herannahender Reichstagswahl, seinen +sozialdemokratischen
Wahlverein+, der das ganze Jahr hindurch eine stille aber kluge
und tiefgehende Thätigkeit entfaltete, und dessen Mitglieder sich
aus den überzeugtesten und zielbewußtesten Anhängern der Partei
zusammensetzten. Der Wahlverein hat die Agitation für die Reichstags-
und neuerdings auch Gemeinderatswahlen in der Hand; er stellt bei
großen Wahlversammlungen stets eine nie fehlende Schar, die bei allen
Gelegenheiten in blinder Treue nach bekanntem, lärmendem Rezept die
Partei ihrer Arbeiterredner ergreift; er ist eine der Sammelstellen
für die Parteigelder und -- das bedeutsamste an ihm -- die Hochschule
für die sozialdemokratischen Redner. Denn nicht nur die neugegründeten
Arbeiterbildungsvereine, nicht nur besondre Institute, wie deren in
Hamburg eines in der Stille blühen soll, dienen diesem Zwecke. Man kann
dreist behaupten, daß jeder sozialdemokratische Wahlverein eine solche
Rednerschule für Anfänger bildet. Wenigstens war das bei dem unsers
Vorortes, der etwa 120 Mitglieder zählen sollte und eine Monatssteuer
von zehn Pfennigen erhob, wirklich der Fall. Darum lag immer auch auf
den Debatten, die sich an den jedesmaligen Vortrag oder die Vorlesung
von Artikeln aus der sozialdemokratischen Volkstribüne knüpfte, der
von allen beherzigte Nachdruck. Ja der Vorsitzende unsers Vereins
sprach das zu Beginn jeder Debatte geradezu aus, wenn er zur lebhaften
Teilnahme an ihnen aufforderte und diese Aufforderung mit immer
denselben Worten etwa so begründete: „Die Sitzungen unsers Wahlvereins
sind in erster Linie der Debatten wegen da. Es wird gewünscht, daß
+jeder+ redet, +jeder+ sich ausspricht. Und wenn das auch in
der kläglichsten Form geschieht, jeder ist sicher, nicht ausgelacht
zu werden, +denn eben dazu sind wir allvierzehntägig hier zusammen,
damit wir uns schulen, um in den großen Versammlungen unsern Gegnern
mit Erfolg antworten zu können+.“ Und ich muß sagen, man kam dieser
Aufforderung getreulich nach. Bis gegen zwölf Uhr nachts, von acht
Uhr abends, zogen sich meist die Debatten der von des Tages Last und
Mühe müden Leute hin. Wer immer etwas auf dem Herzen hatte, redete es
herunter, alt und jung, ohne Unterschied. Oft in der holprigsten Form,
in Sätzen, von denen kein einziger richtig gebaut war, Gedanken, die
ein grauenhaftes Gemisch von Wissen und Unwissenheit, von praktischer
Erfahrung und Mangel an Überblick über das große Ganze, und oft eine
Verranntheit in Ansichten zeigte, über die selbst die klaren, klugen
Köpfe unter den Genossen erschraken. Daneben aber zeigte sich unter
uns auch eine Zahl so gewandter, so schlagfertiger, so scharf und
praktisch urteilender Redner, daß ich im stillen voll Bewunderung und
Scham diesen einfachen Webern, Schlossern, Handarbeitern zuhörte,
deren Beredsamkeit und Sicherheit im Denken und Auftreten nach meinen
Erfahrungen wohl nur eine kleine Zahl unsrer Durchschnittsgebildeten
gleichkommt. Und alle, die da redeten, auch wenn sie das tollste Zeug
vorbrachten, wurden mit Ruhe und Aufmerksamkeit und fast kindlichem
Ernst angehört und in dem, was sie nun eigentlich sagen wollten, zu
meinem Verwundern auch deutlich und klar verstanden. Daß man sich in
diesen Debatten mitunter tüchtig in die Haare fuhr, daß eine Reihe
verschiedener Ansichten aufeinander platzten, ist ebenfalls und zwar
darum besonders erwähnenswert, weil im Gegensatz dazu in großen
Versammlungen mit ihren Gegnern unter den Sozialdemokraten immer die
geschlossenste Einheit an den Tag gelegt zu werden pflegt. In gewissem
Sinne die Fortsetzung dieser Debatten bildete die Beantwortung der
Fragezettel, die während der Debatte von den Leuten in den Fragekasten
geworfen wurden und meist irgend eine Aufklärung über einen in der
Debatte berührten Punkt, über ein Fremdwort oder über eine in der
Zeitung gefundene und nicht verstandene Notiz heischten. Meist waren
die Antworten, die der Vorsitzende, der Redner oder ein andrer gab,
leidlich zutreffend, manchmal aber auch, wie selbstverständlich, nur
dürftig oder gar falsch. Aber sie wurden alle mit der siegesgewissen
Sicherheit gegeben, die immer dem Halbgebildeten, an seine Sache oder
sich selbst glaubenden eigen ist. Hinter diesen Debatten trat der Wert
der Vorträge selbst deutlich zurück. Sie waren meist kurz und wurden
immer von Parteigrößen am Orte, also Chemnitzern, gehalten; oft taugten
sie gar nichts und waren sichtlich aus den neuesten Zeitungsnachrichten
zusammengestoppelt. Solch ein Vortrag pflegte dann, wie das auch
anderwärts unter den Sozialdemokraten allgemeine Sitte ist, von dem
betreffenden Verfasser nicht nur in unserm, sondern noch in fünf, ja
zehn andern Brudervereinen mit dem gleichen Nachdruck und der gleichen
Emphase fast wörtlich vorgetragen zu werden, eine Erscheinung, die
sich nur aus dem geradezu fanatischen Agitationseifer und wiederum der
Halbbildung erklären läßt, durch die den Leuten die Langeweile solchen
Wiederkäuens nicht zum Bewußtsein zu kommen scheint.
Vortrag und Debatte wurden von den etwa vierzig Männern, die immer
anwesend zu sein pflegten, wie gesagt, mit größter Aufmerksamkeit
verfolgt. Man sah es diesen sinnenden, leuchtenden Augen an, wie die
Köpfe mitarbeiteten, die vorgetragenen Gedankengänge aufzufassen
und mitzudenken. Man rauchte viel Pfeife, doch auch Zigarren dazu
und trank im Durchschnitt daneben ein, höchstens zwei Glas Bier,
einfaches für 8 Pfennige oder Lagerbier für 15 Pfennige. Nur wenige
verließen die Versammlung vor dem Schlusse, wenige auch, von den Mühen
der Tagesarbeit überwältigt, schlummerten zuletzt ungestört ein.
Sonst herrschte, wie gesagt, ungeteilte Aufmerksamkeit; denn solche
Abende waren für diese Männer kein bloßes Vergnügen, sondern schwere
Arbeit und immer Stunden eifrigen Lernens, scharfen Nachdenkens, der
Auffrischung und Ermutigung in ihrem abwechslungslosen einförmigen
Fabrikleben. Sie ersetzten, das kann man wohl ohne große Übertreibung
sagen, vielen den früher gewohnten Kirchgang. Und darin liegt die große
agitatorische Bedeutung dieser sozialdemokratischen Wahlvereine mit
ihren regelmäßig wiederkehrenden Versammlungsabenden gerade in solchen
Mittelstädten wie Chemnitz. Sie sind es, die den zur Sozialdemokratie
sich neigenden Arbeiter dauernd, unaufhörlich, unauffällig bearbeiten,
bis er mit seinem Dichten und Denken in den parteisozialistischen
Gedankenkreisen aufgeht, und die den Befähigten schulen, daß er
imstande ist, das Feuer der Überzeugung, das er an jenen Stätten in
sich entfacht hat, nicht nutzlos verglühen zu lassen, sondern seine
Kraft wieder zu verwerten in Agitation unter den Arbeitsgenossen und
der eignen Familie, wie im Eintreten für die gemeinsame Sache bei
Versammlungen mit den politischen Gegnern.
Äußerlich verliefen diese Abende immer gleichmäßig, unter immer
derselben Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder, Verlesung des
Protokolls über die letzte Sitzung, Vortrag, oder -- in Fällen
der Behinderung des angekündigten Referenten -- Vorlesung einiger
Artikel aus einer sozialdemokratischen Zeitung, meist der „Berliner
Volkstribüne,“ die sich gut dazu eignet, darauf Debatte und
Fragekasten. Gleich einförmig und stereotyp waren die Worte, mit
denen der sonst begabte Vorsitzende die Versammlung leitete, und der
Schriftführer über den Verlauf der vergangnen Sitzung berichtete: man
sah hier deutlich, wie äußerlich angelernt noch die parlamentarischen
Formen an diesen einfachen Menschen waren. Gäste waren in den Sitzungen
immer willkommen, kamen aber stets nur aus Arbeiterkreisen, doch auch
nicht allzu zahlreich. Jede der Sitzungen wurde abwechselnd durch
einen königlichen Gendarm und den Gemeindediener des Ortes von einer
bescheidnen Ecke des Zimmers aus überwacht. Doch rührten diese sich
nie, und übrigens schien ihr persönliches Verhältnis zu den Arbeitern
und das dieser zu ihnen nicht allzu feindlich zu sein. Man wünschte
sich wenigstens fast immer gegenseitig einen guten Abend; auch sah ich
denselben Ortsdiener manchmal an andern Abenden der Woche in einer
gemütlichen Kneipe, die viel von uns Arbeitern besucht wurde, mit uns
gemeinsam am runden Tische in Uniform sein Glas Bier trinken.
Während meine Arbeitsgenossen mich sichtlich als Mitglied für den
Wahlverein unsers Ortes zu gewinnen suchten, fand ich nie eine
Gelegenheit, dem +Fachverein+ unsrer Chemnitzer Metallarbeiter
näher zu kommen. In der Fabrik wurde nie von ihm gesprochen, und
ich selbst mußte mich hüten, es zu thun, um nicht aufdringlich zu
erscheinen oder als Spitzel verdächtigt und dadurch überhaupt unmöglich
zu werden. Andre Fachvereine, deren Versammlungen ich aber besuchte,
namentlich derjenige der Lithographen, erörterten damals schon das
wichtige Thema, das ja heute alle Gewerkschaften aufs lebhafteste
beschäftigt, die Frage, ob Zentral- oder Lokalorganisation die unter
den heutigen beschränkten Verhältnissen beßre Form einer erfolgreichen
Arbeit sei.
Die Sitzungen unsers Wahlvereins fanden in der Restauration
unsrer Vorstadt statt, die das offizielle aber nicht alleinige
Versammlungslokal der hier wohnenden Sozialdemokraten war. Sie
war eine der besten im ganzen Orte. Wirt und Wirtin waren beide
Sozialdemokraten, wenn sie sich auch gewissenhaft hüteten, sich in
lange politische „Diskurse“ einzulassen. Die Frau zeichnete sich
durch eine besondre, bei Frauen von mir noch nie erlebte Roheit der
Gesinnung aus. Ich weiß noch genau, wie sie uns, die letzten Gäste,
eines Nachts gähnend und schlafmüde mit der Blasphemie zum Heimgehen
aufforderte: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“ Doch
war, wie gesagt, dies nicht das einzige sozialdemokratische Lokal. Man
kann wohl behaupten, daß die meisten, jedenfalls alle kleinen Kneipen
unsers Ortes sozialdemokratische Wirte hatten. In zwei der größten
Etablissements mit großen Konzertgärten, die auch von sogenannten
bessern Chemnitzer Familien viel besucht wurden, und in denen
allsonntäglich die verhältnismäßig nobelsten öffentlichen Tanzmusiken
stattfanden, waren nur die dazu gehörigen „Kutscherstuben“ und deren
Unterwirte sozialdemokratisch. In fast allen dieser Fälle war es
offenbar das reine Geschäftsinteresse, das die Wirte dazu gemacht hatte.
Dieselbe Thatsache trat auch in kleinern Materialwarengeschäften,
sogenannten „Büdchen,“ zu Tage. Ich habe da mehrmals erlebt, wie eifrig
und beflissen die Besitzer, aber vor allem auch die Besitzerinnen
auf die sozialistische Gesinnung ihrer Käufer eingingen. Dieser
Geschäftssozialismus ist wohl in allen solchen Industriezentren
weiter verbreitet, als man glaubt; er ist das Eigentum der
allerverschiedensten zahlreichen Geschäftsleute und der Jammer aller
ideal gerichteten Sozialdemokraten; denn er ist in den meisten
Fällen gleichbedeutend mit Gesinnungslosigkeit. Aber er ist zugleich
ein neues Zeichen dafür, welch eine +reale+ Macht auch die
sozialdemokratische Bewegung in solchen Orten bereits geworden ist.
In jeder der oben genannten Restaurationen und Kneipen lagen nun
neben den +Lokalzeitungen+ anderer oder überhaupt keiner
Parteifarbe, neben „Kladderadatsch“ und „Fliegenden Blättern“ immer
auch ein oder mehrere Exemplare sozialdemokratischer Zeitungen, vor
allem der Chemnitzer „Presse,“ und einzelner Gewerkschaftsblätter
aus. Es ist ja längst anerkannte Thatsache, welch ein Machtmittel
die sozialdemokratische Agitation in ihrem Heer von über ganz
Deutschland verbreiteten Zeitungen besitzt. Sie werden augenblicklich
die Zahl von 130 übersteigen. In unserm Vororte zeigte sich im
kleinen Kreise, im engen Rahmen ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Es
galt wohl für selbstverständlich, daß jeder von uns Arbeitern seine
Zeitung las. Ausnahmen bestätigten auch hier nur die Regel. Man
hielt in der Hauptsache -- entweder allein oder, was noch häufiger
war, zu zweien und dreien -- eben die sozialdemokratische „Presse,“
ein durchaus besonnen und meist tüchtiger als unsre kleinstädtische
Lokalpresse redigiertes Blatt, das so frei war, auch einmal Gedichte
von Gerok und Uhland zu bringen, wie von irgend einem Windbeutel der
jüngstdeutschesten, ins sozialdemokratische Lager übergegangenen
Dichterschule. Daneben wurden auch der gut und besonnen geschriebene
„Landesanzeiger,“ sowie die noch billigern „Neuesten Nachrichten,“
ein kleines, ganz unparteiisches Blättchen, wohl ein Absenker davon,
häufig gehalten. Das ziemlich farblose reichstreue „Chemnitzer
Tageblatt“ wurde nur wegen seines inhaltreichen Wohnungs- und
Arbeitsstellenanzeigers ab und zu eingesehen, regelmäßig gelesen wohl
nur von einer ganz kleinen Schar Arbeiter, den Elitesozialdemokraten,
die es sich zu dem höchst anerkennenswerten und manchem „reichstreuen“
Philister zur Nachahmung zu empfehlenden Grundsatze gemacht hatten,
von den hauptsächlichen politischen Parteirichtungen je ein Blatt zu
halten, und das heißt für solche Leute immer auch: regelmäßig und
genau durchzustudieren. Die Berliner „Volkstribüne,“ damals noch von
Max Schippel redigiert und mehr wissenschaftlich, fachlich, vornehm
gehalten, ohne Tagesklatsch und Parteigezänk (Tugenden, die es übrigens
unter dem neuen radikalern und stark demagogisch angelegten Redakteur
Paul Ernst neuerdings leider sämtlich verloren zu haben scheint), habe
ich auch nur in diesem kleinen Kreise gefunden, häufiger das Fachorgan
des großen Metallarbeiterverbandes, das aber bei weitem nicht nur
Fachvereinsangelegenheiten zur Sprache bringt.
Für die Verbreitung sonstiger sozialdemokratischer Litteratur sorgte
in unserm Bezirke ein wegen des ersten Mai arbeitslos gewordener,
der als Kolporteur das sehr interessante sozialdemokratische
Witzblatt: „Der wahre Jakob,“ mitunter auch dessen Bruderblatt, die
in Wien erscheinenden „Glühlichter,“ vertrieb, Zeichnungen auf die
sozialdemokratischen Lieferungswerke annahm und expedierte, Berloques,
Streichholzbüchsen, Busennadeln mit den Bildern von Schippel,
Bebel, Liebknecht und Photographien von diesen Herren an den Mann
zu bringen suchte, und der immer in Versammlungen ebenso wie bei
Vergnügungsfesten anwesend, oft auch einer der Mitarrangeure davon
war. Was er sonst trieb, weiß ich nicht, jedenfalls aber habe ich ein
aufdringliches Bestreben, die Leute, namentlich Neulinge zu bearbeiten,
auch an diesem Manne nicht wahrgenommen. Er war der Agent der drei
sozialdemokratischen Buchhandlungen, die es auch in Chemnitz gab. Es
ist bekannt, daß diese Buchhandlungen, denen manchmal eine Anzahl
zweifelhafter Antiquariate sich angliedern, in unerhörter Einseitigkeit
nichts als sozialdemokratische Parteilitteratur und außerdem nur
solche führen, deren Lektüre doch meistens indirekt eine Förderung der
Parteisache bedeutet. Erst neuerdings scheinen sie soviel geistige
Freiheit und Unparteilichkeit gewonnen zu haben, daß sie auch Sachen
wie Schillers und Goethes Werke, die freilich in ihren Augen Produkte
eingefleischter Bourgeois sind, zum Verkauf stellen. Auch diese
sozialdemokratischen Buchhandlungen sind Quellpunkte der kraftvollen
Agitation, und zeigten sich auch in Chemnitz als bedeutsame Institute
der heutigen Volksbildung.
Eine eigentümliche und nicht zu unterschätzende Bedeutung für die
Agitation der Partei besaßen auch die beiden bereits genannten
sozialdemokratischen +Witzblätter+, die jener Kolporteur vertrieb.
Wer sie kennt, wird zugestehen, daß sie ganz respektable Leistungen auf
ihrem Gebiete sind. Die Bilder sind fast immer künstlerisch gewandt,
die Witze, natürlich stets politisch gefärbt und zugespitzt, aber
prägnant und schlagend, der Humor gesund und gut. Ihre Existenz ist
für mich immer eine Ursache innerer Befriedigung gewesen, denn sie
ist mir ein Beweis für den unblutigen Charakter der ganzen großen
sozialdemokratischen Geistesbewegung. Eine Bande rabiater Gesellen,
eine Partei, deren ausschließliches bewußtes Ziel der Ausbruch einer
blutigen Revolution, deren einzige und größte Freude die Vernichtung
alles dessen, was ist, sein würde, dächte nicht daran und wäre auch
nicht fähig, etwas wie diese Witzblätter zu produzieren. Wo der mit
echtem, heiterm Humor durchsetzte Witz im Gegensatz zu der bloßen von
Verbitterung und Verbissenheit erfüllten und diktierten Satire zu so
harmlosem Ausdruck gelangen kann, wie in diesen beiden Blättern, da
ist ein solcher „blutiger“ Verdacht mehr und mehr auszuschließen; da
kann man vielmehr auch aus solchen kleinen, an sich geringfügigen
Zeichen die Gewißheit nehmen, daß bei allem sittlich Bedenklichen und
geistig Unreifen, das dieser Bewegung anhaftet, bei allem ernsten
und gefährlichen Explosionsstoff, der in ihr noch unleugbar ruht,
doch auch so viel gesunde Kraft und frisches Blut in ihr pulsiert,
daß bei richtiger Behandlung und Beeinflussung auch sie noch zu
einem bedeutenden gottgewollten und gottgesegneten Faktor in der
fortschreitenden Kulturentwicklung der Menschheit erzogen werden kann.
Eine bedeutsame Agitation wurde weiter bei den im Sommer fast
allsonntäglich stattfindenden +Arbeiter- und Kinderfesten+
entfaltet. Ich weiß nicht, ob das eine besondre Spezialität der
Chemnitzer Sozialdemokraten ist; in Berlin treten ihnen zur Winterszeit
wenigstens allerhand Bälle, Theateraufführungen, Konzerte und
Maskenscherze mindestens gleichwertig an die Seite. Ich habe drei
jener Sommerfeste mit erlebt, eines in unserm Dorfe, zwei in mehrere
Stunden von Chemnitz entfernten reizend gelegenen Orten. Man hat
deutlich den Eindruck, wie sehr es bei diesen Festen gerade auf
die dem rein Politischen und Volkswirtschaftlichen fernstehenden,
namentlich auf Arbeiterfrauen, Mädchen und Kinder abgesehen ist. Wer
durch den Ernst des politischen Parteigedankens nicht gefesselt werden
kann, soll durch die Freude an heiterer Geselligkeit und allerhand
amüsanter Unterhaltung für die Partei gewonnen werden und so allmählich
auf diesem leichten und lustigen Wege sozialdemokratischen Geist
einsaugen. Indem man den Kindern Freude macht, gewinnt man die Herzen
der Mütter; indem man daneben ein Tänzchen arrangiert, bringt man die
nur auf Vergnügen gerichtete männliche und weibliche Jugend, dieser
selbst unbewußt, mit der sozialdemokratischen Bewegung in Berührung
und verknüpft ihre doch so ganz anders gearteten oberflächlichen
Interessen mit denen der Partei. In Orten, wo die Sozialdemokratie
noch nicht allzu festen Fuß gefaßt hat, wird mit besondrer Vorliebe
ein solches Fest abgehalten; denn man präsentiert sich auf ihnen
von der liebenswürdigsten, harmlosesten Seite und erscheint auch
besonnenern und zaghaftern Arbeitern acceptabel und gar nicht
fürchterlich. In solchen Fällen erfüllt solch Sommerfest im besondern
Sinne Pionier- und Agitationsarbeit, und meist mit größerm Erfolge,
als durch Abhaltung einer Anzahl öffentlicher Versammlungen erreicht
zu werden pflegt. Noch eine besondre Aufgabe haben diese Feste. Sie
sind alle zugleich ein finanzielles Geschäftsunternehmen der lokalen
Parteileitung; denn ihr stets angestrebter und meist auch erzielter
Überschuß muß die Parteikasse füllen helfen. Auch wurden durch
allerhand Dinge, die ich gleich schildern will, noch gern gezahlte
Extrasteuern erhoben. Das alles aber verhinderte nicht, daß sehr
viele der Teilnehmer gleichwohl einer durchaus harmlosen Freude sich
hingaben, und daß diese Harmlosigkeit, diese kindliche, tief im Volke
steckende Lust, ungebunden, ganz hingegeben mit einander fröhlich zu
sein, für viele Anwesende den eigentlichen Parteizweck in die zweite
Linie zurückdrängte. Unter solchen Umständen macht dann ein solches
sozialdemokratisches Kinderfest äußerlich denselben Eindruck, wie die
meisten andern sonst üblichen „unparteiischen“ Volksbelustigungen und
Volksvergnügungen auch.
Es kommt gerade bei ihnen viel auf den Ort, das Wetter und das
glückliche Arrangement an, um sie gelingen zu lassen. Zwei jener
drei Feste sind mir in durchaus freundlicher Erinnerung. Das auf
der sogenannten Jagdschenke, in der Nähe von Siegmar bei Chemnitz,
und dasjenige in Einsiedel, einem von Chemnitz in etwa zwei Stunden
erreichbaren idyllisch gelegenen Dorfe. Der Tag war schön, der
Himmel blau, die Luft klar. Bei dem ersten Feste spielten die Kinder
sichtlich die Hauptrolle; es war ein echtes, volkstümliches Jugendfest
mit Kinderwagen und Kindergeschrei, mit Blechtrompetentönen und
Ziehharmonikamusik, mit Sternschießen und Luftballon. Wie harmlos
man sich da freute, zeigt ein originelles Spiel, das mir neu war.
Ein junger Arbeiter in buntem Kostüm hatte sich ganz mit einfachen
Pfefferkuchenstückchen behängt; so trat er unter die Kinder und ließ
sich nun von ihnen jagen; wer ihn einholte, durfte sich solch ein
süßes Stückchen von seinem Leibe reißen. Das gab eine lustige, tolle
Jagd, das Bild eines modernen Rattenfängers von Hameln. Auch über
die Spiele, die mehrere Arbeiter geschickt und unermüdlich mit den
Kindern arrangierten, und denen eine große Menge Erwachsener lustig
lachend zusah, freute ich mich. Da spielte man einmal sichtlich ohne
Parteitendenz, wie das bekannte, abwechslungsreiche: Adam hatte
sieben Söhne und ähnliches. Die Tanzlustigen vergnügten sich dabei
in einem sehr primitiven Saale bei Zithermusik an Walzer und Polka,
die Mehrzahl der Verheirateten draußen im Freien unter den Bäumen des
Gartens. Das besondre Charakteristikum dieser sozialdemokratischen
Feste war auch hier vertreten: das Raritätenkabinett und die Sitte der
Arretierungen. Aber dies schildere ich besser bei der Erzählung von dem
Feste in Einsiedel, das schon wieder einen andern, nicht mehr so ganz
tendenzlosen naiv-heitern Charakter trug. Vielleicht mochte das auch
an den allzuvielen Chemnitzer Genossen liegen, die hier im Gegensatz
zu dem Feste in Siegmar das Übergewicht gegen die ortseingesessenen
Teilnehmer bildeten und den Ton angaben, der, wenn er von diesen
großstädtischen, in sozialdemokratischer Gesinnung und Gebaren
gedrillten Arbeitern ausgeht, der Liebenswürdigkeit und ungekünstelten
Natürlichkeit zu entbehren pflegte.
Einigermaßen interessant ist das Programm, das mit roten Lettern
auf gelbem Kartonpapier gedruckt, einem auf diesem zweiten Feste in
Einsiedel gegen die Zahlung von 15 Pfennigen Eintrittsgeld übergeben
wurde und folgendermaßen lautete:
~Ergebenste Einladung~
~zum~
~grossen Sommer-Fest~
~des~
~Wirker-Fachvereins für Einsiedel und Umgegend unter
Belustigungen grosser und kleiner Kinder beiderlei Geschlechts
+Sonntag, den 3. August 1890+ im Kaiserhof zu Einsiedel. Bei
wolkenbruchartigem Regen 14 Tage später.~
~+Programm.+~
~I. Theil.~
~2 Uhr: Sammeln aller grossen und kleinen Kinder im Kaiserhof.~
~3 Uhr: Zusammentreffen mit den Besuchern, welche per Bahn von
Chemnitz kommen, dann gemeinsamer Abmarsch nach dem Festplatz.~
~3 Uhr 4½ Minuten: Ankunft auf demselben.~
~II. Theil.~
~1. Grosses Freiconcert von der weltberühmten Haus-Capelle,
genannt Achtstunden-Capelle.~
~2. Grosses Prämienschiessen aller kleinen Kinder beiderlei
Geschlechts.~
~3. Für kleine Wirker oder sonstige Lohnnehmer wird eine mit
Wurst und anderen Sachen behängte Kletterstange errichtet, darf
aber Niemand höher klettern, als die Stange ist.~
~4. Aufstellen des weltberühmten Schnellphotographen.~
~5. Grosses Prämien-Knaulwickeln für grosse Kinder weiblichen
Geschlechts.~
~6. Besichtigung des grossartigsten Raritätencabinetts der
Welt.~
~7. Rückfahrt nach der Stadt, 7 Uhr oder ½11 Uhr Abends.~
~8. Alle 36 Stunden muss jeder Theilnehmer einmal nach Hause
gehen.~
~9. Jeder kann theilnehmen, wenn er eingeladen ist, darf aber
nicht unter 3 Tage und nicht über 90 Jahre alt sein.~
~10. Das Festcomité ist an den leeren Magen und schwieligen
Händen zu erkennen.~
~11. Hunde dürfen nicht mitgebracht werden, da schon genug Spitze
vorhanden sind.~
~Zum Schluss grossartiger Fackelzug und Abschied der Gäste,
welche mit dem ½11-Uhr-Zug fahren.~
Das Konzert dauerte freilich nur von 4-5 Uhr. Währenddessen fand in
dem kleinen, engen Rasengarten der Restauration das Klettern der
großen Knaben, das Sternstechen der Mädchen, das Blindekuhspielen der
Kleinsten statt. Jeder erhielt eine Kleinigkeit, die Jungen Messer,
Mundharmonikas, Federhalter, Taschentücher, Wurst, die Mädchen
Ohrringe, Broschen, Geldtäschchen, Strumpfbänder, Taschentücher,
Würstchen, alles ganz billige Ware, wohl ein Gelegenheitskauf, da die
bedruckten Taschentücher das farbige Bild -- Kaiser Wilhelm ~I.~
zeigten. Während dann für die erwachsene Jugend gegen 5 Uhr der Tanz
begann und die Musikstücke aus den offnen Fenstern über den Festplatz
schallten, bildete sich hier unter den zahlreichen Besuchern eine
Männergruppe und sang, nachdem die Polizei inspiziert und sich wieder
etwas entfernt hatte, aus dem sozialdemokratischen Liederbuche nach
bekannten Melodien sozialdemokratische Weisen. Dicht umstanden Männer,
Frauen und Kinder die Sänger und lauschten aufmerksam den Liedern,
die vielen eine noch neue Welt kühner Gedanken in schwungvoller
begeisternder Form enthüllten. In einer Ecke des Platzes stand auch
hier das bereits genannte Raritätenkabinett und eine Nachahmung der
bekannten auf Jahrmärkten und auch sonst nie fehlenden Buden für
Schnellphotographie. Jeder mußte in eine der Buden hinein. Wer es
nicht freiwillig that, wurde von einem mit Militärmütze und altem
Uniformrock bekleideten, und mit einem Holzschwert bewaffneten
Arbeiter, dem „Polizisten“, unter Assistenz mehrerer Genossen mit
Gewalt hineintransportiert, „arretiert.“ Den Inhalt des Kabinetts
bildeten wunderliche Raritäten. Da lag ein riesiger, üblicher Knüppel:
die Keule des Kain; ein Stück rundes Glas: der Erdspiegel; ein
eingetrockneter Hering: ein Riesenwallfisch; ein alter verrosteter
Säbel und ebensolches Messer: Waffen von 1848 u. s. f. Jeder, der drin
war zahlte 10 Pfennige, die der sogenannte Erklärer der wunderlichen
Sachen kassierte und in ein Notizbuch notierte. Ich war gerade drin,
als der königliche Gendarm und der Gemeindediener das verfängliche
Lokal inspizierten. Ich muß sagen, es war eine lächerliche Szene.
Die beiden Beamten, die mit strenger finstrer Miene diese Lappalien
untersuchten, die naivdreisten Antworten der beiden auf solche Fälle
wohlstudierten durchtriebenen Kassierer und Erklärer, das schadenfrohe
Lächeln der andern, der Besucher. Als die Beamten hinausgingen, drehte
man ihnen hohnlachend eine Nase.
Unerfreulicher war das Fest in unserm Orte selbst, bei regnerischem
Wetter, im engen, kahlen Hofe der Restauration. Auch hier ein solches
Kabinett, darin ein Faß mit -- Arbeiterschweiß. Die Kinder mit Schürzen
in roten oder deutschen Farben, die Erwachsenen mit roten Schleifen
an der Brust. Die beiden Gasthofszimmer waren dicht mit Qualm und
Menschen gefüllt und blieben es bis nachts 11 Uhr. An einem großen
runden Tische war dichtes Gedränge und ein heftiger Streit zwischen der
sozialdemokratischen Mehrzahl und einem Baiern, einem Kaufmann, der
eben erst aus Amerika zurückgekommen und zufällig in dies Lokal geraten
war. Neben ihm saß schweigend der Direktor der Brauerei, die dem Wirte
das Bier lieferte und deswegen ihren Direktor aus Geschäftsrücksichten
zu diesem Besuch und Verkehr verpflichtet hatte. Der Streit war
heiß und kühlte sich nur immer wieder an der jovialen Gelassenheit
des kaltblütig aber nicht geschickt opponierenden amerikanisierten
Baiern. Daneben sang man demonstrativ sozialdemokratische Lieder,
bis sich endlich die Woge der Diskussion legte und in einer solennen
Kneiperei auf Kosten des Baiern verlief. Hierbei habe ich manches
gesehen und gehört, wovon ich an einer andern Stelle erzählen werde.
Dies „Kinderfest“ war kein Kinderfest, sondern ein durch und durch
sozialdemokratisches, ziemlich wüstes Parteifest, das in schroffem
Gegensatz stand zu dem hübschen Vergnügen des Hirsch-Dunckerschen
Gewerkvereins der Chemnitzer Metallarbeiter und Weber, dem ich am
Sonntag darauf beiwohnte. Ich traf da zwei Schlosser unsrer Fabrik
als Mitglieder, zwei unsrer ruhigsten, anständigsten Leute. Und wie
sie, so wohlanständig, gewandt und höflich benahmen sich auch die
übrigen Mitglieder und Gäste bei diesem Konzert und Tanzvergnügen. Es
herrschte ein merklich andrer Ton als auf jenem eben geschilderten
sozialdemokratischen Kinderfeste.