Speisen und Getränke brachte man sich entweder von daheim mit oder

kaufte sie sich in der Kantine. Jenes pflegten vor allem die ältern

verheirateten, darum sparsamen, dies die unverheirateten Leute zu thun.

In dieser Kantine war nur der Verkauf von Brot, Semmel, dreierlei

Wurst, Käse, ab und zu auch Eiern, sowie von Kaffee und einfachem Bier

gestattet. Die Preise waren nicht hoch, doch so, daß der Verkäufer

noch etwas dabei verdiente; ein Topf Kaffee mit Zucker kostete

vier Pfennige, eine Flasche Bier sieben Pfennige. Eine Einrichtung

dabei wurde besonders dankbar empfunden. Wir waren etwa vier- bis

fünfhundert Arbeiter; nimmt man an, daß nur ein Viertel von ihnen

in der Kantine kaufte, so hätten gegen hundert Mann allmorgendlich

sich um den Verkaufstisch gedrängt, und die letzten hätten glücklich

am Schlusse der Pause bedient werden können. Um diesen Übelstand zu

beseitigen, war gestattet, daß einer von uns Handarbeitern, ein dazu

fest bestimmter, eine Stunde vorher von Mann zu Mann ging, dessen

Bestellungen entgegennahm und dann kurz vor 8 Uhr dies Bestellte den

einzelnen an ihren Platz brachte: den heißen Kaffee in einer großen,

blitzblank gescheuerten blechernen Gießkanne, aus der jedem in seinen

Blechkrug geschenkt wurde.

So primitiv in vielen Punkten dies ganze Frühstück war, so wurde das

doch nicht unangenehm empfunden. Man sah ein, daß es nicht anders

anging, und ließ es sich schmecken.

Für das +Mittagessen+ war, wie gesagt, auch bei uns die übliche

Stunde von 12 bis 1 Uhr frei. Grundsatz war für alle: Wer zu Tisch

nach Hause kommen kann, geht nach Hause. Das war in unsrer Fabrik doch

einer sehr großen Zahl möglich. Und so wiederholte sich täglich in

unsrer Vorstadt ein interessantes Bild. So wie die Dampfpfeifen punkt

12 Uhr ihr Signal gaben, waren mit einem Schlage die sonst stillen

Straßen mit Hunderten von Menschen belebt, die im schnellsten Schritt

in der verschiedensten Richtung, allein oder zu zweien und dreien, an

einander vorübereilten; wer unter sie gehörte, begegnete alltäglich

immer denselben Gesichtern. Und dasselbe Bild eine Stunde später,

kurz vor 1 Uhr, bis dasselbe Signal die Straßen wieder säuberte. So

reguliert, wie früher der Klang der Glocken, heute der schrille Schrei

der Fabrikpfeifen das tägliche Leben der Bewohner unsrer Fabrikorte.

Denn wie mittags 12 und 1 Uhr gellen früh ½6 und um 6 Uhr und ebenso

zum Feierabend diese Pfeifen.

Was mittags in den einzelnen Familien gegessen wurde, vermag ich

selbstverständlich nicht zu sagen. Häufig fragte ich, was es gegeben

hätte, aber manchmal erfuhr ich nicht die Wahrheit. Dann war

anzunehmen, daß es besonders dürftig gewesen war. Fleisch gab es

bei den hohen Fleischpreisen natürlich nicht immer, doch vermochte

es eine kluge, sparsame Hausfrau öfter auf den Tisch zu bringen

als ihr Gegenteil. Denn innerhalb bestimmter, durch das Einkommen

gezogener Grenzen kommt auch hier alles auf das Talent und den Wert

der Frau an. Eine tüchtige Hausfrau macht in dieser Weise -- und sie

sind +nicht+ in der Minderzahl -- fast Unmögliches möglich.

Die Frauen von zwei meiner engern Arbeitskollegen, die wöchentlich

noch nicht fünfzehn Mark verdienten, sagten mir, es gebe bei ihnen

+immer+ Fleisch in irgend welcher Form. Die eine von ihnen hatte

ein zweijähriges und ein halbjähriges Kind, die andre ein neun- und

ein fünfjähriges, eins unter dem Herzen und zwei auf dem Friedhofe;

jene hatte außer ihrem Mann und ihren Kindern noch ein Schlafmädchen,

die andre noch zwei Schlosser am Tisch. Beide Frauen hatten früher

als Dienstmädchen gedient. Dann wieder war bei uns ein Monteur, der

verhältnismäßig viel verdiente; wer seine Frau sah, wußte, warum seine

Kleidung so vernachlässigt war, warum er, wie er mir einmal erzählte,

häufig selbst kochte und briet und sie nicht mitthun ließ. Eines

Sonntags sollte es bei ihm als besondre Delikatesse Hundebraten geben.

Anstatt der Butter wurde in manchen Familien viel Fett und viel Leinöl

gegessen. Im allgemeinen schließlich gilt der Satz, daß man am Anfang

einer Lohnperiode immer besser lebte als am Ende.

Zwei Konsumvereine am Orte wurden von den Familien viel benutzt,

namentlich am Abend des Lohntages, wo man gleich für mehrere

Tage Einkäufe machte. Der eine Verein war eine ausgesprochene

sozialdemokratische Gründung, der andre noch jung; beide florierten.

Viele Familien hatten außer ihren eignen Angehörigen, wie schon gesagt,

noch Kostgänger, häufig ihre eignen Schlafleute, oft noch andre junge

Burschen und Mädchen dazu, ab und zu auch verheiratete Männer, die

selbst zu weit nach Hause hatten, ihrer Familie die Unbequemlichkeit

des Essentragens ersparen, aber auch den noch etwas teuren Mittagstisch

in der Kneipe vermeiden und sich doch auch nicht mit einem kalten Imbiß

in der Fabrik begnügen wollten. Des Sonntags aber war es allgemeinste

Sitte, daß jeder in der Familie aß, in der er wohnte. Soviel ich

erfahren konnte, gab es, wo Fremde mit aßen, häufiger Fleisch, immer

aber bessere Speisen, und der Preis, den der Kostgänger zahlte, war

stets niedriger als der, den wir im Gasthaus zahlten.

Das war wieder eine andre, verhältnismäßig große Gruppe, die zum

Mittagstisch in eine der in der Nähe liegenden, ganz einfachen Kneipen

ging. Meist waren es junge, unverheiratete Leute mit besserm Verdienst,

und vor allem Schlosser, denen die Engigkeit einer Arbeiterwohnung,

die in der als Küche und Eßzimmer benutzten Stube und bei der Eile

aller Beteiligten gegen Mittag am fühlbarsten wurde, unbequem und

die Ordnung einer Restauration lieber war. Oder sie wohnten sehr

weit und hatten keine ihnen bekannte Familie in der Nähe, von der

sie mittags aufgenommen werden konnten. Ich that es ihnen nach, weil

es mir anfangs ebenso ging. Ich habe hinter einander in drei Kneipen

gegessen, in der einen von ihnen fast dreiviertel der Zeit, die ich

in der Fabrik verbracht habe. Es war das ein kleines, einfaches, aber

anständiges Restaurant; die hübsche Tochter des Wirtes trug auf in

genauer Reihenfolge, wie wir saßen, und um keinen zu benachteiligen,

jeden Tag bei einem andern beginnend. Das Essen war reichlich und

leidlich schmackhaft; einen Tag um den andern gab es Braten, den man

trotz seiner Wässrigkeit sehr liebte, die übrigen Tage setzte es

Kochfleisch und Gemüse, das mir lieber war. Dazu erhielt jeder außer

einer tüchtigen Portion von Kartoffeln ein großes Stück Brot, und

das Ganze kostete Tag für Tag mit einem Glas einfachen Braunbiers

vierzig Pfennige. Es herrschte gute Ordnung unter den Tischgenossen,

ein höflicher Ton und ein anständiges Gebaren. Man aß ruhig, ohne

Hast. Es wurde wenig gesprochen und viel gelesen, sodaß, wenn einer

ein Blatt zu Ende hatte, ein andrer schon immer darauf wartete, es zu

erhalten. Und genau wie hier ging es in dem zweiten Lokale zu. Das

dritte, nur von wenigen besuchte, stand tiefer. Es war die sogenannte

Kutscherstube eines großen Etablissements. Diese allgemein verbreiteten

Kutscherstuben sind sozial und moralisch ganz bedenkliche Institute:

meist unsauber, eng und unfreundlich, bilden sie den Übergang zu jenen

berüchtigten Stehbierhallen und Destillationen, die, häufig mit Kauf-

und Budikerläden verbunden, durch die Leichtigkeit, Einfachheit und

Schnelligkeit der Bedienung, durch die Möglichkeit, sofort wieder gehen

zu können, die größten Verführungsstätten zum Trunk für die untern

Schichten sind.

Die eben geschilderten Restaurationen vertrat im Innern der Stadt

teilweise die städtische Speiseanstalt, die täglich von 12 bis 1 Uhr

geöffnet war, von Hunderten von Arbeitern und auch Arbeiterinnen

besucht wurde und sich gut rentieren soll. Vier große Speisesäle zu

ebener Erde und im ersten Stock waren in dieser Stunde immer gedrängt

voll; selbst auf dem öden, weiten Hofe hatte man Tische und Bänke

aufgestellt. Es gab zwei Klassen hier. In der einen kostete der

Mittagstisch dreißig, in der andern fünfzehn Pfennige. In der ersten

gab es an gedeckten Tischen, doch ohne Bier, etwa dasselbe wie in

unsern Vorstadtrestaurants, in der zweiten in einem großen Napfe, den

man sich selbst holen mußte, Bohnen, Reis, Graupen, Linsen und ähnliche

Hülsenfrüchte, gewöhnlich mit einem Scheibchen Wurst oder Fleisch.

Während meiner Herbergszeit habe ich in beiden Klassen gegessen; in

beiden war es reichlich und verhältnismäßig gut. Einmal wurde ich dabei

aus dem Lokal hinausgeworfen. Ein Bummler in abgetragener modischer

Kleidung, mit langem, grauem Haar und dem Auftreten eines ehemaligen,

nun verkommenen Künstlers, ein häufiger Gast der Herberge, verkaufte

einmal drei Speisemarken zweiter Klasse, das Stück für fünf Pfennige.

Ich nahm natürlich auch eine und ging damit mittags in die Anstalt

zu Tische. Als ich sie vorwies und meinen Napf mit Erbsen in Empfang

nehmen wollte, fragte man mich barsch, woher ich diese Marke habe, die

ganz anders aussah als diejenigen aller übrigen. Ich erzählte es, aber

man schien mir nicht recht zu trauen, sagte, das seien Armenmarken

und wahrscheinlich gestohlen, und jagte mich schleunigst zum Tempel

hinaus. Als ich dann in die Herberge zurück kam und es erzählte,

setzte es dann noch ein zweites Donnerwetter vom Herbergsvater, das

sich dann noch mehrmals wiederholte, so oft wir, „die ihm den Tag

über, ohne etwas zu verzehren, die Stühle durchsäßen,“ mittags noch

anderswohin essen gingen. Denn ich war nicht der einzige, der sich

so in der Herberge herum drückte. Es gab noch manchen, der keinen

Pfennig mehr in der Tasche und Hunger im Leibe hatte, und der dann

auch in die Speiseanstalt ging, um dort im Gedränge die auf dem Tische

herumstehenden Näpfe mit Resten leer zu essen. Einer meiner neuen

guten Freunde empfahl mir heimlich diesen Weg als den besten und

kostenlosesten besonders angelegentlich.

Der Rest der Arbeitsgenossen brachte die Mittagsstunde ganz in der

Fabrik zu. Es waren Junge und Alte, Verheiratete und Unverheiratete,

eine immer noch große Zahl, alle diejenigen, die zu weit ab von der

Fabrik wohnten, und zu sparsam waren oder zu wenig verdienten, um bei

Fremden ein warmes Mittagbrot zu bezahlen; sie begnügten sich meist

mit einem gleichen kalten Imbiß wie zum Frühstück und mit Kaffee, oder

sie wärmten sich Tag für Tag das Gemüse, das ihnen die Mutter oder die

Frau am Abend vorher schon bereitet hatte, und das sie des Morgens

in einem Blechkännchen mit in die Fabrik brachten. Für sie war der

nüchterne Speisesaal eine wahre Wohlthat, denn da in der Mittagsstunde

alle Werkstätten geschlossen wurden, war er der einzige Raum, in dem

sie sich aufhalten konnten. Mir thaten die Leute, namentlich die ältern

unter ihnen, aufrichtig leid; die elf Stunden am Tage wahrhaftig keine

leichte Arbeit zu thun hatten, denen fehlte in dieser einzigen Stunde

des Ausruhens beinahe jede Bequemlichkeit. Man denke sich nur in die

Lage hinein, man versuche es selbst einmal, Mittag um Mittag mit

kalter Küche oder nur aufgewärmtem Zeug fürlieb zu nehmen und man wird

begreifen, daß das dauernd kein würdiges Mittagbrot für einen Menschen

ist, der tagsüber stramm seine Pflicht thut. Das empfanden die Leute

selbst auch sehr gut. Wenn ich kurz vor Beginn der Nachmittagsarbeit

in die Fabrik zurück kam und -- wie es Sitte war -- ihnen Mahlzeit,

gesegnete Mahlzeit wünschte, da kam es vor, daß einer das bitter

abwehrte. Das sei ja keine Mahlzeit, am allerwenigsten eine gesegnete.

War das Wetter schön oder der Tag sehr heiß und darum der Körper

besonders schlaff und matt, dann legte man sich, wenn man mit seinem

Butterbrot zu Ende war, im freien Hofe an einer schattigen Stelle

irgend wohin auf ein Brett oder auf die Erde, um seufzend sein

Mittagsschläfchen zu halten. Nur selten brach, wenn wir so abgespannt

und stumm neben einander saßen und lagen, dann einer das Schweigen,

und dann war es oft nur ein herbes Wort, wenns auch scherzend klingen

sollte, wie das: Hats der arme Arbeiter doch gut!

Eins fehlte bei uns jedoch fast ganz: daß sich die Zurückbleibenden

von daheim das Essen in die Fabrik bringen ließen, was wieder an den

allzu weiten Entfernungen liegen mochte. In der Stadt war das aber

ganz allgemein Sitte; Hunderte von essentragenden Arbeiterfrauen

und Kindern durcheilten da täglich kurz vor 12 Uhr die Straße, um

pünktlich bei dem harrenden hungrigen Gatten und Vater oder der Mutter

zu sein. Und auf den Bänken der städtischen Anlagen sah man dann die

ruhenden Männer mit dem rauchenden Topfe in der einen und dem Löffel

in der andern Hand sitzen, Frau oder Kind daneben und oft mit essend,

-- denn die städtische Speiseanstalt ist selbstverständlich nur für

die erreichbar, deren Werkstätte in der Nähe liegt. Diese Art des

täglichen Mittagsbrotes erkläre ich für unwürdig. Unwürdig der braven

Familien, die dazu gezwungen, unwürdig unsrer Zeit, die sich prahlend

ihrer humanen Gesinnungen rühmt, unwürdig der Männer, in deren Händen

heute das Wohl und Wehe dieser Fabrikarbeiter ruht. Wie kann solch

eine Mahlzeit auf der Straße jemals eine gesegnete sein? Wie kann man

im Ernst tadeln, daß sie ohne Gebet und Händefalten hineingeworfen

wird? Wie muß sie ganz anders, als Agitatorenworte es vermögen,

den Familiensinn des Vaters und der Mutter und damit Familienglück

und Familienleben zerstören? Denn diese Zustände und ihre Folgen

treffen ja nicht nur den, dem man das bißchen Essen im Topfe auf die

Promenadenbank bringt, sondern stets die ganze Familie. Oft wird es

infolge dessen auch daheim bei Mutter und Kindern keinen geregelten

Mittagstisch geben. Nur ein drastisches Beispiel dazu. Es war auf

der Promenade an dem großen schönen Chemnitzer Schwanenteiche. Ich

saß auf der Bank neben einem, der eine knappe Viertelstunde von da

beim Trottoirlegen geholfen hatte. Er war in sieben Minuten bis zu

unserm Platz gelaufen und wartete nun auf seinen Knaben, den er mit

dem Essen dorthin bestellt hatte. Aber es wurde ein Viertel, es wurde

halb, und der Junge kam immer noch nicht. Nun gingen wir ihm entgegen,

und endlich, kurz vor dreiviertel kam er atemlos, voll Angst vor dem

ärgerlich gewordenen Vater angerannt: die Schule, die sonst pünktlich

12 Uhr zu Ende zu sein pflegte, war 20 Minuten länger ausgedehnt

worden. In einem Atem war dann der arme Junge von der Schule nach

Hause und von da zu uns gelaufen; in fünf Minuten hatte der Vater das

Essen hinunter und lief dann an die Arbeit zurück, während sein Kind

müde, hungrig, abgespannt nach Hause trollte, um sich nun erst, wohl

allein, zum Essen zu setzen, das Mutter, Geschwister und Kostgänger ihm

übergelassen hatten. Vielleicht ist dies ein seltnerer und besonders

unerfreulicher Fall; aber die Hauptsache daran, daß Kinder, die von

8 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags auf der Schulbank müde und hungrig

geworden sind, nun erst, ohne einen Bissen gegessen zu haben, den

Vater bedienen müssen, passiert täglich und nicht einem nur, sondern

hunderten von ihnen.

Doch zurück in unsre Fabrik. Einzelne von denen, die sich des Mittags

mit kalter Küche begnügten, pflegten allerdings dafür des Abends einen

warmen Ersatz daheim vorzufinden; manchmal aß die ganze Familie erst

um diese Zeit mit ihnen das aufgeschobene Mittagsbrot. Dann lag ja die

ganze Sache nicht so schlimm, wenigstens wenn die ganze Familie nur aus

Erwachsenen oder doch schon größern Kindern bestand. Wo aber Kinder

waren, da war dann das erste Übel durch ein zweites abgelöst. Denn eine

Hauptmahlzeit des Abends ist für Kinder bekanntlich nie förderlich und

gesund.

Das Abendbrot bestand bei der übrigen Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen

aus Kartoffeln oder Brot mit Butter, Fett oder Leinöl und auch Zukost.

Quantität und Qualität dieser Speisen richtete sich stets nach der Höhe

des Einkommens, nach der Sparsamkeit und den sonstigen augenblicklichen

Ausgaben der einzelnen Familien. Aber nie fehlte der Kaffee, wovon

immer auch die Schlafleute ohne Entgelt einige Tassen bekamen. Brot und

Butter aber hielten diese sich gewöhnlich selbst.

Das ist, was ich von Bemerkenswertem über die Wohnungs-, Kleidungs-

und Ernährungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen mitzuteilen

vermag. Ich meine, auch diese lückenhaften Angaben beweisen schon

die Richtigkeit meiner oben gemachten Behauptung von der notwendigen

Engigkeit und Bescheidenheit ihrer Lebensstellung. Aber sie machen

auch noch eine andre Thatsache begreiflich, die man im Zusammenleben

mit diesen Menschen täglich erfährt, und die unendlich bedeutsamer

und verhängnisvoller als jene ist, nämlich die Thatsache, +daß

infolge dieser Zustände in weiten Kreisen unsrer großstädtischen

Industriebevölkerung die überlieferte Form der Familie heute schon

nicht mehr vorhanden ist+. Der alte, auf der Blutsverwandtschaft

von Eltern und Kindern ruhende und aus allein solchen blutsverwandten

Gliedern zusammengesetzte Organismus der Familie, an den sich in

bessern Ständen bisher nur einzelne Dienstboten fester oder loser

anschlossen, hat in der That in jener Bevölkerungsschicht heute bereits

mehr oder weniger einem erweiterten, aus den rein wirtschaftlichen

Bedürfnissen gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens aufgebauten, in

der Zusammensetzung seiner Glieder durch Zufälligkeiten gebildeten

Kreise von Blutsverwandten und Fremden Platz gemacht. Deutlich treten

hier die verwandtschaftlichen Neigungen vor den wirtschaftlichen

Verpflichtungen zurück. Aus der Mutter wird der Haushaltungsvorstand,

der von dem eignen Manne, den erwachsenen Kindern und den Fremden

eine fest bestimmte Summe erhält und dafür verpflichtet ist, die

Ausgaben für Wohnungsmiete, Nahrung, Wäsche und ähnliches zu

bestreiten, während für die Kleidung ein jeder für sich zu sorgen

pflegt. Und nicht die Sozialdemokraten und deren Agitation haben

daran die Hauptschuld, sondern eben jene Zustände, die eine Frucht

unsrer ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse sind, und die es den

Arbeiterfamilien unmöglich machen, gemeinsam ihre Morgen- und

Mittagsmahlzeiten einzunehmen, die sie zwingen, die allerdürftigsten

Häuser und allerengsten Wohnungen zu beziehen, dazu noch wildfremde,

häufig wechselnde Schlafgäste bei sich aufzunehmen und ihnen den

vertraulichsten gemeinsamen Umgang zu gestatten, den man sonst nur

mit den eignen Familienangehörigen zu pflegen gewohnt war. Man denke

daran, wie dicht in solchen Arbeitermietskasernen und den nach

ihrem Muster umgebauten ehemals ländlichen Wohnhäusern „Stube“ an

und über „Stube,“ d. h. also Wohnung neben Wohnung liegt, ohne jede

gegenseitige Abschließung, wie dünn die Wände der Zimmer in solchen

flüchtig gebauten Häusern sind, so dünn, daß jedes laute Wort in der

Nachbarfamilie deutlich verstanden wird; und wie die drei und vier

„Stuben“ einer Etage immer nur einen Korridor zu haben pflegen, dessen

Benutzung ebenso gemeinsam sein muß wie diejenige der Wasserleitung,

des Klosets u. a. Das alles führt zu einer Gemeinsamkeit des täglichen

Verkehrs und einer Öffentlichkeit des Familienlebens, über die man

erschrickt, wenn man hinein sieht, und die notwendig der Tod jedes

Familienlebens werden muß. Es ist ja gar nicht anders möglich, als

daß die Kinder solcher Familien dauernd fast wie Geschwister unter

einander leben, wobei der Korridor der Ort des gemeinschaftlichen

Aufenthalts, ihrer Spiele und Plaudereien ist; daß die jungen Burschen

und Mädchen dieser Familien in intimste Berührung, die Männer in nahen

Gedankenaustausch, oft freilich auch in Streit und Hader geraten, und

daß die Frauen jeden Winkel, jeden Makel, jedes Kleidungsstück und

Hausgerät aus den benachbarten Familien auf das genauste kennen, ja

daß die gemeinsame Benutzung solcher Geräte z. B. für die Küche durch

Entleihen und Verleihen einen sehr kommunistischen Zug in die ganze mit

solchen Dingen oft recht dürftig ausgestattete Hauswirtschaft solcher

Familien bringt. Dazu tritt die Enge und Beschränktheit der einzelnen

Wohnungen, die die Menschen mit Macht zur Thüre hinaus und des Abends,

so oft das nur möglich ist, ins Freie, auf die Straße und den Hof,

in die bessern, geräumigern Zimmer der Nachbarn oder in die Kneipen

und Versammlungen drängen. Man bedenke weiter, wie diese Enge noch

erhöht wird durch die Anwesenheit der fremden Schlafleute, die fremde,

und oft genug nicht gerade fromme, beßre Sitten und Gewohnheiten

mitbringen, eine andre Art, andre Anschauungen und Bedürfnisse, die

sie auch ungeniert wie daheim äußern und zur Geltung bringen wollen.

Man bedenke, daß diese fremden Gäste zugleich mit dem eignen Manne

und den eignen erwachsenen Kindern das Haus verlassen, daß sie zu

derselben Zeit wie diese zurückkehren und meist bis zum Schlafengehen

am gleichen Tisch wie diese miteinander sitzen, lesen, rauchen, sich

unterhalten, Karte spielen. Es ist in der That in vielen Familien so,

daß Eltern und Kinder ungestört zusammen +allein+ nur noch während

der Nacht, im Schlafen sein können. Denn auch die letzte Gelegenheit

eines gemütlichen gemeinsamen Beisammenseins, die Morgens- und

Mittagsmahlzeit wird, wie aus meinen obigen Schilderungen hervorgeht,

vielfach vereitelt durch die Arbeitsbedingungen, die den Vater, den

Sohn und die Tochter abhalten, zu Tische nach Hause zu gehn. Wo es aber

geschieht, da genügt meines Erachtens die einstündige Pause nur gerade,

um den doppelten Weg nach und von Hause machen und das Essen einnehmen

zu können, auch dies bei nur halbwegs größern Entfernungen, die für die

Arbeiter großer Etablissements natürlich die Regel ist, ohne richtiges

behagliches Sichzeitlassen, in Hast und Eile.

Über die Wirkung dieser Zustände auf die Sittlichkeit, den Charakter,

die Gesinnung der Arbeiter habe ich an einer andern Stelle zu reden.

Hier sollte nur die Thatsache der bereits vollzogenen Wandlung in dem

Wesen der Arbeiterfamilie konstatiert, und die Ursachen dargestellt

werden, die sie hervorgerufen haben. Ich wiederhole nochmals, daß sie

in erster Linie eine Frucht unsrer heutigen wirtschaftlichen Lage

sind. Und darum ist vor allem diese, nicht aber die Sozialdemokratie

als die Hauptschuldige anzuklagen, die hier nur wie so oft die letzten

Konsequenzen aus den Wirkungen der herrschenden Zustände gezogen und

in ein System gebracht hat. Die vorhandenen traurigen Zustände sind

erst Grundlage und Anlaß zur Verbreitung des sozialdemokratischen

Familienideals der Zukunft. Über diese Thatsache sollte man sich

namentlich auch in bestimmten kirchlichen Kreisen nicht wegtäuschen

und, anstatt Klagelieder über den allerdings vorhandenen Verfall

des alten christlichen Familienideals und Anklagen gegen die

Sozialdemokratie zu erheben, in diesem Falle zuerst lieber mit daran

arbeiten, daß die verhängnisvollen wirtschaftlichen Ursachen dieser

Zustände endgiltig und dauernd beseitigt werden.

[*] Viele dieser engern Landsleute waren mit einander verwandt. Ich

fand bei flüchtiger Umschau allein vier Brüderpaare bei uns, fünf

Väter, die einen Sohn, mehrere, die Schwiegersöhne, einen, der

Sohn und Schwiegersohn mit in der Fabrik hatte.

Drittes Kapitel

Die Arbeit in der Fabrik

Unsre Fabrik war durch ihren frühern Besitzer, der noch lebte, aus

kleinen Anfängen zu einem bedeutenden Institut entwickelt, seit einiger

Zeit aber in ein Aktienunternehmen, an dem jener stark beteiligt war,

umgewandelt worden. Ein technischer und ein kaufmännischer Direktor

standen augenblicklich an ihrer Spitze. Die Fabrik lag, wie schon

erzählt, in einem der bedeutenderen Vororte von Chemnitz. Zwei mächtige

parallel laufende Gebäude bildeten den Kern ihrer ganzen Anlage. An

ihrer einen Schmalseite sausten die Eisenbahnzüge dicht vorüber,

denen wir oft sehnsüchtig nachschauten; an der andern führte die

Landstraße vorbei. Von hier nimmt sich die Fabrik fast schmuck aus.

Ein gepflegter Obstgarten der Direktoren, ein breiter, sauberer Eingang

und ein freundliches Portierhäuschen mit einem Rosengärtchen davor

verdeckten den schwarzen Staub, der dahinter, auf Haus und Hof und

allem Gerät einer jeden solchen Eisenfabrik notwendig lagert.

Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche Eine praktische Studie · 第 3 / 21 段