Würde das -- es ist das ein Bild aus einer Gesamterscheinung -- möglich

sein, wenn das kirchliche Leben auf dem Lande wirklich rege, die

Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht

nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen

weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen.

Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch

Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist

nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum

gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder

seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche

holt.

So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber

sonst selbständig und verständig urteilender Mann:

+Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon

in der Schule genug gehabt.+ Aber sie muß sein; sonst wäre der

Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie

nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem

Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen

ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn

hört.

Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter

Sohn des Dorfes:

Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch

immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne

das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich

auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein

ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die

„Sozialschen.“ +Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in

die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und

Konfirmation.+

Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders

gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die

gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich

fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie

alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre

Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder

der alte noch der neue Glaube zu befriedigen vermochte, sie aber doch

etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung,

ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft

wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel

persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch

noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich

standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen

Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich

genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe,

verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit

der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn

auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum

gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem

sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt

haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen

aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens,

das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer

Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist.

Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer

Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte.

Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir,

als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten.

Wie so?

Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse

ich mir nichts mehr sagen.

Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere

betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik.

Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von

jedem.

Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes

Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb

er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von

dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn

dort konfirmiert hatte.

Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu

lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon. Aber auch

wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die

Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen

Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer

silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau.

Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen.

Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim

Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon

rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache

mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten

zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich.

Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich.

Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten

Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte

von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles.

Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein.

Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein

Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war

seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als

Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und

auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er

immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am

Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er

ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen

Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich

nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er

nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten

in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen --

natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das

war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die

evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne

„Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter

Maria u. s. w., aber noch an Gott und Christus.

Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein

Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer,

ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich,

wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er

war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines

sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei

bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu.

Sonst geht es mir schlecht hier.

Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch

er hatte mir früher -- freilich beiläufig -- wenig Schmeichelhaftes

über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten

Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders:

+Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik+, sagte er

einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen

Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich

Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche.

Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen.

Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das

Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und

stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen

und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte

mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute

nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte

er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er

aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte.

Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich

seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht

verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz

erstaunt und verständnislos an.

Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch

manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist

auch durch diese schon schlagend geführt. +Und es ist in der That

kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledem anerkennen, daß der

materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich

mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter

aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete.+ Die alten Gebilde

und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und

geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter

für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute

auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das

Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne

Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch

Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen

von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer

von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne

Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre

sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen

langsamen, oft qualvollen geistigen Tod.

Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht

vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat

und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher

sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz

andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in

ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne

gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“

Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale

Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne

Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher

als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor

seiner großen Persönlichkeit.

Siebentes Kapitel

Sittliche Zustände

Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel

deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen

das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer,

durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer

Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich

auch in diesen Menschen gären und glühen.

Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes

näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der

geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von

Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen

Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen

Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir

nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und

Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte

Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben,

umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch

in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche

und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen

Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers

Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit

erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel

mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher

auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder

ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner

Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen,

wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie

verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer

erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten

Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie erstarren dann oft zu einer

nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des

sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da;

sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch

maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die

sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus

denen diese herauswachsen.

Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit.

Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern

bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der

großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen

besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die „Wissenschaft“ der

Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur

einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im

zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen

den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte

schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem

man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis

zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer

läßt sich darauf der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft

verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung

und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine

Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches,

zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag?

Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige

alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür

die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger

Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder

vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig

günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig

zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen

müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet.

Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise

anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern

aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals zu betonen, daß sie alle

zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen

Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner

Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern

gezeitigt hat.

Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so

verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich

auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine

beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in

Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen.

Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche

Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre,

widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist,

wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur

ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese

aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen

wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht

befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem

wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen,

in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt

darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens,

sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen

Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch

für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser „Sittlichkeit“

mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder

um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu

straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt

würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles

Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der

Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein.

Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre

des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer

Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles

regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses

Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten

sittlichen Charakter der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen,

ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert

durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der

„wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar

erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen,

umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den

Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht

entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die

sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das

beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der

Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle

Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich

werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit,

der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des

Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt,

wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch

der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick

und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus

parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer

Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und

wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das

öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände

immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die

christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer

schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an

ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen.

Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der

Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel,

das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden

wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und

politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte

Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller

Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese

idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung

gebracht werden, zum großen Teil den guten erziehlichen Einfluß,

den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener

Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und

entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und

der Partei.

Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen

Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier

ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier

weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind,

die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern

angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem

einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch

in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt

hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind,

mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle

verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen

jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in

ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände,

unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen

Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen

ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit

in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie

überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische

Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie

sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer

verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es

manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen

Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders

hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium,

ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen

zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen

sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich

maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen

dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben,

die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem

ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 18 / 21 段