Ich führe diese erfreuliche Erscheinung nun allerdings weniger auf den

idealen Gedanken zurück, daß man auch in dieser Bevölkerungsschicht

wie im Adel und einigen Bürgerkreisen stolz ist, dem Könige im

Heere dienen zu dürfen, sondern vielmehr auf die Freude des Volkes

an dem bunten Rock und dem militärischen Glanz und Gepränge, auf das

frische, freie, heitre, sorgenlose Leben, das der vollkräftigen,

lebenslustigen Arbeiterjugend in dieser Zeit wie meist niemals wieder

nachher beschieden ist, und auf die nicht minder wichtige Thatsache,

daß diese Militärzeit für den Fabrikarbeiter die längste, völligste

und glänzendste Abwechslung in dem öden Einerlei seines Fabriklebens

ist. Daraus erkläre ich mir auch die auffällige Erscheinung, daß man

sich allerseits doch auch (wenn nicht ganz armselige Verhältnisse

und allzugroße Not in der Familie herrschen) verhältnismäßig gern

und willig an den Reserveübungen beteiligt, weil man dabei die

Erinnerung an die alte schöne Zeit für kurze Wochen wieder einmal

gemeinsam auffrischt. Und diese Erscheinung gewinnt noch an moralischem

Schwergewicht, wenn man daran denkt, daß für solche Leute aus dem

Arbeiterstande die Reserveübungen bisher ja mit einem gänzlichen

Ausfall an Verdienst für die Familien und darum mit viel größern Opfern

fürs Vaterland verbunden sind, als die jährlichen achtwöchigen Übungen

für Söhne wohlhabender Eltern, die Reserveoffiziere sind oder es werden

wollen.

Auch über die Militärvereine wurde zweimal in der Fabrik von meinen

Arbeitsgenossen gesprochen, beide male in einer höchst interessanten

und mitteilenswerten Weise. Es handelte sich um die Frage, ob

Sozialdemokraten Mitglieder eines Militärvereins sein dürfen; und

es zeigte sich hierbei, daß drei ganz verschiedne Meinungen unter

den Arbeitsgenossen vorhanden waren, die sich schroff gegenüber

standen. Die einen behaupteten, man müßte unter allen Umständen

ehrlich und charakterfest sein. Es stünde fest, daß die Militärvereine

offiziell jeden sozialdemokratischen Kameraden auszuschließen

verpflichtet wären. So sollte jeder Genosse auch so stolz sein

und von selbst aus diesen Vereinen austreten, besser überhaupt

niemals in sie eintreten, um keinen Betrug zu begehen und nicht

doch schließlich hinausgeworfen zu werden. Zwei andre, die selbst

nie Soldaten gewesen waren, bestritten diese Ansicht lebhaft und

vertraten die gegenteilige: „Jeder Sozialdemokrat, der gedient hat,

hat die Pflicht, in den Verein einzutreten und es dahin zu bringen,

daß sie allmählich ganz zu sozialdemokratischen Vereinen und auch

die bisher anders gesinnten Kameraden Sozialdemokraten werden.“

Diese beiden, jüngere Männer voll Initiative, hatten dabei wohl den

Militärverein unsers Vororts im Auge, dessen Mitglieder allerdings

zur Mehrzahl aus erklärten Sozialdemokraten bestanden, der dies

bei irgend einer Gelegenheit auch offen bekannt und daraufhin die

Zugehörigkeit zum sächsischen Militärvereinsbunde und das Recht, das

königliche Wappen in seiner Fahne zu führen, verloren hatte. Zum

größten Bedauern und zur Mißbilligung der dritten Gruppe bei jenen

beiden Gesprächen, die, schon ältere Leute, eine mehr vermittelnde

Anschauung, doch auch nachdrücklich und gegensätzlich genug den

zwei andern gegenüber vertrat. Sie meinten, die Sache sei so: „Wir

sind Soldaten und Sozialdemokraten, beides mit Leib und Seele. Die

Militärvereine sind Soldaten- und zugleich Unterstützungsvereine,

vornehmlich mit das letztere; und wir haben lange Jahre auch mit in

ihre Kasse gesteuert. Wir haben also ein Anrecht an dem Genuß ihrer

Vorteile. Schon deshalb dürfen wir in den Vereinen bleiben. Aber

da deren Satzungen die politische Gesinnung der Sozialdemokratie

ausschließen, so wäre es Blödsinn und Tollkühnheit, sie in den Vereinen

zu äußern oder gar Propaganda dafür zu machen. Man behält sie dort

besser für sich und redet nicht davon.“ In beiden Gesprächen kam es

zu keiner Einigung und Annäherung dieser drei Anschauungen. Jede

Gruppe bestand auf der Richtigkeit der ihrigen und erklärte die zwei

andern für durchaus falsch. Jedenfalls zeigt auch diese Thatsache

die Verschiedenheit der treibenden innersten Prinzipien in der

politischen Gesinnung dieser Durchschnittssozialdemokraten. Bei den

ersten entscheidet der Idealismus und fordert offnes Visier und streng

reinliche Trennung; bei den zweiten drängt der Gedanke der Agitation

und Propaganda zu kühnem Wagen; bei den dritten kämpft das von der

Partei aufgezwungne vaterlandslose Empfinden des Sozialdemokraten

mit der guten vaterländischen Gesinnung des alten Soldaten, und

Nützlichkeitsrücksichten bestärken noch mehr die dadurch erzeugte

Unentschiedenheit der Stellung. Ich glaube, annehmen zu können, daß

diese drei Meinungen auch in weitern Kreisen meiner Fabriksgenossen

vorhanden waren, da sie, wie gesagt, eben damals infolge der Vorgänge

im Militärvereine unsers Ortes gezwungen waren, sich mit dieser Frage

zu beschäftigen. Welche von den Richtungen überwog, konnte ich nicht

erkennen.

Einen meines Erachtens guten Dienst leistete übrigens -- ich darf dies

an dieser Stelle gleich mit erwähnen -- der Turnverein unsers Vorortes.

Er war noch nicht alt und verhältnismäßig stark. Junge Schlosser,

Weber, Arbeiter, aber auch Kaufleute, Expedienten und Schreiber

gehörten ihm an. Auch einen jungen Zeichner, also einen höhern Beamten

aus unsrer Fabrik, traf ich unter den Turnern. Kurz, es waren wohl

fast alle Berufsarten unsers Vorortes in dem Vereine vertreten, und

ebenso die sozialdemokratischen wie die sozialistisch noch nicht oder

nur wenig durchsetzten. Und alle Glieder schienen gute Kameradschaft

zu halten. So war dieser Turnverein ein neutraler Boden, auf dem

die verschiedensten politischen Gesinnungen und Neigungen friedlich

und nach den Satzungen des Vereins unausgesprochen neben einander

hergingen. Es war damit eine Stätte der persönlichen gegenseitigen

Annäherung gebildet über die engherzige Parteigesinnung hinweg. Und

hierin sehe ich die große ethische Bedeutung aller Turnvereine, die in

einer ähnlich wie bei uns zusammengesetzten Bevölkerung nach denselben

Grundsätzen existieren und blühen. Von diesem Gesichtspunkt aus stelle

ich sie auch höher als die Militärvereine, die heute doch in der That

„reichstreue“ Parteivereine und antisozialdemokratische Kampfvereine

geworden sind.

Gleich freundlicher Art sind nun auch die Erfahrungen, die ich über

die Gesinnung dieser Leute gegen den +deutschen Kaiser+ und den

+König von Sachsen+ gemacht habe. Zwar war es hier natürlich

besonders schwierig, einen sichern Einblick zu bekommen. Jedermann

hütete sich vor einer Majestätsbeleidigung, da keiner dem andern recht

traute. Ich glaube auch, daß sich ein nicht ganz geringer Bruchteil wie

zu manchem andern so auch zu Kaiser und Reich durchaus gleichgiltig

verhielt. Sie hegten weder Haß noch Liebe; sie hatten kein Interesse

dafür, häufig auch zu viel mit sich, ihren engen Verhältnissen oder

seichten Vergnügungen zu thun, um daran denken und ihr Herz noch

daran begeistern zu können. Dann waren gewiß auch wieder andre,

die, von der parteikorrekten Gesinnung der Elitesozialdemokraten

auch in dieser Beziehung schon angekränkelt, innerlich zwischen

Zuneigung und Abneigung, Vaterlandsliebe und Vaterlandslosigkeit

noch hin und her schwankten. +Aber für die große Mehrzahl eben der

Durchschnittsanhänger war doch der Kaiser eine durchaus sympathische,

volkstümliche Gestalt.+ Nicht nur, daß man ohne Opposition, ohne

Murren und finstre Mienen billige und freundliche Urteile über ihn

mit anhörte und ihnen zustimmte -- das wäre in diesem Falle noch kein

Beweis für meine Behauptung --, sondern ich habe auch selbst aus dem

Munde der Leute nicht einmal nur das runde Urteil gehört: „Der Kaiser

ist gut und tüchtig.“ Einmal bei einem der Kinderfeste, wo die Leute

also doch ganz unter sich waren und sich nicht genierten, trat diese

Ansicht besonders deutlich zu Tage: „Kaiser Wilhelm hat die besten

Absichten; aber er kann nicht, wie er will. Den halten sie fest und

zwingen ihn nach ihren Plänen. Aber hoffentlich gelingt es ihm noch,

seine eignen Wege zu gehn.“ Dort hörte ich auch um Kaiser Friedrichs

Tod die nicht seltene Klage: „Schade um ihn! Wie ganz anders stünde

alles, wenn er nur fünf Jahre regiert hätte.“ Ein andermal sagte ein

schon ziemlich herabgekommener Fleischergeselle, mit dem ich ein Stück

wanderte: „Kaiser Friedrich hielt auf die Arbeiter mehr als auf alle

andern. Sie haben aber auch recht.“ An Kaiser Friedrich vor allem

glaubt man da unten. Der milde freundliche Hohenzoller ist noch im

Grabe ein Friedensmittler zwischen dem Thron und dem Volk und ein Segen

für beide. Hie und da findet sich auch ein Bild von ihm wie von dem

regierenden Kaiser an den Arbeitsplätzen einzelner Leute angeklebt.

Auch traf ich patriotische Lebensbeschreibungen von Friedrich dem

Dritten sowohl als Wilhelm dem Ersten, freilich in Form der bekannten,

meist so minderwertigen Kolportagegroschenhefte in mehreren Familien

verbreitet, deren Väter wiederum sonst offen mit in das Horn der

sozialdemokratischen Partei stießen. Ich werde an einer spätern Stelle

ein haarsträubendes Gespräch zweier Sozialdemokraten unsrer Fabrik

über Bismarck mitteilen. Auch diese beiden zeigten, so sehr sie

Bismarck fluchten, doch volles Vertrauen zum Kaiser. Als ich bei jener

Unterhaltung meinte, ich glaube nicht, daß der Kaiser, selbst wenn ein

neues Attentat käme, das Sozialistengesetz aufrecht erhalten würde,

stimmten mir beide nachdrücklich zu. Ein andermal verwahrte einer ganz

entschieden die Arbeiter gegen die Anklage der Reichsfeindlichkeit:

„Wir sind nicht gegen die Regierung und den Kaiser, nur gegen ihre

falschen Freunde.“ Und ein andrer Durchschnittssozialdemokrat, mit dem

ich mich besonders häufig über politische Dinge unterhielt, auf dessen

durchdachte Ansichten ich einiges hielt und der, bereits neun Jahre

in unsrer Fabrik, auch die einzelnen Genossen ziemlich genau kannte,

sagte mir einmal ganz offen und ohne dazu aufgefordert zu sein: „Ich

bin im geringsten gar nicht gegen den Kaiser oder gegen unsern König.

Ich habe zwar beide noch nicht gesehn; aber für unsern König ginge

ich durchs Feuer. +Und so wie ich, giebts ihrer unter uns noch satt

(genug).+“ Zu dieser weit verbreiteten freundlichen Gesinnung half

wohl gleichmäßig mit das feste monarchische Bewußtsein, das von alters

her tief im deutschen und sächsischen Volke sitzt, die aufrichtige

reformfreundliche, soziale Gesinnung des Kaisers, von deren Ehrlichkeit

man auch da unten oft wider Willen überzeugt scheint, und schließlich

die nur beschränkte antimonarchische Agitation der Sozialdemokratie,

der man gerade in diesem Punkte die Flügel arg beschnitten hat.

Freilich darf man nicht meinen, daß diese günstige monarchische

Gesinnung auch nur in einem wesentlichen Punkte jener frühern

Unterthänigkeit gleicht, die in tiefster Ehrfurcht, mit Zittern und

Zagen vor Seiner Allmächtigen Majestät erstarb. Willenlos, gedankenlos

geht wohl keiner mehr auch da unten mit durch Dick und Dünn. Aber dafür

ist -- nach meinem Dafürhalten eine viel gewichtigere Thatsache -- doch

in weiten Kreisen jene Achtung vor dem „ersten Diener des Staates“

vorhanden, dessen Daseinsnotwendigkeit anerkannt ist, an dessen

redliche, pflichttreue, volksfreundliche, unparteiische und gerechte

Absichten man glaubt, von dem man aber auch mehr ahnt als weiß, daß er

nicht der allmächtige Herr, sondern ein durch Zwang und Widerstreit der

entgegengesetztesten Interessen vielfach sehr gebundner Herrscher ist.

Ich bin nach alledem davon überzeugt, daß es der sozialdemokratischen

Agitation kaum gelingen dürfte, diese vernünftige Gesinnung des

Volkes zu vernichten, wenn nur der Kaiser wie bisher fortfährt, auch

den Arbeitern und ihren begründeten Forderungen nicht nur gerechte

Billigung zu teil werden zu lassen, sondern ihnen auch, so viel an ihm

ist, Geltung und Erfüllung zu verschaffen.

Im Zusammenhang damit ist es nun auch verständlich, +daß der

weitaus größte Teil meiner Chemnitzer Fabrikgenossen durchaus an

keine gewaltsame blutige Revolution dachte+. Ich habe auch für

diese Thatsache nicht nur den sichern allgemeinen Eindruck als

Beweis, sondern auch zahlreiche direkte und ehrliche Äußerungen

meiner Arbeitsgenossen, die ebenfalls deren Richtigkeit bestätigen.

An jenem aufgeregten Sonntagabend, an dem nach dem Kinderfest unsers

Wahlvereins die heiße Redeschlacht mit dem amerikanisierten Baiern und

seinem Freunde, dem Brauereidirektor, geschlagen wurde, an dem ein

sozialdemokratisches Lied auf das andre gesungen wurde, und wirklich

Herz und Mund den Leuten auf- und übergingen, erklärten mir mehrere:

„Wir Arbeiter +wollen+ keine Revolution. Wir sind viel zu gebildet

dazu. Wir wollen auf friedlichem Wege unser Ziel erreichen; jetzt schon

so viel als möglich, und unsre Nachkommen den Rest.“ Und das waren ein

paar jüngere Leute. In der Fabrik sagte mir gleich im Anfang meiner

Arbeiterlaufbahn ein andrer: „Es fällt uns gar nicht ein, Revolutionäre

zu sein; hier in Chemnitz und Umgegend denkt wenigstens niemand

daran.“ Und später einer: „Daß die Arbeiter Revolution machen wollen,

glauben die oben im Ernst doch selber nicht.“ Und einer der beiden

schon genannten strammsozialdemokratisch-rabiaten Bismarckhasser sagte

eben da, als wir von der Aufhebung des Sozialistengesetzes redeten.

„Der Kaiser hat gesehn, daß alles auch ohne das Sozialistengesetz in

Ruhe und Ordnung weitergeht. Revolution kommt schließlich nur, wenn

man unsre Sache gewaltsam unterdrückt.“ Ebenso ein sehr erfahrener,

selbständiger, schon mehrmals genannter Monteur. „Wir wären doch selbst

die größten Dummhute, wenn wir Revolution machen und die Fabriken

zerstören wollten. Das wäre albern und schadete uns selber am meisten.“

Dann einer der vordern in der Chemnitzer Weberbewegung, ein kraftvoller

Mensch und ausgezeichneter Turner: „Die Großen wünschen, daß wir

Revolution machen; aber wir werden ihnen unter keinen Umständen den

Gefallen thun.“ Und endlich sagte einmal in einer geschlossenen Sitzung

der Vorsitzende mit großem Nachdruck und unter aller schweigender

Zustimmung: „Wir im Fachverein wollen keine Umstürzler sein, sondern

vielmehr ein gutes Beispiel geben und nur die Besserung der Lage

unsers Standes anstreben.“ Nur ein einziges mal traf ich auf einen

Ausspruch, den man auch anders auslegen könnte: „Die großen Herren

sollten uns mit mehr Liebe entgegenkommen. Dann wäre all der Haß und

Streit nicht. Wenn sie das aber durchaus nicht wollen, so gehts uns

schließlich wie dem, der Hunger hat und nichts zu essen kriegt: er

maust sich, was er braucht.“

Ich meine, die Fülle dieser verschiedenen ausdrücklichen Zeugnisse,

die fast alle gerade von ziemlich selbstgewissen Sozialdemokraten

stammen, können genügen, um meine mir unerschütterlich feststehende

Behauptung zu erhärten: der Chemnitzer Fabrikarbeiter, mit dem ich

zusammen gearbeitet habe, sträubt sich heute noch mit Händen und

Füßen gegen den Gedanken einer blutigen Revolution. Zwar weiß er

genau, daß eine durchgreifende Besserung seiner Lage, die ein jeder

von ihnen erwünscht, erstrebt, erwartet, +ohne Kampf+ eine

Unmöglichkeit ist. Dazu kennt und erfährt er selbst, wie gesagt,

zu oft den heute unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen

ihm und dem Unternehmertum. Aber er sieht ihn heute noch als eine

Naturnotwendigkeit und nur im gegebnen Falle auch als Schuld

seines Arbeitgebers an. Er hält darum auch dessen Person und Sache

durchschnittlich auseinander und will auch seinerseits nicht einen

Kampf roher Gewalt, sondern die zwar mannhafte und unnachgiebige,

aber gesetzmäßige Auseinandersetzung zweier organisierter Parteien

in einem parlamentarisch freien Staate. Nicht die Zahl der Fäuste

soll entscheiden, sondern die Zahl der Stimmen und die Macht der

Wahrheit. Gleichwohl leugne ich die +Gefahr+ einer Revolution

keinen Augenblick. +Sie liegt aber nicht in der Absicht, in

den augenblicklichen politischen und sozialen Gesinnungen der

Leute, sondern einmal in der immerhin möglichen Unterlassung oder

Verschleppung einer grundlegenden Sozialreform, und dann vor allem

in der erbärmlichen, neuen Lebensanschauung, die, begünstigt durch

die vorhandene innere Krisis der Kirche und durch unsre verwahrlosten

wirtschaftlichen und sozialen Zustände, sich heute infolge der

sozialdemokratischen Agitation weithin im Volke verbreitet hat.+

Hier allein und nicht in einer, gegebenenfalls übrigens doch

immer nur formalen wirtschaftlichen Schulung der Arbeiter im rein

sozialistischen und kommunistischen Sinne liegt die eigentliche große

Gefahr, der eigentliche verhängnisvolle Erfolg der ganzen bisherigen

Agitation der Partei. Darüber werden die nächsten Kapitel des Weitern

und Breitern zu reden haben.

Im Zusammenhang mit dem eben erörterten Revolutionsgedanken ist nun

auch die fernere Beobachtung, die ich machte, nicht uninteressant,

daß der ihm verwandte Gedanke, die sozialdemokratische Phrase von

der Verbrüderung aller Nationen, bisher in der Praxis noch absolut

keinen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Vielmehr gerade das Gegenteil

davon konnte man in Chemnitz täglich studieren, da hier wegen der

Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze Hunderte von Tschechen, mit

dem Spitznamen „Seffs“ genannt, meist auf Bauten in Arbeit standen.

Zwischen ihnen und den einheimischen Deutschen herrschte durchgehends

Abneigung und Gleichgiltigkeit. Für viele Arbeiterfamilien waren sie

zwar wertvolle und nicht übelbehandelte Erwerbsobjekte; aber man sah

immer auf sie herunter. Sie hatten auch ihre eignen Tanzböden, die

unsre Leute nicht gern besuchten, weil es da zu roh zuging, und es

gab häufig Schlägereien mit ihnen. In unsrer Fabrik hatten selbst

die Deutsch-Böhmen unter dieser Abneigung gegen ihre Landsleute zu

leiden. Von einer Verbindung zwischen Tschechen und unsern Leuten war

jedenfalls nicht das geringste zu spüren.

Dagegen war es tief betrübend, wenn auch nicht gerade verwunderlich

zu sehen, wie erfolgreich die sozialdemokratische Agitation unter

der +gesamten+ Arbeiterbevölkerung, vom eingefleischtesten bis zum

harmlosesten Sozialdemokraten herab, gegen den Fürsten Bismarck hat

Stimmung machen können. Kein Mann ist mehr, bitterer, glühender gehaßt

da unten als der Gründer des deutschen Reiches. Über ihn herrschte

+eine+ Ansicht, +eine+ Stimme: „Bismarck ist der größte Arbeiterfeind“

und „Bismarck ist ein Betrüger.“ Das sind wörtliche Zitate, die ich

mehr als einmal gehört habe. Einmal standen wir etwa ein halbes

Dutzend Mann zusammen vor einer großen eisernen Wand, in die ich mit

der Handbohrmaschine Löcher zu bohren hatte. Da schrieb einer ganz

plötzlich mit Kreide Bismarcks Namen in großen Buchstaben an die Wand

und gab uns auf zu raten, was das bedeute. Er löste uns das Rätsel dann

selbst. Es bedeutete zwei Sätze; jeder Buchstabe des Bismarckschen

Namens, je von vorn und hinten gelesen, war der Anfangsbuchstabe eines

Wortes in diesen zwei Sätzen. Der eine hieß: „=B=ismarck =I=st =S=einer

=M=ajestät =A=llmächtigster =R=eichs-=K=anzler“ und der andre: „=K=ein

=R=eich =a=rbeitet =m=it =s=o =i=ntelligenten =B=eamten.“ „Ja,“ sagte

ein andrer darauf, „Bismarck hat viel Bildung“. Wieso? fragte ich.

„Bismarck hat die meisten Steuern +gebildet+,“ war die Antwort. In

beiden Fällen wenig Witz, aber viel Haß. Ein andermal stand ich wieder

mit einem andern zusammen. Wir redeten vom ersten Mai, der hinter uns

lag. Der Mann behauptete, daß in unsrer Fabrik damals kein Wort weder

+vor+ noch +nach+ dem „Ersten“ über eine Maifeier gefallen sei. „Und

doch hat man so ernstliche Maßregelungen angedroht; nicht nur von

seiten der Arbeitgeber, sondern auch der Regierung. Aber daran ist

Bismarck schuld; dieser hat das größte Unheil angerichtet. Zwar ist

er nun fort, und das ist gut, aber dafür sind nun seine Anhänger und

Getreuen noch immer sehr mächtig bei der Regierung.“ Noch bezeichnender

war das schon erwähnte Gespräch, das ich wieder zwischen zwei andern

mit anhörte.

A: „Was wird jetzt Bismarck machen?“

B: „„Der sitzt gemütlich in Friedrichsruh und stellt vielleicht

neue Attentate an, wie 1878.““

A: „Wieso denn?“

B: „„Nun, das ist doch klar. Weder Nobiling noch Hödel waren

Sozialdemokraten. Jener war ein Liberaler, dieser ein Stöckerscher.

Beide waren von Bismarck angestellt, um dann das Sozialistengesetz

erlassen zu können.““

Ich: „Und warum sollte er denn jetzt wieder an so etwas denken?“

B: „„Um zu verhindern, daß das Sozialistengesetz zum ersten Oktober

endlich aufgehoben wird.““

So thöricht auch dies ganze Gespräch ist -- es ist der höchste Grad

von Mißtrauen, Haß und Verachtung, der aus ihm spricht, und der auch

nicht durch ein einziges andres freundliches Urteil über ihn gemildert

erscheint. --

Aus der breiten Masse der bisher geschilderten

Durchschnittssozialdemokraten hob sich nun meiner Beobachtung noch

eine besonders bedeutsame Gruppe ab, deren Zahl, wie ich zu vermuten

manche gute Gründe habe, heute überall in stetigem Wachsen ist. Es

waren gerade die besonders klugen, praktischen, verständigen, ernsten

und gebildeten Leute, Männer mittlern Alters, die sich auch mit den

weitergehenden sozialdemokratischen wirtschaftlichen und politischen

Problemen nicht ohne Verständnis beschäftigt hatten, und ihnen, wenn

auch mit Kritik, doch teilweise gerade besonders stark huldigten, die

aber trotzdem von der rein politischen Agitationsarbeit der Partei

nichts oder nicht viel hielten und darum, thatenlustig wie sie waren,

sich auf die näher liegende, unmittelbare, praktische Erfolge und mehr

Befriedigung versprechende Arbeit in den Fach- und Gewerkvereinen, in

den Komitees der Kranken- und Unfallversicherungskassen, der freien

Hilfskassen und vor allem auch auf die Thätigkeit innerhalb ihrer

lokalen politischen Gemeinde geworfen hatten; natürlich immer mit

der festen Absicht, diese Arbeit im Sinne der sozialdemokratischen

Grundsätze und selbstverständlich zu Nutzen und Frommen der

sozialdemokratischen, der Arbeiterinteressen zu thun. Aber indem sie

sie thaten, waren sie -- mochten sie noch so sehr sozialdemokratische

Gesinnung dabei durchdrücken wollen -- doch gezwungen, mit realen

Thatsachen zu rechnen, reale Ziele verfolgen zu lernen. Diese realen

Thatsachen und Ziele beginnen zu interessieren; sie treten vor den

problematischen und fern hinausliegenden der Gesamtpartei voran und

erziehen so diese Männer, die dabei meist immer noch überzeugte

Sozialdemokraten bleiben, zu wahrhaft praktischer politischer und

sozialer Thätigkeit. Damit ist aber ein wirksames Gegengewicht zu

den Träumereien und Utopienjagden geschaffen, denen sie früher

ausschließlich nachhingen und nachgingen, wenn sie ihren politischen

Menschen anzogen; dadurch wird hoffentlich auch mit die Gefahr

vermieden, daß die Sozialdemokratie zu einer kindlichen, nie wirkliche

Reformen erzwingenden Schattenpartei wird und sich lächerlich macht.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 12 / 21 段