verwahrlosende Lokale den Soldaten verboten

werden. Ein Mensch in anständiger Kleidung, allein, bleibt hier selten

ganz unbehelligt. Ich war mit einem Arbeitskollegen etwa eine knappe

Stunde dort. Und wie viele male sind wir in dieser kurzen Zeit trotz

unsers unauffälligen Sonntagsgewandes namentlich von den Weibern mit

ihren frechen Gesichtern in der unflätigsten Weise und mit allen ihren

Körperteilen angerempelt worden! Da muß man denn schließlich entweder

so wie sie selbst mittollen und mit gemein sein, oder man bekommt

Händel und darauf Schläge. Wir gingen beiden Möglichkeiten zeitig genug

aus dem Wege, indem wir uns wieder entfernten. Beim Ausgang traf uns

der junge Wirt und fragte uns, warum wir schon wieder gehen wollten,

ob es uns nicht gefallen habe. Wir murmelten einige Worte der Antwort,

und darauf sagte der Mann ganz stolz: Ja unter meinem Vater war der

Saal tüchtig herunter; aber Gott sei Dank, jetzt habe ich ihn wieder in

Schwung und in die Höhe gebracht.

Das Gegenteil von diesem Saale war das „Kolosseum“ in Kappel. Es war

der vornehmste von allen, die ich gesehen habe, durch die Ausstattung

und den Umfang des Saales, die Musik, die da aufspielte, das Publikum,

das ihn besuchte. Hier fanden sich nicht nur die gutgelohnten jungen

Schlosser und Dreher unsrer Fabrik, sondern viele junge Kaufleute und

auch -- wie man mir versicherte -- Referendare und Offiziere in Zivil

zusammen. Und vom weiblichen Geschlecht traf man allerhand Ladenmädchen

und Verkäuferinnen, aber auch „feinere“ Huren, dagegen wenig Dienst-

und Fabrikmädchen. Es ging wirklich beinahe wie auf einem Balle zu.

Die Damen in modernster, oft kostbarer, fast immer geschmackvoller

Toilette, und viele schöne Menschenkinder unter ihnen; die Herren meist

in ebenso eleganten Anzügen, wenn auch nicht in Schwarz und Frack;

alle zusammen in ihren Haltungen, Bewegungen und Verbeugungen gewandt

und voll jugendlicher Elastizität. Die Fabrikarbeiter unterschieden

sich kaum von den andern, nur durch den Mangel eines Klemmers auf der

Nase und durch ihre größern, härtern, rauhern Hände. Denn niemand trug

Handschuhe, was manche der Damen veranlaßte, ihren Herren beim Tanz

mit stummer, aber verständnisvoller Gebärde ihr Taschentuch zu bieten,

damit die schwitzende Hand des Tänzers, die die Taille umfaßt, das

Kleid nicht beschmutzte.

Die übrigen Säle, die ich sonst sah, standen nach dem äußern Eindruck,

den sie machten, etwa in der Mitte zwischen beiden. Meist waren es

Vorortssäle mit halb städtischem und halb ländlichem Charakter und

ebensolchem halb städtischen halb ländlichen Publikum. Hier mischten

sich unter die modischen Toiletten der zur Stadt hereinkommenden

Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen noch die unschönen Kostüme unsrer

Dorfbewohner; hier waren die Mädchen mitunter noch im Kopftuch und mit

vorgebundener schöner bunter Schürze. Auch die Musik war primitiver,

der Eintrittspreis niedriger, nur 25 Pfennige etwa, während er in dem

Kappeler Saale, wenn ich mich recht entsinne, 50 Pfennige betrug.

Natürlich kostete hier wie dort noch jeder Tanz, den man tanzte, seine

Extrasteuer, immer 10 Pfennige. So gab einer leicht am Abend 3 bis 4

Mark nur für das bloße Tanzvergnügen aus. Auch der Ton, der auf diesen

Sälen herrschte, war freier als auf jenem. Man sang laut Lieder zu den

Weisen, die die Musikanten aufspielten, man juchzte und rief laut über

die Köpfe und den Saal hinweg. Manchmal war ein dichtes Gedränge und

eine unausstehliche Hitze, daß der Schweiß nur so von der Stirne rann,

und Glas auf Glas getrunken wurde. Aber dann wars am schönsten und die

Freude am größten.

In den bessern Sälen ging es auch in diesem, aber auch nur in diesem

Sinne anständiger zu. Da scherzte und lachte und tollte man sich denn

an den einzelnen Tischen, im kleinern Kreise der Bekannten, in den

Ecken und Nischen des Saales und auf den Galerien umso mehr aus. Da

koste und umschlang und drückte man sich. Und hier wie dort, lachende,

glühende, oft schöne Gesichter, leuchtende, lebensprühende Augen,

kräftige Gestalten, volle, frische Formen. Hier wie dort ungebändigte

Lust, steigende Erregung, sinnlicher Taumel, der seinen Abschluß und

seinen Höhepunkt erreicht, wenn Schlag 12 Uhr die Musik verstummt,

der Saal geräumt, die Lichter verlöscht werden. Dann zieht Paar nach

Paar einsam von dannen, zu einem Nachtspaziergang ins freie Feld,

wo nur die Sterne die Sünde sehn, die man hier begeht, oder bis in

Liebchens Hausflur oder gar in Liebchens Wohnung und Bett. Denn das

ist nach allen meinen Beobachtungen wenn auch nicht die durchgängige

Regel, so doch in den weitaus überwiegenden Fällen der Abschluß jedes

sonntäglichen Tanzvergnügens. Auf den Tanzböden, in den Nächten vom

Sonntag zum Montag verliert heutzutage unsre Arbeiterjugend nicht nur

ihren meist sauer verdienten Lohn, sondern auch ihre beste Kraft,

ihre Ideale, ihre Tugend und ihre Keuschheit. Es ist ja auch kein

Wunder; es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Man überlege nur

einmal. Während der Woche, Tag um Tag in regelmäßiger Einförmigkeit

in der häßlichen Fabrik, bei oft langweiliger Arbeit, in Schmutz und

Schweiß; des Mittags ohne behagliche Ruhe; die Abende der Werktage auf

der Straße vor der Thür oder im Hofe des Arbeiterhauses oder in der

kleinen engen, oft dürftigen Stube des Logiswirts mit Kindergeschrei

und Küchendunst; die Nächte in armseligen Schlafstätten; dabei ein

leidlicher Verdienst, ohne Kontrolle, ohne Aufsicht, ohne elterliche

Fürsorge und Liebe, kurz ohne den segensvollen Einfluß eines starken

Familienverbandes, Jugendkraft in den Gliedern, Jugendlust in Kopf und

Herzen -- und nun kommt der Sonntag mit seinem Ausschlafen, seinem

Ausruhn, seiner Freiheit, die ihnen niemand kürzt, deren rechten

Gebrauch sie keiner lehrt: da locken die Töne der Musik; da lachen

junge frische Mädchengesichter; da strahlt lichter Glanz; da wölben

sich die hohen weiten Hallen des schön gemalten Saales; ja hier ist

Ersatz für das häßliche Einerlei der Woche, an einem Abend, in einer

Nacht hundertfacher Ersatz für die hundert häßlichen Eindrücke der

ganzen Woche! Ist es da wirklich noch verwunderlich, wenn sich die

Ungebundenen da hineinstürzen in den herrlichen, entzückenden Strudel,

ihre Seelen an ihm berauschen, ihr Bestes in ihm verlieren? Ich klage

nicht an, ich entschuldige auch nicht, ich schildre nur, wie es in

Wahrheit ist, und erkläre, wie es mit Notwendigkeit so kommen muß.

Ich behaupte, daß infolgedes kaum ein junger Mann oder ein junges

Mädchen aus der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung, das über 17 Jahre alt

ist, noch keusch und jungfräulich ist. Der geschlechtliche Umgang, auf

den Tanzböden vor allem groß gezogen, ist unter dieser Jugend heute

im weitesten Umfange verbreitet. Er gilt einfach als das Natürliche

und ganz Selbstverständliche; von dem Bewußtsein, daß man damit eine

Sünde begeht, ist selten eine Spur vorhanden. Das sechste Gebot

existiert in diesem Sinne da unten nicht. Zwar mit Huren, die sich

bezahlen lassen, giebt man sich fast nie ab. Das gilt als Schande,

und diese selbst werden verachtet. Aber fast jeder hat seine Liebste

und jede ihren Liebsten, die sich mit wenigen Ausnahmen diesen ganz

selbstverständlichen Dienst thun. Daneben sucht der junge Mann, wo

immer es gerade einmal geht, auch andre Mädchen zu benutzen, die sich

ihm dazu hergeben, was wiederum nicht schwer und selten ist. Gleichwohl

hat auch die schon einen kleinen Makel in vieler Augen an sich, die

sich gleich bei der ersten Bekanntschaft gebrauchen läßt. Mit dieser

„geht man“ dauernd wenigstens nicht. Wird eine dann schwanger, so

heiratet man sich in der Regel auch, ganz gleich, ob man schon lange

oder nur erst wenige Wochen beisammen ist, ob man sich kennt oder

nicht, ob man etwas taugt oder nicht, zusammenpaßt oder nicht. So

treiben der Zufall, der Geschlechtsgenuß und seine etwaigen Folgen,

selten echte Liebe, inneres Bedürfnis und vernünftige Überlegung die

jungen Leute in die Ehe zusammen.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 19 / 21 段