Fiesco kommt.
Gianettino (zurückfahrend). Ha!
Fiesco (zuvorkommend, verbindlich). Prinz, Sie überheben mich eines
Besuchs, den ich mir eben vorbehalten hatte-Gianettino. Auch mir,
Graf, konnte nichts Erwünschters als Ihre Gesellschaft begegnen.
Fiesco (tritt zu Julien, küßt ihr respectvoll die Hand). Man ist es
bei Ihnen gewohnt, Signora, immer seine Erwartungen übertroffen zu
sehen.
Julia. Pfui doch, das würde bei einer Andern zweideutig lauten--Aber
ich erschrecke an meinem Negligé. Verzeihen Sie, Graf. (Will in ihr
Kabinet fliegen.)
Fiesco. O bleiben Sie, schöne gnädige Frau! Das Frauenzimmer ist
nie so schön, als im Schlafgewand, (lächelnd) es ist die Tracht
seines Gewerbes--Diese hinaufgezwungenen Haare--Erlauben Sie, daß ich
sie ganz durcheinander werfe.
Julia. Daß ihr Männer so gerne verwirret!
Fiesco (unschuldig gegen Gianettino). Haare und Republiken! Nicht
wahr, das gilt uns gleichviel?--Und auch dieses Band ist falsch
angeheftet--Setzen Sie sich, schöne Gräfin--Augen zu betrügen
versteht Ihre Laura, aber nicht Herzen--Lassen Sie mich Ihre
Kammerfrau sein. (Sie setzt sich, er macht ihr den Anzug zurecht.)
Gianettino (zupft den Lomellin). Der arme, sorglose Wicht!
Fiesco (an Juliens Busen beschäftigt). Sehen Sie--dieses verstecke
ich weislich. Die Sinne müssen immer nur blinde Briefträger sein und
nicht wissen, was Phantasie und Natur mit einander abzukarten haben.
Julia. Das ist leichtfertig.
Fiesco. Ganz und gar nicht, denn, sehen Sie, die beste Neuigkeit
verliert, sobald sie Stadtmärchen wird--Unsre Sinne sind nur die
Grundsuppe unsrer innern Republik. Der Adel lebt von ihnen, aber
erhebt sich über ihren platten Geschmack. (Er hat sie fertig gemacht
und führt sie vor den Spiegel.) Nun, bei meiner Ehre! dieser Anzug
muß morgen Mode in Genua sein. (Fein.) Darf ich Sie so durch die
Stadt führen, Gräfin?
Julia. Über den verschlagenen Kopf! Wie künstlich er's anlegte,
mich in seinen Willen hineinzulügen! Aber ich habe Kopfweh und werde
zu Hause bleiben.
Fiesco. Verzeihen Sie, Gräfin--das können Sie, wie Sie wollen, aber
Sie wollen es nicht--Diesen Mittag ist eine Gesellschaft
florentinischer Schauspieler hier angekommen und hat sich erboten, in
meinem Palaste zu spielen--Nun hab' ich nicht verhindern können, daß
die meisten Edeldamen der Stadt Zuschauerinnen sein werden, welches
mich äußerst verlegen macht, weil ich die vornehmste Loge besetzen
soll, ohne meinen empfindlichen Gästen eine Sottise zu machen. Noch
ist nur ein Ausweg möglich. (Mit einer tiefen Verbeugung.) Wollen
Sie so gnädig sein, Signora?
Julia (wird roth und geht schleunig ins Kabinet). Laura!
Gianettino (tritt zu Fiesco). Graf, Sie erinnern sich einer
unangenehmen Geschichte, die neulich zwischen uns Beiden
vorfiel-Fiesco. Ich wünschte, Prinz, wir vergäßen sie Beide--Wir
Menschen handeln gegen uns, wie wir uns kennen, und wessen Schuld
ist's, als die meinige, daß mich mein Freund Doria nicht ganz gekannt
hat?
Gianettino. Wenigstens werd' ich nie daran danken, ohne Ihnen von
Herzen Abbitte zu thun-Fiesco. Und ich nie, ohne Ihnen von Herzen zu
vergeben--(Julia kommt etwas umgekleidet zurück.)
Gianettino. Eben fällt es mir bei, Graf, Sie lassen ja gegen die
Türken kreuzen?
Fiesco. Diesen Abend werden die Anker gelichtet--Ich bin eben darum
in einiger Besorgniß, woraus mich die Gefälligkeit meines Freundes
Doria reißen könnte.
Gianettino (äußerst höflich). Mit allem Vergnügen!--Befehlen Sie
über meinen ganzen Einfluß!
Fiesco. Der Vorgang dürfte gegen Abend einigen Auflauf gegen den
Hafen und meinen Palast verursachen, welchen der Herzog, Ihr Oheim,
mißdeuten könnten-Gianettino (treuherzig). Lassen Sie mich dafür
sorgen. Machen Sie immer fort, und ich wünsche Ihnen viel Glück zur
Unternehmung.
Fiesco (schmollt). Ich bin Ihnen sehr verbunden.