Nun war der Lenz Besitzer des Waldhofes. Um die Traurigkeit seines

Vaters wegen ein wenig in den Hintergrund zu drängen, that er etwas

Gutes, er suchte sich ein Weib. Er nahm schier die Ärmste und

Unbeachtetste, die im Waldthale war -- ein Mädchen, das schauderlich

schwarz war die ganze Woche hindurch, das aber am Sonntage doch

ein gar zartes weißes Gesichtchen hatte. Es war das Kind einer

Kohlenbrennerin, das für seine betagte Mutter arbeitete, seinen Vater

aber nie gesehen hatte.

Ein Jahr nach der Hochzeit, im Sommer, schenkte die junge Waldbäuerin

ihrem Lenz den Erstgebornen. Der erhielt den Namen Peter und läuft nun

damit durch alle Welt, ein ewiges Kind.

Ihr Leben war so eigenartig, ihr Leben war so gut, ihr Leben hatte eine

Dornenkrone.

Unser Hof war nicht klein und seiner Tage gut bestellt; aber meine

Mutter spielte nicht die vornehme Bäuerin, sie war die Hausfrau und die

Dienstmagd zugleich.

Meine Mutter war gelehrt, sie konnte »Drucklesen«; das hatte sie von

einem Köhler gelernt. Sie kannte die biblische Geschichte auswendig,

und sie wußte eine Unzahl von Sagen, Märchen und Liedern -- das hatte

sie von ihrer Mutter. Dabei war sie Beistand mit Rat und That, und sie

verlor in keinem Unglücke den Kopf und wußte immer das Rechte. -- »So

hat's meine Mutter gethan, so hat's meine Mutter gesagt,« meinte sie

stets, und das war ihre Lehre und Nachfolge, selbst als ihre Mutter

schon lange im Kirchgarten ruhte. Freilich war zuweilen ein wenig

Köhlerglaube dabei, aber in einer Gestalt, daß er nicht schadete,

sondern daß er eine milde Poesie verbreitete über das arme Leben in den

Waldhäusern.

Die Armen kannten meine Mutter weit und breit; umsonst klopfte keiner

an ihrer Thür, hungrig ging keiner davon. Wen sie für wahrhaft arm

hielt, und er bat um ein Stück Brot, so gab sie einen halben Laib,

und bat er um ein »Gafterl« Mehl, so reichte sie ihm auch ein Stück

Schmalz dazu. Und »gesegn' Euch's Gott!« sagte sie dazu, -- das sagte

sie immer.

»Wo werden wir hinkommen mit unserer Sach', wenn Du alles verschenkst?«

sprach zu ihr mein Vater oft schier ungehalten.

»'leicht gar in den Himmel hinauf,« antwortete sie, »meine Mutter hat

oft gesagt, jedes Vergeltsgott von den Armen graben die Engel in den

heiligen Thron Gottes ein. Wie werden wir froh sein zu einer Zeit, wenn

wir bei dem lieben Herrgott die Armen zu Fürbittern haben!«

Mein Vater fastete gern jeden Samstag und nahm oft keinen Bissen zu

sich, ehe die Schatten zu wachsen anhuben. Er that das zu Ehren unserer

lieben Frau.

»Ich sag, Lenz, ein solches Fasten hilft nichts für eine gute Meinung,«

versetzte da meine Mutter zuweilen, »was Du heut dabei ersparst, das

kannst Du morgen essen. Meine Mutter hat immer gesagt: was übrig bleibt

durch das Fasten, das opfere der Armut Lasten. -- Ich denk, sonst thut

es nichts helfen.«

Mein Vater betete an den Abenden, besonders zur »Rosenkranzzeit«, an

den Samstagen gern lange und laut, that aber dabei häufig allerhand

Verrichtungen, als Schuhnageln, Beinkleider ausflicken, oder sich gar

rasieren. Dabei verlor er nicht selten den Faden vom Gebet, so daß ihm

meine Mutter die Dinge oft aus den Händen nahm und rief:

»Meiner Tag, was ist denn das für ein Beten! Knie zum Tisch und bet

drei Vaterunser mit Fleiß, ist besser wie drei Rosenkränz', bei dem Dir

unter dem Herumdalgern der bös' Feind die guten Gedanken stiehlt!«

Wenn zu Zeiten die Arbeit schwer war, so hielt meine Mutter viel auf

einen guten Tisch. -- »Wer lustig arbeitet, mag auch lustig essen,«

meinte sie, »meine Mutter hat alleweil gesagt: wer sich nichts traut

anzubringen, der traut sich auch nichts zu gewingen.«

Mein Vater nahm vorlieb mit schmaler Kost; er fürchtete immer den Ruin

des Hauses.

Das waren in der Ehe die einzigen Zwistigkeiten. Aber sie griffen nicht

tief. Sie äußerten sich nur gegeneinander; wenn der Vater mit fremden

Leuten sprach, so pries er die Mutter; wenn die Mutter mit fremden

Leuten sprach, so pries sie den Vater.

In der Kinderzucht waren sie eins. Arbeit und Gebet, Sparsamkeit und

Redlichkeit waren unsere Hauptgebote.

Vom Vater bekam ich nur ein einzigmal ordentlich die Rute. Vor dem

Hause hin war junger Lärchen- und Tannenanwuchs, der nach und nach

so hoch emporwuchs, daß er die Aussicht auf die jenseitigen Berge

verdeckte. Ich hatte aber diese Aussicht lieb, und ich meinte, auch

der Vater müsse mir Dank wissen, wenn ich -- wie ich damals ein

unternehmender Knabe war -- die Bäumchen umhieb. Und richtig, eines

Nachmittags, als alle auf dem Felde waren, schlich ich mit einer Axt in

das Wäldchen und hub an junge Bäume umzuhauen. Da kam zu guter Stunde

mein Vater herbei; aber der Dank, den er mir wußte, sah wunderlich aus.

»Leih mir die Hack', Bub!« sagte er ruhig. Ich dachte, jetzt greift

er selber zu, um so besser, und gab ihm die Axt. Er haute damit eine

Birkenrute ab und strich sie glatt über meinen Rücken. »Wart!« rief er,

»wenn Du den jungen Wald umbringen willst? Er hat noch Ruten für Dich!«

Von meiner Mutter bekam ich die Rute auch ein einzigmal. Da stieß ich

einmal -- wie ich schon gern auf dem Herde saß, wenn die Mutter kochte

-- den vollen Suppentopf um, so daß das halbe Feuer gedämpft wurde und

ich mir schier die bloßen Füßchen verbrannt hätte. Meine Mutter war den

Augenblick nicht dagewesen, und als sie nun auf das mächtige Gezische

herbeieilte, rief ich, feuerrot im Gesichte: »Die Katz', die Katz' hat

den Suppentopf umgeworfen!«

»Ja, dieselb' Katz' hat zwei Füß' und kann lügen!« versetzte die Mutter

und nahm mich und strich mich eine lange Zeit mit der Rute. »Wenn Du

mir noch einmal lügst,« rief sie hernach, »so hau' ich Dich mit dem

Ofengabelstiel!« Ein arges Wort! Aber die Ausführung ist -- Gott Dank

-- nicht nötig geworden.

Hingegen wenn ich gut und folgsam war, so wurde ich belohnt. Mein Lohn

waren Lieder, die sie mir sang, Märchen, die sie mir erzählte, wenn wir

zusammen durch den Wald gingen oder sie abends an meinem Bett saß. Das

Beste in mir -- ich habe es von ihr. Sie hatte in sich eine ganze Welt

voll Poesie.

Als nach und nach meine Brüder und Schwestern kamen, da hat uns die

Mutter alle gleich geliebt, keines bevorzugt. Als hernach zweie in

ihrer Kindheit starben, sah ich die Mutter das erste Mal weinen. Wir

anderen weinten mit ihr und weinten fortan immer, so oft wir die

Mutterthräne sahen.

Und das war von dieser Zeit an gar oft.

Zwei Jahre lag der Vater auf dem Krankenbette. Wir hatten Unglück an

Hof und Feld, Hagel und Viehseuche kam, unsere Kornmühle brannte nieder.

Da weinte die Mutter im Verborgenen, daß wir Kinder es nicht hätten

sehen sollen. Und sie arbeitete unablässig, sie grämte sich und wurde

endlich krank. Die Ärzte der ganzen Gegend wurden herbeigezogen; sie

konnten nicht helfen, aber gut rechnen; nur einer sagte:

»Ich nehme nichts von so armen Leuten.«

Jawohl, trotz aller Lustigkeit, die so oft gewesen, wir waren arme

Leute geworden. Die Fahrnisse waren alle weg, von dem ganzen großen

Besitztume blieb uns nichts als die Steuern.

Nun beschloß mein Vater, den verschuldeten Hof so gut als möglich zu

veräußern. Aber die Mutter wollte nicht, sie arbeitete, wenn auch

krank, allfort mit Müh und Fleiß und ließ die Hoffnung nicht sinken.

Sie konnte den Gedanken nicht fassen, daß sie fort sollte von ihrer

Heimstätte, von dem Geburtshause ihrer Kinder. Sie verleugnete ihre

Krankheit, sie sagte, sie sei nie gesünder gewesen als nun, und sie

wolle arbeiten für drei.

Meine Geschwister glaubten auch, sie könnten das Heimatshaus nicht

lassen, dabei hatten sie kein gutes Paar Schuhe mehr anzuziehen. Und

die Mutter, wenn sie einmal in die Pfarrkirche gehen wollte, mußte

sich von irgend einem Holzknechtweib ein Jöpplein ausborgen, das noch

keine Flicken hatte. Und von allem die höchste Pein war der Hochmut der

Leute und der Hohn, wenn sie doch zuweilen eine Beihilfe leisteten. Sie

hatten die Wohlthaten vergessen, welche meine Mutter einst nach ihrem

Vermögen jedem angedeihen ließ. Damals war sie die geachtetste Bäuerin

in den Waldhäusern. Aber -- das Unglück frißt die Freunde! Das hatte

auch ihre Mutter, die Köhlerin, oft gesagt.

Aus jener traurigen Zeit, da meine Mutter krank war, will ich hier ein

Erlebnis erzählen. Es beginnt mit einem sonnenfreudigen Pfingsten.

An jenem sonnenfreudigen Pfingstmontag war sie neununddreißig Jahre

alt gewesen. Es war lustig. Die Saaten standen grün auf den Feldern,

und auf der hohen Weide grasten die Herden, die zwar nicht uns

gehörten, sondern dem Nachbar, an denen wir uns aber doch freuten, weil

sie munter und leibig waren. Mein Vater hatte die Steuer des vorigen

Jahres bereits gezahlt, die wirtschaftlichen Verhältnisse, die während

der mehrjährigen Krankheit des Vaters zerrüttet worden waren, schienen

sich allmählich zu ordnen, und damit stiegen wir auch wieder im Ansehen

der Leute. Wir gingen an diesem Tage zusammen über die Auen, und die

Kleinen sammelten Blumen, und die Großen lobten durch ein heiteres Wort

oder durch ein Lied die Werke unseres lieben Gottes. Da setzte sich die

Mutter auf einen Stein und wollte sterben.

Wir schleppten sie nach Hause, wir legten sie aufs Bett, wo sie lange

lag -- wochenlang, monatelang. Alle Nachbarn kamen und brachten

wohlgemeinten Trost; alle Ärzte der weiten Umgegend kamen und brachten

wohlgemeinte Medizin. Die Kranke war, wie man hinter ihrem Rücken

zugestand, vom Schlage gerührt, sie siechte. Als aber der kühle Herbst

kam, da wurde ihr besser, sie lag nun tagsüber nicht mehr im Bette,

sie saß auf der Ofenbank oder am Tische, wo die Kinder spielten, oder

am Herde, wo sie den ungelenken Vater im Kochen unterwies. Sie war

nicht heiter, und sie war nicht betrübt, sie war ruhig und hatte keine

Klage -- nur wenn sie allein war, machte sie bisweilen einen schweren

Seufzer. So verging der Winter, es kam wieder das liebliche Pfingsten,

und die Mutter war krank.

Da kam an diesem Feste die alte Riegelbergerin zu uns, die brachte

etliche Semmeln mit, sie gab allerlei Hausmittel an und zählte

kerngesunde Leute auf, die durch solche Hausmittel kerngesund geworden

wären. Endlich fragte sie, ob wir nicht schon beim Stegthomerl gewesen

wären?

Nein, bei dem wären wir freilich noch nicht gewesen.

Wesweg wir so nachlässig sein könnten und noch immer nicht beim

Stegthomerl gewesen wären? Zu dem müsse man in einer solchen Krankheit

doch zu allererst schicken!

Aber, es sei so viel weit dahin, wandte mein Vater ein.

»Und wenn es drei Tagreisen wäre, um die Gesundheit ist's nicht zu

weit.«

»Das ist freilich wohl wahr, um die Gesundheit wär's nicht zu weit,«

meinte mein Vater. »Und meinst, Riegelbergerin, daß er ihr helfen

thät'?«

»Das Helfen, mein lieber Waldbauer, das steht bei Gott,« antwortete die

Riegelbergerin in ihrer gewohnten Überlegenheit. »Wunder wirken kann

auch der beste Arzt nicht. Aber kennen thut er's, der Stegthomerl, und

sagen wird er's, ob noch eine Hilf' möglich ist oder nicht.«

Schon am nächsten Tage ging ein Bote hin über die Berge in das Thal, wo

der Stegthomerl wohnte. Er ging früh aus, und er kam spät heim, und er

brachte den Bescheid, der Stegthomerl hätte gesagt, er könne gar nichts

sagen, so lange er die Kranke nicht selber sähe.

Am nächsten Tage ging ein anderer Bote (denn der erste war auf dem

weiten Weg hinkend geworden), um den Stegthomerl zu holen. Er kam spät

in der Nacht allein zurück und brachte den Bericht, der Stegthomerl

gehe zu keinem Kranken, er sei selber nicht mehr jung, auch wolle er

sich nicht wieder einsperren lassen, weil die geprüften Doktoren einen

höllischen Brotneid hätten und selber jeden unter die Erde bringen

möchten. Wenn die kranke Waldbäuerin zu ihm kommen wolle, so ließe sich

vielleicht was machen. Aber nach laufe er den Kranken nicht.

Das war doch männlich gesprochen, und wir begriffen es alle mit

einander, daß ein Mann, der seinen Wert kennt, sich nicht just

wegwerfen wolle. Aber nun war eine große Bedrängnis. Das Wetter --

allerdings -- das war schön und warm, die Tage waren lang, die Mutter

war auch bereit. Doch, konnten wir sie hinübertragen den viele Stunden

langen Weg bis zum Stegthomerl? Es war keine Möglichkeit. Fahren?

Wir hatten keinen Wagen, und das letzte Paar Zugochsen hatten uns

die Gläubiger weggetrieben, bei denen während der Mutter Krankheit

neuerdings angeklopft worden war. Die Nachbarn brauchten ihre Ochsen zu

dieser Zeit auf dem Brachfelde. Der Knullbauer hatte zwei Pferde, er

wollte sie leihen, aber sie kosteten für den Tag -- der Vater schlug

die Hände zusammen -- fünf Gulden und den Hafer.

Und als wir um die kranke Mutter herum so betrübt dasaßen, nach Rat

suchten und keinen fanden, ging die Thür auf und trat der Knabe des

Straßenwirtes herein.

»Was willst denn Du, Bübel?« fragte mein Vater.

Das Bübel schlenkerte mit den Händen. »Ja,« sagte es, »der Samersteffel

laßt sagen, wenn der Waldbauer sein Roß und Wagen haben will, so kann

er's haben.«

»Wo ist denn der Samersteffel?«

»Bei uns sitzt er und hat sein Roß und Wagen bei uns eingestellt.«

Mein Vater sann ein wenig nach, was er sagen sollte; dann sagte er:

»Der Steffel, der möcht mir einen schönen Preis mache; sag: ich ließe

mich bedanken.«

Der Knabe ging, und nach einer Stunde kam der Samersteffel selber.

Es war ein kleiner, wohlbeleibter Mann, der einst, so lange die

Straße noch nicht gebaut war, über den Alpsteig mit einem Saumroß

verschiedenerlei Dinge befördert hatte. Seit die Straße war, hatte er

sich ein Steirerwäglein angeschafft, mit dem er Getreide, Salz, Most

und Sonstiges transportierte, aber alles ums Geld, natürlich, weil

er davon leben mußte, und nicht nur das, sondern auch reich werden

wollte, um an der neuen Straße ein großes Wirtshaus zu bauen. Ein

Gastwirt zu sein, das war sein Ideal, und er hatte auch das Zeug dazu,

er war allfort bei Humor und hätte es schon verstanden seine Gäste zu

unterhalten.

Heute aber, da er in unsere Stube trat, war er gar nicht bei Humor.

»Ihr macht unsereinem eine recht unnötige Mühe,« sagte er und setzte

sich schnaufend auf die Wandbank. »Hast Du schon gehört, Waldbauer,

daß ich mich Geschäfts wegen wem angekoppelt hab? Wirst so was von

mir nicht gehört haben, weil ich's gottlob nicht vonnöten hab. Wenn

ich mich aber einmal selber antrag, daß ich was führen will, so führ

ich's umsonst. Ich hab gehört, daß Dein Weib zum Stegthomerl möcht und

kein Fuhrwerk hat. Meine Mutter, Gott tröst ihre Seel, ist auch lang

so krank gewesen, ich weiß, wie das ist, es ist ein Elend. Wenn's Euch

recht ist, so führe ich morgen die Waldbäuerin hinüber zum Stegthomerl.«

Da sind wir alle wohl gar recht froh gewesen. Wir haben nicht weiter

dran gedacht, ob die weite Fahrt nützen wird oder schaden, oder ob die

neue Medizin angreifen wird, oder wie die Krankheit hernach ausgehen

wird. Zum Stegthomerl, nur zum Stegthomerl, damit war uns alles

gewonnen.

In der nächsten Frühe, als der Morgenstern zwischen den mächtig

schwarzen Eschenbäumen herlugte, wurde ich geweckt. Der Vater mußte ja

daheim bei der Wirtschaft bleiben, so sollte ich, der dreizehnjährige

Junge, mit der Mutter sein, um darauf zu achten, daß ihr nichts

widerfahre. Die Mutter saß schon bei ihrem Frühstück und that, als ob

ihr die Milchsuppe rechtschaffen munde. Der Samersteffel und ich aßen

eine Pfanne Sterz weg, und dann fuhren wir davon. Der Steffel saß auf

dem Kutscherbänklein und redete laut seinem Rößlein zu, daß es heute

einen Gescheiten machen und recht flink dreintraben solle, »damit wir

die Waldbäuerin heimbringen, so lang es noch heut heißt.« Meine Mutter

saß, in alle ihre Kleider und obendrein noch in den Wettermantel meines

Vaters vermummt, auf einem Lederkissen, zu Füßen hatte sie Stroh, und

über das Ganze lag eine schwere Bettdecke, aus der nur ein Teil ihres

Hauptes ein wenig hervorschaute. Neben diesem Krankenbette saß ich und

hatte ein schweres Herz.

Es war noch die frostige Nacht, über dem Wechselberg wurde der Himmel

erst ein wenig blaß. Der Weg ging über die Auen dahin. -- Jetzt

erwachten die Vögel, jetzt begann die Herrlichkeit des Morgenrotes,

jetzt stieg die große Sonne empor. Meine Mutter zog die Decke ein wenig

zurück und schaute hinauf in die Sonne.

»Ich habe einen guten Trost,« flüsterte sie und suchte meine Hand

anzufassen, »wenn der Sommer ein wenig mithilft und der Stegthomerl

auch -- ich bin ja doch noch nicht so alt ... was meinst, mein Kind,

werd' ich gesunderweise noch einmal können die Welt anschauen?«

Ich war so zuversichtlich wie sie, mir war leicht geworden. Die

Morgensonne! Die liebe, warme Morgensonne!

Die Mutter wurde gesprächig. »'s ist närrisch auch noch,« sagte sie auf

einmal und lachte fast laut, »daß der Mensch so viel gern auf der Welt

ist. Meine Leut' möchte ich halt wohl ungern verlassen. Mein Lenzel,

Dein Vater, thät mir so viel derbarmen, wenn er niemand mehr hätte;

die Kinder sind noch klein.«

»Ich werde jetzt doch schon ziemlich groß,« war mein Einwand.

Da wendete sich die Mutter mit dem Gesichte ganz zu mir und sagte:

»Just Du, mein Peter, just Du machst mir die meisten Sorgen. Du kommst

mir halt ganz anders vor, wie andere Buben in Deinen Jahren. Hast zur

Arbeit keinen rechten Schick -- heißt das, Schick schon, aber halt

deutsch keine Freud. Ja, ja, wenn Du's auch leugnest, ich kenn Dir's

an, Dich freut die Bauernarbeit nicht, Du tappst herum und willst

was anders und weißt selber nicht was -- schau, das ist gerade das

Gefährlichst'. So wollt ich unseren Herrgott wohl schön bitten, daß er

mich bei Dir laßt, daß ich Dich kann anhalten und bis ich weiß, was aus

Dir wird.«

»Ein Fuhrmann wirst, gelt Bub?« rief der Steffel über seine Achsel her

zu uns in den Wagen.

»Ein braver Fuhrmann, der arme Leut' thut führen, das wollt mir schon

gefallen,« bemerkte meine Mutter; darauf schmunzelte der Steffel ein

wenig.

Der Weg ging stark aufwärts und wurde steinig; der Steffel und ich

gingen neben dem knarrenden Steirerwagen zu Fuß. Die Sonne war heiß

geworden. Es war eine mühevolle Fahrt, und wir kamen nur langsam

weiter. Als wir hoch oben durch die fast ebenen, aber finsteren

Waldungen der Fischbacheralpe dahinfuhren, da hörten wir kein Wagenrad,

denn der Erdboden war dicht mit Fichtennadeln besäet, nur daß die

Räder bisweilen an eine Baumwurzel prallten. Die Vögel waren still

geworden, denn über den Wipfeln lag der heiße Tag. Meine Mutter war

eingeschlummert. Ich schaute in ihr blasses Gesicht und dachte: Der

Stegthomerl wird schon ein gutes Mittel wissen; es ist doch ein Glück,

daß wir zum Stegthomerl fahren können.

»Magst ein Trumm Brot, Peter?« fragte der Steffel.

»Ein Brot, das mag ich schon.«

Und wie ich hierauf das Stück Brot erhielt, lag auch ein Stück Speck

drauf, und jetzt fing meine Bedrängnis an. Ich hielt das Ding lange in

der Hand und schaute es an und schaute auf die Mutter hin; sie schlief.

Den Steffel, der es so gut mit uns meinte, wollte ich nicht beleidigen.

Da ich die Sache aber nicht so auf sich und auf meiner Hand belassen

konnte, so hub ich endlich an, zuerst ganz leise, aber allmählich

lauter: »Steffel!« zu rufen.

»Was willst denn?« fragte dieser endlich.

»Ich thät schön bitten,« sagte ich gar verzagt, »schön bitten, daß ich

den Speck da nicht essen müßt'. Weil ich halt keinen Speck nicht mag.«

»Du weißt nicht, was gut ist,« lachte der Fuhrmann und befreite mich

von meiner Not.

Endlich begann es bergab zu gehen, da holperte der Wagen auf den heißen

Steinen, rüttelte die Kranke aus dem Schlaf, und die Sonne brannte ihr

ins Mark hinein, und dabei fröstelte sie.

Murmelte der Steffel: »Der Stegthomerl muß schon ein höllisch guter

Arzt sein, daß eine solche Fahrt der Mühe wert ist. Nur aushalten,

Fuchsel, wir haben nimmer weit.«

Um den späten Mittag war's, als wir ins Thal kamen und vor dem Häuslein

des Stegthomerl hielten.

Wir führten die Mutter in die dumpfig mürfelnde Stube, in der alle

Fensterlein fest geschlossen waren, dort ließen wir sie auf die Bank

nieder und fragten nach dem Thomerl.

Ein altes, brummiges Weib gab uns zur Antwort, der Thomerl wäre nicht

da.

»Das sehen wir,« sagte der Steffel, »möchten nur wissen, wo er ist?«

»Kunnt's nit sagen.«

»Wann er kommt?«

»'leicht, daß er nimmer lang ausbleibt, 'leicht, daß er erst in der

Nacht einmal kommt, 's ist möglich, daß er zum Schanzwirt gegangen ist.«

Die Alte ging aus der Stube, wir saßen da. Meine Mutter that einen

schweren Atemzug.

Der Steffel ging der Alten nach und bat sie um einen Löffel warmer

Suppe für die Kranke.

»Wo sollt' eins jetzt eine warme Suppe hernehmen; ist schon lang kein

Feuer mehr auf dem Herd.« So der Bescheid. Da machte sich der Fuhrmann

selber dran, Feuer zu schaffen, Milch zu suchen und zu kochen.

Die Mutter aß nur ein weniges von der Suppe, schob die Schüssel uns zu,

daß auch wir was Warmes bekämen.

Als all das vorbei war, gab der Steffel dem Weib einen Silberzehner für

die Milch und für das Heu, welches der Fuchs fraß.

Nach einer Stunde, während es in der Stube ein paarmal schier finster

geworden war, weil draußen Wolken vor die Sonne zogen, trat der

Stegthomerl endlich in die Stube. Es war ein kleiner, dünnbeiniger

Mann, der aber einen großen Kopf, breite Achseln, eine sehr hohe

Brust und einen tüchtigen Höcker hatte. Und der Kopf war in die

Schultern gebohrt, so daß sich das Männlein allemal mit dem ganzen

Körper umkehren mußte, so oft es den Kopf wenden wollte. Ich sehe ihn

heute noch lebhaft, wie er zur Thür hereintrat und uns mit seinem

weitläufigen, verdunsenen Gesichte zuerst scharf, dann lächelnd ansah.

Meine Mutter war sogleich unruhig geworden und suchte sich von ihrem

Sitze zu erheben, um ihm ehrerbietig ihr Anliegen vorzutragen.

Der Thomerl winkte mit der Hand, sie möge das lassen, und sagte hernach

mit etwas lallender Stimme: »Ich weiß schon, Du bist die Waldbäuerin

aus dem Alpel, Dich hat vor einem Jahr der Schlag getroffen.«

»Der Schlag hat mich getroffen?« fragte die Kranke mit Schrecken.

»Hast weit und breit herumgedoktort, und jetzt, weil Dir sonst keiner

helfen kann, kommst zu mir. Ist allemal so, versterbend kommen sie, und

wenn nachher dem Stegthomerl seine Arznei nicht Wunder wirkt und der

Kranke draufgeht, so heißt's dann: der Stegthomerl hat ihn umbracht.«

Diese Worte waren an und für sich ganz schrecklich zu hören, doch waren

sie noch erträglich, weil sie mit lächelnder Miene gesagt wurden, und

weil der Thomerl nun beisetzte: »Verhoff's, daß es mit Dir noch eine

Ausnahme hat, Waldbäuerin. Ich werde Dich jetzt untersuchen.«

Fürs erste, selbstverständlich, fühlte er ihr den Puls. »Der hupft,«

murmelte er, »der hupft.« Dann zog er ihr mit seinen breiten Fingern

die Augenbrauen auseinander und guckte auf das Weiße hinein -- und

sagte nichts. Hierauf mußte sie den Nacken entblößen, und er legte

sein Ohr dran -- und sagte nichts. Ferner betrachtete er mit großer

Aufmerksamkeit die Linien in der inneren Handfläche, erkundigte sich

dann nach dem näheren Befinden der Kranken und fuhr fort, die Pulsadern

und die Atemzüge zu untersuchen, so daß ich von der Gewissenhaftigkeit

dieses Mannes sofort eine hohe Meinung gewann.

Und als er mit der Untersuchung fertig war, setzte er sich meiner,

sich langsam wieder in ihre Tücher hüllenden Mutter gegenüber auf

einen Stuhl, spreizte die Beine aus, bohrte sein Kinn in seinen Rumpf,

und, die Arme über der Brust gekreuzt, sagte er: »Ja, meine liebe

Waldbäuerin, Du mußt sterben.«

Meine Mutter zuckte leicht zusammen, ich sprang auf. Der Steffel aber

blieb ganz gelassen auf seinem Platze sitzen, schaute eine Weile starr

auf den Stegthomerl und sagte plötzlich: »Mußt Du nicht auch sterben?

Nein, Du wirst hin, altes Kamel, gottverfluchtes!«

Jetzt war's die höchste Zeit. Wir packten eilig zusammen und fuhren

heimwärts.

Es war schwül und schattig, der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt,

es meldete sich kein Tier, es rührte sich kein Wipfelchen, unser Wagen

knarrte schwerfällig dahin. Meine Mutter lag still in ihrer Ecke und

schaute mit ihren großen, dunklen Augen die dämmernde Welt an.

Der Steffel saß wutschnaubend auf seinem Bock, allmählich jedoch wurde

er ruhiger, und nun brummte er:

»Aber einen +solchen+ Rausch haben!«

»Wer?« fragte ich.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 2 Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. · 第 6 / 8 段