weit fahrt und ihn anschauen geht,« fuhr der Steffel fort. »Hab mir's
ja sagen lassen, daß es selten soll nüchtern sein, das alte Kamel; und
heut ist es geradewegs vom Schanzwirt gekommen.«
»'s wird wohl gut gewesen sein,« sagte nun meine Mutter, »wenn er
nüchtern gewesen wäre, hätte er mir die Wahrheit vielleicht nicht
gesagt.«
Und so sind wir schwer betrübt dahingefahren. Über den Bergen her hat
der Donner gemurrt, ganz heiser und dumpf; aus der Ferne her hat die
Wetterglocke von Fischbach geklungen. Da richtete sich meine Mutter
auf und sagte: »Eins mußt mir zu Lieb thun, Peter, und den Steffel will
ich auch bitten: dem Vater, meinem Mann, thut es nicht sagen, was der
Stegthomerl gesagt hat.«
»Thät sich wahrlich nicht auszahlen, daß man so eine Narrenred'
weiter sagt,« rief der Fuhrmann sehr laut, »aber zum Gericht geh ich!
Verklagen geh ich ihn! Das thu ich!«
»Bitt' Dich gar schön, Steffel, laß das sein,« bat meine Mutter, »mußt
nicht glauben, daß ich mir das Wort so schwer leg, ich hab mir's selber
oftmals gedacht, mit mir wird's ausgehen, wie es mit allen serbenden
(kränkelnden) Leuten ausgeht. Was kann der Stegthomerl dafür! Wir
sind nicht zu ihm gefahren, daß wir uns von ihm anlügen lassen. Mich
schmerzt es nur, daß wir ihn nicht einmal gefragt haben, was wir für
die Aufrichtigkeit schuldig sind.«
Jetzt stieß der Steffel ein Lachen aus und ließ die Peitsche ein
paarmal durch die Luft pfeifen, gleichwohl das Pferd nach Kräften seine
Schuldigkeit that.
Als wir über die Höhen dahinfuhren, hatte sich das drohende Gewitter
gänzlich verzogen, die untergehende Sonne schien mit einem weichen
Goldglanze auf die weite Gegend hin, über Wald und Auen, und ein
erquickender Hauch floß in unsere Brust.
Auf der blassen Wange meiner Mutter lag eine helle Thräne.
Als wir schweigsam und müde über unsere Auen fuhren, standen die Sterne
am Himmel. Allerwärts im Grase rieselte das Lied der Heimchen. An der
Zaunschranke, wo unsere Halde anhub, stand eine schwarze Gestalt,
welche uns ansprach, ob wir's wären?
Mein Vater war's, der uns entgegengekommen. Meine Mutter nannte ihn
beim Namen; die Stimme war weich und zitternd.
Der Vater geleitete uns in das Haus, ohne eine Frage zu thun.
Erst als wir in der Stube waren und das Spanlicht brannte, fragte er
mit Befangenheit, wie es uns denn ergangen wäre?
»Nicht schlecht,« sagte der Steffel, »gar nicht schlecht; wir sind
recht munter gewesen.«
»Und der Stegthomerl -- was hat er denn gesagt?«
»Der hat gesagt, daß auch die Waldbäuerin nicht ewig leben wird, daß es
mit ihr aber noch lang Zeit hat -- noch lang. Nur schön achtgeben; zur
Sommerszeit hübsch in der guten Luft sein, nicht anstrengen und nicht
aufregen, gut essen und trinken und keine Medizin -- nur keine Medizin,
hat er gesagt. Nachher wird's schon wieder gut werden.« --
Darauf verging eine Zeit. Mein Vater trachtete nach dem Ausspruche des
Steffels, von dem er glaubte, daß es der Ausspruch des Stegthomerl
wäre, die Mutter zu pflegen, und als der Winter kam, saß sie am
Spinnrocken und spann. Die Maus hatte den Faden nicht entzwei gebissen.
Im selbigen Winter kam die Nachricht, daß unweit des Schanzwirt auf
der Fischbacheralpe der Stegthomerl erfroren unter dem Schnee gefunden
worden sei. Wir beteten für ihn ein Vaterunser.
Der Samersteffel, der bisweilen zu uns kam und stets der gute, heitere
Mann blieb, hatte dem Thomerl auch verziehen und zwar einzig nur, weil
dieser damals Unrecht gehabt.
Mir fehlte -- um nun wieder auf unsere übrigen Verhältnisse
zurückzukommen -- alle Freude an dem Bauernstande und freilich auch
die Kraft dazu. Ich ging denn zu einem Handwerk, aber den Eltern
konnte ich nicht helfen. Die Sonntagskost, die ich daheim hatte,
wollte ich meinem Vater zahlen, er nahm nichts, er sagte, ich sei nach
wie vor sein Kind, nur nicht so viel Späne brennen sollte ich in den
Samstagnächten, wenn ich zu Hause wäre.
»Mein, so laß ihm die Freud, er hat sonst auch keine«, sagte da die
Mutter und war meine Fürbitterin.
Da wurde es mit mir anders. Ich ging in die Welt.
Der Abschied von meiner Mutter war hart, aber nach kurzer Zeit hatte
sie es erfahren, daß mein Leben ein glücklicheres geworden.
Wie nun das Glück da war, so kam bald der Neid herangehumpelt --
oder die Dummheit? Ein Gerücht ging in den Waldbergen: »Es wär so
weit schon recht mit dem Peter, aber wie's eben geht in der Stadt,
vom christlichen Glauben wird er abfallen.« Und bald hieß es weiter:
»Saubere Geschichten das! Wird ihm auf einmal die ehrlich' Arbeit zu
schwer und die rechtschaffen' Kost zu schlecht, geht in die Stadt und
ißt Fleisch am Tag unserer lieben Frau und fällt ab vom Glauben.«
Meine Mutter hatte zuerst gelacht, als sie das hörte, sie kannte ja ihr
Kind. Dann kam ihr aber der Gedanke: Wenn's denn doch wäre! Wenn ihr
liebes Kind denn doch auf Gott vergäße und verloren ginge!
Sie hatte keine Ruhe, sie ging und borgte Kleider aus von der blinden
Jula und borgte von einer gutherzigen Hausiererin drei Gulden und
reiste -- krank und hinfällig, an jeder Hand einen Stock -- in die
Hauptstadt. Sie wollte sich überzeugen, was Wahres war an der Leute
Gerede. Sie fand ihr Kind als armen Studenten in schwarzem, geschenktem
Rock und mit zurückgekämmten Haaren. Das gefiel ihr schon nicht recht,
doch gelang es, sie zu beruhigen. Aber sie sah in den zwei Tagen ihres
Aufenthalts in der Stadt überall das tolle, leichtsinnige Treiben,
sah Außerachtlassung von alten, ihr ehrwürdigen Gebräuchen und Spott
über Dinge, die ihr heilig waren, und sie sagte zu mir: »Unter solchen
Leuten wirst doch nicht bleiben können, Kind, sie thäten Dich zu Grunde
richten.«
»Nein, Mutter,« antwortete ich, »denken kann man, was man will, und
gute Gedanken können die Leute nicht rauben.«
Sie schwieg. Aber als sie zurückkam in die Waldberge und wieder das
Gerede hörte, war sie gebrochener als je. --
Mit der Wirtschaft war es nun entschieden. Haus und Hof wurden
veräußert, den Gläubigern überlassen; meine Geschwister verdingten sich
an fremde Bauern. Den hilflosen Eltern wurde ein Häuschen angewiesen,
das bisher zum Gute gehörte. Mein jüngster Bruder, der noch nicht im
stande war, sich das Brot zu erwerben, und eine Schwester blieben bei
ihnen und übten Pflege an der armen Mutter. Der Vater ging allweg über
die Berge zu den Ärzten und verschrieb ihnen schier sein Leben, wenn
sie jenes seiner Gattin retten könnten.
In dem Häuschen sah es armselig aus. Die Kranke duldete still. Ihr
Augenlicht wollte sie verlassen, ihr Denkvermögen wollte sich auflösen.
Der Tod klopfte in wiederholten Schlaganfällen an ihr Herz. Oft schien
sie schwer zu leiden, aber sie schwieg; sie hatte nichts mehr mit der
Welt -- nur nach ihrem Gatten, nur nach ihren Kindern fragte sie. -- Es
war ein jahrelanges Sterben.
Ich habe sie in dieser Zeit oft besucht.
Sie erkannte mich kaum, wenn ich an ihrem Bette stand; dann sagte sie
doch wieder wie im Traume: »Bist Du's, Peterl? Gott sei Lob und Dank,
daß Du wieder da bist!«
Im Hochsommer trugen wir sie einmal mitsamt dem Bette aus der dumpfen
Stube in das Freie, daß sie noch einmal den Sonnenschein sehen sollte.
Ich weiß nicht, ob sie ihn sah, sie hielt das Auge offen und blickte
die Sonne an, die Sehnerven schienen erstorben zu sein.
Da kamen plötzlich Tage, da sie umgewandelt war. Sie war heiter und
verlangte in das Freie.
»Wirst mir doch wohl wieder gesund, Maria, und wir bleiben noch eine
lange Weil beisammen,« sagte ihr Gatte.
»Ja,« antwortete sie. ---
Das alles hatte ich auf diesem Waldwege überdacht -- und jetzt war es
vorbei mit diesem armen reichen Leben.
Als ich endlich nach stundenlangem Wandern durch die Wälder des
Alpsteigs das strohgedeckte Häuschen am Berghange sah, da war es wie
ein bläulicher Schatten über Wald und Feld und allem, und doch lag der
Sonnentag darüber. Aus dem kleinen Rauchfange stieg ein grauer Hauch.
-- Ahnt sie's, daß ich komme, kocht sie mir meine Lieblingsspeise? --
Nein, fremde Leute bereiten ein Totenmahl.
Lange standest du vor der angelehnten Hausthür, deine Hand zitterte,
als sie sich endlich an die Holzklinke legte. Da ging die Thür auf, da
tratest du ein, da war es dunkel in der engen Vorlauben, nur ein mattes
Öllämplein flatterte in einem Glase, und da sahest du's wohl -- an
der Wand, unter der räucherigen Bodenstiege, auf einem Brette lag die
Bahre, ganz zugedeckt mit einem großen weißen Tuche. Zu Häupten stand
ein Kruzifix und die Schale Weihwasser mit einem Tannenzweig ..
Da fielst du nieder aufs Knie ... Endlich kam die Thräne. Die Thräne,
die uns einst das Mutterherz mitgegeben auf die Welt zur Linderung
im Leid und zum einzigen Trost in der Stunde, wo kein anderes Heil
der Seele naht, wo die Freunde uns nicht verstehen können und das
Mutterherz gebrochen ist. O, sei gegrüßt, du reiches, ewiges Erbe!
Jetzt ging leise die Stubenthür auf, und Maria, die jüngste Schwester,
trat heraus. Sogleich hub das Mädchen laut zu weinen an, als es den
Bruder sah, von dem sie alle so oft gesprochen, nach dem der Mutter
letzter Blick gefragt, und der in der Ferne war, als sie das Auge
schloß. Nun lag er da und weinte um ihre Lebenszeit.
Selbst ihre Kinder daheim hatten geschlafen in der Sterbenacht. Erst
als das Morgenrot durch die Fensterchen leuchtete, ging der Vater zu
ihnen in die Kammer und sagte: »Thut die Augen auf und schaut, über den
Wechsel steigt schon die Sonne herauf, und unsere liebe Frau thut drin
sitzen mit dem heiligen Christkindlein, und auf dem Schemel zu ihren
Füßen sitzt eure Mutter und thut aus einem Rocken das himmlische Kleid
spinnen.«
Da wußten sie's gleich, es war die Mutter gestorben.
»Willst Du sie anschauen?« fragte mich jetzt die Schwester. Dann trat
sie an das Haupt der Bahre und hob langsam das Leintuch.
Ich sah meine Mutter, noch auf ihrem erstarrten Antlitz lag das Heil.
Die Last war weg von meinem Herzen, erleichtert und getröstet, als ob
ich auf eine weiße Blume blickte, schaute ich die lieben Züge. Das war
ja nicht mehr das arme, kranke, mühselige Weib, das war das von einem
Strahle aus längst vergangenen Jugendtagen verklärte Angesicht. Sie
lag da im Schlummer und war gesund. Sie war wieder jung und weiß und
milde, sie lächelte ein wenig, wie sie gern that, wenn sie auf den
kleinen lustigen Knaben blickte, der sich mit seinen Spielzeugen zu
ihren Füßen umhertrollte. Die dunkeln, glänzenden Haare (sie hatte noch
kein graues) waren ihr sorgsam gewunden und guckten an den Schläfen
etwas hervor aus dem braunen Kopftuche -- wie sie's immer gern hatte,
wenn sie an den Festtagen zur Kirche ging. Die Hände hielt sie gefaltet
über der Brust mit dem Rosenkranze und mit dem Wachsstocke. Als wie
wenn sie eingeschlummert wäre in der Kirche am Pfingstsonntage während
des freudenreichen Hochamtes, so lag sie da, und noch im Tode tröstete
sie ihr Kind.
Aber an den rauhen Händen sah man's wohl, daß die Schlummernde durch
ein mühevolles Leben geführt worden war. So standest du vor diesem
heiligen Bilde -- fast so still und regungslos wie die Ruhende.
Endlich flüstertest du zu dem leise weinenden Schwesterlein: »Wer hat
ihr die Augen zugemacht?« --
In der Stube erschallten Hammerschläge. Der Schreiner zimmerte das
letzte Haus.
Endlich hüllte Maria das Leintuch wieder über das Haupt, so sanft, so
sorglich, wie sie hundert- und hundertmal das Mütterlein zugedeckt
hatte in der langen Zeit des Siechtums.
Dann trat ich in die kleine, warme Stube. Der Vater, die ältere
Schwester, die beiden Brüder, wovon der jüngere noch ein Knabe war,
traten mir betrübt entgegen. Sie sagten kaum ein Wort, sie reichten mir
die Hand, bis auf den Kleinen, der duckte sich im Ofenwinkel, und man
hörte sein Schluchzen.
Der Zimmermann-Sepp hobelte gleichmütig an dem bereits zusammengefügten
Sarg und rauchte dabei eine Pfeife. --
Später, als draußen schon die Schatten des Nachmittags gewachsen waren
weit über die schneeglitzernde Wiese hin, als in der Stube der Sepp auf
den Deckel des Sarges das schwarze Kreuz zeichnete, saß der Vater neben
demselben und sagte leise: »Wie's Gott will. -- Jetzt hat sie doch
wieder ein eigenes Haus.«
Am ersten Tage nach der Mutter Sterben war kein Feuer gemacht worden
auf dem Herde der Hütte. Allmiteinander hatten sie vergessen, daß der
Mensch zum Morgen, zum Mittag wohl eine warme Suppe ißt. Hingegen war
auf dem Anger hinter dem Häuschen ein hellflammendes Feuer angezündet,
um das Bettstroh zu verbrennen, auf welchem sie gestorben war. -- Wie
voreinstmal die Vorfahren ihre Wuotansfeuer haben entfacht, den teuren
Verstorbenen der Göttin Hell, der Bergenden, empfehlend.
Ich hatte mich auf die Bank gesetzt und das Brüderchen zu mir
emporgehoben. Der Kleine blickte völlig furchtsam zu mir auf, ich hatte
einen schwarzen Rock an und eine weiße Halsbinde um, ich kam ihm so
vornehm vor. Seine kleine Hand, die auch schon Schwielen hatte, hielt
ich in der meinen. Dann bat ich den Vater, daß er etwas erzähle aus dem
Leben unserer Mutter.
»Wartet ein wenig,« antwortete der Vater und sah wie träumend der
Zeichnung des Kreuzes zu. Endlich that er einen tiefen Atemzug und
sagte: »So, jetzt wär's fertig. Wohl lang hat ihr Kreuz und Leiden
gedauert, aber das Leben ist kurz gewesen. Kinder, das sag ich Euch,
jeder hat keine solche Mutter, wie die euere ist gewesen. Für Dich,
Peter, hätt' sie schier das Leben aufopfern müssen, wie Du bist auf die
Welt gekommen. So sind sie drauf gekommen nacheinander, die Freuden und
Leiden, die Sorg und Not -- das Elend! Und wie ich krank gewesen bin
auf den Tod und die Ärzte all' gesagt haben, ich müßt' fort, es gäb'
kein Mittel mehr, hat mein Weib die Hoffnung nicht aufgegeben, hat mich
nicht verlassen. Tag und Nacht ist sie bei mir gewesen, hat auf ihren
Schlaf vergessen und auf ihren Bissen Brot. Schier mit ihrem Atem hat
sie mir das Leben eingegossen -- mein gutes Weib. -- --«
Die Stimme wollte ihm brechen, mit dem Rockärmel wischte er sich das
Nasse aus den Augen.
»Was eine gute Wartung ist, das sollt' eins nicht glauben,« fuhr er
fort, »gesund bin ich wieder worden. Wir haben fortgelebt in der Treu';
daß Du, Peter, in der Fremde Dein Glück hast gefunden, das ist Deiner
Mutter größte Freud' gewesen. Wie sie krank und serbend ist gelegen an
die zehn Jahre und drüber, wie sie uns haben hinausgestoßen aus unserem
Haus, wie das schlechte Gered' ist gewesen, und wie wir doch das größte
Vertrau' gehabt haben zu Euch Kindern, das wisset Ihr ja selber. Völlig
dreißig Jahr sind wir beisammen gewesen im Ehestande. Allweg hab ich
gebetet, +mich+ sollt' der lieb' Herrgott zuerst nehmen, jetzt
hat er +sie+ doch noch lieber gehabt. -- Müsset nicht so weinen,
Kinder, Ihr seid Eurer Mutter beigestanden.« --
Weiter sprach er nicht.
Als der Sarg gezimmert war, legte der Vater Hobelspäne als Hauptkissen
hinein. Er hatte immer die Gewohnheit gehabt, daß er nach gethaner
Arbeit zu seinem Weibe ging und sagte: »Jetzt bin ich fertig.« Als
er nun die Hobelspäne zurecht geschichtet und auch die übrigen
Vorbereitungen gethan hatte, ging er in die Lauben zur Bahre und sagte:
»Jetzt bin ich fertig.«
Am späten Abend, als auf dem tiefdunkeln, klaren Himmel der Halbmond
stand und sein Dämmerlicht ergoß über die Wälder und schneeschimmernden
Auen und über das Waldhäuschen am Hange, da winselte allfort der
Schnee am Wege, da kamen aus Bauernhöfen und fernen Hütten Leute
herbei. Wenn sie auf den Wegen, die sie gekommen, auch laute, heitere
Gespräche miteinander geführt hatten, so wurden sie doch jetzt, da sie
dem Häuschen nahten, schweigsam, und man hörte nur das Knistern ihrer
Tritte im Schnee.
In der kleinen Vorlauben, die durch das Lämplein matt beleuchtet war,
kniete jeder hin auf den kalten Lehmboden und betete still vor der
Bahre und besprengte sie dann mit Weihwasser. Hernach ging er in die
Stube zu den anderen, die da um den Tisch und den Ofen herumsaßen,
Lieder sangen und geistlichen Betrachtungen oblagen. Sie waren alle da,
um die arme Häuslerin zur letzten Ruhestätte zu begleiten.
Ich hätte, wären die Leute nicht dagewesen, allfort an der Bahre stehen
und die Mutter ansehen mögen. Ich las in ihren Zügen meine Kindheit und
meine Jugend. Ich meinte, noch einmal werde sich das klare Auge öffnen
und mich anlächeln, noch einmal werde mir das Wort fließen von diesen
Lippen, das in ihrer Liebfreude so weich und herzensreich war gewesen.
Aber wie ich auch ihr lieber Sohn gewesen war, und wie lange ich noch
stehen mochte bei ihr -- sie schlief den ewigen Schlaf.
Ich ging in die niedere Küche, wo die Nachbarinnen das Totenmahl
kochten, ich suchte im Rauche herum die Geschwister, auf daß ich sie
tröstete.
Drin in der Stube war jetzt alles mäuschenstill und in großer Spannung.
Der alte Jäger Mathias, der ein braunes Hemd und einen weißen Bart
trug, saß am Tische und erzählte eine Geschichte.
»Ist einmal ein Bauer gewesen,« begann er, »und der hat ein Weib
gehabt, gar ein armes, krankes Weib. Und einmal, an einem heiligen
Ostermorgen, da ist ihm das Weib gestorben. Wie die Seel' von
dem Leib abgeschieden ist gewesen, da ist sie dagestanden ganz
mutterseelenallein in der finsteren Ewigkeit. Kein Engel hat wollen
kommen und sie führen und weisen hinein in das himmlische Paradies.
Christi Auferstehung wird gefeiert im Himmel, hat es geheißen, und
da hat kein Engel und kein Heiliger Zeit für die arme Seel', daß er
sie thät weisen. Die arme Seel' aber ist gewesen in unaussprechlicher
Angst, sie hat bedacht, daß sie ihrer Krankheit wegen schon lange
in keine Kirche hat kommen mögen. Und sie hat schon allweg die
Teufel winseln und pfeifen gehört, und sie hat gemeint, jetzt ist
sie verloren. O mein heiliger Schutzengel und Namenspatron! hat sie
gerufen, kommt mir zu Hilf in dieser Not, sonst muß ich hinab in die
Höllenglut! -- Aber sie sind halt alle beisammen gewesen im Himmel bei
der Auferstehung Christi. Darauf ist das arme Weib schon zum Hinsinken
gewesen ohne Trost und Beistand, aber auf einmal ist unsere liebe Frau
gestanden an ihrer Seiten, gehüllt wohl in ein schneeweißes Kleid und
in der Hand zur schönen Zier einen Kranz von Rosen. Sei gegrüßt und sei
getröstet, Du armes Weib! hat sie lieblich gesagt zur abgeschiedenen
Seel', Du bist eine fromme Dulderin gewesen all Deiner Tage lang, und
an jedem Samstag mein hast Du gefastet mir zu Lieb, und das, was Dir
dadurch übrig geblieben, hast Du den Armen gereicht, mir zu Lieb.
Das will ich Dir nimmer vergessen, und wenn mein lieber Sohn seine
glorreiche Auferstehung feiert an diesem Tage, so will ich Deiner
gedenken und Dich hinaufführen zu seinem goldenen Thron und zu Deinem
freudenreichen Platz im Rosengarten bei den Engelein, den ich bereitet
habe Dir zu Lieb, und wo Du kannst warten auf Mann und Kinder. Und
darauf hat unsere liebe Frau das arme Weib bei der Hand genommen und
hinaufgeführt in den Himmel. -- Deswegen sag ich, ein Fasten und ein
Almosen zu Ehren unserer lieben Frau ist gar ein gutes Werk.«
So erzählte der Mathias im braunen Hemde.
»Auch unsere Waldbäuerin, die wir morgen bestatten, hat gern gefastet,«
sagte ein Weiblein, »und rechtschaffen gern gegeben.«
Der Vater schluchzte vor Rührung. Der Gedanke, daß seine Gattin nun im
Himmel sei, legte ein gar liebliches Licht in sein betrübtes Herz.
Die alte rußgebräunte Hängeuhr -- das war dieselbe, welche seit dem
fröhlichen Hochzeitstage des Waldbauers alle Stunden getreulich
gezählt, die freudvollen und die leidvollen; welche die erste Stunde
wies, als voreinst das Knäblein geboren wurde in der Sonntagsfrühe;
welche nun nach vielen Jahren die sechste Stunde zeigte, als der
Erlösungsengel durch die Stube zog und seinen Kuß der Dulderin auf die
Stirne drückte -- die Hängeuhr rückte ihren Zeiger jetzt gegen zwölf.
Und als so ein vergangenes Leben gemessen war wie ein einziger Tag von
Sonnenaufgang bis Niedergang -- da sagte mein Vater: »Bub, geh hinaus
in den Stall, und leg Dich ein Stündlein aufs Stroh, daß Du ein wenig
magst rasten. Wenn es Zeit ist, will ich Dich schon wecken.«
Ich ging hinaus, that in der Lauben noch einen Blick auf die Bahre und
trat dann in die freie, kalte, sternenvolle Nacht. Die Mondessichel war
hinter die Wälder gesunken; ihren letzten Strahl hatte sie noch durch
die Thürfuge gleiten lassen auf das Bahrtuch -- morgen, wenn sie wieder
aufging, war dieses arme Menschenwesen ja schon in der dunkeln Erde. --
So lag ich nun im Stalle auf dem Stroh, wo sonst meine zwei Brüder
schliefen. Neben mir, an Hängketten standen oder saßen die drei Rinder
und scharrten im Wiederkäuen mit den Zähnen. Es war eine dunstige Wärme
in dem Stalle, und von der halbmorschen Decke tropfte es nieder auf
mein Strohlager.
Voreinst -- ja, da zitterten wohl auch die Tropfen nieder, die
Tautropfen von den Bäumen, als dich die Mutter zur ersten Kommunion
führte. Du hast ein neues Jöpplein an, und auf deinem Hut steckt ein
frischer Rosmarin. Über dem Brustfleck am Halse schaut das
schneeweiße Hemdchen heraus, und die Wangen sind rosenrot vor lauter
Waschen. Die Mutter hat ein hellfarbiges Kleid, ein braunes Vortuch
und eine schwarze, knappanliegende Joppe an. Das breite Halstuch ist
von roter Seide und leuchtet wie Glut und Flamme. Ein grünweißes
Blumensträußchen wächst aus dem Busen hervor. Auf dem Haupte trägt
sie eine hohe, kostbare Goldhaube, wie sie damals Mode war im ganzen
Lande; und an beiden Seiten der Stirne gucken die Locken hervor,
schwarzglänzend wie die zwei großen Augensterne und zart und weich
wie die Wimpern an den Lidern. Die Wangen sind angehaucht von dem
Morgenrote, das Kinn ist weiß und lieblich gebogen. Die roten Lippen
lächeln ein wenig und grollen dabei, weil du gar so vorwitzig hüpfest,
Kleiner, über die Steine und Baumwurzeln und dabei die Nägel aus den
Schuhen trittst. -- Aber in ihrer blühendsten Schöne hat noch kein
Kind seine Mutter gesehen; und doch, wie ist es so lustig, Knabe!
Da glitzert es im Wald und leuchtet in den grünen Lärchenbäumen,
und da duftet das Blühen, und die Vöglein singen auf allen Wipfeln.
Kindeszeit, Maienzeit! --
Dumpfe Schläge weckten mich aus meinem Traume, ich fuhr empor. Jetzt
legen sie die Mutter in den Sarg, jetzt hämmern sie den Deckel darauf.
--
Ich stürzte aus dem Stalle und in das Haus. Da stand in der Lauben
der weiße, schlanke, zugedeckte Sarg, und die mattflackernde Öllampe
beleuchtete nur mehr das leere, öde Bahrbrett.
.... Ich hätte sie gern noch einmal gesehen.
Die Leute bereiteten die Trage. Der Vater kniete hinter der Thür und
betete; die Schwestern weinten in ihre Schürzen, und der kleine Bruder
schluchzte so sehr. Ach, er wollte das Weinen zurückhalten; hatte er
doch gehört, für die Mutter sei es am besten so, und sie sei nun in der
himmlischen Freude -- er hatte ein bißchen gelächelt dazu, aber nun, da
sich die Leute anschickten, die Mutter hinauszutragen und fort für alle
Ewigkeit, war der Trost vergessen in dem kleinen, bedrängten Herzen.
Ich nahm das Brüderlein an der Hand, und wir gingen in die dunkle,
hinterste Ecke der Stube, wo sonst niemand war, wo nur die kranke
Mutter gern gewesen. Dort setzten wir uns auf die Bank. Und dort saßen
wir, während draußen alles vorbereitet wurde, während sich die Leute zu
Tische setzten und das Totenmahl verzehrten.
Sie waren gekommen, um Leid zu tragen mit uns; jetzt aßen sie, jetzt
lachten sie, und dann thaten sie wieder, wie's der Gebrauch war und sie
freuten sich schier, daß wieder einmal einer gestorben war und ihnen
dadurch Abwechslung in das alltägliche Leben brachte.
Plötzlich wurden draußen laute Worte gesprochen: »Wo ist der Überthan?
Wir finden den Überthan nicht!«
Der Überthan ist ein dünnes Leinengewebe, welches als ein Schleier über
den Sarg gehüllt wird und nach dem Glauben des Volkes am jüngsten Tage
dem Auferstehenden als Überkleid dient.