Aber freilich, so stark die Sehnsucht nach Bildung in den Köpfen

steckt, so viele sind der Hemmnisse, die sich ihrer Befriedigung in

den Weg stellen. Das eine hauptsächliche, die allzulange Arbeitszeit,

verbunden mit weiten Fabrikwegen, nannte ich schon; weitere wichtige

sind die kleinen engen Wohnungen mit den vielen Personen in dem

einen Zimmer, dann die Sorgen hier, die Gelegenheiten zum Genuß und

Vergnügen da. Das alles macht, daß bei vielen weniger willensstarken

und idealgerichteten Naturen dieser Drang nach Bildung immer nur

Wunsch und Drang bleibt und selten über gute Absichten und Ansätze

hinauskommt; das bewirkt vor allem auch, daß der größte Teil der Jugend

dieses Bildungsinteresses im Grunde entbehrte. Auch die ehemaligen

Landarbeiter, sahen wir, besaßen es selten aus eigner unmittelbarer

Initiative, und die Angehörigen aus bessern Kreisen nur mehr als

Streben nach Fachbildung. Die Strebemutigen, die Lernbegierigen, die

Vorwärtsringenden waren zumeist Männer der ausgehenden zwanziger und

der dreißiger Jahre aus der letzten, dritten sozialen Schicht.

Die drei Arten von Bildung, die ich bisher schilderte, machen nun in

der Fabrik eine völlige Wandlung durch. Sie werden unter dem Einflusse

der Sozialdemokratie unaufhörlich zerstört und gehen in einer neuen,

der +sozialdemokratischen Bildung+ unter.

Denn die Sozialdemokratie hat sich auch dieser Volksbildungsfrage

bemächtigt. Sie hat den Drang nach Wissen da unten wie niemand

belauscht und hat sich seit zwanzig Jahren daran gemacht, ihn durch

systematische Arbeit im großen zu befriedigen. So hat sie allmählich

eine Volkslitteratur geschaffen, von deren Umfange heute die Kataloge

der sozialdemokratischen Buchhandlungen zeugen, von einem Gehalte,

wie ihn Volksbücher bisher nie zu bieten wagten, oberflächlicher und

leichtfertiger zwar als die bisherigen religiösen und vaterländischen,

aber nicht weniger populär wie diese und neu, modern, zeitgemäß wie

keine von beiden. Sie hat darin unternommen, was jene unterlassen: sie

hat mit kühnem Griffe die moderne Wissenschaft popularisiert. Sie hat

sich dabei nicht gescheut, dem Volke auch trockne Zahlen, langwierige,

nüchterne Demonstrationen, ernste, schwere Kost, Dinge, die es noch

lange nicht verstehen wird, zu bieten. Aber eben das will heute das

Volk; es will in mühsamer Gedankenarbeit mitringen um die Probleme,

die auch ihm heute nahe treten und Kopf und Stirn heiß machen; es will

dasselbe Neue haben wie die andern, die Gebildeten, zu denen es bisher

wunschlos aufgeschaut hat; es will mit ihnen selbständig, souverän

sein auch im Reiche der Gedanken.

Doch die Sozialdemokratie hat nicht edel und ehrlich dabei gehandelt,

als sie diese neue Volkslitteratur schuf. Sie mißbrauchte das

Vertrauen, das das Volk ihr hierin entgegenbrachte. Sie gab ihm nicht

die wahre moderne Wissenschaft, sondern ein Extrakt aus ihr, das ein

Erzeugnis agitatorischer Berechnung war. Sie fälschte und strich von

der neuen Wahrheit, was ihr gutdünkte, sie tauchte alles in die Farbe

der Partei und stellte den so gewonnenen Inhalt ausschließlich in den

Dienst ihrer Interessen. Ist es erklärtermaßen ihr oberstes höchstes

Ziel, die Arbeiter in ihrem Denken, Empfinden und Handeln aus ihren

bisherigen natürlichen Verbindungen mit der übrigen Gesellschaft

herauszulösen, sie in unüberbrückbaren Gegensatz zu dieser, „der

gesamten übrigen, reaktionären Masse“ zu setzen, und ihnen nicht nur

die neuen politischen und sozialen Ansichten der Partei beizubringen,

sondern sie immer fester und fester auch zu einer ganz besondern,

eigenartigen Gesinnung und Lebensanschauung zusammen zu schweißen, so

giebt es in der That kein beßres Mittel, dies zu erreichen, als eine

klug dazu zurechtgemachte und ausgenutzte neue Volkslitteratur. Diese

vermag beides zugleich: den Durst der Leute nach der neuen Bildung

zu stillen und den Rest der alten Bildung schnell und gründlich und

für immer aus ihren Köpfen und Herzen zu reißen. Und da diese alte

Bildung, wie wir wissen, völlig eingetaucht ist in den Geist des

Christentums, wurzelt in dem Boden der Bibel, getränkt ist mit der

Lebens- und Weltanschauung, die diese atmen, in ihr ihren letzten

Halt, ihren Kern, ihre zusammenfassende, verbindende, stützende Kraft

hat, mit einem Wort, da diese christliche Weltanschauung im Grunde die

überlieferte Bildung und Gesinnung selbst ist, und da man wohl sah,

daß alles gewonnen war, wenn sie fiel, so schnitt man die ganze neue

Volkslitteratur, die man schuf, auf den Kampf mit dieser christlichen

Weltanschauung zu, wählte man aus den Resultaten der modernen

Wissenschaft aus, was zu ihr im Gegensatze stand oder doch bequem in

Gegensatz dazu gebracht werden konnte. Der Lehre und dem Glauben von

einer göttlichen Weltordnung, die die Bildung der Leute bisher bestimmt

hatte, setzte man so in dieser neuen Litteratur in hundert großen

und kleinen, guten und schlechten Abhandlungen aus der Religions-

wie Naturkunde, aus der Geschichte und Philosophie, aus der Kunst und

Litteratur die Lehre und den Glauben einer bloß natürlichen Weltordnung

entgegen. Man verarbeitete die Werke eines Darwin, eines Häckel, eines

Büchner; man schlachtete Spinoza und Feuerbach, Schopenhauer und

Hartmann aus; die neuen Forschungen der Astronomie und Geologie, diese

objektiver als andres, wurden verwertet, Strauß und Renan, Bruno Bauer

und moderne katholisch-französische Encyklopädisten wurden benutzt; und

endlich fälschte man -- im Zeitalter der Blüte der Geschichtsforschung!

-- die ganze Weltgeschichte und verkündete sie dem armen Volke

ausschließlich unter dem Gesichtspunkte der materialistischen

Philosophie, der ökonomischen Entwicklungen. +So entstand die jüngste

Volkslitteratur, ein einziger, in seiner Art kühner und großartiger

Versuch, in Verbindung mit der Verbreitung der neuen radikalen

ökonomischen und politischen Lehren der Partei die ganze alte Bildung

und Kultur, Christentum und Bibel aus Herz und Köpfen der Massen und

aus der ganzen Welt hinauszufegen.+ In ihr findet sich kein Platz

mehr für den Glauben an einen lebendigen, persönlichen Gott, der unser

Vater ist, und an ein unsterbliches Leben. Sie erzählt nichts von

Sünde und Schuld, von Gnade, Erlösung und Heiligung; an die Stelle

des ewigen, heiligen Sittengesetzes stellt sie das kalte, starre

Naturgesetz, an Stelle der Liebe das Solidaritätsgefühl, an Stelle des

Ideals der Sittlichkeit die Macht der bloßen Sitte, die da wechselt mit

den ökonomischen Verhältnissen des Volkes.

Und mit Gier stürzte sich nun die Schar der Bildungshungrigen da unten

auf die neue Speise, die man ihnen bot. Das war ja, wie sie wähnten,

das, was sie so lange gesucht und ersehnt, worum sie die „hohen Herrn“

oben so lange und so bitter beneidet hatten, die Wahrheit, das Wissen,

die Bildung. Diese wollten sie wenigstens haben, da sie heute noch

ihr Geld, ihr Wohlsein, ihren Besitz nicht haben konnten; wenigstens

geistig wollten sie ihnen ebenbürtig, nein, ihnen über sein. Und dann

hatten sie ja auch die Verheißung der sozialdemokratischen Führer:

daß unter dem Zeichen dieser neuen Wahrheit und Wissenschaft die Welt

eine andre werden, unter ihrem Leuchten der neue, herrliche, der

sozialistische Zukunftsstaat heraufziehen, und daß die Träger der neuen

Wahrheit auch die Herren der neuen Zeit sein würden. So hing Gegenwart

und Zukunft gerade der ringenden, vorwärtsdrängenden Arbeitergeister an

diesem neuen Schatze; so kannten sie kein Halten mehr; so warfen sie um

den Preis, jene zu besitzen, und diese zu erleben, freiwillig vom alten

Wissen weg nicht nur das Überlebte, Überholte, den hindernden Ballast,

sondern auch die edeln Güter und die wahrhaftigen Lebenskräfte,

alles, alles, wie es die neuen Bücher und Lehren wohlweislich

heischten; so lebten sie sich in die neuen Gedanken hinein, die diese

ihnen mit demselben Anspruch unfehlbarer Richtigkeit und Autorität

entgegenbrachten, wie einst die alten Lehren, die alte Bibel: +so

wurde die neue sozialdemokratische Bildung im Volke geboren, die eine

Halbbildung ist, wie keine zuvor+.

Sie trat sofort ihren Siegeszug unter den Hunderttausenden der

deutschen Arbeiter an. Jene ersten, die ihr gewonnen waren und

anhingen, wurden nach einem Gesetze, das alles Geistesleben

durchdringt, ihre neuen Propheten, ihre begeistertsten Verkündiger.

Sie waren meist kluge, begabte Köpfe, die tüchtigsten von allen

und ehrliche Naturen dazu. Ihre ganze Kraft, alle ihre Fähigkeiten

stellten sie aus innerm Drange in ihren Dienst. Nicht nur in den

Versammlungen der Partei, sondern auch bei der Arbeit und während

der Pausen in der Fabrik, beim Mittagsmahl und Abendbrot daheim,

auf Spaziergängen und wo immer sie zu zweit und dritt versammelt

waren, diskutierten und gaben sie die Gedanken wieder, die sie aus

einem, zwei, fünf, zehn Büchern jener neuen Litteratur gesogen und

bald leidlich verstanden, bald nur halbverdaut und schon halb wieder

vergessen hatten, aber die sie immer wieder aufgefrischt erhielten

durch die Artikel ihrer sozialdemokratischen Blätter. Ich brauche das

alles nicht weiter zu schildern: das ist eben jene ganze freiwillige,

unorganisierte Agitation der neuen sozialdemokratischen Gesinnung,

von der ich am Schlusse des vierten Kapitels geredet habe, die

gewaltigste, schneidigste, überwältigendste Waffe der Partei, die kein

Fabrikherr, keine Polizei verbietet, hinter der die Macht überzeugter

Persönlichkeiten steht.

Die Wirkung dieser Agitation war die gewünschte. Unter ihrem Eindruck

brach die gesamte alte Bildung der Arbeiter aus ihrer Jugendzeit

zusammen, bricht sie noch heute in jedem einzelnen immer wieder

zusammen, der noch mit ihr in eine unter sozialdemokratischem Einfluß

stehende Fabrik eintritt. Da rächen sich mit einemmale die drei großen

Fehler, an denen, wie wir sahen, unsre ganze heutige Volksschulbildung

krankt, jene Abhängigkeit der einzelnen profanen Bildungselemente von

den Gedankenkreisen und dem Bildungsniveau der Schrift, jene falsche

Auffassung von ihrer Autorität, jene vorwiegend verstandesmäßige

Aneignung der Heilswahrheiten des Christentums. Vor den neuen

Bildungsfaktoren können die antiken der Schrift, vor der Autorität der

exakten Wissenschaften, die jene stützt, kann die Autorität der Bibel,

die diese bisher trug und fälschlicherweise gleich ebenso maßgeblich

und unanfechtbar erklärte wie die religiösen Wahrheiten in ihr, nicht

bestehen; vor der Kritik des modernen realistisch geschulten Menschen

fallen die metaphysischen Spekulationen des überlieferten Dogmas, in

das man die Wahrheit des Christentums bisher hauptsächlich setzte,

über den Haufen. Zwar fühlen manche ehrlichen Gesellen instinktiv,

daß an dieser neuen Bildung auch nicht alles Gold ist, was glänzt

und gleißt; daß sie ebenso freudelos und unbefriedigt und unklar

läßt wie das Alte; daß trotz alledem in diesem Alten die letzte

ewige unwandelbare Wahrheit noch ruhen konnte; aber sie vermögen den

entscheidenden Punkt nicht zu finden, an dem dies der Fall ist. Es

fehlen die Menschen, die ihnen dazu verhelfen, ihnen den Weg zeigen,

das Überlebte, Überholte, Vergängliche, das Verstandeswerk, den Irrtum

von dem ewig wahren Kern zu scheiden; niemand kümmert sich um sie in

den Massengemeinden, in denen sie zumeist leben; niemand schmiedet

ihnen die modernen Waffen, gießt ihnen die neuen Gewehre, vermittelt

ihnen die wahren, echten, vollen, widerspruchslosen, ungefälschten

Ergebnisse der jüngsten Wissenschaft, deren Besitz sie allein befähigen

würde, den mächtig anstürmenden Vorkämpfern jener sozialdemokratischen

Halbbildung entgegenzutreten, ihnen den Beweis des Geistes und der

Kraft zu führen, ihnen ihre Thorheit aufzudecken. Dazu teilen alle ohne

Unterschied das tiefe Sehnen nach ökonomischer Besserung, dessen sich

ebenfalls die Sozialdemokratie bemächtigt hat, und dessen glänzendste

Befriedigung sie ja auch wiederum erst mit dem Siege der neuen

Wissenschaft verheißt. Auch das zwingt den noch zögernden vor dieser

„Wissenschaft“ auf die Kniee nieder. Und so fällt, mögen sie wollen

oder nicht, Mann für Mann rettungslos der neuen Gesinnung, der neuen

sozialdemokratischen Weltanschauung anheim, wirft mit dem alten Wissen

den alten Glauben weg, ohne in dem neuen den Ersatz zu finden, den man

ihnen versprochen hat, und den seine begeisterten Propheten zu haben

behaupten, immer wieder suchend, tastend, sehnsüchtig zurückschauend,

ob das Alte sich nicht doch noch verjüngen und als Wahrheit offenbaren

will, und doch immer wieder verzweifelnd unter den vernichtenden

Beweisgründen der klugen, gebildeten Genossen, denen sie nicht stand

halten können. So lebt eine große Mehrzahl ihr armes leeres Leben

hin, ohne Freude, ohne Hoffnung, ohne Hilfe. „Wenn es nur erst wieder

heute um sechs, wenn es nur erst wieder Sonntag wäre!“ -- das war der

ewige, täglich wie oft zu hörende Seufzer. Und wie manchmal fügte

man ähnliches wie das folgende hinzu: „Es ist doch merkwürdig bei

den Arbeitern; die wünschen sich immer weiter hinaus, das Alter auf

den Hals. Das ist doch eigentlich Unsinn. Es bleibt ja immer einen

Tag wie den andern. Morgen früh geht es doch wieder ebenso los. Und

wir müssen noch froh sein, etwas zu verdienen.“ Das ist der Ton der

vollendeten Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung an einem Wert, einem

Inhalt, einem Zweck des Daseins. Einen Schritt weiter -- und er kann

in den Schrei der Wut, der Empörung umschlagen, die alles zerstört,

weil sie nichts für lebenswert findet, die an allem verzweifelt, weil

sie an sich selbst verzweifeln mußte. Dann ist die Entfesselung aller

Leidenschaften, die Revolution des Volkes da. Es ist kein Zweifel:

heute ist dieser letzte eine Schritt noch nicht gethan; heute denkt

das Volk, wir sahen es, noch an keine Empörung und Revolution. Aber

es ist abermals kein Zweifel, daß ihre Gefahr näher ist als das Volk

wohl selbst wähnt. +Und sie wird in dem Augenblick da sein, wo zu

der religiösen Verwahrlosung der Industriearbeitermassen, die heute

im ganzen vollendet ist, die sittliche hinzutritt; wo aus jener die

letzte Konsequenz für diese gezogen wird. Hier also, und nicht in der

politischen und wirtschaftlichen Organisierung der Massen, liegt der

verhängnisvollste Einfluß der sozialdemokratischen Agitation; und hier

in der Vernichtung des überlieferten Christentums hat sie ihren bisher

größten Erfolg gehabt.+ Es ist auch das freilich nicht ihr Verdienst

oder ihre Schuld allein: sie ist auch hier nur die Schnitterin, die

mit raschem, scharfem Schnitt triumphierend die Früchte erntet, die

andre Hände gesät haben. Aber das ändert an dem Jammer nichts, der nun

herrscht, und nichts an der Größe der Gefahr, die nun droht.

Im Folgenden habe ich nunmehr die Wahrheit des bisher Ausgeführten

aus meinen Erlebnissen in der Fabrik zu erhärten. Ich werde in loser

Ordnung Gespräch an Gespräch, Zitat an Zitat, Bild an Bild reihen und

nicht viele Worte dazu machen. Und Gespräche, Zitate und Bilder werden

für sich selber reden.

Eines Tages erhielten zwei Mann unsrer Kolonne den Auftrag,

Riemenscheiben, große fünfzehn bis zwanzig Centimeter breite eiserne

Räder, auf denen die Treibriemen der einzelnen Maschinen laufen, aus

dem Parterre auf die zweite Empore hinaufzuschaffen. Wir luden jeder

ein paar davon auf die Schultern und kletterten hinauf. Da, wo wir sie

aufreihen sollten, saß einsam am Fenster ein Arbeiter in den besten

Jahren. Er hatte unaufhörlich hunderte kleiner stählerner Federn mit

immer demselben Loche zu versehen. Neben ihm lag, unter einer Platte

halb verborgen, die neueste Nummer der „Presse.“ Von seinem hohen

Fenster aus übersah er die ganze Stadt mit ihren hundert rauchenden

Schloten.

Mein Arbeitsgenosse, der stark schnupfte, trat zu ihm und bot ihm eine

Prise. Aus der respektvollen Art, wie er es that, merkte ich, daß der

neue Bekannte einer der geistig bedeutendern Arbeiter in der Fabrik und

ausgesprochener Sozialdemokrat sein mußte. Ich nahm auch ein Prise, und

bald waren wir im Gespräch.

Er fragte, warum ich eigentlich hierher in die Fabrik gekommen wäre.

Ich log ihm schweren Herzens mein Märlein vom arbeitslosen Expedienten

vor.

Was war das für eine theologische Zeitung, die Ihr Pastor da herausgab,

forschte er dann weiter. Etwa wie das Sonntagsblatt „Der Nachbar“?

Nein, gab ich zurück. Das Blatt schreibt für die Gebildeten, die

Studierten, besonders die Nichttheologen unter ihnen. Sein Ziel ist,

in seinen Artikeln den Beweis zu führen, daß zwischen Christentum und

Kultur, zwischen Religion und Wissenschaft durchaus keine Kluft besteht.

Das ist nicht wahr; da kann Ihr Pastor lange machen; so ein Beweis ist

unmöglich.

Das bestreite ich denn doch noch, erwiderte ich.

Die moderne Wissenschaft....

Die moderne Wissenschaft, die auf der Naturforschung ruht, hat sich nur

mit der sichtbaren Welt, mit der weiten sinnlich wahrnehmbaren Natur um

uns her zu befassen; sie kann nur das studieren, was wir hören, sehen,

fühlen, schmecken, riechen, und nur darüber kann sie ein Urteil haben.

Ja, das ist ganz schön und gut und richtig. Aber die Schlüsse daraus.

Nun gut, ziehen wir die Schlüsse daraus!

Und ich versuchte, wie manchmal, ein Experiment zu machen. Man

behauptet noch immer vielfach, Gott lasse sich wissenschaftlich,

verstandesmäßig beweisen. Hier war offenbar einer, der ihn

verstandesmäßig leugnete. Ist jener Satz Wahrheit, so konnte ich mit

dem üblichen Beweise meinen Gegner vielleicht überzeugen. Ich suchte

nun möglichst populär darzulegen, was ich dem Sinne nach im Folgenden

wiedergebe.

Mein Mann kannte Darwin; so knüpfte ich am besten daran an.

Darwin lehrt doch, daß die ganze Welt sich von unten herauf entwickelt

habe?

Ja.

Er sagte, das Erste, was war, war der Urschleim?

Ja.

Aber jede Wirkung muß eine Ursache haben. Der Urschleim also auch?

Ja.

Es muß also eine Kraft vorhanden gewesen sein, die ihn erzeugt

hat und aus ihm wieder das ganze Universum sich hat entwickeln

lassen? Nennen wir diese Kraft einmal Gott. Wir sehen, daß in dem

Entwicklungsprozesse und der dadurch entstandenen Welt bestimmte

Gesetze herrschen. Sie müssen aus dieser Kraft stammen. Wo aber

Gesetzmäßigkeit und Ordnung ist, muß Vernunft, Geist vorhanden sein. In

dieser Welt haben sich nun nicht nur Steine und Pflanzen, sondern auch

Tiere und Menschen entwickelt -- natürlich unter dem Einflusse dieser

Kraft. Menschen sind vernunft- und geistbegabte Persönlichkeiten. Die

vernunftbegabte Kraft, die sie erzeugt, muß Herrin ihrer Erzeugnisse,

mehr als diese, mindestens also aber auch eine vernunftbegabte,

geistige Persönlichkeit sein. Ferner das Höchste nun, was der Mensch

kennt, die Vollkommenheit, nach der er ringt, liegt in der Liebe. Die

schöpferische, zielbewußte, vernunftbegabte, persönliche Kraft muß aber

das haben und sein, wonach die streben, die sie geschaffen hat. Daraus

folgt: es giebt einen persönlichen Gott, und dieser ist die Liebe, der

Vater seiner Geschöpfe.

Aber mein Gegner schüttelte den Kopf und erwiderte nur:

+Mein Glaube+ ist: Die Natur ist Gott, aber kein vernünftiges

Wesen, sondern einfach Kraft.

Es war die folgerichtige Antwort, die ich erwartet hatte. Denn solche

Beweise haben nur für den Wert, der schon Christ ist.

So haben Sie also doch auch einen +Glauben+, fuhr ich fort, als er

wieder schwieg.

Ja; aber das +Christentum+ ist ein +Wahnglaube+. Es ist erst

im vierten Jahrhundert entstanden, wo es durch Majoritätsbeschluß zu

stande kam... Die Bibel ist ein Buch wie jedes andre. Sie ist auch erst

fünfhundert Jahre nach Christo nach Belieben zusammengesetzt. Es ist

ein Ausbeutungsbuch für die Großen. In der Bibel steht alles drin; man

kann alles herauslesen. Und die einzelnen Bücher sind erfunden.

Ich erwiderte, daß sei doch wohl etwas zu viel behauptet:

So viel ich von dem Pastor weiß, bei dem ich war, haben

Universitätsprofessoren, das genau untersucht und festgestellt, welche

Bücher auf keinen Fall bloß erfunden sind. So weiß man, glaub ich,

bestimmt, daß die Briefe an die Römer, Korinther und Galater vom

Apostel Paulus herrühren.

Aber er fährt fort:

Es existiert kein einziges gerichtliches (!) Dokument von Christus,

wie doch von Sokrates und solchen Leuten. Wie kommt es, daß über das

zwölfte bis dreißigste Lebensjahr von Christus nichts bekannt ist? Das

zeigt doch, daß auch das übrige von ihm sagenhaft ist.

Hierauf wird mir eine Entgegnung leicht. Und so lenkt er ein wenig ein:

Wahr ist von Christus nur, daß er ein Mensch wie wir gewesen ist. Er

wollte seinen Mitmenschen helfen, und er bildete seine Lehrsätze so,

wie es die damalige Zeit brauchte, er kleidete sie in ein religiöses

Gewand. Heute ist die Religion nur noch zur Einschüchterung, zur

Niederhaltung des großen Lümmels „Volk“ da...... Warum befolgen denn

die Großen nicht die Lehren des Christus? Warum helfen sie nicht,

stellen die Nöte nicht ab, bringen nicht Opfer? Wenn sie Religion

haben, und Religion Wahrheit ist, so müssen sie es doch durch die That

beweisen, erst einmal praktisches Christentum treiben; dann könnten wir

eher glauben......

Er forderte den Beweis der glaubensstarken, lebendigen christlichen

Persönlichkeit, eben das, was allein von der Wahrheit unsers Glaubens

wirklich überzeugt.

Gewiß, gab ich zurück, Sie haben in manchem, wenn auch nicht in

allem Recht. Ich hasse die Brut auch, die so heuchelt, das Heiligste

ausbeutet und dadurch in den Schmutz zieht. Aber fällt durch solche

Lumpen die +Wahrheit+ des Christenglaubens gleich mit dahin? Ist

es mit der Schlosserei nichts, weil manche Schlosser nur Pfuscher in

ihrem Handwerke sind? Und ich habe die letzten Jahre mit guten und

edeln Christen zusammengelebt, die sich Mühe gaben, ihrem Glauben auch

im Leben Ehre zu machen. Die sind mir ein Beweis für die Wahrheit des

Christentums.

Von denen sind Sie eben hypnotisiert. Lebt man lange mit einem Menschen

zusammen, so hypnotisiert der einen.

Dann sind Sie von Männern der entgegengesetzten Ansicht hypnotisiert.

Dann giebt es überhaupt keine eigne, männliche, selbsterrungene

Ansicht. Dann ist alles Lug und Trug. Dann beruht erst recht alles auf

Glauben.

Dazu schweigt er. So fahre ich fort:

Und es ist auch so, im letzten Grunde beruht wirklich alles auf

Glauben. Dort der Baum. Woher wissen Sie, daß das ein Baum ist? Man hat

es Ihnen von Kindheit an gelehrt, und Sie haben es geglaubt und meinen

nun, es zu wissen.

Das mag wohl sein, gesteht er zu, giebt jedoch zugleich der Sache

geschickt eine andre Wendung: Aber von der Existenz dieses Baumes kann

ich mich doch überzeugen, von der Existenz eines Gottes nicht.

Doch. Nur nicht auf die gleiche Weise, nicht mit dem Verstande. Daß

der Baum dort wirklich existiert, das sehe und fühle ich, höre es

auch, wenn der Wind hineinfährt. Aber es giebt noch ein andres Gebiet,

das man nicht mit den Sinnen wahrnehmen und dem Verstande erfassen,

durchdenken kann. Das ist das Gebiet des moralischen, sittlichen

Lebens, wo der Verstand bankerott wird, wo das Gewissen und der

Glaube entscheidet und seine Notwendigkeit und Wahrheit erweist.

Die Wissenschaft, der Verstand freilich kann weder beweisen, daß es

einen Gott giebt, noch daß es keinen giebt. Der Beweis aber, der

unumstößliche, wird geführt durch die geschichtliche, menschliche

Person Jesus Christus. Aus seinem Lehren, Leben und Sterben erkennen

wir, daß es einen Gott giebt. Denn in ihm war eine Kraft, die sonst

niemand besitzt, und die, sagt er selbst, hatte er von Gott. Wir

erkennen aber darin auch, wer dieser Gott ist: die Liebe. Und daß dem

so ist, daß es diesen von Christus verkündigten lebendigen Gott giebt,

erfährt jeder, der die Sehnsucht und den Mut hat, sein Leben nach

diesem Christus einzurichten, der sich entschließt, sich von ganzem

Herzen diesem Gotte anzuvertrauen, mit andern Worten: der glaubt.

Aber er schüttelte abermals den Kopf:

Wer den Wahnglauben einmal hat, für den ist es selbstverständlich, daß

er nun alles dreht und wendet, um seine Sache plausibel zu machen. Aber

Thatsachen hat er nicht.

Er meinte massive, augenfällige und greifbare Thatsachen, wie sie der

Materialismus verlangt und hat. Für historische, sittliche, geistige

Thatsachen hatte er kein Verständnis und nach dem Frieden keine

Sehnsucht. Ohne das aber ist Christentum unmöglich.

So brach ich ab, und wir kamen auf andre Dinge zu reden. Nicht lange.

Dann jagte uns ein Werkmeister, der uns wohl schon länger beobachtet

hatte, mit grobem Gepolter auseinander.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 15 / 21 段