Dazu aber müssen wir der sozialdemokratischen Weltanschauung ihr

materialistisches Rückgrat ausbrechen. Wir müssen die Autorität jener

gefälschten Wissenschaft vernichten, die durch ihren Glanz heute

die Augen der ehrlich ringenden Arbeiter blendet und deren Geister

willenlos in ihre Ketten schlägt. Wir müssen dieser Pseudowissenschaft

der sozialdemokratischen Volkslitteratur die Heuchlermaske vom

Gesicht reißen, müssen der falschen die wahre, der parteiischen die

unparteiische, der mißbrauchten die reine, keusche Wissenschaft

gegenüberstellen. Das ist der soziale Beruf der wahrhaft Gebildeten

unsrer Tage, der Männer der Schulen und Studierstuben, daß sie heute

von ihren Lehrstühlen zum Volke hinabsteigen und ihm rückhaltlos

mitteilen von den Schätzen ihres Wissens und ihrer Gedanken. Da unten

ringt sich eine neue breite Volksschicht aus der sozialen Unsicherheit,

aus der geistigen Verworrenheit machtvoll herauf. Kommen wir ihr

entgegen, geben wir ihr das Licht, das volle Licht und die volle

Wahrheit, nach der sie verlangt; lassen wir es nicht weiter zu, daß

man sie mit vergiftetem Wissen nährt, schenken wir ihr alles, alles,

was wir nach bestem Wissen und Gewissen selber haben. Gehen wir in

die Fachvereine der Arbeiter, in ihre Wahlvereine, und wo immer sie

sich zusammen finden; bieten wir uns ihnen zum Dienste an, freundlich,

bittend, aber ohne Hintergedanken, ohne Agitationszwecke, ohne

eigennützige Absichten, nur mit dem einen Ziele, ihnen die Schätze der

wahren Wissenschaft zu erschließen, ihre Folgerungen nach rückwärts

und vorwärts zu ziehen, aber ihnen besonnen und ernst die Schranken

zu zeigen, die auch ihnen aufgerichtet sind, und vor ihrem Mißbrauche

und vor Irrwegen zu warnen. Wir protestantischen Theologen fürchten

diese Arbeit nicht, wir freuen uns darüber, wir bitten um sie. Denn

wir wissen, daß die wahre, vorurteilslose, forschende Wissenschaft

der Wahrheit unsers Glaubens nie schadet, nur nützt. Auch auf unsern

menschlichen Augen liegen noch Schleier über Schleier. Der ist uns

willkommen, der sie uns herabziehen hilft. Nur immer tiefer, klarer,

kraftvoller werden wir dann die ewige, unversiegliche herrliche

Wahrheit unsers Glaubens ergreifen und den Frieden suchenden Menschen

bringen, nur um so besser, schneller, gründlicher wird die evangelische

Kirche ihre oberste soziale Aufgabe in dieser Zeit erfüllen können: den

modernen Arbeitern ein modernes Christentum zu bieten.

Denn darüber ist mir nach allen meinen Studien kein Zweifel mehr

übrig, daß wenigstens der sächsische Industriearbeiter, der infolge

der sozialdemokratischen Agitation durch moderne Gedanken- und

Wissenskreise hindurchgegangen ist, in seinem Empfinden, Denken und

Auffassen ebenso wenig mehr wie der sogenannte Gebildete unsrer Zeit

auf die geistige Verfassung vergangner Zeiten zurückzuschrauben ist.

Auch nicht auf die der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, der

Zeiten des Neuplatonismus und der Schöpfung unsers überkommenen

Glaubensgebäudes. Es geht den modernen „aufgeklärten“ Arbeitern wie den

Angehörigen unsrer Mittelstände, unter denen die Egidysche Bewegung

unendlich viel Staub, leider wohl nur Staub aufgewirbelt hat, --

sie, die sich wie alle tiefer empfindenden Menschen nach wahrhaftem

Frieden sehnen, können ihn im Christentum nicht mehr finden, weil

ihnen seine ewig unveränderlichen Heilsgüter in einer Form und Fassung

dargeboten werden, die für sie heute unannehmbar ist. Und da sie, wie

die Kaufmanns- und Beamtenkreise des Mittelstandes, weder die Zeit

noch die Bildung und den geistigen Überblick haben, selbst diese Form

und Fassung zu zerbrechen, um den Kern und Edelstein zu behalten,

so werfen sie, obendrein ergriffen von dem Strudel des Genusses und

Glanzes der Zeit, das ganze kostbare Kleinod hin und verlieren mit

der Hülle den Inhalt. Nun wohl, so müssen wir, die Diener der Kirche,

dies weggeworfene Gut wieder aufheben, müssen die Arbeit, die jene

heute nicht thun können, oft schon nicht mehr thun wollen, für sie

thun, die alten Formen zerbrechen und den trotz alledem sich danach

sehnenden die ganze Herrlichkeit und Wahrheit unsers Glaubens in neuen

Gedankenkreisen, in neuen Ausprägungen, in Auffassungen, wie sie dem

modernen Menschen allein kongenial sein können, übermitteln. Und der

ganze Apparat der modernen echten Wissenschaft soll und kann uns dabei

Helferdienste leisten. Wir brauchen dabei kein Fünkchen von der Kraft

und dem Wesen, das nach unsrer Erkenntnis das Christentum ausmacht,

beiseite stellen und verlieren. Der Inhalt ist ewig, die Form ist

vergänglich. Ich habe freilich an dieser Stelle diese Arbeit nicht

zu thun. Kein einzelner vermag sie überhaupt zu thun, die von vielen

hohen Geistern seit langem schon vorbereitet ist. Nur im gemeinsamen

Ringen, allmählich, Schritt für Schritt, in Eintracht, mit Ernst und

Besonnenheit, aber auch mit Mut und Kraft haben wir alle, die berufenen

und die künftigen Diener der Kirche, sie zu leisten und dabei immer

anzuknüpfen an die geschichtliche Person Jesu von Nazareth, vor deren

stiller Hoheit auch der Arbeiter sich heute allein noch beugt. Aber

geleistet muß diese Arbeit werden -- sonst, das ist meine feste, aus

bitterster Erfahrung geschöpfte Überzeugung, geht es da unten und

wohl auch anderswo auf lange hinaus zu Ende mit dem Christentum.

Die Sozialdemokratie ist, vom religiös-kirchlichen Standpunkte aus

betrachtet, die erste große geistige Bewegung seit den Tagen der

Reformation, die auch den einzelnen kleinen Mann aus dem Volke vor

die Frage stellt, sich zu entschließen, ob er für oder wider Christum

sein will. Sie faßt mit diesem Zwange der Entscheidung jedes Einzelnen

innerste Persönlichkeit, all seine seelischen und geistigen Fähigkeiten

an: nutzen wir diese wunderbare geschichtliche Gelegenheit aus, bringen

wir es dahin, daß diese Entscheidung ein: Ja Herr, ich glaube! wird, so

wird die sozialdemokratische Bewegung dereinst zwar als eine schwere

Krisis bedauert, aber als ein unendlicher Segen und als das Mittel

eines neuen großen auch religiös-kirchlichen Fortschrittes gepriesen

werden. Die wir aber nicht gewinnen werden, denen werden wir dann

wenigstens durch die Kraft der wissenschaftlichen Überlegenheit, die

von neuem in unserm Dienste steht, imponieren. Und auch das thut nicht

weniger not.

Aber der künftige Sieg unsers Glaubens, die Wiedereroberung

des arbeitenden Volkes für ihn, ruht nicht in dieser

apologetisch-wissenschaftlichen Arbeit, in dieser Vermählung der

alten Heilswahrheiten mit den neuen Erkenntnisformen allein, sondern

ebenso sehr in der Kraft frommer Persönlichkeiten, die den zweiten,

den Thatbeweis für die Wahrheit des Christentums führen, den vor allem

die Arbeiter -- ich erinnere an einige im sechsten Kapitel mitgeteilte

Gespräche -- erst fordern, ehe sie wieder glauben zu können vorgeben.

Christliche Persönlichkeiten aber wachsen allein auf dem Boden der

kleinen lebendigen Gemeinde. Sie zu schaffen ist darum heute eine

soziale Notwendigkeit. Daß sie in jenem Vororte, wo ich Arbeiter war,

seit Jahren gefehlt hatte und nur erst wieder in den leisesten Anfängen

vorhanden war, daß die Arbeitsgenossen dort wie verlassen in der

Mitte einer fast toten kirchlichen Gemeinschaft dahin lebten, daß sie

keinen moralischen Halt, keine Stütze, keine Hilfe in ihr fanden, ja

daß sie sie überhaupt nicht mehr fanden und suchten, das machte sie

noch viel weniger widerstandsfähig gegen die Angriffe der Gegner, als

sie es ohnehin schon waren, das vor allem ließ ihnen den Glauben an

irgend welchen +praktischen+ Wert des Christentums für ihr leeres Leben

gänzlich verlieren. Aber ich brauche für den Gemeindegedanken nicht

noch mehr Worte zu machen: er steckt heute schon in allen Köpfen, und

seine Verwirklichung ist allenthalben auf den besten Wegen. Was wird

das einst in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren für eine Freude sein,

wenn auch die Großstädte nur kleine Gemeinden von 5-8000 Seelen haben,

wenn überall in ihnen frisches Leben pulsiert, wenn die Predigt und die

Seelsorge wieder bis in jedes Haus sorgsam hineingetragen, wenn sie

getragen und mitgeübt wird von einer zahlreichen Schar begeisterter

frommer Laien aller Stände, aber gleicher, edler, heiliger Gesinnung,

und wenn in ihr alle Werke der Liebe und Barmherzigkeit an den Armen,

Kranken und Schwachen werden gethan werden. Dies ist keine Utopie, wie

Bebels freilich wohl ehrlich geträumter Zukunftsstaat: das ist nur eine

Frage der Organisation, an die heute bereits Hand angelegt ist, und

die Schritt für Schritt ihrer Vollendung entgegen geführt wird. Und

wenn dann die Verhetzten, die Verschüchterten, die Gleichgiltigen, die

Spötter verwundert aufsehn und uns fragen werden: Aus was für Kraft

thut ihr das? so werden wir antworten wie die ersten Christen: In der

Kraft Jesu von Nazareth! und werden auch die neuen Heiden überwinden.

Eines aber wird auch diese Zukunftsgemeinde nicht vermögen: die

Nöte beiseite zu schaffen, die aus den großen, jetzt kranken

wirtschaftlichen Zusammenhängen stammen. Die innere Mission, in

jenes Gemeindeleben zum größten Teile organisch eingefügt, kann nur

die Wunden waschen, die Schmerzen lindern, die die Anzeichen einer

schweren Krankheit des ganzen Volkskörpers sind. Diese Krankheit selbst

aber kann sie nicht verhindern, hat sie bisher kaum in ihrem Wesen

erkannt. Diese Arbeit hat für die evangelische Kirche ein andres, das

junge Unternehmen des Evangelisch-sozialen Kongresses zu thun. Ich

schreibe an dieser Stelle von ihm nicht in offizieller Eigenschaft,

als sein Generalsekretär. Ich schreibe hier, wie ich mir persönlich

am liebsten und ausführbarsten seine Zukunft denke. Ich glaube, der

Evangelisch-soziale Kongreß hat eine doppelte Aufgabe. Seine Waffe

ist die Ethik des Evangeliums. Mit ihr soll er rücksichtslos, offen

und ehrlich, ohne Ansehen der Partei oder Person Kritik üben an den

Zuständen unsrer Tage; er soll darüber wachen, daß diese sittlichen

Grundsätze des Evangeliums in den sozialen Neugestaltungen unsrer

Zeit nicht abermals unberücksichtigt bleiben, und nicht abermals nur

materielle Interessen ausschlaggebend werden; er soll die führenden und

gebildeten, auch die leitenden industriellen Kreise, wenn nicht anders

so durch den Druck der öffentlichen Meinung zwingen, daß das gesamte

Wirtschaftsleben künftig auch als um der Menschen willen vorhanden

angesehen wird, die, wie vor allem die Arbeiter, von ihm abhängig sind;

und er soll dafür sorgen, daß auch die industriellen Werke allmählich

Stätten werden, an denen alle, die in ihnen beschäftigt sind, nicht

nur ihren ausreichenden Unterhalt, sondern auch innere Befriedigung

und einen zweckvollen, sittlich fördernden Lebensberuf finden. So wird

er in der That eine evangelisch-soziale, eine sozial-ethische Instanz

werden, deren Gewicht der Staat und die gesetzgebenden Körperschaften

künftig werden ebenso berücksichtigen müssen, wie beispielsweise den

Zentralverein deutscher Industrieller und die sozialdemokratische

Reichstagsfraktion. Aber der Kongreß hat meines Erachtens, indem er

jener eben geschilderten Verpflichtung gerecht wird, noch eine zweite

Aufgabe zu erfüllen: er hat der Kirche, ihren Organen und Dienern

die wahren Quellen der materiellen Not, d. i. die wirtschaftlichen

Zusammenhänge aufzudecken, hat ihnen das Auge für diese

wirtschaftlichen Probleme zu öffnen und ihnen zu zeigen, daß auch diese

Probleme bei aller kirchenregimentlichen, kirchlich organisatorischen

und seelsorgerlichen Thätigkeit künftig zu berücksichtigen sind. Der

einzelne Geistliche vor allem soll sich auf den jährlichen Kongressen

die Kraft und die Fähigkeit holen, seine Gemeinde und die Verhältnisse

ihrer einzelnen Glieder auch einmal unter diesen wirtschaftlichen

Gesichtspunkten anzusehn, ihre Notstände zu untersuchen, deren

Einflüsse auf den sittlichen und religiösen Charakter seiner

Pfarrkinder zu verstehen, diese mit ihren angesehenen Gliedern in dem

seelsorgerischen Umgang, den er mit ihnen hat, zu besprechen und auch

ihnen den Blick für diese Zustände zu erschließen und das Bewußtsein

der Verantwortung zu wecken, damit auch sie an ihrem Teile, in ihrem

öffentlichen wie Privatleben eine ernste soziale Gesinnung bethätigen.

Erfüllt der Evangelisch-soziale Kongreß diesen doppelten Beruf, so

hat er eine hohe Mission, so ist auch er ein Machtmittel, um das

der evangelischen Kirche gesteckte Ziel endlich doch zu erreichen:

+die Erziehung, die Veredlung, die Christianisierung der heute

noch wilden, heidnischen Sozialdemokratie, und die Vernichtung ihrer

widerchristlichen materialistischen Weltanschauung+.

Druck von Carl Marquart, Leipzig.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 21 / 21 段