Aus dem letzten dieser drei Abschnitte geht hervor, daß von jedem

Arbeiter immer der Lohn seiner ersten Arbeitswoche, die er nach

Eintritt in den Fabrikverband zurücklegte, von der Direktion

innebehalten wurde. So zwar, daß, wenn einer an dem einem Lohntage

folgenden Sonnabend in Arbeit trat, er nach den ersten vierzehn

Tagen nur den Verdienst einer Woche ausgezahlt erhielt und erst dann

regelmäßig seinen vierzehntägigen Lohn empfing. Das hatte seinen

Grund nicht in irgend welcher schlechten, hinterlistigen Absicht

der Fabrikleitung, etwa um dadurch die Möglichkeiten von Streiks zu

verhindern; ich sagte schon, daß es bei uns keine Kündigungsfrist

gab und damit auch niemals die Gefahr eines Kontraktbruches eintrat.

Vielmehr wollte die Direktion wohl den Leuten, wenn sie die Fabrik aus

irgend einem Grunde verließen, etwas Geld in die Hand geben, sodaß sie

mit geringerer Sorge und ohne Not für die nächste Woche sich unterdes

neue Arbeit zu suchen in der Lage waren. Das wurde von allen nüchtern

denkenden Arbeitsgenossen, mit denen ich mich darüber unterhielt, auch

dankbar anerkannt, wenngleich sie in der ersten Zeit den durch jenes

gezwungene Sparsystem hervorgerufenen Ausfall an Verdienst schmerzlich

und oft mit Opfern entbehrten. Aber in diesem Falle wurde immer auch

vom Meister durch Auszahlung eines Vorschusses ausgeholfen, dessen

Betrag langsam und allmählich an den spätern Lohnterminen wieder

abgezogen wurde. Ich habe das öfter zu beobachten Gelegenheit gehabt

und bin selbst in den ersten Tagen meiner Anwesenheit in der Fabrik von

den vielen Arbeitsgenossen, die es gut mit mir Neuling meinten und mich

in der üblichen bedrängten Lage wähnen mußten, aufgefordert worden, mir

ohne Gêne auch solch einen Vorschuß beim Meister zu holen. Für andre

Fälle freilich existierte in der Arbeitsordnung über Vorschußzahlungen

folgender mit Recht ziemlich strenger Passus:

Die Zahlung von Vorschüssen findet nur ganz ausnahmsweise und nach

freiem Ermessen der Direktion statt.

Und für länger andauernde Akkordarbeiten galt dieser Abschnitt:

Die Auszahlung von Akkordlöhnen erfolgt nur, wenn die Vollendung

und ordnungsgemäße Ausführung der betreffenden Arbeit vom

vorgesetzten Meister im Akkordbuche bez. auf dem Akkordzettel,

welcher dazu abzugeben ist, bestätigt worden ist.

Auf rechtzeitiges, d. h. vor Schluß der Lohnperiode gestelltes

Verlangen werden entsprechende Akkordvorschüsse gewährt.

Akkordarbeiten, die nicht innerhalb zwei Monaten, vom Tage des

Akkordabschlusses an gerechnet, zur Vollendung und Verrechnung

kommen, werden nicht bezahlt, wenn nicht vor Ablauf dieser Zeit die

Verlängerung des Akkordvertrages von der Direktion ausdrücklich

gebilligt worden ist.

Allgemeine Sitte war es, daß alljährlich zum Chemnitzer Jahrmarkt,

einem Montage, an dem übrigens auch nicht gearbeitet wurde, laut

Anschlages jedem auf Verlangen nach Schluß der Arbeit ein Vorschuß

in der Höhe bis zu zehn Mark gewährt wurde; früher wohl eine sehr

vernünftige Maßregel, die aber jetzt überflüssig geworden ist, seit

die Jahrmärkte sich überlebt haben, und man die Waren in den Läden

der Stadt, die man noch dazu besser kennt, ebenso billig und gut oder

gar noch billiger und besser zu kaufen imstande ist. Sehr viele der

Arbeitsgenossen wußten das auch sehr wohl und sprachen es geradezu aus;

dennoch holte sich die große Mehrzahl von ihnen seine zehn Mark, um den

dadurch entstandenen Ausfall am nächsten Lohntag, desto schmerzlicher

zu vermissen. Ich muß sagen, daß dieser kleine Zug mir kein sehr

günstiges Licht auf die wirtschaftliche Fähigkeit der Leute warf.

Die allvierzehntäglich wiederkehrende Stunde der Lohnauszahlung war für

alle ein sehnlichst erwarteter, festlicher Termin. An dem Nachmittag,

der ihr vorausging, wurde nicht allzu eifrig gearbeitet, und wenn

es sechs Uhr schlug, war im Nu unser ganzer Bau leer, und die Schar

drüben im andern Gebäude, wo in zwei der Fabriksäle die wichtige

Handlung vor sich ging, schnell und einfach genug. Ein Meister rief

in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Leute. Auf deren „Hier“

übergab ein andrer ihm eine Blechkapsel, in der die Lohnrechnung und

das Geld in runder Summe lag. Ein Blick, und man hatte die Richtigkeit

der Rechnung geprüft, ein Griff, und die leere Büchse wanderte in einen

am Wege stehenden Korb. Wir bekamen nie die Bruchteile einer Mark

ausgezahlt. Hatte einer z. B. 29 Mark 97 Pfennige verdient, so erhielt

er immer nur die 29 Mark ausgehändigt. Die 97 Pfennige wurden ihm gut

geschrieben und in das nächste Lohnkonto mit verrechnet. Damit waren

die Leute auch wohl zufrieden.

Für mich war die ganze Szene immer besonders reizvoll. Sie bot dem Auge

ein packendes Bild. Im Halbkreis stehen die rußigen Gestalten um die

zwei Meister, im Arbeitskleide, den Hut auf dem Kopfe, den Blechkrug in

der Hand, dicht gedrängt. Alte und junge durcheinander, die einen sich

neckend, andre gleichgiltig wartend, andre mit finsterm, gespanntem

Auge den ausrufenden Meister fixierend, bis ihr Name erklingt, und

sie ihr „Hier“ antworten können, ihr Arm sich vorstrecken und das

Sauerverdiente empfangen darf. Dazu im Hintergrunde der Szene die

großen Maschinen, die wie im Schlafe stumm, unbeweglich daliegen

nach dem rastlosen Getriebe des Tages, an sie gelehnt da und dort ein

Mann, der prüfend, und bald lächelnd bald enttäuscht den Inhalt seiner

Büchse mustert. Und über allem das Abendrot der untergehenden Sonne,

deren letzte flimmernde Strahlen durch die blinden Scheiben der hohen

Fabrikfenster brechen.

Strafen, und zwar fast ausschließlich Geldstrafen, waren in unsrer

Fabrikordnung reichlich und doch -- ich kann das wohl sagen -- meist in

gerechter und praktischer Beurteilung der Verhältnisse ausgesetzt. Die

höchste betrug 2 Mark, die niedrigste 20 Pfennige. Jene trat ein, wenn

einer beim Rauchen oder Schnapstrinken innerhalb der Fabrik oder bei

mißbräuchlicher Benutzung der elektrischen Signalglocken ertappt wurde,

letztere lag auf unpünktlichem Beginn der Arbeit. Die hohe Strafe auf

das Schnapstrinken und den Mißbrauch der elektrischen Glocken, die in

beiden Fällen eventuell auch auf sofortige Entlassung erhöht werden

konnte, war durchaus gerechtfertigt, und ihre Höhe war die Ursache,

daß sie nur selten in Anwendung zu kommen brauchte. Es wurde in der

That fast kein Schnaps innerhalb der Fabrik und während der Arbeit

getrunken. Ausnahmen machten nur einige wenige notorische Säufer und

ein paar ältere treue Leute, die sich des Morgens ihr sogenanntes

„Püllchen,“ eine kleine Flasche, die kaum 3 bis 4 Schnapsgläschen

faßte, gefüllt mitbrachten und dies im Laufe des sechsstündigen

Vormittags schluckweise als Erquickung und Delikatesse zu sich nahmen,

also eine durchaus harmlose und ungefährliche Überschreitung des

Verbotes. Die Strafe, die am häufigsten in Anwendung kam, war die

wegen Zuspätkommens. Mit Schlag 6 Uhr früh, und Schlag 1 Uhr mittags

schloß der Portier, der den Ein- und Ausgang der Leute zu kontrollieren

hatte, das Thor, oft so, daß er den Heranjagenden das Gitter vor der

Nase zuschlug. So kam es, daß mitunter zehn und zwanzig auf einmal

ausgesperrt wurden. Denn bei den Entfernungen, die die Leute zur Fabrik

zurückzulegen hatten, war die Verspätung um 1 bis 2 Minuten leicht

möglich. Verspätungen von mehr als 10 Minuten wurden, eine allzuhohe

Strafe, mit 50 Pfennigen geahndet. Das war mehr als das Verdienst

einer Stunde, für manche, wie für mich, sogar das von 2 und 2½ Stunden.

In solchem Falle, der übrigens nicht sehr häufig vorkam, zog man es

vor, lieber zwei ganze Stunden später zu erscheinen und sich dann

persönlich beim Werkmeister zu entschuldigen, worauf jene Strafe

wegfiel und nur der Satz für die fehlenden Stunden am Lohne abgezogen

wurde. Eine gleich hohe Strafe von 50 Pfennigen lag auf Bummelei bei

der Arbeit oder auf unnötigem Verlassen des Arbeitsplatzes, eine an

sich ebenfalls notwendige Bestimmung, die auch nur in den seltensten

Fällen in Anwendung kam, obwohl sie wohl häufig übertreten wurde. Die

Meister waren klug genug, nicht hinzusehen. Ich habe nur einen Fall

mit erlebt, an dem ich selbst mit beteiligt war, wo sie in Kraft trat.

Hier ertappte uns der Direktor selbst bei einem höchst anregenden

Gespräch, das sich zwischen uns Arbeitern entsponnen hatte. Wir mußten

alle mit 50 Pfennigen bluten. Ich muß sagen, daß ich dies Verfahren

des Direktors nicht für ganz korrekt hielt. Denn es wurden Leute davon

betroffen, die länger als ein Dutzend Jahre in der Fabrik und noch nie

bestraft worden waren. Hier hätte die gute Führung in der Vergangenheit

einige Rücksicht und Nachsicht gefordert, anstatt der unterschiedslosen

militärisch gesetzlichen Strenge, die seitens des Direktors in

Anwendung kam. Dann gab es Strafbestimmungen für Fahrlässigkeit bei der

Arbeit, für unpünktliche Führung des Akkordtagebuches, für zweckwidrige

Benutzung der Maschinen und Werkzeuge, böswillige Beschädigung

derselben, Beschmutzung wertvoller Zeichnungen. Aber ich habe nirgends

bemerkt, daß alle diese Bestimmungen jemals in Anwendung gekommen wären.

Nur ein Umstand erregte die meines Erachtens auch gerechte Erbitterung

der Leute: das war die Art, wie die aufgesammelten Strafgelder

verwendet wurden. In der Fabrikordnung war darüber bestimmt, „daß sich

die Direktion, soweit die Gelder von der Fabrik nicht als Schadenersatz

beansprucht werden, das alleinige Dispositionsrecht darüber vorbehält.“

Kein Arbeiter wußte, wo das Geld hinkam. Man behauptete, daß die

Gratifikationen, die an dem vorhergegangenen Weihnachten an ein paar

Dutzend Leute für während der Festzeit geleistete Nebenarbeit gezahlt

worden waren und große Freude unter diesen hervorgerufen hatten, aus

jenen Geldern gewährt worden wäre: die Fabrikleitung hätte sich also

ohne die geringsten eignen Opfer, auf Kosten der während des Jahres

in Strafe genommenen Arbeiter bei einer Anzahl von Leuten populär und

beliebt gemacht. Das war die allgemeine Ansicht, die unter der Hand

kolportiert wurde und die sehr viel böses Blut machte. Man sollte in

der That solche Dinge ernstlich vermeiden. Sie sind eine Saat ewigen

Mißtrauens, Kleinigkeiten, die doch keine bleiben. Das beste ist immer,

solche Strafgelder, abzüglich der von der Fabrik als Schadenersatz mit

Recht beanspruchten, zu Gunsten aller Arbeiter und vor deren Augen,

womöglich unter ihrer Mitwirkung zu verwenden.

Die Betrachtungen, die ich über den Arbeitswechsel während meines

Aufenthalts in der Fabrik gemacht habe, sind nur relativ zu verstehen

und richtig nur unter dem Gesichtspunkte der damaligen allgemeinen

wirtschaftlichen Lage zu würdigen. Sie stand, wie schon einmal gesagt,

unter dem Eindruck hauptsächlich zweier allgemeiner Faktoren: der

hinter uns liegenden Feier des 1. Mai und der in Aussicht stehenden

MacKinley-Bill. Diese erhob sich wie ein drohendes Gespenst vor der

Chemnitzer Industrie und drückte schon damals die Produktionsstimmung;

jene war zwar in Chemnitz vollständig gescheitert, sodaß nach

Zeitungsberichten im ganzen großen Orte überhaupt nur vier Mann

gestreikt haben sollten, aber sie war doch die Ursache zur Bildung

einer mächtigen Vereinigung der dortigen Eisenindustrie geworden, die

nach jenem Rückschlag selbstverständlich jede Kampfregung niederhielt.

Bei dieser Lage der Dinge war eine nennenswerte Neueinstellung von

Arbeitskräften nicht möglich, wohl aber die Beseitigung unliebsamer

Personen. Gleichwohl stand die Sache für die Maschinenfabrikarbeiter

noch bedeutend besser als z. B. für die Weber. Bei uns fanden

wenigstens keine umfangreichen Entlassungen statt, während dort immer

mehr Menschen brotlos wurden. Als ich zuletzt im Vogtlande wanderte,

traf ich einen Spinner aus Chemnitz, einen guten stillen Menschen,

Familienvater, den ebenfalls das furchtbare Los der Arbeitslosigkeit

getroffen hatte, und der in einem Tage die ungeheure Strecke von

Chemnitz über Zwickau bis Crimmitschau nach Arbeit abgesucht hatte

und nun am andern Tage müde und verzweifelnd den Weg zurück machte.

Er zeigte mir seinen Entlassungsschein, auf dem die Bemerkung stand:

Hat am 1. Mai ordnungsmäßig gearbeitet. Er erzählte leidenschaftslos,

daß in Chemnitz bereits 1100 Familienväter brotlos seien -- damals

jedenfalls eine viel zu hoch gegriffene Zahl, aber bezeichnend für die

Stimmung und die Gerüchte, die zu der Zeit schon unter der dortigen

Arbeiterbevölkerung umgingen.

Unter all diesen Umständen war der Wechsel des Personals in

unsrer Fabrik während meines Dortseins nur gering. Ich zähle aus

der Erinnerung und den gemachten Notizen etwa sechzehn Wechsel

verschiedenster Art zusammen, die in dem Bau, dem ich zugeteilt war,

vorkamen, doch mag die Zahl nicht genau sein. Im einzelnen war es so,

daß etwa neun Stellen sogleich nach ihrem Freiwerden wieder besetzt

wurden, in zwei andern Fällen Plätze besetzt wurden, die aus irgend

einem mir nicht bekannt gewordenen Grunde (wohl aus Mangel an Arbeit)

eine Zeitlang frei gewesen waren, drei Plätze erhielten während meiner

Zeit mehrere Inhaber, die sich binnen wenigen Tagen ablösten, zwei

Stellen endlich waren, als ich ging, eben vakant geworden. Die leeren

Plätze, die während meiner ganzen Zeit leer standen, ziehe ich nicht

mit in diese Betrachtung. Krank oder verunglückt oder wegen häuslicher

Verhältnisse für längere Zeit von der Arbeit abgehalten waren in dieser

Zeit vier Mann. Ihre Plätze blieben unbesetzt; ihre nötige Arbeit

besorgten andre Arbeitsgenossen. Sowie sie sich zurück meldeten,

traten sie in die frühere Stelle ein. Unter den Wechselnden war ein

Handarbeiter, zwei Dreher und der Rest Schlosser; die größere Hälfte

von ihnen war verheiratet.

Interessanter als diese trocknen Angaben ist es, den Ursachen

nachzuforschen, die zum Austritt der Leute führten. Einige junge

unverheiratete Schlosser gingen weg, nur um sich einmal zu verändern

-- derselbe Grund, der auch einige meiner Bekannten aus der Herberge

zu langer und hinterher schmerzlich empfundener Arbeitslosigkeit

verurteilt hatte. Wieder zwei andre gingen weg, weil sie beßre Stellen

anderswo in Aussicht hatten, in die sie sofort einrücken konnten. Bei

dem einen dieser beiden war ein wenig erfreulicher Vorgang in unsrer

Fabrik der unmittelbare Anlaß, daß er sich eine andre Stelle suchte.

Ich habe ihm freilich nicht persönlich beigewohnt und schildere

ihn darum nur nach der Erzählung meiner Arbeitsgenossen. Ich weiß

nicht, ob diese den Thatsachen entsprach; jedenfalls beweist sie, wie

lebhaft alle in diesem Fall für ihren Arbeitsgenossen Partei nahmen,

der ein zielbewußter Sozialdemokrat war, und wie tiefe Verstimmung

die Geschichte unter ihnen allen hervorrief. Der Mann, um den es

sich handelt, war ein Dreher, der 22 Jahre lang in unsrer Fabrik an

derselben Maschine gestanden hatte. An einem Lohntage -- er arbeitete

in Akkord -- war ihm ein in der That auffallend niedriger Lohn

ausgezahlt worden. Er beschwerte sich, wohl in schroffer Weise, bei

seinem Meister, einem äußerlich feinen Mann, über den ich sonst nicht

habe klagen hören. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, der sich auf

dem Kontor auch mit dem Direktor fortsetzt, worauf der Mann kündigt.

Als er -- immer nach der Erzählung seines jugendlichen etwa 20jährigen

Neffen, der, ein bescheidenes Kerlchen, in meiner Handarbeiterkolonne

stand -- um seinen Entlassungsschein bittet, wird ihm ein mit

+roter+ Tinte geschriebener übergeben. Darauf neuer Skandal, der

erst dann mit dem Abgang des Mannes endet, als man den Gendarmen zu

holen im Begriff ist. Den Schein hat der Mann auf dem Kontortische

liegen lassen und hat, wohl als tüchtiger Arbeiter bekannt, ohne ihn

gleich andern Tages in einer andern Fabrik lohnende Arbeit gefunden.

Von Bedeutung ist vor allem der Eindruck, den dieser Vorgang auf

die Zurückbleibenden machte. Viel und laut geredet wurde zwar nicht

darüber, desto mehr im stillen von Mann zu Mann; die überzeugten

Sozialdemokraten blickten in diesen Tagen besonders finster vor sich

hin, andre zuckten nur die Achsel, für einige war es ein willkommener

Anlaß, ihre Klatschsucht zu befriedigen, allen aber eine neue Warnung,

vorsichtig zu sein.

Ein andrer Schlosser trat aus und eine Woche darauf wieder in die

Fabrik ein. Er hatte sich mit seinem Monteur gezankt, jähzornig

sein Werkzeug hingeworfen und war davon gegangen. Da er, obgleich

Süddeutscher und unverheiratet, ich weiß nicht aus was für Gründen in

Chemnitz bleiben wollte, kam er, als er nirgendwo anders Arbeit fand,

nach einigen Tagen zurück und bat den Meister wehmütig um abermalige

Aufnahme. Der ließ ihn erst ein paar Tage zappeln, stellte ihn dann

aber wirklich bei einem andern Monteur wieder ein. Aber der Mann hatte

von diesem Moment an bei vielen unsrer Arbeitsgenossen alle Achtung

und Beliebtheit verloren. Man rechnete es ihm geradezu zur Schande,

daß er so zu Kreuze gekrochen war, und manche ignorierten ihn von

diesem Augenblick an völlig. Der Monteur, unter dem er nun, und zwar

mit Aufwendung allen Fleißes, arbeitete, war verständig genug, ihn

diese „Charakterlosigkeit“ nicht auch seinerseits entgelten zu lassen

und ihn, was unendlich leicht gewesen wäre, zu chikanieren. Aber ich

weiß auch, wie sehr er sich dieser Unparteilichkeit als eines Besondern

bewußt war.

Für drei andre wieder war ihre gewohnheitsmäßige Lüderlichkeit die

von den meisten verurteilte Ursache, daß sie schon nach den ersten

acht Tagen einfach wieder wegblieben. Unter ihnen war einer, ein

Regimentskamerad von mir, dessen Frau damals eben zum fünftenmale

niedergekommen war, und der darum gleich am ersten Tage vom Meister

Vorschuß erbat und wohl auch erhielt, uns andre, freilich ohne Erfolg,

anzupumpen versuchte und dann auf einmal fort war, um, wie man sich

nachher erzählte, kurze Zeit darauf mit drei andern fidel bei einer

sonntäglichen Droschkenfahrt gesehen zu werden. Er und die zwei andern

erregten den Abscheu und die Entrüstung aller meiner nähern Freunde,

die alle ihr Verfahren laut oder schweigend verurteilten, ein Umstand,

den ich zu beachten bitte. Jene drei gehörten zu der auch da unten

nicht geachteten Sorte von Arbeitern, die nirgends lange aushält und

das beste und jedenfalls sichere Material für die unterste Hefe unsers

arbeitenden Volkes, das Proletariat im schlimmen Sinne abgiebt.

Es ist hier der Ort, im Anschluß an das Gesagte einige allgemeinere

Angaben über die Länge der Zeit zu machen, die die Hundertzwanzig,

unter denen ich stand und ging, unsrer Fabrik angehörten, das

Dienstalter, das sie bei uns hatten. Doch gebe ich auch hier

ausdrücklich zu bedenken, daß sie auf Beobachtungen aus einer Zeit

beruhen, deren Arbeitsbedingungen ich oben bereits angeführt habe.

Trotzdem kann man wohl sagen, daß unsre Arbeiterschaft im großen und

im ganzen äußerst stabil war. Wir hatten unter uns einen zahlreichen

Stamm natürlich meist ältrer Leute, die oft schon jahrzehntelang dem

Fabrikverbande angehörten, allerdings leider wohl nicht wegen der

Aussicht auf wachsenden Verdienst, sondern wegen des alten guten

Zuges der Seßhaftigkeit und Anhänglichkeit an die heimatliche Gegend,

der noch auffallend tief, scheinbar gegen die übliche Meinung,

wenigstens der ältern Generation meiner Genossen im Herzen sitzt.

Das ihnen entgegengesetzte, das fluktuierende Element unter uns

bildeten selbstverständlich die jungen unverheirateten Gesellen,

die, je nach Lust, Laune, Lerngelegenheit oder Lerneifer, manchmal

aus recht zufälligen Ursachen längere oder kürzere Zeit in derselben

Fabrik und an demselben Orte aushielten, und die, wie ich schon in dem

einleitenden Kapitel bemerkte, vielfach ein gut Stück Welt gesehen

hatten. Zwischen diesen beiden Gruppen stand deutlich eine dritte,

wie mir schien an Zahl ebenfalls nicht geringe: diejenigen, die, fast

durchgängig verheiratet, immer etwa sechs bis zehn Jahre in einer

Fabrik, stets aber am selben Orte bleiben. Sie sind also ebenso seßhaft

wie jener alte Stamm, dessen Rekruten sie meistenteils bilden, und

wechseln die Fabrik in der angegebenen Zeit entweder, weil sie sich

anderswo materiell dauernd zu verbessern hoffen, häufig aber auch

nur, um eine heißersehnte Abwechslung in das langweilige Einerlei des

bisherigen nur zu sehr gewohnten und ausgekannten Fabrikbetriebes zu

bringen. Weiter bilden selbstverständlich die Fabriklehrlinge eine

Gruppe für sich, und schließlich die kleine Zahl jener Lüderlichen, die

ich zuletzt schilderte.

Der Arbeitswechsel vollzog sich ebenso schnell als verständig. Wir

kannten, wie schon mehrmals bemerkt, keine Kündigungsfrist. Der

Abschnitt 2 der Arbeitsordnung besagte hierüber folgendes:

Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann von beiden Seiten

jederzeit und ohne Kündigung erfolgen, sofern nicht hierüber

besondre schriftliche Vereinbarungen getroffen sind. Doch ist

auf Verlangen jeder Arbeiter verpflichtet, event. angefangene

Akkordarbeiten vor seinem Abgange zu vollenden.

Der beabsichtigte Abgang ist dem vorgesetzten Werkführer

anzuzeigen. Vor dem Abgange hat jeder seinen Platz aufzuräumen,

beziehentl. seine Maschine zu putzen und die ihm übergebenen

Werkzeuge an den Werkführer abzugeben, beziehentl. deren

Richtigkeit von letzterem sich bescheinigen zu lassen.

Damit war mit einem Schlage die ganze Frage des Kontraktbruches bei

uns aus der Welt geschafft. Und beide Teile befanden sich wohl dabei.

Die Fabrikleitung, die dadurch in der Disposition ihrer Arbeitskräfte

völlig freie Hand behielt, wovon sie aber im allgemeinen nur besonnenen

und humanen Gebrauch machte, und die Arbeiter, die dadurch immer die

Möglichkeit hatten, sofort in eine ihnen gebotene bessere Stelle

überzugehn, und denen jener zu Anfang einbehaltene und bei ihrem Abgang

auszuhändigende Lohn der ersten Woche die nun allerdings größere

Gefahr augenblicklicher Erwerbslosigkeit wenigstens einigermaßen

wieder ausglich. Es ist in dieser Zeit unendlich viel über die Frage

des Kontraktbruchs und seiner Bestrafung gestritten worden. Hier ist

ein Weg, der sie höchst einfach und auch ohne materielle Verluste für

die Etablissements löst, wie die Erfahrung in unsrer und, wie ich

höre, auch in andern Fabriken beweist, wo dieselbe Sitte herrscht.

Aber selbst wenn solche Verluste eintreten sollten, dürfte dies nicht

das ausschlaggebende Bedenken sein, wo viel höhere Güter auf dem

Spiele stehn. Auch im Wirtschaftsleben der Völker müssen sittliche

Rücksichten wieder materiellen Interessen vorausgehn, und gerade

wir, die unparteiischen Gebildeten, die mit dem Maßstabe ernster

ethischer Grundsätze und ohne materielle Voreingenommenheit an der

Lösung der sozialen Frage mitarbeiten wollen, müssen darauf dringen,

daß dieser Grundsatz wieder immer mehr Wahrheit wird. Es muß uns

gleichgiltig sein, ob einige Tausende von Mark mehr oder weniger

von den Großindustriellen verdient werden, wenn damit ein Zustand

beseitigt wird, der zwar formell Recht, thatsächlich aber durch die

wirtschaftliche Zwangslage eine Ungerechtigkeit ist, und der dem

Rechtsbewußtsein in unserm Volke einen schweren Stoß zu versetzen

im Begriffe ist. Und sollten die deutschen Industriellen wirklich

weniger imstande sein, diesen ernsten sittlichen Bedenken Rechnung

zu tragen, als die deutsche Arbeiterschaft, die durch den von der

sozialdemokratischen Partei vorgeschlagenen Zusatzparagraphen zum

Arbeiterschutzgesetz ihrerseits sich bereit erklärt hat, um den Preis

der Beseitigung aller Kündigungsfrist die dadurch geschaffene größere

Erwerbsunsicherheit auf sich zu nehmen? Ich meinerseits spreche meine

volle Sympathie mit diesem Schritte der Sozialdemokraten offen aus.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 6 / 21 段