+In der ganzen übrigen erdrückenden Mehrheit der sozialdemokratischen

Arbeiterschaft aber war von einer ebensolchen geschlossenen und

klaren politischen und sozialen Gesinnung nicht mehr die Rede. Hier

waren vielmehr die allerverschiedensten, auseinandergehendsten,

verworrensten Ansichten in buntem Gemisch, in allen Nüancen und

Färbungen vertreten.+ Hier waren die eignen praktischen Erfahrungen,

die ein jeder in seinem bisherigen Leben und Berufe gemacht, die

persönlichen Wünsche und Erwartungen, die gerade er hegte und

erstrebte, die eigentümlichen Eindrücke, die er in seiner frühern

nicht sozialdemokratischen Zeit, im Elternhause und sonstwo erhalten,

nicht so gewaltsam unterdrückt und verwischt, sondern vielmehr häufig

noch besonders rege und lebendig, und alles zusammen, eigne Erfahrung,

persönliche Wünsche, frühere Einflüsse in eine wunderliche, oft nur

sehr lose und nur sehr beschränkte Verbindung mit sozialdemokratischen

Anschauungen und Lehrsätzen gebracht. Und auch diese wieder waren bei

weitem nicht vollständig, nicht geklärt und geordnet aufgenommen.

Denn nur wenige aus diesem großen und unübersehbaren Kreise hatten

auch nur einigermaßen so hartnäckig und ernsthaft wie jene andre,

erstgeschilderte Gruppe die Parteischriften studiert. Was sie vielmehr

von politischen und wirtschaftlichen Ansichten sozialdemokratischen

Ursprungs besaßen, war ihnen meistenteils aus kurzen halbverdauten

Artikeln der unregelmäßig gelesenen sozialdemokratischen

Lokalpresse, teils aus den Vorträgen und Reden sozialdemokratischer

Versammlungen, teils endlich aus dem persönlichen Umgange mit den

klarern, zielbewußtern Kameraden hängen geblieben. Und je nachdem

nun einer oder mehrere der oben genannten vier Faktoren in dieser

Verquickung das Übergewicht und den bestimmenden Einfluß hatten und

je nach den geistigen Fähigkeiten des einzelnen Mannes und seiner

größern oder geringern Initiative, entstand so ein vollständigeres

oder unvollständigeres, geklärteres oder widerspruchsvolleres,

vernünftigeres oder unvernünftigeres, immer aber buntes Gemisch von

politischen und sozialen Gedanken, das sich in keinem Falle mehr mit

der wasch- und programmechten sozialpolitischen Anschauung des Normal-

und Elitesozialdemokraten zu decken vermochte, das überhaupt in keine

Parteischablone einzuordnen war, und das nun bald in liebenswürdigerer,

freundlicherer, ruhigerer und leidenschaftsloser, bald aber auch in

roher, abstoßender, gehässiger, radaumäßiger Art, bald in gewandteren

bald unbeholfneren Ausdrücken, bald häufiger bald seltner zu Gehör

gebracht wurde. Und obgleich so notwendigerweise fast ein jeder

dieser Leute eine besondre, von dem andern verschiedene Stellung zum

sozialdemokratischen Programm einnahm und oft das Allerverschiedenste,

ja Konservativste mit unter dasselbe subsummierte, fühlten und

wußten sie sich doch alle als Sozialdemokraten, und manch einer von

ihnen glaubte steif und fest, daß eben seine eignen lückenhaften,

brockenweisen Gedanken gerade diejenigen der Partei, sein eigen

wunderlich Ideal auch das ganze Ideal der Sozialdemokratie sei. Es

ist unter solchen Umständen geradezu unmöglich, eine erschöpfende

Darstellung dieser verworrenen, verschiedenartigsten, halb oder nie

zum klaren Ausdruck gebrachten Ansichten zu geben. Ich selbst habe sie

natürlich auch bei weitem gar nicht alle in Erfahrung bringen können

und muß mich darum darauf beschränken, mir besonders frappant gewesene

Züge davon hier wiederzugeben.

In einem sehr wichtigen Gesichtspunkte näherten sie sich zunächst

einander ziemlich alle. Das war in dem Verhältnis zu den letzten

radikalen Zielen des sozialdemokratischen Parteiprogramms.

Ich sage nicht, daß man sie offen verwarf oder ihnen auch nur

konsequent Opposition machte. +Aber bei der Mehrzahl dieser

Durchschnittssozialdemokraten und gerade auch bei den klügern,

nachdenklichen, praktischen, erfahrenen und gereiften Männern unter

ihnen war weder der offizielle demokratische Republikanismus noch

der wirtschaftliche Kommunismus eigentlich recht populär.+ Es

waren dies Größen, für die die meisten dieser Köpfe kein inneres

Verständnis und ebenso viele Herzen keine Begeisterung und Wärme zu

hegen vermochten. Aber man nahm eben auch dies wie so vieles von der

Sozialdemokratie hin als etwas, was nun wohl einmal dazu gehören und

so sein müßte, gleichgiltig es den Führern überlassend, sich mit

diesen unfaßbaren Problemen herumzuschlagen, im stillen vielfach davon

überzeugt, jedenfalls aber darauf gefaßt, daß diese Prophezeiungen

niemals in Erfüllung gehen würden. So sagte mir einmal ein ziemlich gut

gestellter, kinderloser, darum sorgenlos lebender Bohrer, ein schon

älterer, gutmütiger, höflicher Mann, aber ein begeisterter Anhänger der

Sozialdemokratie, genau wörtlich: „So wie Bebel die Sache in Zukunft

haben will, wird es doch niemals kommen. Er hat sich schon geändert

und wird sich auch weiter noch mehr ändern.“ Ein andrer, ebenfalls

sehr kluger, nachdenkender und überzeugter Sozialdemokrat erzählte mir

einmal unter anderm in einem längern Gespräche: „Weißt du, ich lese nie

ein sozialdemokratisches Buch und selten eine Zeitung. Früher habe ich

mich überhaupt nie mit Politik beschäftigt. Aber seit ich verheiratet

bin und fünf tüchtige Fresser im Hause habe, muß ichs thun. +Doch

mache ich mir meine Gedanken für mich.+ Ich bin auch nicht für rote

Schlipse, große runde Hüte und sonstige ähnliche Sachen. Das machts

alles nicht. +Wir wollen auch gar nicht den Reichen und Vornehmen

gleich werden. Reich und arm muß und wird immer sein.+ Das fällt

uns gar nicht ein. Aber wir wollen gerechtere und bessere Ordnung in

der Fabrik und im Staate, und was ich darüber denke, sage ich offen

heraus, wenns auch nicht gefällt. Etwas Ungesetzliches aber thue ich

nicht.“ Überhaupt scheuten sich Klügere und Selbstbewußtere nicht,

auch gegenüber augenblicklichen Fragen ihrer Partei ihre besondre

Stellung auszusprechen. So ein Monteur, der älteste, erfahrenste in

der ganzen Abteilung, der, wie er mir bei einer andern Gelegenheit

auseinandersetzte, ähnlich dem vorher zu Worte gekommenen Kameraden

zur Sozialdemokratie stand, und der durchaus nicht die Verwirklichung

aller ihrer Forderungen erwartete, ja kaum wünschte. Dieser war

über die Haltung der offiziellen Partei zur Frage der Frauen- und

Kinderarbeit, wie viele, nicht sehr erbaut. Bekanntlich drängte die

Parteileitung bis vor kurzen dahin, daß die gesamte sozialdemokratische

Agitation auf deren Beseitigung, und der Arbeiter möglichst auf deren

freiwillige Unterlassung bestand. „Das ist aber Unsinn. Wenn der Mann

genug verdient, läßt er schon von allein Frau und Kinder nicht in der

Fabrik arbeiten. Wird aber das Geld gebraucht, so müssen sie eben wohl

oder übel mitarbeiten; da sollte man denn doch den Verdienst nicht

noch einschränken wollen. Denn das ist falsch, daß man behauptet,

dann würden die Löhne steigen. Ein bißchen vielleicht, aber viel

nicht. Sollte wirklich ein Ersatz geschaffen werden, dann müßten sie

im Durchschnitt verdoppelt werden; dann brauchte allerdings keiner

mehr seine Frau oder sein Kind arbeiten lassen. Aber wer kann das den

Fabrikanten zumuten? Ich glaube gar nicht, daß sie das, selbst wenn sie

es wollten, leisten könnten.“ Es kommt in diesen Meinungsäußerungen

nicht darauf an, ob sie sachlich und wirtschaftlich richtig oder

falsch sind -- bei der eben angeführten z. B. müßte man doch das

letztere behaupten --, sondern darauf, zu beweisen, daß +geistig

begabte, gewandte und überlegende Arbeiter, so sehr sie sich im

allgemeinen mit der sozialdemokratischen Partei verbunden wissen,

doch eigne Ansichten nicht nur bewahren, sondern sie auch unter den

Genossen ruhig auszusprechen sich nicht schämen und jedenfalls mit

ganz andern Fragen sich innerlich auseinanderzusetzen das Bedürfnis

haben, als mit den Phrasen von einer republikanisch-kommunistischen

Gesellschaftsordnung+.

+Vielmehr beschäftigen diese große, breite Gruppe der besten Arbeiter

am stärksten die augenblicklichen+ und -- für Höherangelegte und

Weiterausschauende -- auch die ferner und prinzipieller liegenden

Fragen des eignen Wirtschaftsbetriebes, den sie kennen und verstehn,

an dem sie unmittelbar beteiligt sind, in dem sie Erfahrung und

Urteil besitzen. So ließ manchen schon die so ganz harmlose Frage der

vierzehntägigen Lohnauszahlung nicht in Ruhe. Sie wünschten dringend

eine achttägige Lohnperiode. Ich meinte da, das sei doch gleichgiltig,

aber da kam ich nicht gut an. Die Bedürfnisse für acht Tage könnte man

übersehen, das Geld so lange zusammenhalten und richtig und gleichmäßig

verteilen. Das sei bei vierzehntägiger Löhnung nicht gut möglich.

Größere Ausgaben, die notwendig dazwischen kämen, nähmen da zu viel

weg, und am Ende der vierzehn Tage ginge es dann immer knapp genug her,

oder man lebte auf Borg. Das waren nun zwar keine ausschlaggebenden

Gründe, wohl aber leider ein weiterer Beweis für die schon bemerkte

hauswirtschaftliche Unfähigkeit unsrer Arbeiterschaft. Wieder für

andre war das Problem einer gerechteren Bezahlung Kern und Stern ihrer

politischen und sozialen Anschauungen. Mit Fug und Recht. Ich habe

schon in einem frühern Kapitel diese Sache gestreift. Es ist Thatsache,

die viel beklagt wurde und mir immer wieder auffiel, daß in der Wertung

und Löhnung der einzelnen Berufskategorien und innerhalb deren wieder

der einzelnen Arbeiter kaum eine gerechte Ordnung herrscht. Es ist das

meines Erachtens ebenso wie jene totale Vernachlässigung einer Regelung

des Verhältnisses und der Kompetenzen der subalternen Vorgesetzten zu

ihren unterstellten Arbeitern auf jenes verhängnisvolle wirtschaftliche

Prinzip des Gehenlassens und der Verachtung der menschlichen

Persönlichkeit zurückzuführen, das es in seinem absolutistischen

Dünkel gar nicht der Mühe wert hält, gar nicht als eine sittliche

Pflicht auch nur ahnen und verstehn läßt, daß hier Ordnung sein muß,

widrigenfalls hier eine Quelle dauernder größter Unzufriedenheit

sprudelt. So war es Sitte, daß die Schlosser und Schmiede, also

gelernte Leute, für ihre mühsame, schwere, oft knaupliche und viel

Intelligenz erfordernde Arbeit im Durchschnitt viel geringer gelohnt

waren als eine große Anzahl an der Maschine arbeitender Bohrer, Dreher,

Hobler und Stoßer. Und wieder unter diesen hatten, wie schon gesagt,

gerade die an den großen Drehbänken, Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen

mühelos beschäftigten einen unverhältnismäßig höhern Lohn als die

zu unausgesetzter Aufmerksamkeit gezwungenen Arbeiter an denselben

Maschinen kleinen und kleinsten Kalibers, von den Handarbeitern gar

nicht zu reden. Diese Mißstände zu beseitigen war mancher unsrer

Sozialdemokraten dringendste Forderung. Sie verlangten hier gerechtere

Berücksichtigung und dann mit einer ganzen Reihe von Arbeitsgenossen

steigenden Lohn mit der wachsenden Anzahl der Jahre, währenddem man

in ein und demselben Betriebe beschäftigt war, wenn möglich auch eine

gewisse Avancementsfähigkeit, so vom Handarbeiter zum Arbeiter an

einer kleinen, allmählich zu solchem an einer größern und auch ganz

großen Maschine, die auch heute schon von keinen darauf gelernten

Leuten bedient wurden. Ansätze zu einer solchen Avancementsskala waren

freilich bei uns, aber auch wohl nur unbeabsichtigt vorhanden. Ich

persönlich würde nicht so leicht begreifen, warum unsre Arbeitgeber

-- ich vermute, es ist anderwärts auch so -- gerade diese Wünsche

ihrer Leute bis heute so total ignoriert haben, wenn es nicht eben

Thatsache wäre, daß sie von der Erfüllung sittlicher Pflichten keine

blasse Ahnung haben. Und doch läge das in ihrem eigensten Interesse.

Es kostete ihnen kaum eine nennenswerte Summe -- worauf für sie

doch so viel anzukommen pflegt -- und ermöglichte ihnen, einen viel

größern und viel seßhaftern, damit auch konservativern Arbeiterstamm

heranzuziehen. Noch andre unsrer Arbeitsgenossen spannen nun freilich

die Gedanken über Fragen +unsers+ Betriebes über diese hinaus bis

zu allgemeinen wirtschaftlichen Problemen der Art, wie sie allerdings

die Sozialdemokratie ihnen vorformulierte. Dabei kamen ihnen dann

jene früher geschilderten Erscheinungen zu Hilfe, die ihrer scharfen

Beobachtung nicht entgingen, z. B. daß der ganze ihnen sichtbare

Betrieb durchaus gesellschaftlich, sozialistisch gebildet war, in

der Form der gemeinsamen Produktion einzelner kunstvoller Ganzen

sowohl, wie in der Art des gegenseitigen Verkehrs unter sich und mit

ihren nächsten Vorgesetzten bei dieser Arbeit. Dazu verhalf weiter

die Thatsache, daß die eigentliche Gesamtleitung, die Thätigkeit des

kaufmännischen Zweiges eines solchen großen Etablissements sowie der

gesamten technischen Abteilung der Ingenieure und Zeichner sich fast

vollständig ihren Augen entzog, sodaß diese einfachen Menschen umso

leichter zu der irrigen Ansicht kommen konnten, daß eben +ihre+

Arbeit die eigentliche, die hauptsächliche, die Arbeit überhaupt

sei, daß eben +sie+ die Maschinen bauten, sie die eigentlichen

Schöpfer und Macher seien, sie, diese Arbeiterschaft, die Fabrik

repräsentierten. Aber auch sie, die so ihre grübelnden Gedanken und

Träume selbstbewußt und stolz oft weit hinaus in verschwimmende Ferne

spannten, thaten auch das doch ohne rechtes Versenken in die eigentlich

kommunistischen Prinzipien, ohne eigentlich klares Verständnis

ihres Wesens und ihrer Konsequenzen und fast immer auch ohne jene

erbärmliche, vaterlandslose, +politische+ Gesinnung der Führer

und Elitesozialdemokraten, deren Humanitätsduselei zum schwächlichsten

Kosmopolitismus und damit zur Verkennung und Proskribierung alles

wahrhaft Patriotischen und +patriotisch Notwendigen+ verführt.

Ich glaube es nachdrücklich wiederholen zu können, daß eben von dieser

letzten schlimmern Sorte von Sozialdemokratismus unter der Masse dieser

Durchschnittssozialdemokraten, auch der strebsamen, überzeugtern unter

ihnen, nur erst noch sehr wenig als wirklicher Bestandteil innerster

Überzeugung vorhanden, und daß vielmehr z. B. dem deutschen Vaterlande,

dem Kaiser und dem Heere gegenüber eine überraschend freundliche

Gesinnung unter ihnen lebendig war. So schwer, ja unmöglich es für mich

auch in diesem Falle war, bei der Verworrenheit und Unklarheit der

Meinungen dieser Leute ein geschlossenes Gesamtbild davon zu gewinnen,

so glaube ich doch gerade über ihre Stellung zum Militär, zum Kaiser

und zum Könige von Sachsen, zur Revolution, endlich auch zu Bismarck

ziemlich vollständige und richtige Angaben im folgenden machen zu

können, für die ich die Bürgschaft übernehme.

Über das +Militär+ habe ich mich nach meinen Notizen wohl

fast zwanzigmal in der verschiedensten Richtung hin zufällig oder

absichtlich, länger oder kürzer und mit den allerverschiedensten

Leuten unterhalten. So schon in der Herberge. Da war ein mir etwa

gleichaltriger Steinmetzgeselle mein besondrer Intimus geworden.

Auch er war natürlich Sozialdemokrat von der geschilderten üblichen

Durchschnittssorte; er hatte dabei ein seelengutes Gemüt ohne jede

Verbitterung, und hatte noch manches von früherer Zeit in seiner

Gesinnung bewahrt. Er hatte in einem thüringischen Bataillon, in der

Residenz eines der kleinen Fürsten, gestanden. Davon und von den

Paraden, die er mitgemacht, den Offizieren, die ihn befehligt hatten,

erzählte er mir auf unsrer gemeinsamen Wanderschaft mit besondrer

Vorliebe. Vor allem hatte es ihm imponiert, daß sein eigner Fürst,

dienstlich im Range geringer, dem alten Generalfeldmarschall von

Blumenthal die Honneurs gemacht hätte, als dieser einst die Garnison

inspizierte. Blumenthal war überhaupt sein Ideal. Ihn schilderte er in

besonders lichten Farben und mit großer Begeisterung. Für glänzende

Uniformen und schöne prächtige Offiziere schien er ein besonders

empfängliches Auge zu haben.

Auch in der Fabrik dachte ein jeder gern an seine Dienstzeit zurück.

Wenn wir zusammenstanden, und das Gespräch durch irgend etwas darauf

kam, fing man bald Feuer dafür. Dann erzählte man mit Genugthuung

von den Strapazen des Dienstes, den heißen Sommertagen auf den

Exerzierplätzen und den kalten Winternächten auf Posten. Und mancher

war auf sein Regiment besonders stolz. Und doch waren es allesamt

Sozialdemokraten, alte und junge, die so redeten. Von den letztern

hatten wir einen, einen kleinen, hübschen, netten, 18jährigen

strebsamen Schlosser, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, als

Vierjährig-Freiwilliger bei der reitenden Artillerie in Riesa

einzutreten. Er ging von seinem Plan auch nicht ab, so sehr sich ein

älterer, übrigens wohlmeinender Genosse unsrer Handarbeiterkolonne,

oft und meines Erachtens mit Recht bemühte, ihm ihn auszureden und

die Schattenseiten eines vierjährigen Militärlebens zu schildern.

Dann gabs auch eine Anzahl bereits ausgehobener Rekruten, die im

Herbste einzutreffen hatten. Auch ein Österreicher war darunter.

Sie alle, besonders der letztere, warteten wie Kinder mit freudiger

Ungeduld und doch natürlich mit einigem Bangen auf den Termin ihrer

Einberufung, auch von ihnen ein jeder stolz auf sein Grenadier- oder

Gardereiterregiment, zu dem er ausgehoben war. Der Österreicher

nahm sichtlich schon eine immer strammere militärische Haltung an

und grüßte gar nicht anders mehr als durch Anlegen der Hand an

die Mütze, ganz nach militärischer Art. Auch sie waren mehr oder

weniger alle „sozialsch,“ wie es einmal einer sehr geschmackvoll

und gewandt ausdrückte. Ja eben der künftige Gardereiter, ein

ziemlich leichtsinniges Bürschchen, war es gewesen, der mir das

schon oben zitierte famose Wort gesagt hatte. „Bei uns ist alles

sozialdemokratisch, selber die Maschinen.“ Dann traf ich einen

sogenannten Zehnwöchentlichen unter uns, also einen Ersatzreservisten.

Auch er sollte in weniger als vier Wochen eintreffen. Und auch er

hatte dafür -- ich sprach mehrmals mit ihm -- nichts andres als nur

Worte einer gewissen stillen und stolzen Genugthuung. Er that sich

etwas darauf zu gute, daß er jetzt sparen mußte, um während der zehn

Wochen Militärzeit etwas zum Zusetzen zu haben! Einmal stand ich mit

etwa fünf andern Sozialdemokraten zusammen. Auch da kam das Gespräch

auf das Militär und vor allem auf die Manöver in der Chemnitzer

Gegend. Und auch da war es nur der Anstoß zu einer Menge hübscher

Manövergeschichten, die einzelne von ihnen meist als Zuschauer und als

Quartierleute zu ihrer Freude mit erlebt hatten. Dann war unter den

Handarbeitern unsrer Fabrik ein früherer Schneider, der in Dresden

bei der Artillerie gestanden hatte und diese Dresdner Zeit mehrmals

als die schönste und lustigste seines Lebens bezeichnete. Als ich

ihn einmal auf dem Krankenbette abends besuchte, ließ er sich von

seiner Frau seine eigne und seiner Kameraden Photographien sowie das

ganze Batteriebild herbeiholen, um sie mir mit sichtlicher Freude und

unter genauer Schilderung des Lebensganges eines jeden abgebildeten

Vaterlandsverteidigers vorzuführen. Dann erklärten mir wieder einmal

bei der Arbeit zwei Packer, alte, wetterfeste, knorrige Leute, die viel

derbe Späße im Kopfe hatten und leidlich genießbar waren, wenn man sie

zu nehmen wußte, mit besonderm Nachdruck: „Wir sind mit Leib und Seele

Soldat und werden es bis an unsern Tod bleiben.“ Und dasselbe könnte

ich noch von einer Reihe andrer berichten, die beim Frühstück und auch

einmal eines Abends in der Kneipe ganz ähnlich von ihrer Soldatenschaft

redeten. Selbst jener ganz heruntergekommene Schlosser, der nur acht

Tage bei uns blieb, sich gleich am ersten Tage hatte Vorschuß geben

lassen und, freilich ohne Glück, uns alle anzuborgen versuchte, und

der sich als ein Regimentskamerad von mir entpuppte, unterhielt sich

mit ganzem Herzen über die uns gemeinsam bekannten Offiziere im

Regiment, über die Kaserne und allerhand andre Wichtigkeiten. Freilich

-- einzelne räsonnierten ja auch manchmal über ihre Offiziere, die sie

allzu scharf angefaßt hatten. Ein junger sozialdemokratischer Schlosser

kannte auch die bekannte Abelsche Broschüre und sagte, er stimmte ihr

zu: aber auch bei ihm und denen, die sich manchmal über ihre Offiziere

beklagten, war das mehr persönlicher Groll und galt eben -- nach dem

ganzen Eindruck, den ich davon hatte -- mehr nur diesen Personen und

einzelnen Vorfällen als der gesamten Einrichtung.

Einmal unterhielten sich auch zwei über die sozialdemokratische

Forderung der Abschaffung des stehenden Heeres. Der eine, selbst

nicht Soldat gewesen, vertrat sie, aber mäßigte sie dahin, daß das

natürlich nicht sofort und auf einmal möglich wäre. Vielmehr könnte

das nur ganz allmählich vor sich gehen. Der andre bestritt das und

erklärte die eventuelle Auflösung der Regimenter und die Entlassung

der Hunderttausende junger, frischer Arbeitskräfte für einen Ruin der

gesamten Arbeiterbevölkerung. Dann würde die industrielle Reservearmee

ins ungeheure anschwellen, die Löhne ganz gewaltig sinken, und wir

Arbeiter allesamt hungern müssen.

Eine ganz wunderliche Vorstellung traf ich bei zwei andern

Sozialdemokraten, von denen nur einer unsrer Fabrik angehörte. Es war

das bei dem Kinderfeste auf der Jagdschenke bei Siegmar. Sie redeten

von Streiks. Da sagte der mir Unbekannte plötzlich: „Ja, wenn erst die

Offiziere streiken werden. Es fängt schon an, zu gären. Nur darum hat

die Regierung auch neuerdings ihre Gehälter verbessern wollen, um sie

zufrieden zu machen. Übrigens, setzte er hinzu, geht es schon los, in

England, Spanien u. s. w.“

Eigentliche Erbitterung gegen das Militär habe ich nur einmal beim

Mittagessen in unsrer Kneipe an einem finstern wortkargen Burschen mit

einem fanatischen Jesuitengesichte angetroffen. Dieser las einem andern

einen Militärartikel aus einem Blatte vor. Darin wurde der Hauptmann

der Vater, der Feldwebel die Mutter der Kompagnie genannt. Das brachte

den Mann sehr in Aufregung, und er erging sich denn da in nicht allzu

schmeichelhaften Ausdrücken über die in der That ja manchmal höchst

problematische Vater- und Muttertreue der beiden Herren. Aber das war

eben auch einer der rabiaten „Elitesozialdemokraten,“ von dem keine

andre Meinung zu erwarten war. Sonst jedoch fand ich, wie gesagt, immer

nur freundliche Gesinnungen.

Eine besondre Vorliebe für das Militär äußerte sich natürlich bei

denen unter uns, die den Feldzug in Frankreich mitgemacht hatten. Ich

habe von ihnen drei in treuer Erinnerung, einen Ulanen, einen Jäger

und einen Infanteristen. Alle drei erzählten mit Stolz von jenem

Jahr in Frankreich mit der ganzen epischen Breite, Komik, Derbheit

und Natürlichkeit, die alle solche Schilderungen im Munde von Leuten

aus dem Volke so originell und reizvoll machen. Der eine, der Jäger,

ein Bohrer, hätte so gern der damals gerade in Aussicht stehenden

Zusammenkunft der alten Kameraden von den sächsischen Jägern und

Schützen in Meißen beigewohnt -- aber an die Ausführung dieses Wunsches

war natürlich bei seinem Verdienst von 27 oder 29 Pfennigen die Stunde

-- und dem Rudel Kinder, das er hatte, kein Gedanke. Endlich möchte

ich doch auch erwähnen, was mir nicht ganz unwichtig scheint, daß mir

die Militär- und Soldatenbilder und Bildchen oft primitivster Art, und

manchmal im allerdürftigsten Farbendrucke ausgeführt, auffielen, die

vielfach an den Arbeitskästen neben dem Arbeitsplatze der einzelnen

Leute angeklebt waren. Auch das scheint mir ein deutliches Zeugnis

für die Vorliebe zu sein, die man nach meinem Urteil auch heute noch

trotz mehr denn zwanzigjähriger sozialdemokratischer Agitation unter

der Arbeiterbevölkerung eines großen deutschen Industrieortes für das

deutsche Volksheer hegte.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 11 / 21 段