Wenn ich endlich noch einige Worte über die Erfahrungen sagen

darf, die ich bei der Arbeitssuche gemacht habe, so sind das kurz

folgende. Tüchtigen Facharbeitern, wie Schlossern und Drehern, war

es zu jener Zeit immer noch leichter möglich, Arbeit in Fabriken

und kleinern Werkstätten zu erhalten, als Handarbeitern, Webern und

Maschinenarbeitern. Auf der Arbeitssuche wurden wir meist schon von

den Portiers der Fabriken kurz zurückgewiesen. In den wenigen Fällen,

wo wir bei dem Leiter direkt anfragen konnten, wurden wir freundlich

und höflich behandelt, einmal auch mit guten Ratschlägen versehen, die

freilich in diesem Falle nichts nützten. Auch die Arbeitsnachweise, zu

denen wir unsre Zuflucht nahmen, befriedigten unser Bedürfnis nicht.

Es waren die in den Herbergen und in den Zeitungen. Jene bestanden

darin, daß der Herbergsvater der Zentralherberge auf einem großen

schwarzen Brett, das an der Wand hing, die gesuchten Berufsarten, die

Anzahl der verlangten Arbeiter, die Art der in Aussicht stehenden

Beschäftigung, manchmal auch die Höhe des Lohnes anschrieb, wonach sich

jedermann orientierte. Daß dabei, wie es namentlich in Innungsherbergen

vorkommen soll, von ihm einzelne Leute bevorzugt worden seien, denen

er vorher im geheimen Mitteilung von der bessern Arbeitsgelegenheit

gemacht hätte, habe ich nicht bemerkt, kann aber das Gegenteil auch

nicht fest verbürgen. Unter den Beschwerden dieser erfolglosen

Arbeitssuche litten selbstverständlich vor allem wir zugereisten,

in Chemnitz fremden. Wer hier bekannt war oder auch einige Routine

besaß, dem glückte es selbstverständlich eher. Es kommt nicht zu

selten vor, daß sich einer, anstatt sich abweisen zu lassen, hinter

den Portier steckt, ihm etwas zuschiebt und dafür von ihm Nachricht

erhält, wann in seiner Fabrik ein Platz frei wird. Auch von guten

Bekannten und ehemaligen Arbeitsgenossen, die zur Zeit da arbeiteten,

erhält man solche Mitteilungen und Winke, wo und wie anzuklopfen

ist, etwa bei einem Meister der Fabrik, bei dem jene dann selbst

auch ein gutes Wort einlegen. Doch ist natürlich bei dem allem viel

glücklicher Zufall im Spiel; und wer fremd am Orte ist, kann sich nicht

sonderlich darauf verlassen. Jedenfalls kann ich nach meinen eignen

Erfahrungen es aussagen, wie unsäglich deprimierend es ist, erfolglos

von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt wandern zu müssen,

immer von neuem seine Kraft anbietend, mit bittenden Worten, und immer

wieder erfolglos. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist, auch wenn der

Hunger noch nicht mit seiner eisernen Faust an die Thür pocht, das

furchtbarste Los, das einen gesunden, strebsamen, für seine Familie

sorgenden Manne treffen kann, um so bitterer, je ernster, tiefer,

charaktervoller er ist, und eine größere Gefahr zur physischen und

moralischen Verwahrlosung, als nur je die sozialdemokratische Agitation

es sein kann.

Zwei Seiten unsrer Arbeitsordnung enthielten schließlich gute, klare

Vorschriften zur Verhütung von Unglücksfällen. Sie wurden meist von

den Leuten verständig befolgt. Während meiner Zugehörigkeit zur Fabrik

ereignete sich nur ein größeres Unglück, das den Betroffenen auf etwa

vierzehn Tage arbeitsunfähig machte: eine eiserne Schiene von etwa

zwanzig Pfund war ihm auf den Fuß gestürzt, hatte mit der einen spitzen

Kante seinen Stiefel durchbohrt, ein tiefes Loch in das Fleisch und

dieses vom Knochen los geschlagen. Dagegen waren kleinere Unfälle um so

häufiger: Quetschungen der Finger und Zehen, schmerzhafte Verletzungen

der Fingernägel, Verwundungen der Hände durch scharfe Ecken und Kanten,

und der Augen durch abspringende Eisensplitter. Gerade das letztere kam

besonders oft vor, lief aber in den meisten Fällen gut ab. Man half

sich da gern gegenseitig und schnell und geschickt.

Die Hauptgefahr bei aller Arbeit war immer die des Fallenlassens

der großen, oft zentnerschweren eisernen Stücke. Ein Fehlgriff, ein

unzeitgemäßes Nachlassen konnte Beine und Füße kosten. Darum wurde hier

zumeist instinktiv vorsichtig, bedächtig und behutsam gearbeitet. Als

Grundsatz galt: Was man einmal in der Hand hat, muß man so lange darin

behalten, bis ein sicheres Niederlegen möglich ist, koste es an Kraft,

was es wolle. Übrigens war ein für allemal der Befehl gegeben, daß zu

jeder Arbeit immer soviel Leute antreten mußten, daß die betreffende

Arbeit ohne Schaden für die Leute und den Arbeitsgegenstand verrichtet

werden konnte. Damit war jede Überanstrengung verhindert, was von den

Arbeitern dankend anerkannt wurde. Ebenso wurde durch die drei Krahne

in unserm Bau namentlich die Transportarbeit ungemein erleichtert.

Ferner gab es, wie erwähnt, überall elektrische Leitungen, durch

die bei Unglücksfällen den Maschinenwärtern im Nu das Signal zum

Anhalten der Dampfmaschine gegeben werden konnte. Dann existierten

strenge Verbote gegen das unbefugte Betreten des Probiersaales,

das Auflegen von Treibriemen während des Ganges der Maschinen,

u. s. w. Weiter war geboten, enganliegende Kleider zu tragen, die

nicht von den in Gang befindlichen Rädern ergriffen werden konnten.

Eigentliche Schutzvorrichtungen an Maschinen aber waren über Erwarten

wenig vorhanden, jedoch immer wo nötig zur Stelle. Für vorkommende

Verunglückungen gab es eine Ecke in unserm Bau mit Matratze,

Verbandtisch und Stuhl, Verbandzeug, Waschtoilette u. s. w. Ein

Arbeiter, früher Lazarettgehilfe, war stets zur ersten Hilfeleistung

bereit, legte in schweren Fällen einen Notverband an und übernahm den

Transport des Verletzten. In der Art Verunglückte zu transportieren

war wohl erst kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik eine große, von

den Leuten aufs dankbarste, aber doch nur als die Erfüllung einer

notwendigen Pflicht begrüßte Änderung eingetreten: anstatt wie früher

auf harten in der Fabrik benutzten Handwagen wurde der Verunglückte

jetzt in der Equipage der Direktoren nach Hause oder ins Krankenhaus

geschafft. Durchaus mangelhaft jedoch waren die Wascheinrichtungen,

die nur eine oberflächliche, mühsame Reinigung des Gesichts und der

Hände ermöglichten. In solchen rußigen Maschinenfabriken ist aber die

Errichtung von Bädern, die für alle zur Benutzung freistehen, einfach

Pflicht, namentlich wenn man die traurigen Wohnungsverhältnisse,

das enge Zusammenleben so vieler Menschen und beider Geschlechter

nebeneinander und dazu die Notwendigkeit einer täglichen gründlichen

Reinigung des ganzen schmutzigen Körpers in Betracht zieht.

Aber diese fehlten gänzlich bei uns, wie es überhaupt außer dem

bereits geschilderten Speisesaal nichts weiter von derartigen

Wohlfahrtseinrichtungen gab; man müßte denn jenen von der Direktion

gebilligten Handel eines einhändigen Expedienten mit guten, billigen

Arbeitskleidern auf Abzahlung noch darunter rechnen.

Und dabei war die Arbeit in unsrer Fabrik für alle körperlich schwer

und strapaziös. Ich sage das nicht nach den Erfahrungen, die ich an

mir machte; ich weiß, daß ich eine Ausnahme war und daß mir wenigstens

in der ersten Zeit alles doppelt schwer fiel. Ich berichte allein

nach den Aussagen der Leute und nach dem Eindruck, den sie auf mich

machten. Sie waren aber, mit Ausnahme der Jugend, alle des Abends

am Schlusse der Arbeit mehr oder weniger müde und abgespannt: ihr

Gang war nicht mehr so leicht, schnell und elastisch wie des Morgens

und Mittags, ihre Stimmung nicht mehr so heiter und lebhaft, ihre

Arbeitsleistung in der letzten Stunde deutlich geringer als in den

ersten. Es ist gar nicht zu leugnen, daß eine Fabrikarbeit von

dem Charakter der unsern, selbst bei einem so glücklichen Tempo,

bei einem so hochstehenden und verhältnismäßig geistig anregenden

Produktionsprozeß und bei der Freiheit und Selbständigkeit, wie

sie gerade bei uns noch herrschten, die tägliche Kraft eines Mannes

durchaus erschöpft. Es ist in der That keine Kleinigkeit, elf Stunden

des Tages mit 120 Mann in einem von öligem, schmierigem Dunste, von

Kohlen- und Eisenstaube geschwängerten heißen Raume auszuhalten.

Nicht eigentlich die meist schweren Handgriffe und Arbeitsleistungen,

sondern dieses Zusammenleben, Zusammenatmen, Zusammenschwitzen vieler

Menschen, diese dadurch entstehende ermüdende Druckluft, das nie

verstummende nervenabstumpfende gewaltige quietschende, dröhnende,

ratschende Geräusch, und das unausgesetzte elfstündige Stehen in ewigem

Einerlei, oft an ein und derselben Stelle -- dies alles zusammen macht

unsre Fabrikarbeit zu einer alle Kräfte anspannenden, aufreibenden

Thätigkeit, die wenn auch nicht über, so doch gleichwertig neben

jede anstrengende geistige Arbeit gestellt werden darf. Denn sie muß

geleistet werden mit Anspannung der besten Kraft eines Mannes -- und

dies, nicht aber der Erfolg, der größere oder kleinere Nutzen aus

ihr, ist der richtige sittliche Maßstab für ihre Beurteilung. Dabei

muß ich aber doch konstatieren, daß unter unsrer Arbeiterschaft eine

verhältnismäßig ganz beträchtliche Anzahl von Grauköpfen vorhanden

waren. So gab es unter den Schlossern einige, die schon als Reservisten

mit in Frankreich gewesen waren; unter den vier Packern waren, wenn

ich mich nicht irre, drei um die sechzig herum alt; zu meiner Kolonne

gehörte ein mittlerer Vierziger und ein hoher Fünfziger; unter den

Tischlern war ein freundlicher Alter mit schneeweißem Haar; an der

Langlochbohrmaschine stand ein mir besonders liebgewordener Mann, der

längst Großvater war und sehr frisch, treu und rüstig seine Pflicht

that; ein gleichaltriger Bruder von ihm, ein Schlosser, hatte nicht

allzu weit von ihm seinen Platz. Je mehr ich aufzähle, desto mehr

tauchen solche Grauköpfe in meiner Erinnerung wieder auf: sogar zwei

Siebziger, wenn ich recht berichtet worden bin, waren noch in leichtem

Dienste, der freilich leider entsprechend niedrig gelohnt wurde. Die

Mehrzahl der Arbeitsgenossen stellte aber natürlich das mittlere Alter,

starke, stramme Gestalten in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Lange nicht so zahlreich waren Siebzehn- bis Zwanzigjährige, und an

Lehrlingen hatten wir eine noch geringere Zahl.

Ein abschließendes Urteil über den Charakter dieser eben mitgeteilten

+Arbeitsordnung+ unsrer Fabrik findet man aus den Sätzen, die am

Anfange des Büchelchens über die Aufnahme und an seinen Schlusse über

eventuelle Änderungen der Fabrikordnung Bestimmungen enthalten. An

der ersten Stelle heißt es wörtlich: „Das Recht, Arbeiter anzunehmen,

steht nur der Direktion oder deren Beauftragten zu. +Durch Annahme

der Arbeit unterwirft sich jeder Arbeiter den Bestimmungen der

Fabrikordnung+, von welcher er bei seinem Antritt ein Exemplar

ausgehändigt erhält und worüber durch eigenhändige Eintragung des

Namens in ein im Kontor ausliegendes Buch zu quittieren ist.“ Und an

der letztern Stelle heißt es, ebenfalls wörtlich: „+Änderungen sowie

Zusätze zu derselben+ werden von der Direktion +durch Anschlag

bekannt gemacht und treten jedesmal sofort in Kraft+.“

Hier prägt sich auch dem Harmlosen klipp und klar der ganze Charakter

dieser wie wohl fast aller bestehenden Fabrikordnungen aus. Sie ist

deutlich das Produkt der Fabrikleitung, zugeschnitten nach den allein

maßgebenden Gesichtspunkten ihrer einseitigen Interessen. Sie ist eine

Hausordnung, die der Eigentümer allein nach seinem Willen erläßt, und

der sich jeder zu fügen hat, so lange er als Glied dem Hause angehört.

Es giebt für die Arbeiter gegen solche Arbeitsordnung keinen andern

wirksamen Protest, als den des Austritts aus dem Verbande, dem sie

Gesetz ist. Ihr Dasein und ihre Giltigkeit bezeichnet in allen Fällen

von Bedeutung die vollkommene, schweigende Abhängigkeit aller Arbeiter;

sie ist der Ausdruck eines absolutistischen Systems, das gerade

Gegenteil von wirtschaftlicher Freiheit, die doch das heute herrschende

Gesetz im Wirtschaftsleben der Völker sein soll; sie ist eine neue und

folgenschwere Ursache der Unselbständigkeit und Unreife des Charakters

der heutigen Fabrikarbeiter.

Freilich, und das ist das zweite, was ich abschließend zu sagen habe,

wurde die Schärfe dieser ganz einseitigen Arbeitsordnung in unsrer

Fabrik stark gemindert, ja häufig geradezu unwirksam gemacht durch

die kluge taktvolle Art, wie sie bei uns zur Anwendung kam. Bei dem

Direktor traten diese geschriebnen Satzungen überhaupt durchaus hinter

seiner energischen Persönlichkeit zurück, in dessen thatkräftiger,

militärischer, aber verständiger, besonnener und vor allem gerechter

und unparteiischer Art sie eine neue lebendige Gestalt annahm, und dem

man, wie ich das weiter unten noch ausführen werde, ohne Widerstand

gehorchte. Die übrigen Vorgesetzten aber, vor allem die Meister,

handhabten die Ordnung durchschnittlich so klug, mild und nachsichtig,

daß die Arbeiter die in ihr enthaltenen rücksichtslosen Sätze leicht

hinnahmen, und daß ihre Schärfe ihnen nur in den seltensten Fällen

schmerzlich zum Bewußtsein kam.

Eingehend möchte ich am Schlusse dieses Kapitels noch von dem

+Verhalten der Leute bei der Arbeit, ihrem Verkehr unter einander und

mit ihren Vorgesetzten+ erzählen. Die gesamte Arbeiterschaft unsrer

Fabrik schied sich auch in dieser Beziehung in zwei große Gruppen,

in die des Werkzeug- und des Stickmaschinenbaues; die vollständige

Trennung des Arbeitsprozesses beider Abteilungen hatte für die darin

beschäftigten im allgemeinen auch eine solche des Verkehrs zur Folge,

und zwar so sehr, daß häufig sogar eine vollständige gegenseitige

Unbekanntschaft unter den Leuten bestand. Dann ging man meist achtlos,

grußlos, ohne ein Wort zu wechseln, beim Eintritt wie beim Austritt aus

der Fabrik an einander vorüber und kannte nicht Namen noch Gesinnung

des andern. Zwischen denen, die schon jahrelang in der Fabrik waren,

bahnte sich natürlich trotz dieser Betriebsscheidung allmählich eine

Annäherung an; doch beschränkte auch sie sich meist nur auf einen

ganz oberflächlichen, flüchtigen und seltenen Verkehr während der

Arbeitspausen. Die Handarbeiter, die selbstverständlich am meisten

in der Fabrik hin und her geschickt wurden, waren eigentlich das

einzige und hauptsächliche verbindende Element zwischen den beiden

großen Arbeitergruppen, denen man als dritte isolierte die kleinere

Tischlerkolonne an die Seite stellen kann.

Innerhalb jeder dieser drei Gruppen aber war der Verkehr bei der Arbeit

selbstverständlich sehr rege. Dazu zwang schon der obengeschilderte

Charakter des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Es waren darum nur seltene

Ausnahmen, daß ältere Leute, die oft schon 20 Jahre in der Abteilung

arbeiteten, einmal einen jungen Schlosser nicht kannten und auch nie

ein Wort mit ihm wechselten. Solche Fälle erklärten sich dann aus

der abnehmenden geselligen Elastizität der ältern Leute, und aus dem

fortwährenden Wechsel gerade dieser jugendlichen Elemente. Sonst

aber führte, wie gesagt, die Gemeinsamkeit des Arbeitsprozesses die

Leute schnell, häufig und nahe aneinander und zwang sie zu dauerndem

gegenseitigen Verkehr.

Dieser war nun selbstverständlich besonders rege zwischen

Gleichaltrigen, Arbeitsnachbarn und den Leuten derselben Kolonne,

derselben Montage, desselben Meisters. Hier wurde er von selbst häufig

ein intimer; und jede Gelegenheit zu einem längern oder kürzern

Zwiegespräch wurde dann fleißig benutzt. Und je nachdem unterhielt man

sich bald über gleichgiltige, bald lustige, bald ernste Dinge, oder

neckte und balgte man sich herum. Vor allem wurde der Neueingetretene

ausführlich kritisiert; dann erzählte man sich andre kleinere

Neuigkeiten aus der Fabrik, z. B. daß dem Kantinenwirt und dem Portier

gekündigt worden wäre, und dann auch, daß der Kutscher seine Stellung

aufgäbe, und warum das alles geschähe; oft wurde auch ein Ereignis aus

dem gemeinsamen Wohnorte des langen und breiten erörtert oder über das

letzte Sonntagsvergnügen geredet, und was man für den nächsten Feiertag

plante; vor allem plauderte man gern auch von seinen Kindern und

erzählte und hörte ausführlichere Schilderungen an von Selbsterlebtem

aus vergangner Zeit. Aber ebenso oft unterhielt man sich auch, und

mitunter während man die Feile hin und her schob oder während die

Maschine rasselte, während man maß und verglich, mit hinzugetretenen

zweiten und dritten über ernste Dinge, religiöse, wirtschaftliche,

politische und über Bildungsfragen, natürlich in der Art und mit den

Fähigkeiten und Kenntnissen, die den Leuten eben zu Gebote standen.

Gerade hierüber sollen die nächsten Kapitel berichten; an dieser Stelle

genügt die eben gemachte Angabe.

Vor allem aber scherzte, neckte und balgte man sich herzlich gern, wo

immer es anging. Überall suchte man unter guten Bekannten, die solche

Neckereien verstanden, einander etwas auszuwischen: so warf man den

achtlos vorübergehenden aus einem Versteck mit Thon, zog ihm heimlich

die Schleife seiner Schürze auf oder in der Pause das Brett unter dem

Sitze weg, stellte sich plötzlich einander in den Weg oder „meinte

es miteinander gut.“ Dies Gutmeinen pflegte gern am Ende der Woche

von ältern Leuten zu geschehen, die einen starken Bartwuchs hatten

und sich, wie es im Volke heute noch viel verbreitete Sitte ist, nur

einmal in der Woche, des Sonnabends Abend oder des Sonntags Morgen,

rasierten. So einer mit genügend langen harten Stacheln im Gesicht nahm

dann plötzlich ein um Kinn, Backen und Lippen noch zarteres Kerlchen

beim Kopfe und rieb blitzschnell seine Wange an der jenes mehrmals hin

und her, wodurch gerade kein angenehmes Gefühl hervorgerufen werden

sollte. Wenn der so Liebkoste zur Besinnung kam, war der Übelthäter

längst davon. Noch ungemütlicher war ein andrer Spaß, den man an mir

glücklicherweise nur einmal probierte, das sogenannte „Bartwichsen.“

Da lehnt einer vielleicht achtlos an einem Pfosten, eben zufällig

ohne bestimmten Arbeitsauftrag. Zwei andre sehen den Arglosen stehen;

ein gegenseitiger Blick des Einverständnisses, und der eine tritt von

hinten an ihn heran, umschlingt ihn mit den Armen, sodaß jener sich

nicht mehr rühren kann; unterdes umfaßt der andre mit seinen zwei

schwarzen, schmutzigen Händen von vorn das Gesicht des Überfallenen

und streicht nun in aller Gemütsruhe mit den festangepreßten Daumen

den Schnurrbart des Wehrlosen auseinander, was, wie ich versichern

kann, sehr schmerzhaft ist. Bei mir wiederholte man aber die Sache

niemals wieder, weil mir beim erstenmale durch eine abwehrende Bewegung

meines Kopfes die Brille von der Nase fiel, glücklicherweise ohne zu

zerbrechen; das wollten die Leute doch nicht nochmals riskieren und

unterließen es darum. Unter intimern Bekannten blieb keiner davon

verschont, und jeder wurde ohne Unterschied des Alters heimgesucht.

So etwas geschah natürlich immer nur, wenn man sich unbeaufsichtigt

glaubte. Scherze andrer Art und viele Witze waren selbstverständlich

ebenso häufig und oft von urwüchsigster Komik, sodaß man von Herzen

darüber lachen mußte, nicht selten aber auch derb und roh. Ich habe

auch darüber an andrer Stelle noch eingehender zu reden.

Spitznamen wurden viele ausgeteilt; selbst der Direktor hatte einen,

freilich einen völlig harmlosen, seinen Vornamen. Sonst pflegte man

mit Vornamen mit Vorliebe nur die in der Fabrik besonders beliebten

Kameraden zu rufen, ferner die Komiker und Spaßmacher, die, wohin sie

traten, immer Ursache oder Gegenstand heiterster Laune wurden.

Heiterkeit, Frohsinn, ausgelassene Lustigkeit waren überhaupt der

Grundzug des Geistes, der wenigstens in unserm Baue während der

Arbeit herrschte und auch in den letzten Abendstunden des langen

Werktages, wo die Abspannung und Müdigkeit sich geltend zu machen

begann, nicht ganz verloren ging. Davon war wohl der günstige Charakter

des Arbeitsprozesses nicht weniger als die joviale, heitere Anlage

des Volkes selbst die erfreuliche Ursache. Diese lustige, frische,

scherzende Art war der gute Geist, der auch die schweren Arbeitsmühen

immer wieder leicht und erträglich machen half. Verwunderlich war, daß

man trotzdem wenig bei der Arbeit sang. Nur einzelne pflegten gern ein

Liedchen vor sich hinzuträllern, und nur eine Schlossergruppe, die

fast ausschließlich aus jungen verliebten Burschen bestand, stimmte ab

und zu ein gemeinsames Volks- oder Soldatenlied an. Jedenfalls war der

unaufhörliche große Lärm das Hindernis.

Das gegenseitige Duzen war nicht durchgängig Sitte, doch immer in

den engern Arbeitsgruppen, unter Gleichaltrigen und auch meist unter

Nachbarn. Dagegen hielt mancher Schlosser, namentlich der von ferne

und aus besserer Familie herkam, streng darauf, das Du außerhalb

seiner Gruppe nur sehr mit Auswahl anzuwenden, und schüttelte den Kopf

über seine Handwerksgenossen, die es an jeden beliebigen Handarbeiter

verschwendeten. Manchmal duzten sich auch alte, langerprobte Arbeiter,

Schlosser oder Maschinenarbeiter mit einem Meister, auch Meister

mit Vorarbeitern, häufiger Vorarbeiter mit Arbeitern jeder Art und

selbst Handarbeitern, selten aber mit Leuten ihrer Kolonne; wenn dies

aber doch geschah, dann immer nur mit ältern, langansässigen. Die

Vorarbeiter stehen unter sich fast immer auf Du und Du, nicht aber

häufig auch die Meister unter einander. Bei denen kommt doch schon

ihre höhere soziale Stellung in Betracht, während bei den andern der

angeborene Gemeinschaftssinn, die militärische Sitte der Kameradschaft

und die leicht erregbare gegenseitige Teilnahme an einander jene

Neigung in lebendige Übung bringt.

Bemerkenswert war das besondre Verhältnis zwischen uns fünf

Handarbeitern. Unter uns war es am leichtesten möglich, auf Kosten

der andern zu faulenzen. Es gab eine Reihe von Winkeln und Plätzen

in der Fabrik, die einem auf eine halbe Stunde ein friedliches, auch

vom Meister nicht bemerktes Ausruhen möglich machten. Oder ein guter

Freund unter den Schlossern und Maschinenarbeitern betraute einen nur

scheinbar mit einem Auftrag. Um dies zu verhüten, wurde ganz von selbst

eine gegenseitige geheime Kontrolle geübt. Es gab unter uns besonders

zwei, die sich gern einmal von der Arbeit drückten; auf sie hatten

die andern ein besonders wachsames und scharfes Auge. Zwar sah man

ihnen vieles nach; wenn sie es aber dann und wann einmal gar zu arg

trieben, stellte man sie offen, ernstlich und nicht zart darüber zur

Rede; das gab dann immer einen tüchtigen Streit und hatte zwischen den

beiden Wortführern ein mehrtägiges oder mehrwöchentliches Schmollen

zur Folge. Aber die Ermahnung fruchtete doch meist, und allmählich

kam auch zwischen den beiden wieder ein leidliches Verhältnis zu

stande. Die andern drei verband ein intimeres kameradschaftliches

Verhältnis, sodaß jeder von ihnen nach Kräften zugriff und nicht gern

den andern im Stiche ließ. Gegen mich, den Neuling, waren alle fünf

unsrer Kolonne besonders freundlich und entgegenkommend. Als ich in

die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich

unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in solcher

Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man Rücksicht auf mich;

und anstatt den neuen, noch schüchternen Kameraden auszubeuten und

ihn an ihrer Statt arbeiten zu lassen, stellte man ihn immer an den

leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz beiseite, um selbst schneller

und besser die Arbeit zu thun. Und denselben kameradschaftlichen

Sinn, dieselbe freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und

Maschinenarbeiter gegen mich. Später, als ich kräftiger, geschickter,

ausdauernder geworden war, hörte das freilich und mit Recht auf, und

ich wurde ebenso viel, doch nicht mehr als die andern strapaziert.

Das Verhältnis der Schlosser, Schmiede, Maschinenarbeiter zu uns

Handarbeitern war ebenfalls mehrfach interessant. Außerdienstlich

gab es zwar für die Mehrzahl von ihnen keine Rangunterschiede

zwischen uns, wohl aber während der Arbeit. Man wußte, daß wir eben

zur Dienstleistung für die andern da waren, und machte von dieser

Thatsache, jedoch mit Unterschied, ohne Scheu Gebrauch. Ältere

Leute nahmen nur ungern, wenn es gar nicht anders ging, zu unsrer

Unterstützung Zuflucht, jüngere dagegen benutzten uns häufig; selbst

Lehrlinge machten Versuche dazu. Die Handarbeiter wieder gehorchten,

sowie man sie nur anständig behandelte. Unteroffiziersmäßig anschnauzen

ließ sich keiner. Wer es versuchte, wurde stillschweigend, ohne jede

Verabredung, geboykottet; d. h. die Handarbeiter ignorierten ihn, kamen

nicht in die Nähe seines Platzes, thaten als hörten sie ihn nicht, wenn

er einen von ihnen anrief, und wenn dieser direkt an sie herantrat

und eine Dienstleistung verlangte, hatte man immer angeblich etwas zu

thun. In solchen Fällen mußte sich der Verlassene dann an den Meister

wenden und diesen um Zuteilung einer Hilfskraft bitten. Beschwerte er

sich aber dabei über einen von ihnen oder verdächtigte er ihn gar,

und es kam heraus, so ging es ihm noch schlechter, und er wurde als

„Fuchsschwanz“ erst recht beiseite liegen gelassen, hatte oft auch

bei unserm Meister gar kein Glück. Darum war es immer auch für die

Auftraggeber erwünscht, sich mit den Handarbeitern gut zu stellen, und

wenn nötig, sie freundlich zu bitten. Die am meisten übliche Form der

Aufforderung zur Hilfeleistung war die: He! Pst! Hast du Zeit?

Ja.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 7 / 21 段