In der +Fabrik+ selbst, während der Arbeit war von einer

offnen und ostentativ-politischen Agitation der ausgesprochenen

Sozialdemokraten so gut wie nichts zu beobachten. Das verhinderte vor

allem wohl schon die energische Haltung unsers technischen Direktors.

Er machte es jedenfalls schlauer als der „König“ Stumm. Er war streng,

aber er überspannte den Bogen nicht, wie dieser es zu thun scheint. Er

hatte ruhig, noch nach sieben Monaten, die große Kreideinschrift über

der Eingangsthür zu unserm Bau stehn lassen: „Arbeiter, wählt alle

Schippel!“ Er ignorierte das einfach, wie das „Hoch die internationale

Sozialdemokratie!“, das in vielen Ecken zu lesen stand. Aber sonst

hatte er ihnen angekündigt: „Die Sozialdemokratie ist mir ganz egal;

draußen könnt ihr euch so rot anstreichen, wie ihr wollt, hier drin

nicht; hier kommandiere ich; wer es dennoch thut, fliegt hinaus.“ Man

wußte, daß er damit ernst machte, und hütete sich demgemäß, das Verbot

zu überschreiten. Nur zu intimen Bekannten, deren man ganz sicher war,

gab der oder jener agitatorisch angelegte zielbewußte Sozialdemokrat

gelegentlich auch seinen politischen Anschauungen offnen Ausdruck;

im übrigen beschränkte sich die kleine Schar der Getreuen darauf,

einen um so intensivern indirekten Einfluß auf Angelegenheiten des

Betriebes auszuüben. Ich merkte schon wenige Tage nach meinem Eintritt

in die Fabrik, daß in solchen Fragen die gesamte Arbeiterschaft unsrer

Abteilung unter einem gewissen undefinierbaren Drucke stand, und daß

die Fäden dieser stummen Beeinflussung in den Händen ganz bestimmter

charakteristischer Persönlichkeiten zusammenliefen. Wenn z. B. durch

die Leiter der Fabrik irgend eine Neuerung in der Produktion, im

Betriebe, in der Arbeitszeit, in der Löhnungsform eingeführt wurde,

so konnte man genau beobachten, wie die Mehrzahl der Arbeiterschaft

unschlüssig, zagend mit ihren eignen Ansichten und Urteilen

zurückhielt, bis auf einmal die Parole ausgegeben, die „öffentliche

Meinung“ gebildet erschien. Und wenn sie auch vielen der Leute nicht

paßte, ja deren augenblicklichem Interesse direkt entgegenstand und

darum deutlich von ihnen gemißbilligt wurde, so war sie doch eine

Macht, die man respektierte, und gegen die man offen nur selten

Einspruch zu erheben wagte.

Das ist, was ich an +planmäßiger organisierter+ Agitation

der sozialdemokratischen Partei an unserm Orte bemerkt habe. Ich

behaupte und glaube nicht, daß sie sich auf diese Arbeit beschränkte;

aber ich habe nur das, was ich schilderte, beobachten können. Ihre

+Leiter und Hauptträger+ war die nicht allzu zahlreiche Schar der

Elitesozialdemokraten, der überzeugten Genossen, die die Phalanx der

Partei an jedem Orte, den Halte- und Krystallisationspunkt für die

Tausende bilden, die sich um sie gruppieren. Aus dieser Schar gingen

die Kandidaten für die sozialdemokratischen Wahlen, die Unterführer

in den einzelnen Bezirken, die Vorstände der Wahl- und Fachvereine,

die Komiteemitglieder für die Agitation bei Wahlen hervor. Sie

allein waren in abstufender Reihenfolge mehr oder weniger eingeweiht

in die Pläne der gesamten allgemeinen Zentralleitung, waren deren

ausführende Organe, erhielten allein Mitteilungen und Anweisungen

von ihr. Sie leiteten die Feste, waren die Wortführer in den

öffentlichen Versammlungen und Auseinandersetzungen mit den Gegnern,

die Wanderredner in der Umgegend, die unermüdlichen Vortragenden in

den regelmäßigen Sitzungen der Wahl- und Fachvereine; sie instruierten

auch die tonangebenden Personen in den Betrieben, in denen nicht selbst

einer von ihnen beschäftigt war. Von den übrigen Arbeitern wurden sie

-- äußerlich wenigstens -- widerspruchslos als die Führer anerkannt,

und mit einem absonderlichen interessanten Gemisch kameradschaftlicher

Vertraulichkeit und achtungsvollen Respekts behandelt; sie ihrerseits

erwiderten diesen Ton wenigstens vielfach mit einer Art berechneten

Wohlwollens und selbstgewisser Zurückhaltung. Doch war nicht jeder

von ihnen bei jedem gleich gefeiert und geachtet. Einer gefiel besser

als der andre; den hatte man lieber als jenen. Darüber entschied die

Art seines Auftretens, seiner Reden, seiner ganzen Gesinnung. So gab

es z. B. zwei Brüder R., die damals mit an der Spitze der Chemnitzer

Agitation standen, und die -- namentlich einer von ihnen -- in den

Sitzungen unsers Vereins sowie bei den Sonntagsfesten besonders

das große Wort führten, heute aber, wie ich höre, der eine aus der

Partei ausgeschlossen, der andre ausgetreten sind. Diese hatte man

wegen ihres polternden, aufbrausenden, anmaßenden Wesens nicht allzu

gern, und man zog andre wegen ihrer mildern, geschloßnern, ernstern

Art vor. Es sind mir mehrmals in der Fabrik solche ganz selbständige

Urteile von ältern Arbeitsgenossen über Führer ausgesprochen worden.

Gleichwohl erkannte man sie als die leitenden Persönlichkeiten an,

lauschte ihren autoritativen Worten, respektierte die Anordnungen, die

sie von Parteiwegen zur Ausbreitung eben der von ihnen gleichmäßig

organisierten und geleiteten und in der That meist wohlüberlegten

Agitation geben zu müssen glaubten. Als ausführende Organe solcher

einzelner Befehle ließ sich aber nur eine kleine Schar der Anhänger

gebrauchen, fast ausschließlich ganz jugendliche Persönchen zwischen

18 und 22, 23 Jahren, die von blindem Parteieifer und unreifem

Thatendrange überquollen. Sie waren die allerbrauchbarsten und

gefährlichsten Werkzeuge in den Händen jener Agitatoren, das junge

grüne Holz, aus dem diese ihre ergebenen Adjutanten und ihren Nachwuchs

schnitzten. Die Menge der Anhänger aber, namentlich derjenigen, die

etwas selbständige Neigungen und gemütliche Bedürfnisse hatten, gab

sich mit dieser Art der organisierten Parteiagitation nicht ab, hatte

wohl auch nicht die Zeit, die Kraft und die Mittel dazu.

Sie huldigten vielmehr einer andern für sie bequemern Art der

Agitation, die jener planmäßigen, von einer Zentralstelle

geleiteten und gut funktionierenden nebenherging. Man kann sie im

Gegensatz zu dieser die mehr +freiwillige+, +irreguläre+,

+zufällige+, dem Ermessen, dem augenblicklichen Empfinden,

den Fähigkeiten, der Gesinnungstreue der einzelnen Anhänger

überlaßne nennen. Sie war mit einem Worte der persönliche Einfluß,

den der sozialdemokratische Arbeiter auf den noch nicht oder erst

wenig sozialdemokratischen Genossen ausübt; sie war gleichsam das

Fleisch, jene andre das Gerippe des ganzen Ungeheuers, so da heißt

sozialdemokratische Propaganda. Sie war wichtiger, bedeutsamer,

verhängnisvoller als jene, aus der sie zwar ihre Kraft, ihre Gedanken,

ihre ganze geistige Nahrung und immer neuen Antrieb empfing, der sie

aber ihrerseits auch erst Leben und Nachdruck verlieh. Sie wurde

nicht sonderlich kontrolliert, sie war an keine Zeit, keinen Ort,

keine Weisungen von oben, keine kostspieligen Unternehmungen, keine

äußern festlichen Veranstaltungen geknüpft, wenn sie auch, wie z. B.

auf jenen Sonntagsfesten, auf diesen ihre ebenfalls und da besonders

wirksame Thätigkeit entfaltete. Sie war allein an die Persönlichkeit

der Tausende von Anhängern gebunden, die die Partei am Orte zählte, an

deren Begeisterung, deren Gesinnungstreue, deren Überzeugungskraft. Sie

ließ dem so Agitierenden alle Mittel und Wege zur freien Verfügung:

nicht nur die langen theoretischen Auseinandersetzungen, die Reden

am Biertisch und im Vergnügungsverein wie im Pfeifen-, im Zither-

oder Harmonikaklub, sie war auch möglich in den Gesprächen während

der Arbeit zwischen Mann und Mann, auf gemeinsamen Spaziergängen nach

Feierabend, an schönen Sommerabenden, bei den gegenseitigen langen

Besuchen in den nachbarlichen Familien, beim Kartenspiel, kurz wo

immer zwei oder drei Menschen bei einander waren. Sie machte sich,

und hier oft gerade mit doppeltem Erfolge, schon in den unmittelbaren

Äußerungen des unbewachten Augenblicks geltend, in den Scherzen,

die von Lippe zu Lippe fliegen, in den Urteilen, die über andre,

Abwesende fallen, in einer einzigen kurzen malitiösen Bemerkung, ja

in einem überlegnen Lächeln, einem scharfen Blick, einem beredten

Schweigen, einer flüchtigen, aber bezeichnenden Handbewegung. Und das

ist vielfach ein weiteres Charakteristikum an ihr: sie, +diese+

Agitation, ist in vielen Fällen den Agitierenden selbst gar nicht

bewußt, und gerade dann, wo dies eintritt, erst recht eindringlich und

eindrucksam. Denn sie ist dann erst recht der unmittelbare Ausfluß des

innern Empfindens, der innern Gedanken, die die Seele beherrschen, als

eine Glaubensmacht und treibende Lebenskraft, der Ausdruck und die

Ausprägung der eigensten Persönlichkeit, die dabei ihr bestes einsetzt,

weil sie von ihrem besten redet. Darum wird gerade diese überall,

wo Sozialdemokraten anwesend sind, geübte Agitation so besonders

bedeutungsvoll, daß hinter ihr die ganze Person der Agitierenden steht

und den Argumenten des Wortes den wuchtenden Nachdruck verleiht.

Das ist aber auch zugleich die Ursache, warum mit dieser Form der

irregulären, persönlichen Agitation mehr als mit jener andern

organisierten, d. h. durch Überlegung kontrollierten ein Fanatismus

verbunden sein kann, der dann bei bestimmten Gelegenheiten zum

schroffen Terrorismus führt. Eben dieser Terrorismus war in der That

sehr oft im Verkehr mit den sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern zu

bemerken, besonders häufig und drückend natürlich in der Fabrik, weil

da der persönliche Verkehr am längsten und intensivsten möglich zu sein

pflegt. Er war die Ursache, daß man sich in der oben geschilderten

Weise den von den Führern gegebenen Parolen in Betriebsfragen

wenigstens äußerlich fügte, daß man allerhand Geschichten mitmachte,

die man vielleicht sonst unterlassen hätte, daß man Äußerungen in den

Mund nahm, die nicht, wenigstens nicht ganz der Ausdruck der innersten

Wünsche und Neigungen war, daß die meisten sich in ihren Urteilen

einschüchtern und beeinflussen ließen, was sich namentlich, wie wir

sehen werden auf geistigem, sittlich-religiösem Gebiete zeigte. Aber

er führte auch geradezu zu thätlichen Vergewaltigungen. So erzählte

mir einer, der selbst dem sozialdemokratischen Konsumverein des Ortes

angehörte, natürlich auch, freilich in der üblichen Durchschnittsform,

Sozialdemokrat war, aber gern seine eignen Wege ging und seine

besondern Neigungen hatte, daß einmal die Fabrikdirektion infolge zu

zahlreicher Bestellungen Überstundenarbeit angesetzt hätte. Dagegen

Agitation der tonangebenden Sozialdemokraten in der Fabrik; die Parole,

daß keiner, trotz der Verpflichtung in der Arbeitsordnung, kommen

dürfe; einige opponieren, schon um mehr zu verdienen; da nimmt man

ihnen heimlich das Werkzeug weg um sie zur Unthätigkeit zu zwingen.

Das ist nackter Terrorismus, der noch dadurch eine eigentümliche

Beleuchtung erhält, daß eben diese terrorisierenden Agitatoren nach der

Erzählung meines Gewährsmannes dann, als die von ihnen beeinflußten

wirklich nicht an der Überstundenarbeit teilgenommen hatten und nach

Hause gegangen waren, daß sie selbst zurückgeblieben waren, um zu

arbeiten. Ich kann diese Geschichte freilich nicht im einzelnen auf

ihre Wahrheit prüfen, es ist auch nicht nötig; schon die Thatsache,

daß jener mir so etwas erzählen konnte, beweist das Vorhandensein des

Terrorismus, dessen Wirkungen auch ich persönlich oft mehr instinktiv

als in deutlichen Vorgängen wahrnehmen konnte. Aber ein solcher aus

einer Sitzung des schon genannten Konsumvereins sei noch gestreift: in

diesem Falle wurde in der Sitzung bei einer für den Verein wichtigen

Frage der innern Verwaltung ein Antrag nicht nur, sondern auch die

Meinungsäußerung der weniger energisch sozialdemokratisch gerichteten

Mitglieder darüber einfach nicht geduldet, unterdrückt -- also eine

gerade entgegengesetzte Erscheinung der gegenüber, die ich oft in den

Sitzungen unsers Wahlvereins beobachten konnte.

Ihrem +materiellen Inhalte+ nach hatte es diese ganze Agitation

nicht nur auf die Verbreitung neuer politischer Anschauungen und

ökonomischer Grundsätze abgesehen, sondern sie bezweckte und bewirkte

zugleich auch eine Umwandlung der bisherigen Bildung, der religiösen

Überzeugung und des sittlichen Charakters der deutschen Arbeiterschaft.

Das macht, weil die Sozialdemokratie von heute nicht nur eine neue

politische Partei oder ein neues wirtschaftliches System, auch nicht

nur dies beides, sondern zugleich eine neue Welt- und Lebensanschauung,

die Weltanschauung des konsequenten Materialismus, die praktische

Anwendung der Lehre von der +natürlichen+ Weltordnung im Gegensatz

zur +sittlichen, göttlichen+ ist. Ich habe dies an dieser Stelle

nicht theoretisch, aus der Geschichte, den Schriften, den Zeitungen

der Sozialdemokratie und dem Entwicklungsgange und Charakter ihrer

bisherigen Führer nachzuweisen. Das überschreitet bei weitem Rahmen und

Zweck dieser Schrift. Aber jeder, der nur einigermaßen diese Geschichte

kennt, diese Schriften studiert, diese Zeitungen aufmerksam verfolgt

und die führenden Elemente und deren Interessen einigermaßen überwacht,

wird mir ohne weiteres die heute immer mehr anerkannte Wahrheit

dieses Satzes zugestehen. Um wenigstens eins zu sagen, erinnere ich

hier allein an den frappanten Gegensatz der sozialdemokratischen

Bestrebungen zu denen der Bodenbesitzreformer unter Michael Flürscheims

Führung, der in der Grund- und Bodenfrage ebenso radikal ist wie jene,

d. h. den gesamten Grund- und Bodenbesitz verstaatlichen will, der

dies Ziel nicht nur durch litterarische Arbeiten, sondern auch -- wie

jene -- durch Bildung politisch-ökonomischer Vereine agitatorisch

zu erreichen sucht, und der meines Erachtens doch durchaus nicht

Sozialdemokrat ist, weil er dieses sein politisch-ökonomisches Ideal

nicht verquickt mit einer radikalen Opposition gegen die überkommenen

Bildungselemente, gegen Christentum und Kirche und mit dem bewußten

Versuche der Umgestaltung auch der sittlichen Grundsätze, die bisher

in unserm Volke Geltung und Nachachtung fanden. Doch das nebenbei.

Hier wird es meine Aufgabe sein, die Wahrheit jenes oben behaupteten

Satzes einmal aus den praktischen Erfahrungen zu erhärten, die ich

während meiner dreimonatlichen Arbeiterzeit gemacht habe. Ich werde

da nun zu zeigen haben, +daß die Wirkung dieser so vielseitigen

und energischen sozialdemokratischen Agitation bisher viel weniger

tiefgreifend, nachhaltig und vor allem viel weniger verhängnisvoll

für die politische Gesinnung und die wirtschaftlichen Gedanken

der Arbeiter, die mir begegneten, gewesen ist, als eben für ihre

geistige Bildung, ihre religiöse Überzeugung und ihren sittlichen

Charakter+. Man könnte vielleicht sagen, daß die offizielle,

organisierte Agitation mehr die politischen und die sozialen Grundsätze

der Partei, wie sie bisher im Eisenacher Programm formuliert

vorlagen, in allen Tonarten und Nüancen in die Köpfe der Arbeiter

zu bringen suchte, während die andre, die sogenannte freiwillige,

unorganisierte, die Gelegenheitsagitation in erster Linie eben jenen

ganzen sozialdemokratischen Geist, die materialistische Gesinnung,

die Weltanschauung der Partei weiter trug und zu immer größerer, oft

selbst nicht im ganzen Umfange erkannter Geltung brachte, -- wenn es

nicht gerade hier schwer wäre, eine solche scharfe Grenzscheidung zu

ziehen. Wie das auch in der sozialdemokratischen Tagespresse, die ja

vor allem ebenfalls der Verfechtung und Propagierung des offiziellen

Programmes dienen soll, gleichwohl aber auf jeder Zeile den Geist jener

spezifischen Weltanschauung atmet, deutlich zu sehen ist, so war es

im allgemeinen auch mit dieser Doppelagitation: sie floß stets mehr

oder weniger in einander über; die eine hob und trug die andre; und

sie trat umso zusammengeschlossener, umso harmonischer, wenn ich so

sagen darf, auf, je geschlossener, zielbewußter, sozialdemokratischer

die Persönlichkeiten waren, die sie machten, je völliger und klarer

das ganze einseitige und doch in dieser starren Einseitigkeit große

sozialdemokratische System in diesen Persönlichkeiten zum Ausdruck kam.

Fünftes Kapitel

Soziale und politische Gesinnung meiner Arbeitsgenossen

Die erste und bedeutsamste Wirkung dieser eben geschilderten Agitation

ist die Thatsache, +daß die gesamte Arbeiterschaft von Chemnitz und

Umgegend, die ich kennen lernte, mit nur geringen Ausnahmen heute mit

der sozialdemokratischen Partei irgendwie weit verknüpft ist, daß sie

mehr oder weniger in der Luft ihrer Ideen lebt, und daß sie jedenfalls

in ihr, dieser Arbeiterpartei ~par excellence~, ihre einzige

starke und berufene Repräsentantin erblickt+. Der Arbeiter, mit dem

ich Umgang gehabt habe, ist -- bewußt oder instinktiv -- durchdrungen

von dem Gefühl des bestehenden feindlichen Gegensatzes seiner und

der Unternehmer Interessen; er ist erfüllt von dem Drange nach

einer geschlossenen thatkräftigen Organisation der Massen, zu denen

er gehört, von dem Sehnen nach einem großen Fortschritt, nach einem

Aufschwung des ganzen vierten Standes, den diese Massen bilden; er

hat, auch ein Kind der neuen gedankendurchfluteten, gärenden Zeit, wie

die andern Zeitgenossen allerhand neue Interessen, höhere, leibliche

wie geistige Bedürfnisse, deren Befriedigung er verlangt; und er

weiß, sieht, fühlt, daß dieses elementare Drängen und Sehnen, dieses

Streben und Bedürfen ihm niemand anders bis heute ohne Rückhalt und

Eigennutz, energisch und weitausgreifend befriedigen will, als eben die

sozialdemokratische Partei.

Und darum, mag ihn sonst vieles von ihr trennen, vieles von ihrem

sonstigen Wesen abstoßen, gehört er ihr an, und -- ich bin dessen ganz

gewiß -- keine augenblicklich herrschende Gewalt, auch keine geistigen

Machtfaktoren werden ihn heute ohne weiteres wieder von dieser Partei

lösen, werden es vermögen, daß die Gedanken, die jene geweckt hat,

und aus denen sie doch auch wieder erst herausgeboren wird, jemals

wieder völlig verschwinden. Darum hängen ihr unterschiedslos Junge und

Alte, Gut- und Schlechtgestellte, Verheiratete und Unverheiratete,

Gelernte und Ungelernte, Sparsame und Lüderliche, Fleißige und Faule,

Kluge und Dumme, Herauf- und Heruntergekommene, Eingeborene und

Eingewanderte, alle Gruppen, Klassen und Kategorien der Fabrik bis

auf eine verschwindend kleine Gruppe irgendwiesehr an, wissen sich

als Sozialdemokraten, folgen den Führern und glauben an sie, ihre

Worte und Schriften wie an ein neues Evangelium. Man hat es mir mehr

als einmal in der Fabrik geradezu ins Gesicht gesagt: „Was bis jetzt

Jesus Christus war, wird einst Bebel und Liebknecht sein.“ Das ist

der Ausdruck des Bewußtseins, daß die Sozialdemokratie heute die

Arbeiterschaft ist, daß diese sich in ihr zusammenfindet oder doch

immer mehr zusammenfinden wird und daß, so groß und viel auch die

Unterschiede, die Gegensätze, die Widersprüche, die Trennungen unter

ihnen sind und immer sein werden, sie doch alle zusammen gehören in

ihren Leiden, Freuden und Idealen.

Zum Beweis dessen führe ich eine Reihe ganz spontaner Äußerungen aus

dem Munde der verschiedensten Arbeitsgenossen an. Sie lauten ihrem

Sinne nach einander alle gleich: „Bei uns haben alle bis auf den

letzten Mann sozialdemokratisch gestimmt“; „Die Arbeiter sind und

wählen alle Sozialdemokraten“; „Jeder Arbeiter ist Sozialdemokrat“;

„Ich wähle meinesgleichen“; und, besonders drastisch: „Hier ist alles

sozialdemokratisch, selber die Maschinen!“ Was sich da ausspricht,

ist immer dasselbe, eben die Meinung -- ganz im allgemeinen --, daß

Sozialdemokratie und Arbeiterschaft ein und dasselbe sein muß. Zwar

scheinen dem eine Reihe andrer Aussprüche andrer Arbeitskollegen

direkt zu widersprechen. Denn einige der Leute meinten auch wieder

gelegentlich, „daß nur etwa die Hälfte der 400-500 Mann unsrer Fabrik

Sozialdemokraten seien.“ Doch ist das nur ein scheinbarer Widerspruch.

Denn da meinte man immer nur solche, die mit ihrer sozialdemokratischen

Gesinnung irgendwie besonders bemerkbar hervortreten, vor allem

irgend welchem sozialdemokratischen Wahl-, Fach-, Hilfskassen-

oder Vergnügungsvereine angehörten. In +diesem+ Sinne war

allerdings noch lange nicht die Hälfte Sozialdemokraten zu nennen.

Sozialdemokratisch gerichtet, bestimmt, gesinnt aber -- im

weitesten Sinne -- war, wie gesagt, die erdrückende Mehrzahl meiner

Arbeitsgenossen.

Bewußte und erklärte Nichtsozialdemokraten habe ich nur drei in unsrer

Abteilung von 120 Mann im Laufe der Zeit ausfindig machen können.

Davon waren zwei in dem auch in Chemnitz bestehenden, wie ich hörte,

etwa siebzig Mitglieder zählenden Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine;

der dritte war eine gute, treue Seele, der religiös noch zu tief

angeregt war und auch einer zu konservativen und zu wohlhabenden

Bauernfamilie angehörte, um irgendwie sozialdemokratische Neigungen

mit gutem Gewissen und aus innerm Bedürfnis haben zu können. Man sagte

von ihm, er ginge nur zu seinem Vergnügen in die Fabrik; nötig hätte

er es nicht. Außer diesen dreien gab es nun freilich, soviel ich

beobachten konnte, auch bei uns noch einige andre, die thatsächlich

mit der Sozialdemokratie nichts gemein hatten. Aber sie behielten

das für sich und zogen es vor, die Genossen über ihre Gesinnung im

Ungewissen zu lassen. Manchmal war auch angeborene große Schüchternheit

und nicht bloße Berechnung die Ursache dazu. Obgleich ihre Zahl nicht

zu schätzen ist, glaube ich doch nicht, daß ihrer allzuviele waren.

Jedenfalls bildeten diese Neutralen auch zusammen mit jenen drei offnen

mutigen Nichtanhängern an die Sozialdemokratie nur die verschwindende

Minderheit gegenüber den Arbeitsgenossen, die sich selbstverständlich

zur Sozialdemokratie rechneten oder offen zu ihr bekannten.

Das heißt nun freilich nicht, daß jeder von diesen ein zielbewußter,

über das Prinzip und Programm der Partei klar orientierter

Sozialdemokrat gewesen wäre. +Das gilt vielmehr von kaum drei,

allerhöchstens vier Prozent der Gesamtheit, nur von der kleinen Schar

jener Leiter und Träger der Agitation und ihren nächsten Freunden und

Schülern.+ Sie allein hatten einigermaßen die Agitationsschriften

der Partei gründlich und mit Verständnis gelesen, sie allein

kannten und verstanden das gesamte offizielle Programm, seine

Interimsforderungen nicht minder als seine letzten radikalsten Ziele.

In oft glühendem Fanatismus hatten sie die eignen, widersprechenden

Erfahrungen aus der Praxis, das geistige Erbe ihrer Vergangenheit, die

Kritik ihres gesunden Menschenverstandes gewaltsam unterdrückt und

zum Schweigen gebracht, hatten sie sich, oft mit unsäglicher Mühe,

mit pekuniären Opfern aller Art in dies Programm hineingearbeitet,

bis sie endlich ganz in seinen Gedankengängen aufgingen, nur noch

in ihnen und für sie lebten, nur durch die Brille dieses Programms

Menschen und Dinge, Zustände und Ereignisse anzusehen und zu beurteilen

imstande waren. Es waren meist echte, ehrliche, deutsche Schwärmer und

Idealisten, aus denen sich dieser Kreis von Arbeitern zusammensetzte,

manche dazu noch von einem unbändigen Ehrgeiz und Thatendrang erfüllt,

aber nach allen meinen Beobachtungen nur wenige unter ihnen von

der Klasse der ausgeprägten Egoisten, die heimlich irgend welchen

persönlichen Vorteil suchten und fanden. Hier in dieser kleinen Gruppe

und in ihr allein fand man wirklich die Anschauungen und Grundsätze der

Sozialdemokratie klar und rein vertreten und ausgesprochen, Prinzip und

Ziel fest erkannt und erstrebt. Doch gab man ihnen seltner, als man

hätte vermuten und erwarten können, auch ebensolchen offnen Ausdruck.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 10 / 21 段