der müde Junge einen Tag früher in den Bauernwagen gestiegen. In einem
Gehöfte sprach ich zu und fragte, wie viel es an der Uhr sei, wie
weit es noch bis Krieglach wäre, ob ich wohl den richtigen Weg hätte.
Die gründlichsten Auskünfte haben sie gegeben, jedoch, ob ich etwa
einen Löffel Suppe möchte, das fragte niemand. Unter einem Kirschbaum
lag ein Mensch und wimmerte vor Kopfweh; allsogleich wollte ich mein
Mittel anbieten, jedoch ein Weibsbild behauptete scharf und stramm, das
Kopfweh sei in der vorigen Nacht in einem Wirtshause eingekauft worden,
und vor dem Abend gebe es gar kein Mittel; am Abend aber würde dieser
Kopf schon von selber gut, hingegen dürften nachher dem, der ihn auf
hätte, die Backen weh thun! -- Eine Handbewegung des Weibes hat das
undeutliche Wort sehr klar gestellt.
Unterwegs nach Krieglach lud mich ein Flossenführer (Roheisenführer)
ein, auf seinen Eisenschollen Platz zu nehmen; ich besorgte, auch der
möchte mich »heimzu« führen in die Stanz oder in die Veitsch oder
sonstwohin; wollte daher ablehnen. Der Fuhrmann kannte mich aber und
sagte, daß er über Alpel nach dem Rettenegger Hammer fahre -- ja, das
war freilich eine Schickung Gottes. Gelegen bin ich mein Lebtag schon
weicher als damals auf den Eisenflossen, geschlafen habe ich selten
besser. Richtig hätte ich mich jetzt auch an Alpel vorbei bis weit
hinüber ins Rettenegg geschlafen, wenn mein Führer mich nicht abgesetzt
hätte beim Heidenbauern-Thörl, nahe von daheim.
Um Mitternacht kam ich zu Hause an. Sie waren ein wenig in Spannung
und schliefen noch nicht. »Wir haben schon gemeint, der Kindberger
Apotheker hat zum Schweinschmalz Dich selber als Draufgab genommen«,
sagte der Vater, das war Spaß. Dem alten Weber Hartl jedoch war etwas
ganz anderes eingefallen. Er erinnerte sich einmal gehört zu haben, daß
die Apotheker jährlich ein Menschenkind abthäten, um daraus eine ganz
besondere Medizin für ganz besondere Krankheiten zu gewinnen. -- Es
war wohl die höchste Zeit für den alten Hartl, daß ich mit dem Hasenöl
heimkam!
Erst steckte er seine Nase ins Tiegelchen. »Scharf schmecken thut's,
das wird schon angreifen«, murmelte er, »thut eh schon wieder so viel
brummen im Kopf.« Mein Vater roch auch und schaute mich grauenhaft
strenge an. -- Ich hatte nie begriffen, weshalb die Apotheker auf jeden
Tiegel, den sie verkaufen, einen Zettel mit ihrem Namen und Wohnort
kleben. Jetzt ward es mir klar, ohne diesen Zettel auf dem Tiegelchen
hätte man es mir daheim niemals geglaubt, daß ich mein Hasenöl nicht
aus dem Schweinsfettkübel genommen, sondern aus der Apotheke zum
heiligen Josef in Bruck.
»Hat er's genommen, wo der will,« rief der alte Weber hochgemut aus,
»wenn's nur hilft!« und begann sich gleich die Stirn einzureiben mit
dem Hasenöl.
Hat's geholfen? -- Nun, die Wahrheit zu sagen, beim alten Weber Hartl
konnte eine nennenswerte Besserung nicht nachgewiesen werden, hingegen
ist mein Vater durch dieses Hasenöl klüger geworden, obschon er sich
damit gar nicht eingerieben hatte. Er hat wohl auch in späterer Zeit
noch manches Küblein Schweinsfett, manches Bündlein Wurzeln und Kräuter
in die Apotheke geschickt -- holen aber ließ er nichts mehr aus ihr. --
Das für alles heilsame »Hasenöl« hat uns für alle Zukunft geheilt.
[Illustration]
[Illustration]
Als ich mir die Welt am Himmel baute.
War damals ein Bursche von zwölf Jahren. Trug eine ungebleichte
Leinwandhose, eine Jacke aus grauem Wilfling und eine buntgestreifte
Zipfelmütze. War barfuß und ungeschickt im Gehen und Laufen, jeden Tag
trug ich eine andre Zehe in der Binde. Die Haare hatte ich mit den fünf
Fingern vorn herabgekämmt, mit den Zähnen kaute ich an einem Strohhalm.
Es war mit mir bisweilen nichts anzufangen; wenn man mich auf das Feld
stellte, so stolperte ich über den Pflug und den Spaten, und wenn man
mich in den Wald schickte, so hieb ich die Axt anstatt in das Holz in
einen Stein, und bald war die Schneide des Werkzeuges so stumpf, daß
man hätte darauf reiten können. Und dann stand ich da und hielt die
zehn Finger in den Händen und glotzte zum Himmel auf.
Unsere Waldberge waren mir schon gar so lästig geworden, das ewige
Dunkelgrün und das ewige Vogelzwitschern und Windrauschen war nicht
mehr auszustehen. Es war ein Einerlei, nicht zu sagen. Und ich sann,
ich träumte anderem nach. Da -- eines Tages -- ich weidete unsere
Herde auf der Hochöde, wie wir ein hochgelegenes Brachfeld, auf dem
schon die Eriken und Wachholder wuchsen, nannten -- entdeckte ich
-- den Himmel, den wunderbaren, ewig mannigfaltigen Wolkenhimmel.
Ich war nun plötzlich entzückt über die Formen und wunderbaren
Gestaltungen in allen Lichtarten. Ich wunderte mich nur, daß mir der
Wolkenhimmel nicht schon längst aufgefallen war. So stand ich nun
da und sah empor zu der neuen Welt, zu den Ebenen und Bergen und
Schluchten, zu den ungeheuerlichen Tieren, die bewegungslos dastanden
und dennoch dahinkrochen und sich reckten und dehnten und Arme und
Beine ausstreckten, die sich wieder in Wedel und Rümpfe und Flügel
verwandelten. Und ich glotzte die Luftschlösser an, die sich vor mir
aufbauten, und kaute dabei an meinem Grashalm.
Von nun an war auf der Heide meine Freude, und gerne weidete ich die
Herde, weidete ich dabei doch auch die lockigen Lämmer des Himmels.
In demselben Jahre war ein heißer Sommer, da ging's am Himmel wohl
auch oft ein wenig einförmig zu, aber des Morgens und des Abends gab's
doch immer was zu sehen. Ich war eine Zeit lang wie vernarrt in das
Firmament. Mein Vater wunderte sich, daß ich oft gar der erste aus
dem Bette war, daß ich die Morgensuppe stehen ließ und die Rinder mit
einer fast ängstlichen Behendigkeit auf die Hochöde jagte. Er wußte
nicht, warum. Ich aber setzte mich in der Hochöde auf einen Stein, über
welchen das Moos ein zartes, gelblich-grünes Sammetpelzchen gelegt
hatte, und während die Kühe und die Kälber emsig im Heidekraut grasten
und dabei mit ihren Schellen lustig glöckelten, biß ich allfort an
einem dünnen Federgrashalm und blickte hin gegen Sonnenaufgang. Da war
zuerst über dem fernen Gebirgszug des Wechsels eine dunkle mattrote
Bank; sie dehnte sich weit, weit hin und verlor sich, man wußte nicht
wo. Mit einemmale zogen sich goldige Fäden durch, und die ganze
Wolkenbank wurde lieblich durchbrochen von Licht und sah nun aus wie
ein ungeheurer rotglühender Eisenklumpen.
Da waren alle meine Kühe plötzlich rot, und das Heidekraut war rot,
das sie grasten, und die Steine waren rot, und die Stämme am Waldrande
waren rot, und meine Leinwandhose war rot. Jetzt flammte am Rande
der Wechselalpe plötzlich ein kleines Feuer, wie es Hirtenjungen
gern anzünden, wenn sie sich Erdäpfel braten wollen. Aber das Feuer
dehnte sich aus nach rechts und links und ging in die Höhe; das
war ja ein Brand, zuletzt brannten dort alle Alpenhütten? Aber in
einer wunderbaren Regelmäßigkeit hob sich der Brand empor, und eine
großmächtige Glutscheibe tauchte auf -- die Sonne. Da hatten meine Kühe
und die Steine und ich auf einmal lange Schatten hin über die Heide.
Mein Schatten war so lang, daß, wenn er vom Boden aufgestanden wäre,
er mit seinen Fingern in den weißgelblichen Wolkenballen des Himmels
hätte Wolle zupfen können. Die Nebelbank über dem Gebirgszuge wurde
schmächtiger, es ging ihr ans Herz, noch streckte sie einen glühenden
Speer aus, der ging mitten durch die Sonne, aber er schmolz, und die
Sonne wurde kleiner und funkelnder, und bald war die Wolkenbank, waren
die roten Fäden am Gesichtskreise verschwunden.
Hie und da in der weiten Himmelsrunde hing es wohl noch wie weiße
Wolle, und dort und dort schwamm ein Federchen hin, aber bald gingen
auch die Federchen verloren, und die Wolle wurde unmerklich langsam
auseinandergezupft in leichten Locken und dünnen Fädchen, und auf
einmal war gar nichts mehr da als der tiefblaue Himmel und der
blitzende Sonnenstern.
Es lag fast wie Dunkelheit über den Waldbergen, so unsäglich klar und
leer war der Himmel, es war, als ob die Sonne zu klein werden wollte
für die unendliche Weite.
Gegen die Mittagszeit ging die Bläue etwas in das Graulichte über,
da sah es noch sonniger aus, und es war sehr heiß. Meine Herde hatte
schon kühles, schattiges Dickicht aufgesucht, um sich die stechenden
Fliegen abzuhalten; ich saß noch auf dem Stein und sah den Himmel an
und dachte, wie schön das sein müßte, wenn die Himmelsrunde ein Spiegel
wäre, und wenn das Bild der ganzen Erde drin läge mit aller großen
Herrlichkeit; vielleicht hätte ich dann von meiner Hochöde aus fremde
Länder und große Städte sehen können.
Nach der zwölften Stunde, die ich an dem Schatten einer
aufrechtstehenden Stange bestimmte, erhob sich gewöhnlich ein Lüftchen,
das ein paar Stunden fächelte und leise in den Bäumen säuselte. Das
war zum Einschlummern süß zu hören. Mir fiel gar der Grashalm aus dem
Munde. Die Ameisen konnten innerhalb meines Höschens emporkrabbeln, wie
sie wollten, ich gewahrte sie nicht. Ja, ich gewahrte es nicht einmal
und wußte nicht, wie es kam, aber plötzlich waren auf allen Seiten
des Gesichtskreises, sowohl über den schwarzbläulichen Waldbergen
der Mittagsseite, als über der Wechselalpe und über den Matten der
Mitternachtshöhen, hinter welchen die kahle, wettergraue Rax aufragte,
und über der fernen Felsenkette der Abendseite -- schneeweiße Wolken.
Sie waren in halbrunden Haufen, sie waren wie dicht aufqualmender
Rauch, der plötzlich versteinert wird zu weißem Marmor.
Die Ränder waren so scharf, wie mit einer feinen Scheere von Papier
geschnitten. Ganz unbeweglich schienen die Wolken, und doch änderten
sie sich in jedem Augenblick und bauten sich auf, eine über die
andere, und schoben sich von unten nach, dichter und dichter, grauer
und grauer, oder es war jählings ein Riß, eine Lücke hinaus in die
unendliche Bläue.
Und hoch oben über meinem Scheitel standen auch Wolkenschichten, grau,
stellenweise ganz dunkel, aber mit lichten, federartigen Rändern.
Da blickte man hin und sah das Verwandeln nicht und sah die
Verwandlung. Wie war das wunderbar! Ist es möglich, daß das jeden Tag
geschieht, und die Menschen achten es nicht, bemerken es nicht einmal
und wundern sich mehr über ein artiges Taschenspielchen als über den
allherrlichen Wolkenhimmel?
Die Schichten über der fernen Felsenkette waren niedlicher und
gegliederter als die näheren Ballen; sie waren zum Teile bläulich wie
der Himmel und wären von diesem oft kaum zu unterscheiden gewesen, wenn
die Ränder nicht milchweiß geglänzt hätten.
Ich that die Füße auseinander, bückte mich und guckte zwischen den
Beinen hindurch auf die fernen Wolkenschichten hin, um durch diese
ungewohnte Lage des Blickes ein möglichst abenteuerliches Bild zu
schauen. Da sah ich unerhörte Bergriesen mit den schwindelndsten Kuppen
und schauerlichsten Abgründen, und da ragten die Felshörner, und da
glänzten die Gletscher in unermeßlichen Höhen. Wenn dann vor diesen
Gebilden ein dunkles Wölkchen dahinschwamm, so hielt ich das für einen
riesigen Steinadler oder gar für den Vogel Greif. Das war mein Tirol,
von dem ich schon gehört hatte, und ich guckte so lange zwischen den
Beinen darauf hin, bis ich schwindlig wurde und in das Gras purzelte.
Fürchterliche Riesen mit goldigem Mantelsaum, mit verknorrten Gliedern
und gewaltigen Köpfen standen am Himmel und schwangen ihre Arme und
streckten ihre Finger nach der Sonne aus. Die Sonne hatte sich lange
sehr geschickt zwischen diesen Ungeheuern durchgewunden, aber endlich
ging sie doch ins Netz. Da lag dann ein dunkler Flecken über dem
Waldlande oder über den kleinen reifenden Feldern im Thale, und es
lagen mehrere Flecken und zogen sich langsam hin auf ebenen Flächen und
krochen wachsend empor an Hängen und verschwanden endlich wieder.
Je mehr die Sonne niedersank, desto schwächer wurde ihr Strahl; der
Himmel graute, aber die dichten Wolken schwanden, gingen in Federn und
Fransen aus, und gegen Abend weideten am Firmamente, wo früher die
Ungeheuer gestanden, milde, weiße Lämmchen.
Nur die Bilder über der fernen Felsenkette blieben am längsten. Aber
auch dort waren großartige Veränderungen; das gewaltige Hochgebirge war
zu einer leuchtenden Stadt mit goldigen Türmen und Kuppeln und Zinnen
geworden. Das war mein Zion, ich blickte wieder zwischen den Beinen
darauf hin.
Aber wie wenn das ganze Reich von Butter gewesen wäre, so zerging es
nun, als die Sonne nahe kam, und es dehnte sich eine weite Ebene aus
über der Felsenkette, eine rötlich-graue, unabsehbare Ebene mit Licht-
und Schattenfäden und darüber hin der Himmel. Das war mir das Meer, und
ich guckte wieder durch mein dreieckiges Fernrohr.
Die Sonne durchbrach die Ebene und tauchte als große rote Scheibe
hinter den scharfen Kanten der Felsen hinab. Da lagen rote Linien und
glühende Nadeln darüber hin, die noch lange leuchteten und erst zur
späten Stunde erloschen, als über unserem Gehöfte schon die Stille
der Nacht lag und am Himmel die Sterne sichtbar wurden oder das milde
Mondlicht liebliche Schleier wob.
So waren die Tage des Juli und August. Die Kornfelder im Thale nahten
langsam der Reife, sie wurden gar sorgfältig bewacht, sie machten für
den Winter die einzige Hoffnung aus. Die Früchte an den Berghängen aber
waren im Verdorren, denn es rieselte wochenlang kein Regen. Da blickten
auch andere Leute zuweilen aufwärts zu den Wolken oder hin gegen die
Rax, die aber stets klar war und an der nie die Nebelflocke klebte;
eine Nebelflocke an der Rax war das einzige sichere Anzeichen eines
nahen Regens.
Ich saß täglich auf meiner Hochöde und sah den Himmel an. Ich wußte
nicht, warum, ich dachte mir es auch kaum, was ich sah, ich fühlte es
nur.
Einmal gegen die Abendstunde hin saß über der Felsenkette ein
ungeheures Eichhörnchen. Es setzte seine Vorderfüßchen gerade auf,
es hatte ein deutliches Schnäuzchen und spitzte die Ohren, und der
buschige, sanft wollige Schweif ging weithin gegen die Neubergeralpen.
Es war ein launiges Wolkengebilde, gar ein Äuglein hatte das Tier, ein
blaues Äuglein, durch welches der klare Himmel guckte; aber auf einmal
wurde es licht und funkelnd in diesem Auge, und es warf einen mächtigen
Strahl über den ganzen Himmel. Es hatte sich hinter der Wolke ja die
Sonne verborgen gehalten. Endlich erlosch das Auge wieder, ich wußte
nicht, hatte ein Wölklein das Lid zugedrückt oder war die Lichtscheibe
zu sehr gesunken; aber ich wartete, bis die Sonne unterhalb am
Halse herauskommen würde, und ich freute mich schon auf das goldige
Halsgehänge, das mein Eichhörnchen bekommen sollte. Aber siehe, während
ich so wartete und mich freute, war das Tier zu einer formlosen Masse
geworden, nur der buschige, sanft wollige Schweif ging noch weit hin in
das Österreicherland.
Einmal war der Himmel mit einer leichten, gleichmäßigen Nebelschichte
umzogen, auf welcher tiefer liegende Wolken verschiedene Figuren
bildeten. So kroch eine Kreuzspinne dahin und der Sonne zu. Die
Kreuzspinne war riesig groß, und meine Phantasie sah acht oder zehn
Füße. Sie kam der ohnehin matt scheinenden Sonne immer näher, und sie
fraß sie auf, so daß ein tiefer Schatten lag über dem Waldlande. Als
ich wieder hinaufsah, war das Gebilde verschwommen, und eine plumpe
Wolkenmasse verhüllte die Sonne.
Wieder zu anderen Tagen war es aber wirklich lebendig am Himmel. Von
der Felsenkette über unsere Waldberge und gegen Morgen und Mittag hin
zog ein endloses Heer von Wolken. Stellenweise wanderten sie einzeln,
stellenweise wieder in großen Gruppen und Massen, licht und dunkelgrau
und »wollig« und »lämmelig«, und sie duckten sich untereinander, und
sie ritten übereinander, und es war eine wüste Flucht. In den Wäldern
rauschte unwirtlich der Wind.
Das war eine wahre Völkerwanderung am Himmel tagelang. Ich fragte die
Wolken, woher sie kamen, wohin sie zogen; sie hatten nur Schatten für
mich und keine Antwort.
Nach den Tagen des Windes blieb der Himmel eine zeitlang gleichmäßig
trüb, und es strich eine kühle, oft fast frostige Luft. Die Leute
meinten, nun werde der ersehnte Regen kommen. Aber das Wolkengewölbe
wurde lichter und durchsichtiger, und endlich sah man durch dasselbe
wieder den weißen Punkt der Sonne schimmern.
Ich vergaß wohl die welkenden, verdorrenden Pflanzen der Erde, die
bereits fahl oder rot gebrannt waren, ich vergaß auch die Waldvöglein,
die nicht mehr singen wollten, weil sie schier vertrocknete Kehlen
haben mochten, ich freute mich, daß sich der Himmel wieder erheiterte.
Die Wölklein waren nun so zart und leicht und milchweiß, und leichte
Fäden zogen hin, als ob in den weiten Lüften eine unsichtbare
Spinnerin wäre, oder ein Webstuhl stünde in der hohen Himmelsrunde.
Und aus all den wunderbaren Geweben fügten sich Nester mit Eiern und
schneeweißen Tauben; dann machten diese Tierchen hohe Krägen und
schnäbelten miteinander, und da dachte ich mir: zuweilen trifft es doch
zu, daß der Himmel ein Spiegel ist für die Erde. Ich hatte zu derselben
Zeit mehrmals von einem Müllerstöchterlein geträumt, das Maria hieß und
ein schneeweißes Hemdchen trug.
Die Himmelsgebilde waren an diesen Tagen gar zu lieblich, und dazu
hauchte eine labende Kühle von der fernen Felsenkette her. Die Leute
aber waren mißmutig, man hörte kein Singen und Jauchzen, das sonst den
Wald so lebendig macht. Es war eine eigenartige Trägheit im Walde.
Endlich, eines Morgens -- es war ein tiefblauer Himmel -- klebte an der
halben Höhe der Rax ein Nebelchen. Die Leute jubelten; ich betrachtete
gedankenlos die Flocke an der Felswand, die fast den ganzen Vormittag
in derselben Stellung blieb. Es zog ein beinahe frostiger Alpenhauch,
zur Mittagsstunde aber wurde es empfindlich schwül.
Am Gesichtskreise stiegen wieder die vielgestaltigen Wolkenhaufen auf.
Die Sonne verzog sich für kurze Zeit; an der Mitternachtsseite gingen
mattgraue Streifen nieder, und man hörte mehrmals ein dumpfes Donnern.
Das Gewitter verging, ohne daß auf unsere Gegend ein Regentröpfchen
fiel. Das Wölkchen an der Rax war längst verschwunden. Über der
Felsenkette baute sich sandgraues Gewölke, und eine gleichmäßige
Schichte zog sich über den ganzen Himmel.
Das Waldland lag im Schatten, kein Vöglein war zu hören, nur vernahm
man zuweilen den Pfiff eines Geiers. Ich wäre noch gern auf der Hochöde
geblieben und hätte die so ruhsamen Dinge betrachtet, aber meine Herde
graste thalab und gegen unser Haus, ehe es noch Abend wurde.
Als ich zum Hause kam, stand die Mutter am Gartenrain und betete aus
einem Buche halblaut das Evangelium des heiligen Johannes und machte
mit dem hölzernen Kruzifix unseres Hausaltares Kreuze nach allen
Himmelsrichtungen hin.
Es war noch die Sonne nicht untergegangen, aber es war schon ganz
dunkel. Das Bächlein unten in der Schlucht war so klein, daß es nur
sickerte, und doch war ein seltsames Brausen wie von einem mächtigen
Wasserfalle. Der Hof lag wie träumend da, die Tannen daneben regten
sich nicht. Ein großer, glitzernder Habicht schwamm von der Hochöde
hernieder und über den Hof hin. Im Gewölke hallte ein leises, fast
röchelndes Donnern, das sich mit Mühe weiter zu drängen schien und
plötzlich erstickte.
An der Mitternachtsseite des Hauses wurden die Fensterbalken
geschlossen; einzelne Schwalben flatterten verwirrt unter dem Dache
umher. Der Brunnen vor dem Hause spritzte zuweilen unregelmäßig über
den Trog hinaus, und doch merkte man kein Lüftchen. Mein Vater ging vor
der Hausthüre auf und ab und hielt die Hände über den Rücken.
Plötzlich begann es in den Tannen zu rauschen, und mehrere bereits
vergilbte Ahornblätter hüpften vom Walde heran. Regentropfen schlugen
nieder und spritzten von der Erde wieder auf. Jetzt war es wie ein
schwaches Aufleuchten durch die Abenddämmerung, dann tanzten wieder
lose Blätter über den Anger. In den Wolken rauschte es wie das Rollen
wuchtiger Sandballen.
Nun brach es los. Die Bäume wurden lebendig, und es krachten die
Strünke. Vom Dache der Scheune rissen sich ganze Fetzen los und tanzten
in den Lüften.
In demselben Augenblicke sauste das erste Schloßenkorn nieder; hoch
sprang es wieder auf und kollerte hüpfend über den Boden hin. Das
Schloßenkorn war so groß wie ein Hühnerei.
Die Leute sahen es, und mit einem leisen: »Jesus Maria!« eilten sie
ins Haus. Ich blieb so lange im Freien, bis mir ein Eisklumpen auf die
Zehen fiel, daß ich vor Schmerz fast zusammensank; dann huschte ich
unter das Dach.
Nun war eine halbe Stunde lang nichts als ein fürchterliches Geknatter.
Die Leute beteten den Wettersegen, aber man verstand kein einziges Wort.
Zuletzt klirrten gar die Fenster der Morgenseite, auf den Dächern
knatterte es gräulich, und zackige Schloßen kollerten in die Stube, und
der Wind wogte herein und blies die geweihte Wetterkerze aus und fachte
das Herdfeuer an zu einem wilden Sprühen, und wir glaubten schon,
es käme uns das Feuer zum Rauchfang hinaus. Erst als ein gewaltiger
Donnerschlag krachte und ein zweiter, legte sich das Mark und Bein
durchdringende Getöse, und es zog nur noch ein eiskalter Luftzug durch
die Fenster, und es rieselte der Regen. Endlich legte sich auch dieser.
Es war Nacht geworden; draußen lag eine Winterlandschaft.
Wir nahmen kein Nachtmahl, wir gingen nicht zur Ruhe. Ich legte
Strohschuhe an und ging mit meinem Vater hinaus auf das hohe knisternde
Eis. Wortlos schritten wir um das Gehöfte. An den Gebäuden lagen Haufen
von Schloßen und Dachsplittern, unter den Tannen waren hohe Schichten
von Reisig, und die schönen Stämme hatten nur kahles oder zerzaustes
Geäste. Auf dem Kornfeld und auf dem Kohlgarten lag die gleichmäßige
Eisschicht; kein einzig Hälmlein, kein einzig Häuptchen ragte hervor.
Mein Vater stand still, hielt die Hände über das Gesicht, und seine
Atemstöße zitterten.
Von der Mittagsseite war noch das ferne Murren des Gewitters zu hören.
Über dem Wechsel ging zwischen zerrissenen Wolken der Mond auf, und
aus dem dunklen Grunde der Wälder erhoben sich weiße Nebelgebilde. Am
Himmel standen zarte Flocken mit silberigen Rändern.
[Illustration]
[Illustration]
Von meiner Mutter.
In der Stadt Graz war der lustige Karneval. An den Abenden ein tolles
Gedränge auf den Gassen, ein fast betäubendes Rasseln der Wagen, ein
Johlen und Schreien, ein Flimmern und Leuchten aus den Gewölben und
Auslagen und von den hundert Laternen und zahllosen Transparenten
der Fenster. Gold und Silber, Seide und Damast funkelten aus den
Glaskästen. Gesichtsmasken in allen Farben und Formen grinsten daneben.
Ha, das Leben ist ja gar so toll. Ich eilte durch das Gedränge. Die Uhr
am Schloßberge that sechs Schläge, so hell -- sie überklangen alles
Geräusch, sie widerhallten von den hohen, lichtdurchbrochenen Mauern
der Häuser. Eine ernste Mahnerin ist der Ruf der Uhr; möge der Mensch
auch kindisch spielen mit Flitter und Tändelei, sie rechnet ihm die
Stunde vor und schenkt ihm nicht eine Minute.
Ich ging nach Hause in meine stille Stube und begab mich bald zur Ruhe.
Des andern Morgens lag das Winterglühen der Sonne auf den schneeigen
Dächern, ich schrieb eben das Märchen auf von dem verlornen Kinde --
als es an meiner Thür klopfte. Ein Mann trat herein und brachte mir
folgendes Telegramm:
»Lieber Sohn, gestern Abends um sechs Uhr ist unsere liebe Mutter
verschieden. Komme zu uns, wir erwarten Dich in größter Trübsal. Dein
Vater.«
-- Gestern Abends, als ich durch das Weltleben schritt, war es
geschehen in der armen Hütte. Und zur sechsten Stunde.
Am andern Tag in der Morgenfrühe war ich im Pfarrdorfe. Allein trat
ich den Weg an, über schneefunkelnde Höhen und durch lange Wälder,
weit hinein in das einsame Gebirgsthal. Unzähligemale war ich den Weg
gewandelt, immer hatte ich mich ergötzt an dem Glitzern des Schnees,
an den funkelnden Eiszapfen, an den Schneemänteln der Baumäste, oder
wenn es Sommerszeit war, an dem Grünen und Blühen und Duften, an dem
Vogelsang, an den Tropfen des Lichtes, die niedersickerten zwischen den
Ästen, an der Ruhe und tiefen Einsamkeit. Wie oft war ich hier mit der
Mutter gegangen, als sie, noch gesund und blühend gewesen, und später,
als sie durch Krankheit schon zum Krüppel gemacht, an meinem Arm
einherwankte. -- Und ich dachte auf diesem Waldweg an den Lebenslauf
meiner Eltern.
Er war junger Mann im Waldhofe gewesen.
Die Leute heißen ihn den Lenz, nicht weil er so jung und blühend und
heiter war wie der Lenz, sondern weil er Lorenz hieß.
Sein Vater war, bei einem Raufhandel schwer verletzt, nur kurze Zeit
krank gewesen und eines frühen Todes gestorben.