-- das kam auf viele verschiedene Ursachen an. Ein Sofa, ein häufig
runder Tisch, eine Kommode, ein größerer Spiegel, mehrere Rohr-
und noch mehr Holzstühle sowie einige Bilder pflegten wohl fast
immer vorhanden zu sein; nicht selten auch eine Nähmaschine, eine
Hängelampe und ein hübscher, äußerlich eleganter, wenn auch sehr
oberflächlich fabrizierter Kleiderschrank oder Vertikow. In der
Ecke oder an der Seite, wo der zum Kochen benutzte Ofen stand,
pflegte das wenige Küchengeschirr zu hängen; Töpfe, das „Geschühte“
und sonstiges Gerümpel, vielleicht auch noch irgend ein Schrank
befanden sich dann in dem anstoßenden Zimmerchen, das im übrigen fast
vollständig mit Bettgestellen besetzt war. Einem jungverheirateten
Paare fehlte häufig eins oder mehrere der oben genannten Stücke, etwa
das Sofa, der Spiegel, die Uhr: man war da eben noch nicht in der
Lage gewesen, sie sich schaffen zu können, denn da unten heiratet
man ja ohne Mitgift. Ob aber in einem solchen Haushalt Ordnung,
Reinlichkeit, verständnisvolles Arrangement und bei aller Enge und
größter Einfachheit ein freundlich einladender Geist herrschte oder
nicht, das bestimmten die Zahl der Kinder, ihr Alter, das Verdienst
und die Haltung des Mannes, die Beschäftigung und vor allem natürlich
der Charakter, die Anlage, die Vergangenheit der Frau. Ich war bei
Arbeitskollegen im Hause, die kaum ein paar Pfennige mehr für die
Arbeitsstunde hatten als ich und genug Kinder und wenig gute Möbel,
und bei denen man doch nur gerne blieb; ich war bei Stoßern und
Bohrern, die auf Akkord arbeiteten und 40 bis 50 Mark die Woche
verdienten, wo es nicht einfacher aussah als in meines Vaters Haus,
und weiße Decken den Tisch, das Sofa und die Kommode, weiße Gardinen
die blumenbestandenen Fenster, manches Bild die reinlichen Wände
schmückten, und ich sah auch das Gegenteil bei Leuten sowohl mit großem
als mit geringem Verdienste, mit vielen und wenigen Kindern, mit neuem
und altem Hausgerät.
Jedenfalls -- und ich betone das scharf und nachdrücklich -- war die
Zahl der Familien, die bei aller Beschränktheit der Lebenshaltung
und Wohnung so gut als möglich auf Adrettheit und Anstand zu halten
versuchten und auch thatsächlich hielten, unendlich größer, als
diejenigen, bei denen das aus irgend einem Grunde nicht der Fall war.
Das Traurige an dem ganzen Wohnungswesen dieser Leute war vielmehr ein
andres, schon oft beklagtes: das Mißverhältnis zwischen der Enge der
Räume und der Zahl ihrer Bewohner. Solche eben geschilderte Wohnräume
genügten wohl jungen, erst verheirateten Leuten mit ein oder zwei
Kindern zu einem halbwegs gesunden, zufriedenen Wohnen: wo sich aber
eins, zwei, drei Kinder mehr einstellten, und wo man um des bessern
Auskommens willen noch gar Fremde in Kost und Logis zu nehmen gezwungen
war, gab es dann Zustände, die sich leicht nachfühlen, aber schwer
beschreiben lassen. Das aber war selbstverständlich die Regel. Weitaus
die meisten Familien hatten eine Schar Kinder, hatten Schlafleute und
Kostgänger. Tadellose Wohnungsverhältnisse gab es darum nur da, wo
weder die einen noch die andern vorhanden waren: wenn kinderlose oder
auch ältere Ehepaare, deren Kinder bereits erwachsen und versorgt
waren, leidliches oder gar gutes Einkommen hatten, blieb man gern
für sich und machte es sich freundlich, gemütlich daheim. So bei
einem Stoßer, den ich mehrmals besuchte, dessen Jüngster eben aus der
Schule war. Hier wars einfach reizend. Auch das waren noch günstige
Verhältnisse, wo, wie in der Familie eines aus unsrer Kolonne, der
in einem solchen ehemaligen zum Miethause umgewandelten Bauernhause
wohnte, Vater, Mutter, eine erwachsene Tochter aus erster Ehe der Frau
und drei kleine Kinder aus der jetzigen Ehe eine geräumige Eckstube,
einen einfenstrigen Alkoven und eine Bodenkammer inne hatten: Da
schlief das Mädchen in der letztern allein; die übrigen im Alkoven,
und zwar das Kleinste in der umfangreichen Wiege, die zwei andern
in einem und die Eltern auch in einem Bette. Solches allnächtliches
Zusammenschlafen einmal der Eltern und dann von Geschwistern, auch
schon größern, und dann auch von Bruder und Schwester in einem Bette
war übrigens nach meinen Erfahrungen weitaus die Regel: nur bei zwei
kinderlosen Ehepaaren fand ichs auch in diesem Punkt anders und
besser; da hatten die Gatten je ein Bett für sich. Ungünstiger schon
als bei der eben geschilderten Familie lagen die Dinge bei einer
andern mir befreundet gewordenen, die aus den jungen Eltern, einem
zweijährigen und einem halbjährigen Kinde und einem erwachsenen fremden
Fabrikmädchen bestand, und die sich nur mit einem einzigen engen
Zimmer zur ebnen Erde und der Dachkammer, wo jene Fremde schlief,
begnügen mußte. In dieser einzigen Stube, die natürlich Wohnzimmer,
Schlafzimmer, Besuchszimmer und Küche zugleich war, stand ein einziges
Bett für die Eltern, ein Kinderwagen, ein Tisch, ein paar Stühle, eine
Kommode, ein Kleiderschrank und Küchenzeug eng zusammen. Aber auch so
wars noch verhältnismäßig gut. Es kommt noch schlimmer. Wieder ein
Handarbeiter meiner Kolonne, bei dem ich am häufigsten war, der eine
energische, fleißige Frau, ehemalige Köchin, zwei von ihm und ihr
herzlich geliebte und sorgsam gehütete Kinder, ein Mädchen von etwa
neun und einen Jungen von sechs Jahren hatte, bewohnte in einem mit
Menschen vollgestopften Hintergebäude mit drei jungen Schlossergesellen
aus unsrer Fabrik ebenfalls nur ein enges zweifenstriges Zimmer, einen
Alkoven und eine Bodenkammer. Auch hier schliefen Eltern und Kinder
je in einem Bette zusammen, und zwar so, daß diese zwei Betten fast
den ganzen Raum einnahmen, die +drei+ Burschen in der etwas
geräumigern Bodenkammer ebenfalls nur in +zwei+ Betten, also zwei
einander fremde zusammen in einem Bette, und nur einer allein, wofür
er natürlich entsprechend mehr zu bezahlen hatte. Wie verbreitet diese
Sitte war, beweist die geringfügige Thatsache, daß ich, wenn ich auf
meinen Wohnungssuchen meinen Wunsch zu erkennen gab, ich möchte gern
„für mich,“ wie ich meinte, in einem Zimmer allein, schlafen, wohl fast
immer dahin verstanden wurde, allein in +einem Bette+.
Das ärgste von Wohnungsnot aber, was ich erlebte, war bei einem andern
Mann aus meiner Fabrik. Das war thatsächlich nicht mehr menschenwürdig.
Der Mann war ein alter, langjähriger Arbeiter und hatte eine Maschine
zu bedienen. Er war nicht mehr jung, knapp über die fünfzig, ein
kleiner, biedrer, guter Kerl, mit dem ich mich besonders viel und
gern unterhielt. Er hatte eine kränkliche, halbgelähmte, blutflüssige
Frau, deren Lebens- und Liebesgeschichte er mir wie seine eigne in der
ganzen Massivheit, wie sie sich unter diesen Leuten abspielt, und mit
der ganzen naiven Offenheit und kameradschaftlichen Vertraulichkeit,
wie sie da unten auch zwischen ältern und jüngern schnell entsteht,
doch nicht ohne poetischen Schimmer ausführlich erzählte. Ihre Kinder
waren bereits erwachsen und verheiratet; sie hatten nur eine von ihnen
herzlich gepflegte Enkelin noch bei sich, dagegen +fünf+ fremde
Schlafleute! Dieses Mannes Wohnung nun bestand aus folgenden Gelassen:
aus einer Stube, einem wirklichen Alkoven, einer einfenstrigen Kammer
und einer Dachkammer. In der einfenstrigen Kammer standen zwei Betten,
in deren einem ein Pferdebahnkutscher, und in deren anderm +zwei+
böhmische Maurer nächtigten. Im Alkoven, in einem Bette für sich,
schlief die kränkliche Frau allein; ihr Mann seit +drei+ Jahren,
seit seine Frau niemand mehr neben sich liegen haben konnte, auf dem
Sofa derselben Wohnstube, die vom frühen Morgen bis nach zehn Uhr
abends, das heißt für diese Leute bis tief in die Nacht und in die
Schlafenszeit hinein, von sämtlichen schwatzenden, essenden, rauchenden
Haushaltungsmitgliedern frequentiert wurde. Denn die beiden Maurer
mußten schon früh ½5 Uhr weg und vorher noch ihren in eben dieser
Stube gekochten Kaffee getrunken haben, und der Pferdebahnkutscher kam
erst abends ½10 Uhr von seinem schweren Dienst zurück und wollte dann
noch Abendbrot essen. Wo war da eine wirklich erquickende Nachtruhe
für Mann und Frau möglich? Aber das Ärgste kommt noch. In der noch
übrig bleibenden Bodenkammer standen ebenfalls zwei Betten: in dem
einen schlief ein ganz junges Ehepaar, das hier zur Aftermiete wohnte,
tagsüber auf Arbeit war und wohl nichts sein Eigen nannte, und in dem
andern das zwölfjährige Mädchen, das Enkelkind. Man macht sich leicht
ein Bild von dem, was dies Kind nächtlicherweile hören und erleben
konnte, wie es überhaupt in diesem und ähnlichen Haushalten selbst bei
dem besten Willen aller Bewohner zugehen mußte.
Kamen nun obendrein noch Verwandte oder Bekannte zu Besuch, so war ihre
Beherbergung mit weitern großen, fast unglaublichen Einschränkungen
verknüpft. Jenen letztgenannten Arbeiter, bei dem so jammervolle
Wohnungszustände herrschten, besuchte einmal mit zwei ihrer Kinder
seine nach Thüringen verheiratete Tochter, „eine Schlange, die ihre
Eltern auszunutzen sucht,“ wie der Vater in einer mürrischen Stunde
einmal meinte. Da schliefen auch diese beiden Kleinen noch bei den
Großeltern, und zwar in der Dachkammer, mit der Zwölfjährigen zu dritt
in einem Bette, während die Tochter bei Verwandten in der Nachbarschaft
untergebracht war. Und alle solche Zustände herrschten unter einer
Arbeiterschaft, die vorher als eine verhältnismäßig gutgestellte
bezeichnet werden mußte!
Die meisten und größten dieser Übel kamen jedenfalls durch das
+Schlafstellen-+ und +Kostgängerunwesen+. Das ist der Ruin der
deutschen Arbeiterfamilie. Aber es ist für sie in den allermeisten
Fällen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der geringe materielle
Vorteil, der dabei herauskommt, ist ein ersehnter Zuschuß zum
Wirtschaftsgeld der Arbeiterfrau. Daß die Arbeiter sich nur zum Spaße
mit solchen Fremden herumplagen, braucht niemand zu glauben. Im
Gegenteil machte ich häufiger die Erfahrung, daß, wer es durchsetzen
kann, womöglich sich diese Leute vom Halse und aus dem Hause hält. Wenn
man es aber thut, nimmt man jedenfalls immer lieber junge Männer als
junge Mädchen.
Es gab ganz bestimmte, von einander verschiedene Arten von
Schlafstellen, bessere und schlechtere. Die traurigsten, moralisch
und sanitär gefährlichsten hat glücklicherweise eine verständige und
nachahmungswerte Verordnung des Chemnitzer Amtshauptmanns unmöglich
gemacht. Durch diese Verordnung wurde für jeden Schläfer ein nach
Kubikmetern bestimmter notwendiger Raum vorgeschrieben +und den
einzelnen Familien das gleichzeitige Halten von Schlafburschen und
Schlafmädchen streng untersagt+. Bei meinen Besuchen und Gängen fand
ich etwa noch folgende Arten an:
a) Schlafstellen unter dem Dache, in den obengeschilderten
Bretterverschlägen. Hier pflegte fast jede Familie ein bis drei Betten
stehen zu haben. Und keine Etage des ganzen Hauses war des Nachts oft
dichter besetzt, als diese Dachräume, deren schiefe Decke Dachsparren
und die nackten Ziegel bildeten. In alten Häusern mußten es, namentlich
im heißen Sommer, nächtliche Marterkästen sein; in solider gebauten
waren es mit die besten Schlafräume. Jedenfalls hatte diese Art von
Schlafstellen den großen Vorzug, daß sie des Nachts den Fremden von
der ihn beherbergenden Familie isolierte. Sie waren ungemein zahlreich
und je nach ihrer Güte teurer oder billiger. Die geringwertigere
Sorte bevorzugten mit Vorliebe die anspruchslosen böhmischen Maurer
und Erdarbeiter, die nur den Sommer über hier auf Arbeit waren. Der
wöchentliche Durchschnittspreis war etwa zwei Mark; dafür bekam man
noch den Morgenkaffee. Bei kleinen Meistern schlafen die Lehrjungen, ab
und zu auch einer ihrer Gesellen hier, manchmal mit einem oder mehreren
fremden Schlafburschen zusammen. In kleinen Beamten-, Kaufmanns-
oder ähnlichen Familien, wo ein Dienstmädchen nötig gebraucht wird,
und die Wohnräume knapp sind, wird auch deren Bett mitunter, dann
natürlich allein, hier aufgestellt. Außer der Bettstelle und einigen
Nägeln in der Wand giebts gewöhnlich kein Mobiliar in diesem Gelaß,
es sei denn, der Fremde brächte sich eine Kommode oder eine Kiste
mit. Jenes passiert selten, dies häufig. Die paar Kleider, die so ein
Menschenkind zu besitzen pflegt, werden dann an die eingeschlagenen
Nägel gehängt, die Wäsche und die andern Siebensachen in der Kiste und
das andre Paar Stiefel in einer Ecke der Bodenkammer untergebracht. Wer
ganz billige Unterkunft haben wollte oder mußte, mietete sich solchen
Bretterverschlag mit einem Bette mit einem Freunde zusammen.
b) Die zweite Reihe Schlafstellen befindet sich in den Wohnräumen
der Familie selbst. Die bedenklichsten darunter, die mit der Familie
in einem Raume gemeinsamen, sind nebst den durch die angeführte
Verordnung untersagten heute wenn auch noch nicht ganz beseitigt, so
doch selten. Wer in einem Alkoven (in der Stadt wird oft auch die Küche
dazu benutzt) mit mehreren andern zusammenschläft, pflegt wöchentlich
eine Mark zu zahlen; wer in einem leeren, d. h. nur mit einem Bette
ausgestatteten Alkoven allein schläft, mindestens zwei Mark. Dann
kommen die beiden besten, aber auch seltensten Kategorien: schlicht
möblierte Stübchen mit zwei und drei Betten, die namentlich unter
einander befreundete junge Schlosser aus bessern Familien für je zwei
Mark die Woche gemeinsam bewohnen, und ebensolche mit einem Bette, die
freilich wegen ihrer Kostspieligkeit (drei Mark für die Woche) weniger
verlangt werden und bereits den Übergang zu den in studentischen
Kreisen üblichen schlichten Garçonwohnungen bilden.
Die angeführten Wohnungspreise sind natürlich nur, aber ziemlich
sichere, Durchschnittsangaben. Sie verstehen sich immer mit
Morgenkaffee, häufig auch mit Abendkaffee. Sie sind nicht hoch; für
den jungen Burschen, der meist eben so viel als ein verheirateter Mann
verdient und für niemand zu sorgen hat, mit die geringste Ausgabe für
notwendige Bedürfnisse. Dennoch kommt es nicht selten vor, daß einer
mit dem Logisgeld durchbrennt. Der Chemnitzer Lokalanzeiger brachte
fast täglich eine derartige Notiz, wobei zu bedenken ist, daß nur
ein kleiner Teil der Fälle von den Betroffenen zur Anzeige gebracht
wird. Dann pflegt man gewöhnlich eine verschlossene, aber leere, mit
einigen Steinen beschwerte Kiste als Pfand zurückzulassen. Namentlich
Arbeitslose manövrieren gern so. Sie spiegeln ihren neuen Wirtsleuten
vor, daß sie Arbeit hätten, gehen des Morgens zur vorgeschriebenen
Stunde weg, vertreiben sich den Tag teils auf der Herberge, teils mit
Spaziergängen, teils mit Arbeitsuchen und kommen zur Feierabendzeit
ins Quartier zurück. Wenns paßt, fliegt dann der Vogel einmal aus --
auf Nimmerwiedersehen. Das ist dann immer eine herbe Einbuße für die
Familie.
Über die +Kleidungsverhältnisse+ meiner Arbeitsgenossen habe
ich natürlich weniger zu sagen. In der Fabrik war die Kleidung
selbstverständlich primitiv und schmutzig. Ein festes, wenn auch durch
langen Gebrauch abgeschabtes, glänzig gewordenes Beinkleid, eine Weste
und darüber ein blauer Leinwandkittel war das übliche Kostüm. Mit
Vorliebe zog man in der Fabrik die Stiefel aus und Holzpantoffeln
an. Wenn man die Stiefel anbehält, schmerzen die Füße nach dem
elfstündigen Stehen und Gehen auf dem Ziegelpflaster zu sehr. Nur
wenige arbeiteten mit unbedecktem Kopfe; die meisten trugen teils
des herumfliegenden Staubes und Schmutzes wegen, teils aus alter
Volksgewohnheit eine leichte billige Mütze oder den alten abgenutzten
Hut, den sie auch auf den Gängen von und zur Fabrik aufhatten. Außerdem
banden wir Handarbeiter und noch einige andre, die viel zu heben und
zu transportieren hatten, noch eine aus altem Sackleinen meist selbst
gefertigte Schürze vor. War es, wie an manchen Tagen des vergangenen
Sommers, besonders heiß und darum trotz allen Wassersprengens, wozu
dann drei Mann von uns kommandiert waren, erstickend dunstig in den mit
schwitzenden Menschen erfüllten Räumen, so zog man gern die Westen aus,
krempelte die Ärmel der Bluse hoch auf und schlug vorn Hemd und Bluse
weit zurück, daß die Brust weit offen lag. Unterbeinkleider trug man
selten, dagegen meist wollene Strümpfe und wollene bunte Hemden; bunte
Leinenhemden sah ich wenig, ganz vereinzelt grobe weiße nur bei einigen
Tischlern und Zimmerleuten. Wollene Kleidungsstücke wurden überhaupt,
wo es anging, mit Vorliebe sowohl von Männern wie von Frauen, auch ohne
Professor Jägers Sanktion, doch in längst erprobter Kenntnis von dem,
was richtig an seinem „System“ ist, getragen.
Es war allgemein Sitte, daß die üblichen blauen leinenen Blusen
allwöchentlich gewechselt wurden, und es fiel geradezu auf, wenn
Montag morgens einer wieder die altwaschene mitbrachte. Nur ein
bestimmter Arbeitsanzug aus starkem blauem englischen Lederstoff, den
man bei einem einhändigen Expedienten unsers Büreaus mit Erlaubnis der
Direktoren auf Abzahlung billig und preiswert kaufen konnte, der schwer
zu waschen war und auch nicht so leicht schmutzte, wurde länger, zwei
bis drei Wochen ohne Anstoß getragen.
So alt und bleiglänzig auch die ganze Kleidung meist war und sein
mußte, so wurde doch durchschnittlich darauf gehalten, daß sie nicht
zerrissen war. Wo das der Fall war, namentlich bei Verheirateten,
wurde es gar wohl bemerkt. Man machte mich bei ein paar solchen
Leuten geradezu darauf aufmerksam mit den halb entschuldigenden, halb
bedauernden Worten: „Na, es kann ja auch nicht anders sein; seine Frau
ist eben eine Schlumpe.“
Nur wenige befolgten bei uns die Sitte, die nach Erzählungen einiger
junger Schlosser in Berlin unter den jungen Leuten mit gutem Verdienste
sehr üblich sein soll, daß man nach Schluß der Arbeitszeit gleich in
der Fabrik das Arbeitszeug aus und gutes anzog; die meisten von uns
gingen im Arbeitsanzuge nach Hause, über die blaue Bluse nur einen
alten ehemaligen Rock oder eine Jacke gezogen, den Blechkrug, in dem
man sich gewöhnlich morgens Kaffee mitbrachte, in der Hand. Ab und zu
kam es aber doch vor, daß man wenigstens die Beinkleider wechselte oder
doch während der Arbeit über die bessern leinene blaue zog.
Das gerade Gegenteil dieser eben geschilderten Werktagskleidung
pflegte der Sonntagsanzug zu sein. Dieser war fast bei allen höchst
anständig und modisch, oft so sehr, daß ich viele der Arbeitskollegen
nicht wieder erkannte, als ich sie zum erstenmale des Sonntags sah.
Namentlich die jungen, unverheirateten legten den größten Wert auf
diese Sonntagskleidung. In dem einen der besten Säle, wo Sonntag
abends junge Offiziere in Zivil, Referendare, Kaufleute, Handwerker
und Fabrikarbeiter mit eleganten Ladenmädchen und vornehm gekleideten
Dirnen zum öffentlichen Tanz zusammen zu sein pflegten, waren sie in
den meisten Fällen von ihren Tanzgenossen aus höhern Regionen kaum,
höchstens an den größern, derbern Händen und dem Mangel eines Klemmers
zu unterscheiden. Ebenso ließen es auch die Verheirateten nicht an
Schmuckheit in der Sonntagskleidung fehlen. Aber es trat dies Streben
bei diesen doch natürlich und desto mehr zurück, je besonnener,
sparsamer, schlichter einer war, je größere Familie er hatte, je mehr
er auf sie hielt und wendete; auch trug sich immer derjenige, der vom
Lande war oder wohl gar noch dort wohnte, selbstverständlich nicht
so modisch wie der Städter und Vorstädter. Gleichwohl war auch unter
ihnen auf diesem Gebiete die Nivellierung weit vorwärts geschritten.
Rote Schlipse und jene gewaltigen Turnerhüte, die einen so unsäglich
komischen Eindruck namentlich auf Köpfen mit noch ganz jugendlichen
bartlosen Gesichtern machen, waren weniger in Gebrauch, als man
annehmen sollte. Abschließend ist zu sagen, daß sich fast alle über
ihre Verhältnisse hinaus gut kleideten. Was sie dieser spezifisch
sächsischen Neigung opferten, sparten sie sich dann am Essen, am Leibe
ab.
Über die +Ernährungsverhältnisse+ der Arbeitsgenossen ist
nun manches zu sagen. Zunächst: wir hatten in der Fabrik nur zwei
Eßpausen. Früh 8 bis 8 Uhr 20 Minuten war Frühstückszeit, 12 bis 1 Uhr
Mittagszeit. Sonst wurde die beinahe elfstündige Arbeitszeit, von früh
6 bis abends 6 Uhr nicht unterbrochen. Nachmittags 4 Uhr durften allein
die Lehrlinge ein halbstündiges Vesper machen; wer von den übrigen
Bedürfnis hatte, aß mitten in der Arbeit ein paar Bissen. Die früher
allgemein übliche Vesperpause war unter Billigung der Leute beseitigt
worden, sodaß sie schon um 6 Uhr Feierabend haben konnten.
Das Frühstück wurde von beinahe allen in der Fabrik selbst eingenommen;
nur wenige, die in allernächster Nähe wohnten, gingen dazu nach Hause.
Wenige setzten sich auch in den der Fabrik benachbarten Budikerladen,
wo man guten Käse billig kaufte und in der vollgepfropften Wohnstube
des Besitzers oder in dem Laden zum mitgebrachten Butterbrot verzehrte.
Einigen andern brachten auch die Frauen das Frühstück oder schickten es
durch die Kinder, meist mit peinlicher Pünktlichkeit.
Die allermeisten aber nahmen das bereits am Morgen mitgebrachte Brot
in der Fabrik ein. Hier verteilte man sich nun dabei ganz nach freiem
Belieben. Sobald das Wetter einigermaßen schön war, setzte man sich
ins Freie, d. h. in den geräumigen Fabrikhof, an den Lattenzaun, der
ihn von einer vorüberführenden Eisenbahn trennte. Aus alten Kisten,
Brettern, Eisenteilen baute man sich da schnell seinen Sitz. Ein Teil
frühstückte auch im Speisesaale, einem großen, hellen Raum zu ebener
Erde, mit nüchternen, kahlen Wänden, langen hölzernen Tischen und
Bänken, einem Wärmeofen und dem Schanktisch des Kantinenverwalters, der
zugleich der Kutscher der Fabrik war. Junge Schlosser blieben wohl auch
gleich an ihrem Arbeitsplatze und ließen es sich da schmecken.
Das ganze Frühstück ging ohne viel Umstände vor sich; an vorheriges
Toilettemachen war natürlich nicht zu denken. Die Kürze der Zeit verbot
selbst eine gründliche Reinigung der schwarzen Hände am Waschtroge. So
begnügten wir uns damit, sie an der selbst schmutzigen Schürze, an
Putzfäden, Sägespänen oder sonst etwas flüchtig abzuwischen. Ich kann
nicht sagen, daß uns das den Appetit auch nur im geringsten verdorben
hätte, der gerade um 8 Uhr bei allen stark vorhanden war. Es schmeckte
uns allen niemals besser als bei diesem zweiten Frühstück, nach
zweistündiger Morgenarbeit.
Es wurde sehr stark gegessen: ein großes Butterbrot und stets etwas
dazu, Wurst, rohes Fleisch, Käse, ab und zu gekochte Eier, saure
Gurken. Je weiter der letzte Lohntag zurücklag, desto mehr herrschte
der Käse vor. Und die Zukost war außer bei den Handarbeitern und andern
mit besonders wenig Verdienst und vielen Kindern gesegneten reichlich
und immer gut bemessen. Stets auch wurde dazu etwas getrunken, was
infolge unsrer Beschäftigung eben so notwendig war wie gutes Essen.
Man trank gleich häufig kalten oder warmen Kaffee oder Buttermilch,
ein bei der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung allgemein beliebtes, eben
so nahrhaftes als billiges Sommergetränk. Nur in seltenen Fällen
habe ich beobachtet, daß die Wohlhabendern sich auch bairisch Bier
leisteten, und dann auch nur in den ersten Tagen nach der Löhnung.
Dagegen war der Genuß von einfachem Bier, wovon die Flasche sieben
Pfennige kostete, in stetem Zunehmen und verdrängte immer mehr und
mehr den Schnapsgenuß. Eine Hauptursache dazu ist wohl die Erfindung
des allbekannten Patentverschlusses gewesen. Denn der Arbeiter, der
früher die Schnapsflasche in der Tasche hatte, nimmt jetzt die ebenso
transportable Bierflasche mit. So wird eine kleine technische Erfindung
von großer sozialethischer Bedeutung -- hier einmal in günstigem
Sinne -- und wirkt mehr als viele moralisierende Reden und andre
Reformversuche.