sein, wenn das kirchliche Leben auf dem Lande wirklich rege, die
Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht
nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen
weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen.
Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch
Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist
nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum
gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder
seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche
holt.
So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber
sonst selbständig und verständig urteilender Mann:
+Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon
in der Schule genug gehabt.+ Aber sie muß sein; sonst wäre der
Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie
nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem
Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen
ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn
hört.
Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter
Sohn des Dorfes:
Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch
immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne
das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich
auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein
ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die
„Sozialschen.“ +Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in
die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und
Konfirmation.+
Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders
gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die
gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich
fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie
alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre
Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder
der alte noch der neue Glaube zu befriedigen vermochte, sie aber doch
etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung,
ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft
wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel
persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch
noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich
standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen
Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich
genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe,
verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit
der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn
auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum
gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem
sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt
haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen
aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens,
das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer
Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist.
Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer
Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte.
Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir,
als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten.
Wie so?
Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse
ich mir nichts mehr sagen.
Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere
betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik.
Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von
jedem.
Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes
Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb
er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von
dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn
dort konfirmiert hatte.
Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu
lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon. Aber auch
wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die
Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen
Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer
silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau.
Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen.
Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim
Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon
rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache
mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten
zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich.
Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich.
Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten
Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte
von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles.
Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein.
Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein
Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war
seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als
Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und
auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er
immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am
Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er
ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen
Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich
nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er
nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten
in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen --
natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das
war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die
evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne
„Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter
Maria u. s. w., aber noch an Gott und Christus.
Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein
Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer,
ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich,
wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er
war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines
sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei
bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu.
Sonst geht es mir schlecht hier.
Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch
er hatte mir früher -- freilich beiläufig -- wenig Schmeichelhaftes
über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten
Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders:
+Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik+, sagte er
einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen
Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich
Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche.
Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen.
Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das
Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und
stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen
und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte
mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute
nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte
er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er
aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte.
Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich
seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht
verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz
erstaunt und verständnislos an.
Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch
manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist
auch durch diese schon schlagend geführt. +Und es ist in der That
kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledem anerkennen, daß der
materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich
mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter
aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete.+ Die alten Gebilde
und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und
geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter
für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute
auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das
Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne
Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch
Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen
von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer
von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne
Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre
sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen
langsamen, oft qualvollen geistigen Tod.
Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht
vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat
und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher
sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz
andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in
ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne
gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“
Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale
Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne
Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher
als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor
seiner großen Persönlichkeit.
Siebentes Kapitel
Sittliche Zustände
Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel
deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen
das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer,
durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer
Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich
auch in diesen Menschen gären und glühen.
Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes
näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der
geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von
Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen
Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen
Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir
nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und
Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte
Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben,
umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch
in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche
und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen
Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers
Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit
erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel
mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher
auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder
ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner
Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen,
wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie
verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer
erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten
Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie erstarren dann oft zu einer
nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des
sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da;
sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch
maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die
sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus
denen diese herauswachsen.
Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit.
Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern
bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der
großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen
besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die „Wissenschaft“ der
Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur
einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im
zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen
den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte
schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem
man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis
zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer
läßt sich darauf der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft
verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung
und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine
Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches,
zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag?
Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige
alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür
die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger
Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder
vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig
günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig
zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen
müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet.
Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise
anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern
aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals zu betonen, daß sie alle
zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen
Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner
Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern
gezeitigt hat.
Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so
verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich
auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine
beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in
Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen.
Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche
Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre,
widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist,
wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur
ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese
aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen
wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht
befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem
wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen,
in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt
darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens,
sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen
Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch
für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser „Sittlichkeit“
mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder
um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu
straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt
würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles
Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der
Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein.
Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre
des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer
Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles
regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses
Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten
sittlichen Charakter der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen,
ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert
durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der
„wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar
erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen,
umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den
Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht
entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die
sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das
beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der
Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle
Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich
werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit,
der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des
Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt,
wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch
der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick
und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus
parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer
Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und
wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das
öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände
immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die
christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer
schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an
ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen.
Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der
Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel,
das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden
wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und
politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte
Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller
Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese
idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung
gebracht werden, zum großen Teil den guten erziehlichen Einfluß,
den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener
Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und
entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und
der Partei.
Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen
Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier
ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier
weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind,
die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern
angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem
einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch
in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt
hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind,
mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle
verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen
jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in
ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände,
unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen
Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen
ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit
in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie
überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische
Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie
sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer
verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es
manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen
Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders
hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium,
ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen
zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen
sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich
maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen
dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben,
die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem
ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse.