Unser Hof, der sich an der Eisenbahn hindehnte, war groß und geräumig.

Auf ihm erhob sich unweit des Portierhäuschens ein kleiner Gasometer,

daneben ein größeres Gebäude mit Wohnungen für den Kutscher und

Wächter, mit dem Speisesaal und der Kantine, dem Kesselhaus für die

eine der beiden Dampfmaschinen und dem Pferdestalle; dann ein Schuppen

mit rostenden, einst kostbaren Maschinenteilen nunmehr veralteter

Konstruktion, mit eisernen Särgen, die einst auch in unsrer Fabrik

gebaut wurden, und wovon noch einige verstaubte Exemplare vorhanden

waren, mit Eisenspänen, die angesammelt und wieder gut verkauft wurden,

und mit allerhand anderm Gerümpel. Weiter zurück noch eine offne

Zimmermannswerkstatt, und unter freiem Himmel reiche Brettervorräte,

ein Kistenlager und große Kohlenhaufen. Dicht an dem primitiven, aber

festen hölzernen Zaune, der den Eisenbahndamm vom Hofe schied, erhob

sich ein mächtiger hölzerner Krahn zum Verladen der versandfertigen

Warengüter; ein Schienenstrang verband ihn mit den Eisenbahngeleisen.

Und über allem lag eine dicke Decke von Kohlenschmutz und Eisenstaub.

Selten etwas dem Auge Wohlgefälliges, selten ein dürftiger Baum

oder ein schmales Stück grünen Rasens, der über die herumliegenden

Eisenteile wild und ungepflegt herauswuchs. Nur in einem stillen Winkel

ein bescheidnes Gärtchen, das der Kutscher sich angelegt hatte, und in

dem er sich einiges Gemüse zog. Hier blühten einige Blumen, duftete

Krauseminze und Pfefferkraut. Manches mal haben wir uns heimlich

während der Arbeit ein Blatt davon geholt.

Dasjenige Hausgebäude, das diesen Hof nach der einen Seite hin

abschloß, war das ältere, die ursprüngliche Fabrik, darum primitiver,

mit niedrigern Stockwerken, kleinen Fenstern, dunkeln Arbeitssälen, die

zu ebner Erde mit oft sehr abgenutzten Ziegelsteinen gepflastert waren.

Hier in diesem Bau hatte man auch das kaufmännische Kontor und die

Expeditionszimmer für die Ingenieure und Zeichner untergebracht.

Zwischen ihm und seinem Bruderbau stand ein dritter, kleinerer: die

Schmiede mit der Werkzeugschlosserei und dem Magazin.

In dem andern großen Bau war ich mit beschäftigt. Er war später

aufgeführt und darum besser, bequemer, heller, luftiger und geräumiger

angelegt. Er hatte ebenfalls die Höhe eines zwei- bis dreistöckigen

Hauses. Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. Er

hatte keine Etagen. Man konnte in der Mitte des Raumes bis hinauf zum

Dache sehen, das zum großen Teil aus Glasplatten bestand, um mehr Licht

herein zu lassen. An den beiden Langseiten liefen je zwei übereinander

gebaute breite Emporen hin, zu denen von unten steile primitive

Holztreppen hinaufführten, die namentlich bei großen Transporten

beschwerlich zu passieren waren. Auf der einen Empore befand sich der

Probiersaal, wo eben vollendete Maschinen ausprobiert wurden, und wohin

der Zutritt der großen Verunglückungsgefahr wegen nur denen gestattet

war, die einen Auftrag dorthin hatten. In einem andern Teile war der

Drehersaal. Die übrigen Emporen standen augenblicklich fast leer. Denn

der eine Zweig unsrer Maschinenproduktion, der hier seinen Sitz hatte,

lag sehr danieder. Auf dem östlichen Ende und der dortigen Schmalseite

des ganzen Baues fehlten die Emporen bis auf eine einzige kleine

ganz; dadurch war ein weiter geräumiger Platz geschaffen, lichter

und freundlicher -- gleich dem Altarplatze einer Kirche. Und wo in

unsern Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das

Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen

Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwerer Maschinen

und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der

große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel

wies. Zwar fehlte Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre

gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile

der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen

und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen blaukitteligen Männer da

schafften -- wars nicht auch ein Gotteswerk, ein Gottesdienst? Konnte

es nicht wenigstens einer sein?

Platz war gleichwohl nicht viel in dem großen hohen Raume. An den

Fenstern der beiden Langseiten standen die Schraubstöcke der

Schlosser; an den Säulen, die die Emporen trugen, und wo sonst immer

ein geeigneter Platz und halbwegs genügendes Licht sich fand, waren

die großen und kleinen Arbeitsmaschinen aufgestellt; die größte,

eine gewaltige Bohrmaschine, legte sich quer durch den ganzen Raum

und war bei der Passage und vor allem bei Transporten oft sehr

unbequem und hinderlich. Um die einzelnen Arbeitsplätze herum, am

ziegelsteingepflasterten und häufig sehr holprigen und beschwerlichen

Boden lagen Eisenteile, die in Arbeit kommen sollten oder eben

bearbeitet waren, in der Nähe der Schlosser halb oder ganz fertige

Maschinen großen und kleinen Kalibers. Hier standen ausrangierte

Stücke, in gerader Linie aufgereiht, dort lehnten Bretter und lange

eiserne Wellen. In einer Ecke war der Blasebalg, daneben das Terrain

für die Packer; am entgegengesetzten Ende des Raumes nahm die frühere,

jetzt ausrangierte und zu einem Gelegenheitsverkauf bereitliegende

große Dampfmaschine unsrer Fabrik, in ihre einzelne Teile zerlegt, viel

Raum ein und hinderte die Bewegungsfreiheit. Ein gewaltiger Krahn, viel

benutzt und von zwei Mann an der Kurbel in mühsamer Kraftaufwendung

fortbewegt, lief durch den ganzen Raum, zwei kleine bedienten in

dem Teile, den ich oben mit dem Altarplatz einer Kirche verglich,

die dort Arbeitenden. Unter den durch die Emporen gebildeten Decken

liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender

Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden

Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der

Kraft nie ruhender Bewegung speisten. In den ersten Tagen nach meinem

Eintritt in die Fabrik vermochte ich mich nur schwer und unsicher

zwischen dem allen zurecht zu finden. Scheinbar wirr und planlos lag,

stand, bewegte sich in dem Raume alles durcheinander. Erst allmählich

sah das Auge die Ordnung, die doch herrschte, fand der Fuß die schmalen

Gänge zwischen den Maschinen hindurch, die die übliche Passage von dem

einen zum andern und durch den ganzen Raum hin bildeten, und die uns

den Transport größerer umfangreicher Stücke wegen ihrer Engigkeit und

Gewundenheit oft sehr erschwerten. Nur an dem schon oben geschilderten

freundlichern, hellern Ende war es auch in dieser Beziehung besser.

Das war der Arbeitsplatz der Hundertzwanzig bis Hundertfünfzig,

die hier ihr Tagewerk verrichteten, kahl, öde, schwarz, ohne eine

Bequemlichkeit, durchtost von einem nie abbrechenden nervenzerreißenden

Geräusch grell zusammenklingender Töne. Und doch lag über dem allen

auch Adel und Poesie. Nicht nur, wenn von oben das Sonnenlicht

hereinflutete und selbst den Schmutz und das Eisen verklärte, sondern

auch wenn ein grauer Himmel das Kahle, Öde, Schwarze noch kahler,

öder, schwärzer erscheinen ließ. Das war die Poesie eines grandiosen

in einander greifenden Getriebes, das hier ruhelos und doch in

gleichmäßiger Bewegung sich auswirkte, der Adel menschlicher Arbeit,

die hier an einer einzigen Stelle von mehr als hundert Menschen im

Kampfe ums Brot, um Leben und Genuß tagaus tagein gethan wird.

In unserm Bau wie in der ganzen Fabrik waren ausschließlich männliche

Personen beschäftigt, keine einzige Frau, kein Mädchen, kein Kind; im

ganzen Betriebe gab es meines Wissens noch nicht ein halbes Dutzend

Knaben zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre und kaum

ein paar Dutzend Lehrlinge von vierzehn bis siebzehn Jahren. Auch

das gab unsrer Fabrik und unsrer Arbeiterschaft ein ganz bestimmtes

Gepräge; mich hinderte es vor allem, über Frauen- und Kinderarbeit

irgend welche persönlichen Erfahrungen zu sammeln.

Gleichwohl war die Zusammensetzung unsrer Arbeiterschaft noch immer

bunt genug, ein getreues Spiegelbild des Charakters unsrer gesamten

großkapitalistischen Produktionsweise; die verschiedensten Berufe

waren vertreten und in Thätigkeit, alte, von den Vätern, aus der

Zeit der Zünfte her bewährte und berühmte, und junge, die die großen

Erfindungen und die veränderten Bedürfnisse unsrer Tage neu geschaffen

haben. Ich kann über ein Dutzend Handwerke aufzählen, die bei uns

gebraucht wurden. Am zahlreichsten waren natürlich die Schlosser

vertreten; dann folgten in abnehmender Reihenfolge etwa die Dreher,

die Hobler, die Tischler, die Bohrer, die Stoßer, die Schmiede,

Zimmerleute, Anstreicher, Riemer und Klempner. Dann aber jene Reihe

neuer und Zwitterberufe: Anreißer, Aufreiber, Anhänger, Schmirgler,

Räderschneider; dazu Maschinenwärter, Heizer, Packer, Transporteure,

andre Handlanger jeder Art und Bestimmung -- denn auch unter ihnen

herrscht die Arbeitsteilung --, Kutscher und Portier, eine bunte

Kette, in der doch jedes Glied eine Notwendigkeit ist, um auch nur

die kleinste Maschine fertig zu bringen: eine Form menschlicher

Arbeitsgemeinschaft, so neu, originell, großartig, wie sie vergangene

Zeiten wohl nie gekannt haben, der sichtbare Ausdruck der geistigen

und wirtschaftlichen Umwälzung, die sich eben jetzt auf unsrer Erde

vollzieht, und von der es sich eben in unsern Tagen entscheiden soll,

ob sie der Menschheit zum Segen oder zum Fluche werden wird.

Diese Arbeiterschar war selbstverständlich im einzelnen organisiert,

voran die Schlosser. Ihre große Zahl war in Gruppen zu vier bis zehn

Mann geteilt. Je ein Vorarbeiter, der sogenannte Monteur, leitete die

gemeinsame Arbeit und dirigierte und kontrollierte den einzelnen.

Hobler, Dreher, Tischler, Packer hatten ihre Meister; über allen stand

der Schlossermeister, zugleich der Werkmeister des ganzen großen

Raumes, in den wir gehörten. Er war gleichsam der Feldwebel dieser

120 Mann starken Arbeiterkompagnie, die übrigen Meister Vizefeldwebel

und Sergeanten, die Monteure die Unteroffiziere, ihre Abteilungen,

„Montagen“ genannt, die einzelnen Korporalschaften. Der Werkführer und

die übrigen Meister waren den Direktoren, besonders dem technischen

verantwortlich. Die Leitung im einzelnen hatten sie, je für ihre

einzelnen Abteilungen, selbständig; in Fühlung mit ihnen überwachte der

Schlossermeister den gesamten Arbeitsprozeß im Detail.

Dieser +Arbeitsprozeß+ war schwer, kompliziert, langsam;

aber er war keiner von denen, die den Menschen durch seine

Einförmigkeit geistig, moralisch und physisch tot machen. Denn die

Maschinenbauindustrie ist eine der höchst entwickelten Zweige der

modernen Großindustrie und steht auch, was den sittlichen Einfluß ihres

Arbeitsprozesses auf die dabei beschäftigte Arbeiterschaft anlangt, mit

an erster Stelle. Das Folgende hat eben dies vor allem zu zeigen und zu

würdigen.

Der Arbeitsprozeß beginnt auf dem Tischlersaale. Eine große Maschine,

etwa eine Hobelmaschine nach neustem System, ist bestellt worden. Die

Konstruktions- und Berechnungsarbeiten der Techniker sind beendigt, die

Zeichnungen dafür fertig. Da ist die nächste Arbeit die Anfertigung der

Modelle für die einzelnen Teile der neuen Maschine. Dies geschah, wie

gesagt, durch Tischler. Auch dabei wurde, wo es möglich war, mit Hilfe

von Maschinen gearbeitet. Eine zwar bei der kleinsten Unvorsichtigkeit

gefährliche aber zehnmal schneller und exakter als Menschenhand

arbeitende Holzsäge-, und ebenso eine Holzhobelmaschine standen zum

fortwährenden Gebrauche. Aber auf ihnen wurden doch nur die groben

Stücke geschnitten; das übrige, bei weitem das meiste aus diesem Saale,

war notwendig Handarbeit. Denn diese großen und kleinen Modellstücke

hatten oft die wunderlichsten Formen, und ein jedes eine andre; sie

mußten genau in der vorgeschriebenen Größe auf das genauste und

dauerhaft ausgeführt werden. Wer hier arbeitete, mußte darum nicht nur

geschickt sein, sondern auch denken können. Er mußte die Konstruktion

der Maschine, deren Modellkörper er eben anfertigte, einigermaßen

kennen; er mußte die Zeichnungen verstehn, die ihm die Maße und

Formen für seine Arbeit angaben; er mußte Geschick und Gewandtheit

besitzen, um aus möglichst wenig Brettern, Pflöckchen und Brettchen

möglichst schnell, praktisch und gut die Formen zusammenzusetzen und

zu gewinnen, die die Zeichnung für das betreffende Stück vorschrieb.

Das Verhältnis zu seinem Meister beschränkte sich nicht nur auf eine

disziplinarische Kontrolle jenes über ihn, sondern bestand notwendig

auch in einem Austausch der Ansichten über die bestmögliche Herstellung

der geforderten Körper. Dabei war dem einzelnen doch eine gewisse

Selbständigkeit in der Ausführung gewahrt; und was er schaffte, war

kein Teilstück, sondern ein in sich geschlossenes und wertvolles Ganze,

das nach seinem Gebrauch in der Gießerei nicht weggeworfen, sondern

dauernd der Modellsammlung der Fabrik einverleibt wurde. Eine gedanken-

und charakterlos machende, rein mechanische Fabrikarbeit war also in

diesem Teile der Fabrik ausgeschlossen. Auch war der Raum, in dem diese

Leute nicht allzu zahlreich mit einander arbeiteten, wohl der beste in

der ganzen Fabrik: groß, hoch, licht und luftig. Staub war freilich

auch hier genug, wie immer in Tischlerwerkstätten mit ihren groben und

feinen Sägespänen, und darum die Gesichtsfarbe auch dieser wie aller

Tischler blaß.

Die fertigen, meist rotangestrichenen Modelle wurden dann der

benachbarten Gießerei zugestellt, die uns den sogenannten „Guß“

zu liefern pflegte. Wenn man ihn brachte, war es unsrer, der

Handarbeiterkolonne Aufgabe, ihn abzuladen und zu wiegen, dann kam

die sichtende Hand des Modellmeisters, dem auch die Modellsammlung

unterstand, darüber. Sein erprobtes Auge unterschied leicht Charakter

und Bestimmung der einzelnen rohen Stücke, die oft nur noch entfernte

Ähnlichkeit mit ihrem saubern Modell aufzuweisen hatten, und jedes

erhielt die besondre Chiffre, die nach der Sitte später die einzelnen

fertigen Maschinen in dem Produktionsjournal der Fabrik führten.

Dann wurden sämtliche Teile dem Monteur überwiesen, der mit dem Bau

der betreffenden Maschine beauftragt worden war. Diese Überweisung

geschieht nicht ohne Auswahl. Nicht jeder Monteur erhält jede beliebige

Maschine zu bauen. Die Verteilung richtet sich im ganzen nach dem

Dienstalter, der Erfahrung und dem Geschick des Mannes und der Größe

seiner Gruppe. Jüngere und ungeübtere Monteure mit kleineren und

weniger geschulten Abteilungen erhielten nur den Bau einfacherer und

bekannterer Maschinen. Doch will ich nicht sagen, daß nicht Ausnahmen

vorkamen. Für jede vollendete Maschine sind nämlich je nach deren Größe

und Kompliziertheit sogenannte Prozente wie für die Direktoren, so für

den Werkmeister und den Vorarbeiter in absteigender Höhe festgesetzt.

Wer von letztern beim Meister gut stand, konnte hier natürlich leicht

einmal bevorzugt werden und Maschinen zu bauen bekommen, die mehr

Prozente abwarfen als andre. Doch habe ich selbst hierüber keine

deutlichen Beobachtungen gemacht, es mir nur von Arbeitsgenossen

erzählen lassen. Auch wird die Ausgabe mit dadurch geregelt, daß

die einzelnen Vorarbeiter immer nur auf ganz bestimmte Maschinen

eingearbeitet sind: der eine auf Hobelmaschinen und Kreissägen, der

andre auf Bohrmaschinen und Drehbänke u. s. f.

Gewöhnlich ist es so, daß immer zwei und mehr verschiedne Maschinen in

derselben Abteilung im Bau begriffen sind -- was für den erziehlichen

Charakter der Arbeit dieser Leute ein unendlich wichtiges, förderndes

Moment ist. Denn dadurch wird auch in diesen Abteilungen die letzte

Möglichkeit einer schablonenhaften Fabrikarbeit beseitigt. Aber

die Veranlassung zu dieser Einrichtung liegt freilich nicht in

dieser sittlichen Rücksicht, sondern in dem Charakter des ganzen

Fabrikationsbetriebes. Diese Maßnahme ist nämlich notwendig, um die

Schlosser überhaupt dauernd beschäftigen zu können. Denn mit dem aus

der Hand des Modellmeisters überwiesenen groben Stücke, vermögen der

beauftragte Monteur und seine Leute nur zum geringsten Teile schon

etwas anzufangen. Ehe die Schlosser die letzte Hand anlegen und die

Knaupelarbeit der Zusammensetzung der Maschinen beginnen können, gehen

die meisten Stücke noch durch viele Hände.

Zunächst kamen sie auf die Platte des Anreißers, eines der wichtigsten

und angesehensten Arbeiters in unsrer Fabrik, durch seinen Beruf sowohl

als durch seine Persönlichkeit. Der Mann hatte eine verantwortungsvolle

Aufgabe. Er hatte nach den ihm vorliegenden, oft verwickelten

Zeichnungen an den großen und kleinen Gußstücken mit Reißnadel und

Grobzirkel alle Bohrungen, alle Hobelflächen, alle abzustoßenden

Kanten und Ecken genau zu berechnen und zu bezeichnen. Von ihm hing es

vor allem ab, ob schließlich die einzelnen Teile sich zusammenfügten

und auf einander paßten, ob die ganze Maschine schließlich klappte.

Macht auch hier langjährige Übung und allmähliche genaue Kenntnis der

einzelnen Maschinen, ein praktischer Blick und eine geschickte Hand

diese Thätigkeit leichter und zu einer gewohnheitsmäßigen -- das eine

steht doch fest, daß sie nie ohne die strikteste Aufmerksamkeit und

ohne Gedankenarbeit gethan werden kann. Ich habe, wohl weil ich als

der intelligenteste unter den Handarbeitern erschien, dem Anreißer

sehr oft bei seiner Arbeit behilflich sein und ihm die eisernen

Lineale, Schienen u. s. w. nachtragen, halten und stützen müssen;

aber immer sah ich den Mann inmitten des dröhnenden Lärms, mit der

Zeichnung vor sich, probierend, rechnend, schweigend seine Arbeit

thun. Man ist in vielen Kreisen so wenig imstande, sich einen rechten

Begriff von dem Charakter der Fabrikarbeit zu machen, ist so leicht

geneigt, jede Fabrikarbeit als die durchschnittlich tiefststehende,

einfachste und darum notwendig billigste Art menschlicher Thätigkeit

anzusehen, daß ich es für meine Pflicht halte, an dieser Stelle vor

diesem leichtfertigen Urteil zu warnen und auf die Arbeit dieses Mannes

hinzuweisen, die meines Erachtens viel größere geistige und physische

Kraft fordert und doch viel niedriger gelohnt ist, als z. B. die

Thätigkeit vieler Subalternbeamten, Handlungsgehilfen, Kontoristen und

andrer, die doch eine ganz andre gesellschaftliche Stellung und meist

auch ein ganz andres Einkommen haben als dieser und andre ihm gleich

zu ordnende Fabrikarbeiter. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß

mir die einseitige und in dem Grade, wie es geschieht, ja ohne weiteres

falsche und lächerliche Betonung und Überschätzung der körperlichen,

der Hand-, der Fabrikarbeit seitens der Sozialdemokraten auch in unsrer

Fabrik eine ihrer begründeten Ursachen in dieser bisher sehr häufigen

Nichtachtung und Verkennung solcher und ähnlicher Fabrikarbeiter,

deren es viele giebt, zu haben scheint. Es ist der Drang nach einer

gerechteren sittlichen Würdigung und damit auch gesellschaftlichen

Anerkennung dieser Berufe durch die Allgemeinheit, der hier wie in der

ganzen modernen Arbeiterbewegung in elementarer und ungefüger Form zum

Ausdruck kommt.

Vom Anreißer hinweg brachten wir die Stücke je nach der Disposition

ihrer Meister zu den Bohrern und Hoblern, Stoßern und Drehern. Bei den

beiden ersten Kategorien finden wir das Gegenteil geistig anregender

Fabrikarbeit. In selten unterbrochener Monotonie steht der Bohrer und

der Hobler an seiner kleinen oder großen Arbeitsmaschine und läßt sie

Löcher, immer Löcher bohren, Flächen, immer Flächen hobeln. Immer

wieder sieht er den Stahlhobel die Flächen pflügen und glätten, den

Bohrer wie spielend sich in das Gußeisen graben. Immer wieder führt er

der erhitzten Stelle kühlendes Seifenwasser zu, immer wieder fegt er

die groben Späne beiseite, bläst er die feinen mit dem Munde davon. Die

einzige Thätigkeit, die dabei kurze Zeit ein wenig geistiges Nachdenken

und Aufmerksamkeit fordert, ist das richtige Aufstellen der zu

bohrenden und hobelnden Stücke. Die Löcher müssen nach der Vorschrift

des Anreißers genau senkrecht, die Flächen genau wagerecht werden.

Darum muß mit hölzernen Böcken, mit Brettern und Pflöckchen, mit Hammer

und Wasserwage, mit eines oder mehrerer Handarbeiter Unterstützung die

rechte, genaue und feste Lage für das Stück gefunden werden. Ist das

aber geschehen, so beginnt zum millionenstenmale der Bohrer und Hobel

seine Arbeit, zu der des Menschen Auge nichts weiter thun als immer nur

zusehen und sie überwachen kann. Wunderlicherweise finden sich gerade

unter diesen Leuten ebenso gut schwache wie die stärksten Verdiener.

Der eine, ein Hobler, der die größten Flächen, und der andre, ein

Bohrer, der mit der größten Maschine die gröbsten und längsten

Löcher an den stärksten und oft viele Zentner schweren Hauptteilen

zu arbeiten hatte, und die beide im Akkordlohn standen, sollten

nach übereinstimmendem Urteile vieler Arbeitsgenossen das höchste

Einkommen von allen Arbeitern unsers Baues, jedenfalls nicht unter

160-170 Mark im Monat haben, während z. B. der Anreißer die Stunde nur

29, höchstens 30 Pfennige, also in der Woche kaum 20 Mark verdienen

sollte, und ebenso die anstrengende Arbeit der Durchschnittsschlosser

und der Schmiede unvergleichlich niedriger gelohnt wurde. Bei dem

sogenannten „großen Bohrer“ war das immer noch verständlicher als bei

jenem Hobler, der mit Hilfe von uns Handarbeitern die Eisenteile auf

die tadellose Platte seiner Hobelmaschine hob, sie nur einzurichten

und festzumachen brauchte und dann den Dampf die manchmal halbe Tage

lange Arbeit thun ließ. Im ganzen war wohl die Thätigkeit der Hobler

langweiliger und bequemer als die der Bohrer. Und wieder unter diesen

hatten es diejenigen leichter aber auch noch langweiliger, die an

größern Maschinen standen. Wer dagegen eine kleine zu bedienen hatte,

dessen Aufmerksamkeit war in ganz andrer Weise an den ewig rotierenden

Stahl gefesselt. Denn auf solchen Maschinen konnten ja nur enge und

kurze Löcher, dünne Flächen und kleine Stücke gebohrt werden; diese

festzuschrauben war unmöglich; hier hatte die Hand des Mannes sicher

und stark zuzugreifen, hier hatte das Auge schärfer und schneller zu

beobachten, hier hatte die Lunge unausgesetzt feinen Eisenstaub zu

atmen. Und doch hatten gerade diese Leute von allen Bohrern -- wenn ich

recht berichtet bin -- den niedrigsten Verdienst, waren freilich auch

durchschnittlich jünger als die andern.

Wieder anders lag die Arbeit der Stoßer und Dreher. Beide Arbeitsarten,

so verschieden sie im einzelnen auch von einander sind, sind sich

darin gleich, daß sie dem Manne, der an der Drehbank oder Stoßmaschine

steht, wieder größere Selbständigkeit und Selbstthätigkeit ermöglichen.

Der Stoßer, der an meist schon glatt und blank gefeilten Stücken

Flächen, Ecken, Kanten bald geradlinig bald kurven- oder kreisförmig

abzustoßen hat, muß genau die vorgezeichnete Linie einhalten.

Das zwingt ihn, so wie er die Maschine in Bewegung setzt, mit

unausgesetzter Aufmerksamkeit in halbgebückter Stellung ihren Gang zu

überwachen und zu dirigieren. Ganz ebenso der Dreher, dessen Aufgabe

es ist, Bolzen, Wellen, Kurbeln und Hebel so zu kürzen, zu formen,

so mit Nuten, Rissen, Einschnitten und Spitzen zu versehen, daß sie

für die neue Maschine sofort verwendbar sind, jedenfalls aber nur

noch geringer Nachhilfe durch die Schlosserfeile bedürfen. Aber ein

großer Übelstand ist auch diesen Arbeiten wie denjenigen der Bohrer

und Hobler gemeinsam: alles ist nur Teilarbeit. Nie schafft der

Bohrer, der Hobler, der Stoßer, der Dreher ein zum Verkauf fertiges,

geschweige zusammengesetztes, vollkommenes Produkt; es ist kein

organisches Ganze, weder wenn er es unter die Hände bekommt, noch wenn

er es aus den Händen giebt. Es ist immer trauriges Stückwerk. Man

unterschätze dieses Faktum nicht, dessen üble Folgen, wie wir sehen

werden, nur zum Teil wieder aufgehoben werden. Es ist hierauf die

Beobachtung zurückzuführen, die ich immer machte, daß gerade unter

dieser Berufsgruppe jene Züge häufiger hervortraten, auf die man

fälschlicherweise als das bestimmende Charakteristikum des modernen

deutschen Durchschnittsfabrikarbeiters so gern mit Entrüstung hinweist:

gedankenlose Oberflächlichkeit und sittliche Unreife.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 4 / 21 段