Darob wurde der Junge ausgelacht, und unser Stallknecht sagte: die

Sachen wären ja nicht zuwider, aber anders gemischt müßten sie sein:

zum Sterz die Weinbeerln, zum Wein der Zucker und zu den Knödeln

das Kraut. Hernach sagte der Kaunigl -- so nannte sich der Bursche

mit seinem Kinderstimmlein -- er habe auch schon Schwabenkäfer in

Buttertunke gegessen, die seien sehr gut! worauf ihm mein Vater den Rat

gab, er solle stille sein.

Nach dem Essen, als kaum das letzte Kreuz gemacht war, zog der Kaunigl

ein Büschel Spielkarten aus der Hosentasche, mischte es kundiger

Hand, warf für drei Personen ein Spiel aus und blickte fast erstaunt

umher, ob denn keiner mitthun wolle? Ich lugte hin nach den leicht

geschweiften Karten mit dem geeichelten Rücken und den bunten Figuren,

die der Kaunigl so glatt abzulegen und so schön pfauenradförmig in

der Hand zu halten wußte. Ich wollte schon anbeißen, da fuhr der

Vater drein: »Weg mit den Karten! Morgen ist der Armenseelentag

(Allerseelen)! Denkt's aufs Beten!«

Am nächsten Tage, während der Vater in der Kirche war, saßen wir, der

Kaunigl und ich, in der Flachskammer und spielten Karten. Ich mußte

erst die Blätter kennen lernen, aber merkwürdigerweise wurde ich mit

den zweiunddreißig Kartenfiguren viel leichter vertraut, als ein Jahr

vorher mit den vierundzwanzig Buchstaben. Leider kam die Mutter um

einen Rocken für ihr Spinnrad, sie verdarb alles. »Aber Buben!« sagte

sie, »derbarmen euch die armen Seelen nicht, daß ihr so was treibt am

heutigen Tag?!« Wir verzogen uns. Aber der Hasenschartige hatte mir's

schon angethan. Er wußte und konnte allzuviele merkwürdige Sachen, die

noch dazu verboten waren!

An einem der nächsten Tage hockten wir im Heustadl auf einem

Futterhaufen und spielten wieder Karten. Ich hatte solche Fortschritte

gemacht, daß mir nicht bloß die Figuren, sondern auch schon sehr viele

Spiele bekannt waren. So thaten wir »zwicken«, »brandeln«, »mauscheln«,

»bettlerstrafen«, »königrufen«, »grün' Buben suchen«, »pechmandeln«,

»mariaschen« und anderes. Weil kein Tisch war, so legten wir die Karten

aufs Knie, zwickten sie zwischen die Beine, und der Kaunigl steckte

seine Trümpfe sogar einmal in die Hasenscharte. Keuchte gählings das

alte Everl die Leiter herauf. Wir verhielten uns im dunklen Raum

mäuschenstill, aber sie hatte uns doch bemerkt. »Buben!« rief sie, »was

thut's denn, Buben?«

»Beten,« gab der Kaunigl zur Antwort.

»Ja, beten! Mit des Teufels Gebetbuch, gelt?« rief das Weiblein.

»Wißt's es nit, daß der Vater das Kartenspielen nit leiden mag? Wird

euch schön sauber der Schwarze bei den Füßen packen und in die Höll

hinabschleifen.« Somit war's mit dem Spiel wieder aus. In die Höll

hinabschleifen, das wär so etwas!

Am nächsten Sonntage machte der Kaunigl den Vorschlag, daß ich mit

ihm in den Schachen (Wäldchen) hinausginge, damit wir bei unserer

Unterhaltung endlich einmal Ruh hätten. Aber es regnete, und es

schneite, und es ging ein kalter Wind, also daß ich der Einladung

nicht nachkam. Ob ich aus Papier wäre? piepste hierauf der Kaunigl,

daß ich fürchten müsse, vom bissel Regen aufgeweicht zu werden und

auseinanderzufallen! Im Wassergraben habe er seiner Tage am besten

geschlafen, und so wie er schwarze Erde mit Brennesseln esse, wenn er

sonst nichts habe, so wolle er sich in Ermanglung eines Bettzeuges

nackend in Schnee einwickeln, und ich solle lieber in der Mutter ihren

Kittel hineinschliefen. -- Aber schon an demselben Nachmittage kam

der Kaunigl mit etwas anderem, was ich in der Lage war anzunehmen.

Die Stube war besetzt vom Vater, der an der Wanduhr etwas zu basteln

hatte, und von den Knechten, die ihre Schuhe nagelten. In den übrigen

Winkeln des Hauses war es auch nicht sicher, also in den Ofen hinein!

In demselben war ein Holzstößlein geschichtet, wir krochen hinter das

Stößlein. Nachdem der Kaunigl den Deckel des Ofenloches zugezogen

hatte, zündete er die mitgebrachte Kerze an, that die Karten hervor,

und wir huben an. Gemütlicheres giebt's gar nicht auf der Welt, als

in einem großen Kachelofen bei Kerzenbeleuchtung »brandeln« oder

»zwicken« oder »mariaschen«. Die rötlich gebrannte Mauer, die schwarzen

Kachelhöhlen um und über uns bargen und hüteten, und nun waren wir

doch einmal sicher und konnten »fabeln« oder »mauscheln« oder was wir

wollten, bis in die späte Nacht hinein. Durch die Kacheln von der Stube

her hörten wir ein Surren; sie thaten Rosenkranz beten, der Kaunigl

warf die Blätter auf ein »Brandeln«. Wir spielten um Geld. Gewann er,

so blieb ich schuldig, gewann ich, so blieb er schuldig. Es soll keine

größere Ehrlosigkeit geben, als Spielschulden nicht zahlen. Lieber

Leser, so einer bin ich! -- Just hatte ich wieder ein schönes Blatt in

der Hand: zwei Könige und drei Säue und den Schellschneider, der Trumpf

war -- da klirrte plötzlich der blecherne Ofenthürdeckel. Das Licht

war sofort ausgeblasen, und wir verhielten uns still wie zwei tote

Maulwürfe. Jetzt geschah etwas Unvorhergesehenes, etwas Schreckliches.

Vor dem Ofenloche stand das gedörrte Everl und fuhr mit einer Spanlunte

herein in den Holzstoß, der zwischen uns und dem Ausgange war. Die

Flammen leckten an den Scheitern hinauf. Ich zwischen durch und mit

einem kreischenden Schrei hinaus, daß das alte Everl vor Schreck in den

Herdwinkel fiel. Dem Kaunigl ging's nicht so gut, dem spießten sich die

langen Beine, er konnte zwischen Wand und Scheiterstoß nicht sofort

heraus, der Rauch verschlug den Atem, und schon hörte man nichts mehr

von ihm.

»Der Kaunigl ist drinnen!« schrie ich wie verzweifelt, da wurde mit dem

Sterkrampen der brennende Holzstoß, Scheit um Scheit, herausgerissen

auf den Herd, und schließlich wurde mit demselben Krampen ein Häuflein

Mensch herausgezogen, das ganz zusammengekauert war wie eine versengte

Raupe und dessen Kleider bereits an mehreren Stellen rauchten.

Zwei Schöpfpfannen Wasser goß ihm das Everl ins Gesicht, da wurde der

Kaunigl wieder lebendig.

Als jetzt auch einige Spielkarten zum Vorschein kamen, so kannte sich

das Everl gleich aus. »Was hab ich denn gesagt, Buben!« so redete sie,

»hab ich nicht gesagt, ihr kommt's mit dem verflixten Deuxelszeug in

die Höll? Im Fegfeuer seid's nu schon gewesen.«

Mein Vater wollte den Burschen davonjagen, that's aber nicht, weil der

Bursche nicht darauf gewartet hat. Wo der Kaunigl anders zugesprochen,

das weiß ich nicht; jedenfalls konnte er eine neue Erfahrung zum besten

geben: Er hatte nicht allein Schwabenkäfer in Buttertunke gegessen, in

Wassergräben geschlafen, sich nackend in Schnee gewickelt, er hatte

auch im Feuerofen Karten gespielt.

Mir war von diesem Tage an der alte große Ofen auf lange nicht geheuer;

mit seinen grünen Augen schaute er mich so drohend an: Bübel, wirst

noch einmal Karten spielen, während die anderen beten?!

Erst als ich wieder brav geworden war, ganz ordentlich und fleißig,

blickte mich der Ofen neuerdings freundlich an, und es war wieder so

heimlich bei ihm wie früher. Später sind seine guten Augen erblindet,

dann ist er in sich zusammengesunken wie ein Urgroßmütterlein, und

heute geht's ihm, wie es bald uns allen ergehen wird -- nichts mehr

übrig als ein Häufchen Lehm.

[Illustration]

[Illustration]

Als ich um Hasenöl geschickt wurde.

Im Jahre so und so viel hatten wir zu Pfingsten noch einen Kübel

Schweinsfett vorrätig. Der Vater hatte ihn nicht verkauft, weil er

meinte, die Mutter würde ihn zu Hause aufbrauchen, und die Mutter

hatte ihn nicht aufgebraucht, weil sie glaubte, der Vater würde ihn

ja verkaufen wollen. Und während dieses wirtschaftlichen Zwiespaltes

war das Fett ranzig geworden. Jetzt hätte es die Mutter gerne

verkocht, allein so oft ein Sterz mit diesem Fette auf den Tisch kam,

schnupperten die Knechte mit der Nase und sagten: Schusterschmer äßen

sie nicht! Es war aber kein Schusterschmer, es war heilig ein echtes

reines Schweinsfett, und das wußten sie auch, und deshalb war es

höllisch bösartig, daß sie solche Reden führten. Die Mutter war sonst

ein sehr frohes und glückliches Weib, wenn aber ein Dienstbote über

die Kost klagte, da wurde sie ganz verzagt und lud die anspruchsvollen

Knechte wohl auch ein, sich nur selber einmal zum Herde zu stellen und

mit den vorhandenen Mitteln eine Prälatenmahlzeit zu kochen. Unter

Prälatenmahlzeit verstanden wir nämlich nichts Schlechtes.

Nun hatten wir zu dieser Zeit eine alte Einlegerin im Hause, die für

alles einen guten Rat wußte. Sie war zwar auf beiden Augen blind, sah

aber doch gleich, was da zu machen war.

»Ein schlechtes Schweinschmalz hast, Bäuerin!« rief sie kecklich aus,

»ranziges Schmalz kaufen sie nur noch in der Apotheken, sonst nirgends

nit und gewiß auch noch!«

Ja, die Apotheken, das ist wahr. Die hat im vorigen Jahre auch

Gamswurzeln genommen und Arnikablumen und gedörrte Hetschepetsch, die

nimmt alles, was schmeckt (riecht), die nimmt auch das Schweinschmalz.

Und ich, der zwölfjährige Hausbub, bin hervorgesucht worden, um am

Pfingstmontag zeitlich in der Früh das Kübelchen beim Henkel an den

Stock zu hängen und so über der Achsel hinabzutragen nach Kindberg in

die Apotheke. Und bei dieser Gelegenheit sollte ich auch etwas anderes

besorgen.

Da hatten wir zur selbigen Zeit einen alten Weber in der Einwohne,

der nahm, wenn keine Arbeit war, oft den Kopf in beide Hände, brummte

schier unheimlich vor sich hin und sagte dann zu dem, der just da war:

»Mensch, ich werde ganz blöd. Just, als hätte ich ein Hummelnest im

Kopf, so thut's brummen, weiß der Ganggerl, was das ist. Immer einmal

ganz dumm komm ich mir vor, das ist mir jetzt schon zu dumm!«

Und antwortete ihm nun auf einmal die alte Einlegerin: »Wenn Du dumm

bist, Hartl, so mußt Du Dir mit Hasenöl die Schläfe einschmieren.«

»Alte Dudl, wo soll denn ich ein Hasenöl hernehmen?« begehrte der Weber

auf.

»In der Apotheken kriegt man's,« lautete ihr Bescheid, und so sollte

ich nun für den Weber Hartl um zwei Groschen Hasenöl einkaufen in der

Apotheke zu Kindberg. Hasenöl? Geben denn diese Tiere auch Öl sowie der

Leinsamen und der Rüps? Natürlich wird's so sein, denn, wenn's kein

Hasenöl gäbe, so könnte man ja keins kaufen.

Als ich nach langem Marsche gegen Mittag mit meinem Küblein in die

lateinische Küche zu Kindberg kam, hieß es dort, Schweinsfett brauche

man jetzt nicht, und wäre es auch ganz frisch.

»Es ist aber nit frisch!« versicherte ich, »es schmeckt schon!«

Dann sollte ich nur in die Apotheke nach Bruck hinabgehen! meinte der

Herr lachend; ich aber dachte: Wenn Du mir kein Schweinsfett abkaufst,

so kaufe ich Dir kein Hasenöl ab -- und machte mich auf den Weg. --

Daß es aber so lange Straßen geben kann auf der Welt, wie dieser

Weg war bis Bruck! An beiden Seiten des Thales Berge und Gräben,

das Wasser einmal rechts und dann links und dann wieder rechts; ein

Dorf um das andere, dieses hatte einen Kirchturm, jenes keinen, in

manchem Wirtshause gab es Musik, in manchem helles Geschrei; mancher

Wanderer lallte taumelnd des Weges dahin, mancher ruhte friedsam im

Straßengraben -- und immer so fort. Allzumal muß auch erzählt werden,

daß die Sonne sehr heiß schien und mein Schweinsfett hinter dem Rücken

Fluchtversuche machte, wie später an den Spuren auf meinem Rock zu

bemerken war.

Bruck ist eine Stadt. Ich hatte noch nie eine Stadt gesehen. Ein

vielgereister Handwerksbursche hatte bei uns einmal erzählt, Wien,

Paris und Bruck wären die größten Städte der Welt, und in Bruck stünde

das achte Weltwunder: ein eiserner Brunnen.

Auf dem Wege zu solchen Merkwürdigkeiten wird man nicht müde. Die

Sonne ging schon hinter den Berg hinüber, als ich mit meinem Küblein

einzog in die große Stadt Bruck. Mein erstes war, dem eisernen Brunnen

nachzufragen, denn auf dieses Wunder war ich vor allem gespannt.

Welche Enttäuschung, als aus einem rostigen Gitterwerke ein Brunnen

herausrann, ganz wie jeder andere Brunnen auch -- von Wasser, und nicht

von Eisen!

Die Apotheke ließ sich auch nicht lange suchen, stand doch der heilige

Josef mit dem Knäblein an die Thür gemalt, und der steht, das wußte ich

schon, immer bei den Apotheken. Da drinnen war ein altes weißköpfiges

Männlein mit Brillen, die es dazu benützte, über- oder unterhalb

derselben recht schalkhaft auf mich herzublicken, als ich mein

Schweinsfett ausbot, das Pfund um sieben Groschen. Er fragte, ob Safran

in der Butten wäre! worauf ich eine Weile that, als besänne ich mich.

»Na na,« näselte das Herrlein, »wenn Du Deine Schmier nicht gern

giebst, so geh nur gleich wieder!« Da ließ ich sie ihm ab. Er wog das

Küblein mit einer unendlichen Gleichgiltigkeit, das gab gerade drei

Pfund, das Holz wie das Fett zahlte er pro Pfund zu fünf Groschen. Der

Kübel wurde in eine dunkle Nebenkammer getragen, leichten Herzens bin

ich von ihm geschieden. -- Und nun um zwei Groschen Hasenöl! -- Solle

in einer Viertelstunde wiederkommen.

Ich war hungrig und durstig geworden, ging hinaus und suchte ein

Wirtshaus. Es standen ihrer ein paar stattliche da herum, mit großen

Fensterscheiben, durch die schneeweiß gedeckte Tische zu sehen waren.

Ich traute ihnen nicht recht. Wenn andere +gute+ Wirtshäuser

suchen, so ist das ihre Sache, ich für meinen Teil suchte ein

schlechtes, war mir wohl bewußt, was draufgehen durfte. Glücklich fand

ich das gesuchte; die Stube war dunkel und voller Fliegen, die an den

braunen kleberigen Holztischen herumkrochen; das halbe Seidel Wein war

lau und kamig, aber naß, und das genügte mir. Die Semmel von vorgestern

war schon deshalb zweckmäßig, weil sie mehr ausgab als etwa eine von

heute. Diese Genüsse verschlangen zu meinem nicht geringen Schrecken

ein halbes Pfund Schweinsfett, und ich -- als der bloß nach Kindberg

geschickte -- durfte über das Kapital nicht verfügen!

In die Apotheke zurückgekehrt, gab es dort Leute. Ich hatte zu warten

und setzte mich hinterwärts auf eine Winkelbank, von der aus schön zu

sehen war, wie dieses ehrwürdige Geschäft, mit allerhand Mitteln die

Leute gesund zu machen, betrieben wurde. Da kam jemand und verlangte

Fuchsschmalz. Das alte Männlein langte einen schwefelgelben Tiegel vom

Gesimse, stach mit einem zierlichen Schaufelchen ein Batzlein heraus

auf ein Papier, legte es auf die kleine Wage: »So, Vetter, da sind

vier Quintel Fuchsschmalz, kosten zwei Groschen.« Hernach verlangte

eine Frau Pillen. Eine andere bekam ein winziges Fläschchen. Ein Knabe

begehrte Dachsfett als Mittel gegen den Kropf. Der Apotheker langte

emsig nach dem schwefelgelben Tiegel auf dem Gesimse und gab, ähnlich

wie früher, das Verlangte. Das fiel mir auf, er mußte sich vergriffen

haben, in diesem Tiegel war doch das Fuchsschmalz. Hierauf wurden

Pulver angefertigt und kleine Schächtelchen und Fläschchen allerlei.

Ein altes Weib kam hereingehumpelt, beklagte sich über die Gicht, und

ob sie nicht eine Gichtsalbe haben könne. »Gewiß, liebe Frau!« sagte

das Männlein, langte wieder nach dem schwefelgelben Tiegel und gab

die Gichtsalbe heraus. Jetzt hub dieser schwefelgelbe Tiegel auf dem

Gesimse an mir unheimlich zu werden. Weil die Zeit verging und ich

immer noch nicht bemerkt wurde, so trat ich endlich aus dem Winkel

hervor und bat um mein Hasenöl.

»Ei ja richtig, Kleiner. Du bist auch da. Du bekommst Hasenöl!« sprach

freundlich das Männlein, nahm den Schwefelgelben vom Gesimse und stach

mir gestocktes Hasenöl heraus.

Noch hatte ich das kostbare Mittel, welches in ein ganz kleines

Tiegelchen gethan war, kaum geborgen in meinem verläßlichsten Rocksack

und es redlich bezahlt, als wieder ein Frauchen zur Thür hereinkam und

fragte, ob frisches Schweinsfett zu haben wäre als Medizin?

»Vollkommen frisch!« rief der Apotheker, »heute erst bekommen!« und

stach aus dem schwefelgelben Tiegel Schweinsfett.

Hierauf bin ich fortgegangen und habe gleich bei mir selber die

Erfahrung gemacht, wie heilsam so ein bißchen Hasenöl ist gegen die

Dummheit. -- Fuchsschmalz, Dachsfett, Gichtpflaster, Hasenöl und

Schweinsfett, alles in _einem_ Tiegel! Jetzt erst ist mir klar

geworden, welch einen Schatz von köstlichen Arzneien ich in meinem

Kübel aus dem Gebirge herabgeschleppt hatte.

Als ich von der Bruckerstadt fortging, lagen die Schatten der Berge

schon weit in das Thal hinein. Meine Füße hatten sich in schwerem

Schuhwerk heiß gegangen, auch das Atemziehen machte sich wichtig, und

es war, als ob mir jemand ein hartes Brett fest an die Brust gebunden

hätte. Nach Alpel war es bloß noch acht Stunden. Weil es etwas langsam

voran ging, so holte mich ein Fuhrwerk ein. Zwei klobige Pferde zogen

einen großen Bauernwagen, auf dessen Vordersitz ein Bursche, etwa in

meinem Alter, kutschierte. Der Wagen selbst war fast leer. Er war mit

Lärchentaufeln (Faßdauben) nach Bruck zum Faßbinder gefahren, auf dem

Rückweg hatte er einen Sack Feldbohnen und einen Stock Salz aufgeladen;

daneben war noch reichlich Platz für einen einfältigen Buben, der am

Leiblein ein Paar müde Beine hatte, hingegen aber in der Tasche die

Salbe für Dummköpfe, die gescheit werden wollen. Ich war bereits so

gescheit, um den Burschen auf dem Wagen anzurufen, ob er mich aufsitzen

lassen wolle.

»Wohin willst denn?« fragte er fast vornehm von seiner Höhe herab.

»Heimzu.«

»So setz dich auf, ich fahr auch heimzu.«

Bald war der Bohnensack mein Kopfkissen und der Salzstock mein

Schlafkamerad, der Fuhrmann schnalzte mit der Peitsche, und es ging

knarrend voran. -- Viel weiß ich nicht von derselbigen Fahrt »heimzu«.

Einmal, als ganz zufällig die Augen aufgingen, sah ich kohlschwarze

Baumzacken in den nächtigen Himmel aufragen, welche ganz unheimlich

ächzten, knarrten und holperten. Und dann wieder nichts.

Als ich erwachte, na, da war etwas! Da lag ich auf dem Wagen unter

einem alten Holzschoppen, um mich war ein heller Tag und eine fremde

Welt. Eine schreckbar fremde Welt. Der rauschende Bach mit der Mühle

daneben, das gemauerte Haus mit einer breiten, braunangestrichenen

Thür, der Anger mit den Pferden und solcherlei war mir seltsam genug,

noch unheimlicher war etwas anderes. Dort hinter den Waldbergen

stand breit und hoch etwas Weißes, Leuchtendes auf, fast ähnlich den

mittägigen Sommerwolken, wie sie sich am Sehkreise emporbauen, wenn's

nachmittags Gewitter giebt. Aber das stand so starr und ruppig und

rissig da im Sonnenschein, und von unten hinauf sah es aus, als ob

blauende Wälder sich hinanzögen, von steilen grauen Streifen überall

unterbrochen. Und höher oben war alles wie purer Stein, der zerklüftet

und zersprungen ist. Und so war es voran oben, und so war es rechts

oben, und so war es links oben und überall die ungeheure Höhe, daß mir

schwindlig ward, als ich den Kopf soweit nach rückwärts bog um hinauf

zu schauen. Mein Lebtag hatte ich derlei nicht gesehen. Zum Glücke kam

nun mein junger Fuhrmann, der fragte mit lautem Lachen, ob ich gut

ausgeschlafen hätte. Vom Wagen gesprungen war ich schon, so rief ich

nun voll Entsetzen: »Mensch, wohin hast mich geführt?«

»Heimzu!« lachte er, »da bin ich daheim.«

»Wie heißt's denn da?«

»Da heißt's Tragöß,« sagte er.

»Und das da droben? Was ist denn das lauter?«

»Die Berge meinst?«

»Nit die Berge, was +hinter+ den Bergen so steht, das meine ich.«

»Jeßtl!« lachte der Bursche und klatschte mit beiden Händen auf seine

Knie, »das sind halt wieder Berge, da ist die Meßnerin, dort ist die

Pribitzen, und hier ist der Hochturm, und du sollst jetzt ins Haus

gehen Suppen essen.«

So habe ich an jenem Morgen das erstemal die hohen Felsenberge in der

Nähe gesehen und jene Gegend, aus der mir fünfundzwanzig Jahre später

der Geist zu meinem »Gottsucher« aufgestiegen ist. Auf dem Tisch der

Hausstube, in die der Junge mich geführt, stand schon die dampfende

Suppenschüssel mit weißem Brote. Ich wollte aber den Löffel nicht in

die Hand nehmen; ißt du, so gehörst du ihnen, mußt dableiben und weißt

gar nit, wer sie sind. Von der Küche kam ein älteres Weib herein, das

schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als es hörte, wie weit ich

verführt worden war, und daß ich anstatt nach Krieglach im Mürzthale,

nach Tragöß am Fuß des Hochschwabengebietes gekommen bin.

»Jetzt mußt erst recht essen, Bübel, daß Du nachher heimgehen magst.«

»Frau Mutter, wie weit hab ich denn heim?«

»Jetzt wart einmal,« antwortete sie und hub an, an ihren Fingern die

Ortschaften und die Stunden abzuzählen, »ihrer zwölf Stunden wirst

wohl brauchen bis ins Krieglach hinaus. Bist aber schon ein rechtes

Tschapperl! So fest schlafen! Mein Seppel hats freilich nit wissen

können, wo Du hinwillst und hat sich gedacht, 's wird eh recht sein ins

Tragöß herein. Aber das ist jetzt schon ein helles Kreuz. Mach Dir nur

nichts draus, mein Wagen hat Dich hergeführt, und Dein Schutzengel wird

Dich hinführen.«

Während sie mich so tröstete, war draußen in der Küche fortwährend ein

klägliches Wimmern, und nun kam der Seppel herein und berichtete, das

Mentschl hätte halt wieder gar so viel Zahnweh.

»Was aber das Zahnweh für ein Elend ist!« rief das Weib, »jetzt leidet

das Kind schon die ganze Nacht wie eine arme Seel im Fegfeuer. Alles

haben wir schon angewendet: heiße Tücher aufgelegt, kaltes Wasser

in den Mund gethan, mit Rosenbuschbalsam ausgewaschen, Kalmusgeist

hineingetropft, mit Salz eingerieben, einen Mariazeller Rosenkranz

umgehängt, zwei Zehen mit einem Seidenfaden zusammengebunden, die Füße

ins Ofenloch gesteckt und sonst allerhand Sympathiemittel angewendet.

Einen Kletzen hat's geholfen! Schreien thut das arme Wesen, als ob

man's wollt köpfen, und jetzt weiß ich nichts mehr. -- Katherl,

Katherl, Du gutes, armes Kindel Du! Wart einmal, jetzt will ich Dir

Hühnermist aufs Gnack legen, das zieht's aus, das hilft, Katherl, wirst

es schon sehen, das hilft!« Damit eilte sie wieder hinaus in die Küche.

Das ganze Hausgesinde war zusammengeeilt um die Leidende, die nun

neuerdings anhub herzbrecherisch zu schreien: »Mein Zahnt, mein Zahnt!

Ahndl, mein Zahnt thut mir so viel weh!«

»Laß nur Zeit«, tröstete die Angerufene, »das Mittel greift halt an,

jetzt wird's bald besser sein, schau, bist ja mein liebes Katherl, Du!«

Auch ich war in die Küche hinausgegangen. Auf dem Herde, mit den Füßen

im Ofenloch, kauerte ein Dirndel, das ein so rundes, liebes Gesichtlein

hatte, seine gefalteten Hände, wie um Hilfe flehend, an die rechte

geschwollene Wange preßte und mich schrecklich erbarmte. Jedes im Hause

hatte schließlich noch ein Mittel gewußt, keines und gar keines hatte

geholfen. Ein Mensch war zugegen, der behauptete, Dummheit wär's, die

Zähne nicht ordentlich zu pflegen, und deswegen alleweil das Zahnweh!

-- Gott, wenn's von der Dummheit kommt, da muß ja mein Hasenöl helfen!

-- Aus meinem tiefen Sacke zog ich das kostbare Tiegelchen hervor

und aus meinem gescheiten Kopf den guten Rat, mit diesem gestockten

Hasenöl die geschwollene Wange einzuschmieren. -- »Schaden wird's wohl

doch nit, wenn's ein Hasenöl von der Apotheken ist, kann's unmöglich

schaden!« sprach die Großmutter und fettete das Dirndel ein. -- Nicht

fünf Minuten, so rief die Kleine aus: »Ahndl, jetzt ist's gut!« und

flink sprang sie vom Herde herab.

Freilich ging nun meine Not an, denn alles Hasenöl wollten sie haben,

ich sollt nur sagen, was es kostet! Von ihren dringenden Bitten kamen

sie erst ab, als das geheilte Dirndel erklärte, der Zahn wäre so fest

gut geworden, daß er gar nimmer weh thun werde, also konnte ich mein

Öl wieder in den Sack stecken und sehen, wie man von Tragöß nach

Krieglach-Alpel kommt.

Unterwegs bedachte ich das Hasenöl. Wenn es beim dummen Weber-Hartl

auch so heftig wirkt wie bei dem Zahnweh-Dirndl, dann geht er mit den

drei Weisen aus dem Morgenlande als der vierte.

Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 2 Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß. · 第 4 / 8 段