besonders aus der aufmerksamen Verfolgung der jüngsten Entwicklung der
sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung ausreichende Beweise bringen
könnte, machte ich in besonders klarer und überraschender Weise z. B.
einmal in einer Sitzung unsers sozialdemokratischen Wahlvereins.
Hier trug an diesem Abend der damalige, jetzt auch abgedrückte
Redakteur der Chemnitzer sozialdemokratischen „Presse,“ wie ich glaube
eine ehrliche Seele, über die damals noch nicht in Kraft getretene
Alters- und Invaliditätsversicherung vor, zunächst hauptsächlich zur
Orientierung der Genossen. Es war eine im großen und ganzen durchaus
sachlich gehaltene Rede. Sie gipfelte in der doppelten Behauptung, daß
das neue Gesetz in der That vielfach noch mangelhaft sei, und daß es
jedenfalls nicht die durchgreifende Hilfe für die Arbeiterschaft und
die Lösung der sozialen Probleme sei, daß man sich aber dennoch nicht
abschrecken lassen dürfte, sondern nun zunächst einmal das Angebotene
annehmen, aber zugleich wacker an der allmählichen Verbesserung dieses
Gesetzes mitarbeiten sollte. Man sollte, so schloß er, endlich einmal
mit dem ganz überflüssigen Räsonnieren und Schnauzen aufhören. Trotz
allem steckte in der Arbeiterversicherung ein guter Kern, den immer
mehr herauszuschälen die Hauptaufgabe wäre. Er gab damit mutvoll
wohl einer Meinung Ausdruck, die vielfach unter den Arbeitsgenossen
verbreitet war, sich aber nur selten und schüchtern ans Tageslicht
wagte, nachdem die offizielle Sozialdemokratie ihr Verdikt über
die heutige Versicherungsgesetzgebung ausgesprochen hat. Denn man
empfindet heute schon dankbar, wenn auch als etwas Selbstverständliches
die bereits deutlich spürbaren Wohlthaten des Gesetzes. Wenn man
irgendwie über sie klagte, so betraf das nach meiner Beobachtung
immer nur einzelne Mängel, wie die dreitägige Karenzzeit zu Anfang
einer jeden Krankheit, oder Mißstände, die sich in der Verwaltung
herausstellten, und an denen oft nur die an ihrer Spitze stehenden
Personen die Schuld hatten. So erzürnte ein Fall, den ich gelegentlich
des Besuches eines meiner erkrankten Arbeitsgenossen erfuhr, ihn und
seine Familie besonders sehr. Es handelte sich da um eine Böhmin, die,
des Deutschen nicht mächtig, bei dieser Familie im vergangnen Sommer
in Schlafstelle gewesen war und auf einem Bau, wie das in Chemnitz
sehr Sitte war, in Arbeit stand. Diese wurde krank. Der herbeigerufene
Arzt aber suchte sie, anstatt sie zu behandeln, schleunigst in ihre
Heimat zu ihren wohlhabenden Eltern abzuschieben. Ihrer Wirtin, die
sie treulich pflegte, fiel das auf, sie spürte der Sache nach, und es
stellte sich heraus, daß die Böhmin sowohl wie eine ganze Reihe ihrer
Arbeitsgenossinnen überhaupt nicht bei der Krankenkasse angemeldet
waren: Bauunternehmer und Krankenkassenarzt hätten, wie meine
Gewährsmännin, die ich übrigens nicht auf die Wahrheit ihrer Erzählung
kontrollieren konnte, behauptete, in gleicher Weise Schuld und --
Profit daran. In der Fabrik gingen die Wahlen der Vertrauensmänner für
die Ausschüsse der Kassen in der ruhigsten, geräuschlosesten, in kaum
bemerkbarer Weise vor sich. Ein Anschlag machte z. B. die Notwendigkeit
einer solchen Ersatzwahl für eine bestimmte Berufskategorie eines Tages
am Thore unsers Fabrikgebäudes bekannt, und an dem dafür bestimmten
Termin ging mitten in der Arbeit ein großer hölzerner, verschlossener,
mit einem Spalt versehener ziemlich primitiver Kasten unter den
Beteiligten von Mann zu Mann; in einer halben Stunde war das ganze
Wahlgeschäft beendigt, der Kasten im Beisein von Arbeiterkommissaren
geöffnet, und am folgenden Tage das Resultat ebenfalls durch Anschlag
an derselben Stelle bekannt gemacht.
Genau dieselbe freundliche Gesinnung zu den Versicherungsgesetzen kam
nun auch in jener Sitzung unsers Wahlvereins unter den zahlreichen
Anwesenden zum erfreulichen Ausdruck. Zwar -- ich wiederhole das
nachdrücklich -- fehlten auch gegnerische Stimmen, die sich ganz in
den offiziellen Urteilen der sozialdemokratischen Fraktion über die
Gesetze ergingen, nicht. Aber die Meinung des Vortragenden war doch
auch diejenige der Majorität. Die ganze lange Debatte spitzte sich
schließlich zu einer hartnäckigen Kontroverse zwischen diesem und
seinen Gesinnungsgenossen einerseits und den wenigen Verfechtern
der Sache der sozialdemokratisch geleiteten freien Hilfskassen
andrerseits zu. Unter diesen befand sich einer, der sie besonders
deshalb so eifrig verteidigte, weil er nach seinen Erfahrungen in
einem kleinen erzgebirgischen Industrieorte meinte, daß in den
offiziellen Kassen sich die gewählten Arbeitervertreter in devoter
schweigender Abhängigkeit von den mit im Komitee sitzenden Arbeitgebern
befänden und sich von diesen als stummes Stimmvieh widerspruchslos
zu deren Gunsten und Vorteil mißbrauchen ließen. Dem widersprachen
nun besonders die in solchen gemischten Kommissionen oft schon sehr
lange, seit dem Inkrafttreten der Gesetze sitzenden Genossen mit aller
Entschiedenheit. Sie nahmen für sich die Anerkennung dafür in Anspruch,
daß sie sich thatsächlich niemals hätten in der oben angegebnen Weise
mißbrauchen lassen, vielmehr, wo immer es möglich und nötig gewesen
sei, aufs energischste und in echt sozialdemokratischer Gesinnung
und Mannhaftigkeit die Interessen ihrer Leute wahrgenommen hätten.
Und immer mit gutem Erfolge. „Wenn man in Streitfällen den mit uns
zusammensitzenden Arbeitgebern nur ordentlich mit Gründen kommt, dann
haben sie meist Einsicht und gehen +mit+ uns, +gegen+ ihre
eignen Kollegen.“ „Ja es ist,“ so führt ein besonders gewandter und,
wie es schien, hierin viel erfahrener, ungemein kluger Redner aus, „es
ist vorgekommen, daß +wir+ gegen Zubilligung von Schadenersatz bei
Unfällen, die Arbeitgeber +für+ einen solchen gestimmt haben. Aber
freilich, man muß überlegen, muß immer sachlich bleiben und gerecht und
billig urteilen. Dann aber thun es jene, wenigstens viele von ihnen
auch. Und dann sind die Gesetze eine Wohlthat, und es kann viel mit
ihnen, viel mehr als durch die freien Hilfskassen erreicht werden.
Trotzdem müssen wir freilich immer mehr an ihnen zu bessern, immer
mehr für uns herauszuschlagen suchen, auch unsre sozialdemokratische
Gesinnung bewahren. Aber das ist auch durchaus möglich. Nur die
offiziellen, nicht die freien Hilfskassen sind, wie nun einmal die
Dinge liegen, lebensfähig und haben die Zukunft; es ist Thorheit, wenn
wir das nicht ausnutzen wollten.“ Und in derselben Weise sekundierten
mehrere andre. Die Debatte wurde so lebhaft und heftig, daß sie noch
gegen zwölf Uhr nicht zu Ende gehen wollte, und daß, als die Sitzung
geschlossen wurde, sie auf dem Nachhausewege zwischen den besonders
stark in sie verwickelt gewesenen wieder aufgenommen wurde und sich an
der Straßenecke, an der ich meine Wohnung hatte, und wo die Streitenden
auseinander gehen mußten, wohl noch eine halbe Stunde lang fortspann.
Das besonders Wertvolle an diesem Erlebnis ist für mich erstens dies,
daß sich hier in der That einmal wieder in einem bestimmten Fall ein
wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern
zeigte, und dann, daß hier Sozialdemokraten um wirklich praktische
Fragen stritten und dafür eintraten. Ich begreife für den letztern
Punkt auch die Verteidiger des Hilfskassenwesens mit ein. Denn indem
diese sich mit der Organisation und Verwaltung solcher Kassen, mit der
zeitweiligen Unterbringung und Sicherstellung ihrer Gelder, mit der
Sorge um das finanzielle Risiko und das Gelingen einer solchen Kasse
eingehend beschäftigen, sind auch sie, genau wie jene andern in den
offiziellen Komitees sitzenden Arbeiter, genötigt, ihr ganzes Augenmerk
von utopistischen Phantasien ab und auf wirkliche, ihre Fähigkeiten
zunächst ganz in Anspruch nehmende Aufgaben zu richten -- in meinen
Augen ein ganz eminenter, vielverheißender Fortschritt. Dasselbe gilt
in gleichem, in Zukunft vielleicht noch höherm Maße für die Thätigkeit,
die heute schon einzelne unsers Wahlvereins in der Verwaltung ihrer
Ortsgemeinde, in der sie ansässig waren, entfalteten. Auch hier
traten die sozialdemokratische Gesinnung und die sozialdemokratischen
Ziele, deren Verwirklichung sie, wenn auch je nach ihrem Alter, ihren
Fähigkeiten, ihrer Erfahrung und ihrem Charakter mehr oder weniger
gemäßigt anstrebten, deutlich hervor: aber das ist auch hier das
glückliche, daß sie die harten Thatsachen und die oft in der That,
namentlich in der Kassenverwaltung der Gemeinden vorhandnen großen
Übelstände zwingen, ihre Ideale, Wünsche und Bestrebungen immer nur
in der Arbeit von Fall zu Fall, in gründlicher Einzelthätigkeit,
schrittweise, korrigiert und abgeschliffen an den Ansichten und an
dem Willen andersgesinnter, wenn überhaupt, dann nur teilweise zu
Geltung und Wirksamkeit zu bringen. Endlich ließe sich von demselben
Gesichtspunkte aus ein Ähnliches, vielleicht heute noch nicht so
Überzeugendes, aber doch sehr Hoffnungsvolles von der Arbeit der in der
neuesten Phase der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung stehenden
Arbeiter behaupten. Doch enthalte ich mich hier weiterer Ausführungen,
die ich aus meiner eignen Fabrikarbeiterzeit mit schlagenden Beispielen
zu belegen nicht imstande wäre.
Dieser großen Masse der Durchschnittssozialdemokraten, die ich bisher
zu schildern versucht habe, steht nun schließlich eine letzte,
nicht minder große Gruppe von Arbeitsgenossen gegenüber. +Sie
umfaßt alle diejenigen, die überhaupt keine eigne politische und
soziale Überzeugung haben, sie auch nicht einmal zu gewinnen sich
bemühen, und die sich doch Sozialdemokraten nennen und noch mehr
als solche fühlen und wissen.+ Sie sehn nur sehr selten einmal
in eine sozialdemokratische Zeitung hinein, sie gehn kaum in eine
sozialdemokratische Versammlung, sie suchen nicht sozialdemokratische
Gespräche. Aber sie schwören gleichwohl auf das sozialdemokratische
Programm. Sie sind entweder zu leichtsinnig und genußsüchtig, oder
zu unfähig und gedankenlos, oder zu faul und feige, oder auch -- die
bedauernswertesten -- dauernd zu gedrückt und sorgenvoll, um sich damit
zu beschäftigen. Sie wählen sozialdemokratisch, aber kümmern sich sonst
nicht viel um die Partei, in der sie vor allem den Ausdruck ihrer
Unzufriedenheit sehn. Sie haben von nichts eine klare Vorstellung,
nur ungewisse Wünsche, verbitterte Stimmungen, Sehnsucht, daß es mit
ihrer teils selbstverschuldeten teils unverschuldeten Lage bald anders,
womöglich besser werden möchte. Es sind oft die ärgsten Schreier,
die rohsten Gesellen, die echten verlumpten Proletarier in der
ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Aber es sind ebenso oft stille,
gedrückte, hilf- und haltlose Menschen, harmlose Seelen, die niemand
den kleinen Finger krümmen, denen die hochaufzischenden Wogen der
wirtschaftlichen Stürme rettungslos über dem Kopfe zusammenschlagen. Es
sind unter ihnen Kandidaten für Korrektionshäuser wie für christliche
Arbeitervereine. Und alle Berufsklassen, alle Altersstufen sind auch
unter ihnen vertreten, besonders stark aber doch die Jugend zwischen
dem sechzehnten und zwanzigsten Jahr etwa. +Denn nach allen meinen
Erfahrungen sind die meisten jungen Leute noch ohne nur irgendwie klare
und bewußt gewollte politische und soziale Meinungen, auch ohne die
vermuteten üblichen sozialdemokratischen.+ Das hatte, wenigstens in
der von mir studierten Arbeitergruppe, seinen hauptsächlichsten Grund
in der unbegrenzten Vergnügungssucht der Burschen und in der leichten
Möglichkeit, sie zu befriedigen. Sie bringen die Sonntagnachmittage und
Nächte meist auf den Tanzböden, die Wochenabende ebenfalls so oft als
möglich mit ihren Mädchen oder auf gemeinsamen Spaziergängen, und die
besten von ihnen in Zither-, Feuerwehr- und Turnvereinen zu. Dann haben
sie bei der Arbeit und während der Arbeitspausen meist weder Zeit noch
Lust noch Kraft noch Gelegenheit, sich mit den schwierigen politischen
Dingen zu beschäftigen. Das kommt dann erst meist nach der Heirat,
durch den Ernst und Zwang des Lebens. Die -- nach meinen Beobachtungen
-- +nicht zahlreichen+ jungen unverheirateten Leute aber, die
sich im Gegensatz zu ihren Altersgenossen schon frühzeitig für die
politischen und sozialen Fragen interessieren, thun das dann immer auch
mit dem ganzen Ungestüm und Feuereifer der Jugend und sind, wie schon
gesagt, die besten Handlanger und Knappen der Agitatoren am Orte.
Diese dritte Gruppe hat ein sehr bezeichnendes besonders scharf
und rücksichtslos ausgeprägtes Charakteristikum an sich: +die
stetige Rücksicht auf den persönlichen Vorteil+. Sie pfiffen --
wie es gar nicht anders zu erwarten war --, auch wenn man es ihnen
noch so dringend einpaukte und auf sie moralisch drückte, auf alle
Sozialdemokratie, +wenn sie keinen Nutzen von ihr hatten+.
Gerade bei ihnen versagte immer am ersten die Autorität der
sozialdemokratischen Führer in der Fabrik ihre Wirkung.
Sie teilten nun freilich diese Eigenschaften auch mit einem großen
Teile der Angehörigen der vorhergeschilderten zweiten, ja selbst
der ersten Gruppe der Elitesozialdemokraten. Nur waren bei diesen
Gesinnungstüchtigern die Beweggründe für solche Gesinnungsuntreue
vielleicht etwas gewichtigere, jedenfalls niemals so skrupellos
und niedrig, sondern überlegter, manchmal erst nach langem innern
Kampfe zugestanden. Aber so und so -- in all den kleinen Fragen des
täglichen Betriebes, die während meiner Anwesenheit in der Fabrik
auftauchten, gab doch immer nicht die Rücksicht auf die freilich
diktatorisch starren und rücksichtslosen Grundsätze und Prinzipien der
Partei, nicht die so oft in stürmischen Versammlungen, wo die Wogen
der sozialdemokratischen Begeisterung hochgingen, gelobte Treue die
Entscheidung und den Ausschlag, sondern -- zum Jammer der führenden
sozialdemokratischen Heißsporne -- +die von jedem selbsterprobte
praktische Erfahrung und nüchterne und besonnen abwägende Überlegung,
die nur zu gewisse Kenntnis von den Grenzen ihrer Macht, der Gedanke an
Weib und Kind, ja, auch bei den idealer angelegten und ernstern unter
ihnen, die Rücksicht auf das Wohl und Wehe, das platte, augenblickliche
Interesse+.
Diese Thatsache trat bei einem Falle besonders frappant zu Tage,
bei dem Versuche der Bildung einer ständigen Arbeitervertretung
in unsrer Fabrik. Die Sache ist auch nach andern Seiten hin so
interessant und bei der augenblicklich schwebenden Streitfrage über
die Arbeiterausschüsse so lehrreich, daß ich die ganze Geschichte der
Einführung dieser sogenannten Arbeitervertretung hier ausführlich
darlegen will. Sie scheint freilich kein allzu günstiges Licht auf
unsre Fabrikleiter zu werfen; doch glaube ich trotzdem, daß sie in
diesem Falle ~bona fide~, in aufrichtiger Gesinnung, mit bestem Wissen
und Willen gehandelt haben können.
Eines Tages, ich war noch nicht lange in der Fabrik, erschien plötzlich
ein Anschlag an den Fabrikthoren mit folgendem Inhalt:
„Um bei Fabrikseinrichtungen und sonstigen Anordnungen u. s. w. auch
die Wünsche und Ansichten unsrer Arbeiter kennen zu lernen, wollen wir
eine Arbeitervertretung, aus 6 Personen bestehend, wählen lassen.
Wahlberechtigt sind alle diejenigen, welche das 21. Lebensjahr
überschritten haben.
Die zu wählenden Vertreter müssen mindestens 30 Jahre alt und
mindestens seit 3 Jahren in unsrer Fabrik ununterbrochen beschäftigt
sein.
Die Wahl erfolgt in der Weise, daß jeder Wahlberechtigte die 6 Namen
der zu erwählenden Vertreter auf die 1. Seite des Einrechnungsbogens
bis nächsten Freitag abend schreibt; diejenigen 6 Personen, welche die
meisten Stimmen auf sich vereinigen, gelten als gewählt, und wird das
Resultat durch Anschlag bekannt gegeben.
Die Ablehnung derjenigen gewählten Arbeiter, welche uns für diese
Vertrauensstellung nicht geeignet erscheinen, behalten wir uns vor,
und würden vorkommenden Falls Arbeiter, welche die nächst höhere
Stimmenzahl auf sich vereinigen, einzutreten haben.
Bei der Stimmenauszählung haben sich
Dreher H. und Schmied N.
zu beteiligen.“
Das heißt also kurz: Die geplante Arbeitervertretung hat den Zweck,
bei neuen Fabrikeinrichtungen aller Art die Ansichten der Arbeiter
kund zu geben. Sie besteht aus sechs Mann, die ohne Rücksicht auf die
einzelnen Berufskategorien gewählt werden können. Wahlberechtigt ist
jeder einundzwanzigjährige Arbeiter, wahlfähig jeder dreißigjährige
und ältere, der drei Jahre der Fabrik angehört. +Die Wahl ist eine
offne und bedingte. Wer von den Gewählten der Direktion zu dem Amte
ungeeignet erscheint, wird zurückgewiesen.+ An seine Stelle tritt
der mit der nächst höchsten Stimmenzahl.
Die Bekanntmachung wurde an jenem Tage, da sie angeschlagen war, oft
und genau, von vielen vielmals gelesen. Ich drückte mich absichtlich,
so oft ich es ohne aufzufallen riskieren konnte, vor dem Anschlage
herum. Ich fand, wie eine sehr große Anzahl der Arbeitsgenossen ihn
still für sich studierte und bald nachdenklich bald auch gleichgiltig,
wie sie gekommen waren, wieder an ihre Arbeit gingen. Eine ebenfalls
nicht geringe Zahl machte ihre Späße dazu, die teils ganz harmloser Art
teils aber beißende Satire über die ganze neue Einrichtung waren. Wenn
ein besondrer Dummkopf oder harmloser Geselle zufällig dabei stand, mit
dem man auch sonst gern seine Allotria trieb, versicherte man diesem
ganz ernsthaft, daß man gerade ihn auf jeden Fall wählen und zu diesem
Ehrenposten verhelfen würde. Wenige murrten. Ein einziger jüngerer
Mann, etwa ein dreißiger, sprach sofort scharf seine Mißbilligung
über den Anschlag offen aus. Die Sache taugte in der Form, wie sie
hier geplant wäre, absolut nichts, sondern wäre ein totgebornes Kind.
Einige, die dabei standen, wagten schüchterne Einwände. Sie gaben die
Fehlerhaftigkeit des Planes zu; doch müßte man erst abwarten. Wen ich
sonst von den Arbeitern an diesem und dem folgenden Tage über die Sache
um seine Meinung befragte, zuckte die Achseln und sagte gar nichts.
Nach ein paar Tagen aber war man -- so war wenigstens die allgemein
sich äußernde öffentliche Meinung -- darüber einig, daß die ganze
Sache mindestens falsch angefangen, wahrscheinlich aber wieder ein
schlauer Coup der Fabrikleitung gegen die Arbeiter wäre. Das bewiese
schon der Wahlmodus. Die offne Wahl wäre angeordnet, um die Gesinnung
jedes einzelnen Mannes kennen zu lernen. Wählte er energische, klar
denkende, ihn wirklich ehrlich und offen vertretende Genossen, so wüßte
man sofort, daß er ebenfalls Sozialdemokrat wäre, wie die gewählten.
Denn nur diese hätten den Mut einer freien Meinung. Wählte er zahme
und untaugliche, so hätte die ganze Einrichtung eben keinen Zweck,
denn die würden zu allem, was die Herren wünschten, ja sagen und bei
wirklichen Mißständen von selbst niemals den Mund aufmachen. Aber
solche Arbeiter wollten die Herrn auch nur, das zeigte deutlich der
fünfte Abschnitt des Anschlags. Wenn jene erste Absicht erreicht wäre,
und man erst die Gesinnung der einzelnen ehrlichen Wähler erkannt
haben würde, würde man sich einfach ohne Rücksicht auf die Höhe der
Stimmenzahl die zahmen und genehmen Kandidaten aussuchen und aus
ihnen eine Arbeitervertretung bilden, „die für die Herren ebenso Luft
wäre, wie überhaupt keine.“ Auch wollte man wahrscheinlich mit der
Einrichtung dieser Scheinvertretung andern größern Verpflichtungen
für später aus dem Wege gehn. Denn es wäre ja nur noch eine Frage
der Zeit, daß mit dem Inkrafttreten des neuen Arbeiterschutzgesetzes
wirksame Arbeitervertretungen gesetzlich eingeführt würden. Da hoffte
man denn, diesen Zwangseinrichtungen zuvorzukommen, sich vielleicht
um sie herumdrücken zu können und sich zugleich den Schein von
Arbeiterfreundlichkeit zu geben. So hoffte man, drei Fliegen mit einem
Schlag zu treffen, und die Arbeiter wären, wenn sie darauf eingingen,
wieder einmal die Dummen.
Diese Ansichten blieben die maßgebenden; die Folge war, daß, wenn
ich recht beobachtet habe und recht unterrichtet worden bin, an
dem aufgegebnen Wahltermine kaum die Hälfte der Leute überhaupt
Namen auf ihr Lohnberechnungsblatt eingetragen hatten. Die übrigen
hatten sich standhaft der Wahl enthalten. Darauf erschien ein neuer
Anschlag, erklärte diese erste unvollständige Wahl wegen zu geringer
Beteiligung für ungiltig, setzte einen neuen Wahltermin an und
forderte +alle+ Arbeiter energisch zur Wahl auf. +Das wirkte.
Die allergrößte Mehrzahl wählte nunmehr und wählte Kandidaten, die
durchweg die Bestätigung der Fabrikleitung erhielten.+ Ihre Namen
wurden bekannt gemacht, und die neue Arbeitervertretung damit für
konstituiert erklärt. Aber ich habe in den mehr als zwei Monaten, die
diesem Vorgange folgten, und während deren ich noch in der Fabrik
war, niemals wieder auch nur das geringste Lebenszeichen von dieser
Arbeitervertretung gespürt. So oft ich auch die Kollegen danach
fragte -- niemand wußte etwas von ihr. Für die denkenden und scharf
sozialdemokratisch gerichteten war das nur ein neuer Beweis für die
Richtigkeit ihres vorhin mitgeteilten Verdachtes.
Noch eine Geschichte andrer Art, die aber dasselbe beweist. Sie
betrifft einen sehr überzeugten Sozialdemokraten unsrer Fabrik,
einen überaus tüchtigen Mann, dessen bedeutsame Arbeit schon früher
gewürdigt worden ist. Sie wurde damals im ganzen Bau von ihm allein
verrichtet. Früher hatten sie zwei Mann gethan. Aber unser Mann
arbeitete gleich nach seinem Eintritt in die Fabrik so auffällig
eifrig und intensiv (obgleich er nicht in Akkordlohn stand), daß man
den andern schwächern bald entbehren konnte, ihn entließ und dafür den
allein Zurückgebliebenen wohl etwas besser lohnte. Das war nun zwar
für ihn vorteilhaft und wohl auch verdient, aber durchaus gegen das
sozialdemokratische Solidaritätsprinzip, das doch, so viel ich weiß,
den mittelalterlich-zünftlerischen Satz wieder wahr machen will: Was
zwei ernährt, soll nicht einer thun. Aber es zeigte sich eben auch
in diesem Falle, wie in dem vorher Geschilderten und wie sonst oft:
Das eigne, augenblickliche Interesse siegt auch über eine sehr viel
versprechende sozialpolitische Prinzipienreiterei und eine sonst reine
und klare sozialdemokratische Gesinnung.
So bewährt sich an all dem Berichteten mit vollster Deutlichkeit,
daß die rein politische und soziale Agitation der Sozialdemokratie
bei dem phantastischen, unaussprechlichen, unfaßbaren Charakter
ihrer Lehrsätze, sowie bei dem nüchternen praktischen Charakter, der
trotz aller Schwärmerei und Träumerei auch dem deutschen Arbeiter
noch innewohnt, und im Verhältnis zu der Fülle von Zeit und Kraft,
die nunmehr seit Jahrzehnten in Chemnitz auf +diese+ Agitation
verwendet worden ist, bisher eigentlich nicht allzu große Erfolge
erzielt hat und daß es ihr jedenfalls noch nicht gelungen ist, der
Mehrzahl der Arbeiterschaft dieselben ganz gleichen politischen
Ansichten und Wünsche einzuprägen. Ich glaube, daß es auch in
Zukunft niemals viel anders damit werden wird; jedenfalls behaupte
ich mit vollster Entschiedenheit, daß die ganze sozialdemokratische
Propaganda auf diesem Gebiete überhaupt nicht ihre wirkungsvollste und
tiefstgreifendste Arbeit thut. Diese liegt auf einem andern wichtigern
Felde, von dem das nächste Kapitel reden wird. Aber das eine Große hat
sie doch auch sozialpolitisch unter den Arbeitern erreicht, daß diese
sich trotz aller Unterschiede, Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten
als eine große politische und soziale Schicht empfinden gelernt haben
und sich nun dauernd mit einander solidarisch verbunden und durch die
Sozialdemokratie, ganz einerlei wie sie im einzelnen zu ihr stehn,
vertreten wissen. Und so sehr einerseits die Recht hatten, die es mir
in der Fabrik bitter klagten, daß die Arbeiter nur in Versammlungen
zusammen hielten, sonst aber nicht zusammenstünden, so sehr ist es doch
auch Thatsache, daß sie sich andern politischen Parteien und sozialen
Gesellschaftsschichten, gerade in Stunden, da die Begeisterung erwacht,
bei Wahlen und eben auch in solchen Versammlungen unwillkürlich und
selbstverständlich als +eine+ große Masse entgegenstellen.