Da wollen wir mal das und das zusammen machen; es dauert gar

nicht lange. Oder man sagte: Wir möchten einmal diese Welle hier

fortschaffen; aber sie ist schwer; du mußt dir noch ein paar andre

suchen und mitbringen.

Und fast immer halfen die Auftraggeber selbst mit.

Die Monteure nahmen ihren Leuten gegenüber etwa die Stellung

von Untermeistern ein. Ihr Verhältnis zu ihnen war halb das von

Vorgesetzten, halb das von Genossen. In Dingen, die die Arbeit

betrafen, wurden sie von jenen durchaus respektiert, im übrigen war der

Verkehr zwischen ihnen ein mehr kordialer. Besonders wenn gleichaltrige

oder an Jahren ältere Leute unter ihnen arbeiteten, was nicht selten

vorkam; denn wir hatten ein paar noch ziemlich junge Monteure als

Gruppenführer unter uns. Wie diese zu der Stellung gekommen waren,

erfuhr ich nicht; sie alle waren früher Durchschnittsarbeiter gewesen.

Ältere Leute ließen diese dann meist sehr selbständig und „ihren

eignen Stiefel“ arbeiten; ihnen gegenüber begnügte man sich mit den

allernötigsten Anordnungen. Übrigens sei an dieser Stelle bemerkt, daß

einige der ältesten Schlosser überhaupt den Gruppenverbänden dauernd

entnommen waren und direkt dem Werkmeister unterstanden.

Ältere Monteure prägten ihren Gruppen einigermaßen ihren technischen

Charakter auf; Gruppen mit gewandten und tüchtigen Monteuren waren

deutlich intelligenter und leistungsfähiger als andre, deren

Vorarbeiter sich häufig bei ihren erfahreneren Kollegen Rats erholten.

Auch in sittlicher Beziehung war der Vorarbeiter auf seine Gruppe hie

und da von Einfluß. Doch war dieser Einfluß ein ebenso zufälliger als

verschiedener; bei einigen ein besserer, bei der Mehrzahl aber ein

wenig guter. Das war nur zu erklärlich, wenn man bedenkt, daß die

Leute früher ja selbst Arbeiter gewesen und nie auf die Pflicht, ein

gutes Vorbild zu geben, aufmerksam gemacht worden sind. Ich hörte

darum selten, daß einer von ihnen einem seiner Leute ein unzüchtiges

Wort, einen Fluch, eine unedle Gesinnung verwies. Es war schon viel,

wenn ein Monteur sich persönlich davon frei und dazu still verhielt;

viel häufiger teilte man die Ansichten der Leute, fluchte und zotete

selbst mit. Von besondrer Bedeutung ist der einzelne Monteur für die

Lehrlinge, die den Montagen zugeteilt zu werden pflegen. Je nach

der Tüchtigkeit des Monteurs und der Gruppe, der er angehört, wird

der Junge etwas lernen. Doch habe ich nicht bemerkt, daß sich der

vorgesetzte Monteur, ebensowenig der Schlosser- und Werkmeister, in

irgend welcher Beziehung viel um seinen Lehrburschen gekümmert hätte.

In einem einzigen Falle behandelte der wohl tüchtigste Monteur, ein

polternder aber sehr gutmütiger Mann, der namentlich des Sonntags gern

einmal einen über den Durst trank, ohne gerade ein Gewohnheitstrinker

zu sein, den ihm unterstellten Lehrling mit väterlichem Wohlwollen und

Wohlgefallen. Das war aber ein besonders hübscher und kluger Junge,

dessen Vater ein Lehrer am Orte und mehrfacher Hausbesitzer war und

darum wohl auch persönliche Beziehungen zu dem betreffenden Monteur

unterhielt, die diesem gerade nicht zum materiellen Schaden gereichten.

Eine Entscheidung darüber, ob der Lehrling in der Fabrik oder bei einem

Kleinmeister besser aufgehoben ist, wage ich nach meinen geringen

Erfahrungen hierin nicht zu geben; doch glaube ich sagen zu können,

daß eine solche Fabrik von vornherein eher geeignet erscheint, bessere

Lehrlinge zu erziehen, als der in beschränkten Verhältnissen meist

um seine Existenz ringende und häufig mit Flickarbeit beschäftigte

Kleinmeister. Die sittlichen Gefahren können bei diesem aber eben so

groß sein als dort.

Außerhalb der Fabrikräume galt der Monteur dem Schlosser, dem

Maschinenarbeiter, dem Handarbeiter als durchaus gleichgeordnet;

da fielen die Unterschiede, die der Betrieb zwischen sie notwendig

aufstellte; da waren sie und fühlten sie sich alle im gemeinsamen

Umgange als Arbeiter, und kein andrer Umstand entschied für

ihren persönlichen Verkehr, als die gegenseitige Neigung, die

Gesinnungsgleichheit und die nachbarliche Wohnung.

Wieder anders als die Monteure standen in der Fabrik die Meister.

Bei ihnen trat, obgleich auch sie häufig aus ganz einfachen

Arbeiterkreisen, aber wohl nur selten aus derselben Fabrik

herausgewachsen waren, die gesellschaftliche Überordnung während und

noch mehr außerhalb der Arbeit klar und offen zu Tage. Schon durch

ihre Kleidung unterschieden sie sich in der Fabrik von allen übrigen;

sie trugen keinen eigentlichen Arbeitsanzug, sondern auch während

der Arbeit den üblichen modischen Rock, Schlips und weiße Wäsche.

Sie bildeten das Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und den

höhern Beamten des Etablissements bis zu den Direktoren hinauf; sie

sind, ich weiß in der That keinen bessern Vergleich, die Feldwebel

in der Fabrik. Sie sind die technischen Leiter des Betriebes im

Detail, dem Direktor hierin wie bezüglich der Persönlichkeiten der

einzelnen Arbeiter maßgebend und verantwortlich; sie kontrollierten

die Arbeiter alle und hatten -- was von besonderer Bedeutung ist --

Einfluß auf die Höhe des Stunden- wie namentlich des Akkordlohnes des

einzelnen Mannes. Sie gaben das Tempo für den Gang der Arbeit mit an

und hatten es in der Hand, daß auch bei flauerm Geschäftsgange Leute

nicht entlassen, sondern mit durchgeschleppt wurden. Traten wirklich

Betriebseinschränkungen ein, so bestimmten ebenfalls sie mit, wer von

den Leuten zu gehen habe; endlich waren sie imstande, manches mißratene

Stück unbemerkt zu beseitigen, manches Verpfuschte zu vertuschen. Das

alles machte sie für die Arbeiter ebenso wie für die Direktoren zu

den wichtigsten Persönlichkeiten in der Fabrik, und es bestimmte auch

sichtlich ihr Verhältnis und ihren Verkehr zu den Leuten und umgekehrt.

Dies Verhältnis ist eben durchaus das des Vorgesetzten zum

Untergebenen. Je nach der Persönlichkeit des Mannes ist es angenehm

oder unangenehm. Wir hatten in unsrer nächsten Nähe vier Meister. Der

eine wurde von allen meinen Arbeitsgenossen einstimmig als grob, gemein

und als Zwischenträger, dabei als unfähig, freundlich ins Gesicht,

hinterlistig im Rücken geschildert, vor dem man den Neuling warnte.

Auch ihm parierte man ohne Widerrede. Aber alle zeigten ihm gegenüber

eine gewisse stolze Reserve, wiesen jede scheinbare Annäherung von

seiner Seite zurück und hatten auf seine Anordnungen oft nur ein

heimliches überlegenes Lächeln. Zwei andre Meister thaten schlicht

und recht ihre Pflicht, ließen sich nicht allzusehr mit den Leuten

ein, wurden hie und da grob gegen sie, wofür man meist mit gleicher

Münze bezahlte. Sonst war in ihrem Verkehr nichts Sonderliches zu

beobachten; eigentliche Zuneigung besaßen sie wenig. Wohl aber der

vierte. Er erfreute sich, alles in allem genommen, bei den meisten

großer Beliebtheit. Er war ein in seinem Fache erfahrener kluger Mann,

wohlhabend, gewandt, und hatte eine große Gabe, die Leute recht zu

behandeln. Er schnauzte sie mitunter tüchtig an, aber machte auch

einmal mit jedem einen guten Witz und nahm überall seine Leute gegen

andre Meister, wohl auch gegen die Direktoren in Schutz; wenn er früh

morgens kam, wünschte er jedem einen guten Morgen, sah auch hie und

da nicht hin, wo einmal gebummelt wurde, wenn er wußte, daß es nicht

gerade eilig ging, und war gegen Petitionen um Lohnaufbesserung nicht

taub und unzugänglich. Er war so klug, ältere, lange anwesende Leute

anders, feiner, kordialer, freundschaftlicher zu behandeln als die

jungen. Er hatte, wie das psychologisch erklärlich und bei Leuten

dieser Bildungsstufe selbstverständlich ist, freilich auch seine

Schützlinge und Sündenböcke, die aber zum Glück häufig wechselten.

Alle gehorchten seinen immer im rechten Ton und in rechter Weise

gegebenen Weisungen willig und sofort, wenn auch der einzelne Mann,

je nach seiner Gesinnung, seinem Alter, seinem Charakter im stillen

manches an ihm auszusetzen haben mochte und sich anders als der

Nachbar gegen ihn benahm: bald freundlicher, bald zurückhaltender,

bald selbstbewußter, bald serviler und mit dem sichtlichen Streben,

bei ihm gut angeschrieben zu sein. So z. B. ein älterer Genosse meiner

Kolonne, der, über die Fünfzig hoch hinaus, in rührender Weise alle

seine schon abnehmenden Kräfte anspannte, so oft der Meister in die

Nähe unsrer Arbeit kam, um ihm zu zeigen, daß er noch ganz seinen Mann

zu stellen vermöchte. Wieder andre zeigten ihm gegenüber eine gewisse

Vertraulichkeit, Sicherheit, und einige wenige Verbissene heimliche

Feindseligkeit. Die jüngern und fluktuierenden Elemente gehorchten

ihm ohne Widerrede und gaben sich Mühe, ihn nicht zu erzürnen. Einen

irgendwie nennenswerten günstigern moralischen Einfluß aber übten auch

diese Meister nicht aus. Im Gegenteil, in ihrer ganzen Bildung, ihrem

Denken, Streben, Handeln ihnen innerlich durchaus verwandt, bestärkten

sie häufig nur, sowie sie zu solchen Äußerungen einmal die Gelegenheit

und das Wort fanden, durch ihre sozial autoritative Stellung die

sittlich sehr geringwertige Haltung und Gesinnung ihrer Untergebenen.

Ein intimeres Verhältnis bestand zwischen den Meistern und den meisten

Vorarbeitern, mit denen sie gern einmal plauderten, selbstverständlich

auch geschäftlich am meisten zu verkehren hatten, da sie mit ihnen

die im Bau begriffenen Maschinen eingehend besprechen mußten. Wie

die Meister unter sich standen, bekam ich nicht genau heraus. Eine

äußerliche Kollegialität war jedenfalls vorhanden, aber ebenso auch

eine gewisse Rivalität, in einem Falle wohl auch Neid, und in einem

andern spöttische Geringschätzung. Das ganze Verhältnis kann man etwa

mit dem bekannten der Subalternbeamten vergleichen. Einmal kam es in

der Fabrik zwischen zwei Meistern zu einem lauten Skandal, bei dem sich

die beiden Beteiligten zum Gaudium der Arbeiter wacker herumzankten.

Es erübrigt nun noch, einen Blick auf das Verhältnis der Arbeiterschaft

zu dem kaufmännischen Kontorpersonal und zu den Zeichnern und

Ingenieuren zu werfen. Man sah unter den Arbeitsgenossen jene sämtlich

als zu einer andern Gesellschaftsklasse gehörig und ihnen innerlich

und äußerlich fernstehend an. Das wurde befördert durch die Thatsache,

daß jenes Personal nur wenig mit den Leuten in Berührung und nur

selten in die eigentlichen Fabrikräume kam. Wenn es aber geschah,

so war mindestens in der Hälfte der Fälle die Klage der Leute über

das gleichgiltige oder hochfahrende Gebaren dieser Herren aus Kontor

und Zeichenstube nach allen meinen Beobachtungen berechtigt. Es gab

besonders einen Zeichner oder Ingenieur, ich weiß das nicht mehr genau,

der ab und zu mit dem Anreißer wegen der Zeichnungen zu verhandeln

hatte: auch nicht den kürzesten Gruß zu uns brachte dieser Herr über

die Lippen, selbst dem Anreißer gegenüber nicht, den sonst jeder zu

grüßen pflegte. Das wurde von den in solchen Dingen feinfühligen

schlichten Leuten gar bitter empfunden. Um so dankbarer und freudiger

wurde dagegen von den Arbeitsgenossen die Freundlichkeit einiger andrer

Herren und namentlich eines jungen schlanken Kaufmanns bemerkt, dessen

höflicher Gruß und schlichte Art ihm uns alle zu Freunden machte.

Einige Kontorschreiber standen selbstverständlich den Arbeitern näher.

Ein doppeltes Charakteristikum springt nun bei der übersichtlichen

Beurteilung dieses eben geschilderten Verkehrs der Leute unter sich

und vor allem mit ihren subalternen Vorgesetzten leicht in die Augen:

einmal das wunderliche halb gleich halb untergeordnete Verhältnis der

verschiedenen Arbeiterkategorien zu ihren Chargen, wenn ich so sagen

darf, und zu einander; und zweitens die bedauerliche Abwesenheit aller

nur einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte.

Jenes halb kordiale halb subordinierte Verhältnis ist darum so

wunderlich und auffallend, weil es in schroffem Gegensatz steht

zu dem sonstigen Charakter der Organisation und Disziplin unsrer

großen industriellen Betriebe, die, wie wir das auch an unsrer

Arbeitsordnung sehen, sonst vielmehr auf dem aristokratischen Prinzip

der absoluten Unterordnung der Arbeiterschaft unter ihre Vorgesetzten

und ihrer Abhängigkeit von diesen in Arbeits- und Lohnbedingungen

beruht. Aber dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr wohl

aus demselben Prinzip des Laissez aller, das unser Wirtschaftsleben

überhaupt bestimmt. Während man aber diesen Satz von der freien

Bewegung aller Menschen und Kräfte in diesem Falle in die absolute

Freiheit der Verfügung der Leiter der Fabriken über die Arbeiter

und Arbeitsbedingungen umgedeutet und demgemäß ausgenutzt hat, hat

man im andern die Ordnung des Verhältnisses der Leute unter sich

diesen einfach selbst überlassen. Und die auf eignes Zurechtkommen

angewiesenen Arbeiter übertrugen da wohl anfangs das frühere, bewährte

Verhältnis zwischen Meister und dem einzelnen Gesellen im ehemaligen

Kleingewerbe auf die großen neuen Arbeitsverbände der großindustriellen

Betriebe. Hier aber, wo der ehemalige Meister selbst nicht mehr

selbständiger Herr ist, nahm die Sache sofort einen demokratischen

Charakter an, der es bewirkte, daß der Arbeiter sich ohne geschriebene

Satzungen und Paragraphen soweit den Anordnungen der nunmehr selbst

subalternen Vorgesetzten beugt, als sie der Betrieb verlangt und

seine persönliche Würde achtungsvoll anerkannt wird. Es leuchtet

ein, von wie großer Bedeutung diese demokratisch-sozialistischen

Verkehrsgewohnheiten bei der Arbeit für das wirtschaftliche Denken der

Leute sein müssen.

Über den zweiten Punkt, den Mangel sittlicher Faktoren und einer

bewußten Verwertung und Verwendung derselben durch die niedern und

höhern Vorgesetzten, braucht nicht allzuviel mehr gesagt zu werden.

Die stumme Thatsache redet schmerzlich laut genug für sich selbst. Sie

beweist an ihrem Teile das, was dies ganze Kapitel über die Arbeit

in der Fabrik bloßlegt, und was als Schlußwort an seinem Ende folgen

mag, daß sich alle unsre großartigen Fabrikbetriebe ganz einseitig

nur als Institute zur Schaffung ausschließlich materieller Werte

repräsentieren. Was von sittlichen Kräften in ihnen wirkt, ist die

Folge rein zufälliger günstiger Verhältnisse und nicht eine bewußte

Absicht dazu. Ihnen allen fehlt noch der sittliche Adel, der ihnen

zukommen würde, sobald man sie zugleich auch als Stätten einrichtete

und ausnutzte, die als die modernsten und großartigsten Bildungen

menschlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich auch bestimmt

wären, allen in ihnen beschäftigten, hoch und niedrig, durch ihre

Arbeitsbeteiligung und Arbeitsleistung gleich günstige Gelegenheit

zu einer freudigen Bethätigung ihrer geistigen Fähigkeiten und einer

harmonischen Ausgestaltung auch ihrer sittlichen Persönlichkeit

zu bieten. Nur erst, wenn diese Auffassung von dem Beruf eines

Fabrikorganismus zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft willig

oder widerwillig gebracht worden sein wird, hat das moderne Institut

der Fabrik seine sittliche Daseinsberechtigung erlangt und wird das

gepriesene Mittel werden, die Menschheit einen gewaltigen Schritt

vorwärts zu bringen, ihrer unabsehbaren Bestimmung entgegen. Und

ich wage zu meinen, daß die Verwirklichung dieses Zieles sich sehr

wohl vereinigen läßt mit der in der That durchaus gleichbedeutsamen

Rücksicht auf die wirtschaftliche Leistungs- und materielle

Ertragsfähigkeit solcher großen Etablissements, sofern die betreffenden

Fabrikleiter nur erst einigermaßen von dem Bewußtsein der gewaltigen

erzieherischen Aufgaben durchdrungen sind, zu deren Bewältigung

sie von Berufs wegen, um des Vaterlandes und des Volkes, um der

Sittlichkeit und der Religion willen verpflichtet sind. Dazu aber sind

sie -- mit oder wider ihren Willen -- durch den Druck einer neuen,

bessern, idealern, sittlichen, christlichen öffentlichen Meinung

einfach zu erziehen.

Viertes Kapitel

Die Agitation der Sozialdemokratie

Chemnitz ist einer der ältesten und ersten Sitze der deutschen

Sozialdemokratie. Schon im Jahre 1867 schickte es den Sozialdemokraten

und Dresdner Kupferschmiedemeister +Försterling+ in den

Norddeutschen Reichstag, der freilich bald nachher wieder aus ihm

ausschied. Dann kurz nach dem Kriege schlug der „wütende Most“ sein

Hauptquartier in Chemnitz auf und wurde daselbst 1874 sowohl wie 1877

als Reichstagsabgeordneter gewählt. 1878 bei den Neuwahlen nach den

Attentaten fiel er allerdings durch, doch eroberte die Sozialdemokratie

den Kreis im Jahre 1881 durch den Breslauer Schriftsteller Bruno Geiser

sich wieder zurück, um ihn auch 1884 zu behaupten; 1887 verlor sie ihn

jedoch abermals. Aber schon bei den letzten Wahlen 1890 wurde wieder

ein Sozialdemokrat, der bekannte Max Schippel, dessen Vater in Chemnitz

Schuldirektor ist, gewählt.

Fast 25 Jahre hindurch also wird in Chemnitz und Umgegend von der

Sozialdemokratie agitiert, und immer waren es Parteigrößen, die hier

„in Arbeit“ standen. So ist es nicht verwunderlich, daß schon 1881

über 10000 und 1887 über 15000, 1890 gar 34642 sozialdemokratische

Stimmen abgegeben wurden, und daß in dem Vororte, in dem unsre

Fabrik stand und die Mehrzahl von uns wohnte, bei der letzten Wahl

700 sozialdemokratische und nur 150 sogenannte „reichstreue“ Stimmen

gezählt worden sein sollen.

Dieser Vergangenheit würdig, war auch während des letzten Sommers

die Agitation der Partei ununterbrochen rege, auch hier wie an den

meisten Orten Deutschlands überhaupt die einzige, die zu bemerken

war. Sie war durchaus planmäßig, kraftvoll und ins einzelne gehend.

Allwöchentliche große öffentliche Versammlungen für Angehörige

irgend eines Arbeitszweigs oder auch für Männer und Frauen überhaupt

hielten die Aufmerksamkeit der gesamten arbeitenden Bevölkerung für

die Arbeiterpartei zunächst im allgemeinen lebendig. Freilich waren

diese Versammlungen, wenigstens die, die ich mitgemacht habe, meist

nur dürftig besucht; und nur wenn ein besondrer Anlaß eine Reihe

bestimmter Berufszweige zugleich beschäftigte, oder ein bekannter von

auswärts zitierter Redner, eine sozialdemokratische Größe auftrat,

schwollen sie zu imposanten Massenversammlungen an; sonst schwankte die

Durchschnittszahl der Besucher wohl immer zwischen 1-200 Mann; es waren

die in der Bewegung voranstehenden Arbeiter, die immer den Ton angaben,

wo etwas Sozialdemokratisches los war. Meist waren das gut situierte

Leute. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten derartigen Versammlung,

zu der ich als Arbeiter in die Stadt hineinkam, der einzige war, der

im schmutzigen Arbeitszeug, ohne weißen Kragen und Schlips erschien;

die andern hatten alle bessere Kleidung an. Jedenfalls aber erregten

diese Versammlungen schon durch die ständigen großen roten Plakate,

die sie vorher an allen Ecken und Enden der Stadt und Vorstädte

ankündigten, ihren Zweck: die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die

Bewegung wachzuhalten. Im übrigen bildeten sie nur den Rahmen für

die intensivere besondre Agitation in den einzelnen Stadtteilen und

Vorstadtdörfern.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 8 / 21 段