Nein, meinte der Monteur, das ist nicht wahr. Das hat Christus nicht

bloß gewollt. Das ist erst eine Verdrehung der Geistlichkeit. Aber das

mag sein; die Religion ist ja für frühere Zeiten, wo die Menschen noch

nicht so weit waren, ganz gut und dienlich, ja nötig gewesen. Aber

jetzt ist sie das nicht mehr. Jetzt haben wir Gesetze. Wer nach denen

lebt, ist ein achtbarer Mensch, wer nicht, ein Lump.

Man sieht, das klingt ganz wie in sozialdemokratischen Schriften.

Mit jenem Bohrer und diesem Monteur hatte ich später noch ein paar mal

ähnliche Gespräche.

Jenen traf ich bald darauf eines Morgens während der Frühstückspause in

dem unsrer Fabrik benachbarten Käseladen, den ich im zweiten Kapitel

bereits erwähnte. Der ganze Laden und die Wohnstube der Besitzerin

waren gestopft voll von unsern Leuten. Einer, ein Stammgast, verlangte

für zehn Pfennige Limburger Käse und eine Flasche Bier. Als er es

erhalten hatte, sagte er:

Danke, der liebe Gott wirds bezahlen.

Da könnt ich lange warten, war die Antwort der Verkäuferin. So hats

zwar immer geheißen; aber der bezahlt nichts.

Es wird wohl gar keinen lieben Gott geben, warf da der Bohrer ein, der

daneben stand.

Glaubs selber, lachte die Frau. Beten ist altmodisch. Es hilft ja auch

nichts. Wer nicht arbeitet, hat nichts.

An demselben Tage rief mich einmal der Monteur zu sich.

Was giebts?

Ich will ihnen einmal den Herrgott zeigen: tragen Sie hier die Welle

zum Langlochbohrer. Das werden Sie schon spüren.

Sie können +mir+ den Herrgott noch lange nicht zeigen, aber ich

Ihnen. Wollen Sies?

Nein, lieber nicht.

Und er ging lachend davon.

Dann traf ich ihn auf jenem sonntäglichen Kinderfest unsers

sozialdemokratischen Vorortswahlvereins wieder. Wieder kamen wir unter

anderm auf religiöse Dinge zu sprechen. Er fragte mich da geradezu:

Warum geben Sie sich nur so mit dem Kram ab? Sie können ihn ja doch

nicht beweisen.

Ich versuchte es an der Person Christi. Aber er ließ mich nicht lange

dabei:

Genau so reden die Pfaffen auch. Die Religion ist nur für die Wilden.

Mein Wahlspruch ist:

Macht euch das Leben gut und schön,

Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn.

Ein schöner Wahlspruch! Meiner ist es nicht.

Aber meiner. Übrigens sind die Pfaffen selbst an der ganzen Feindschaft

des Volkes gegen die Kirche schuld. Denn sie haben Partei für die

„großen Herren“ genommen. Nur wenige machen davon eine Ausnahme. Zum

Beispiel einer in unsrer Nähe, in Langenberg.

Diese Geringschätzung gegen die „Pfaffen,“ die hier wieder und ganz

offen zum Ausdruck kam, war so allgemein wie dieser Name, der überall

im Munde der Leute, auch halbwegs wohlgesinnter, war. Ganz natürlich.

Wem die Kirche nur noch als ein äußerliches, öffentliches Institut,

ein politisches und wirtschaftliches Machtmittel in der Hand des

Interessenstaates und der selbst ungläubigen Bourgeoisie erscheint,

hat natürlich auch keine Achtung und Ehrerbietung vor ihren amtlichen

Trägern und Dienern, die ihm folgerichtig nur als Heuchler gelten

müssen, weil sie ihre Überzeugung opfern, um eine bequeme Versorgung

und Existenz zu haben. So war es häufig, daß man die „Schwarzkittel“

gar nicht etwa mehr haßte, sondern nur noch verachtete. Man sah sie

auch geradezu als Tagediebe und Faulenzer an, weil man keine Schätzung

mehr für geistige Arbeiten besaß, die nicht augenblickliche, sichtbare

materielle Werke schaffen, und weil man auch keine Einsicht in den

Umfang und die Art der Thätigkeit hatte, die einem gewissenhaften und

gewandten Pfarrer obliegt. Das alles kam oft zu drastischem, für mich

besonders schmerzlichem Ausdruck. So gleich in derselben Stunde, in

der ich das letzterzählte Gespräch hatte, bei demselben Kinderfeste im

Munde noch eines Anwesenden, der aber nicht unsrer Fabrik zugehörte,

und den ich sonst nicht kannte.

Er unterhielt sich mit einem anscheinend zufällig hereingekommenen

Lehrer, während ich als unbeteiligter dritter daneben stehend unbemerkt

zuhörte. Der Lehrer versuchte ihn sachlich und leidenschaftslos, aber

mit viel Geschick und ohne große Worte eines bessern zu belehren. Aber

jener ließ sich nicht belehren.

Ach was; über die Kirche sind wir lange hinaus. +Was der Pfaffe

quasselt, kann ich auch, wenn ich wie er die ganze Woche dazu Zeit

hätte. Der lernts doch bloß aus Büchern auswendig.+

Sein Gegner sagte ihm, wie falsch das wäre; man müßte doch auch erst

auf Gymnasium und Universität etwas Ordentliches gelernt und gearbeitet

haben; man müßte manche gewichtige Examina bestehn -- aber darauf

hatte der aufgeblasene Schreihals, denn das war er, immer nur ein

geringschätziges, abweisendes Ach was, sodaß der andre bald darauf

verzichtete, sich weiter mit ihm einzulassen.

Dieselbe Meinung hörte ich auch schon, fast bis aufs Wort

übereinstimmend, während der ersten Tage meines Herbergsaufenthaltes.

Da war ein Barbier, von dem ich noch im folgenden Kapitel etwas zu

erzählen haben werde, ein halber Pennbruder, der in Chemnitz von

Herberge zu Herberge ging und Zureisende für fünf Pfennige rasierte

und für zehn Pfennige ihnen die Haare schnitt. Eben bei der Ausübung

seines Handwerks, natürlich mitten im Gastraum der Herberge, redete er

mit seinem Opfer, das er gerade unter den Händen hatte, auch einmal vom

Pastor:

Auch der hat nichts als eine Profession, von der er lebt; er muß das

eben machen, dafür ist es sein Handwerk. Natürlich kann er nicht

beweisen, was er da vorquasselt; das ist bloßer....

Dreck und Quatsch, ergänzte der andre.

Ich komme ooch in keene Kärche, lallte dann einer unsrer stets halb

angetrunkenen Stammgäste dazu. Ich war emal drinne. Das ist aber lange

her. Ich wollte ooch bloß drin schlafen; von Andacht keene Spur.

Albernheit -- Andacht!

Dann hörte ich einmal fünf junge, in der Mehrzahl verheiratete Männer,

die alle aus demselben etwa eine Stunde von Chemnitz gelegenen Dorfe

zu uns auf Arbeit kamen, sich bei dem Frühstück ebenfalls über ihren

Pastor und ebenfalls wenig schmeichelhaft unterhalten. Einer hatte

ganz sachlich von den Einnahmen des Kaisers geredet, und sie hatten

ausgerechnet, wie viel er an einem Tage zu verzehren hätte. Dazu fügte

nun sein Nachbar hinzu:

’S ist wie bei unserm Pastor, dem Spitzbuben. Der hat 27½ Thaler die

Woche und ist trotzdem nicht damit zufrieden. Die Pfarre war früher ein

großes Bauerngut. Als er nun herkam und sie sah, that er wunder wie

erfreut. Sie hätte ja so viel Stuben, daß er gar nicht wüßte, wo er

die Möbel alle hernehmen sollte, hätte er gesagt. Und kaum ist er ein

halbes Jahr bei uns, verlangt er auf einmal eine neue Pfarre, weil die

alte ihm über dem Kopfe zusammenbrechen könnte.

Ja, ergänzte ein andrer, und dazu predigt der Kerl stets genau nur 25

Minuten; aller fünf Minuten sieht er während der Predigt einmal nach

der Uhr.... Dann sagt er immer, daß er keinen Unterschied zwischen

reich und arm mache, und macht ihn immer, besonders bei Trauungen und

Taufen.... Aber ich habs dem Schwarzkittel neulich einmal gründlich

gesteckt, im Gasthof wars, und er hat mir kein Wort geantwortet,

sondern ging weg.

Dann erzählte der erste wieder:

Einmal hat er gesagt, mit neun Mark könnte eine Familie in der Woche

gut auskommen, und er selber hat 83 Mark! Und kommt doch nicht damit

aus! Denn als er ein Kind bekam, verlangte er aus diesem Grunde 200

Mark jährlich mehr! Geht mir nur mit dem ganzen Pastorenkram.

Damit meinte er auch das Christentum, dessen Träger der Pastor ja vor

allen sein soll.

Mitten in dies Gespräch hatte der vierte eine andre Episode erzählt,

seine Erlebnisse bei den Kirchgängen während seiner Militärzeit,

haarsträubende Dinge, die aber nur meine eignen Erfahrungen bestätigten.

Da sei während der Predigt unter der Kirchbank Skat gespielt worden,

daß es eine Lust gewesen wäre. Ja einer hätte aus der Schnapsflasche

Nordhäuser getrunken, indem er das Taschentuch über sie gehalten und

gethan hätte, als schnaubte er sich die Nase.

Man lachte herzlich darüber und schimpfte dann wieder auf den Pastor

weiter. Ich konnte nun freilich nicht kontrollieren, mit wieviel Recht.

Darauf kommt es aber auch hier nicht an. Die Hauptsache ist, daß man

daran sieht, wie unendlich rücksichtsvoll und taktvoll ein Pfarrer sein

muß, wie sehr er auf sich zu achten hat, um keinen begründeten oder

unbegründeten Anstoß zu geben.

Das beweist auch folgende andre Geschichte eines unsrer Packer. Ich und

alle hatten den Mann besonders gern; er war bereits Großvater, hatte

aber auch noch unerwachsene Kinder, die er sehr liebte, plagte sich

auch mit seiner Frau ehrlich für sie und war immer nüchtern, schlicht

und heiter. Er erzählte mir:

Ich komme nie mehr zu einem Geistlichen in die Kirche. Meine Jüngste

-- sie ist acht Jahre alt -- bettelt mich zwar immer darum. Aber ich

gehe nicht. Ich glaube ja an einen Gott, der für uns sorgt; ich fluche

auch nicht und dulde nicht, daß andre es thun; ich halte auch Frau und

Kinder zur Kirche an, aber ich gehe nicht. Ich mag mich von den Kerlen

nicht veralbern lassen.

Wieso veralbern lassen?

Ja, ich ging früher vor vielen Jahren auch in die Kirche. Aber da sah

ich einmal eines Sonntags früh -- er stammte auch aus einem Dorf in

der Nähe von Chemnitz -- unsern alten Pastor von der Jagd heimkommen,

Sonntags früh, eine halbe Stunde vor dem Gottesdienste! Da wars aus

bei mir. Ich kehrte auf der Stelle um und war niemals wieder in einer

Kirche. Veralbern lasse ich mich noch lange nicht.

Und noch eine derartige muß ich erzählen. Sie ist die traurigste von

allen, in Wirklichkeit glücklicherweise eine Seltenheit. Ein etwa

dreißigjähriger Schlosser, einer der Lustigmacher unter uns, der sich

sonst nichts um politische und soziale Dinge kümmerte, erzählte sie mir:

In unserm Dorfe -- ich bin aus dem „Gebärg“ (d. h. aus dem armen

Erzgebirge) -- trieb es der Pastor mit den Frauen im Dorfe und war

obendrein ein Säufer, der sogar das mühsam zusammengebrachte Geld für

ein neues Leichentuch der Gemeinde versoff. Er wurde allerdings dann

seines Amtes entsetzt, aber seitdem bin ich auf alle die schwarzen

Halunken wütend. Ich gebe ja zu, ein höheres Wesen mag existieren, und

Religion mag auch immer gelehrt werden. Und wenn einem Pastor nichts

nachgesagt werden kann, so lange muß man ja ruhig sein, so lange ist

er eben ein angesehner Mann. Im übrigen aber glauben die +Kerle doch

selbst nicht, was sie reden+. Das ist nun einmal so ihr Beruf, wovon

sie leben. Da kann man es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie einfach

reden, was im Buche steht.

Ein andrer, schon ein alter Knabe, nur ein sehr unklarer Kopf, total

abhängiger Sozialdemokrat und sehr unbeholfen, schimpfte einmal:

Die Pastoren sind wie die Advokaten; sie fressen alles auf, wo sie es

herkriegen können. Aber jetzt sind die Leute nicht mehr so dumm wie

früher und geben alles her.

Der Mann dachte wohl ebenfalls an das gute, bequeme, arbeitslose Leben,

das nach ihrem Eindruck ein Pfarrer führt, und an die Geschenke, die

früher vor allem die Landleute ihm zu machen pflegten, dann aber, wie

ich aus Andeutungen merkte, ebenso sehr auch an die Stolgebühren,

die dem Pfarrer ehemals auch in Sachsen als ein Hauptteil seines

Einkommens direkt zuflossen, die aber hier glücklicherweise fast seit

zwei Jahrzehnten abgelöst sind. Trotzdem ist das ganze Urteil dieses

Mannes ein Zeichen dafür, wie tief das Bewußtsein von der sozialen

Ungehörigkeit dieser Einrichtung noch in den ältern Bestandteilen

dieses Volkes lebt. Ja, dies geht heute noch weiter: es empfindet

überhaupt die Verschiedenheit der Taxen für kirchliche Gebühren

und dementsprechend der kirchlichen Leistungen durch den Pfarrer

als eine soziale Ungerechtigkeit. So klagte einmal einer, ein noch

jung Verheirateter, dessen politische und religiöse Gesinnung ich

sonst nicht näher kennen lernen konnte, direkt, daß die Geistlichen

den Reichen, die es bezahlen könnten, viel schönere Taufen,

Trauungen, vor allem aber Begräbnisfeierlichkeiten hielten, als den

unvermögenden Arbeitern. Der Mann war obendrein verständiger als

jener eben Geschilderte. Er machte wenigstens den Pastor nicht dafür

verantwortlich. Vielmehr traf ich bei ihm eine überaus günstige Meinung

über den Diakonus, der unser Vorstadtdorf pastorierte, an. Er wäre

sehr gut und mitleidig und käme fleißig zu ihnen armen Leuten. Dies

Urteil über den Diakonus fand ich noch öfter -- aber immer galt er als

Ausnahme, galt diese gute Meinung nicht dem Pastor, geschweige dem

geistlichen Amte, sondern allein seiner Person, ein neues gewichtiges

Zeichen dafür, welchen Weg allein der Seelsorger zu gehn hat, um diesen

Leuten etwas zu zeigen von dem Adel, der Schönheit und dem Werte unsers

Christenglaubens: den der aufrichtigen, herzlichen, opferfreudigen,

durch und durch wahren Hingabe einer ganzen offenen, ehrlichen,

volkstümlichen Persönlichkeit in einem anspruchslosen, unaufdringlichen

Verkehr.

Eine neue Bestätigung dafür ist die gleich freundliche Haltung eines

andern stark und zudem selbstbewußt sozialdemokratisch beeinflußten

Mannes in den besten Jahren über denselben Diakonus. Er fluchte

zwar mitunter wie selten einer, beteuerte aber auch ernsthaft und

nachdrücklich, daß er fest glaubte, „daß es etwas Göttliches auf Erden

gäbe,“ und hatte eine unsäglich niedrige Meinung vom Katholizismus.

Sehr erklärlich, da er ein in Deutschland naturalisierter Deutschböhme

war, also den Katholizismus in dessen Heimat kennen gelernt hatte.

Er würde darum niemals eine Frau heiraten, die katholisch wäre;

denn diese stünden alle unter dem Willen und Machtgebot des Pfaffen.

Dagegen war es ebenso bezeichnend, daß ich bei Einheimischen nicht

die geringste Spur eines Verständnisses auch nur für den Unterschied

zwischen den Konfessionen, geschweige für einen Vorzug der eignen vor

der fremden fand.

Noch ein halbwegs freundliches Urteil über die Pfaffen möchte ich an

dieser Stelle registrieren, um alle die wenigen freundlichen kleinen

Bilder zu sammeln, die doch zwischen den vielen großen düstern

und ernsten sich ab und an fanden. Da war ein Bohrer aus einem

Nachbardorfe, der wie berichtet als Freiberger Jäger schon den Feldzug

von 1870/71 mitgemacht hatte und mir viel und stolz und anregend davon

erzählte. Er meinte einmal:

Man soll den Pastoren ihren Glauben lassen. Sie haben einmal darauf

studiert; und das kann nicht jeder.

Man versteht auch diese so unendlich bezeichnende Bemerkung. Für

den Mann, der ebenfalls vom Dorfe stammte, war die Religion wieder

nur ein logisch aufgebautes Gedankengebäude, dessen man sich durch

Verstandesarbeit, durch wissenschaftliches Studium bemächtigen müßte,

und das für ihn selbst zu hoch, zu schwierig, zu unfaßbar war, -- die

alte rein katholisch-mittelalterliche Stellung zu den Mysterien der

aus der Verbindung mit dem Neuplatonismus erwachsenen dogmatischen

Spekulationen. Die Folge war, daß der aufrichtig gute Kerl,

ursprünglich deutlich religiös angelegt und gestimmt, nun innerlich

verwaist und vereinsamt war, zumal da er obendrein noch sichtlich unter

dem Drucke des sozialdemokratischen Terrorismus stand. Denn es war

weiter bezeichnend, was er sofort jener obigen Bemerkung hinzufügte:

Aber wir wollen davon nicht weiter reden; denn so etwas darf man in der

Fabrik nicht laut sagen!

Ich bin hier an der Stelle, um nun die innere Verfassung auch der

Gruppe meiner Arbeitsgenossen noch genauer zu schildern, die eben

unter dem dämonischen Einfluß jener sozialdemokratischen Fanatiker

noch mitten in der verhängnisvollen Krisis des Übergangs von der

alten Bildung und den antiquierten Glaubensformen in die neue, für

sie gleich lückenhafte, modern sozialdemokratische Halbbildung

und Glaubenslosigkeit mit allen Zweifeln und ihrer Haltlosigkeit

standen. Das kam, wie gesagt, namentlich bei wirklich mit religiösen

Bedürfnissen ausgestatteten Naturen oft zu ergreifendem Ausdruck.

Ich erinnere an den Handarbeiter, den ich schon mehrmals erwähnte.

Er stand, von Anlage eine ziemlich kritische Natur, seit dem Tode

seines zärtlich geliebten Kindes in ewigem innern Ringen, Suchen und

Sehnen, aber trotzdem so sehr unter dem Banne der für ihn einfach

schlagenden Argumente der glaubenslosen sozialdemokratischen Agitation,

daß er nach jedem Ansatz in hoffnungsloses Verzweifeln zurückfiel. Es

war nicht damals nur am Schlusse jenes langen Gesprächs vor meinem

Rundsägegatter, daß er bei mir Gewißheit, aber ganz feste Gewißheit

suchte. So traf ich ihn einmal sonntags auf dem Friedhof unsers Ortes

am Grabe seines Kindes zusammen mit seiner Frau, die seine Zweifel

und seine Hoffnungslosigkeit teilte. Da mußte ich ihnen abermals von

meinem Glauben, meiner Auferstehungsgewißheit reden, auch hier wieder

vergebens. Denn einige Tage nachher sagte er mir einmal ganz plötzlich

und unvermittelt -- es war beim gemeinsamen, mühsamen Einschmirgeln

zweier großer Platten --:

Du, mit deinem Glauben ist es doch nichts. Gestern abend war ich wieder

auf dem Gottesacker und traf zwei Frauen. Die hatten auch nicht viel

Hoffnung wegen des Wiedersehens. Sie meinten auch, wo denn die vielen

Millionen Toten hin sollten, wenn sie alle ewiges Leben hätten.

Ich versuchte abermals, diesen im Volke weit verbreiteten Gedanken, der

auch so eine Frucht des alten falschen, verstandesmäßigen Glaubens ist,

zu widerlegen. Ich machte ihn auf den Glauben an die Allmacht unsers

Gottes aufmerksam, und daß wir darüber gar nicht grübeln könnten, und

grübeln sollten, weil wir doch auf diesem Wege zu keinem Ziele und

niemals zum Glauben kämen; daß wir uns nur an Gottes Liebe zu halten

brauchten, deren wir aus Jesu Christi ganzer Person unerschütterlich

gewiß würden.

Aber er auch da wieder:

Ja, es muß schön sein, wers glauben, ganz gewiß glauben kann, für Leben

und Sterben schön. Aber wers nicht glaubt, ist doch auch nicht gerade

ein Sünder. Es ist ja alles gleich, ebenso wie im Grunde auch die

Katholiken, die Juden und Türken nichts andres glauben. Und davon ließ

er sich nicht abbringen.

Ein andermal, eines Abends in einer ganz kleinen aber gemütlichen

Kneipe, erzählte er mir folgende für seine innere Verfassung unendlich

bezeichnende Geschichte mit vollstem, bitterstem Ernste:

Weißt du, wie unser Kind gestorben war, kam gleich der Diakonus zu uns

und wollte uns trösten. Wir sollten vor allem Gott um Kraft und Trost

bitten, meinte er. „Das haben wir auch während der ganzen Krankheit

gethan, und es hat doch nichts geholfen; sie ist doch gestorben,“

antwortete meine Frau. Und weißt du, was er darauf sagte? „Sie

haben aber doch gebetet: Vater +dein+, nicht +mein+ Wille

geschehe!“ +Siehst du, die Leute haben doch immer eine Ausrede!+

Dann traf ich ihn, es war gleich in den ersten Tagen meiner Fabrikzeit,

und wir machten eben eine schmierig gewordene große Hobelmaschine rein,

wieder einmal in eifrigem Gespräch mit vier andern, alle von seiner

Natur, wie er im Zweifeln und Kämpfen. Ich hatte erst nicht auf ihr

Gerede geachtet und kniete am Boden, um Hobelspäne zusammenzulesen. Da

sagte plötzlich ganz laut und ganz energisch der eine:

Nein, nein, ich lasse es mir nicht nehmen, ein höheres Wesen giebt es.

Es war jener einzige in der ganzen Fabrik, der ein überzeugtes

Christentum noch offen und ehrlich bekannte, der mir dann, ein moderner

Märtyrer, sagte, daß er darum von allen in den ersten Jahren seiner

Anwesenheit in der Fabrik viel verspottet worden wäre und viel zu

leiden gehabt hätte, den man aber jetzt als unverbesserlich aufgegeben

hatte und ruhig, ohne unfreundlich gegen ihn zu sein, seine Wege gehn

und seines Glaubens leben ließ.

Als ich ihn jenes Nein, nein sagen hörte, sah ich natürlich überrascht

vom Boden auf. Und sofort bemerkten sie mein Erstaunen, und nun

erklärte ein dritter:

Die beiden haben oft solchen Diskur (d. i. Gespräch) mit einander. Und

ich höre auch ganz gern zu. Ich habe auch ein Kind verloren und mache

mir so meine Gedanken. Ist der Glaube wirklich bloß eine Einbildung,

wie die meisten andern sagen? Oder ist das nicht bloß Profession von

den Geistlichen, wenn sie so predigen und reden? Warum thut Gott heute

keine Wunder mehr? Warum läßt er so viel Unglück in der Welt zu? Warum

geht es so vielen Guten schlecht?...

Ja, und wenn es mir schlecht geht -- nun, da haue ich eben alles hin,

fügte wieder einer hinzu. Der fünfte aber rief dazwischen hinein:

Wollt ihr noch nicht bald mit dem Zeuge aufhören!

Aber der „Bekenner,“ der den andern so gut und so schlecht, als

seinem selbst unklaren und natürlich ganz nach der alten Schablone

zugeschnittenen Glauben möglich war, Antwort zu geben versuchte und in

diesem Falle die andern auf seiner Seite und sich also einmal als der

stärkere, überlegenere wußte, brachte ihn schnell zum Schweigen:

Sei du nur stille. Du bist freilich ein halber Teufel, gerade wie ein

Stück Vieh, das sein bißchen Fressen hineinschüttet und schläft und

damit zufrieden ist.

Aber so schlimm war es nun wirklich nicht. Auch er war vielmehr ein

Typus, für eine andre freilich kleine Gruppe ehemaliger Landarbeiter,

die auch jetzt noch in den nahen Dörfern ihren Wohnsitz hatten. Er

erklärte mir später, zwar was die Pastoren redeten, wäre meistenteils

Quatsch, aber er ginge doch auch in die Kirche, ja sogar ein „hübsch

paarmal.“ Bloß die letzte Zeit hätte er lange ausgesetzt, weil

er keinen ordentlichen Anzug hätte. Hier zeigt sich ein andrer

katholischer Zug des bisherigen kirchlichen Lebens, der sich namentlich

auf dem Lande findet: daß man in die Kirche geht, ohne eine innere

Anteilnahme dazu für nötig zu finden. Der bloße Gang, diese schuldige

Visite bei dem lieben Gott, ist ein gutes Werk und genügt. Das übrige

besorgt schon dieser liebe Gott und diese Kirche durch den Pastor, der

dazu angestellt und bezahlt ist, heilig und fromm zu sein.

Sonst war natürlich der Kirchenbesuch von Leuten aus der Fabrik

minimal. Der echte Sozialdemokrat, das heißt, der es wirklich war oder

doch als solcher gelten wollte, ging selbstverständlich niemals in eine

Kirche; aber formell aus ihr ausgetreten waren doch auch wieder nur

wenige. Jener Monteur, der über Luther so absprechend geurteilt hatte,

war wohl der einzige, wenn ich mich recht entsinne. Er machte sich mir

gegenüber wenigstens über die Schwächlichkeit und die Kraftlosigkeit

der Kirchgemeinden lustig. Die wären so ohne Leben, daß der Pfaffe

dem, der öffentlich austräte, noch wegen seiner Überzeugungstreue ein

Kompliment machte. Die andern, die drin blieben, hätten überhaupt gar

keine Überzeugung mehr und wären die Gleichgiltigkeit selbst. Hatte er

da wirklich so unrecht? Zeugt nicht das wieder für das, was uns fehlt,

was wir haben müssen: lebendige kraftvolle christliche Gemeinden?

Aber auch von jenen armen Zweiflern, Abhängigen, Halben, die noch

haltlos und hilflos, zweifelnd und seufzend, willenlos zwischen den

beiden Weltanschauungen hin und her geworfen wurden, bei denen also

noch am meisten Sehnsucht nach religiöser Aufklärung und Befriedigung

vorhanden war, gingen nur wenige und ganz selten einmal in die Kirche,

dagegen um so öfter auf den Kirchhof, an ihre Gräber, um hier zu

trauern und zu zagen. Jener vielerwähnte Handarbeiter zum Beispiel

hatte, wie er mir sagte, die Kirche seit fünf Jahren nur einmal

betreten, während er früher in seiner Heimat Sonntag für Sonntag

hineingegangen sei. Aber das war nun alles vergessen, und nun besann

man sich des Sonntags gar nicht mehr auf sie. Das ganze heutige

sonntägliche soziale Leben der Bewohner einer Fabrikarbeitervorstadt

ist eben gar nicht mehr darauf zugeschnitten, auch wenn man, wie in

Sachsen schon lange fast durchgängig, wirkliche Ruhe von der Arbeit,

sogenannte Sonntagsruhe hatte. Das trat aus eines andern Äußerung

besonders deutlich hervor.

Er war ebenfalls vom Lande, oder besser aus dem „Gebärg,“ in eine der

Vorstädte und unsre Fabrik hereingekommen. Er war ebenfalls einer der

wenigen, die über ihren Pastor nicht direkt schnauzten, wenn er ihn

auch nicht gerade als einen besondern Liebling verehrte. Er sagte in

aller Ruhe:

Früher, in unserm Dorfe, gingen wir immer in die Kirche. Da war es eine

Schande, wer es nicht that. Aber seit ich hierher gezogen bin, komme

ich fast nie mehr hinein. +Hier ist es nicht Mode, und da spielen wir

sonntags vormittags lieber einen tüchtigen Skat.+

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 17 / 21 段