Hinsicht auf ihre politischen und sozialen Gesinnungen nicht als eine
uniforme, gleichmäßige und gleichwertige Masse vorstellen, sondern
vielmehr -- in einem Bilde -- +als einen gewaltigen pyramidalen Bau,
zu dem sie durch den Mörtel der sozialdemokratischen Agitation fest
und wuchtig genug zusammengefügt ist. Ihre Spitze bilden die oben
vielgenannten Elitesozialdemokraten. Aber von diesen, den Führern, und
der kleinen Schar ihrer Getreusten geht es allmählich in immer breitern
Absätzen bis zu der chaotischen Masse aller derer hinab, die nur
deshalb Sozialdemokraten sind, weil sie, was ihnen heutzutage durchaus
nicht zu verdenken ist, bei den Wahlen einem von „ihresgleichen,“ einem
Arbeiterkandidaten, einem Sozialdemokraten ihre Stimme geben.+
Sechstes Kapitel
Bildung und Christentum
Die Arbeiter unsrer Fabrik setzten sich deutlich aus drei
Bevölkerungsgruppen zusammen: aus ehemaligen ländlichen Arbeitern,
Knechten, Tagelöhnern und Häuslern, die teils aus ihrem heimatlichen
Dorfe verzogen waren, teils von ihm aus täglich zur Fabrik kamen;
aus eigentlichen großstädtischen Industriearbeitern, die ganz
selbstverständlich schon von Kindesbeinen an für die Fabrikarbeit
bestimmt gewesen waren, und deren Großeltern, wenigstens aber
Eltern ebenfalls schon ihr Brod und ihren Lebensberuf in der Fabrik
gefunden hatten, und endlich aus Angehörigen kleiner Handwerker-
und Beamtenfamilien, die meist aus kleinen oder mittelgroßen
Provinzialstädten, seltner aus einer Großstadt zu uns herein gekommen
waren. Die mittelste Gruppe war selbstverständlich die an Köpfen
zahlreichste; jedoch kam ihnen die Schar der ehemaligen Landbewohner
auch sehr nahe; die kleinste Gruppe bildeten die zuletzt genannten
Klein- und Mittelstädter. Diese waren übrigens fast durchweg
gelernte Leute, meist Schlosser, und standen noch in jugendlichem
Alter, zwischen 18 und 23 Jahren; die Leute vom Lande thaten dagegen
Handarbeit oder waren an Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen beschäftigt;
die eigentlichen, wenn man so sagen darf, zunftmäßigen Fabrikarbeiter
verteilten sich endlich auf alle drei Kategorien der Handarbeit, der
Maschinenarbeit und auch -- freilich zu einem geringen Teile -- der
gelernten Berufe der Schlosser, Schmiede, Tischler, Zimmerleute.
Es ist selbstverständlich, daß die Angehörigen dieser drei Gruppen
auch den Geist, die Gesinnung, den sozialen Charakter, die
Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten mit in die Fabrik und das
Zusammenleben unsrer Arbeiterschaft hineinbrachten, die in den drei
sonst getrennten Bevölkerungsschichten ganz verschiedenartig vorhanden
sind. Natürlich blieben dieselben hier nun nicht scharf von einander
getrennt und dauernd rein erhalten. Vielmehr rieben sie sich stark
aneinander, schliffen sich gegenseitig ab und wurden, namentlich unter
dem Drucke der sozialdemokratischen Agitation und des eigentümlichen
neuen Fabriklebens, mehr oder weniger nivelliert. Und das geschah
bei den einzelnen Leuten desto schneller und intensiver, je länger
sie bereits diesem Fabrikleben angehörten und je rückhaltloser sie
die Verbindung mit der Vergangenheit gelöst hatten. Dennoch flutete
immer von frischem, in immer neuer Reinheit derselbe dreifache
Strom der Gesinnung und Gesittung, der politischen und sozialen
Anschauungen und Wünsche in unsre Fabrik herein, da immer von neuem
frische Kräfte vom Lande und aus den kleinen und Mittelstädten in sie
eintraten, die einen, vor allem die ländlichen, um dauernd in ihr zu
bleiben, jene andern, um nur eine längere oder kürzere Zeit durch sie
hindurchzugehen, zu lernen, was hier zu lernen war, und dann in den
Kleinbetrieb der väterlichen Werkstatt zurückzukehren oder in kommunale
und staatliche Anstalten technischer Art, wie Eisenbahnwerkstätten,
Feuerwehrdepots, Gas- und Wasserleitungsanstalten als subalterne
technische Beamte einzutreten oder auch, falls sie in der Fabrik
blieben, doch hier oft Meister oder Monteure und damit ebenfalls der
eigentlichen Arbeiterklasse entnommen zu werden.
Entsprechend dieser scharf unterscheidbaren und in ihrer Wirksamkeit
nach allen Seiten und Beziehungen hin bedeutsamen dreifachen sozialen
Schicht war nun auch, man kann ruhig sagen, eine dreifache Art der
+geistigen Bildung+ deutlich unter ihnen zu erkennen. Diese ist
freilich nicht allein durch jenen Einfluß entstanden; aber ebensowenig
würde der andre gleichwichtige Faktor, der zur andern Hälfte daran
Ursache war, der Unterricht in den verschiedenen Schulen, die die
Leute besucht hatten, und zwar der Dorfschule für die ehemals
ländlichen Arbeiter, der sogenannten Bürgerschule, für die aus
sozial besser situierten Kreisen stammenden Mittelstädter und der
einfachen großstädtischen Gemeinde-, Bezirks- oder Volksschule für
die eigentlich großindustriellen Fabrikarbeiter, diese dreifache Art
von Bildung allein haben zeitigen können. Dazu sind die Unterschiede
dort der Erwerbsart, des Einkommens, der Lebensgewohnheiten, hier
des Lehrpersonals, der Lehrform, des Lehrinhalts an sich nicht groß
genug. Erst der gemeinsame Einfluß beider Faktoren hat sie nach allen
meinen Beobachtungen hervorgebracht. Denn indem je eine dieser drei
Schularten sich überwiegend benutzt zeigt von allemal je einer der drei
Bevölkerungsgruppen, und indem so die geistige Eigenart der Schule mit
der ganzen sozialen Eigenart der betreffenden Bevölkerungsschicht,
deren Kinder eben diese Schulen hauptsächlich besuchen, zusammentrifft
und sich unwillkürlich in den einzelnen kleinen Persönlichkeiten der
Kinder verbindet, entsteht in der That eine immer von den beiden andern
deutlich unterscheidbare Qualität des Wissens, des Denkens, des ganzen
geistigen Niveaus, von denen man jede nunmehr mit Recht als eine
eigentümliche Kategorie der Bildung bezeichnen darf, und von denen eine
jede in den Personen zahlreicher Arbeiter bald reiner bald unbestimmter
verkörpert war.
Ich beginne mit der Schilderung der Dorfschulbildung, wie sie an
meinen ehemals ländlichen Arbeitsgenossen zu Tage trat. Sie zeigte
sich, das ist ihr oberstes Charakteristikum, als durchaus religiös und
konfessionell dogmatisch bestimmt, als eine, man kann wohl kurz sagen,
biblische Bildung. Und das war ebenso natürlich als erklärlich. Der
Religionsunterricht der Dorfschule nimmt anerkanntermaßen qualitativ
und quantitativ den breitesten Raum in ihrem Lehrgebäude ein. Aber
nicht nur das, er ist auch das starke Rückgrat des gesamten übrigen
Unterrichts. Der Geist und der Ton, der in jenen herrscht, wird weniger
in ausdrücklichen Worten und mit bewußter Lehrtendenz als durch die
Persönlichkeit und die Haltung des Lehrers und durch die ganze Art
seines Unterrichtens auch in die übrigen Lehrstunden hineingetragen und
gilt jedenfalls vor allem in den Augen der Kinder als derselbe hier
wie dort. In den Singstunden werden geradezu außer Vaterlands- und
Volksliedern, die aber ebenfalls vielfach religiösen Charakter tragen,
besonders Choräle und Gesangbuchslieder geübt; das Lesebuch, das in der
Lesestunde benutzt wird, enthält zahlreiche religiös-moralisierende
Erzählungen, und der Geschichtsunterricht ist zu einem großen Teile
Unterricht in der jüdischen und biblischen Geschichte; so wird auch
ganz unwillkürlich in der Schreib- und Rechenstunde, in der Geographie
und Naturkunde der höhere letzte Gesichtspunkt, der sie beherrscht, der
religiöse sein. Dazu kommt, daß das Familienleben im Elternhause, die
gesamte Lebensanschauung der Dorfgenossen, die ganze Sitte, die in der
+Gemeinde+ herrscht, kirchlich, religiös beeinflußt und bestimmt
ist, daß also auch hier, außerhalb der Schule, der heranwachsende Knabe
immer und überall auf Gedankenkreise, Ansichten, Worte, Handlungen und
Gewohnheiten trifft, die durch dieselben geistigen Faktoren bedingt
sind, die den gesamten Unterricht in der Schule erfüllen und treiben.
Und diese Einflüsse ändern sich auch nicht, wenn er die Schule verläßt
und als Knecht, als Tagearbeiter oder Eigenhäusler seinen Lebensberuf
in der Heimat gefunden hat. Zeigt er außerdem, was nicht häufig ist,
auch nach der Schulzeit einiges Bedürfnis nach geistiger Fortbildung,
so ist wieder der Pfarrer der einzige gebildete Mann, mit dem er ab
und an zusammentrifft und sich auszusprechen vermag. Dieser aber hat
seinerseits, so oft er mit ihm verkehrt, zunächst seelsorgerische
Absichten und Pflichten gegen ihn und vermittelt ihm darum neue
Gedanken auch wieder nur in vorwiegend religiöser Form und Hülle; und
endlich bleibt die Kanzel die einzige Stätte, sind Bibel, Gesangbuch
und vielleicht noch ein von den Vätern ererbtes uraltes Gebetbuch meist
die einzigen Bücher, woher er sich seine geistige Nahrung und seine
Anregungen holt.
So wird es geradezu zu einer Notwendigkeit, daß der Vorstellungskreis,
den der schlichte, handarbeitende Mann auf dem Lande sich allmählich
aneignet, durchaus auf der religiösen Seite liegt, daß der kleine
Schatz von Wissen, den er besitzt, auf das Gebiet des profanen
Wissens der Schrift beschränkt und von dem Stand ihrer geistigen
Bildung durchaus abhängig ist, und daß er die Gedanken, die er
allmählich selbständig denken lernt, in den Bahnen, in den Formen, den
Kategorien und Begriffen denkt, in denen die Menschen der heiligen
Schrift gedacht haben. Seine Geschichtsauffassung ist unlösbar
verknüpft mit dem Wunderglauben, ohne den die Jahrhunderte des
Altertums, des Mittelalters und des nachreformatorischen Zeitraums
bis zur Aufklärungszeit die Vergangenheit nicht auszufüllen und
sich vorzustellen vermochten. Die Natur ist ihm ein unerforschtes,
undurchdringbares Rätsel, eine schweigende Sphinx, über die ein
dichter Schleier gebreitet ist; er kennt noch nichts von den
Entwicklungsgesetzen, die die moderne Wissenschaft lehrt, von Urschleim
und Stoffwechsel; und der biblische Schöpfungsbericht ist ihm nach
wie vor die eigentliche Quelle seiner Naturauffassung, der einzige
maßgebende Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Welt. Endlich das
gesellschaftliche Leben der Menschheit erscheint ihm, wenn überhaupt,
so wie in Israel vornehmlich von religiösen und sittlichen Beweggründen
bestimmt und durch das in die erstarrte Sitte gebannte kirchliche
Gemeindeleben geregelt.
Und diese so gestaltete biblische Anschauungsform erwies sich mir um so
fester in Kopf und Herz der Leute eingeprägt, als sie deutlich in ihren
Augen getragen und gestützt, verbrieft und versiegelt erschien durch
die überlieferte und unfehlbare Autorität der Schrift, aus der sie
stammt. Diese Autorität gilt ihnen gemäß der alten Auffassung von der
Inspiration nicht bloß, soweit diese Schrift „Jesum Christum treibet,“
sondern sie gilt gleichwertig und gleich einschränkungslos von allem
andern, was sie an profanem Wissen mitteilt, bis auf den Punkt über
dem i. Ich sah, daß sie in ihr nicht nur auf die Frage befriedigende
Antwort suchten, wie der Mensch den Frieden des Herzens gewinnen kann,
sondern auch auf alle möglichen Zweifel des Verstandes und Fragen des
Wissens. Ja ich darf sagen, zu diesem letzten Zwecke waren sie ganz
besonders gewöhnt, die Schrift zu benutzen, während ihnen ihr Wert für
die Lösung der andern Frage meist völlig unklar geblieben war.
Dazu trat als eine dritte ebenso wichtige und von allen ernsten
gedankenvollen Männern längst anerkannte, in meinem Verkehr mit den
Leuten ebenfalls täglich bestätigte Erscheinung der Umstand hinzu, daß
heutzutage in der Schule die Heilsthatsachen des Evangeliums nicht
als persönliche Lebenswahrheiten unmittelbar, sondern als Lern- und
Memorierstoff lehr- und schulmäßig, wie sie im Katechismus formuliert
sind, nicht den Herzen, sondern den Köpfen der Kinder übermittelt
zu werden pflegen. Der Religionsunterricht ist hier also vorwiegend
Verstandesunterricht anstatt Erziehung des Charakters; die christliche
Heilswahrheit kalter Lernstoff anstatt warme, alles durchdringende
Lebenskraft; Jesus Christus -- nach dem Vorgang des Dogmas -- mehr ein
metaphysisches Rätsel als eine historische gottvolle Persönlichkeit.
Und darf ich nach meinen Erfahrungen weiter schließen, so ist auch
der übliche Konfirmandenunterricht kein Ersatz für den Mangel des
Schulunterrichts. Seine Hauptaufgabe, eine feste Grundlage für
die Auseinandersetzung der ewigen Wahrheiten der Religion mit den
mannigfachen Thatsachen der Erfahrung zu bieten, leistet auch er heute
-- nach seiner Wirkung auf die Leute zu schließen -- nicht. Vielmehr
ist es meine durchgehende Beobachtung, daß der vielleicht feierliche
Eindruck der Konfirmation in kurzer Zeit schon in der Jugend spurlos
verwischt ist.
Diese drei Züge, die Abhängigkeit der geistigen Bildung von den
Gedankenkreisen und der Bildungsweise der Schrift, die falsche
Auffassung von ihrer Autorität und die vorwiegend verstandesmäßige
Aneignung der Wahrheiten des Christentums gaben ausschließlich der
Bildung die Signatur, die jene ehemaligen Landbewohner, mehr oder
weniger scharf geprägt, immer von neuem mit in die Stadt und unsre
Fabrik hineinbrachten, und die hier für sie bis auf den letzten
Mann unter ihnen auch immer von neuem die Ursache einer schweren
intellektuellen und religiösen Krisis wurde, in der diese Bildung dann
fast immer Bankerott und einer andern Platz machen mußte.
Einen andern Charakter zeigte die Bildung der jungen Leute, die aus
meist besser situierten Handwerker- und kleinen Beamtenfamilien eben
erst zu uns hereingekommen waren. In den Bürgerschulen, die sie besucht
hatten, sind die Schulstunden zahlreicher, der Lehrplan reichhaltiger,
der Lehrinhalt größer und gehaltvoller als in jenen Dorfschulen.
Was hier an Lehrstoff geboten wird, sind nicht nur, wie dort
vielfach, bloße Anfangsgründe, sondern mehr, meist ein abgerundetes,
geschlossenes, systematisches Ganze, das den Versuch macht, zwar nicht
den gesamten Inhalt eines Wissensgebietes den Kindern nahe zu bringen,
wohl aber ihnen doch einen klaren Überblick über diese gesamte Materie,
z. B. der Geographie, Naturgeschichte u. s. w., und jedenfalls die
praktisch wertvollen Hauptsachen und das ganze Gerippe der Disziplin zu
geben. Weiter ist der Unterricht in diesen einzelnen Fächern offenbar
ganz anders als in der Dorfschule Selbstzweck. Er vollzieht sich lange
nicht so wie dort in einer religiös-moralisierenden Atmosphäre; der
in ihnen gelehrte Wissensstoff fußt vielmehr auf den Ergebnissen der
neuen, modernen Wissenschaft und ist unabhängiger als dort von dem
Wissensstoffe der Bibel und der Gedankenwelt des überlieferten Dogmas.
Der Unterricht ist also moderner und profaner zugleich; nicht jede
Schulstunde ist so wie dort eine religiös bestimmte Stunde.
Der Religionsunterricht selbst aber ist nur ein allerdings bedeutsamer
Bestandteil des Unterrichts, aber eben nur wieder ein Bestandteil
des Unterrichts, nicht der Erziehung, der im allgemeinen den andern
Fächern gleichartig betrieben wird. Denn der Religionsunterricht ist
auch hier genau wie in der Dorfschule vorwiegend Katechismusunterricht.
Sein Gegenstand ist das logisch mit den Mitteln einer antiken
längstveralteten Wissenschaft aufgebaute Lehrgebäude des kirchlichen
Dogmas, seine Aneignungsform das verstandesmäßige Begreifen und
Auswendiglernen dieser Glaubenssätze, Bibelsprüche und Gesangbuchverse
ohne ebenso starke und innerliche Aneignung ihrer religiösen und
sittlichen Lebenskräfte in der Person Jesu Christi -- und all das
immer auch hier unter selbstverständlicher Anerkennung der wörtlichen
Inspiration der Schrift und der Richtigkeit auch aller ihrer profanen
Bestandteile. Aber man erlaubt sich hinsichtlich des letztern in der
Praxis eine starke, wenn auch stillschweigende Korrektur, indem man
in den übrigen Unterrichtsstunden eben diese nach innerer logischer
Notwendigkeit allgemeingiltige Autorität eliminiert und die modernen
Erkenntnisse hier als Autorität anerkennt und benutzt, ohne jedoch in
eine klare Auseinandersetzung dieses innern Widerspruchs einzutreten.
So wird der Religionsunterricht einerseits zwar ebenfalls wie der
andre Unterricht ein rein verstandsmäßiges Lehrgebiet, aber er wird
andrerseits auch von allen übrigen als etwas besonders Heikles mit
Peinlichkeit isoliert.
Das pflegt nun freilich zunächst der naiven Schülerseele fast nie zum
Bewußtsein zu kommen, umsoweniger, da die in den elterlichen Kreisen
noch einigermaßen als wohlanständig erhaltene kirchliche Sitte und der
rationalistisch-ethische Sinn solange einen gewissen Halt zu bieten
vermag, als der herangewachsene junge Mann, sozial leidlich geschützt,
in dieser Schicht bleibt. Sowie er aber aus ihr heraus und, wie bei
uns in einen großen Fabrikbetrieb und damit auch in eine andre soziale
Gruppe, hier diejenigen der großstädtischen sozialdemokratischen
Industriearbeiter eintritt, wird ihm dieser innere Widerspruch, dieser
große Schaden an seiner geistigen und religiösen Bildung fühlbar,
und auch er ist gezwungen, gleich dem Genossen vom Lande eine Krisis
durchzumachen, die zwar nicht eine so radikale Wirkung, nicht eine
so völlige Hilf- und Haltlosigkeit auch seines profanen Wissens zur
Folge hat wie bei diesem, aus der er aber ebenfalls meist für immer
als ein andrer hervorgeht, und die er vor allem, wie sich zeigen wird,
mit der Darangabe des ganzen ihm gelehrten und bisher autoritativen
Christentums zu bezahlen pflegt.
Endlich die großstädtische Gemeindeschulbildung, die
Durchschnittsbildung der letzten und größten Gruppe unsrer
Arbeiterschaft. Sie ähnelte wohl, nach dem Eindrucke, den ich
hatte, in manchem derjenigen der Bürgerschule, aber sie steht, nach
Bildungsziel und Lehrcharakter der Schule, im Grunde doch nur auf
etwa demselben Niveau wie die Bildung einer großen völlig ausgebauten
achtklassigen Dorfschule. Auch hier die übertriebene Abhängigkeit
der profanen Wissensbestandteile von denjenigen der Bibel, auch
hier die falsche Auffassung von deren Autorität, auch hier dieselbe
überwiegend verstandesmäßige Mitteilung und Aneignung der christlichen
Heilsthatsachen ähnlich wie bei jedem andern Lehrstoff.
Aber hier tritt nun die schlimme Wirkung dieses Zustandes viel
schneller und unmittelbarer an den Tag. Denn bei den Schülern dieser
Schulgattung pflegt im Durchschnitt die erhaltende, überbrückende,
verbessernde Kraft der häuslichen und gesellschaftlichen Sitte
zu fehlen, die sich noch in den beiden andern sozialen Gruppen
lebendig zeigte. Denn unter dem Drucke der neuen alles verändernden
Gebilde des großindustriellen Fabrikbetriebes wurde diese jüngste
Bevölkerungsschicht der berufsmäßigen großstädtischen Fabrikarbeiter
von allen überlieferten, festen Lebensformen befreit, die aus dem Boden
früherer Gesellschaftsgruppierungen herausgewachsen waren; an ihrer
Stelle sind neue noch nicht geschaffen, kaum erst in Ansätzen, und dann
häufig nur in unreifen und lebensunfähigen, vorhanden. Der Gegensatz
aller Stätigkeit, ein fortwährendes unruhiges Hin- und Herfluten, der
das Leben dieser Menschen zu keinem gleichmäßigen Gange kommen läßt,
ist das maßgebende Gesetz, dem sie unterworfen sind; die Macht des
Augenblicks ist an die Stelle der alten kraftvollen Sitte getreten.
Diese Unruhe des neuen sozialen Lebens übt auch auf den geistigen
und religiösen Bildungscharakter der meisten einen folgenschweren
Einfluß aus. Sie läßt es zu keiner Erhaltung und Festigung der in
der Schule angeeigneten Bildungselemente kommen, schwemmt vielmehr
eine Menge davon schnell wieder hinweg, macht bedenklich gegen die
Zuverlässigkeit der bewahrten und weckt damit zugleich das Bedürfnis
und die Sehnsucht nach einer bessern und umfassendern Bildung, die
frei von Widersprüchen ist, die vor der modernsten Kritik besteht,
die ihnen wieder imponiert, ihnen zugleich einen Ersatz und eine
Befriedigung bietet für die teilweise oder gänzliche Leere und Fadheit
der eintönigen uninteressanten Berufsarbeit, und für die sie bereit
sind, die ganze alte, niemals geliebte, weil niemals recht fruchtbar
gewordene schulmäßige Jugendbildung zu opfern. So tritt bei den meisten
und gerade den Begabten, Strebsamen, Gedankenvollen dieser dritten
Gruppe jene oben bereits erwähnte Krisis plötzlicher, heftiger und
gründlicher ein als bei den Angehörigen der zwei andern Gruppen; und
bei ihnen kommt sie im Gegensatz zu jenen meist ohne maßgebenden Zwang
und Einfluß von andern aus dem Drucke der Verhältnisse, in die sie
hineingeboren sind, aus dem eignen Empfinden der Gegensätze und Lücken
heraus, aus dem selbständigen Nachdenken über die Menschen und Dinge
rings umher.
Dieser Bildungstrieb nun sitzt tief als eine elementare Macht in vielen
Köpfen und Herzen dieser dritten Gruppe von Arbeitern unsrer Fabrik. Er
trat täglich und überall dem Beobachter entgegen und kam in immer neuen
kleinen Einzelzügen, in Worten und Wünschen, in Fragen und Seufzern zu
bald klarerem, bald unklarerem, bald ernsthaftem und schmerzlichem,
bald komischem und heiterm Ausdruck; in besonders kraftvollen
Naturen äußerte er sich geradezu als eine Art von Bildungshunger,
der urteilslos und unterschiedslos verschlingt, wessen er habhaft
werden kann; aber seinen unmittelbarsten und grandiosesten Ausdruck
erhält er doch in der internationalen Bewegung für den Achtstundentag.
Das ist nicht nur eine bloße Manifestation der Faulheit und der
Genußsucht, des Übermuts und der Oppositionslust, auch nicht nur der
sozialdemokratischen Gesinnung und wirtschaftlicher Forderungen,
sondern nach meiner Beobachtung und Überzeugung zugleich ein Beweis der
Sehnsucht des Fabrikvolkes nach mehr Licht, Wahrheit und Wissen. Man
will Zeit gewinnen, um auch dem geistigen Menschen die Pflege zu teil
werden zu lassen, auf die er selbst in einem schlichten Fabrikarbeiter
Recht und Anspruch hat. Das ist aber heute, ich habe das an mir selbst
zur Genüge erprobt, der Mehrzahl noch durchaus nicht möglich, die von
früh sechs Uhr bis abends sechs Uhr und länger an ihre Plätze in der
tosenden dunstigen Fabrik gefesselt ist, die außerdem oft einen langen,
nicht selten einstündigen Weg zur und von der Fabrik hat und des Abends
schmutzig, hungrig und müde heimkommt. Unter diesem Gesichtspunkte,
und jene Achtstundenbewegung ernsthaft so verstanden, wie sie ein Teil
des Volkes nicht minder ernsthaft thatsächlich versteht, nämlich als
den einzig gangbaren Weg zu einer wirklich ausreichenden Befriedigung
dieses Bildungsinteresses, scheue ich mich nicht, sie nicht nur
vorurteilslos zu würdigen und anzuerkennen, sondern auch für ihre
allmähliche, schrittweise Erfüllung einzutreten, unbeeinflußt und
unbeirrt auch davon, daß sie von rüden Elementen als Anlaß zu ebenso
unsittlichen als nutzlosen und dummejungenhaften Demonstrationen
benutzt wird.