Etwa vierzehn Tage später hatten wir einmal nicht viel zu thun. So

stand ich müßig bei einem an der Drehbank, einem stillen Manne, der mir

sympathisch war. Vor einer halben Stunde erst hatte man einen meiner

nähern Kollegen, jenen Handarbeiter nach Hause geschafft, von dem ich

schon an einer früheren Stelle ausführlich erzählte, daß ihm eine

eiserne Schiene von etwa zwanzig Pfund auf den Fuß gestürzt war. Der

Dreher und ich sprachen von dem Falle. Ich sagte ihm, daß der Verletzte

mir noch heute morgen freudestrahlend erzählt hätte, welches Glück

er gestern gehabt hätte. Eine große, viele Zentner schwere und etwa

sechs Centimeter starke Eisenplatte für eine Parketthobelmaschine, die

schon einem unsrer Transporteure eine Zehe gekostet hatte, wäre beim

Aufheben wieder zurückgefallen und hätte ihm bei einem Haar beide Beine

zerquetscht.

Nun hat es ihn heute doch noch getroffen, wenn auch viel gelinder, fuhr

ich fort. Ist das nun Zufall oder Fügung?

Das sind Dinge, hinter die man nicht sehen kann, erwiderte mein Dreher.

Für einen Christen giebts aber keinen Zufall.

Was ist Christentum? -- Nichts. Was der liebe Gott? -- Den hat noch

niemand gesehen. Und Gottes Sohn? -- Dann sind wir alle Gottes Kinder.

Gewiß, sagte ich, sind wir das, wenn wir Jesus nachleben, Gottes Willen

thun, an ihn von ganzem Herzen glauben und täglich darum bitten. Aufs

Beten kommt besonders viel an.

Aber er lächelte nur und sagte:

Dann die Bibel. Freilich steht viel Wahres drin. Aber auch viel

Falsches. Sie ist auch nicht für uns gemacht, sondern für die Großen...

Also wieder diese furchtbare Anklage!... Dann redeten wir von den

Pastoren.

Ach ja, sagte er, es giebt ja ganz gute und tüchtige Menschen unter den

Geistlichen -- im übrigen aber leben sie vom Christentum und befinden

sich wohl dabei. Wo ist heute einer, der so handelte wie Christus? der

so viele Entbehrungen und Verfolgungen ertrüge?

Und wenn nun ein Geistlicher, wie Christus, zu uns Fabrikarbeitern

käme, würde er etwas ausrichten? fragte ich.

Nicht viel. Es ist zu spät. Nachdem Christus selbst die Not nicht hat

aus der Welt schaffen können, vermag es das Christentum heute erst

recht nicht mehr.

Die Not wegschaffen will es gar nicht, wollte auch Christus nicht,

sondern nur den Menschen innern Frieden und heilige Kraft geben, diese

äußere Not zu tragen und zu überwinden.

Kraft, Frieden? Das geben andre Dinge viel mehr.

Nein, wenn das Christentum dies nicht geben könnte, dann kann es uns

nichts geben.

Dazu schweigt er still, und auch dies Gespräch hat ein Ende.

Einmal gegen Ausgang meines Aufenthalts in der Fabrik fragte ich einen

direkt, was er von Religion und Christentum hielte. Ich wußte, er war

eifriger Sozialdemokrat, aber die Gutmütigkeit und Höflichkeit selbst,

ein richtiger Sachse. Er hatte früher im Hause eines Rechtsanwalts

gewohnt und dort manches geflickt und ausgebessert. Zum Dank dafür

hatte ihm dieser außer seinem pflichtmäßigen Lohn manche Bücher zu

lesen gegeben, geographische, naturwissenschaftliche, geschichtliche.

Ihre Titel konnte er mir nicht mehr genau angeben. Auf meine offne

Frage antwortete der Mann nun gleich offen, ehrlich und kurz: Ich rede

wenig von den Sachen und streite mich nie darum. Ich lasse jedem seine

Ansicht. Aber ich habe auch meine eigne, und ich denke: Wo man nichts

erkennen kann, da ist auch nichts. Damit basta.

Er war liebenswürdiger als ein andrer Gesinnungsgenosse von ihm aus

unserm Vorort, übrigens seines Zeichens ein Fabrikwirker, aber mit

leidlichem Verdienst. Ich hatte ihn eines Abends im schon erwähnten

Turnverein unsers Ortes getroffen. Der Mann war, was man ein

„Turngenie“ zu nennen pflegt, mit tadellosem Körperbau und gleicher

Muskelbildung, ein schöner, kraftvoller Mann. Ich ging mit ihm am

Schlusse der Turnstunde in eine nahe einfache, von uns gern besuchte

Kneipe und trank ein Glas Bier mit ihm. Er war auch ein kluger Mensch,

fanatischer Anhänger der Kaltwasserheilmethode und der Sozialdemokratie

und ein Führer unter der zahlreichen Weberbevölkerung von Chemnitz,

die unter wirklichen Notständen seufzte, ohne anscheinend allzuviel

Rücksicht bei den Unternehmern zu finden. Er erzählte mir manches

aus den Lohnkämpfen, die sie geführt, und in denen er mit in den

vordersten Reihen gestanden hätte, ernst, objektiv, mit der epischen

Ruhe, die so vielen Leuten im Volke eigen ist. Dann lenkte ich ihn

auch auf die religiöse Frage und drängte ihn zu einem Urteil. Es war

kurz, bündig und konsequent sozialdemokratisch: Die Kirche ist bloße

Verdummungsanstalt und wohlberechnetes Staatsinstitut; aber man soll

sie trotzdem nicht beseitigen, sondern nur umwandeln, aber durch und

durch. Man soll es dahin bringen, daß sie die Naturwissenschaften dem

Volke lehrt und predigt.

Alle bisher Geschilderten gehörten jener zielbewußten, begeisterten,

gedankenkräftigen, edeldenkenden, wirklich wahrheitsdurstigen Gruppe

meiner sozialdemokratischen Arbeitsgenossen an. Bei aller Ablehnung

gegen die Religion, bei aller Geringschätzung der Kirche waren sie

gemäßigt in ihrem Urteil, anständig in ihren Äußerungen und mehr oder

weniger bemüht, die Stellung derer, die noch glaubten, mehr oder

weniger zu würdigen, zu verstehen, zu erklären. Aber es gab eine viel

größere Gruppe gleich stark geprägter Sozialdemokraten, die, roher

als jene, in der That nur noch Hohn und Spott und Blasphemie für die

Heiligtümer unsers Glaubens hatten. Auch bei ihnen war das Stichwort:

„Natur ist Gott, Gott ist die Natur.“ Aber sie variierten es gern,

manchmal in der unzüchtigsten Form. So saßen solche Kumpane einmal in

einer Kneipe zusammen; man kam auch auf solche Dinge zu sprechen und

erklärte sie kurzer Hand für Blödsinn, und einer rief aus: „Ach was,

unser Gott ist ein strammes Weib.“ Ein lautes Gelächter über den Witz

schnitt dann die ganze flüchtige Debatte schnell ab. Andre ähnliche

schlimme Dinge, die ich bei andern Gelegenheiten hörte, mag ich nicht

hierher setzen.

Vorzüglich war es die Jugend, die vielfach solche Gesinnungen hatte.

Hier war von Ernst, von einem Bemühen, auch nur einmal objektiv zu

prüfen, am allerwenigsten die Rede. Man war selbstverständlich meist

längst über solche Dinge hinweg. Dem einen, einem Thüringer, galt

Christentum gleich Antisemitismus, den er als ebenso unnobel wie

unberechtigt haßte, und den er, übrigens mit einigem Recht, für das

Gegenteil vom Christentum erklärte. Man ginge in die Kirche, machte

fromme Gesichter, und im übrigen lebte man doch draußen keinen Deut

besser als die andern, Gleichgiltigen, die viel ehrlicher als jene

handelten. Ich konnte ihm nur erwidern, was ich dem ersten gesagt

hatte. Er war auch still davon aber von jener Gleichung: Christentum

= Antisemitismus ließ er sich partout nicht abbringen. Übrigens war

es schwer, mit ihm darüber überhaupt länger zu reden. Er hielt das

offenbar, wie viele, die mir das geradezu ins Gesicht sagten, nicht

mehr der Rede wert. Denn „Religion -- det wohnt nich mehr unter den

Arbeitern,“ sagte in gleicher Haltung und Meinung einmal ein andrer

junger Bursche, aus Berlins Umgebung gebürtig. Er war mir zu Anfang

meines Fabriklebens besonders hochmütig gekommen, als ich ihn meine

christliche Gesinnung merken ließ; später verkehrte ich viel und gern

mit ihm; er war trotz mancher Berliner Manieren ein kleiner kluger,

schneidiger, strebsamer Kerl, der es eben nicht besser wußte und

allmählich, der einzige von allen, wirklich durch meinen übrigens von

allem Bekehrungsstreben freien Verkehr zu andrer, tieferer, ernsterer

Gesinnung über Religion und Christentum, aber wohl kaum zu wirklicher

Frömmigkeit gelangte. Ich traf ihn gleich an einem meiner ersten

Sonntage nachmittags und ging dann mit ihm spazieren. Unterwegs fragte

er mich gelegentlich, was ich am Vormittag gemacht hätte. „Ich war in

der Kirche,“ antwortete ich. „Dummer Mensch,“ war seine Entgegnung.

Ich fragte ihn freundlich, wie er dazu käme, so zu reden, und sagte

ihm einiges von der Vernünftigkeit meiner religiösen Überzeugungen,

und kurz bevor ich für immer von Chemnitz fortging, sagte er mir eines

Sonnabends ganz freiwillig, er wollte mit mir morgen in die Kirche

gehn, wo es ihm dann auch ganz gut gefiel. Schließlich machte er mir

noch eine Liebeserklärung: er wünschte, er könnte immer in solcher

Gesellschaft wie der meinen sein, da würde man ein ganz andrer Mensch.

Er war übrigens schon in der besten Gesellschaft von allen. Er bewohnte

mit einem Gleichaltrigen, Zwanzigjährigen eine hübsche Stube. Diesen,

einen Pommern, hatte er, wenn ich mich recht erinnere, in Berlin kennen

gelernt und war mit ihm zusammen nach Chemnitz gewandert. Das war ein

stiller, harmloser Mensch aus einer allerdings armen Handwerkerfamilie,

einer von den wenigen, die noch Christentum im Leibe hatten, an

dem sie nicht rütteln ließen, und von dem alle Gegeneinflüsse wie

selbstverständlich wirkungslos abglitten. Der übte einen stummen, aber

guten Einfluß auf den Stubengenossen aus.

Eben dieser stille Junge, ebenfalls Schlosser, stand in der Fabrik

zwischen zwei gleichaltrigen Handwerkskollegen. Von des einen

religiöser Gesinnung weiß ich nicht viel. Er war aus der Gegend von

Wurzen bei Leipzig, wo sein Vater in einem ganz kleinen Landstädtchen

eine große, gut gehende Schlosserei hatte, und wohin er zurückkehren

sollte, wenn er sich in der Welt und den Fabriken umgesehen und sich

-- ausgetobt hätte. Er zeigte mir einmal eine Flasche mit hellem

Trinkwasser lächelnd mit der witzig sein sollenden Bemerkung: „Reines

Gotteswort.“ Der andre Nachbar war Typus für den durchschnittlichen

jungen Fabrikschlosser und machte tüchtig lebenschön. Ich traf ihn

+immer+ des Sonntags auf den Tanzböden mit seinem Mädchen; er

wußte, daß er leidlich situierte Eltern hatte. An ihm besonders

hatte die glaubenslose Agitation der Sozialdemokratie ihre normale,

oben geschilderte Wirkung gethan. Er war nämlich Gevatter eines

verheirateten jungen Freundes. Eines Tages war sein Patenkind

gestorben, drei Tage nachher, nachmittags 3 Uhr, das Begräbnis. Am

andern Tage war er müde und übernächtig. Auf meine Frage darnach

erzählte er mir in einem Zuge, daß der Pastor am Grabe schön gesprochen

hätte, und daß sie danach den Nachmittag und die Nacht bis morgens

4 Uhr gekneipt und gezecht hätten. Man hätte ja doch einmal freien

Nachmittag gehabt. Der Vater des toten Kindes wäre allerdings schon um

10 Uhr aus der Kneipe nach Hause gegangen.

Ein andrer war sein getreues Ebenbild an Alter, Beruf und Gesinnung.

Er glaubte an ein „höheres Wesen,“ von dem er sich aber nicht die

geringste Vorstellung machte, und das ihn völlig gleichgiltig ließ. Er

„glaubte“ bloß noch daran, weil das so zum Menschen gehöre. Etwas müßte

ihn doch vom Tiere unterscheiden.

Das sind einige Schlaglichter auf die Gesinnung und religiöse

Verfassung unsrer jungen erwachsenen Leute; auch sie bewähren schon das

frühere Urteil über sie. Ich kehre nun zur Charakteristik der reifern,

zielbewußten sozialdemokratischen Männer zurück.

Es war eines Vormittags; ich bohrte seit einigen Tagen krampfhaft

mit der Handbohrmaschine in eine hohe starke eiserne Wand eines

Rundsägegatters Löcher, die ich mir mit Kreide vorgezeichnet hatte.

Da trat ein Monteur, der in der Nähe arbeitete, der älteste von allen

neun Monteuren, an mich heran; ein zweiter, von dem ich noch manches

erzählen werde, ein Handarbeiter kam dazu; dann noch ein dritter,

den ich ebenfalls schon mehrmals erwähnt habe. Der letztere war ein

konsequenter Sozialdemokrat, konsequenter und von der Partei in seinem

Denken bewußter abhängig als jene zwei andern. Wir kamen mit einander

in ein langes Gespräch.

Man löschte mir, während ich einmal wegsah, im Scherze die Kreidekreise

weg, die ich mir auf meine Eisenwand aufgezeichnet hatte. Als ich es

bemerkte, nahm ich den Scherz auf und sagte: „Zerstört mir meine Zirkel

nicht!“ Was meinst du damit? sagte da der eine. Ich fragte, ob sie die

Geschichte von Archimedes und der Zerstörung von Syrakus kennten. Sie

verneinten, und ich erzählte sie ihnen und erklärte ihnen mein obiges

Zitat.

Darauf fragte einer, ob das auch um die Zeit des trojanischen Krieges

herum passiert wäre. Den trojanischen Krieg kennte er genau, hätte

ihn gelesen. Und er schilderte ganz richtig und gut den Verlauf der

homerischen Geschichte. Ich glaube, er hatte das Reklamheft, das Homers

Ilias enthält, in der Hand gehabt.

Dann sprang das Gespräch auf Ägypten über, auf die Pharaonen, von denen

ebenfalls alle wußten. Wir redeten von den Pyramiden, die sie vor allem

um der Menschen willen lebhaft beschäftigten, die einst mühsam, mit

unsäglichen Strapazen ihre Steine aufeinander getürmt hatten.

H: Das waren die Lasttiere, die Sklaven vor 4000 Jahren; wir

Fabrikarbeiter von heute sind die Sklaven und Lasttiere der Gegenwart.

Das ist zu viel behauptet, erwiderte ich und wies z. B. auf die viel

bessere allgemeine Bildung hin, die heute alle besitzen.

Das bestritt H:

Die Leute waren damals nicht ungebildeter und unklüger, als sie heute

im Durchschnitt sind.

Nein, früher waren sie noch viel klüger als jetzt, mischte sich halb

ironisch halb ernsthaft der andre, S. mit Namen, ein. Früher konnte man

sogar Wasser in Wein verwandeln. Er sagte das unsicher, und ich konnte

nicht erkennen, wie er selbst darüber dachte.

Mein Monteur lachte laut auf, als er das hörte, und H. lächelte auch

überlegen dazu.

So fuhr S. fort: Ja freilich, das ist Glauben, aber....

Aber der Monteur schnitt ihm kurzer Hand das Wort ab: Ach was, unser

Glaube ist, daß zehn Pfund Rindfleisch eine gute Brühe geben.

Und jener wagte keine Entgegnung mehr. Dann redeten wir weiter und

kamen wieder auf wirtschaftliche Dinge, wobei ich einmal das Schlagwort

„Soziale Frage“ in den Mund nahm. Sofort stach das H. auf und meinte

überlegen, ich wüßte doch nicht, was die soziale Frage sei.

Das kommt noch darauf an, antwortete ich. Das ist in der That auch

nicht so leicht zu sagen. Darüber kann man Stunden, Tage, Wochen lang

reden. Aber jedenfalls ist sie ein Ungeheuer von vielen Fragen und mit

zwei Seiten, der materiellen und der geistigen Seite, genau wie der

Mensch aus Körper und Geist besteht.

Aber der Monteur und H. lachten laut auf:

Geist? Geist giebts nicht. Es giebt nur ein Gehirn, ein Nervensystem,

das funktioniert, wie die Maschine. Diese Funktion, das, was dabei

herauskommt, nennt man heutzutage Geist.

Wer hat euch das bewiesen? fragte ich. Das ist doch höchstens nur eine

Annahme, eine Behauptung, also nichts andres als meine freilich andre

Meinung auch. Übrigens habe ich auch Gründe für die meine. Nehmt z. B.

eine Trompete und blast hinein, dann giebt sie einen Ton. Aber der

Ton ist etwas durchaus andres als die Trompete; so ists, so kann es

wenigstens mit dem Gehirn und Geist auch sein. Jenes ist das Organ,

dieser sein Inhalt.

Darauf stutzte H. eine kurze Zeit. Aber dann lächelte er abermals

überlegen und sagte -- wie unendlich bezeichnend für die Richtigkeit

meiner Darlegungen an der Spitze dieses Kapitels! --:

Ich sehe schon, Sie hängen noch ganz an Orthodoxie und Bibel. Die ganze

heutige Wissenschaft ist dagegen.

Ja und nein, gebe ich zurück. Übrigens ist das weder eine Schande noch

ein Unglück, sondern das Gegenteil von beiden, wenn einem die Bibel

noch was wert ist.

Man lacht Sie bloß aus damit. Wenn Sie zu einem Gebildeten dasselbe

sagen wie zu mir, so wird er Sie bloß fragen, was Sie sind; und wenn

er hört: bloß Arbeiter, so wird er Sie einfach auslachen und sich Ihre

Dummheit erklären.

Hier mischt sich ein vierter ins Gespräch, der inzwischen mit einem

Bohrer zusammen ebenfalls hinzugekommen war, ein Handarbeiter, von

dessen innerer religiöser Verfassung ich noch weiter unten viel

erzählen muß. Er war ebenso voll von Hoffnungslosigkeit und Mißtrauen

gegen den Glauben, wie von Sehnsucht nach ihm. Er erzählte:

Gestern packten wir einen von den eisernen Särgen ein, den die Fabrik

von dem kleinen noch vorhandenen Lager einmal wieder nach langer Pause

verkauft hatte. Wir waren drei Mann beim Einpacken und gerieten dabei

in Streit, ob es ein ewiges Leben gäbe. Die beiden andern meinten

entschieden nein; auch der Meister, der hinzu kam und sich hinein

mischte, sagte, daß sie recht hätten: der Mensch wäre einfach wie eine

brennende Cigarre; sie verglüht, und der Rest ist Asche. Haben die nun

recht oder nicht? Giebts ein Wiedersehen oder nicht?

Ja wohl, in Buxtehude, lachte abermals der Monteur.

Aber warum lehren das dann die Geistlichen?

Damit die Menschen hübsch arm und dumm und hübsch zufrieden bleiben,

belehrt ihn der, der vorhin das Jesuswunder zu Kana erwähnt hatte; und

der Monteur fügte bestätigend hinzu:

Der Mensch ist ein Raubtier, ja schlimmer als das. Das Raubtier will

nur satt werden, der Mensch will mehr. Gäbs nicht das bißchen Religion

in der Welt, so müßten wir jeden Morgen so und so viele Leichen

beiseite schaffen.

Das war die weitverbreitete Meinung in der Fabrik: +die längst

überholte, innerlich unwahre, in ihrem Leben tote Kirche ist heute

nichts als ein sehr erwünschtes und kräftiges Polizeiinstitut des

bestehenden Staates, der es eifrig und künstlich aufrecht erhält+.

Endlich kamen wir am Schlusse unsers langen Gesprächs auch auf Darwin

und die Lehre von der Abstammung des Menschen von den Affen. Der

Handarbeiter und Monteur sind für sie, S. dagegen, H. sagt gar nichts

dazu. S. meinte, das wäre unmöglich; denn wir hätten den Verstand, der

uns durchaus von den Tieren, auch den Affen schiede.

Das ist ja richtig, entgegnete der Handarbeiter; aber trotzdem glaube

ich daran. Was bleibt auch andres übrig? Denn das kann ich auf keinen

Fall glauben, wie es in der Bibel steht, daß der Mensch aus Lehm

gemacht ist.

Als wir dann auseinander gingen, blieb der Handarbeiter an meiner Seite

und kam wieder auf das Sterben und das ewige Leben zurück, wie noch

viele male, wenn wir beisammen waren. Er hatte vor einiger Zeit ein

halberwachsenes Mädchen verloren. Nun quälte ihn die Sehnsucht nach

ihr, sie wieder zu sehen. Er wollte immer wieder hören, was ich darüber

dächte und glaubte. Und immer wieder, so oft ich ihm mein Innerstes

ausgeschüttet, mein Bestes gegeben hatte, schüttelte er den Kopf und

seufzte:

Ach wenn wir nur glauben könnten. Aber Gewißheit müßten wir haben, ganz

feste Gewißheit.

Auch dieser Ärmste hatte kein Verständnis mehr für eine Gewißheit, die

nicht auf Augenschein und Tastgefühl, Gehör und Geschmack beruht.

Ein andermal hatte mich ein Schlosser zu einem ältern Dreher geschickt,

von ihm etwas zu holen.

Die Arbeit ist noch nicht fertig, wird es morgen erst, wenn mich nicht

derweile der Teufel holt -- war die barsche Antwort auf meine Anfrage.

Teufel giebts nicht, meinte sein Nachbar dazwischen.

Aber Sünde, setzte ich dazu.

Unsinn; das widerspricht sich, fuhr mich der erstere an. Wenn es keinen

Teufel giebt, giebts auch keine Sünde. Übrigens, glauben Sie denn auch

noch an das Zeug, das einem in der Schule weis gemacht wird?

Man hat eben, das ist ein neues scharfes Charakteristikum, durchgängig

nicht das geringste Bewußtsein mehr von Schuld und Sünde. Auch

diejenigen nicht, die religiös noch schwanken und ringen und eben

mitten in jener Bildungskrisis stehn. Ein andrer kleiner Zug aus einem

Gespräche mit einem ältlichen, ernst gesinnten Manne beweist das noch.

Dieser hatte mir erzählt, daß er irgend einen kleinen Gegenstand,

Schrauben oder sonst, ich weiß nicht mehr, was mit aus der Fabrik nach

Hause genommen hätte.

Das ist ja aber verboten, also Sünde, warf ich ein, um das Gespräch

darauf zu bringen.

Nein, das ist keine Sünde. Sünde thut man in so einem großen Geschäft

wie hier nie. Die Besitzer versündigen sich auch an uns. Ach, wir armen

Leute!

Sonst habe ich eigentlich nur selten bemerkt, daß die Leute heimlich

kleine Utensilien aus der Fabrik mit nach Hause in die Wirtschaft

nahmen. Öfter beobachtete ich, daß sie sich in der Fabrik selbst ein

Thürband, ein Schloß oder sonst was bauten.

Ganz gleiche Äußerungen, wie die zuletzt angeführte, fand ich

auch schon in der Herberge. So bei einem, der mir eben seine

Lebensgeschichte erzählt hatte. Er war früher einmal gut situiert

gewesen, jetzt war er stellenlos, wohnungslos, Tagearbeiter. Seine Frau

hatte er verlassen; seine drei Kinder waren erwachsen und kümmerten

sich nicht um ihn, wie er sich nicht um sie. Der Branntwein war auch

sein Unglück; noch kurz vorher hatte er in der Betrunkenheit in Dresden

seinen ganzen Berliner „mit einem guten Anzuge und guter Wäsche“

verloren.

Ich bin zu ehrlich gewesen, deswegen bin ich heruntergekommen,

beteuerte er. Ich habe keinen Betrug machen wollen wie die Reichen,

deren Schliche ich gar gut kenne, die betrügen und in Ansehen stehn.

Das ist aber doch nicht immer so. Und wenn es der Fall ist, so ist es

eben eine Sünde und Schande, beschwichtigte ich.

Schande? fragte er da. Was ist Sünde und Schande? Frage mal die fetten

Herren, ob die sie auch kennen.

Nun eine neue, interessantere Szene, wieder aus der Fabrik. Ich

arbeitete mit einem Bohrer und demselben S. zusammen, der auch bei

jenem langen Gespräche, das ich vorhin berichtete, dabei gewesen war.

Ich weiß nicht mehr wie, jedenfalls aber ohne mein Zuthun, kam das

Gespräch auf Gott. Der Bohrer, einer der stärksten Verdiener in der

Fabrik, ein breiter, untersetzter, ruhiger Mann von 40 bis 45 Jahren,

meinte, der liebe Gott müßte erst erfunden werden.

Oder vielmehr nein, fuhr er fort, es giebt ihn doch schon; ich habe

einen Bekannten in X., den nennen sie „Lieber Gott.“

S. ist diesmal offner und geht mit der Sprache heraus. Er widerspricht

dem Bohrer:

An ein höheres Wesen glaube ich. Ich habe auch viele Erbauungsbücher

und die ganze Bibel mit meinen Eltern gelesen. Jetzt thue ich es nicht

mehr; denn die Bibel paßt nicht mehr für unsre Zeit zum Lesen. Aber

beten thue ich noch täglich das Vaterunser, früh und abends, und wenn

ich die Arbeit antrete. Aber ich thue das nur so aus Gewohnheit, seit

meiner Kindheit her, wo es die Eltern mir eingelernt haben. Ich weiß,

daß es nichts nützt.

Dann sind wir auf einmal bei Luther.

Der hat viel Unheil angerichtet, sagt S., und die Geistlichkeit erst so

mächtig gemacht, wie sie heute ist.

Wie ich nun Luther gegen diese Angriffe verteidige, gehen zwei andre,

wieder ein etwa dreißigjähriger Monteur und ein Dreher, beide stramme

Sozialdemokraten, vorüber, hören zufällig, was ich rede, und bleiben

stehn. Der Monteur unterbricht mich bald:

Luther hat ja viele gute Seiten gehabt, aber auch viele schlechte. Ich

weiß das ganz genau; ich habe ein Buch über ihn gelesen.

Welches?

Das Pfaffentum seit dem zwölften Jahrhundert.

Na, da weiß ich schon genug. Das ist ein schönes Schund- und Lügenbuch.

Das kann nicht sein, ist die aufrichtig ernste Antwort. Es muß

alles wahr sein, was drin steht. +Sonst hätten sie es ja längst

verboten.+

Der Mann dachte offenbar an das Sozialistengesetz, das alle

sozialdemokratischen Schriften, die auf Entstellung beruhten,

unterdrückte. Man sieht, das Sozialistengesetz zeitigt die

vielseitigsten Früchte.

Der Monteur kommt dann auf Luther zurück und sein Verhalten in den

Bauernkriegen:

Erst hetzte er die Bauern auf, nachher schnauzte er über sie. Und

wie hat er den Fürsten geholfen, wie sie unterstützt, wie ihnen

geschmeichelt und sich vor ihnen gedemütigt! +Und das ist auch sein

Werk, daß er erst die Kirche so fest und stark gemacht hat, daß wir sie

nun nie wieder los werden.+

Auch der Dreher giebt seine Meinung ab:

Ja, das muß man Luther lassen, ein gescheiter Mensch war er. Aber das

fiel nur deshalb so auf, weil damals das ganze Volk so verdummt war.

Jetzt wäre Luther nichts besondres mehr. Jetzt machen wirs +alle+

so wie er mit der Kirche und dem religiösen Humbug. Ich wenigstens

kümmere mich nicht mehr um das Zeug und gehe um jede Kirche weit herum.

Auch von Christus ist im weitern Verlaufe die Rede.

Er war der erste Sozialist und ist für seine Ansichten gestorben, ist

die einstimmige Ansicht.

Aber Jesus hat sich doch ausdrücklich nicht um die privaten

Verhältnisse, um das Vermögen der Leute und die Welthändel gekümmert,

wagte ich einzuwenden. Er hat zunächst die Menschen nur fromm und gut

machen wollen.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 16 / 21 段