####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1891 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit
halber an den Anfang des Textes verschoben. Die Fußnote wurde an
das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.
Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Besondere
Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
####################################################################
Drei Monate Fabrikarbeiter
[Illustration]
Drei Monate Fabrikarbeiter
und
Handwerksbursche
Eine praktische Studie
von
Paul Göhre
Kandidaten der Theologie
Generalsekretär des evangelisch-sozialen Kongresses in Berlin
Erstes bis zehntes Tausend
[Illustration]
Leipzig
Fr. Wilh. Grunow
1891
Das Recht der Übersetzung bleibt vorbehalten
Seinen Arbeitsgenossen in der Fabrik
Der Verfasser
Inhalt
Seite
Erstes Kapitel: Mein Weg 1
Zweites Kapitel: Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen 12
Drittes Kapitel: Die Arbeit in der Fabrik 40
Viertes Kapitel: Die Agitation der Sozialdemokratie 88
Fünftes Kapitel: Soziale und politische Gesinnung meiner
Arbeitsgenossen 108
Sechstes Kapitel: Bildung und Christentum 142
Siebentes Kapitel: Sittliche Zustände 191
Achtes Kapitel: Ergebnisse und Forderungen 212
Vorwort
Die nachstehenden Mitteilungen sind auf Grund ausführlicher Notizen,
die ich während meiner Arbeiterzeit aufgezeichnet habe, gemacht worden.
Einiges ganz Wenige davon ist aus Artikeln, die ich im vergangenen
Herbste in die „Christliche Welt“ über meine Erlebnisse geschrieben
habe, herüber genommen. Die Lückenhaftigkeit meiner Mitteilungen
gestehe ich zu. Das ist bei einem nur dreimonatlichen Studium
selbstverständlich. Was ich aber gesehen und gefunden habe, habe
ich mit der Objektivität darzustellen versucht, die nur immer einem
Menschen möglich ist, der nicht aus seiner Haut heraus kann. Ich warne
dann noch ernstlich vor einer Verallgemeinerung der von mir gefundenen
Ergebnisse. Ich gebe zu bedenken, daß alles, was ich berichte, nur von
den sächsischen Industriearbeitern Geltung hat.
Ich habe das Buch meinen ehemaligen Arbeitsgenossen in der Fabrik
gewidmet als ein Zeichen des Gedenkens, der aufrichtigen Liebe und
Zuneigung, die ich immer gegen sie hegen werde. Sie mögen darin das
Bekenntnis sehen, daß ich meine ganze Lebenskraft in den Dienst ihrer
Sache stellen will. Trotzdem bin ich auf Verdächtigungen gefaßt. Aber
ihnen allen gegenüber erhebe ich den Anspruch, daß ich, selbst aus
einfachsten Kreisen herausgewachsen, es nicht weniger ehrlich mit ihnen
meine, als es andre von sich behaupten.
Mit einem Appell an meine Alters- und Standesgenossen möchte ich diese
Worte beschließen. Ich bitte sie dringend, es mir nachzuthun, allein
oder zu zweien, aber mit offnem Visier, zu keinem andern Zwecke, als
die ärmern Mitbrüder und ihre Lage, ihre Gedanken, ihr Sorgen und ihr
Sehnen kennen zu lernen, ihnen durch solche Opfer die Liebe und Achtung
zu zeigen, auf die sie einen Anspruch haben, und im künftigen Berufe
dann vorurteilslos und ernst da für sie einzutreten, wo immer sie recht
haben.
Berlin, Anfang Juni 1891
=Der Verfasser=
Erstes Kapitel
Mein Weg
Anfang Juni des vorigen Jahres hängte ich meinen Kandidatenrock an den
Nagel und wurde Fabrikarbeiter. Ein abgelegter Rock, ein ebensolches
Beinkleid, Kommißstiefeln aus der Militärzeit, ein alter Hut und ein
derber Stock bildeten meinen abenteuerlichen Anzug. Eine vielgereiste
Umhängetasche fand sich dazu, die nötigste Wäsche aufzunehmen, und gab,
ein Paar Schuhe und die vorschriftsmäßige Bürste oben aufgeschnallt,
einen prächtigen „Berliner“ ab. So zog ich eines frühen Morgens in
struppigem Haar und Bart als richtiger Handwerksbursche mit klopfendem
Herzen von daheim aus und bald darauf zu Fuß in das mir unbekannte
Chemnitz ein. Hier in Chemnitz, dem Mittelpunkte der ausgedehnten
sächsischen Großindustrie, habe ich fast drei Monate +unerkannt+
als einfacher Fabrikarbeiter und beinahe ohne jeden Verkehr mit
meinesgleichen gelebt, habe in einer großen Maschinenfabrik mit
den Leuten täglich elf Stunden gearbeitet, mit ihnen gegessen und
getrunken, als einer der ihrigen unter ihnen gewohnt, die Abende mit
ihnen verbracht, mich die Sonntage mit ihnen vergnügt und so ein
reiches Material zur Beurteilung der Arbeiterverhältnisse gesammelt,
das mitzuteilen ich im Folgenden versuchen will.
Seit Jahren für das Studium der sozialen Frage vom religiösen und
kirchlichen Standpunkte aus erwärmt, war es vor allem eines, das mich
bisher einen klaren Blick, ein sicheres Urteil, einen festen Haltepunkt
zu gewinnen immer wieder verhinderte: die zu geringe Kenntnis der
Wirklichkeit, der thatsächlichen Lage derer, um derentwillen wir
eine soziale, eine Arbeiterfrage haben. Zwar giebt es eine reiche
Litteratur. Aber wer verbürgte mir die Richtigkeit der gegebenen
Darstellungen? Wo ist die Wahrheit? Bei dem Optimisten, der die Lage
der Arbeiter als durchaus nicht so erbarmungswürdig schildert, oder bei
dem Pessimisten, der alles Schwarz in Schwarz sieht und die Zukunft
nur als Revolution? In den sozialdemokratischen Schriften, die, so
scharf und bedeutungsvoll ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen
auch ist, doch für nichts weniger als unparteiisch und sachlich gelten
und, fast alle Agitationsschriften, jedenfalls wissenschaftlichen
Wert nicht beanspruchen können? In den weniger zahlreichen Äußerungen
von Arbeitgebern, die in dieser Angelegenheit ebenso Partei sind, wie
die Arbeiter selbst? Oder gar in unsrer periodischen und Tagespresse,
die beinahe durchgängig +Parteipresse+ ist und als Vertreterin
bestimmter Interessengruppen die Dinge immer nur von ihrem einseitigen,
egoistischen Interessenstandpunkte aus zu würdigen und zu Gunsten
ihrer Partei auszubeuten geneigt ist? Oder endlich in den Schriften
von Geistlichen? Gewiß wird dem Pastor durch seine seelsorgerische
Thätigkeit eine Fülle von Erfahrungen zur Verfügung stehen; ob aber
gerade besonders reichlich und der Wirklichkeit entsprechend unter
den Arbeitern, die je länger desto mehr sich von der Kirche und ihrem
Einflusse fern zu halten suchen? Und dann ist eins zu bedenken: vor dem
Träger des geistlichen Amtes pflegt sich jedermann, auch der Arbeiter,
gern in sein Sonntagsgewand, thatsächlich wie bildlich gefaßt, zu
werfen; die innersten Gedanken der Leute, ihre Gesinnung, die sie nur
äußern, wenn sie unter sich und unbelauscht sind, lernt auch er nur
sehr schwer und lückenhaft kennen. Und eben das war es, was ich vor
allem wissen wollte, um darauf mein weiteres Studium und meine spätere
Arbeit bauen zu können: +die volle Wahrheit über die Gesinnung
der arbeitenden Klassen, ihre materiellen Wünsche, ihren geistigen,
sittlichen, religiösen Charakter+.
Wie aber ergründen, was sich so gerne dem forschenden Auge entzieht?
Das beste, geradeste, wenn auch nicht eben bequemste war, wenn ich
selbst unerkannt unter die Leute ging, mit eignen Ohren hörte und mit
eignen Augen sah, wie es unter ihnen steht, ihre Nöte, ihre Sorgen,
ihre Freuden, ihr tägliches einförmiges Leben selbst miterlebte,
die Sehnsucht ihrer Seele, ihren Drang nach Freiheit, Besitz, Genuß
belauschte und selbständig nach den innersten Triebfedern ihrer
Handlungen suchte. Wie malt sich eigentlich die Welt in den Köpfen
dieser Leute, die nun schon seit Jahrzehnten vielleicht unter dem
Einflusse der sozialdemokratischen Führer stehen? Welches sind, eine
Frucht jener Agitation, ihre sozialen und politischen Vorstellungen,
welches ist ihr sittlicher Charakter, ihr innerstes religiöses
Empfinden, die Stellung der Einzelnen zur Kirche? Haben sie überhaupt
noch religiöse Bedürfnisse? Und wenn, auf welchem Wege können sie
ihnen am besten befriedigt werden? Wie ist den Verhetzten und -- zum
großen Teil mit Recht -- Verbitterten überhaupt erst wieder nahe zu
kommen? Das alles konnte ich nur an der Quelle, selbst Arbeiter unter
Arbeitern, erfahren. Also -- heran an die Quelle!
Als ich um die Mittagszeit in Chemnitz einzog, war ich, absichtlich
ohne bestimmten Plan, völlig dem Zufall überlassen. Ich fragte, um mich
zu orientieren, einen an der nächsten Ecke postierten Schutzmann, ob er
mir vielleicht sagen könnte, wo man hier Arbeit nachgewiesen erhielte.
Was sind Sie? herrschte er mich in bedeutend unfreundlicherem Tone an,
als ich es früher von Schutzleuten gewohnt war.
Expedient, Schreiber.
Da werden Sie wohl keine Arbeit in Chemnitz bekommen.
Ich mache auch jede andre Arbeit, gab ich zurück.
Dann gehen Sie einmal in die Zentralherberge, Zschopauerstraße; dort
ist noch am ehesten irgendwelche Arbeit zu erfahren.
So war mir der weitere Weg gewiesen. Ich fragte mich nach der
Zentralherberge durch. Die Herberge war zugleich Arbeitsnachweisstelle
und gehörte räumlich zum Vereinshaus des, wenn ich recht berichtet bin,
freisinnigen Chemnitzer Arbeitervereins.
Das vordere Zimmer der Herberge war mit einigen jungen Leuten in
Sonntagskleidern und mit mehrern Handwerksmeistern besetzt, die
hier auf zureisende Gesellen warteten. Auf einer großen Tafel an
der Wand las ich: Zureisenden ist der Aufenthalt im vordern Zimmer
nicht gestattet. So ging ich ins hintere. Dort sah es noch öder aus.
Mehrere große graue Tische, um sie herum vielgebrauchte, mitunter
durchgesessene Holzstühle bildeten neben einer alten Handwerkslade und
dem primitiven Schenktische die einzigen Möbel dieses Zimmers, das mit
einer dunstigen, dicken Luft gefüllt war. An den Wänden hingen viele
Plakate mit Adressen von Herbergen der verschiedensten Städte. Es waren
nur vier Mann in diesem Zimmer. Drei in blauem Kittel, die Hüte auf den
Köpfen, saßen zusammen, ein andrer für sich.
Ich setzte mich schüchtern in eine Ecke. Es wurde mir in der
neuen Umgebung doch etwas bang zu Mute, und ich dachte in diesen
Augenblicken, wohl das einzigemal, ernstlich an eine Umkehr.
Ich saß etwa eine halbe Stunde und wartete. Ich mußte, noch völlig
unerfahren in dieser Lage, zunächst die Dinge einfach an mich
herankommen lassen. Und sie kamen in der Gestalt des dürren beweglichen
Männchens, das dort einsam am Tische saß. Er trat auf mich zu:
Guten Tag, Landser [Landsmann].
Guten Tag, Landser, antwortete ich.
Auch einer von der Zunft? -- Damit hielt er mir seinen ausgestreckten
Zeigefinger vor die Augen.
Ich wußte nicht, was er damit wollte. Doch ich ahnte, wie es sich
gleich nachher herausstellte, mit Recht einen Schneider in ihm und
sagte jedenfalls Nein.
Was bist du denn? forschte er weiter.
Expedient, Schreiber.
Und warum bist du auf der Walze [Wanderschaft]? Sage mal -- damit
rückte er vertraulich an mich heran --, es ist wohl nicht ganz richtig
mit dir? Mir kannst du es schon erzählen. Du siehst noch so anständig
aus, du bist wohl durchgebrannt?
Nein, sagte ich sehr einsilbig.
Oder kommst du vom Zuchthause?...
Das war ein schöner Anfang. Doch durfte ich mein Schneiderlein nicht
fahren lassen. Ich wurde zunächst grob.
Dummer Kerl, glaubst du mir nicht, was ich dir erzähle? erwiderte
ich, das allgemein gebräuchliche Du, das mir bald ganz geläufig
war, ihm zurückgebend. Ich bin ein Expedient und habe zuletzt fast
zwei Jahre lang bei einem Pastor gearbeitet, der eine christliche
Zeitung herausgiebt. Ich wäre auch noch dort; aber ich bekam von dem
Korrekturenlesen und von nächtlicher Privatarbeit schwache Augen.
Der Doktor verbot mir, sie diesen Sommer über nur im geringsten
anzustrengen. Aber so lange zu bummeln, geht nicht; zu Hause zur
Last liegen will man auch nicht. So bin ich hierher gekommen, um mir
unterdessen in einer Fabrik etwas Verdienst zu suchen. Da brauche ich
-- setzte ich hinzu -- doch die Augen auch nicht viel mehr aufzumachen,
als wenn ich faulenze und immer spazieren gehe.
Zur Bekräftigung dessen zog ich ein Arbeitszeugnis hervor, das mir
der Herausgeber der bekannten „Christlichen Welt,“ in deren Redaktion
ich fast zwei Jahre lang als Hilfsarbeiter beschäftigt war, für alle
Notfälle ausgestellt hatte, laut dessen ich so und so lange bei ihm in
der Redaktion als Schreiber und Expedient gearbeitet hätte.
Das wirkte. Mein Schneiderlein bekam Mitleid mit mir.
Ich habe jenes Zeugnis nur noch einmal zu gebrauchen nötig gehabt.
Auch in der Fabrik glaubte man meiner bloßen Erzählung und schob
allerhand Kenntnisse, die man trotz aller Gegenbemühungen meinerseits
doch bei mir entdeckte, auf die nächtlichen Studien -- wie ich das ja
auch gewünscht hatte. Dennoch hat es mich immer eine große sittliche
Überwindung gekostet, wenn ich meinen Arbeitsgenossen schon diese
Geschichte vorlügen mußte, und ich benutze diese Gelegenheit, um ihnen
auch an dieser Stelle öffentlich dafür Abbitte zu leisten. Ich habe
vorher lange nach einem andern Wege gesucht, aber kein besseres Mittel
gefunden, um +unerkannt+ unter ihnen sein zu können. Das war aber
die erste Bedingung, wenn ich mein Ziel nur annähernd erreichen wollte.
Meine Bekanntschaft mit dem Schneider, der etwa vierzig Jahre alt sein
mochte, wurde mir sehr wertvoll. Wir waren schnell gut Freund und bei
einem Glase Bier in eifrigem Gespräch. Bald saßen auch jene andern
drei, ein Maurer, ein Steinmetz und ein Ziegelstreicher, mit an unserm
Tische.
Der Schneider führte das Wort. Er sah ein wenig gönnerhaft, mit
väterlichem Bedauern auf die arme Schreiberseele herab.
Ja, wir Schneider, rief er, wir sind doch viel besser dran als ihr
Schreiber. Wir wissen wenigstens, was wir gelernt haben. Ein Schneider,
der einen Rock machen kann, kommt immer durch.
Auch er war augenblicklich ohne Arbeit. Er hatte erst gestern bei
seinem Meister aufgehört. Ungern, wie er sagte; denn er ginge nicht
leicht von einem Meister fort, bei dem er sich einmal eingearbeitet
hätte.
Aber siehst du, Schreiber, meinte er, der Mann war ein Säufer. Und wenn
das ein Meister ist, ist er verloren, und es geht mit ihm abwärts. So
wars auch bei diesem, und das Elend in einer solchen Familie kann ich
nicht mit ansehen.
Er war ein seelensguter Mensch, aber total verworren. Er erzählte
jedem ganz ernsthaft das tollste Zeug, ohne daß man ihn dazu besonders
veranlaßte.
Wer an Gott nicht mehr glaubt, ist verloren, war sein drittes Wort.
Der alte Fritz hätte gesagt: Jesus lieb haben, wäre mehr wert denn
vieles Wissen. Und der hätte Recht gehabt. Sonst aber wüßten wir
nichts. Nur die Natur ist uns bekannt. Dann redete er zwischen seine
Handwerkserinnerungen hinein plötzlich einmal von Darwin.
Was der sagt, daß wir von den Affen abstammen, ist albern. Affe bleibt
Affe.
Nee, wir stammen von Affen, schrie nun wieder ein Betrunkener, ein
Stammgast der Herberge, der inzwischen hereingewankt war und sich auf
eine hölzerne Bank in der andern Ecke schlafen gelegt hatte.
Die drei andern hörten dem allen ruhig zu, lachten sich eins und
machten sich ihre eignen Gedanken.
Ich fragte sie, was sie wohl dächten, ob ich zu jetziger Zeit in
Chemnitz Arbeit +in einer Fabrik+ bekommen könnte. Sie hielten
das für wohl möglich, der Schneider jedoch nicht, und mit Recht,
wie es sich hernach zeigte. Er riet mir vielmehr, in das Zwickauer
Kohlenrevier zu gehen und unter der Erde Arbeit zu suchen.
Das thun viele, die keine Arbeit hier bekommen, sagte er sehr
bezeichnend. Aber freilich ist es kein Zuckerlecken. Es ist der letzte
Ausweg, aber besser als Hungern.
Er schlug mir vor, morgen mit einander ins Vogtland hinein zu wandern.
Jedoch gegen drei Uhr nachmittags ging er plötzlich weg und ward nicht
mehr gesehen.
Ich vermißte ihn nicht mehr zu sehr. Ich hatte nun schon neue Freunde,
zu denen ich mich hielt. Vor allem den Maurer und den Steinmetz, zwei
kluge, stille und anständige Menschen, ohne jede Spur von der Roheit,
die man so gern für den Arbeitertypus hält. Durch sie vor allem wurde
ich auch mit den andern schnell bekannt und rasch in der ganzen
Herberge heimisch.
Ich lernte bald drei bestimmte Klassen von Herbergsbesuchern
unterscheiden. Die erste, wohl zahlreichste sind die jungen,
siebzehn-, achtzehnjährigen Gesellen, die eben ausgelernt haben und
sich gewöhnlich auf ihrer ersten Wanderschaft befinden. Sie sind mit
Kleidung gut ausgestattet, meist auch mit Geld hinreichend versehen,
kommen erst am Spätnachmittag in kleinen Trupps an, halten sich still
und schüchtern von den übrigen zurück und bringen mit wenig Ausnahmen
immer nur einen Abend und eine Nacht auf der Herberge zu.
Die zweite Kategorie setzt sich aus den eigentlichen „Kunden,“ den
Bummlern von Profession zusammen. Sie sind im Durchschnitt nicht unter
dreißig und oft über fünfzig Jahre alt, Säufer und vielfach Stammgäste
einer oder mehrerer Chemnitzer Herbergen. Sie haben ganz bestimmte
Reviere, die sie „abkloppen“ und dabei besonders die immer wieder
freigebigen Geistlichen und Lehrer auf dem Lande mitnehmen, über deren
Gutmütigkeit sie sich dann in der Herberge lustig machen. Mitunter
arbeiten sie auch einmal halbe und ganze Tage: laden Steine ab, spülen
Flaschen, tragen Kohlen ein u. s. f. Ich arbeite höchstens zwei Tage
in der Woche, sagte einmal einer in einer andern, der verrufenen
Maurerherberge, das ist genug und langt zum Leben. Die andern Tage
lasse ich andre arbeiten. Ein Teil von ihnen stand bei dem Vorsteher
der Herberge, dem „Vater,“ sichtlich gut.
Zwischen diese beiden ausgeprägten Klassen schiebt sich die dritte. Sie
rekrutiert sich meist aus zwanzig- bis dreißigjährigen, kraftvollen
Gestalten, die schon weit in der Welt herumgekommen sind, vielfach
etwas Ordentliches gelernt haben und augenblicklich freiwillig oder
unfreiwillig arbeitslos sind. Dehnt sich diese Arbeitslosigkeit lange
aus, so stehen sie in der größten Gefahr, zu gewohnheitsmäßigen
Bummlern herabzusinken, und sind dann der Gesellschaft meist für
immer verloren. Ein besonders hervortretender Charakterzug an ihnen,
wenigstens an denen, die mir begegneten, ist eine unerschütterliche
Ruhe und Sicherheit und große Erfahrung.
Sonst sind am Orte in Arbeit stehende junge Leute, namentlich die
häufig blau machen und ihre Arbeitsstätten oft wechseln, auf Stunden
Gäste der Herberge, ohne sich jedoch mit den Wandernden besonders
abzugeben. Sie hielten sich denn auch meist im vordern, reservierten,
bessern Zimmer auf und wurden vom Herbergsvater gern gesehen.
Über acht Tage lang habe ich mich in dieser Zentralherberge
herumgetrieben, meist auch die Nächte hier zugebracht, für mich
fürchterliche Nächte in dem gemeinsamen Schlafraume mit schmutzigen,
stinkenden Betten, Stickluft und vielem Ungeziefer. Auch in der
Herberge zur Heimat übernachtete ich einmal; aber ich schlief auch
nicht besser als dort. Doch ist seitdem ein andrer Hausvater eingezogen.
In der Zentralherberge pflegte uns ein junger Mensch abteilungsweise
zu Bette zu bringen, hager, bleich, bartlos, in schäbiger modischer
Kleidung, mit ungekämmtem Haar und einem Klemmer auf der Nase. Er
redete nicht mit den Herbergsgästen, gab eine Art Hausknecht ab, putzte
das Eßgeschirr und hing morgens die Betten zum Ausdünsten an die Luft.
Man sagte, daß es ein früherer Handlungskommis wäre. Er machte einen
unsäglich traurigen Eindruck; leider war er auch mir unzugänglich.
Deutliche sozialdemokratische Regungen habe ich unter dieser
Wanderbevölkerung, wie auch erklärlich, bis auf einen Vorfall
nicht wahrgenommen. Das war, als einer ein aus der Chemnitzer
sozialdemokratischen „Presse“ früher einmal von ihm ausgeschriebenes
Gedicht über die Maurer zum Gaudium aller und unter Neckereien des
Maurers vorlas. Drei bis vier Mann schrieben es sich hernach ab.
Aber mein Herbergsaufenthalt war doch nur Mittel zum Zweck. Einen Teil
jedes Tages benutzte ich darum, um, vielfach in Gesellschaft eines
Westfalen, Arbeit in einer Fabrik zu suchen. Wir bekamen sie nirgends.
Überall fanden eher Entlassungen als Neueinstellungen von Arbeitern
statt. Die MacKinley-Bill warf schon damals ihre Schatten voraus.
Außerhalb der Fabrik war auch für den gänzlich Fremden eher Arbeit zu
finden. So konnte ich sofort bei einem Brunnenmeister antreten. Aber
das war nicht mein Wille. Ich mußte, um meine Absicht auszuführen, in
eine größere Fabrik.
So blieb nichts übrig, als mich doch einem Fabrikanten zu entdecken.
Gleich die ersten, die ich anging, die Direktoren einer großen
Maschinenfabrik, waren auf das Uneigennützigste bereit, meinen Wunsch
zu erfüllen. Ich wurde als gewöhnlicher Handarbeiter eingestellt.
Außer den beiden Herren, die mir strengste Verschwiegenheit zusicherten
und ihr Versprechen treulich gehalten haben, wußte niemand sonst in der
Fabrik, wer ich war. Auch sie behandelten mich, meiner Bitte gemäß, wie
jeden andern Arbeiter.
Es ist hier der Ort, meine ehemaligen Arbeitsgenossen über die ihnen
vielleicht auftauchende Besorgnis zu beruhigen, daß ich den Herren
meine täglichen Beobachtungen in der Fabrik etwa mitgeteilt haben und
ihr Zuträger gewesen sein könnte. Es war jedoch gleich bei meinem
Eintritt in die Fabrik zwischen uns als selbstverständlich vereinbart
worden, daß dies nicht geschehen dürfte. Zum Beweis, wie gänzlich
unmöglich dies überhaupt war, führe ich an, daß ich nach meiner
Einstellung nur noch einmal mit den Herren längere Zeit gesprochen
habe. Das war, als ich mich von ihnen verabschiedete. Auch da haben wir
uns nur über Arbeiterverhältnisse im allgemeinen unterhalten.
Ich wurde in der Abteilung für Werkzeugmaschinenbau beschäftigt und
war einer Kolonne von fünf Handarbeitern zugeteilt, die überall da
zugreifen mußten, wo Not am Manne war. Dadurch sah ich mich, was
äußerst wertvoll für mich wurde, nicht an einen bestimmten Platz
gefesselt, sondern hatte volle Bewegungsfreiheit und stets Gelegenheit,
mich fast jedem der Hundertzwanzig mehr oder weniger zu nähern.
Es war schwere, mir ungewohnte Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Da
mußten eben aus der Gießerei gekommene Eisenteile der verschiedensten
Form und Größe und oft viele Zentner schwer abgeladen, gewogen und
zu den einzelnen Arbeitern sowie wieder zwischen diesen hin und her
transportiert werden, je nachdem sie gerade zu bearbeiten waren. Dann
hieß es ganze schwere Maschinen mittelst Krahnes und Walzen zum und
vom Probiersaale schaffen, Maschinen aus einander nehmen helfen, ihre
einzelnen beim Probieren ölig und schmierig gewordenen Teile wieder
reinigen; dann wieder Kohlen holen, Eisenspäne wegfahren, diese und
jene Bestellung machen. Mitunter wurde man auch aushilfsweise in der
Schlosserei verwendet und hatte z. B. in starke Eisenteile Löcher von
verschiedener Tiefe zu bohren. Wenn ich so in der ersten Zeit täglich
fast elf Stunden mit der Handbohrmaschine, oft in der ungemütlichsten
Haltung, liegend oder gebückt oder auf einer Leiter stehend gebohrt
hatte, vermochte ich manchmal des Abends vor Schmerzen in den Armen
kaum einzuschlafen.
Wir waren mit einem Worte die Diener für alle, auf jeden Wink,
jedes Pst gewärtig. Selbst kleine Schlosserlehrlinge beehrten den
Handarbeiter, freilich meist unter Protest der Ältern, mit Aufträgen.
Häufig ging es von einem schweren Dienst zum andern; dann kostete es
mich alle Kraft, hier auszuhalten. Heute bin ich froh, es durchgesetzt
zu haben. Ich habe damit bewiesen, daß mein ganzes Unternehmen keine
bloße Spielerei und Abenteuerei, sondern bitterer Ernst für mich war.
Aber es kamen auch bessere Zeiten: Stunden, halbe und ganze Tage,
wo es nicht viel oder nur leichte Arbeit gab. Solche Zeit wurde von
mir stets doppelt fleißig zum Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen
ausgenutzt. Dann ging ich von dem einen zum andern, und während
dessen Maschine rasselte, lenkte ich unser Gespräch von dem zu jenem
Gegenstande, worüber ich gern sein Urteil haben wollte. Oder ich
hörte einfach zu, wo sich eine Gruppe gebildet hatte und sich eifrig
über allerhand Fragen unterhielt, sich neckte oder stritt. Wenn ich
einem oft eine Stunde lang etwa eine eiserne Welle oder einen Hebel
halten oder sonstwie zur Hand sein mußte, so war das für mich stets
erwünschte Gelegenheit, seine Gesinnung, seine Ansichten zu hören. Ja
fast jede gemeinsame Arbeit, jede Handreichung bot so günstigen Anlaß
zu interessanten Studien. Ich machte aus meiner religiösen Überzeugung
kein Hehl, und das rief den Widerspruch hervor. Ich ließ erkennen, daß
ich über manches nachgelesen und nachgedacht hatte, und das wurde für
viele die Ursache, die verschiedensten und mitunter wunderlichsten
Fragen an mich zu richten. Bald hieß ich der „Doktor,“ der „Professor.“
Einer meinte, an mir wäre ein Pastor verloren, ein andrer hielt
mich für einen heruntergekommenen Studenten, ein dritter machte mir
Aussicht, einmal Reichstagsabgeordneter zu werden. Daß irgendwem eine
richtige Ahnung von meiner Person und meinen Plänen aufgegangen ist,
glaube ich trotz alledem nicht, habe jedenfalls keinen Anhalt dafür,
es anzunehmen. Der Gedanke, daß ein Gebildeter selbst nur auf Zeit auf
allen Komfort, seinen Beruf und seine immerhin hohe Lebensstellung
freiwillig und um ihretwillen verzichten könnte, kam den Leuten nicht,
war für sie wohl einfach undenkbar.
Auch die kurze Frühstückspause, während deren man in Gruppen
zusammensaß, ließ mich viele Einblicke thun. Die Stunde des
Mittagsessens, das ich für geringen Preis in Arbeiterkneipen
einnahm, führte mich täglich in nahen Verkehr mit den jungen
unverheirateten Leuten meiner und andrer Fabriken. Auch die Abende
verbrachte ich selten allein und daheim, häufig auf den Straßen
unsers Arbeiterviertels, die um diese Zeit bei schönem Wetter von den
Anwohnenden, gleichviel ob jung oder alt, zahlreich belebt zu sein
pflegen, oder in den Sitzungen des sozialdemokratischen Wahlvereins,
in denen ich nie fehlte, oder -- und dies je länger desto mehr -- in
den Familien der Arbeiter, denen ich allmählich näher gekommen war.
Die Sonntage trafen mich entweder auf einem Ausfluge mit mehrern
jungen Schlossern oder als Teilnehmer der dort sehr beliebten
sozialdemokratischen Arbeiter- und Kinderfeste; am Sonntagsabende war
ich ständiger Besucher der öffentlichen Tanzsäle, die ich fast nie vor
Schluß, also vor Mitternacht verließ.
Nur die Nächte gehörten mir. Ich hatte gleich nach meinen
Herbergserlebnissen den Plan, mich als Schlafbursche in einer
Arbeiterfamilie einzumieten, aufgegeben. Ich sah, daß es einfach über
meine Kräfte gehen würde, nach so ungewohnter Tagesarbeit auch noch
mehr oder weniger schlaflose Nächte durchzumachen. Auch brauchte ich
die späten Abendstunden sehr notwendig, um unbeobachtet die Eindrücke
des Tages klären und meine Notizen machen zu können. So begnügte ich
mich damit, mir mitten in einer Arbeitervorstadt bei einer schlichten
Familie ein kleines Stübchen zu mieten, das vor mir erst ein Schlosser,
dann ein Kaufmann bewohnt hatte, von derselben ganz einfachen Art, wie
sie junge Arbeiter auch sonst mitunter bewohnen.
Um aber den Schlafstellenjammer doch wenigstens etwas kennen zu
lernen, verließ ich Mitte August die Fabrik und verwendete -- als
Arbeitsloser -- die nächste Zeit meist auf die Besichtigung von
freistehenden Schlafstellen. Der tägliche Wohnungsanzeiger des
„Chemnitzer Tageblattes“ wies mir die Wege. Eine Düte mit Zuckerzeug
hatte ich auch stets in der Tasche, und wo immer ich Kinder traf,
teilte ich daraus mit. Das öffnete mir Herz und Mund der Mütter und
gestattete, daß ich mitunter ziemlich lange in einzelnen Familien
zubrachte. So habe ich im ganzen doch etwa sechzig Schlafstellen
wenigstens gründlich +gesehen+. Ein Sozialdemokrat hat in
einer öffentlichen Versammlung zu Göttingen diese Methode, „das
Schlafstellenwesen durch Mietsvorspiegelungen und Erregung irriger
Hoffnungen zu rekognoszieren,“ als „unwürdig“ hingestellt. Ich erkläre
hiermit, daß es jedem frei steht, zur Vermietung angebotene Wohnungen
sich anzusehen, und daß ich keine Familie bei meinem Weggang darüber
im Unklaren gelassen habe, daß ich die betreffende Schlafstelle
+nicht+ annähme.
Schließlich packte ich abermals mein Bündel und zog, wieder
Handwerksbursche, von Chemnitz aus ins Vogtland hinein. Aber ich kam
nicht mehr weit. Ich fühlte, daß meine Elastizität zu Ende war. So
brach ich, wohl allzu plötzlich, ab und kehrte Ende August nach Hause
zurück.
Soviel zur Orientierung über meine äußern Erlebnisse, über den Weg,
den ich bei diesen Untersuchungen ging. Nunmehr diese selbst und ihre
Resultate.
Zweites Kapitel
Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen
Wir waren etwa fünfhundert Mann in unsrer Fabrik beschäftigt, denen
allen ich selbstverständlich nicht gleich nahe gekommen bin. In
täglicher intimer Berührung war ich eigentlich nur mit 120 bis 150
Mann, von denen die meisten mit mir +einer+ Abteilung, dem
Werkzeugmaschinenbau, angehörten. An diesen habe ich vornehmlich die
Erfahrungen gemacht, die ich mitteile.
Unter ihnen wiederum war die überwiegende Mehrzahl Sachsen, soviel
ich habe herausbekommen können, 70 bis 75 Prozent. Ich bitte, diese
Thatsache für alle folgenden Erörterungen im Auge zu behalten und meine
Erfahrungen nicht, wider meinen Willen, unbesehen auch auf andere
Stämme zu übertragen. Der Rest von 25 Prozent verteilte sich etwa auf
10 Prozent Norddeutsche, 5 Prozent Süddeutsche, 10 Prozent Österreicher
und einige Schweizer. Die hohe Ziffer der Österreicher erklärt sich
leicht aus der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze. Übrigens waren sie
zumeist Deutschböhmen und bereits in Sachsen naturalisiert. Unter den
Sachsen überwog wieder das eingeborene Element, geborene Chemnitzer,
oder aus der nähern und weitern Umgebung der Stadt, oder wenigstens
aus dem Erzgebirge und Vogtlande.[*] Aus den übrigen drei sächsischen
Kreisen war die Zahl der Eingewanderten verhältnismäßig gering, kaum 15
bis 20 Prozent. Dagegen war das einheimische Element in der Chemnitzer
Wirk- und Webindustrie viel stärker als bei uns, im Gegensatz wieder
zum Baugewerbe, wo die Österreicher, speziell die tschechischen
Arbeiter, ein überraschend großes Kontingent stellten.
Über das +Einkommen+ meiner Arbeitsgenossen nun kann ich nicht
ganz sichre Zahlenangaben machen. Denn ich habe sie selbstverständlich
nur von den Leuten selbst und kann darum für ihre genaue Richtigkeit
nicht bürgen. Es war ungemein schwer, hierüber die volle Wahrheit
zu erfahren. Jeder suchte seinen Verdienst vor dem andern zu
verheimlichen, der eine, der mehr verdiente, um durch seinen Lohn nicht
in den Geruch eines Schleichers und Günstlings zu kommen oder die
Mitarbeiter nicht zu einer gleichhohen Lohnforderung zu veranlassen;
der andre, der weniger verdiente, aus Scham und Furcht vor dem Spott
und der Hänselei unvernünftiger Mitarbeiter.
Die damaligen Löhne standen offenbar unter dem Drucke der verfehlten
Maifeier und der nahenden MacKinley-Bill. Dann einmal wurden neu
Eintretende mit niedrigerm Stundenlohn als der vorhergehende
eingestellt, und dann wurde jede Bitte um Lohnzuschlag zurückgewiesen.
Wer mit seinem bisherigen Verdienst nicht zufrieden war, wurde
entlassen.
Ich selbst, um damit zu beginnen, bekam als Neuling und Handarbeiter 20
Pfennige Lohn für die Stunde, den gewöhnlichen Anfangslohn, der aber
auf Bitten, namentlich Verheirateter bald um 1 bis 2 Pfennige erhöht
zu werden pflegte. Das machte bei mir täglich mit Ausnahme des Montags
und Sonnabends, wo eine Stunde weniger gearbeitet wurde, 2,13 Mark, an
den beiden genannten Tagen 1,93 Mark, in der ganzen Woche genau 12,78
Mark. Davon gingen stets fast zwei Mark ab: an Krankenkassenbeiträgen,
Strafgeldern für Verspätungen und Arbeitsversäumnisse, sodaß ich selten
mehr als 11 Mark Verdienst auf die Woche herausbekam. Die übrigen
Handarbeiter verdienten 12 bis 15 Mark, durchschnittlich wohl 14 Mark
die Woche, Schlosser 15 bis 21, ihre Monteure 22 bis 28, Bohrer, die
um Lohn arbeiteten, 15 bis 19 Mark. Dagegen kamen die Akkordarbeiter
bedeutend höher: Hobler im Durchschnitt bis auf 25, Dreher von 20 bis
30, Stoßer und Bohrer von 20 bis 30, 35, einzelne gar bis 40 Mark in
der Woche. Der Maschinist an der großen Dampfmaschine verdiente nach
seiner eignen Angabe bei vierzehnstündiger täglicher und regelmäßiger
Sonntagsvormittagsarbeit 24 Mark die Woche. Bei den Monteuren wird
ebenso wie bei einigen Meistern das Einkommen bedeutend durch
sogenannte Prozente für von ihnen fertig gestellte Maschinen erhöht.
Das Jahreseinkommen der letztern sollte nach Angaben der Leute im
Durchschnitt 1800 bis 2000 Mark betragen. Unter den starken Verdienern
sind viele junge Leute mit einem angeblichen Mindestverdienst von 100
Mark im Monat. Ein Teil dieser Angaben kann eher noch zu niedrig als
zu hoch gegriffen sein. In einigen andern Maschinenfabriken sollte der
Lohn noch höher sein, aber auch die Arbeit länger und anstrengender.
Doch vermochte ich selbstverständlich die Richtigkeit dieser Angaben
nicht zu prüfen.
Aus alledem geht hervor, daß von Not unter dieser Arbeiterklasse
nicht die Rede sein kann. Jedenfalls ist sie eine der verhältnismäßig
bestgestellten, konsumtionskräftigsten unter der gesamten sächsischen
Arbeiterschaft, auch wenn man sich immer vor Augen hält, daß die
angegebenen höchsten Zahlen nur für einen kleinen Prozentsatz der
Arbeitsgenossen gelten, daß der Durchschnittsverdienst 80 Mark im Monat
beträgt, und ein Stundenlohn von 32 Pfennigen schon als sehr günstig
angesehen wird.
Die vielen, die, wie namentlich Handarbeiter, bedeutend weniger als
diese angegebene Summe verdienten, dazu eine zahlreiche Familie, Sorgen
und Schulden hatten, die aber fleißig und strebsam waren und auf sich
und ihre Angehörigen hielten, suchten durch +Nebenverdienst+ ihr
Einkommen einigermaßen zu erhöhen. Sie suchten sich auf alle Weise in
ihren knappen Feierabendstunden sowie am Sonntage außerhalb der Fabrik
ihre bald besser bald schlechter gelohnte, bald leichte und angenehme,
bald mühsame Nebenbeschäftigung. Hier einige Beispiele. Ein Packer,
der gern und mit herzlichem Behagen von seinem Heim, seiner Frau und
seinen erwachsenen und halberwachsenen Kindern zu erzählen pflegte,
ein schlichter, treuherziger Charakter, schnitzte den Sonntagmorgen
über Kleiderbügel und machte am Nachmittag und in der Nacht auf einem
nicht allzufernen Dorfe den Tanzmeister; ein ehemaliger Schneider
trieb in seiner Freizeit sein altes Handwerk, um sich Taschengeld
zu verdienen, da er, wie er uns sagte, sein ganzes Verdienst,
allvierzehntägig 27 Mark bis auf eine Mark seiner Frau und seinen zwei
Kindern heimbrachte; ein Zimmermann tischlerte nebenbei; ein andrer,
der einst Barbierjunge gewesen, aber aus der Lehre entlaufen war, ging
des Abends von Haus zu Haus und barbierte Bekannte und Genossen aus der
Fabrik; mehrere machten des Sonntags Tanzmusik, einer, ein Dreher, in
einer „fidelen“ Kneipe Ulkmusik; wieder einer verhandelte Fässer; ein
Bohrer war Sonntags nachmittags Hilfskutscher eines in den vermehrten
Sonntagsbetrieb eingestellten Wagens der Chemnitzer Pferdeeisenbahn;
ein Schlosser, der seinen Sohn Kaufmann werden ließ und etwa vierzig
Jahre alt sein mochte, ein gutmütiger Kerl, aber ein großer, wenn
auch nicht allzu unanständiger Verehrer geistiger Getränke, kellnerte
allabendlich und allsonntäglich in einer unsrer vielbesuchten bessern
Arbeiterkneipen -- wohl ebenso aus dem Streben, etwas zu verdienen,
als ab und zu einen billigen Trunk zu thun; endlich fand ich nicht
einen nur, der unter den Fabrikgenossen einen schwunghaften Handel mit
billigen Zigarren im Preise von drei, vier, auch fünf Pfennigen trieb.
Auch sonst suchte man sich auf allerhand Weise zu verdienen: durch
Kohleneintragen bei Meistern und Direktoren, durch Grasmähen in deren
Gärten und ähnliche Dinge.
Einzelnen wenigen brachten auch Überstunden und Sonntagsarbeit in
der Fabrik etwas Nebenverdienst. Es waren das freilich meist ganz
bestimmte, vom Meister ausgesuchte Leute, denen dieser „Vorteil“
zufiel: um den Preis ihres gewöhnlichen Stundenlohnes übernahmen sie
die Werkstattreinigung an jedem Sonnabend nach Feierabend, ferner die
Reinigung der Dampfmaschinen und sonst sich nötig machende Reparaturen
am Sonntag Vormittag.
Einen weitern Zuschuß brachte die Arbeit der Frauen und manchmal, doch
nicht zu häufig, der größern Kinder. Es ist mir unmöglich, hierüber
Genaueres zu sagen, ich vermag nur anzugeben, daß diese Frauenarbeit
die allerverschiedenste war: Schneidern, Nähen für ein Geschäft,
Waschen und Scheuern, Hausieren oder Handeln mit Grünzeug und andern
Waren; wohl nicht häufig ging man in Fabriken, viel mehr wurden daheim
auf der Strickmaschine Strümpfe gestrickt.
Auch wurde das Halten von Schlafleuten und Mittagskostgängern, wobei
ebenfalls der Frau die +ganze+ Arbeit obliegt, als Quelle zur
Erhöhung des Fabriklohnes angesehen -- kaum mit vollem Rechte. Denn so
viel ich beobachten konnte, kommt in Anbetracht der dadurch den Frauen
auferlegten schweren Mühe und der Opfer an häuslicher Bequemlichkeit,
von andern tiefern, aber mehr ausnahmsweisen Schäden hier einmal ganz
abgesehen, ein pekuniärer Vorteil selten heraus.
Das alles aber gilt immer nur von den geringer gestellten Arbeitern.
Ich glaube bemerkt zu haben, daß wer nur immer dazu imstande war, auf
solche Nebenverdienste zu verzichten, es auch mit einigen Ausnahmen
that.
Aber mein Bild würde unvollständig bleiben, wenn ich ihm nicht einen
goldnen Rahmen gäbe und nicht noch erzählte, daß wir doch auch fünf
Hausbesitzer unter den Arbeitern unsrer Fabrik hatten. Wenigstens
sind mir fünf bekannt geworden: ein enorm fleißiger, auf Akkord
arbeitender Dreher, der sich das Vesperbrot am Munde absparte, und
den man scherzweise den Kommerzienrat nannte, hatte es sich durch
seiner Hände Arbeit und seinen, wie einige sagten, Sparsinn, wie andre
meinten, Geiz erworben; dasselbe galt von einem andern Arbeiter;
ebenfalls ein junger Dreher war -- wohl durch Erbschaft -- Eigentümer
des flottgehenden Gasthofes eines engbenachbarten Dorfes; und ein
Schmied und ein Schmirgler waren ebenso im Besitz eines Wohnhauses.
Dann war einer in meiner Kolonne, ein guter, bei allen beliebter Kerl,
der aus einer Bauernfamilie der Umgegend stammte und, wie man sagte,
aber wohl übertrieb, im Besitze von soviel tausend Mark sei, daß er
es nicht nötig gehabt hätte, sich bei uns herumzuplagen. Endlich
mußte ich einmal als gelernter „Schreiber“ einem andern schon älteren
Manne, dessen Vater gestorben war und den Kindern je mehrere hundert
Mark hinterlassen hatte, einen Kontrakt aufsetzen, auf Grund dessen er
seinen Anteil einem Bruder als Hypothek auf dessen Haus überließ --
wie er mir sagte, da er das Geld ja doch nicht brauchte. Doch habe ich
es kaum nötig, noch ausdrücklich zu erwähnen, daß diese glücklichen
Hausbesitzer und Kapitalisten nicht die Regel unter uns bildeten.
Nach dem allen wiederhole ich meine oben gemachte Aussage, daß von
Not in unsrer Arbeitergruppe nicht die Rede sein konnte. Freilich
auch nicht von Überfluß. +Denn der oben angegebene Betrag des
jährlichen Durchschnittseinkommens von 800 bis 900 Mark gestattet bei
den heutigen hohen Wohnungs- und Lebensmittelpreisen eben gerade, daß
ein Arbeiter mit einer nicht allzu zahlreichen Familie ohne schwere
Nahrungssorgen leben kann.+ Die Sache liegt aber sofort bedeutend
ungünstiger, wo wie bei uns Handarbeitern das Jahreseinkommen nur
zwischen 600 bis 700 Mark betrug, oder wo Krankheiten, Todes- und
andre Unglücksfälle, längere Reserve- und Landwehrübungen des Mannes
oder endlich ein häufig mit einer Arbeitspause verbundener Wechsel
der Arbeit einen beträchtlichen Teil auch des höhern Einkommens
verschlangen. Bei denen, die 1200 bis 1500 Mark Einkommen hatten, war
allerdings eine bessere höhere Lebenshaltung und einiger Luxus möglich
und zu meiner Freude vielfach auch vorhanden. Im allgemeinen muß das
Urteil aber dahin zusammengefaßt werden, daß auch bei dem angegebenen
Durchschnittsverdienste die Lebensführung für eine Arbeiterfamilie nur
in den allerbescheidensten, sagen wir in beschränkten Verhältnissen
möglich war.
Das werden schon die nicht erschöpfenden Beobachtungen zeigen, die ich
über +Wohnung+, +Kleidung+, +Nahrung+ meiner Arbeitsgenossen gemacht
habe, und die ich trotz aller Lückenhaftigkeit doch der folgenden
Mitteilung für wert halte.
Meine Arbeitsgenossen wohnten zu einem beträchtlichen Teile nicht
in dem Vorstadtdorf, in dem unsre Fabrik lag und wo auch ich
mich einquartiert hatte. Viele wohnten in der Stadt, viele in
den umliegenden nahen und fernern Dörfern. Die Fälle waren nicht
vereinzelt, in denen sie stundenweit bis nach Hause hatten. Ein
Handarbeiter unsrer Kolonne, der älteste von uns, ein hoher Fünfziger,
hatte so weit zu gehen, daß er es vorzog, die Woche über bei seinem
Schwiegersohn in unsrer Vorstadt Quartier zu nehmen und nur Sonnabends
seine Frau und sein Heim zu besuchen, das ein andrer von uns, der ihn
einmal besuchte, wegen seiner Nettigkeit, Sauberkeit und „Heimlichkeit“
nicht genug zu rühmen vermochte. Über die Wohnungsverhältnisse aller
dieser vielen Auswärtigen vermag ich fast keine Einzelheiten zu bringen
und nur zu sagen, daß die in der Stadt lebenden bedeutend schlechter,
die von den weiter entfernt und oft in reizender Natur gelegenen
Dörfern hereinkommenden, im Durchschnitt unstreitig besser wohnten, als
wir in unserm Viertel.
Unser Vorstadtdorf schloß sich so dicht an Chemnitz an, daß man beider
Grenzen nicht mehr herausfinden konnte. Beide gingen ineinander über,
und auf der andern Seite des Dorfes bildete eine ganze stundenlange
Kette von Dörfern, wie das in dem dicht bevölkerten Sachsen nicht
selten vorkommt, seine Fortsetzung. Dieser Zusammenhang bestimmte
Aussehen und Anlage unsers Ortes. Er war halb Stadt halb Dorf:
zwischen den alten charakteristischen hochgiebeligen, kleinfenstrigen,
niedrigen Landhäusern hoben sich die zum Sterben nüchternen städtischen
zwei- bis dreistöckigen Mietskasernen empor. Nur ein kleines Viertel
gab es noch, wo der alte Charakter des ehemaligen Dorfes in den
niedrigen primitiven, planlos und willkürlich nebeneinander gestellten
Tagelöhnerhäuschen und den schmalen, zickzackigen Gängen und Wegen
dazwischen ganz rein erhalten war. Aber dicht daneben wuchs mit
Riesenschnelle wieder ein rein städtischer Teil empor, zwei breite,
mächtige parallel laufende Straßen, wo in gerader Linie Kaserne an
Kaserne stand, deren kalte Front freilich kleine grüne Vorgärtchen
freundlich belebten und schmückten. So gab auch die äußere Gestalt
dieses Vorstadtdorfes ein Abbild der wirtschaftlichen Wandlung, die
seine Bewohner eben durchmachten: die Entwicklung aus Land- und
Ackerbauern in großindustrielle Fabrikarbeiter.
Meine hier ansässigen Arbeitsgenossen wohnten je nach den
Wohnungspreisen, den Ansprüchen, den Neigungen, der Gewohnheit, oft
auch nach bloßem Zufall teils in dem neuen Viertel, teils in den alten
Häusern, deren Inneres gewöhnlich nach der Weise der neuen Häuser
umgebaut und in mehrere Familienwohnungen, „Parten“ genannt, geteilt
war. Ich weiß nicht, welcher Art Wohnungen ich den Vorzug geben soll.
Die in den alten ländlichen Häusern hatten niedrige Stuben, kleine
Fenster, enge Fluren und waren mitunter äußerlich verwahrlost; aber
dafür lag fast jedes derartige Wohnhaus mitten in einem Gärtchen,
mitten im Grünen. Jene andre Sorte hatte größere und höhere Räume, mehr
Luft und mehr Licht, aber eben auch den ganzen öden Kasernencharakter,
und die Häuser waren vielfach auch recht flüchtig und mangelhaft
gebaut. Die geringsten und unfreundlichsten Wohnungen aber fanden sich
jedenfalls in den häufigen Hinterhäusern dieser neuen Straßen, die
vielfach die Schattenseiten der beiden eben genannten Gattungen in sich
vereinigten und an Armseligkeit der innern Anlage und Ausstattung sowie
ihrer Umgebung oft nichts zu wünschen übrig ließen.
Es ist schwer, das, was die Leute an Räumen inne zu haben pflegten,
noch +Familien+wohnungen zu nennen. Oder kann man wirklich
eine zweifenstrige Stube und ein einfenstriges unheizbares Gelaß
daneben noch so bezeichnen? Eben dies aber und nicht mehr bildete
das Heim eines -- wenn ich recht sah -- sehr großen Teiles unsrer
Arbeiterfamilien. Darum sprach man da unten auch immer nur von Stuben.
„Ich will mir eine neue Stube mieten“; „Was bezahlst du für deine
Stube?“ waren ganz übliche Worte.
Bedeutend besser, geräumiger, anheimelnder erschienen schon die
Wohnungen, die aus einer Stube und zwei solcher Gelasse, im Volke
dort fälschlich „Alkoven“ genannt, oder gar aus zwei heizbaren Stuben
und einem Alkoven bestanden. Doch auch ihnen fehlte sehr oft, wie
den Stuben immer, die Küche, dagegen gehörte zu allen genannten
Gattungen regelmäßig noch eine sogenannte Bodenkammer, d. h. ein enger
Bretterverschlag unter dem Dache, deren jeder mit einer kleinen Luke
versehen war.
Die meisten, namentlich modernen, nach städtischer Art gebauten Häuser
hatten von jeder der geschilderten Wohnungsparten eine Anzahl, aber in
erdrückender Gleichmäßigkeit auch nichts als solche; größere Wohnungen
fanden sich in solchen eigentlichen Arbeitermiethäusern gar nicht. Für
die wenigen Leute am Orte, die danach verlangten, gab es besonders
gebaute Häuser dazwischen und außerdem noch einige wenige Villen oder
dem ähnliche Gartengebäude.
Die Preise für diese Wohnungen waren hoch im Vergleich zu ihrem Werte
wie zu dem Einkommen der meisten Arbeiter, doch wohl niedriger als
diejenigen für gleiche in der Stadt. Ich vermag hier keine Zahlen zu
geben; die wenigen, die ich mir damals notiert habe, sind ungenügend,
ich setze sie darum gleich gar nicht erst her. Aber an Berliner Preise
reichten sie freilich nicht hinan.
Auch darüber, welche nach der Höhe des Einkommens geordnete
Arbeitergruppen je diese einzelnen Sorten von Wohnungen bewohnten,
läßt sich schwer etwas Allgemeingiltiges festsetzen. Man kann wohl
sagen, daß jene kleinsten Räume natürlich immer die schwachen Verdiener
oder Väter mit zahlreicher und darum kostspieliger Familie oder junge
Eheleute mit noch keinem oder einem einzigen kleinen Kinde bewohnten,
die größern immer die stärkern Verdiener. Aber es war nicht selten, daß
auch Leute mit weniger Lohn solche größeren Wohnungen innehatten, die
aber dann immer eine Anzahl Schlafleute hielten, die ihnen die hohe
Miete mit erbringen mußten. Es war, um dies gleich an dieser Stelle zu
sagen, in der Fabrik immer ein Ach und Weh, wenn der „Zinstermin“ kam;
an dem Lohntage, der diesem Termine zuvorging, pflegte besonders wenig
für die übrigen Bedürfnisse übrig zu bleiben.