die der Aufreiber, zweier schon älterer Männer, die tagaus tagein
von morgens 6 bis abends 6 Uhr nichts andres zu thun hatten, als
die von den Maschinen roh gebohrten Löcher fein, sauber, glatt
nachzubohren -- alles mit der Hand, im ewigen Einerlei. Wo ist da noch
Schaffensfreudigkeit, innere Befriedigung, geistiges Streben, sittliche
Charakterbildung möglich?
Im vollen Gegensatz hierzu stand die Thätigkeit unsrer Schlosser. Wenn
alles, wie die Zeichnung es forderte, gebohrt, gehobelt, gestoßen,
geschnitten und gedreht war, wenn die Schrauben, Muttern, Bolzen und
Einsatzstücke geglüht und gehärtet, wenn die wenigen schmiedeeisernen
und messingnen Teile beisammen waren, begann ihre Arbeit, der
eigentliche Bau der Maschine. Unter der Leitung ihres Monteurs,
immer die Zeichnung vor Augen, die Feile, den Hammer, den Meißel in
der Hand, wurde ein Stück auf und in das andre gefügt, häufig nicht
ohne größte Mühe. Denn nur in den seltensten Fällen paßten die Teile
sofort zu einander; meist konnte gar nicht von jenen andern Arbeitern
mit der Akkuratesse und Genauigkeit vorgearbeitet werden, die das
allein ermöglicht hätte. Überall gab es darum nachzuhelfen, zehnmal
zu probieren, zehnmal die Sache auseinanderzunehmen, um sie auch das
elfte und zwölfte mal noch vergeblich zusammenzupassen. Die glatten
Flächen, die, nur rauh gehobelt, aufeinander zu laufen bestimmt waren,
mußten -- eine schwere Mühe -- mit Glassand, Öl und Eisenstaub so lange
eingeschmirgelt werden, bis sie dicht und fest aufeinander schlossen
und doch glatt und leicht funktionierten. Zu dieser gefürchteten Arbeit
wurden wir Handarbeiter mit Vorliebe herangezogen. Dann mußten rauhe
Stellen abgeputzt, große Scheiben auf eiserne Wellen gekeilt, mit dem
Handbohrer die der Maschine unzugänglichen Löcher gebohrt, Gewinde
geschnitten, Bolzen und andre Stücke eingesetzt werden. Alles oft in
der unmöglichsten Lage: hoch auf der Leiter, gebückt, knieend, kauernd,
liegend auf dem Rücken oder auf dem Bauche. Mitunter, wenn es gar nicht
klappte, wurde der oder jener Maschinenarbeiter, der Bohrer, Stoßer,
Dreher herangeholt und nicht gerade in der zärtlichsten Weise von der
von ihm verschuldeten fatalen Situation unterrichtet, ab und zu ihm
auch das eine oder andre Stück zur Verbesserung zurückgegeben. Aber
allmählich wurde es doch; man sah die Maschine wachsen, bis endlich
die letzte Schraube angezogen war, und das Ganze fix und fertig da
stand. Dann folgten, wenn möglich an Ort und Stelle, die ersten rohen
Versuche, die neue Maschine in Gang zu setzen, und endlich, wieder
durch uns Handarbeiter, ihr Transport auf den Probiersaal.
Auch hier waren Schlosser und Monteure stationiert, und ein andres
Stück Arbeit begann. Denn nicht sofort arbeitete die neue Maschine.
Viele male wurde versucht, der Gang genau beobachtet, die kleinsten
Störungen bemerkt, ihre Ursachen beseitigt, hie und da nachgeholfen --
bis endlich eine tadellose Funktionierung des neuen Werkes erreicht
war. Dann noch eine letzte Hauptprobe vor dem Direktor, dem Werkführer
und dem Monteur, der sie gebaut hatte, und sie wurde den Händen der
Lackierer überantwortet, die dem schwarzen Ungetüm ein freundliches,
glänzendes Gewand gaben, und von denen die Packer als die letzten sie
in Empfang nahmen.
So viel schwieriger und langwieriger diese Arbeit der Schlosser auch
war, so viel höher muß eine ethische Würdigung sie über diejenige der
Maschinenarbeiter stellen. Dort ist Schablone, hier Freiheit. Dort
ewige Teilarbeit, hier organisch fortschreitende Thätigkeit, deren
Produkt zuletzt ein geschlossenes Ganzes darstellte. Wohl kommt auch
hier mancher öde Auftrag zwischen hinein, manche Stunde langweiligen
Feilens, Meißelns, Bohrens; aber das ist nicht die Regel, und es dient
der andern gehaltvollern Arbeit und bringt, vollendet, erfreulichen
Fortschritt. Es erregte wirklich Freude und Befriedigung, wenn nach
langem, mühsamem Probieren das bearbeitete Stück endlich saß, die Welle
gleichmäßig im Lager lief, der Hebel leicht arbeitete, die Flächen
fest aufeinander schlossen. Wie oft habe ich solche Freude an jungen
und alten Schlossern beobachtet, wenn sie es mir, sobald ich davon
sprach, auch nicht immer eingestehen wollten. Daß immer in derselben
Gruppe mehrere Maschinen zu gleicher Zeit in Arbeit und in verschiednen
Stadien ihrer Vollendung begriffen sind, war, wie gesagt, nur eine neue
Ursache, das Interesse an der Arbeit zu vermehren. Denn wenn der Mann,
je nach dem Stande der Vorarbeiten, ein paar Tage an dieser Maschine,
dann einige Stunden an jener, wieder einen Nachmittag an einer dritten
zu arbeiten hatte, so zwang ihn das zu doppelter und dreifacher
Aufmerksamkeit, bei der Sache zu sein, die in Arbeit befindlichen
Teile nicht zu verwechseln und die ganzen Maschinen miteinander zu
vergleichen. Und das ist so förderlich und bedeutsam, daß dadurch
auch das sonst so nachteilige Prinzip der Arbeitsteilung, das
selbstverständlich innerhalb der Montagen ebenfalls im Schwange ist,
für den einzelnen Mann seine schlimmen Folgen fast völlig verliert.
So geht aus allem hervor, daß für den ethischen Charakter der Arbeit
unsrer Schlosser, ebenso wie der Tischler, der großkapitalistische
Fabrikbetrieb nicht nur nicht schädlich war, sondern geradezu
einen Fortschritt bedeutete. Denn er hob beide Berufe über die
handwerksmäßige, beschränktere Art des kleinmeisterlichen Betriebes zu
höhern Aufgaben empor und machte sie der eigentlichen Kunstschlosserei
und Kunsttischlerei nahe verwandt.
Auf andre, gleich alte und ehrwürdige Handwerker hatte dagegen derselbe
Betrieb die gerade entgegengesetzte Wirkung. Berufe, wie die der Maler,
Sattler, Schmiede, Klempner und Zimmerleute, waren in unsrer Fabrik zu
bloßen Hilfsberufen degradiert. In andern Fabriken werden es wieder
andre, vielleicht gerade die der Schlosser und Tischler sein -- das
wird sich je nach dem richten, was produziert wird. Jedenfalls aber
gilt nach meinen Erfahrungen für sie alle dasselbe, was oben über den
sittlichen Wert der Arbeit der Stoßer, Bohrer, Dreher und Hobler gesagt
worden ist. Auch für sie gab es im ganzen nichts als langweilige,
unbefriedigende Flick- und Teilarbeit. Die Maler hatten bei uns immer
nur die Maschinen mit derselben graugrünen Fabrikfarbe zu lackieren,
die Schmiede immer nur einzelne meist sehr einfache schmiedeeiserne
Stücke und sonst ebenso wie der Klempner nur Reparaturarbeiten zu
liefern, die Sattler immer nur Treibriemen in die gewünschte Länge
umzuflicken, und die drei Zimmerleute standen ausschließlich dem
Packmeister zur Verfügung, für den sie nichts als Kisten und Gestelle
zur Verpackung der bestellten Maschinen zu nageln hatten.
Freilich wurde -- und damit komme ich auf das Gesamturteil über die
Arbeit in unsrer Fabrik -- bei ihnen wie bei jenen andern niederern
Arbeitskategorien der Bohrer, Hobler, Schlosser und Dreher die schlimme
Folge dieser Teilarbeit durch den Gesamtcharakter gerade unsers
Arbeitsprozesses wesentlich gemildert und auch ihre Thätigkeit ethisch
vertieft. Denn dieser Prozeß beruhte bei uns auf dem Prinzip der
Arbeitsbeteiligung +aller+ an +demselben+ einen Arbeitsprodukte. Vom
Meister und Monteur herab bis zum Packer und Transporteur, schaffte
jeder einzelne mit an dem gleichen Objekt, an einem einzig sinnvollen
Ganzen, dem komplizierten Kunstwerke einer Werkzeugmaschine. Damit
aber blieb einmal das Bewußtsein gegenseitiger Unentbehrlichkeit
und Verantwortung unter allen rege, und zweitens das Interesse auch
des einfachsten Schablonenarbeiters und Handlangers an dem Ganzen
lebendig. Denn jede einzelne Arbeitskategorie war für den Arbeitsprozeß
notwendig, jede einzelne mit ihrem Pensum auf die prompte, akkurate
und verständige Leistung der andern angewiesen. Man wußte genau,
wieviel z. B. für die Schlosser darauf ankam, daß der Bohrer genau nach
Vorschrift bohrte; man sah, wieviel Mühe es allemal kostete, Sachen,
die einer verpfuscht hatte, wieder gut und brauchbar zu machen; und man
fürchtete die berechtigten Vorwürfe und Klagen der Arbeitsgenossen,
die einen in solchen Fällen zu unangenehmer Verantwortung zogen. So
orientierte man sich lieber in zweifelhaften Fällen über Bestimmung und
Zweck des Stückes und verrichtete auch die langweiligste Teilarbeit
nicht ganz ohne Aufmerksamkeit und Überlegung und mit verständnisvoller
Rücksicht auf die Zusammensetzung der ganzen Maschine. Und indem so
fast jeder der 120 Mann an dem Gelingen fast jeder Maschine, die
aus unsrer Werkstatt hervorging, seinen Anteil und sein Verdienst
hatte, kam es, daß auch ein jeder, selbst der schlichte Handarbeiter,
der Teile und Ganzes fünfzehn, zwanzigmal transportiert hatte, ihre
Bezeichnung und allgemeine Konstruktion mehr oder weniger genau sich
klar zu machen suchte, und daß der und jener, wenn das Kunstwerk
fertig und zum erstenmal im Gange war, mit prüfendem Auge und innerer
Befriedigung hinzutrat, um die Stücke zu suchen, die sein Hobel
geglättet, sein Bohrer durchbrochen, sein Meißel getroffen, seine
Hand mühsam hin und her geschleppt hatte. Wohl den meisten war der
heilsame Einfluß dieses ganzen gemeinsamen Arbeitsprozesses nicht
bewußt, aber er trat mir immer sofort deutlich vor die Augen, wenn
mich der Zufall, die Neugierde oder ein Auftrag einmal in die Säle
der Stickmaschinenfabrikation führte, in der ganz anders als bei uns
die Thätigkeit vieler Arbeiter in allersimpelste Schablonenarbeit
auseinanderfiel, ohne daß der Betriebsorganismus, den sie hatten,
denselben Vorteil und Ersatz hätte bieten können wie der unsre. Hier
gab es Arbeiten zu verrichten, von denen man mit Recht sagt, daß
sie aller sittlich erziehenden Momente, wie sie die evangelische
Auffassung der Arbeit fordert, bar sind, bei denen der Mann, selbst
wenn er es wollte, gar nicht die Möglichkeit hatte, Streben, Sorgfalt,
Fleiß zu beweisen, anzuwenden, was er gelernt hatte oder für gut
hielt, wo er vielmehr willenlos, gedankenlos, kraftlos nur immer
dasselbe Stahlblättchen an immer derselben Stelle durch immer dieselbe
Handbewegung in immer demselben Tempo durchlochen zu lassen oder nichts
als Maschen, immer Maschen zu zählen hatte, Tag um Tag und elf Stunden
an jedem -- Arbeiten, die für einen strebsamen, vorwärtsdrängenden Mann
in der That kein Gottesdienst mehr sind, sondern Höllenqual. Freilich
auch in jenem andern Teile der Fabrik gab es solche Arbeiten noch nicht
so massenhaft, wie wir sie in andern Industrien kennen, aber immerhin
zahlreich und ausgeprägt genug, um den Kontrast gegen den Charakter
unsers Arbeitsprozesses scharf hervortreten zu lassen, der bei allen
vorhandenen Schwächen und Nachteilen doch wenigstens den einzelnen
Mann nicht äußerlich und innerlich isolierte und ihn in eine rührige
Arbeitsgemeinschaft hineinstellte, die ihn trug, erhob und ihm auch
eine mühselige Teilarbeit erträglicher machte.
Aber vor einem großen sittlichen Schaden behütet die Leute auch
dieser so hochstehende Arbeitsprozeß nicht wie wohl überhaupt kein
großindustrieller Betrieb in der heutigen Form der Organisation:
nämlich vor einer gewissen Unselbständigkeit des Charakters, die
immer da eintritt, wo der Arbeiter nicht imstande ist, über sein
Arbeitsprodukt auf dem Markte frei zu verfügen. Es fehlt ihm, was
auch der einfache Handwerksmeister noch besitzt oder doch bis vor
Jahrzehnten besessen hat, die persönliche Verantwortlichkeit für die
Verwertung und den Vertrieb seiner Produkte. Der Arbeiter in der
Fabrik, auch in der unsern, stellt die ihm aufgetragene Arbeit her;
aber in dem Moment, wo er sie dem Monteur, dem Meister, dem Direktor
abliefert, hat er kein Verfügungsrecht und nicht den geringsten
Anspruch mehr darauf; sie existiert nicht mehr für ihn, wie er nicht
für den wirtschaftlichen Markt, auf dem sie zum Verkauf kommt. Hierin
befindet sich jeder großindustrielle Fabrikarbeiter, mag er noch
so tüchtig und alt sein, immer und ewig auf dem Niveau des frühern
Handwerks+gesellen+; darin liegt die Ursache der dauernden
schülerhaften Abhängigkeit von dem Leiter der Fabrik, der an seiner
Stelle seine Arbeit auf den Markt bringt und für ihn das Risiko des
Verkaufs übernimmt, damit zugleich aber für ihn einen der wichtigsten
Faktoren beseitigt, durch den auch die schlechteste Berufsarbeit eines
Mannes noch anregend und interessant und das Haupterziehungsmittel
eines geschlossenen Charakters, einer befriedigenden, ihres
Lebenszieles klaren Persönlichkeit wird. Es fehlen die Sorgen um
die Verwertung seiner Arbeiten, die Freude daran, wenn sie gelungen
ist, der Stachel und Ehrgeiz, die rechten und besten Wege für ihren
Absatz zu finden. Gerade das aber reift, klärt, stählt den Willen,
den Charakter, die geistige Fähigkeit des Mannes, macht ihn erst zu
eineeinem ganzen Manne. Jetzt aber ist an diese Stelle, wie gesagt,
die schülerhafte Abhängigkeit getreten, die nicht sich, sondern immer
einem Höhergestellten und immer nur diesem Einzigen verantwortlich ist;
gegenüber seiner Gunst sind Geschick und Glück, gegenüber seinem Willen
und Machtwort, seiner Anordnung und Verfügung ist der eigne gute Wille,
ist die eigne, selbst die größte Geschicklichkeit minderwertig, und
das Selbstbestimmungsrecht im Beruf und der künftigen Existenz jetzt
null und nichtig. So ist es nur natürlich, daß der Arbeiter sich mit
andern bald gleichgiltigen nebensächlichen, kindischen Dingen, bald
wieder mit zu schwierigen, seinem Fassungsvermögen fernabliegenden
Problemen zu beschäftigen oder sich ins Vergnügen oder politische
Radauleben zu stürzen sucht. Jedenfalls aber macht es ihn unnormal
und prägt seinem Charakter den Stempel innerlicher Unfertigkeit auf,
den ich auch an meinen Arbeitsgenossen zum Schaden für ihre sittliche
Lebensführung bemerkt habe. Und also beseitigt, wie sich mir dies bei
uns deutlich und täglich zeigte, der großkapitalistische Fabrikbetrieb
selbst gerade das, was heutzutage noch eine große Majorität zu
Verfechtern des individualistischen Wirtschaftssystems macht, die
Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Berufsarbeiters, seine männliche
Selbständigkeit vor der Öffentlichkeit des Wirtschaftslebens, die
Möglichkeit des persönlichen Risikos, die Freiheit der Produktion und
der Selbstgestaltung der eignen Zukunft und damit edeln Ehrgeiz und
starkes Streben.
Und diese verhängnisvolle, im technischen Großbetriebe notwendig
wurzelnde Wirkung wurde durch die +Arbeitsordnung+ noch vermehrt,
die bei uns in Geltung war. Diese im Folgenden darzustellen, ist
meine nächste Aufgabe. Sie war, nebenbei bemerkt, in einem Büchelchen
von dreizehn Oktavseiten im Druck erschienen und wurde jedem in die
Fabrik neu eintretenden Arbeiter eingehändigt unter der Bedingung der
Zurückgabe beim Austritt aus der Fabrik.
Ich beginne der Vollständigkeit wegen mit der Arbeitszeit, deren
schon früher erwähnt worden war. Sie dauerte also von früh 6 Uhr
bis mittags 12 Uhr, und von 1 bis 6 Uhr nachmittags. Montags, oder
überhaupt an jedem ersten Arbeitstage einer neuen Woche erfolgte der
Beginn morgens eine Stunde später, erst um 7 Uhr, eine von allen
dankbar empfundene Erleichterung, für viele, namentlich junge Leute,
die des Sonntags sich austollten, die Sonntagabend bis 12 Uhr auf dem
Tanzboden und den Rest der Nacht oft bei ihren Mädchen zubrachten,
die Möglichkeit, nun wenigstens ein paar Stunden noch schlafen zu
können und nicht ganz übernächtig und kraftlos die Arbeit der neuen
Woche anzutreten. Auch am Sonnabend war eine Stunde gestrichen. Da
wurde schon um 5 Uhr nachmittags Feierabend gemacht. Sonst fand
eine Unterbrechung dieser Arbeitszeit nur am Vormittag zwischen 8
und 8,20 Uhr statt, wo das Frühstück, das ich bereits schilderte,
genommen wurde; die Nachmittagsvesperpause war beseitigt, um die Leute
schon 6 Uhr nach Hause schicken zu können. Abweichungen von dieser
Arbeitszeit fanden, so lange ich der Fabrik angehörte, nicht statt.
Doch war in dieser Zeit mehrmals unter den Arbeitsgenossen von in
Aussicht stehenden Überstunden die Rede, wenn die Nachricht von neuen
umfangreichen Maschinenbestellungen, die gemacht seien, aus dem Kontor
in die Arbeitsräume drang. Solche Gerüchte wurden nie mit Befriedigung
aufgenommen und kolportiert; denn in dem Falle, daß sie sich
bewahrheiteten, traten zwei Absätze unsrer Fabrikordnung in Kraft, die
+alle+ Arbeiter ohne Widerrede zur Übernahme solcher Überstunden
bei dem gleichen Stunden- und Akkordlohne zwangen und folgendermaßen
lauteten: „Abweichungen von der gewöhnlichen Arbeitszeit werden durch
Anschlag bekannt gemacht“ und „Jeder Arbeiter ist verpflichtet, zu
vereinbartem Lohne auch nach Feierabend zu arbeiten.“
Dagegen hing es vom freien Willen des einzelnen ab, Beschäftigungen
an Feiertagen zu übernehmen. Auch sie fanden in meiner Anwesenheit
in bemerkenswertem Umfange nicht statt; übrigens erschwerte sie auch
das sächsische Gesetz über das Verbot der Sonntagsarbeit erheblich.
Die Überstunden- und Sonntagsarbeit, die in jenen Sommermonaten
vorkamen, beschränkten sich infolgedessen auf das geringe Maß der
notwendigen Reparaturarbeiten und auf Hilfsdienste der einen Hälfte
der Arbeiterschaft an einem Sonn- und Montage, an dem die jährliche
Inventur stattfand. Hierzu wurden die Leute befohlen, zu jenem die
verwendet, die sich freiwillig anboten. Nur einmal erlebte ich einen
Fall, in dem die angebliche Freiwilligkeit nackter Zwang war. Das war
an einem Sonnabende, als vier Mann von uns dem Maschinenmeister zu
einer plötzlichen, gründlichen Reinigung der einen großen Dampfmaschine
zur Verfügung gestellt wurden. Ich gehörte zu den vieren und hatte
an dem Abend gerade den Besuch einer wichtigen sozialdemokratischen
Versammlung vor. Da aber die Sache, wie der Meister schlauerweise
vorgab, nur eine Stunde dauern sollte, trat ich mit an. Doch zeigte
sich sofort, daß die Arbeit dreimal länger währen würde. Eine Stunde
machte ich mit, dann bat ich, mich zu entlassen, und nur mit der
allergrößten Mühe erreichte ich mein Ziel. An meine Stelle wurde ein
Bohrer kommandiert, der um diese Zeit mit sechs andern vom Kehren und
Aufräumen des Fabrikraums kam, das allsonnabendlich von diesen sieben
Freiwilligen besorgt wurde. Er hatte nicht die geringste Lust, mein
Nachfolger zu sein, dennoch blieb er. „Was will man machen?“ sagte er.
„Man kann es ja doch nicht mit dem Meister verderben.“ Übrigens fanden
jene schon genannten sonntäglichen Reparaturarbeiten, wenn sie sich
nötig machten, immer während des Vormittags und des Gottesdienstes
statt. Die beiden einzigen aber, die ohne Unterbrechung an jedem
Sonntagvormittage kontraktlich vorgeschriebene, vom Betrieb notwendig
geforderte Arbeit zu thun hatten, waren die beiden Maschinenwärter, die
ihre Maschinen nur in diesen Stunden putzen konnten, in denen sie außer
Gang waren.
Unsre Arbeit wurde uns teils durch Stunden- teils durch Akkordlöhne
bezahlt, deren Höhe meist beim Eintritt in die Fabrik gewöhnlich vom
Meister, selten durch den Direktor selbst bestimmt zu werden pflegte.
Der Stundenlohn überwog in unsrer Abteilung. Jenen verderblichen
Gruppenlohn aber, bei dem ein oft ganz ungeschickter und gar nicht
berufsmäßig vorgebildeter, nur äußerlich gewandter und geschmeidiger
sogenannter Akkordmeister für die Herstellung einer Maschine oder
eines andern Produktes eine bestimmte Summe erhält, von der er nun
die ihm zugewiesenen und von ihm nur beaufsichtigten, nicht einmal
bei der Arbeit unterstützten Arbeiter häufig so zu lohnen pflegt, daß
ihm der Löwenanteil der Summe zufällt, also mit nackten Worten das
englische Schwitzsystem in deutschem Gewande, gab es meines Wissens
bei uns glücklicherweise gar nicht. Und ein Widerwille gegen den
Akkordlohn war auch nicht, höchstens bei einigen sozialdemokratischen
Prinzipienreitern, vorhanden, wäre in unserm Falle auch die reinste
Thorheit gewesen. Denn die große Gefahr, die die Akkordarbeit in sich
birgt, und die sie auch, wie mir von Arbeitsgenossen erzählt wurde,
thatsächlich in einer der andern großen Chemnitzer Maschinenfabriken
haben sollte, daß die Arbeiter während der ganzen langen Arbeitszeit
durch das Akkordlohnsystem bis aufs Blut angestrengt würden, wurde
bei uns durch das glücklich gewählte nicht zu langsame und nicht zu
schnelle Arbeitstempo vermieden, das in der ganzen Fabrik herrschte und
seinerseits viel dazu beitrug, daß auch die nüchternste Teilarbeit
erträglich wurde. Ohne daß gebummelt und gefaulenzt wurde, war doch dem
Einzelnen einigermaßen so viel Freiheit und Spielraum gelassen, daß
er sich in dieser Stunde einmal nach seinen zufälligen Bedürfnissen
etwas Zeit nehmen konnte, um es in einer andern bessern Stunde
wieder nachzuholen. Und das galt noch viel mehr gerade von den in
Akkordlohn stehenden als von der andern Lohngruppe. Ich weiß, daß ein
paar Stoßer, die sehr gute Verdiener waren, in der ersten Hälfte der
vierzehntägigen Lohnperiode fast nur mit Auswahl und nach Belieben an
ihrer Maschine fleißig waren und sich erst in der zweiten Hälfte recht
ins Zeug legten. Von andern, die im Stundenlohn arbeiteten, wurden
diese Akkordlöhner fast immer beneidet; ein Bohrer hatte es zu seiner
großen Befriedigung und seinem pekuniären Vorteil noch kurz vor meinem
Eintritt in die Fabrik durchgesetzt, daß er künftig im Akkordlohn
beschäftigt wurde, was mir andre später noch mehrmals ostentativ
erzählten. Und ein gewandter, mir befreundeter Schlosser klagte mir
mehrmals über die Langweiligkeit seines Stundenlohnes und sehnte sich
herzlich nach Arbeit im Akkordlohn, da man da mehr Abwechslung im
Verdienen und auch Aussicht auf mehr Verdienst hätte.
Daß die Auszahlung der Löhne aller vierzehn Tage stattfand, sagte ich
bereits. In der Fabrikordnung war die Bestimmung so formuliert:
Die Berechnung der Löhne erfolgt nach Arbeitsstunden oder nach
im +Voraus+ durch schriftliche Verträge (Akkordzettel oder
Eintragung in das Akkordbuch) vereinbarten Akkordsätzen.
Eine +Löhnungsperiode+ erstreckt sich, so lange sich nicht
eine andre Anordnung notwendig macht, vom Sonnabend der einen Woche
bis zum Freitag einschließlich der übernächstfolgenden Woche.
Die Lohnauszahlung erfolgt an dem der betreffenden Lohnperiode
folgenden Freitage abends 6 Uhr 20 Minuten. Von den Löhnen werden
die Beiträge zur Krankenkasse, event. Strafgelder und zu leistender
Schadenersatz, sowie Kautionszahlungen in Abzug gebracht.